Reisetatsachen oder: Was das reisen mit mir macht

Einsteigen.

           Losfahren.

Wegfahren und Meter für Meter werden Sorgen, Gedanken und negative Gefühle kleiner. Sie werden weniger und so vieles wird mehr.

Die Freiheit, Unbekümmertheit, die Offenheit. Durchatmen. Mein Herz blüht, weil es neue Gerüche aufnimmt. Bisher völlig unbekannte Bilder. Neue Emotionen.

Mein Herz wird ruhiger, wo es vorher dermaßen unbeholfen war. Schlägt gleichmäßiger.

Entspannter.

Eine jede Pore meines Körpers öffnet sich und saugt das Drumherum auf. Oh ja, wie ich alles aufsauge! Geräusche, Postkarten- und Fotomotive, kleine Details an den entlegensten Winkeln, „Sekundenbegegnungen“.

Die Finger an Hauswänden entlang gleiten lassen, die ich noch nie gespürt habe, und Sand auf meine Haut rieseln lassen , weil es sich einfach gut anfühlt. Einen jeden Stein drehe ich um und begutachte ihn. Eine jede Haustür, einen jeden Bewohner, menschlicher und tierischer Natur, und vor allem den Horizont, der überall auf der Welt anders aussieht. Aber meistens unbeschreiblich.

Die Sonne scheint wärmer, der Regen schwemmt die Überbleibsel an Ballast fort und der Wind erweckt mich zu neuem Leben.

Und ich denk mir:

             Endlich wieder eine neue Welt dieser Welt kennengelernt!
Wie unglaublich du bist, Erde!

Einen Ort Kennenlernen –

                              Liebenlernen –

                                               um ihn dann wieder loszulassen.

Ein kurzer Schmerz, der manchmal etwas länger anhält, aber niemals die schöne, die wunderschöne, tiefgehende Erinnerung an die Reise überdauert. Denn diese ist eine der wenigen Unendlichkeiten im Leben.

Tatsache.


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Kalter Sand

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Die Küstenlandschaft auf dem Bild habe ich an einem windigen und recht kühlen Julitag von einem grasbewachsenen Hügel aus, auf Sylt geschossen. Wir liehen uns an jenem Tag Fahrräder von unserem Hotel im verschlafenen Örtchen Hörnum aus und erkundeten die Südseite der Insel aus. Wir, das waren mein Freund, meine beste Freundin, deren Freund und ich nebenbei bemerkt. Eine kleine feine Truppe in einem kleinen feinen Örtchen auf einer kleinen feinen Insel- ein Urlaubswochenende definitiv mal anders, aber durchaus empfehlenswert.

Zurück zu dem Foto, zur rauen See und der Unendlichkeit, die ein Horizont am Meer mit sich bringt. (Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber am Meer spüre ich immer einen Hauch von Freiheit in mir. Das liebe ich) Aber weiter im Text…  Alles ist ein wenig in dieses düstere, jedoch harmonische Grau getaucht, die der Himmel an diesem Tag herbeigetragen hatte. Das Meer, dazu diese wilde, unberührte Natur, vom Nordwind nach unten gebogene Grasbüschel und der menschenleere Strand… Einfach ein herrlicher Anblick. Menschenleer? Nicht ganz. Beim genaueren Hinsehen entdecken wir zwei einsame Gestalten, nebeneinander gehend, auf diesem weiß-beigen Strandabschnitt. Damals, als ich auf diesem Hügel stand und hinunterblickte, beneidete ich die zwei um diesen einzigartigen Moment, denn wann hat man denn schon einen ganzen Strand für sich alleine? Es war zweifelsohne wunderschön dieses Bild, das sich uns bot und trotzdem barg der Anblick der zwei Menschen ein Krümelchen von Melancholie in sich. Worüber mochten die Beiden reden? Was hat die zwei dazu bewogen, diesen einsamen Spaziergang anzutreten?

