Nur für den Augenblick

Vergangenheit, klopfst uns unverschämt auf die Schulter. Hauchst uns alte Geschichten ins Ohr, die wir doch vergessen wollten.

Zukunft, stehst unbeschrieben vor uns.
Stellst uns Fragen, deren Antwort wir noch nicht kennen.

Vergangenheit, klopfst uns unverschämt auf die Schulter. Zeichnest uns Bilder auf den Rücken, die wir doch verdrängen wollten.

Zukunft, stehst unbeschrieben vor uns.
Ebnest uns hunderte Wege, von denen wir noch nicht wissen, wohin sie führen.

Vergangenheit, klopfst uns unverschämt auf die Schulter. Pflanzst uns Gedanken in den Kopf, die wir doch loswerden wollten.

Zukunft, stehst unbeschrieben vor uns.
Schürst Hoffnungen in uns, deren Beständigkeit doch so zerbrechlich ist.

Und so irren wir zwischen dem Gestern und Morgen. Sagt, habt ihr auch schon mal den Gedanken gedacht: „Vielleicht, ja vielleicht, sind wir nur für diesen Augenblick gemacht.“


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Face to Face

Das Gesicht. Es ist die Landkarte eines Lebens, DEINES Lebens, mit all seinen feinen Linien, Fältchen und Verästelungen. Dein Gesicht – es ist wunderschön. Ich habe eine Frage an dich: Wann hast du es dir zuletzt angeschaut? Also ich meine so richtig … Wann warst du das letzte Mal Face to Face mit dir selbst? Vielleicht fragst du dich, warum du das tun solltest. Nun …
Jeder einzelne Zentimeter deines Gesichtes erzählt immerhin deine Geschichte!

Sieh hier! Die Grübchen an den Mundwinkeln und die Lachfalten um deine Augen, sie erzählen von all den heiteren Momenten. Weißt du noch, wie du vor Glück hättest Bäume ausreißen können? Und da! Erinnerst du dich an den Kummer und die vielen Veränderungen, die dafür gesorgt haben, dass sich deine Stirn in Falten legt?


Wie oft hast du schon gemerkt, wie nah Glück und Unglück, Freude und Schmerz, Licht und Dunkelheit beieinander liegen und wie oft das eine mit dem anderen konkurriert? Erinnerst du dich an die Geburt deiner Kinder? An den Verlust eines geliebten Menschen? An einzigartige Abenteuer und Erlebnisse, die dir jetzt noch dieses ganz besondere Leuchten in die Augen zaubern? An falsche oder mutige Entscheidungen, die du getroffen und an all die steinigen Wege, die du mit erstaunlicher Bravour gemeistert hast? Wie oft hast du dir eine Maske aufgesetzt und dich verändert, um am Ende doch wieder du selbst zu sein? Wie oft hast du andere aus deinem Gesicht lesen lassen und in welchen Situationen hast du gute Miene zum bösen Spiel gemacht?
Erinnerst du dich, wie oft du jemanden angelächelt hast und wie viele ehrliche Tränen über deine Wangen gelaufen sind? Wie oft hat sich dein Gesicht zu lustigen Grimassen verzogen und wie oft haben dein Blick und deine Lippen wütende Funken versprüht? Wie oft haben sich Angst und Unsicherheit ganz leise über dein Gesicht gelegt?
Wie oft bist du errötet, weil dir jemand tief in die Augen geblickt und dich dadurch im Herzen berührt hat? Oder aber deswegen, weil du dich aus irgendeinem Grund geschämt hast? Weißt du noch, wie oft du andere mit deinem Lachen angesteckt und wie oft du die Augen geschlossen hast … einfach nur, um einen bestimmten Moment zu genießen? Wie oft hast Ausschau nach etwas gehalten? Wie viele Millionen Eindrücke mögen sich in der Vergangenheit durch deine Pupillen geschoben haben?


Darum, ja tu es doch wieder mal: Schau dir dein Gesicht an … Es hält all die Straßen fest, die du gehst, die Abzweigungen, die du auf deinem Weg wählst. Es teilt dir mit, was du in all den Jahren über diese Welt gelernt und worüber du dir womöglich zu viele Gedanken gemacht hast. Worüber du gelächelt, gelacht, geschimpft oder geweint hast. Jede einzelne Falte, jedes Grübchen, jede kleine Narbe, eine jede feine Schattierung … Sie zeigen dir nicht wie alt du bist, sondern erinnern dich wieder an all das, was war, an all die Schritte, die du getan hast. Daran, was du bis zum heutigen Tag erlebt und überlebt hast. Tut das nicht gut?


Dein Gesicht. Es zeigt dir: Du warst, du bist – und es hat noch jede Menge Platz für das, was kommt. Dein Gesicht – es ist wunderschön. Ich habe also eine Frage an dich: Wann hast du es dir zuletzt angeschaut?


