Der Schustermeister oder: Die Freuden des Augenblicks

Für manch einen war es der See mit seinen morgendlichen Nebelschwaden im Sommer und der kristallenen Oberfläche in den kalten Monaten. Oder die Burg am Hügel, die frühmorgens in mystisches Sonnenlicht getaucht wird und über besagten See wacht. Für viele war es das rege Treiben am Platz vor der Kirche und der tägliche Schwatz – für wiederum andere war es das Sein in den Weinbergen, das Philosophieren über die kostbaren Tropfen, die sie aus den Trauben gewannen, weshalb sie jede einzelne mit ihren von Arbeit gezeichneten Händen berührten, als wären sie pures Gold.

Der 24-jährige Josef, der im Jahr 1949 nach Kaltern gezogen war, um die dunklen Tage des Krieges endgültig hinter sich zu lassen, flanierte lieber durch die verwinkelten, engen Gassen in dem kleinen Ortsteil Mitterdorf, fernab des dörflichen Trubels. Die Gegend rund um Schloss Campan hatte es ihm sehr angetan – zudem er bei dortigem Grafen für die Pflege der Weinberge und der Tiere angestellt wurde. Weil ihn seine Arbeit körperlich aber sehr ertüchtigte und er erst spät nach Sonnenuntergang einige freie Stunden genoss, versäumte er so manche Gelegenheit, sich mit anderen Leuten im Dorf auszutauschen.

Eines Tages – Josef war gerade dabei, die Pferde in den Stall zu treiben – kam der Graf auf ihn zu, in der Hand ein Paar ausgemergelte Schuhe. „Bring sie zum Schuster und lass sie neu besohlen. Der linke muss außerdem geflickt werden.“ Noch am selben Tag begab sich Josef mit den Schuhen zum Schustermeister. Josef kannte das kleine Lädchen vom Vorbeispazieren schon: Eine versteckte, dunkle Schusterei, die man über zwei nach unten führenden Treppen betrat. Josef stieß sich den Kopf, als er durch die knarzende Tür trat. „Obacht, junger Mann, manch einer ist hier schon mit großen Kopfschmerzen zur Tür hinaus.“ Eine rauchige, aber freundliche Stimme erklang aus der hinteren Ecke des Ladens. „Ich merke schon, ein Mann von meiner Größe, tut sich in diesen vier Wänden etwas schwer“, erwiderte der hochgewachsene Josef lächelnd und begrüßte den Schuster, der gerade dabei war, Ahle und Nagelbohrer von der Werkzeugwand zu holen und sich den Schusterfuß zu richten. Ein brauner Damenschuh lag vor ihm auf dem Tisch, der auf einen neuen Stöckel wartete. Der Schuster aber inspizierte den fremden Mann. „Ich kenn dich nicht“, brummte er, „kommst du von auswärts?“ „Ja, aus dem hinteren Pustertal, ich lebe aber seit ein paar Monaten hier in Mitterdorf.“ „Komm her mein Junge, setz dich zu mir“, forderte ihn der alte Schuster auf und zog einen klapprigen Hocker unter dem Arbeitstisch hervor. „Wie heißt du?“ „Josef. Ich bringe für meinen Arbeitgeber, den Grafen, diese Schuhe. Sie sind neu zu …“ „Trink mit mir einen Schluck“, unterbrach ihn der Schuster und verschwand für einen Moment in eine kleine, dunkle Kammer. Dann kehrte er mit einer Flasche Wein und zwei Weingläsern zurück. Josef setzte sich folgsam und inspizierte die Flasche. „Das ist der Wein meines Grafen“, stellte er fest, „aber ich hab ihn noch nie gekostet.“ Der Schuster lachte: „Wie kannst du etwas tun, von dem du nicht mal weißt, warum und wofür du es tust?“ Josef musste zugeben, dass er die Arbeit beim Grafen nur deshalb verrichtete, um sein täglich Brot zu verdienen – sehr viel über sie nachgedacht hatte er bisher nicht. Der Schuster betrachtete den grübelnden Josef, trank genussvoll ein Schluck Wein, strich sich seine grauen, zerzausten Haare aus dem Gesicht und fing an zu plaudern: von dem Winzer-Grafen und dem Weingut, das schon über mehrere Generationen bewirtschaftet wurde. Von seinem eigenen Entschluss, Schuster zu werden, der Gabe, ein seltenes Handwerk zu beherrschen und den Menschen im Dorf damit einen wichtigen Dienst zu erweisen: „Ich helfe den Menschen dabei, leichter durchs Leben zu gehen – der Weg ist ohnehin steinig genug, nicht wahr?“
Und so saßen sie da, Josef und der Schuster, und draußen ging der Tag in den Abend über, die Menschen zogen sich in ihre Häuser zurück und plötzlich war die Flasche Wein leer und der Kopf voll mit Trank und Geschichten des Schusters.

Als Josef ein paar Tage später wieder kam, um die Schuhe des Grafen abzuholen, taten die beiden es gleich. Nach diesen beiden Nachmittagen überbrachte Josef seinem Grafen nicht nur dessen neu besohlten Schuhe, sondern äußerte auch die überraschende Bitte, mehr über dessen Weinbau zu erfahren, was diesen sehr erfreute. So kam es, dass der Graf den jungen Josef in die Kunst und die Philosophie der Winzerei einführte. Josefs Leidenschaft war geweckt – und er verstand immer mehr, warum sich die Bauern um ihre Weinreben kümmerten, wie Mütter und Väter um ihre Kinder: Es ging nicht nur um den Rebensaft, sondern auch um das anschließende Zusammenkommen. Um die Geselligkeit, das Geschichten-Erzählen und: die Freuden des Augenblicks.

Die Freundschaft zwischen Josef und dem Schustermeister hielt übrigens ein Leben lang.


Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Tourismusverein Kaltern am See entstanden und im März 2022 in der 30. Ausgabe des wein.kaltern MAGAZINS erschienen.

Face to Face

Das Gesicht. Es ist die Landkarte eines Lebens, DEINES Lebens, mit all seinen feinen Linien, Fältchen und Verästelungen. Dein Gesicht – es ist wunderschön. Ich habe eine Frage an dich: Wann hast du es dir zuletzt angeschaut? Also ich meine so richtig … Wann warst du das letzte Mal Face to Face mit dir selbst? Vielleicht fragst du dich, warum du das tun solltest. Nun …
Jeder einzelne Zentimeter deines Gesichtes erzählt immerhin deine Geschichte!

Sieh hier! Die Grübchen an den Mundwinkeln und die Lachfalten um deine Augen, sie erzählen von all den heiteren Momenten. Weißt du noch, wie du vor Glück hättest Bäume ausreißen können? Und da! Erinnerst du dich an den Kummer und die vielen Veränderungen, die dafür gesorgt haben, dass sich deine Stirn in Falten legt?


Wie oft hast du schon gemerkt, wie nah Glück und Unglück, Freude und Schmerz, Licht und Dunkelheit beieinander liegen und wie oft das eine mit dem anderen konkurriert? Erinnerst du dich an die Geburt deiner Kinder? An den Verlust eines geliebten Menschen? An einzigartige Abenteuer und Erlebnisse, die dir jetzt noch dieses ganz besondere Leuchten in die Augen zaubern? An falsche oder mutige Entscheidungen, die du getroffen und an all die steinigen Wege, die du mit erstaunlicher Bravour gemeistert hast? Wie oft hast du dir eine Maske aufgesetzt und dich verändert, um am Ende doch wieder du selbst zu sein? Wie oft hast du andere aus deinem Gesicht lesen lassen und in welchen Situationen hast du gute Miene zum bösen Spiel gemacht?
Erinnerst du dich, wie oft du jemanden angelächelt hast und wie viele ehrliche Tränen über deine Wangen gelaufen sind? Wie oft hat sich dein Gesicht zu lustigen Grimassen verzogen und wie oft haben dein Blick und deine Lippen wütende Funken versprüht? Wie oft haben sich Angst und Unsicherheit ganz leise über dein Gesicht gelegt?
Wie oft bist du errötet, weil dir jemand tief in die Augen geblickt und dich dadurch im Herzen berührt hat? Oder aber deswegen, weil du dich aus irgendeinem Grund geschämt hast? Weißt du noch, wie oft du andere mit deinem Lachen angesteckt und wie oft du die Augen geschlossen hast … einfach nur, um einen bestimmten Moment zu genießen? Wie oft hast Ausschau nach etwas gehalten? Wie viele Millionen Eindrücke mögen sich in der Vergangenheit durch deine Pupillen geschoben haben?


