Matilda

Neue Orte beflügeln mich und meine Fantasie. So hat das auch Venedig geschafft. Dieses Mal gibt es wieder mal eine etwas düstere Geschichte … 😉

Die heiße Dusche tat gut. Nicht, dass sie den Geruch nicht mochte, der nach der dritten Liebesnacht mit Adam an ihr haftete. Ganz im Gegenteil. Es war dermaßen gut gewesen, dass sie befürchtete, ohne eine Dusche, die sie aus diesem Traum rausholte, gar nicht mehr einschlafen zu können. Irgendwie wusste sie schon bei ihrer ersten Begegnung hier in Venedig, dass sie zusammen im Hotelzimmer landen würden. Vielleicht war es die Romantik, die die Stadt versprühte, vielleicht war es der Reiz des Neuen und Unbekannten, vermutlich war es beides. Sie mochte diesen Kerl wirklich, aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, was nach dieser Woche in Italien passieren würde. Nichts desto trotz genoss sie es, ihren Kopf auf Stand-by zu schalten, die heißen Wassertropfen das Gesicht runterlaufen und das Rauschen auf sie einprasseln zu lassen.

War das Adam? Matilda öffnete die Augen, hielt inne. Plötzlich war etwas seltsam. Sie drehte das Duschwasser ab. Da. Ein Rumpeln, ein dumpfes Stöhnen. Was war hier los? In dem Moment, als sie den Duschvorhang zurückzog, kamen zwei Männer ins Bad gestürmt. Alles ging so schnell, der Glücksmoment von eben verwandelte sich in lähmende Panik. Matilda spürte, wie ihr einer der Unbekannten ins Gesicht schlug, packte und aus der Dusche zog. Der andere drehte das Wasser wieder voll auf, damit niemand im Nachbarzimmer die unangenehmen Geräusche vernahm. Sie wurde bäuchlings zu Boden gedrückt, ihr Kopf zuerst gegen die Fließen geschlagen und dann unsanft in Richtung des Schlafzimmers gedreht. Adam lag im Bett, unbekleidet, geknebelt, gefesselt und mit blauen Flecken übersät. Hätte sie nicht gewusst, dass er es war, sie hätte ihn nicht wiedererkannt, dermaßen hatten sie ihn zugerichtet. Er schaute verzweifelt zu ihr und versuchte sich loszureißen, zu schreien. Doch es half alles nichts. Matilda spürte, wie die Tränen ihr über die Wangen liefen, während die zwei Männer sie nacheinander vergewaltigten und immer wieder auf sie einschlugen, wenn sie eine Bewegung der Gegenwehr machte. Sie roch Alkohol und ihre stinkenden schwitzenden Körper auf ihr; sie sah die Hilflosigkeit in Adams zerschundenem Gesicht. Dann schloss sie die Augen und sah sich neben Adam liegen, die Hand schützend auf seinen Kopf gelegt. „Psst, psst, psst … Alles wird gut“, hörte sie sich selbst sagen. Alles drehte sich und zuckte.

Irgendwann ließen sie von ihr ab. Ließen ihren nackten, blutüberströmten Körper halbtot auf dem kalten Badezimmerboden liegen. Völlig benommen musste sie mit ansehen, wie die unbekannten Männer mit einem Messer auf Adam losgingen und auf ihn einstachen. So lange, bis sein durchdringendes Klagen verstummte und er regungslos liegen blieb. Sie sah, wie sich die weißen Laken, in denen sie sich noch vor einer Stunde geliebt hatten, rot färbten. Dann verschwanden die fremden Männer, ohne Matildas leises Flehen gehört zu haben, sie mögen doch auch ihre Schmerzen beenden. Durch die Fensterläden drang von draußen das erste morgendliche Licht ins Hotelzimmer, bevor alles vor Matildas Augen verschwamm.

Sie fror, als sie zu sich kam und spürte jeden einzelnen wunden Zentimeter ihres Körpers. Ihr rechtes Auge ließ sich kaum öffnen und die Nase fühlte sich zehnmal so groß an. Es dauerte einige Minuten, bis Matilda realisierte, dass sie tatsächlich noch am Leben war und sie es schaffte, aufzusitzen. Ihre Innenschenkel waren blutüberströmt und eine jede noch so kleine Bewegung tat ihr weh. Mit Mühe schaffte sie es in die Dusche und sie wusch sich, bis sie das Gefühl hatte, sie schrubbte die Haut von sich runter. Ihr Spiegelbild war nicht mehr das ihre und Matilda fühlte sich so leer, dass sie glaubte, die Männer hatten nur ihre kaputte Hülle in diesem Zimmer zurückgelassen.