Schattenrisse

Eines Abends, ich glaube, es war am 5. Montag oder Dienstag in der Quarantäne, wälzte ich mich im Bett hin und her und wartete, dass der Schlaf endlich seine beschützenden Hände über mich legen würde. Ich starrte noch eine Weile vor mich hin, in die Dunkelheit des Zimmers. „Ob das andere wohl auch machen“, überlegte ich, „mit offenen Augen im Dunkeln liegen?“ Man könne die Augen genauso gut zu machen – denn das Dunkel bleibt ja immer dunkel – ob mit geöffneten oder geschlossenen Lidern. Ich stellte mir die Frage, was – wenn ich nur lange genug in die Dunkelheit schaute – wohl passieren würde? Würde ich eins werden mit ihr? Oder würden sich allmählich Konturen im Raum abzeichnen, an denen ich mich orientieren könnte?

Zumindest weiß ich mit Sicherheit, dass wir im Moment alle im Dunkeln tappen. Millionen von Menschen in zig Ländern und ich bin eine von ihnen. Wir alle wissen nicht viel, außer, dass außerhalb unserer vier Wände, für die wir zwar dankbar sind, die wir aber liebend gerne durchbrechen würden, etwas geschieht, was uns aus unserer bisherigen, zugegebenermaßen Seifenblasen-artigen Bahn geworfen hat. Flashback, Anfang Februar: „Ach das, was auf der anderen Seite der Erde passiert? Weit genug weg! Das, was man dauernd im Fernsehen sieht? Kann uns nicht passieren.“ Und jetzt? Sind wir mittendrin, im Kann-uns-nicht-Passieren.

Tausende Eindrücke, tausende Gedanken und keine für mich passenden Worte. Dabei hab ich sie doch beinah’ immer. Doch dieses Mal ist es anders. Seit fünf Wochen bin ich zuhause und seit fünf Wochen starre ich auf ein leeres Blatt auf meinem Monitor. Beginne einen Satz, bevor ich ihn wieder lösche. Eigentlich möchte ich nicht über C. schreiben, doch etwas anderes rast mir im Augenblick leider nicht durch den Kopf. Also mache ich meinen Laptop zu und schaue mir im Fernsehen an, was mich nicht interessiert, scrolle mich durch Facebook, um mir meine tägliche Dosis Wahnsinn zuzuführen und komme nicht zur Ruhe. Ich hetze zwischen meiner Unsicherheit und meinen Schuldgefühlen hin und her – denn eigentlich dürfte ich mich ja nicht beschweren. Immerhin geht es mir gut. Immerhin habe ich niemanden in meiner Familie oder in meinem Freundeskreis, der erkrankt ist (und dass es doch passieren könnte, daran will ich gar nicht erst denken). Ich muss nicht dort arbeiten, wo viele andere gerade an ihr Limit kommen und lebe in einer Wohnung mit einer kleinen Terrasse, auf die jeden Morgen die Sonne scheint. Ich kann mich zwischen Weinreben gleich nebenan verziehen, ohne Gefahr zu laufen, anderen Leuten „zu nahe zu kommen.“ Nein, eigentlich darf ich mich nicht beschweren. Und so habe ich Schuldgefühle, weil ich mich trotz alldem komplett überfordert fühle.

Ich bin traurig und wütend und verzweifelt, dann wieder relativ gut gelaunt und spreche mir mein tägliches Mantra vor: „Geht schon irgendwie.“ Dann fühle ich mich wieder niedergeschlagen, bevor ich wieder traurig oder wütend werde. Denn die tausend Eindrücke, die momentan auf mich einprasseln, überrumpeln mich. Aus diesem Grund schreibe ich jetzt also doch darüber, obwohl ich das böse C-Wort sicher nicht ausschreiben werde. Mach’ ich nicht. Und ich lass jetzt mal ein kleines bisschen Mimimi los, weil wir das, verdammt noch mal, alle ab und zu dürfen:

Ich vermisse meine Lieben, ich vermisse es, einfach los zu gehen ohne nachdenken zu müssen, ob ich mich wohl nicht zu weit von meiner Wohnung entfernt habe. Ich vermisse meinen Arbeitsplatz und meine wirklich coolen KollegInnen, meine verrückten Freunde und meine chaotische Familie sowieso. Im mir rast der kindische Gedanke: „Ich möchte das alles nicht so haben“ und ich könnte unkontrolliert losschreien, wenn jemand zu mir sagt: „Es ist nun halt mal so – und damit müssen wir jetzt leben.“ Als ob ich das nicht wüsste. Als ob ich nicht wüsste, dass man immer versuchen sollte, das beste aus jeder Situation zu machen. Als ob ich nicht wüsste, dass es vielen anderen viel schlechter geht. Ich weiß das, verflucht nochmal, und wie ich das weiß! Und wie sehr ich meinen inneren Hut vor all den Menschen ziehe, die in dieser unheimlichen Zeit dermaßen Großartiges leisten. Trotzdem … Gewöhnen kann ich mich an das alles nicht und irgendwie will ich das auch nicht. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass Menschen wie ein verängstigter Fischschwarm auseinanderstieben, wenn sie einander auf der Straße oder vor dem Supermarkt kreuzen. Ich will auf die Menschen zu-, nicht weggehen. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass ich meinem Vierjährigen erklären muss, nicht zu nah an den Zaun zu gehen, an dessen gegenüberliegenden Seite der Nachbarsjunge steht – ein Freund aus dem Kindergarten, den er seit Wochen nicht gesehen hat. Ich kann mich nicht an das Video-Telefonieren gewöhnen – es bedrückt mich, wenn ich meinen Gesprächspartner nicht „live“ erlebe. Oder daran, dass die Verkäuferin im Geschäft hinter einer Plexiglasscheibe steht und jeden Tag mit der Angst leben muss, infiziert zu werden. Daran, dass sich alles, einfach alles, nur noch um dieses EINE Thema dreht. Ich kann mich nicht an die Angst gewöhnen, dass es vielleicht doch jemanden trifft, den ich mag. Und diese Masken (ja, ich weiß: Sie sind absolut notwendig und sie werden für lange Zeit Realität sein) … Sie verabscheue ich am Allermeisten, denn sie bedecken nicht nur Mund und Nase, sondern auch meine naiv-kindliche Sehnsucht danach, dass alles gut ist. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass alles so surreal ist, im Moment. Denn auch, wenn alle sagen: Es wird schon wieder. Alles wird gut. Im Moment ist es das halt nicht: Da draußen sterben Menschen und unzählige andere kommen an ihre psychischen und körperlichen Grenzen. Wie rette ich meine Seele, in all diesem Tumult, also?

Nun, ich spaziere mit meinem Sohn in die Weinberge und staune dort über Elefantenrüssel- und Konfettibäume, zähle Feuerwanzen und versuche Eidechsen zu fangen, die ich natürlich nie erwischen werde. Wir üben im neu auserkorenen Hof, der eigentlich ein Parkplatz ist, Fußballspielen und schießen unsere überschüssige Energie in den Ball. Wir suchen nach Schätzen und wundersamen, beeindruckenden Details des Hier und Jetzt. Wir machen Lese-Picknicke vor der Haustür und auf dem Sofa und bauen stundenlang Lego, um dann wieder alles ab- und neu zu bauen. Wir vermissen zusammen all „unsere“ Menschen, basteln Kram aus Papprollen, für die wir eigentlich weder Platz noch Verwendung haben und ziehen in einer Salatschüssel eine wachsende Spielzeug-Schildkröte groß. Zwischendurch versuche ich für mich allein eine halbe Stunde rauszuschlagen, zum Lesen oder Malen, aber so ganz ohne Freunde bin ich, die Mama, halt noch wichtiger. Ist ok. Und es ist auch ok, wenn ich abends dann ab und zu mal weine. Zwischen den wie weißes Konfetti vom Baum fallenden Blüten und den erheiternden Terrassen-Nachbarschaftsgesprächen, komme ich abends nämlich tatsächlich mal dazu, über diese unwirkliche Situation nachzudenken.

Ich fragte mich also, als ich letztens im Bett lag: Wenn ich nur lange genug in die Dunkelheit starre, werde ich dann eins mit ihr? Zeichnen sich irgendwann Konturen im Raum ab? Die Frage könnte auch lauten: Wenn ich dem bösen C-Wort nur lange genug ins Gesicht schaue, frisst es mich dann auf? Nein, ich suche nach Schattenrissen. Nach Elefantenrüssel-Bäumen und Eidechsen, die ich nie fangen werde, nach dem blauen Himmel ohne Kondensstreifen, ich tauche Pinsel in Farben, kuschle mich in warme Sonnenstrahlen ein und schreibe nieder, worüber ich eigentlich gar nicht nachdenken möchte.

Und dann, hoffentlich, wird irgendwann tatsächlich wieder alles gut.


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Kompliment an Mr. Oldman

Manchmal trifft man Menschen, die einen auf besondere Art und Weise beeindrucken. Über so einen Menschen habe ich in diesem Poetry Slam-Text geschrieben. Viel Spaß dabei 🙂

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

wie es dazu kam, dass Sie ganz alleine da waren.

Ein zierlicher Greis mit weißen Haaren und stolzen Falten – sein Leben besaß sicher Momente, für die es sich lohnte, anzuhalten. Momente, in denen er liebte, träumte, Hoffnung trug und die ihn jubeln und springen ließen, und auch sicherlich solche zum Verdrießen. Sein Gesicht – eine Landkarte mit Wegeslinien so tief, und das so manche Fragen in mir wachrief.

Zu gerne würde ich für einen Moment durch seine Augen sehen und all das um mich besser verstehen. Warum ist das Schwere oft so schwer und die Liebe noch viel mehr? Warum schenkt das Meer uns so große Kraft und wie kommt’s, dass man doch irgendwie alles schafft? Warum ist Glück so zerbrechlich und warum liegen wir ganz oft falsch? Ist es nicht so? In solch‘ hohem Alter, da ist man klüger, ja weise. Denn sie war lang, schön und beschwerlich, die einundneunzigjährige Lebensreise.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

was Ihre Hände so rau und abgenutzt machte.