Darum, ja tu es doch wieder mal: Schau dir dein Gesicht an … Es hält all die Straßen fest, die du gehst, die Abzweigungen, die du auf deinem Weg wählst. Es teilt dir mit, was du in all den Jahren über diese Welt gelernt und worüber du dir womöglich zu viele Gedanken gemacht hast. Worüber du gelächelt, gelacht, geschimpft oder geweint hast. Jede einzelne Falte, jedes Grübchen, jede kleine Narbe, eine jede feine Schattierung … Sie zeigen dir nicht wie alt du bist, sondern erinnern dich wieder an all das, was war, an all die Schritte, die du getan hast. Daran, was du bis zum heutigen Tag erlebt und überlebt hast. Tut das nicht gut?


Dein Gesicht. Es zeigt dir: Du warst, du bist – und es hat noch jede Menge Platz für das, was kommt. Dein Gesicht – es ist wunderschön. Ich habe also eine Frage an dich: Wann hast du es dir zuletzt angeschaut?


Schattenrisse

Eines Abends, ich glaube, es war am 5. Montag oder Dienstag in der Quarantäne, wälzte ich mich im Bett hin und her und wartete, dass der Schlaf endlich seine beschützenden Hände über mich legen würde. Ich starrte noch eine Weile vor mich hin, in die Dunkelheit des Zimmers. „Ob das andere wohl auch machen“, überlegte ich, „mit offenen Augen im Dunkeln liegen?“ Man könne die Augen genauso gut zu machen – denn das Dunkel bleibt ja immer dunkel – ob mit geöffneten oder geschlossenen Lidern. Ich stellte mir die Frage, was – wenn ich nur lange genug in die Dunkelheit schaute – wohl passieren würde? Würde ich eins werden mit ihr? Oder würden sich allmählich Konturen im Raum abzeichnen, an denen ich mich orientieren könnte?

Zumindest weiß ich mit Sicherheit, dass wir im Moment alle im Dunkeln tappen. Millionen von Menschen in zig Ländern und ich bin eine von ihnen. Wir alle wissen nicht viel, außer, dass außerhalb unserer vier Wände, für die wir zwar dankbar sind, die wir aber liebend gerne durchbrechen würden, etwas geschieht, was uns aus unserer bisherigen, zugegebenermaßen Seifenblasen-artigen Bahn geworfen hat. Flashback, Anfang Februar: „Ach das, was auf der anderen Seite der Erde passiert? Weit genug weg! Das, was man dauernd im Fernsehen sieht? Kann uns nicht passieren.“ Und jetzt? Sind wir mittendrin, im Kann-uns-nicht-Passieren.

Tausende Eindrücke, tausende Gedanken und keine für mich passenden Worte. Dabei hab ich sie doch beinah’ immer. Doch dieses Mal ist es anders. Seit fünf Wochen bin ich zuhause und seit fünf Wochen starre ich auf ein leeres Blatt auf meinem Monitor. Beginne einen Satz, bevor ich ihn wieder lösche. Eigentlich möchte ich nicht über C. schreiben, doch etwas anderes rast mir im Augenblick leider nicht durch den Kopf. Also mache ich meinen Laptop zu und schaue mir im Fernsehen an, was mich nicht interessiert, scrolle mich durch Facebook, um mir meine tägliche Dosis Wahnsinn zuzuführen und komme nicht zur Ruhe. Ich hetze zwischen meiner Unsicherheit und meinen Schuldgefühlen hin und her – denn eigentlich dürfte ich mich ja nicht beschweren. Immerhin geht es mir gut. Immerhin habe ich niemanden in meiner Familie oder in meinem Freundeskreis, der erkrankt ist (und dass es doch passieren könnte, daran will ich gar nicht erst denken). Ich muss nicht dort arbeiten, wo viele andere gerade an ihr Limit kommen und lebe in einer Wohnung mit einer kleinen Terrasse, auf die jeden Morgen die Sonne scheint. Ich kann mich zwischen Weinreben gleich nebenan verziehen, ohne Gefahr zu laufen, anderen Leuten „zu nahe zu kommen.“ Nein, eigentlich darf ich mich nicht beschweren. Und so habe ich Schuldgefühle, weil ich mich trotz alldem komplett überfordert fühle.

Ich bin traurig und wütend und verzweifelt, dann wieder relativ gut gelaunt und spreche mir mein tägliches Mantra vor: „Geht schon irgendwie.“ Dann fühle ich mich wieder niedergeschlagen, bevor ich wieder traurig oder wütend werde. Denn die tausend Eindrücke, die momentan auf mich einprasseln, überrumpeln mich. Aus diesem Grund schreibe ich jetzt also doch darüber, obwohl ich das böse C-Wort sicher nicht ausschreiben werde. Mach’ ich nicht. Und ich lass jetzt mal ein kleines bisschen Mimimi los, weil wir das, verdammt noch mal, alle ab und zu dürfen:

Ich vermisse meine Lieben, ich vermisse es, einfach los zu gehen ohne nachdenken zu müssen, ob ich mich wohl nicht zu weit von meiner Wohnung entfernt habe. Ich vermisse meinen Arbeitsplatz und meine wirklich coolen KollegInnen, meine verrückten Freunde und meine chaotische Familie sowieso. Im mir rast der kindische Gedanke: „Ich möchte das alles nicht so haben“ und ich könnte unkontrolliert losschreien, wenn jemand zu mir sagt: „Es ist nun halt mal so – und damit müssen wir jetzt leben.“ Als ob ich das nicht wüsste. Als ob ich nicht wüsste, dass man immer versuchen sollte, das beste aus jeder Situation zu machen. Als ob ich nicht wüsste, dass es vielen anderen viel schlechter geht. Ich weiß das, verflucht nochmal, und wie ich das weiß! Und wie sehr ich meinen inneren Hut vor all den Menschen ziehe, die in dieser unheimlichen Zeit dermaßen Großartiges leisten. Trotzdem … Gewöhnen kann ich mich an das alles nicht und irgendwie will ich das auch nicht. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass Menschen wie ein verängstigter Fischschwarm auseinanderstieben, wenn sie einander auf der Straße oder vor dem Supermarkt kreuzen. Ich will auf die Menschen zu-, nicht weggehen. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass ich meinem Vierjährigen erklären muss, nicht zu nah an den Zaun zu gehen, an dessen gegenüberliegenden Seite der Nachbarsjunge steht – ein Freund aus dem Kindergarten, den er seit Wochen nicht gesehen hat. Ich kann mich nicht an das Video-Telefonieren gewöhnen – es bedrückt mich, wenn ich meinen Gesprächspartner nicht „live“ erlebe. Oder daran, dass die Verkäuferin im Geschäft hinter einer Plexiglasscheibe steht und jeden Tag mit der Angst leben muss, infiziert zu werden. Daran, dass sich alles, einfach alles, nur noch um dieses EINE Thema dreht. Ich kann mich nicht an die Angst gewöhnen, dass es vielleicht doch jemanden trifft, den ich mag. Und diese Masken (ja, ich weiß: Sie sind absolut notwendig und sie werden für lange Zeit Realität sein) … Sie verabscheue ich am Allermeisten, denn sie bedecken nicht nur Mund und Nase, sondern auch meine naiv-kindliche Sehnsucht danach, dass alles gut ist. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass alles so surreal ist, im Moment. Denn auch, wenn alle sagen: Es wird schon wieder. Alles wird gut. Im Moment ist es das halt nicht: Da draußen sterben Menschen und unzählige andere kommen an ihre psychischen und körperlichen Grenzen. Wie rette ich meine Seele, in all diesem Tumult, also?