Das Schwierigste war, sich ihm zu nähern. Adam tot zu sehen. Diesen wunderschönen, lieben Mann, den sie vor einigen Tagen noch gar nicht kannte. Und nun lag er ermordet im Bett ihres Hotelzimmers. Sie musste ihn anstarren, sich das widerliche Bild einprägen, das die zwei Mistkerle geschaffen hatten. Ihr Kopf war leer. Sie rief an der Rezeption an, bat um Hilfe und legte sich dann, nur mit dem Handtuch bekleidet, zu dem Toten ins Bett. „Psst, psst, psst“, flüsterte sie. „Alles wird gut.“

Eine Woche später

Die Geschichte, die Matilda ihrer Mutter auftischen musste, warum sie später nach München zurückkehren würde, war nicht die beste, aber sie hatte sie geschluckt. Noch wusste sie nicht, ob sie ihr die Wahrheit sagen würde. Dass sie vergewaltigt und der fremde Mann, den sie mit in ihr Hotel genommen hatte, eiskalt abgeschlachtet wurde. Nicht die beste Story, die man von seiner eigenen Tochter hören möchte.

Man sah ihr das Ereignis noch an, nicht nur wegen der Verletzungen. Matilda spürte den fetten, roten Stempel, der ihr auf der Stirn brannte: Raped. Es war in ihren Augen zu sehen, man erkannte es an der plötzlichen Angst vor Männern, die an ihr vorbeigingen und ihr Blicke zuwarfen. Ihre zitternden Hände verrieten es und ihre hagere Gestalt, weil sie kaum mehr essen konnte. An Schlaf war in den vergangenen sieben Tagen im Krankenhaus ebenfalls nicht zu denken. Sobald ihre Augen zufielen, lag sie wieder im Badezimmer auf dem Boden und hörte Adam wimmern. Die Ärzte des Venediger Krankenhauses rieten ihr noch da zu bleiben, aber die junge Frau wollte die Lagunenstadt nur noch verlassen. Trotzdem wollte sie noch nicht nach Hause – ihrer Familie in die Augen zu schauen war für Matilda völlig undenkbar. Stattdessen buchte sie ein Zugticket in die Schweiz und wartete nun an den Bahngleisen. Der Bahnhof machte sie melancholisch. Obwohl sie es nicht wollte, musste sie an Adam denken und daran, dass sie womöglich zu zweit weitergereist wären. Die Tränen schossen ihr in die Augen. Wenn er sie nicht getroffen hätte, wäre er noch am Leben. Dann wäre er nicht in diesem Hotel gewesen. Matilda schluckte die Tränen mit dem Brot runter, das sie sich zwang zu essen. Es war kühl an dem Morgen und Matilda hatte sich ihren Schal um den Kopf gewickelt. Immer mehr Leute kamen zum Bahnsteig. Der Zug musste jeden Moment …

Das waren sie! Da kamen die Männer in Begleitung zweier Frauen und einem Kind. Matildas Atem begann zu rasen und ihr Körper zitterte. Wie war das möglich? Die Polizei fahndete seit jenem Morgen nach den beiden und hier waren sie, vor ihren Augen, nur einen Steinwurf von ihr entfernt. Lachten, hielten ihre Frauen im Arm. Eines der Schweine hatte sogar eine Tochter. Ob er mit ihr auch so sanft umging wie mit wildfremden Frauen? Matilda konnte das Essen gerade so unten behalten. Tränen schossen ihr in die Augen. Vergewaltiger. Mörder. Matilda atmete einige Male tief durch und schmiss ihr restliches Mittagessen in den Müll. Die beiden konnten die junge Frau unter all den Reisenden nicht erkennen. Sie hatten in ihre Richtung geschaut und hatten sie nicht registriert. Matilda schloss einen Moment die Augen. Sah Adam vor sich. Spürte den kalten Boden unter ihrem Bauch und ihren Brüsten.

Was nun? Sollte sie die Polizei rufen? Der Zug war da. Es war keine Zeit mehr. Die Mistkerle stiegen ein. Matilda wusste nicht, was sie da tat, aber sie folgte ihnen in den Wagon. Ihr Herz raste, aber es war plötzlich keine Angst mehr, die sie empfand. Nein, da war sie endlich, die Wut, auf die sie die letzten Tage gewartet hatte. Am liebsten wäre sie losgestürzt und hätte auf die Mistkerle eingeschlagen, so lange, bis sie nicht mehr konnte. Stattdessen wurde Matilda ganz ruhig und setzte sich in das selbe Zugabteil, nur einige Reihen weiter hinten. Sie schob sich ihre Sonnenbrille ins Gesicht, zog sich die Kapuze ihres Pullis tiefer ins Gesicht und beobachtete sie. Die Mistkerle unterhielten sich auf Französisch miteinander. Waren ganz normale Passagiere in diesem Zug. Zum ersten Mal hatte Matilda die Gelegenheit, sie genau zu betrachten. Sie sahen nicht aus wie Kriminelle, die sich in ihrem Familienurlaub nachts herumtrieben, Leute töteten und missbrauchten. Der eine war hochgewachsen, hatte braunes Haar und eine laute Stimme, der andere war etwas kleiner, rothaarig und wohl der ruhigere der beiden. An ihn konnte Matilda sich besonders gut erinnern. Er war es, der ihr einen Büschel Haare ausgerissen und mitgenommen hatte. Wohl als Andenken. Alle beide waren stämmig. Markant. Kräftig. Hätte Matilda die Mistkerle unter anderen Umständen kennengelernt, sie hätten wohl einen sympathischen Eindruck auf sie gemacht. Wie sie miteinander scherzten, ihren Frauen sanft die Wange küssten. Dem Kind aus dem Buch vorlasen. Matilda hätte am liebsten laut losgelacht, so absurd und surreal war diese Situation. Unweigerlich legte sich ein Schalter in Matilda um. Sie nahm ihr Telefon zur Hand, meldete sich bei der Venediger Polizei, die ihren Fall behandelte, gab ihre Informationen bezüglich der Männer und des Zuges weiter, stand auf und setzte sich auf einen Sitz neben ihren Peinigern.