„Willst du nicht lieber auf dem trockenen Sand laufen?“ fragte Marleen ihren jüngeren Bruder. „Du wirst dir noch zusätzlich eine Erkältung holen!“ „Was macht das schon. Vielleicht beschleunige ich die ganze Angelegenheit, dann hat sich die Sache bald gegessen.“, erwiderte Paul schroffer als beabsichtigt. Dabei ging es dem 32-Jährigen nur darum, den nassen, kalten Sand unter seinen Fußsohlen zu spüren. Weil es das letzte Mal sein könnte. Das war alles, was er in den letzten Wochen denken konnte: Das ist wahrscheinlich mein letztes Mal. Ein letztes Mal am Strand spazieren, ein letztes Mal einen Familienurlaub genießen… selbst bei banalen Sachen war die Frage immer dieselbe: Ist das meine letzte Fahrt mit dem Bus, ist das mein letzter Einkauf im Supermarkt, ist das meine letzte Dusche? Es war schrecklich und Paul wusste nicht, ob es normal war, einer jeden Handlung solch eine große Bedeutung zu legen, aber er tat es. Taten das alle sterbenden Menschen? Er hatte für sich die Theorie aufgestellt, dass es nur diejenigen taten, die noch nicht bereit waren zu sterben. Leute wie er, die eigentlich noch zu jung waren, die, die ihre Kinder noch nicht aufwachsen haben sehen, die, die noch ihr Motorrad nach Jahren aus der Garage holen und aufmotzen und diese klebrig süßen Makronen in Paris essen wollten, die noch die unzähligen Geschenksgutscheine für alle möglichen Aktivitäten  einlösen wollten. Die Leute, die noch leben wollten. Aber das Schicksal meint es nicht gut mit manchen Menschen. Paul traf es gleich doppelt hart. Vor zwei Jahren hatte ein besoffener Autofahrer seine Frau niedergefahren, und dann musste man noch von Glück reden, wenn man bedenkt, dass sein damals  drei Monate alter Sohn in dem Kinderwagen völlig unversehrt geblieben war. Wie er es geschafft hatte, seinen Kleinen durch diese 24 Monate zu bringen ohne ernstere Zwischenfälle, wusste er bis heute nicht. Klar, Marleen und seine Mutter halfen ihm durch die schwere Zeit und gaben ihm Sicherheit, wo sie nur konnten, aber all die Nächte, in denen der Kleine zahnte oder fieberte, all die zehrenden Tage, in denen es Tränen und Geschrei gab, und Paul nicht wusste, warum, all diese schwierigen Momente hatte er alleine gemeistert. Das machte ihn irgendwie stolz und er genoss es, Papa zu sein von einem schlauen, kleinen Kerl. Nun aber stand ihm die schwierigste Prüfung bevor: Wie sollte er seinem Sohn sagen, dass sein Papa auch bald nicht mehr da sein würde, um mit ihm zu spielen, ihn zu füttern und ihm zu helfen, wenn es beim Jacke anziehen mal wieder zu schwierig wird? Wie sollte er ihm sagen, dass er ganz bald nicht mehr zuhause leben würde, sondern bei seiner Tante und seinen zwei Cousins? Das war nicht fair. Paul hatte zwei Jahre alles gegeben, und nun würde er sein Kind nicht mehr durchs Leben begleiten können. Der aggressive Tumor in seiner Bauchspeicheldrüse ließ das nicht mehr zu. Noch maximal zwei Monate, sagte man ihm vor vier Wochen. Halbzeit. Wenn überhaupt. Kurz nach der ernüchternden Diagnose hatte Paul mit seiner Familie samt Kind und Kegel diese letzten Ferien auf Sylt gebucht, er wollte sich, aber vor allem dem Kleinen noch ein Stückchen Unbeschwertheit schenken. Außerdem wollte er mit Marleen alles klären. Für den schlimmsten Fall, der nun mal unweigerlich eintreten würde.

Und hier waren sie nun, an diesem kühlen, verwehten Tag. Sie vereinbarten, dass Paul mit dem Kleinen auf jeden Fall nach ihrem Aufenthalt hier auf der Insel schon zu Marleen, ihrem Mann und deren Kinder ziehen würde, damit sich für den Kleinen nach Pauls Tod nicht alles auf einmal veränderte und er sich schon einleben kann. Damit sich alle aneinander gewöhnen können, damit jeder den anderen noch mal intensiver kennenlernt. Es war für Paul ein Trost zu wissen, dass sein Sohn bei Marleen aufwachsen werden würde. Sie war ihm immer eine tolle Schwester gewesen  und war eine gute Mutter für ihre Kinder. Gleichzeitig tat es ihm im Herzen weh, den Kleinen irgendwo „abzugeben“. Der Junge konnte das doch nicht verstehen. Er war zu klein. Paul stellte sich außerdem die Frage, ob sich der Kleine später an ihn erinnern würde? Auch das wird nicht der realistische Fall sein. Die Ereignisse, die sich so früh in der Kindheit abspielen, waren später nicht mehr in den Köpfen der Menschen, sondern lediglich auf Erinnerungsfotos Teil ihrer Geschichte. Dieses Wissen, dass sein eigenes Kind ihn vergessen würde, tat ihm dermaßen einen Stich ins Herz, dass Paul beschloss, zumindest noch eine Handvoll Erinnerungen zu schaffen und festzuhalten, die Marleen später dem Kleinen immer wieder zeigen und von denen sie ihm erzählen konnte.