Nun, ich spaziere mit meinem Sohn in die Weinberge und staune dort über Elefantenrüssel- und Konfettibäume, zähle Feuerwanzen und versuche Eidechsen zu fangen, die ich natürlich nie erwischen werde. Wir üben im neu auserkorenen Hof, der eigentlich ein Parkplatz ist, Fußballspielen und schießen unsere überschüssige Energie in den Ball. Wir suchen nach Schätzen und wundersamen, beeindruckenden Details des Hier und Jetzt. Wir machen Lese-Picknicke vor der Haustür und auf dem Sofa und bauen stundenlang Lego, um dann wieder alles ab- und neu zu bauen. Wir vermissen zusammen all „unsere“ Menschen, basteln Kram aus Papprollen, für die wir eigentlich weder Platz noch Verwendung haben und ziehen in einer Salatschüssel eine wachsende Spielzeug-Schildkröte groß. Zwischendurch versuche ich für mich allein eine halbe Stunde rauszuschlagen, zum Lesen oder Malen, aber so ganz ohne Freunde bin ich, die Mama, halt noch wichtiger. Ist ok. Und es ist auch ok, wenn ich abends dann ab und zu mal weine. Zwischen den wie weißes Konfetti vom Baum fallenden Blüten und den erheiternden Terrassen-Nachbarschaftsgesprächen, komme ich abends nämlich tatsächlich mal dazu, über diese unwirkliche Situation nachzudenken.

Ich fragte mich also, als ich letztens im Bett lag: Wenn ich nur lange genug in die Dunkelheit starre, werde ich dann eins mit ihr? Zeichnen sich irgendwann Konturen im Raum ab? Die Frage könnte auch lauten: Wenn ich dem bösen C-Wort nur lange genug ins Gesicht schaue, frisst es mich dann auf? Nein, ich suche nach Schattenrissen. Nach Elefantenrüssel-Bäumen und Eidechsen, die ich nie fangen werde, nach dem blauen Himmel ohne Kondensstreifen, ich tauche Pinsel in Farben, kuschle mich in warme Sonnenstrahlen ein und schreibe nieder, worüber ich eigentlich gar nicht nachdenken möchte.

Und dann, hoffentlich, wird irgendwann tatsächlich wieder alles gut.


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Seine Gedanken

„Möchten Sie heute Mohn oder doch lieber ein leeres Croissant?“, fragte die freundliche, junge Dame hinter der Theke und ich wunderte mich sehr darüber, dass sie über meine Take-Away-Frühstücksambitionen dermaßen gut Bescheid wusste. Ich kam erst seit zwei Wochen hierher, aber es stimmte: Die Wahl meines Sieben-Uhr-Croissants traf ich immer zwischen dem einen oder anderen. Meistens – wenn ich später an dem Tag noch ein Meeting hatte – wählte ich das ohne Mohn. Die Gefahr, dass die schwarzen Kügelchen sich irgendwo zwischen meinen Schneidezähnen einnisteten, war zu groß. Nicht, dass mich jemals jemand so genau inspiziert hätte, der mir das erste Mal begegnete. Ich war ein unscheinbarer Durchschnittstyp. Nicht besonders schön oder der Typ Mann, nach dem sich Frauen lüsternd verzehren oder der, zu dem andere Männer aufsahen. Ich war das typische 0-8-15–Strichmännchen, das aussah, wie jedes andere Strichmännchen auf der Welt auch – und so war ich auch nicht der Typ, der in seinem Job als Projektentwickler sonderlich viel Erfolgschancen zugeschrieben bekam.
„Sir? Mohn oder leer?“ Die hübsche Dame durchbrach meinen Gedankengang. Und ich überlegte weiter: Wenn sie in meinen Kopf rein- und meine abstrusen, sich ständig wiederholenden Gedanken anschauen konnte, dann würde sie schnellstens Reißaus nehmen, mit allen Croissants dieser Welt.
„Ein leeres bitte! Und einen …“ „… großen Latte mit extra viel Milchschaum, kommt sofort!“, unterbrach mich die fröhliche Dame fast singend, holte mein Frühstück aus der Vitrine und drehte sich wie eine Primaballerina schwebend zur Kaffeemaschine um. Sie wusste sogar, was ich trank, unglaublich. Wobei – und dann erinnerte ich mich wieder daran, wie seltsam ich manchmal war – ich war wohl der einzige Mann auf der Welt, der extra viel Milchschaum in seinem Kaffee bestellte. Scheißegal. Was zählte war, dass mich tatsächlich jemand registrierte, obwohl mich derjenige – oder in diesem Fall besser diejenige – nicht wirklich kannte. Das tat wirklich gut. Und wie nett sie mich anlächelte! Geil, dieser Dienstag fühlte sich beinah‘ an wie ein Freitagmorgen, an dem man sich aufs anbahnende Wochenende freute, um sich dann endlich daheim verkriechen zu können.

„So bitte. Das macht dann drei Euro zehn“, lächelte die brünette Bedienung, während sie mir mein Croissant in eine Tüte zum Mitnehmen packte. Ich legte ihr einen Fünf-Euro-Schein hin und lächelte zurück: „Der Rest ist natürlich für Sie!“ Wow, so geflirtet habe ich seit gefühlt 100 Jahren nicht mehr. Ich schob mir meine Brille zurück auf die Nase, die mir wie immer viel zu weit nach vorne rutschte und machte mich so selbstsicher unterwegs ins Büro, wie ich es seit Ewigkeiten nicht mehr tat. Im Gehen ließ ich mir mein Frühstück schmecken – und bildete mir ein, dass es heute besonders gut war. Ich kam fünf Minuten vor der heutigen Besprechung mit dem Chef einer großen Immobilien-Agentur in der Arbeit an und hängte gerade meine Jacke an die Garderobe, als mein Kollege Sam Willow an mir vorbeirauschte und mich – gewohnt unverschämt – auf den Puderzucker auf meiner schwarzen, ungebügelten Hose aufmerksam machte. „Sieh zu, dass du deine Hose und den Mund sauber hast, Ronny. Mr. Friedman ist jeden Moment da.“ Ich hasste es, wenn er mich so nannte. Mein Name ist Ronald, du Arschloch, dachte ich, sprach es aber – natürlich – nicht aus. Für Willow und die anderen Wichtigtuer dieser Agentur, war ich mal Ronny, mal Mc Null, oder wenn sie so richtig in Fahrt waren: Ronald Mc Donald.

So schnell, wie mein Selbstbewusstsein eben noch aufgeschäumt war, so abrupt bitter schmeckte nun der letzte Schluck meines Latte. Demoralisiert ging ich zuerst ins Bad, um den Fleck auf meiner Hose mit Wasser und Toilettenpapier so gut es ging zu entfernen und begab mich dann in den Meeting-Raum. Willow setzte sich neben mich und flüsterte mir noch schnell zu, dass „mein Höschen wohl noch etwas feucht sei“ und begrüßte dann super-professionell und heuchlerisch-freundlich Mr. Friedman, einen der mächtigsten Immobilienhaie der Stadt.