„Noch knapp zwanzig Minuten bis zur nächsten Haltestelle“, sagte Matilda laut auf Englisch und blickte direkt in die Gesichter der Zwei. Die Mistkerle schienen – wie auch ihre Frauen – verwirrt zu sein. Matilda lächelte. „Das ist doch verrückt, oder? Das mit dem Sprichwort meine ich … Man sieht sich tatsächlich immer zwei Mal im Leben!“ Sie legte ihre Sonnenbrille und ihr Tuch ab. Na also. Der verwunderte Blick der Männer wich purem Entsetzen. Kreidebleich beschrieb nicht annähernd die Gesichtsfarbe, die die Arschlöcher infolgedessen bekamen. „Oh entschuldigen Sie bitte, ich bin unhöflich“, sagte Matilda lachend und stand auf, um den zwei nichts ahnenden Frauen die Hand zu schütteln. „Ich bin Matilda, wahrscheinlich haben ihre Männer noch nichts von mir erzählt, kann ich mir vorstellen. Eine süße Tochter haben Sie da. Wirklich bezaubernd.“ Flüsternd wandte sie ihr Gesicht den Männern zu. „Matilda ist mein Name, habt ihr gehört? Falls es euch interessiert, ihr Schweine.“

Matilda hatte mit ihrer lauten Ansprache bereits die Aufmerksamkeit einiger Passagiere auf sich gelenkt. Es war die Mutter des Mädchens, die das Schweigen und die Peinlichkeit schließlich unterbrach. Sie war blond, hatte ein hübsches Gesicht und sie sprach ein für Franzosen perfektes Englisch. „Das ist Franck und Alix wohl entfallen, Sie zu erwähnen.“ Ganz offensichtlich waren die Frauen nicht besonders erfreut die Bekanntschaft mit Matilda zu machen, aber sie war sich nicht sicher, ob es bloß die Tatsache an sich war, dass ihre Partner von einer Wildfremden in einem Zug angesprochen wurden, ober ob vielmehr Matildas in Mitleidenschaft gezogene Gesicht die Anspannung zwischen allen Beteiligten schürte. „Also, woher kennen Sie drei sich?“, fragte nun die zweite Frau, ebenfalls blond, aber viel unscheinbarer in ihrem Auftreten, als ihre Freundin.

„Das lasse ich sehr gerne Franck und Alix erzählen“, erwiderte Matilda nüchtern, in die sich soeben die Namen ihrer Vergewaltiger eingebrannt haben.

Die Frauen schauten ihre Männer eine Erklärung abwartend an, als der Rothaarige, offensichtlich Alix, endlich den Mund aufmachte und offensichtlich versuchte, auf Französisch seine Situation zu erklären. Matildas Französischkenntnisse waren spärlich. Er faselte irgendetwas von: „In der Bar kennengelernt … Zusammen etwas getrunken …“, woraufhin seine Frau ihm ein französisches Fluchwort an den Kopf warf. Ihr treusorgender Mann und Vater ihres Kindes schien wohl öfters mit fremden Frauen zu verkehren.

„Nun eigentlich“, unterbrach Matilda den sich anbahnenden Streit, „müssen Sie wissen, dass es nicht exakt so war. Eigentlich wollte ich die zwei Arschlöcher hier gar nicht kennenlernen … Entschuldigen Sie, dass ich hier fluche, aber ihre Tochter versteht mich ja nicht, oder? Nun, wie auch immer. Sehen Sie mein Gesicht? Das haben die zwei so zugerichtet, müssen Sie wissen.“

„Sie sind ja völlig verrückt! Würden Sie bitte das Abteil verlassen und uns in Ruhe lassen?“, zischte die erste blonde Frau sie an.