„Ich habe Briefe, die ich Nils geschrieben habe, ich möchte, dass du ihm jedes Jahr an seinem Geburtstag einen gibst. Ich habe sie beschriftet, sie reichen bis zu seinem 18. Geburtstag, dann sind mir die Ideen ausgegangen, was ich denn schreiben könnte“, sagte Paul mit einem unsicheren, ein wenig gekünstelten Lachen, „außerdem habe ich mir immer ausgemalt, wie aufregend es wäre, wenn wir zusammen mal ins Legoland fahren, wenn er endlich alt genug dafür ist. Daraus wird ja leider nichts mehr… Übernehmt ihr das für mich bitte?“

„Aber natürlich“, erwiderte Marleen leise, „das macht ihm sicher riesigen Spaß.“

„Ansonsten haben wir im Großen und Ganzen alles besprochen, wegen Kita, Schule usw. Und den Rest… ach ihr werdet das schon schaukeln.“ Kurz herrschte eine Stille zwischen den Beiden, als sie nebeneinander am Strand entlangliefen. Marleen blickte auf die hohen Grashügel links von ihnen, Paul schaute aufs Meer hinaus. Wie gut dieser Anblick tut, dachte er und wandte sich wieder Marleen zu. „Ich bin noch nicht dazugekommen, aber du sollst wissen, dass ich dir wirklich wirklich dankbar bin, dass du das für uns tust. Es lässt mich zumindest ein bisschen leichter von dieser Welt gehen. Ich weiß, Nils wird es gut bei euch haben. Danke.“

Marleen war die letzten Wochen immer sehr stark gewesen, jetzt flossen die Tränen nur so über ihre Wangen. „Wir versuchen unser Bestes, und wir werden die Erinnerung an dich wahren“, schluchzte sie, „du warst ein super Papa und hast das alles alleine so gut gemeistert… Du bist der beste Bruder, den man sich wünschen kann!“

„Ach komm her, du…“ Paul nahm seine weinende Schwester in den Arm und so standen sie da. Minutenlang. Minuten, in denen Paul in Gedanken und emotional seinen Sohn seiner Schwester gewissermaßen schon überreichte. Von einer Seele zur anderen. Mit dem Rauschen der Wellen und dem Wind um ihre Köpfe nahmen sie schon Abschied voneinander, denn vielleicht war es ja das letzte Mal, dass sie nur zu zweit miteinander verweilen konnten.

„Noch um einen kleinen Gefallen möchte ich dich bitten, bevor wir zu den anderen zurückspazieren.“

„Alles was du willst, Paul!“

Dieser zog sein Handy aus der Jackentasche und drückte es Marleen in die Hand.

„Ich möchte für den Kleinen noch ein Video machen. Es soll kein Abschiedsvideo sein oder so, ich möchte ihm einfach nur noch ein paar Sachen sagen und mitgeben, die er jetzt noch nicht verstehen kann, aber irgendwann.“

„Alles klar, einfach hier vor dem Meer? So richtig kitschig?“ scherzte Marleen und wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht.

„Wenn schon, denn schon!“  schmunzelte nun auch Paul.

„Und wann soll ich ihm das Video zeigen?“ Marleen schaltete auf Kamerafunktion, suchte die günstigste Position und richtete das Handy auf ihren Bruder.

„Wenn du es für den richtigen Moment hältst“, Paul schloss die Augen und atmete tief durch. „Also los…“

Die andere Frau

Vor einigen Jahren machte ich mit einer Freundin einen Backpacker-  Urlaub in den USA. Wir statteten während unseres Abenteuers auch der Hippie- Metropole einen Besuch ab und ich kann euch sagen: San Francisco ist wunderwunderschön, but there`s a lot of crazy People… really crazy People!!!

Ich erinnere mich an eine Frau- wir begegneten ihr auf dem Bürgersteig auf dem Weg zur Bushaltestelle- sie war nicht besonders alt, aber sie wirkte verbraucht, erschöpft und fern der Realität. Sie redete und schimpfte mit jemanden, der gar nicht da war und wirkte in ihrer imaginären Konversation sehr aufgelöst. „Shut up!“, rief sie, „shut the fuck up!“ Ihren wirklichen Namen kenne ich natürlich nicht, aber ich nenne sie Elli, weil  San Francisco`s Straße mit den unzähligen verrückten und bedauernswerten Gestalten eben die Ellis street ist. Und dies ist Ellis Geschichte…