Natürlich lief das Meeting für alle gut – mich ausgeschlossen, weil ich meine eigentlich ziemlich genialen Ideen wieder mal nicht vermitteln konnte und unter dem Redeschwall von Samuel und seinen Gefolgen komplett unterging. So brachte ich den restlichen Arbeitstag mehr schlecht als recht über die Bühne, um dann – geknickt und enttäuscht von mir selbst – zu beschließen mir vor dem Nachhause gehen noch zwei Bierchen in der Bar nebenan zu gönnen. Aus den geplanten zwei Bierchen wurden vier – oder waren es fünf? Jedenfalls ging es mir dann besser. Für den Augenblick.

Zuhause angekommen wünschte ich mich sofort wieder zurück in die Bar – meine Zweijährige machte wie jeden Abend Theater, weil sie sich den Pyjama anziehen und ins Bett gehen sollte, und brüllte sich die Seele aus ihrem winzigen, nackten Leib, der gerade unter der Dusche gewaschen wurde. Toni sah mit ihrem verwuschelten Dutt und der verschmierten Wimperntusche fertig aus und hätte selbst eine Dusche vertragen. Ich fragte mich ernsthaft, warum sie es nicht einmal hinbekam, nur ein einziges Mal, die Kleine vor 8 Uhr ins Bett zu kriegen und sich für mich etwas zurecht zu machen. War das wirklich so schwierig? Und ich konnte nicht anders, als an die hübsche Bedienung heute Morgen zu denken, die sich solche Mühe gab, mir mein Croissant mit dem charmantesten Lächeln zu überreichen.
„Hast du Lust, Annie die Zähne zu putzen? Ich muss dringend mal eine rauchen.“ Dazu hatte ich absolut keine Lust und antwortete ihr kühl: „Du weißt, ich mag es nicht, wenn du nach Zigaretten stinkst. Du riechst so schon nicht besonders gut. Am besten, du gehst auch gleich in die Dusche.“ Dann holte ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank, setzte mich aufs Sofa und schaltete den Fernseher an. Nach gefühlten zwei Minuten schlief ich ein. Es war halb 10, als ich wieder aufwachte und hörte, wie Toni die Spülmaschine ausräumte. Ich nahm noch ein Schluck meines Bieres, das ich noch immer in der Hand hielt. Als ich zu Toni in die Küche kam, um sie zu fragen, warum sie um diese Zeit noch Lärm machen musste, sah ich, dass sie weinte. „Meine Güte, echt jetzt? Schon wieder? Gehört das jetzt zum allabendlichen Ritual? Hier rumzuheulen?“ „Ich bin wirklich erledigt, Ronald. Ich brauche etwas Hilfe hier im Haushalt, mit Annie. Weißt du, ich möchte ab und zu einfach mal raus. Luft schnappen. Einen Kaffee trinken mit meinen Freundinnen … Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen.“ „Du hast sie ja nicht alle. Es geht dir gut. Andere Frauen wären froh, wenn sie die Möglichkeit hätten bei ihrer Familie zuhause zu bleiben. Du bist unzufrieden und undankbar! Immerhin bin ich derjenige, der den ganzen Tag auf der Arbeit ist!“ „Undankbar? Wofür soll ich denn dankbar sein? Dass du jeden Tag angetrunken nach Hause kommst und eigentlich DU unzufrieden bist, weil du einfach keinen Erfolg hast?“ Instinktiv ohrfeigte ich sie, damit sie verstummte. Aber heute verstummte sie nicht. „Du bist ein Feigling, der sich um nichts schert, außer sich selbst. Ich kann nicht mehr. Ich WILL nicht mehr. Ich verlasse dich, Ronald. Sieh zu, bei wem du deinen Frust auslassen kannst!“ Toni wollte aus der Küche gehen. Ich erwischte ihre dunkelblonden, ungewaschenen Haare, zog sie nah an mein Gesicht heran und brüllte sie an: „Ich hab gesagt, du sollst duschen gehen. Geh! Duschen!“ Dann warf ich sie zu Boden. Tritt mit meinen Füßen ein paarmal in ihren Bauch und gegen ihre Brüste, bis sie endlich den Mund hielt und zu flennen aufhörte. Die Tassen, Teller und Gläser, die Toni eben aus der Spülmaschine geholt hatte, fegte ich schwungvoll vom Esstisch. Es klirrte und klapperte in allen Ecken. Dann kniete ich mich zu meiner Frau runter. „Tu, was ich dir sage“, flüsterte ich ihr nochmal mit Nachdruck zu, „und hör endlich auf mit diesem Theater.“
„Daddy.“ Annie stand unsicher in der Tür, schaute mich emotionslos an und hielt ihr Mickey Mouse-Plüschtier fest umklammert. „Bring Annie vorher nochmal ins Bett. Sie hat Angst bekommen, weil du so einen unnötigen Lärm veranstaltet hast.“ Toni gehorchte mir, stand zitternd auf, hielt sich ihren Bauch, wischte sich die Tränen von den Wangen und nahm unsere Tochter an die Hand. „Na, komm, Süße, es ist alles ok. Mama ist bloß hingefallen.“
Ich setzte mich wieder aufs Sofa und schaltete den Ton lauter. Es lief eine Reportage über einen alten Kerl, der eine immense Sammlung an Kuckucksuhren besaß. So ein Idiot, lachte ich leise und zappte mich durchs nervtötende TV-Programm. Ein paar Minuten später hörte ich im Hintergrund das Wasser in der Dusche laufen.



Am 25. November war internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen, also vor fast genau einem Monat. Aber: Es sollte nicht nur einen Tag im Jahr geben, an dem darüber gesprochen wird.

Warum diese Geschichte?

Weil wir diejenigen meist nicht erkennen, die betroffen sind und auch die nicht, die Gewalt ausüben.

Weil wir diese Geschichten viel stärker thematisieren und offener darüber reden müssen.

Weil uns diese Frauen und Männer oft sehr viel näher sind, als wir glauben.



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Es ist.

Dieser Poetry Slam-Text ist für einen Vortrag der Südtiroler Landesrätin für Chancengleichheit entstanden.


Ihr Name war Marie und sie war eine Frohnatur,

herzensgut, optimistisch, motiviert. Sie wollte nur

und man kanns ihr schließlich nicht verdenken

ihr Leben in die gewollt/gewünschte Richtung lenken.

Sie hatte `nen Traum, wollt dafür alles geben.

Doch wie es so oft passiert, ging einiges daneben.

Ein neuer Job, neue Kollegen,

und sie, die talentierte Neue wollte hier endlich was bewegen.

Aber da war er. Ein Irgendwie-Normalo, wie man ihn sich vorstellt und doch einer der sich verstellt, und sich niemals hinten anstellt. Er bestellt, was er will und bekommt was er will,

in ganz großem Macho-Stil.

Sie merkte schnell, er peilte sie an mit seinen Pfeilen aus Worten, unpassend gemeine.

„Das ist nichts für dich Schätzchen, das verstehen nur Große.“ „Na Kleine,

du Süße, du Dummchen,“ – das war nur der Anfang.  

Irgendwann fing es dann an

Der Druck, den er machte, war ein geübter. Die Macht, die er ausübte routiniert. Und ungeniert machte er sie kleiner als sie war,

und ihr war klar,

dass sie nichts mehr richtig machen konnte

und während er sich in seiner Position sonnte,

wurde sie kleiner und kleiner.

Und ein jeder seiner 

„Ich-schaue-dich-nicht-an-Gesichter“ machten sie wütend, und am liebsten hätte sie sein Gesicht hergedreht zu ihrem und ihn gebeten, dass er sie ansähe. Aber Sehen hätte ihn verstehen lassen

und er wollte sie nicht gehen lassen.

Weil er sie brauchte um sich abzureagieren

und über jemanden zu triumphieren.

Ein böses Wort hier, eine Stichelei dort, und mit der Zeit war ein jedes Wort wie ein Dolch

und machte ihren neuen Job zu einem unerträglichen Ort.