„Ich verstehe, dass Sie mir nicht glauben wollen.“ Matilda zog sich ihren Pulli aus, ihre Jeans und stand auf einmal nur in Unterwäsche bekleidet da und war nun endgültig Mittelpunkt aller Anwesenden des Zugabteils. Noch immer sah man ihrem Körper die Schändung an. „Aber ich weiß, dass ihre Männer Donnerstagnacht vor acht Tagen nicht bei Ihnen im Hotel waren. Sie sind nämlich in mein Hotelzimmer gestürmt, haben meinen Freund abgeschlachtet und mich vergewaltigt, einer nach dem anderen.“ „Jetzt reicht es aber!“ Franck stand auf und stellte sich vor Matilda, während den anderen vieren das Grauen im Gesicht abzulesen war. Das Mädchen fing an zu weinen und versteckte ihr Gesicht im Pulli ihrer Mama. „Verschwinde aus diesem Zugabteil oder ich rufe die Polizei!“, drohte Franck. „Musst du nicht, das habe ich schon erledigt. Genießt eure letzten …“ Matilda warf einen Blick auf die Uhr, „fünf Minuten in Freiheit.“

Die nächste Haltestelle wurde durch die Lautsprecher durchgegeben. Endlich kamen Zugbeamte ins Abteil, um die Ausgänge abzusichern. Franck wich zurück und seine Begleiter blieben wie gelähmt auf ihren Sitzen, die zwei Frauen und das Mädchen blickten verständnislos hin und her. Der Zug hielt an. Eine Patrouille von Polizisten wartete am Bahngleis und Matilda brach in Tränen aus. Einer von ihnen schaute Adam zum Verwechseln ähnlich, aber vielleicht täuschte sie sich auch.


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Das Haus – Teil Zwei

„Ich weiß nicht, wer bescheuerter ist“, hörte Luke plötzlich jemanden hinter sich sagen, „derjenige, der an Türen fremde Gespräche belauscht, die ihn nichts angehen oder die Vollpfosten, die sich belauschen lassen.“

Victor kam gerade die Treppen hinauf, fixierte Luke und kam näher. Selbst als er vor ihm stand und an die Tür des jungen Paares klopfte, wandte er sich nicht ab. Luke hatte endgültig verstanden, dass die letzten Tage reiner Bluff waren. Aber weshalb?

„Kommt nach unten ins Wohnzimmer, ihr habt mir mein Spielchen verdorben. Und du… kommst augenblicklich mit.“

Luke trotzte Victors Blick: „Warum sollte ich das tun?“

„Jetzt bist du noch mutig. Aber dein oberschlaues Getue wird dir schon noch vergehen. Nach unten hab ich gesagt!“ Unter seiner Jacke zog Victor eine Pistole hervor und die Kamera, über die Luke vorhin noch nachgegrübelt hatte. „Hier die abrupte Gesichtsveränderung eines vorlauten jungen Mannes, dem unverhofft  eine Pistole vorgehalten wird. Die ursprünglichen Pläne haben sich leider etwas verändert, aber ich bin überzeugt: Es wird nicht weniger unterhaltsam.“

„Was zum Geier…“

„Ich sage es noch ein einziges Mal: Geh. Nach. Unten. Ich puste dir das Gesicht weg, wenn du nicht tust, was ich dir sage!“

„Lucas, geh nach unten, bitte! Er meint es ernst“, hörte er Cara schluchzen.

Einige Augenblicke später saß Luke auf dem Sofa, Simon und Cara standen daneben. Victor stellte seine Kamera auf ein Stativ und positionierte es so, dass seine drei Hausbewohner im Bild zu sehen waren.

„Nun ist es erstmal Zeit für eine kleine Fragerunde. Unser Freund hier weiß gerade nicht, was im Moment vor sich geht, warum sich aus einem netten kleinen Aufenthalt im  traumhaften Ferienhaus, plötzlich ein Alptraum entwickelt. Aber die Frage, die ihm wohl am meisten auf der Zunge brennt ist die: Was haben meine Freunde mit der ganzen Sache zu tun? Also los, Lucas: Frag deine Freunde.“

Luke lachte verächtlich: „Die Frage, die mir am allermeisten auf der Zunge liegt, ist wohl eher die: Was für ein geistesgestörter Kerl  bist du eigentlich?“

Die patzige Antwort brachte ihm prompt einen Schlag mit der Pistole mitten ins Gesicht ein. Er brüllte vor Schmerzen und spürte, wie das warme Blut aus der wahrscheinlich gebrochenen Nase lief. Die Tränen schossen infolgedessen aus seinen Augen und er hatte größte Mühe unter dieser grausamen Mixtur aus Schmerz und Wasser, die Situation wieder halbwegs unter Kontrolle zu bekommen.

„Frag deine Freunde. Mach schon“, drohte Victor.