Hände – etwas. Worauf ich ganz besonders achte, denn:

Was mögen sie schon alles repariert haben und welche Art von Gaben haben sie verschenkt? Welche Autos haben sie gelenkt und gab es eine Hand, um die die seine angehalten haben? Wie viele Seiten haben diese Finger umgeblättert, wie viele Seiten zerrissen, wie oft ein Über-die-Worte-Gleiten? War es unverhofft oft? Und wie oft haben sie als Kind einen Blätterstrauß geflochten? Wie oft mochten sie gezittert haben, mit welchen Aufgaben haben sie sich rumgeschlagen? Und – haben sie sich schon mal geschlagen?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

warum Sie sich all die Leute so genau angesehen haben.

Abertausende von Menschen sind schon an ihm vorübergezogen, manche ganz schnell, vielleicht machten manche einen Bogen um ihn, aber es war ihm egal – oder nicht? Vermutlich hat er jemanden angehimmelt aus der Ferne, das machen wir doch alle gerne, und hat sich nie getraut, den Schritt zu wagen. Vielleicht war er der belesenste unter seinen Freunden, vielleicht der Faxenmacher, beliebt wegen seiner großen Lacher. Wurde er genug geliebt, gebraucht oder haben sich andere an ihm verbraucht? War er ein Pessimist, ein Narzisst oder gar ein Faschist seiner Zeit? Vielleicht – die Option gefällt mir besser – vielleicht war er einer von diesen Regen, die immer was bewegen und ein kleiner Revolutionär. Einer der aufstand und verstand, was er tat. Oder war er ein Unscheinbarer, dieser berühmte eine unter vielen, der eine Figur war von den Spielen anderer?  Was er wohl bereut hat in all den Jahren? Ist er überallhin gefahren, wohin er wollte oder tat er immer nur das, was er tun sollte? Gibt es heut‘ etwas, dass er lieber vergäße und eine ganz besondere Person, zu der er sich immer wieder säße?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

ob alle Leben in die gleiche Richtung gehen.

Ich frage mich insgeheim: Wie wird es wohl sein? Wie viele Falten werden mein Gesicht zieren? Ich fürchte mich vor dem Moment, geliebte Menschen zu verlieren. Wenn das Meiste vorbei ist, bekomm‘ ich da Angst? Und: kommt endlich die Ruhe, nach der ich gesucht und die ich verflucht hab‘ in der hoffentlich einundneunzigjährigen Lebensreise? Und löst sich alles auf, auf ganz eigene Weise? Werde ich vergessen, wen ich liebe oder eine wütende Alte sein? Werde ich Frieden finden oder mich ans Leben binden und dem nachtrauern, was hinter mir liegt? Und ich frage mich, wann wir alle sterben werden und wem der Tod näher ist von uns allen. Ich tue mir einen Gefallen, lege den Gedanken beiseite und lebe lieber weiter.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen.

Doch ich stand nicht auf, um kurz mal rüber zu gehen.

Ich hab‘ Sie einfach nur betrachtet,

Sie für ihr bloßes Dort-Sitzen geachtet,

denn einen Mann in diesem stolzen Alter sieht man nicht oft und unverhofft, haben Sie sich ein riesiges Stück Käsekuchen und eine passend große Tasse Cappuccino bestellt – und ich sah, dass Ihnen an nichts fehlt –  zumindest nicht in diesem Moment. Nach ihrem langen, langen Marsch haben Sie es sich verdient – bestimmt.  Und das ist ein Kompliment.


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Schneewittchen oder: Lila Revolution

Dies ist der Text meines ersten Poetry Slams. Ein Text, über den Mut aus der Gesellschafts-Seifenblase auszubrechen und über eine Märchenfigur, die besser mal etwas gewagt hätte …

Schon mal überlegt, was passiert wäre, wenn Schneewittchen sich dazu entschlossen hätte, ihre Haare zu färben? Das mit dem „Schwarz wie Ebenholz“ hätte nicht mehr funktioniert und die Grimms sich die Haare gerauft, weil sich ihre verrückte Hauptakteurin plötzlich dazu entschloss, eigene Entscheidungen zu treffen. Was wäre also passiert – wenn der völlig unrealistische Fall eingetreten wäre und ihre Märchen-Marionette ein mentales Eigenleben entwickelt hätte? Hätte, hätte, Fahrradkette. Und doch: Schneewittchen wäre um einiges glücklicher gewesen – Jede Wette!