Jeder Tag war für sie eine Qual,

das lockere „Ist mir so egal

und die Wut irgendwann leise fortgeschwemmt.

Ihre ungehemmte Art wich der Angst zu versagen und ihr Gedanke war nur:

Was nützt es jetzt noch, etwas zu wagen?

Wochen vergingen, die Tränen vergingen, die Freude verging, ihr Selbstvertrauen ging – und sie ging … nicht.

Sie sagte nichts, bat nicht um Hilfe. Sie schwand dahin, verschwand in ihm, in seinem großen, mächtigen Schatten.

In ihrem Bauch knoteten sich Angst und Verzagen zu einem Knäuel,

und sie fühlte auch, wie sie sich immer mehr geschlagen gab.

Ihren Traum? Den gab es nicht mehr.

Sie setzte sich nicht mehr zur Wehr, es fiel ihr zu schwer, eine Träne zu weinen

oder das was er sagte, auch nur einmal zu verneinen.

Ein jedes Wort schluckte sie runter, hat ihren eigenen Namen längst vergessen.

„Schätzchen“ hat am Tisch mit den anderen – seit Monaten nicht gegessen. Sie zog sich zurück, es ging ihr nicht gut. Bei dem was sie tat, war sie plötzlich nicht mehr gut,

denn er sagte, sie mache Fehler und für alles andre fehlte der Mut. Er nahm ihr alles, was sie war.

Ihr Kopf pochte wild, ihr Magen war flau und sie wusste genau:

Wie kann ein Mensch das sein, was er ist,

wenn er plötzlich all die Sätze frisst,

die ihm vorgekaut werden, wenn er das verbaut bekommt,

wenn ihm all das um ihn nicht mehr bekommt?

Und wie kann ein Mensch das werden, was er werden will,

wenn still sein als Einziges übrig bleibt?

Wie eine jede Geschichte, könnte auch diese mit einem „Vor langer, langer Zeit“ beginnen, aber wisst ihr was? Nichts davon ist so weit weg, wie es sollte. Denn es ist das Heute, das Jetzt und hier.

Und es kann jedem passieren, auch dir und mir.

Ich beobachte die Menschen, ihre Mäuler sind aufgerissen.

Ich sehe die Menschen, sie sind innerlich zerrissen.

Weil Respekt ein Fremdwort ist, weil  die einen die anderen nicht mehr sehen und nur ihren eigenen Kram sehen

und sie verstehen nichts vom anderen.

Und es scherte sie schon damals nicht,

und heute hat das alles noch weniger Gewicht.

Weil sich unsere Werte verändert haben und was uns heute mehr wert ist, als der Selbstwert unseres Gegenübers, ist das eigene Ich.

Als Menschen geboren,

haben wir die Menschlichkeit schon bald verloren.

Die Säulen der Gesellschaft wanken und wir danken uns auch noch selbst dafür.

Wir stehen uns nur noch selbst gegenüber

und sind überdrüber und stellen unsere eigenen Ziele über alles und zielen die falsche Zielscheibe an:

Es soll uns immer besser gehen,

Anstand aus.

der Job muss über allem stehen, und wir müssen immer besser sein und besser werden.

Und mit diesem Messer am Hals, steigt in uns der Druck. Wir müssen uns durchboxen, Ellebogen raus,

Moral? Egal.

Darum kann und soll diese Geschichte nicht beginnen mit einem „Es war einmal“.

Sie beginnt mit einem „Es ist.“


Kompliment an Mr. Oldman

Manchmal trifft man Menschen, die einen auf besondere Art und Weise beeindrucken. Über so einen Menschen habe ich in diesem Poetry Slam-Text geschrieben. Viel Spaß dabei 🙂

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

wie es dazu kam, dass Sie ganz alleine da waren.

Ein zierlicher Greis mit weißen Haaren und stolzen Falten – sein Leben besaß sicher Momente, für die es sich lohnte, anzuhalten. Momente, in denen er liebte, träumte, Hoffnung trug und die ihn jubeln und springen ließen, und auch sicherlich solche zum Verdrießen. Sein Gesicht – eine Landkarte mit Wegeslinien so tief, und das so manche Fragen in mir wachrief.

Zu gerne würde ich für einen Moment durch seine Augen sehen und all das um mich besser verstehen. Warum ist das Schwere oft so schwer und die Liebe noch viel mehr? Warum schenkt das Meer uns so große Kraft und wie kommt’s, dass man doch irgendwie alles schafft? Warum ist Glück so zerbrechlich und warum liegen wir ganz oft falsch? Ist es nicht so? In solch‘ hohem Alter, da ist man klüger, ja weise. Denn sie war lang, schön und beschwerlich, die einundneunzigjährige Lebensreise.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

was Ihre Hände so rau und abgenutzt machte.

Hände – etwas. Worauf ich ganz besonders achte, denn:

Was mögen sie schon alles repariert haben und welche Art von Gaben haben sie verschenkt? Welche Autos haben sie gelenkt und gab es eine Hand, um die die seine angehalten haben? Wie viele Seiten haben diese Finger umgeblättert, wie viele Seiten zerrissen, wie oft ein Über-die-Worte-Gleiten? War es unverhofft oft? Und wie oft haben sie als Kind einen Blätterstrauß geflochten? Wie oft mochten sie gezittert haben, mit welchen Aufgaben haben sie sich rumgeschlagen? Und – haben sie sich schon mal geschlagen?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

warum Sie sich all die Leute so genau angesehen haben.

Abertausende von Menschen sind schon an ihm vorübergezogen, manche ganz schnell, vielleicht machten manche einen Bogen um ihn, aber es war ihm egal – oder nicht? Vermutlich hat er jemanden angehimmelt aus der Ferne, das machen wir doch alle gerne, und hat sich nie getraut, den Schritt zu wagen. Vielleicht war er der belesenste unter seinen Freunden, vielleicht der Faxenmacher, beliebt wegen seiner großen Lacher. Wurde er genug geliebt, gebraucht oder haben sich andere an ihm verbraucht? War er ein Pessimist, ein Narzisst oder gar ein Faschist seiner Zeit? Vielleicht – die Option gefällt mir besser – vielleicht war er einer von diesen Regen, die immer was bewegen und ein kleiner Revolutionär. Einer der aufstand und verstand, was er tat. Oder war er ein Unscheinbarer, dieser berühmte eine unter vielen, der eine Figur war von den Spielen anderer?  Was er wohl bereut hat in all den Jahren? Ist er überallhin gefahren, wohin er wollte oder tat er immer nur das, was er tun sollte? Gibt es heut‘ etwas, dass er lieber vergäße und eine ganz besondere Person, zu der er sich immer wieder säße?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

ob alle Leben in die gleiche Richtung gehen.

Ich frage mich insgeheim: Wie wird es wohl sein? Wie viele Falten werden mein Gesicht zieren? Ich fürchte mich vor dem Moment, geliebte Menschen zu verlieren. Wenn das Meiste vorbei ist, bekomm‘ ich da Angst? Und: kommt endlich die Ruhe, nach der ich gesucht und die ich verflucht hab‘ in der hoffentlich einundneunzigjährigen Lebensreise? Und löst sich alles auf, auf ganz eigene Weise? Werde ich vergessen, wen ich liebe oder eine wütende Alte sein? Werde ich Frieden finden oder mich ans Leben binden und dem nachtrauern, was hinter mir liegt? Und ich frage mich, wann wir alle sterben werden und wem der Tod näher ist von uns allen. Ich tue mir einen Gefallen, lege den Gedanken beiseite und lebe lieber weiter.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen.

Doch ich stand nicht auf, um kurz mal rüber zu gehen.