„Was…“, keuchte Luke hervor, „was ist hier los? Was habt ihr damit zu tun?“

Cara, die immer noch weinte, drehte ihren Kopf weg und machte die Augen zu, als würde sie so der Frage ihres Freundes entfliehen können. Es war Simon, der leise antwortete:

„Als erstes musst du wissen, dass wir nicht ohne mein Wissen hier sind. Ich wusste, was Victor vor hatte und habe Cara nichts davon gesagt. Er hat darauf bestanden, dass sie dabei ist, ich weiß aber selbst nicht warum, vermutlich, um noch ein weiteres Druckmittel gegen mich in der Hand zu haben. Und ich… ich hatte keine Wahl. Er hat mich gezwungen. Er hat mich gezwungen die paar Tage hier so zu tun, als wäre alles in Ordnung und als ob wir hier wirklich nur Urlaub machen würden. Es war der letzte Abend, an dem wir Cara eingeweiht haben in… seinen Plan.“

„Und was ist sein Plan? Bin ich zufällig ausgewählt für diesen „Plan“?“

„Ich habe Victor nach fünfzehn Jahren wiedergetroffen. Er hat mich angerufen und wollte mit mir einige Dinge klären, für die ich in der Vergangenheit verantwortlich war. Dabei haben wir über dich gesprochen und er meinte, der beste Freund und die eigene Freundin wären die ideale Reisebegleitung. Ich habe damals Scheiße gebaut, wirklich große Scheiße. Und er will mich dafür bezahlen lassen. Indem er die leiden lässt, die mir wichtig sind. Ansonsten bringt er mich um. Und Cara.“

Luke schaute verständnislos zwischen den dreien hin und her und sah, wie Victor hintertückisch grinste. Dieser fuhr fort:

„Wir verwirren ja unseren ahnungslosen Couchhocker. Immerhin hat ein Opfer das Recht dazu zu erfahren, warum es leiden muss. Und das auch noch für jemand anderen. Also jetzt mal alles von vorne: Wir schreiben das Jahr 2003″, begann Victor theatralisch zu erzählen, „Simon und ich waren die besten Freunde. Waren wir schon immer. Unsere Mütter waren bereits Freundinnen und wir erlebten einiges zusammen. Wir waren ungefähr 15, da probierten wir einige Dinge aus, Mädchen, Partys, Alkohol, aber vor allem Drogen. Es war eine hammermäßige Zeit. Aber Simon begann zu übertreiben und nahm wirklich alles, was er zwischen die Finger bekam. Ich nicht. Ich begann irgendwann, mich vermehrt auf die Schule zu konzentrieren und mich akribisch auf die Uni vorzubereiten, während Simon immer tiefer in die Szene rutschte. Eines Abends war ich ziemlich am Boden, ich stand vor so etwas wie einem Burn- Out und es kam dazu, dass er mich und meinen Bruder Kevin bequatschte, auf eine Party mitzukommen. Um den ganzen Stress und den Druck zu vergessen, unter dem ich damals gestanden hatte, ließen Kevin und ich uns auf den Trip ein, zu dem er uns überredete. Ich kann mich an kaum etwas zu erinnern. Das Zeug, das wir uns reingezogen haben, hat uns dermaßen weggebeamt, seit jenem Abend habe ich immense Konzentrationsschwierigkeiten, aber das ist nicht der Punkt. Das, warum wir heute hier sind und was unser lieber Ex-Junkie Simon heute verbüßen muss- oder besser gesagt, was Luke für ihn verbüßen muss- ist der Tod meines Bruders! Simon ist ein Mörder, nicht wahr?“

Luke blickte ungläubig zu seinem besten Freund. Ex-Junkie? Mörder? Wie gut kannte er seinen besten Freund wirklich? Anscheinend gar nicht. Nie hatte Simon auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verloren, dass er früher Probleme mit Drogen gehabt, geschweige denn ein Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Und war es wirklich wahr, dass er ihn dermaßen in die ganze Sache mit reinzog?

Simon flüsterte: „Es stimmt. Ich habe seinen Bruder umgebracht. Ich… ich habe ihn und Victor überredet zu mir ins Auto zu steigen. Ich hätte nicht mehr fahren dürfen. Er wurde aus dem Auto geschleudert, als wir den Aufprall hatten.“

„So genug geredet“, unterbrach Victor ihn, „ich habe eine Kleinigkeit für euch mitgebracht. Simon müsste sofort erkennen, was es ist, immerhin waren solche Dinger eine Zeit lang seine treusten Begleiter. Mach dir nichts draus, Lucas, das war noch vor deiner Zeit. Jetzt bist du sein Liebling. Obwohl nicht mehr lange… Genießt den Trip. Das was dann kommt, wird schlimmer, glaub mir.“

Victor legte den drei Freunden jeweils 2 Pillen in die Hand.