Ich glaube, wir sind alle wie Märchenfiguren, Geschichtengestalten, aber nur simple. Wir werden von anderen – vermeintlich Großen – geschrieben, getrieben.  Doch was können wir tun, um uns selbst zu lieben? Wir werden nicht gefragt, uns werden Dinge auferlegt, gesagt. Wer wagt, der gewinnt? Der Spruch mag stimmen, aber nicht an Bedeutung gewinnen, denn wir sollen nicht wagen, wir sollen nicht fragen, es wird uns angetragen – and that’s it. Wir werden also von anderen hingesudelt und bekommen Rollen, von denen wir nicht alle wollen, aber sehr wohl tragen sollen. Weil es sich so ziemt. Ein Beispiel: Die Frau. Eine Mutter ist eine Mutter! Da ist kein Platz für Zweifel, Wünsche oder gar Sehnsucht. Auch wenn sie sucht. Nach mehr, denn ist das alles? Brust raus, aber bloß nicht zu weit, denn das hat keinen Stil. Streng erziehen, aber bloß nicht zu viel. Schwäche zeigen? Wofür, du bist doch bloß Mama. Sei bloß leise, mach‘ deinen Job und schwimm‘ in die Richtung, die dir befohlen. Und wie sie dich schreiben, so wirst du bestohlen. Denn die Geschichte ist fix, vorgefertigt. Köpfen entsprungen, in den Köpfen wurde um Zeile für Zeile gerungen. Nichts zu verändern und schon gar nicht Protagonisten. Ein Beispiel: Ein erwachsener Mann mit unerfüllten Wünschen? Sollt‘ es nicht geben, doch er hat alles so zu erleben, wie es der Plan vorsieht. Wie er es vielleicht nicht sieht, aber sich nicht traut – und alles in ihm versiegt. Hineingeboren in die perfekt  geplante Welt. Darin verloren und der Plan – ob der gefällt?

Ich stelle es mir vor, darf ich hier Bilder malen? Ich stelle mir die großen Schreiber vor, über den Zetteln. Mit Fäden in der Hand, sie ziehen sie auf und ab, schreiben unsere Farben, beschreiben unsere Narben, für die wir nichts können und doch selber Schuld sind. Je nachdem, wie gewünscht. Je nachdem ob sie uns verwünschen oder uns alles Gute wünschen. „Alles Gute zum Geburtstag, Schneewittchen, du bist gut so wie du bist“, sagen sie, „mit deiner Haut so weiß wie Schnee, deinen Lippen so rot wie Blut und ja – deinem Haar so schwarz wie Ebenholz. Aber wehe, du entwickelst dich.“ Es ist so viel, was sie sagen und so wenig, das sie wagen. Denn wer wagt schon, außer den großen Helden?

Vielleicht also – und ich spekuliere nur – vielleicht hätte Snow White ja wirklich Farbe bekennen sollen, um ihrem faden Dasein etwas Spannung zu geben. Spannung zu leben und sich in ein selbst gewähltes Abenteuer einzuweben. Denn wir brauchen Herausforderung und all die guten Geschichten. Wir sehnen sie herbei, die Veränderungen und fürchten sie zugleich. Und es ist ganz gleich, was wir wollen, denn was wir wollen, ist meist nicht das, was die anderen wollen. Und sie reden und hacken drauf, spucken drauf, verurteilen laut und um uns wird’s lauter und wir wollen‘s doch leis‘ und nicht den ganzen verfluchten Scheiß. Drum bleiben wir in unserer sicheren Geschichtenblase, Seifenblase, und überwinden unsere „Phase“.

Ach, wir sollten sie einfach zerstechen von innen heraus und endlich hinaus. Machen wir dem Ich-Trau-Mich-Nicht den Garaus. Pfeifen wir auf diese scheinbar Großen, die Famosen, die uns nur nach unten stoßen. Vergessen wir ihr Gelaber, schalten wir auf Durchzug und nehmen wir den Zug in eine neue Welt. Eine Welt, in der nur zählt, was auch gefällt. Egal, was es ist. Hauptsache es ist, was du bist. Es ist nicht egal für dich und nicht für dich und auch nicht für mich. Wir sind uns nicht egal. Die alten Erzählungen, sie sind nichtig, weil es nicht die unseren sind, und das alles nicht unseren Vorstellungen entspricht. Und erpicht drauf, endlich die Buchsegel zu setzen, den eigenen Stift abzuwetzen und ihn zu führen. Vielleicht ist es ein lila Stift. Dann malen wir doch auch gleich dem armen Schneewittchen die Haare um und schreiben eine neue Story drum rum, die alte ist eh ausgelutscht. Es war einmal. Ja, hoffentlich war es einmal.