Ich hab‘ Sie einfach nur betrachtet,

Sie für ihr bloßes Dort-Sitzen geachtet,

denn einen Mann in diesem stolzen Alter sieht man nicht oft und unverhofft, haben Sie sich ein riesiges Stück Käsekuchen und eine passend große Tasse Cappuccino bestellt – und ich sah, dass Ihnen an nichts fehlt –  zumindest nicht in diesem Moment. Nach ihrem langen, langen Marsch haben Sie es sich verdient – bestimmt.  Und das ist ein Kompliment.


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Wo wohnt die Liebe?

Nicht alle Liebesgeschichten sind gleich. Die einen entsprechen der ultimativen Vorstellung einer solchen, andere wiederum stehen unter keinem guten Stern. Und nicht alle Liebesgeschichten sind ultra-romantisch. Ein Happy End gibt es bei vielen, aber nicht bei allen. Aber alle beginnen mit ganz großem Bauchkribbeln. Wenn die Beziehung den ersten großen Problemen und Hürden gegenübersteht, zeigt sich, ob sie die Schwierigkeiten meistert oder an ihnen zerbricht. Wächst oder vergeht. Aber ich erzähle euch heute eine etwas andere Liebesgeschichte. Eine, die noch vor dem Anfang beginnt, nämlich die Geschichte eines siebenjährigen Kindes, das versucht, die Liebe zu verstehen. Denn eine der schwierigsten Fragen, die es auf dieser Welt zu beantworten gibt, ist wohl diese: Wo finde ich Liebe? Oder – um es mit den Worten des kleinen Sam auszudrücken: Wo wohnt die Liebe?

Sams Suche begann an einem bitterkalten, Flocken-verzauberten Dezembertag, als er seine Mama, die gerade am Tisch abräumen war, genau das fragte: „Mama, wo wohnt die Liebe?“ Sie lächelte etwas gezwungen und antwortete so ehrlich sie konnte: „Im Herzen, mein Liebling, da wohnt die Liebe.“ Sam, der noch zu klein dafür war zu verstehen, dass seine Mutter selbst schon lange wieder nach der Liebe suchte, merkte nur, dass sie betrübt war. „Macht die Liebe denn nicht froh, Mama?“ „Doch, Liebe macht überglücklich! Sie macht, dass dein Herz schneller klopft und du ganz viel Farbe bekommst“, schwärmte seine Mama – die so gar nicht bunt, sondern eher etwas fahl im Gesicht aussah – auf einmal sehr überschwänglich. Hm, dachte Sam da bei sich, anscheinend kann Liebe aber auch sehr sehr traurig machen. Seine Mama war nach dieser Frage dermaßen in Gedanken versunken, dass sie gar nicht bemerkte, wie ihr Junge, dem seine Frage bei Weitem noch nicht beantwortet wurde, sich leise anzog und nach draußen in den Hof ging. Es hatte schon wieder aufgehört zu schneien und es hatte sich gerade so viel Schnee auf den Asphalt gelegt, dass sein Grau nicht mehr hervorlugte. Sam malte mit seinem Zeigefinger ein Herz in den weichen Schnee. So sah sie aus, die Liebe. Aber mehr wusste er nicht.

Der Postbote kam mit seinem kleinen weiß-gelben Auto angefahren. „Hallo Sammy, na, alles okay? Für dich habe ich heute leider keinen Brief, bloß die Zeitung kann ich dir geben. Darf ich?“ Er bemerkte, dass den Kleinen offensichtlich etwas beschäftigte, als er ihm die Zeitung durch das Eisentor hindurchreichte. „Geht es dir gut, junger Mann?“ „Ja, ich denke schon. Oder auch nicht, ich weiß es nicht so genau. Weißt du, das mit der Liebe ist ganz schön kompliziert“, murmelte Sam, während er weiter im Schnee herumstocherte. „Ach ja, die Liebe“, seufzte der Postbote, „die kann man nur schwer verstehen. Die redet manchmal eine fremde Sprache mit uns, die wir nur mit unserem Herzen verstehen können. Aber mach dir keine Sorgen: Gut Ding braucht bekanntlich Weil – und du hast noch jede Menge Zeit vor dir, junger Mann!“ Der Postbote lachte, zwinkerte Sam zu und machte sich dann wieder auf und davon, um den anderen Leuten in der Straße Zeitung und Post zuzustellen – und vielleicht den ein oder anderen Ratschlag.

Sam dachte einige Minuten über die Worte des klugen Postboten nach: Wie war das also? Auf die Liebe muss man manchmal warten und wenn sie dann kommt, dann kapiert man sie nicht auf Anhieb. Na toll. Und woher kommt sie denn dann überhaupt? Aus Spanien oder Russland? China vielleicht, denn Chinesisch ist echt schwer zu verstehen – behaupten viele Erwachsene jedenfalls.  Aber wenn das Herz Liebisch versteht – sagt man das so? – dann kann Chinesisch wohl auch nicht so schwer sein.

Das Herz. Es schien der gemeinsame Nenner zu sein in der ganzen Liebesangelegenheit. Sam hielt die Zeitung in der Hand und las ganz unten rechts: „Du brauchst nur zu lieben, und alles ist Freude.“  Leo Tolsto… Tolstoooi. Tolstoi. Komischer Name. Wahrscheinlich war es ein berühmter Sänger oder Fernsehstar. Die bringen immer so schlaue Sprüche. Dieser Satz hier klang jedenfalls sehr schlau. Fast wie der des Postboten. Wenn ich liebe, ist alles Freude? Wie ist das gemeint? Dass alles mehr Spaß macht? Sam überlegte hin und her, wurde aber sogleich in seinem Gedankengang unterbrochen.

Das Nachbarsmädchen kam vorbei und lugte durch das Tor. Ihr Name war Fiona, sie war schon neun und sehr hübsch. Sie hatte wuschelige, braune Haare und die selben Knopfaugen wie das Detektivmädchen aus Sams Lieblingssendung. Er freute sich immer, Fiona zu sehen. „Hey Sam, darf ich zu dir in den Hof kommen und mit dir im Schnee herumkritzeln?“ Der Junge spürte, wie sein Herz schneller klopfte. „Ja, klar!“, entgegnete der Junge, der mit einem Mal alle ziependen und kratzenden Gedanken beiseite legen konnte, und öffnete dem schönsten Mädchen der Welt das Tor. Es machte ihm großen Spaß, mit Fiona Handabdrücke, Figuren, Formen und Buchstaben in den Schnee zu malen – auch wenn die Hände der beiden sich irgendwann ganz schön kalt anfühlten. Aber das war egal. Wie schön der Schnee doch war! Und wie mutig die Sonne versuchte durch die dichten Schneewolken zu scheinen! Alles sah plötzlich anders aus als noch vor einer Stunde – und das, obwohl sich im Grunde nichts verändert hatte. Sam freute sich über den Nachmittag, an dem er bis jetzt nur gegrübelt hatte. Er riss die Augen weit auf. Ja: Er freute sich so! Und sein Herz klopfte dermaßen fest. Und wenn Fiona ihn anlächelte, dann …  Der Junge verstand im ersten Moment nicht, was er da spürte. War das etwa … „Warte Fiona, ich bin gleich wieder da.“ Sam rannte ins Haus, beachtete die Worte seiner Mutter nicht, die über die nassen und schmutzigen Stiefel im Haus tadelte und lief ins Badezimmer, geradewegs auf den Spiegel zu. Da! Seine Wangen waren ganz gerötet und fühlten sich warm an. „Fiona macht mich bunt!“ Sam lächelte und lief schnurstracks wieder aus dem Badezimmer. „Sam, Schatz, ist alles in Ordnung mit dir?“ „Mama, Mama, ich hab sie gefunden, ich weiß jetzt, wo die Liebe wohnt! Bei Fiona Zuhause und sie hat sie mir mitgebracht. Sieh doch Mama, ich bin bunt geworden.“

Als Sam wieder nach draußen in den Hof lief, schaute seine Mutter etwas verwundert aus dem Fenster und beobachtete ihren Sohn dabei, wie er und seine Freundin unbeschwert miteinander scherzten. Dann holte sie ein Tuch zum Aufwischen aus dem Schrank. Noch nie hatte sie beim Boden-Schrubben dermaßen gelächelt, wie an diesem Nachmittag.