„Selbstgemacht. Vermutlich etwas besser, als das billige Zeug, das du uns damals untergejubelt hast, Simon. Schlucken“, befahl er.

„Ich bin seit dem Entzug damals clean, wenn ich das jetzt schlucke, war alles umsonst“, flüsterte Simon.

Luke sah, wie seine Hände zitterten und sagte: „Wir nehmen das Zeug nicht, wir wissen ja nicht mal, was du da zusammengepantscht hast.

Victor lächelte nur und meinte: „Pillen oder Pistole. Eure Entscheidung.“

Cara war die erste, die die Drogen runterschluckte. Dann Luke. Auf Simons Stirn bildeten sich Schweißtropfen und man sah ihm den Kampf an, den er mit sich selbst führte. Schon die Tatsache alleine erfüllte Victor mit großer Genugtuung. Aber schließlich schluckte auch Simon die Pillen, von denen niemand so genau wusste, was genau sie enthielten.

Schon nach kürzester Zeit merkte Luke einer Veränderung seiner Sinne. Zunächst fühlte er eine wohlige, warme Welle, die seinen Körper vom Kopf aus durchströmte und er begann sich ungewöhnlich leicht zu fühlen. Noch nie hatte er etwas Derartiges zu sich genommen, dafür war er viel zu sehr abgehärtet worden von seiner alkohol- und medikamentenabhängigen Mutter.

„Weißt du Lucas, eigentlich war es nie unser Plan heute nach Hause zu fahren. Allerdings solltest du nicht dermaßen abrupt mit der Situation konfrontiert werden, aber da die zwei Pfeifen sich bei ihrem Streit nicht sonderlich in Griff hatten, machen wir nun kurzen Prozess. Du wirst in wenigen Minuten die Kontrolle über deinen Körper verlieren, das Wohlgefühl, das sich jetzt ausbreitet, wird gleich wieder verschwinden. Zuerst machst du einen gedanklichen, kurzen und bunten Trip durch, vermute ich, und dann wirst du von Panik übermannt werden, wenn du merkst, dass du deinen Körper nicht mehr koordinieren kannst.“

Victors Worte prallten an Luke seltsamerweise ab, und die Sorgen, die er sich nun eigentlich machen sollte, schäumten nicht in ihm hoch. Er merkte, wie zufrieden er war und ließ sich ins Sofa zurücksinken. Der Raum entfernte sich von ihm, Simon, Cara und Victor waren plötzlich ganz weit weg. Er nahm die Geräusche nur noch fern wahr und spürte, wie sich farbige Punkte auf seiner Haut festsetzten. Grüne, rote und violette Tupfen zuerst in seinen Handflächen, dann kamen noch einige auf seinen Unter- und Oberarmen dazu. Er roch den süßen Duft von Karamell und gezuckertem Popcorn. Was war das? Etwas kitzelte ihn an seinem Nacken und er dachte daran, wie Cara ihn vor ein paar Tagen geweckt hatte und sah sie ganz nah vor sich. Sie kam näher, öffnete ihre Lippen und dutzende Spinnen kamen aus ihrem Mund über sein Gesicht gekrabbelt.

Ein Schrei aus Caras Richtung. Sein unerträglich juckendes Gesicht. Luke wollte das Ungeziefer von seinem Kopf verscheuchen, aber seine von Zigaretten schmerzenden und gebrandmarkten Arme blieben regungslos auf dem Sofa liegen. Durch das rauschende Nichts der eiskalten Luft hörte er Victors Stimme, die Cara anfauchte, die Klappe zu halten und sah wie dieser einen letzten Zug seiner Kippe machte und sie in Caras Gesicht ausdrückte.

Simon schrie: „Du hast versprochen, sie in Ruhe zu lassen!“ und stürmte auf Victor los. Warum wirkten die Pillen bei ihm nicht? Luke konnte nur untätig mit ansehen, wie sich die beiden jungen Männer um die Pistole stritten und wie Cara zusammengekauert auf dem Boden lag, die Hände schützend vor ihr Gesicht haltend. Noch immer spürte Luke wie die Achtbeiner in seinem Gesicht Tango tanzten und seine Gliedmaßen bleiern dalagen. Panik machte sich in ihm breit. Dann ein Schuss. Im Augenwinkel sah Luke, wie Victor in sich zusammensackte. Simon näherte sich Luke, die Waffe hielt er fest umschlossen in seiner Hand.

„Es tut mir so leid. Niemals hätte ich mich darauf einlassen sollen. Es war meine alleinige Schuld und ich hätte alleine die Konsequenzen tragen müssen. Ich hab dich mit reingezogen, um meine eigene Haut zu retten. Ich bin nicht der Freund, den du verdient hast“, sagte er mit zitternder Stimme.