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Von Papierbooten, Gewissensbissen und Umarmungen mit dem Glück

Das was ganz spontan kommt, sind die ehrlichsten Zeilen. Ja, das ist wohl so. Somit dürften dies die ehrlichsten Zeilen sein, die ich in diesem Jahr schreibe. Ich sitze auf meinem Sofa, eingemümmelt in meine Kuscheldecke und tippe Wort für Wort, ohne großartig darüber nachzudenken. Ohne Schnickschnack-Wörtern, ohne schlechtem Gewissen. Ein wenig ist es mir aber schon unangenehm. Wie gesagt – es sind ziemlich ehrliche Zeilen, aber ich brauche sie. Für mich. Um sie schlicht und ergreifend los zu werden. „Sich etwas von der Seele schreiben“ nennt man das. Und das habe ich schon mein Leben lang getan. Immer dann, wenn sich etwas Überwältigendes abgespielt hat, habe ich den Laptop in die Hand genommen oder eines meiner Millionen Notizbücher, Tagebücher, sonstige Zettel oder Blöcke. Die Zahl Million ist natürlich übertrieben, aber ich habe und hatte in der Tat schon immer einen Fabel für Papeteriekram. Wie auch immer… jedenfalls habe ich schon immer meine Gedanken und Gefühle zu Papier gebracht, und seeehr lange Zeit habe ich das nur für mich alleine gemacht. Selbsttherapie sozusagen. Oder zumindest eine Art Selbstreflexion. Ja, dieses Wort trifft es sehr sehr gut. Ich kann von mir behaupten, dass ich ein sehr reflektierter Mensch bin – und wahrscheinlich übertreibe ich es manchmal mit der Analyse meiner Umgebung, meiner Mitmenschen und meinem eigenen Seelenleben. Aber irgendwie muss ich einfach über das nachdenken, was mich beschäftigt. Eigentlich ist es – zumindest für mich selbst – ein gutes Zeichen, wenn ich das tue, denn dann weiß ich, dass ich das, was mir so durch den Kopf spukt, auch angenommen habe und ich dabei bin, es zu verarbeiten. Was wohl auch der Grund ist, warum ich das schreiben kann, was ich jetzt eben schreibe. Weil ich mich mit dem Gedanken angefreundet habe, dass dieses Jahr alles andere als einfach war. Und doch war es notwendig, um genau dort zu stehen, wo ich jetzt stehe. Jetzt muss ich doch ganz kurz etwas gefühlsduselig werden, aber um den metaphorischen Ort zu beschreiben, an dem ich mich gerade befinde, benötigt es ein oder zwei kitschige Bilder: Ich treibe in einem weißen, kleinen Papierboot und habe alle an Bord, die ich zum glücklich sein brauche. Das sind ganz schön viele Menschen und eigentlich ist es erstaunlich, dass sie alle in meinem kleinen Leben… ähm Boot Platz haben. Jedenfalls tun sie das tatsächlich und es geht mir richtig gut hier. Klar, es gibt die ein oder andere Welle, die sich an meiner schwimmenden Nussschale mal bricht, aber das macht im Grunde nichts. Einige Menschen, waren nicht mutig genug, um mit mir die Weltmeere zu durchqueren, harte Lektionen waren es, große Wellen, die sie aus meinem Boot geworfen haben. Und einige Zeit war ich auch sehr traurig darüber. Aber wisst ihr was? Das Gefühl alleine weiter zu segeln hatte ich nie. Nicht eine kleine Sekunde lang. Denn die allerwichtigsten sind bei mir geblieben. Und neue, unglaubliche Menschen habe ich mit an Bord geholt. Und als ich von Neuem erkannt habe, wie wunderbar meine Besatzung ist, umso glücklicher und gestärkter ging ich aus dem Sturm dieses Jahres hervor. So, Stopp! Das war mehr als genug an kitschig-emotionalen Bildüberschuss.

Eigentlich möchte ich euch von dem einen Moment erzählen, an dem ich ganz bewusst das Glück wieder in die Arme schloss. Also, es gab viele schöne Augenblicke, die dazu beigetragen haben, aber es gab irgendwie diesen einen Moment, wo all das Alte von mir abgefallen ist. Und lustigerweise war das ein Moment, in dem ich ganz alleine war – ohne meine Besatzung. Aber von vorne:

Es geschah an einem Tag im Außendienst in meinem neuen Job, ein Tag, über den ich anschließend einen Erlebnisbericht schreiben sollte. Ihr könnt euch vorstellen, dass der Text aufgrund meiner Euphorie nach diesen für mich geschichtsträchtigen Stunden, wirklich gut geworden ist :D. Wie auch immer… ich durfte einen Tag in einem Hotel in Kaltern verbringen und sollte anschließend noch eine kurze Herbstwanderung machen. Ich beschloss auf die Leuchtenburg zu wandern – dieses Ziel hatte ich schon lange lange Zeit vorher im Visier, habe es aber irgendwie nie geschafft, den Marsch anzugehen. Da ich etwas unter Zeitdruck war, weil ich später meinen Sohn abholen musste, ging ich ziemlich schnellen Schrittes los.