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Wo die Welt einkehrte

Geschichten sind Farbkasten-bunt.

Sie haben ihren Klang und ihre Melodie.

Sie riechen nach Freiheit, nach süßer Freiheit.

Geschichten blühen und verwelken nie.

Geschichten nehmen dich überall mit,

denn sie verwandeln jeden Ort in ein Universum.


In einem abgeschiedenen Tal, irgendwo im Süden, gab es einen Ort, über dem die Wolken an fast allen Tagen im Jahr schwer hingen und das Grau schien sich nicht nur in den Häuserfassaden, sondern auch in die Natur, ihrem Gras, ihren Blumen und Sträuchern eingenistet zu haben. Die Gassen des Dorfes waren menschenleer, nur selten konnte man seine Bewohner antreffen. Es wirkte beinahe so, als hätten sich alle in ihren kleinen Häusern verbarrikadiert, als wolle niemand mit dem anderen etwas zu tun haben. Eine jede Tür und ein jedes Fenster waren verschlossen. Ab und an verirrten sich wieder Besucher in das verschlafene Dorf und ergötzten sich an der ungewöhnlichen Stille, der melancholischen Monotonie und den bejahrten, aber schmucken Häuschen. Die Leute, die hierher kamen waren erstaunt, niemandem zu begegnen, aber es störte sie nicht, ganz im Gegenteil. Sie genossen es, das nackte und unbewegliche Umfeld zu erleben und die einzige Kraft zu sein, die in den verwinkelten Straßen wirkte. Tatsächlich war es also so, dass der Ort wie abgekapselt war von all den Geräuschen, den Farben, der Ruhelosigkeit, den Bewegungen, vom Rest der Welt.

Eines Tages aber, als der Sommer seine drückend heiße Luft ins Tal schickte, zog die Welt ein ins besagte Dorf – in Form einer alten, aber kecken Frau, die nichts weiter bei sich trug als einen weiß-violett gepunkteten Sonnenschirm und einen zerfledderten, braunen Koffer, der wohl gleich viele Jahre auf dem Buckel hatte wie seine Besitzerin. Frohen Mutes schlenderte sie durchs Dörflein, in das sie sich innerhalb der ersten zwei Minuten verliebt hatte, und begutachtete einen jeden Stein, eine jede Pflanze, ein jedes Straßenschild und eine jede Abzweigung.  Sie atmete die fast unverbrauchte Luft ein und sah sich an den Dächern satt, die nach den schützenden, über sie wachenden Händen des Nebels lechzten. Ihr war bewusst, dass der Ort hier ein besonderer war, aber es war schwierig zu erklären, in welcher Form er es war. Besonders in seiner Schönheit, aber auch in einer herzbewegenden, etwas traurigen Schwere, die seine Verlassenheit heraufbeschwor.

Nach einer Weile des Herumflanierens beschloss die Alte, ihren schweren Koffer und ihren Sonnenschirm abzulegen und sich auf eine Steinmauer hinzusetzen. Die alte Frau wollte diesen wunderbaren Ort beschenken, so beschloss sie das zu tun, was sie am besten konnte: Geschichten erzählen und Magie verbreiten. Also öffnete sie ihren verschlissenen Koffer und ließ die bunten Farben ihrer Geschichten heraus, die darin eingepackt waren. Die Farben zogen ihre Kreise im Dorf, das knallige Rot klopfte an die Haustüren der Menschen, das berauschende Blau färbte die tief hängenden Wolken ein und das belebende Gelb setzte sich in die Gassen, um diese zu beleuchten. Und da rüttelte es unverhofft an den einen, dann an den anderen Fensterläden, und das Knirschen in den Türen war der Beginn einer neuen Melodie dieses verstummten Ortes. Plötzlich setzten seine Bewohner ihre Füße auf die Straße und alle, wie sie in ihrer Anzahl doch recht viele waren, folgten dem unverhofften Ruf. Sie vernahmen flüsternde Worte, die mehr versprachen zu sein als nur das. Sie waren verzaubert von dem Bunt, das in ihrem Zuhause plötzlich Einzug gehalten hatte und waren neugierig auf mehr.

Welch ein einzigartiges Bild bot sich da den glückseligen Vögeln, die gerade über das Dorf zogen! Ein Kreis von Menschen, die viel zu lange in ihren Häusern gehockt hatten, versammelte sich nun um die Frau, die die ganze Welt in einem einzigen Koffer bei sich trug, und lauschte gespannt ihrer Stimme. Eine Flut an Buchstaben, Wörtern und Sätzen strömte aus ihrem Mund, ja ein Meer an vielgestaltigen Bildern:

Süße Regentropfen. Feuriges Chili. Sandige Berührungen. Rhythmische Trommelmusik. Sich an steil abfallenden Klippen brechende Wellen. Bunte, selbstgeschnitzte Ketten. Romantische Bergkulissen. Bibbernde Nächte im Auto. Drinks im Iglu. Kreischende Papageien. Blinkende Lichter vom Dunkel des Ozeans. Leere Popcorntüten. Gänsehautverursachendes Pianogeklimper. Sehnsüchte nach Ländern, nach Menschen. Nie versendete Briefe. Fotos an Wänden. Fische, die an den Füßen kitzelten. Der Blick nach oben. Der Blick nach unten. Grenzenlose Freiheit. Rosa Wolken. Heiße Sonnenstrahlen, die das Salz auf der Haut eintrockneten.

Wie es nun mal so war, schuf auch dieser Schatz an Geschichten wiederum neue Bilder, Erinnerungen und Erzählungen; in diesem Falle waren es die lauschenden Menschen inmitten eines Dorfes, die bisher ihre Ohren verschlossen hielten. Aber die Türen waren jetzt offen und die Fenster nicht mehr verdunkelt und die karge Umgebung wich etwas Prächtigem – fast so, als sprühte jemand mit einer Farbdose ein Graffiti auf die Gemäuer, Häuser und Straßen. Fast so, als streute jemand bunten Glitzer in die Luft, der genau dort liegen blieb, wo es ihn brauchte. Fast so, als wuchsen aus jedem Riss des Asphaltes kleine bunte Blümchen. Fast so, als hätte ein großer, in Wasserfarben getauchter Pinsel über das Stadtbild gewischt und einen Regenbogen darauf hinterlassen. Und jede Geschichte, die die alte Frau aus ihrem Koffer packte, bewirkte dieses Wunder ein kleines bisschen mehr. Sie freute sich darüber, dass die Menschen, die ihr Gehör schenkten, nun bis über beide Ohren strahlten und schon alleine deshalb veränderte sich der Ort. Es wurde heller und – weil das Geschichten nun mal mit der Welt so machen – bunter. Viel viel bunter.


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Bucket List

Jede/r von uns hat insgeheim eine To-do Liste in seinem Kopf von Dingen, die er irgendwann mal gerne tun würde oder wiederholen möchte. Das ist gut so. Denn uns ist nur ein Leben geschenkt, also sollten wir das Beste rausholen. Und ein Abenteuer daraus machen.

Will auf anmutigen Bergen meine Höhenangst bezwingen,

Und auf lauten Konzerten meine Seele raussingen.

Möcht‘ im einsamen Haus lesen und malen sowieso,

Was Herz und Hand schaffen, macht mich dermaßen froh.

Will in Leuchttürmen schlafen und draußen im Freien,

Und all unsere Sorgen ins Meer hinausschreien.

Möchte tief tauchen und Delfine anfassen,

Und Fotografieren in den verwinkelten Gassen.

Möchte meine Füße gern vergraben im Sand,

und hollywoodreif tragen ein funkelnd` Gewand.