Luke wusste nicht ob er es dem Rausch oder der nachlassenden Wirkung dieses Rausches zuschreiben sollte, aber erst jetzt hatte er das Ausmaß der Situation und das Ausmaß von Simons Fehlentscheidung verstanden. Um den Tod eines Menschen zu büßen, hätte er mit einem weiteren Leben bezahlt. Das seines besten Freundes. Um das eigene zu retten. Nein, er war wahrhaftig nicht der Freund, für den ihn Luke gehalten hatte.

Luke war nicht imstande zu antworten und sah noch, wie Simon zu Cara hinüberging, ihr einen Kuss auf den Kopf gab, bevor er sich dann eine Kugel in den Kopf jagte.

Wieviel Zeit seit dem Einwurf der Tabletten und den tödlichen Schüssen vergangen war, konnte Luke nicht einschätzen. Er taumelte zwischen Schlaf, Bewusstsein und dem andauernden Versuch, zu sprechen und seine Hände nach Cara auszustrecken, die wimmernd am Boden kauerte und ihren eigenen Höllentrip durchlebte, nur einen Steinwurf ihres toten Verlobten entfernt.

Als sie später im Auto saßen, waren wohl insgesamt elf oder zwölf Stunden verstrichen. Wortlos und völlig benommen hatten Cara und Luke ihre Sachen ins Auto geladen und fuhren mit dem Auto, das natürlich sofort angesprungen war, fort von dem Haus, das noch vor ein paar Tagen ihre Ruheoase gewesen war.

„Warum konnte Simon noch so handeln? Er hat die Tabletten doch genauso geschluckt wie wir“, fragte Cara mit ausdrucksloser Stimme. Luke schwieg. Vermutlich wirkten Drogen einfach bei jedem anders. Und Simons Körper war es schon gewohnt. Oder aber hatte er sie nicht wirklich geschluckt? Aber Luke antwortete nicht und hielt seinen Blick auf die Schotterstraße gerichtet.

„Ich kannte die Geschichte mit Victors Bruder. Und ich wusste, wie sehr sie ihn auffraß. Aber ich hätte nie erwartet, dass er derartige Entscheidungen treffen würde. Ich habe versucht, ihm die Sache auszureden…“

„Du hättest sofort zu mir kommen müssen! Ich dachte, so viel würde ich dir nach all den Jahren bedeuten. Wer weiß, was sie alles mit mir angestellt hätten. Mit uns… Du wirst der Polizei alles erzählen, ist das klar“, fauchte sie Luke forscher an, als beabsichtigt. Cara war genauso in diese unerwartete Extremsituation gekommen wie er, aber sie hatte mehr Zeit darüber nachzudenken, wie sie sich verhalten konnte. Sie hätte ihn warnen können, sie hätten abhauen können. Sie… Ach was sollte das? Es war zu spät. Für alles.

Keiner der beiden sagte auch nur ein Wort während der Fahrt zurück nach Hause. Die Gegend war noch trostloser, als bei der Hinfahrt. Das konnten auch die langersehnten Schneeflocken nicht ändern, die sich nun endlich aus der schweren Nebelkuppel befreiten.


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Das Haus

„Wie es hier wohl im Sommer aussah?“, fragte sich Luke. Im Moment war die Gegend, die sie seit Stunden durchquerten, einfach nur trostlos. Die weiten, flachen Felder zogen sich hin, während die tiefen Wolken sie unter ihrer Last beinahe erdrückten. Wenn es im Winter nicht schneite, dann zerstörte die kahle Jahreszeit die Wirkung eines jeden Ortes. Oder wenn es aufhörte zu schneien, und die weiße Pracht in matschigen Dreck zerfahren und zertreten wurde. Luke war im Winter viel herumgereist, und jedes Mal machte er die Erkenntnis, dass Frühling, Sommer und Herbst der Welt mehr schmeichelten als der Winter. Er erinnerte sich daran, wie grau und unfreundlich er das verschneite Berlin angesichts abgasverschmutzter Straßen und des Dauernebels empfand, dabei war die deutsche Hauptstadt eine wirklich attraktive Metropole, wie er Jahre später bei einem zweiten Besuch im Mai heraus fand. Seither versuchte er vermehrt im Frühjahr und Sommer zu verreisen, aber wenn Luke ehrlich war, war es eben im Winter besonders reizvoll von zu Hause fortzugehen, weil die eigene Heimat noch um einiges farbloser erschien, als alle anderen Orte. Aber irgendwo auf der Welt war immer Sommer.