Es war der letzte Herbsttag des Jahres und ziemlich schwül. Ich hatte angesichts dieser drückenden Temperaturen zu viel an und war zu schnell unterwegs. Eigentlich wollte ich diese Wanderung genießen, aber die Zeit erlaubte es mir schlichtweg nicht. Und es ging steiler auf diesen verdammten Hügel hinauf, als ich erwartet hatte. Als meine Puste ziemlich schnell ausging, erinnerte ich mich wieder mal daran, dass ich viel zu wenig Sport machte – aber ganz ehrlich: Mir fehlt als alleinerziehende und wieder arbeitende Mama schlichtweg die Zeit dafür. Mir fehlt die Zeit, endlich mal wieder in der frischen Morgenluft joggen zu gehen. Mir fehlt die Zeit zum Reisen, mir fehlt die Zeit zum Schreiben (ich würde nämlich viel mehr schreiben, wenn ich denn könnte), zum Malen (ja, ich male, bzw. würde ich es gern wieder mal) und endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen oder einfach mal nichts zu tun. Die Zeit für mich selbst. Aber mein Leben ist beinah minutiös verplant. Das ist oft hart und ganz ehrlich: Manchmal möchte man halt einfach die Zeit haben, die einem zusteht. Und die habe ich nicht und ich fragte mich, als ich da diesen Hügel erklomm – der mir in jenem Moment wie ein 2000er vorkam – ob es mich zu einer schlechteren Mutter macht, wenn ich manchmal den Wunsch habe, für mich zu sein. Und ich fragte mich, keuchend und schwitzend, ob ich verrückt sei, dass ich deshalb ein schlechtes Gewissen hatte. Ich ärgerte mich etwas über mich selbst und darüber, meine Gedanken – die ich schließlich doch für ganz okay befand – verurteilt zu haben. Und ich ärgerte mich, dass ich an diesem Nachmittag nicht früher aufgebrochen war, und die eigentlich schon lang geplante Wanderung zu unternehmen, um mit mehr Gemütlichkeit und mehr Genuss diesen Solo-Pfad zu begehen… wenn ich denn schon endlich mal alleine war!!

Stattdessen fuhren meine Gedanken wieder mal ihre Lieblings-Achterbahn und an all dem Guten und Schlechten der letzten Monate vorbei. Rauf und runter. Spielten alle Szenen immer und immer wieder durch. Machten mich traurig und wütend und stolz und überglücklich. Ich wunderte mich, wie viel emotiongeballtes Leben in einer kleinen Welt wie der meinen doch Platz hat. Wahnsinn, oder? Whatever. Jedenfalls sprintete ich beinahe den Waldweg hinauf, schwitzte wie ein Schwein und war froh, irgendwann doch angekommen zu sein.

Die Hitze hatte sich gelegt und die Leuchtenburg warf ihren riesigen Schatten auf mich. Und dann war es plötzlich still. Um mich herum waren keine anderen Wanderer mehr. Keine Geräusche aus dem Tal konnte ich vernehmen und das Erstaunlichste: In meinem Kopf wurde es auch leise. Endlich. Dieses majestätische Steindings, das auch aus der Nähe betrachtet wirklich hübsch anzusehen war, erhob sich vor mir, hieß mich Willkommen und verbot mir jeglichen weiteren Gedanken. Mir wurde klar, dass ich gerade eine ganze Burg und einen ganzen Miniatur-Berg für mich alleine hatte. Das war zugegebenermaßen ziemlich cool und ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen auf abenteuerlicher Entdeckungstour.

In die Burg rein, in jede Tür hineingespäht, nach oben geblickt und ringsum. Um die Burg herum und Aussichtsfetzen erhascht. Eine Fahne, die im Wind über meinem Kopf herum wehte. Und dann war da mehr als nur ein Fetzen. Da war eine wundervolle Aussicht, die ganz allein mir gehörte. Mir alleine. Ich kletterte auf die Burgmauer, von der aus ich diese Errungenschaft vollends genießen wollte und blendete meine zitternden Knie und meine Höhenangst aus. Ich wollte mir ein Andenken schaffen und hey: Sollte ich nicht meinen Kopf ausschalten? So hatte es mir die Leuchtenburg angetragen und ich tat es dann auch.

So saß ich da, mit zitternden Beinen, zufrieden und etwas andächtig und spürte, wie eine Welle des Glücks mein Papierboot anstupste. Wie ich tatsächlich (!) mal ganz für mich war. Ich spürte, wie schön es war, dass – wenn ich gleich von meinem persönlichen, symbolischen 2000er Berg hinunterstieg – ich nicht alleine war, sondern ich all jene Menschen um mich haben würde, die ich liebte. Die mich liebten. Denen ich jede stürmische Welle wert war und die ich niemals aus meinem kleinen Boot fort gehen lassen würde. Tief im Inneren nahm ich Abschied. Nicht nur vom Sommer, nein, auch von diesem großen Jahr der Veränderung – es endete für mich an diesem letzten Herbsttag, Ende September. Ich fand, das war ein guter Zeitpunkt ein neues Jahr einzuläuten. Dazu muss nicht unbedingt Silvester sein. Ein viel zu heißer Herbsttag und eine kleine Burg reichen da schon völlig aus.