Ich liebe die Lichter, so bunt, dieser Stadt,

und an Blumen und Bäumen seh‘ ich mich nicht satt.

Möchte fremde Kulturen bestaunen und ihre Menschen versteh`n,

denn nur was man fühlt, kann man auch richtig sehen.

Möcht‘ etwas lernen, was ich bei Weitem nicht kann,

und noch so viel probieren, was ich noch nie getan.

Möcht‘ an reißenden Klippen den Wind im Haar spüren,

und mit dem was ich tue, die Menschen berühren.

Will im Wasserfall duschen und im Heißluftballon fliegen,

beim Anblick von was Großem Schnappatmung kriegen.

Unglaubliche Wege gehen mit denen, die ich mag,

Und die Dinge so meinen, wie ich sie sag.

Mag an Büchern riechen und Geschichten schreiben,

um alle Gedanken dorthin zu vertreiben.

Der Regen soll begießen meine Haare patschnass,

und das Herz soll tanzen nach genau jenem Bass.

Will neues entdecken, ob hier oder dort,

es gibt überall Magisches – an egal welchem Ort.


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Die Bestie, ihr Begleiter

Es schien, als ob lautlose Schritte über den Asphalt huschten. In Wirklichkeit waren es insgesamt sechs Beine, die die breite, menschenleere Straße entlang liefen. Zwei von ihnen allerdings, es waren die Kinderbeine eines Mädchens, glaubten, alleine ihren Weg zu gehen. Unangestrengt, leichtfüßig. Sie bemerkten die anderen gar nicht und darum gingen sie in ihrem eigenen Tempo. Fröhlich, unbeirrt, erwartungsvoll.

Viele, viele Jahre war der Weg der Leichtfüßigen der selbe. Mal hatten sie laute Menschen an ihrer Seite, mal leise, mal welche, die viele Kilometer mit ihr gingen. Manche blieben nur kurz bei ihr, andere blieben. Aber wie es nun mal so ist, auf diesem langen Weg des Lebens, hat man ihn am Ende doch irgendwie alleine zu bewältigen. Auch der des Mädchens war manchmal anstrengend, steinig und steil und umständlich zu begehen, aber sie meisterte ihn mit Bravour, Optimismus und kindlicher Unbekümmertheit. Jeden einzelnen Meter davon. Und so war sie immer schwebend und es war tatsächlich so, dass man sie kaum vernehmen konnte, diese leichtfüßigen Kinderbeine jenes Mädchens, das noch nicht ahnen konnte, wie stark sie war.

Die vier anderen, unbemerkten Beine gehörten einem wilden Tier, das mal zahm und umgänglich, aber auch ungestüm und grausam sein konnte. Es zerfleischte und riss einen in tausend Stücke, bevor es dann zum besten Freund werden konnte. So kann man sagen, dass dieses Tier auch der einzige treue Begleiter unserer Leichtfüßigen war. Ihr war der beharrliche Weggefährte lange Zeit egal, da es das Vieh nie so richtig bemerkte. Aber irgendwann fletschte es dann doch seine Zähne. Und die Leichtfüßige erschrak sich vor dem blutrünstigen Maul, das ihren Weg, den sie so lange ja beinahe schwebend beschritten hatte, in tausend Stücke riss. Der Asphalt brach auf, verschlang alles Grüne und Blühende, das am Wegesrand aus der Erde sprießte und die Straße glich mehr und mehr einem Trümmerhaufen, von dem unsere leichtfüßigen Kinderbeine nicht mehr herauskommen vermochten. Plötzlich knirschte und knackste es unter ihren Fußsohlen und die Leichtfüßige wusste gar nicht mehr wohin mit den vielen Eindrücken. Mit dem Chaos vor ihren Augen, dem Lärm unter ihren Beinen und dem Schmerz in ihrem Inneren. Sie weinte und die Menschen um sie herum, die ihr Leben lang nichts anders versuchten, als das Mädchen zu beschützen, hatten Mühe, es in diesem Durcheinander zu tragen. Leider waren manch ihrer Versuche vergebens und Kämpfe umsonst gefochten. Dann blieb der Leichtfüßigen nichts anderes übrig, als in das blutrünstige Maul hinein zu starren und ihm zu trotzen. Die um sich schlagenden Pfoten der Kreatur abzuwehren, so gut es eben ging. So lange, bis sich das Maul wieder schloss und seine Beine den Boden wieder feste berührten. Sie sich wieder dem Tempo des Mädchens anpassten und ihre Beschützer fast genauso beruhigt loslassen konnten. Und siehe da, die Leichtfüßige zog weiter. Sie hatte einige Schrammen abbekommen und ja, womöglich auch tiefere Narben, aber sie war noch da. Und sie schritt voran.

Nein, die Geschichte ist mit diesem plötzlich auftretenden Ereignis und dessen Ende selbst nicht zu Ende, und es gibt auch kein Happy End im herkömmlichen Sinne. Denn das Ende dieses einen Ereignisses bedeutete nicht, dass das launische Tier nun seine Ruhe gab, bei weitem nicht. Je weiter die Leichtfüßige voranschritt, desto öfter und desto brutaler schlug die Bestie zu. Biss sie hier, zerrte an ihr und versuchte sie in das Loch zu reißen, das sich immer von Neuem auftat. Aber irgendwie schaffte es das Mädchen, das irgendwann kein Kind mehr war, dem immer wieder zu entkommen. Und so kam es, dass die Leichtfüßige zu ihrem zwielichtigen Begleiter eine seltsame Beziehung aufbaute. Sie verabscheute das Tier an ihrer Seite und liebte es zugleich. Sie hielt Ausschau nach ihm und fürchtete sich gleichzeitig vor seiner Rückkehr. Sie verachtete es und verehrte es zur gleichen Zeit. Es war ihr schlimmster Feind und doch ihr verlässlichster Freund.

Einmal, als der Weg der Leichtfüßigen sie auf einen wiesenbehangenen Hügel führte und es ein dunkler Tag voller Wolken und Regen war, kam es zu einem heftigen Kampf zwischen ihr und dem Vieh. Noch nie zuvor hatte die Leichtfüßige dermaßen Widerstand leisten müssen. Aber  auch dieses Mal ließ sie sich nicht unterkriegen. Als sich die Bestie endlich wieder beruhigt hatte und selbst müde war von dem Unfrieden, den es wieder einmal gestiftet hatte, suchte es Schutz unter einer Baumkrone. Irgendetwas war nach diesem letzten Angriff anders und aus irgendeinem Grund konnte die Leichtfüßige ihn zum ersten Mal richtig sehen. Sie wusste nicht ganz, was sie von der erschöpften Bestie halten sollte, die sich wieder einmal die Zähne an ihr ausgebissen hatte und wusste auch nicht, ob sie etwas zu ihr sagen sollte. Also setzte sich die Leichtfüßige unter einen zweiten Baum und wartete. Beobachtete ihren langjährigen Begleiter, der sie so oft verletzt, aber gleichzeitig dermaßen stark gemacht hatte. Sie starrten sich an, die Leichtfüßige und ihr Begleiter und es geschah in diesem Moment nichts weiter, als dass die Erde um sie herum sich weiterdrehte, der Regen vom Himmel fiel und das Gras auf dem Hügel nass und nasser wurde. Nach einigen Minuten erhob sich die Leichtfüßige, ging zum anderen Baum und legte ihre Hand behutsam auf die Wange des Tieres. „Jetzt geh ich meinen Weg einmal ohne dich“, flüsterte sie ihm zu und seine erschöpften, aber treuen Augen verrieten ihr, dass ihr Begleiter sie für eine Zeit lang ziehen lassen, aber eines Tages ganz bestimmt wieder an ihrer Seite laufen würde. Weil er in ihrem Schatten wohnte.


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