Elli hatte einen harten Start in diesen Morgen, weil die Tabletten, die sie am Tag zuvor genommen hatte, wie so oft, nicht anschlugen. Sie wachte früh auf, mit einem hämmernden Kopf und schwitzend auf dem Sofa liegend. Die Stimmen hatten sie aufgeweckt. Die Stimmen, die mit ihr sprechen, wenn die Tabletten nicht ihre Wirkung zeigen. Ruckartig erhob sich die dünne Frau mit den zitternden Händen und dem für ihr Alter schon sehr eingefallenen Gesicht, zog sich an und ging ins Badezimmer um sich das Gesicht zu waschen. Das eiskalte Wasser auf der Haut fühlte sich gut an und für den Moment waren die Stimmen verschwunden. Mit Kopf und Armen ins Waschbecken gebeugt verharrte sie in der Position und ließ das Nass an sich heruntertropfen. Als sie sich anschließend im Spiegel betrachtete, sah sie auch die Person hinter sich. Sie erschrak nicht, denn diese Frau, die hinter ihr im Spiegelbild zu sehen war, kam jeden Morgen zu ihr. „Was willst du hier schon wieder?“ fuhr Elli sie fauchend an. „Dasselbe wie immer,“ antwortete die Frau, die beinahe genauso aussah wie Elli. Etwas jünger, mit einem strahlenderem Gesicht vielleicht, vitaler wenn man so will und die kastanienbraunen Haare gewaschen und gepflegt. „Ich leiste dir Gesellschaft und will dir helfen, dass du wieder du selbst wirst.“ „Dazu brauche ich dich nicht, das schaffe ich ganz gut alleine, also mach, dass du hier verschwindest!“ Elli drehte sich um und tatsächlich war die andere verschwunden. Na also, dachte sie bei sich und machte sich auf den Weg in die Küche, um Kaffee zu kochen, guter Dinge, dass der heutige Tag besser werden würde, als die letzten. Doch sie täuschte sich. Die andere Frau stand an ihrem Herd und hatte den Kaffee aufgesetzt, und den Tisch reizend für das Frühstück gedeckt. Dieser hübsche, perfekt anmutende Frühstückstisch mit den penibel gefalteten Servietten, dem guten Hochzeitsgeschirr und den orangen Tulpen passte nicht in diese Wohnung. Nicht mehr. Es war hier mal nett und ordentlich gewesen, doch das ist schon lange vorbei, Elli schaffte es ja kaum, saubere Kleidung in den Räumen zu finden,  geschweige denn, die Fenster zu putzen oder frische Blumen in eine Vase zu geben.

„Schau nur, früher hat es an deinem Tisch immer so nett ausgesehen, als du noch für deine Familie zu sorgen hattest.“ „Halt den Mund! Ich dachte, du wolltest gehen!“ „Aber nein, Elli, ich verlasse dich nicht wie dein Ehemann, immerhin hast du einen Verlust zu verarbeiten. Ich bin stark genug, um dir über den Verlust von…“ „Sei still, hab ich gesagt! Sei still und verschwinde!!“ brüllte Elli sie explosionsartig  an und schlug die Tassen und Teller vom Tisch. „Nanana, jetzt trinkst du erst mal deinen Kaffee und nimmst deine Tabletten und dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“ beruhigte sie die Andere mit ruhiger Stimme.

Jetzt wurde es Elli zu viel. Sie spürte wie sich der Raum vor ihren Augen weitete und wieder zusammenzog und wie die Stimme der anderen Frau leiser wurde und die Stimmen in ihrem Kopf wieder lauter. Sie hörte das Klopfen an der Haustür und das Rufen der besorgten Nachbarin wie so oft nicht, sondern bohrte ihre Fingernägel durch das Haar in die Kopfhaut und schloss die Augen, was aber alles noch verschlimmerte. Die Andere kam nun auf sie zu und wollte sie festhalten, aber Elli schrie, fing an zu heulen und stürmte aus ihrer eigenen Wohnung. Sie schubste Mrs. Averton aus der Nachbarwohnung, die vor der Tür wartete und helfen wollte, zur Seite und rannte den langen Flur und die Treppen hinunter auf die Straße. Die andere Frau folgte ihr und versuchte immer wieder auf sie einzureden, aber Elli war so in Rage, dass sie beinahe von einem Auto angefahren wurde. „Elli, wenn du dich nur zusammenreißen würdest.. die Leute starren dich schon an!“ hörte sie die andere sagen. Sie drehte sich um und brüllte: „Halt dein Maul, halt dein verdammtes Maul!!“

Aber die andere Frau hatte wohl recht. Alle starrten sie an. Auch wir, meine Freundin und ich konnten nicht wegschauen, wir wollten zwar, konnten aber nicht. Ich dachte nur: Was musste dieser armen Frau nur widerfahren sein, dass sie weinend und wütend auf der Straße steht und jemanden anschreit, der gar nicht vor ihr steht…