Hey Sommer…

Eigentlich bist du schon seit einer ganzen Weile weg, aber trotzdem möchte ich dir noch was sagen… Du hast mir in den letzten Monaten so viel geschenkt: Zuversicht, den Glauben daran, dass nach jedem Tief auch wieder ein Hoch kommt. Ein neues Zuhause. Eine Riesenchance mich beruflich weiter zu entwickeln, meine Leidenschaft zum Schreiben auszuschöpfen und neu zu erfinden. Du hast mir die Liebe zurückgegeben und mich immer wieder dran erinnert, dass Familie und wahre Freundschaft alles überdauert. Du hast mich ebenso daran erinnert, wie stark ich bin und hast deine kräftigen Farben auf mich übertragen. Ich habe endlich wieder das Gefühl, MICH zu sehen, wenn ich in den Spiegel schaue. Endlich leuchte ich wieder. Dafür möchte ich dir danken, Sommer. ❤️


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Brief an die Veränderung

Hallo Veränderung,

meine Freundin, meine Feindin,

du Botin des Zweifels und der Unsicherheit, du hoffnungsgebender Funken.

Ob dies ein Liebesbrief an dich ist oder eine Abrechnung, das kann ich gar nicht so genau sagen. Wie auch, ich weiß ja nicht einmal, ob ich dich mag oder nicht. Das Leben ist eine Waage, die ihre Gewichte mal auf der einen Schale, mal auf der anderen trägt. Ab und zu, wenn alles gut läuft, dann hält sie die Balance, weil alles genau richtig ist. Und dann kommst du ins Spiel, Veränderung. Wirfst plötzlich ein Gewicht dazu oder nimmst eines weg. Bringst die Waage ins Wanken. Manchmal da erscheinst du gar als Welle und nimmst ihr völlig den Halt. Spülst sie fort und alles muss von vorne beginnen.

Ich weiß, du kommst manchmal unvorhersehbar. Dann bist du mir meist nicht willkommen und ich verabscheue dich. Weil du alles in mir zerreißt und mich aus meiner gut funktionierenden Bahn wirfst. Dann scheuchst du mich ins Bett und lässt mich die Decke über den Kopf ziehen. Dann möchte ich nichts hören und nichts sehen und ich warte, bis du wieder fort bist. Aber … du gehst nicht weg. So ist das nun mal mit dir. Wenn du da bist, bist du da, einen Rückwärtsgang besitzt du nicht. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als dir mitten ins Gesicht zu blicken. Du bist meine immer wiederkehrende Gegnerin. Aber geschlagen hast du mich noch nie.

Nicht immer spielst du auf der anderen Seite des Spielfeldes, nein, gelegentlich sind wir auch in einem Team, du und ich. Manchmal bin ich  deine Schülerin. Deine Lektionen? Hart. Überraschend. Lehrreich. Schön. Und stärkend. Du faszinierst mich. Weil du nicht nur gut und nicht nur schlecht bist. Du bist beides, gar oft zur gleichen Zeit. Und in welcher Form du kommst – das fasziniert mich erst recht! Kommst du als Mensch, als Ereignis, als Entscheidung? Tauchst du in der Welt auf, die mich umgibt oder aber tief in mir drin? Es ist immer anders, DU bist immer anders. Du bist beeindruckend. Erschreckend beeindruckend.

Ab und zu, ja, da sehn ich dich sogar herbei. Ich gebe zu, dass ich dich auch brauche. Weil mich die Herausforderung reizt, die du wie eine kleine rote Gießkanne in der Hand hältst und die meine Wurzeln tränkt. Dann wachse ich an dir. Und du verzauberst mich, weil dich ungeatmete, funkelnde Luft umgibt, die ich tief einsauge. Ich sauge sie ein, ganz tief, und es kribbelt in mir, vor Stärke.

Ich weiß, du bist unvermeidbar und du gehörst dazu. Jeden Tag. Du bringst den Morgen und die Nacht, wirfst die Blätter von den Bäumen und treibst Knospen. Du malst mir Falten ins Gesicht und sorgst dafür, dass ich die vielen kleinen Geschichten meines Lebens erzählen kann. Nicht immer verstehe ich den Grund für dein wankelmütiges Dasein, aber ich weiß, dass du am Ende immer deinen Sinn hast. Irgendwie hast du den tatsächlich.


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Der Blick

Oft fehlt uns einfach der Blick dafür, weil es um uns herum zu hektisch ist, weil die Zeit regelrecht rast. Weil sie fehlt. Weil wir müde des Tages sind. Und dann sehen wir es nicht.

Das, was uns ausmacht.

Das, was wir lieben,

und brauchen.

Das, was uns stärker macht,

und uns tröstet.

Das, was uns lebendig fühlen lässt,

und das Beste aus uns rausholt.

Das, was uns so tief bewegt, dass es schon beinah‘ Angst macht,

aber am Ende so wahnsinnig schön ist.

Das, was uns ein gutes Gefühl gibt

und uns strahlen lässt –

von ganz tief innen heraus.

Das, was uns antreibt

und unsere Lust entfacht, die Welt wieder zu bestaunen.

Vielleicht, wenn wir unseren Schritt verlangsamen, wir uns zurücklehnen, und einmal tief durchatmen, wenn wir ganz genau hinsehen – ja, vielleicht erkennen wir all das auch wieder.


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