Schlafen war nicht drin, Victor und Simon hatten so viel einander zu erzählen, dass sie, seit die vier Freunde losgefahren waren, ununterbrochen am Reden waren. Verstohlen warf Luke einen Blick nach vorne auf den Beifahrersitz und beobachtete einen Moment Cara, die es erstaunlicherweise geschafft hatte, wegzunicken und den alten Schulgeschichten ihres Verlobten und dessen Kumpel Victor zu entfliehen. Schlief wie Dornröschen und war genauso schön. Dann starrte er wieder in die Einöde, die vor ihnen lag, hinter ihnen und sie ringsum völlig umgab. Genau hierhin wollten sie schließlich, was hatte er also anderes erwartet? Monumentale Gebäude, Menschenmassen, Shoppingmalls? Der Plan der vier im Autohockenden war der, den nach-weihnachtlichen Familienfeiern zu entfliehen. Heilig Abend hatten sie noch zu Hause verbracht, aber die Koffer standen quasi unter dem Christbaum bereit. Luke für seinen Teil, ließ sogar die Bescherung sausen und verabschiedete sich von seiner Mutter und seiner Schwester direkt nach dem Essen.

„Lucas, öffne doch zumindest noch dein Geschenk“, hatte ihn seine Mutter getadelt, als er sich die Mütze über den Kopf zog und zur Tür ging. Er hatte das Geschenk nicht geöffnet und seine fluchende Mutter leerte die für sie bereits zweite Flasche Wein des Abends, während es sich seine Schwester schon längst vor dem Fernseher gemütlich gemacht hatte. Ein Haus am Arsch der Welt mit seinen Freunden und einem alten Bekannten war die deutlich bessere Alternative.

Es war nicht zu übersehen. Victor hatte nicht zu viel versprochen, als er seinem besten Freund aus Kindheitstagen von dem Ferienhaus mitten im Nirgendwo erzählt hatte. Das Haus war gigantisch, wirkte von außen sehr modern und passte so gar nicht in das Bild der bräunlich-kahlen Landschaft. Sein Chef, zu dem Victor eine fast väterliche Beziehung pflegte, hatte ihm angeboten, ihm das Haus nach den Feiertagen zu überlassen. Als dieser Simon dazu einlud, hatte er auch nichts dagegen, Luke und Cara mitzunehmen. Sie alle kannten sich von früher, aber Simon war der einzige, der mit Victor im Kontakt geblieben war.

„Wow“, unterbrach Luke das Gespräch der Zwei, „hier können wir ja noch die gesamte Fußballmannschaft zum Silvesterfeiern einladen!“

„Nur schade, dass wir nicht so lange bleiben können, was“, lachte Victor. „Aber vermutlich besser. Eure Jungs würden wahrscheinlich die ganze Hütte auseinandernehmen!“

„Hütte ist ja bescheiden ausgedrückt!“ Cara erwachte aus ihrem Nickerchen und war von dem Anwesen sichtlich beeindruckt. „War das hier mal ein Hotel oder so was?“

„Ja anfangs, aber die Besitzer haben sich verkalkuliert und mussten es ziemlich schnell wieder loswerden“, erzählte Victor, während sie die letzten holprigen hundert Meter zum Haus befuhren. „Tja, und mein Chef, der hat nicht lange gezögert, hat es als Hotel allerdings nie weitergeführt. Er hat es zu seinem Ferienhaus umfunktioniert, wenn man so will.“

„Wenn man es sich leisten kann…“ Simon grinste, während er mit seinem alten Renault die Einfahrt einbog. „Außerdem: Wer macht hier schon regelmäßig Ferien? Hier gibt es ja nichts und niemanden in der Nähe. Man fühlt sich wie irgendwo mitten in Australien…“

„Na, so verrückte Leute wie wir“, lächelte Cara kokett und küsste ihren Überlebenskünstler auf die Backe.

„Ich finde es hier auch genial! Gerade, weil es total abgeschieden liegt. Hier kommt man zur Ruhe“, schwärmte Victor, von dem man, als sie allesamt vor dem geparkten Auto standen, den Wunsch nach Einsamkeit am allerwenigsten abgekauft hätte. Er war ein typischer Businessmann, der hier draußen in seinem dunkelgrauen Anzug und den streng zurück gegelten Haaren in der trockenen und kahlen Natur genauso wenig her passte, wie das Haus, vor dem sie standen und in dem sie die nächsten fünf Tage verbringen würden.

Wenige Stunden später hatte Victor seine Büroklamotten gegen einen Jogginganzug eingetauscht, Cara hatte es sich mit ihrem Zeichenblock und einer Tasse Tee in einer Fensternische, einer Art kleinem Erker mit Lesecouch oben in der Galerie gemütlich gemacht und Simon stimmte am Küchentisch seine Gitarre, nachdem er am offenen Kamin Feuer gemacht hatte. Luke, der noch immer das Haus auskundschaftete, war vom Wohnzimmer mächtig beeindruckt, es war riesengroß (einst immerhin die Eingangshalle des Hotels) und eindeutig das Herz des Hauses. In der Mitte stand ein braunes Ledersofa, das so groß war, dass sein eigenes von zuhause locker viermal darin Platz gefunden hätte. Davor der offene Kamin, der von einer Natursteinmauer eingerahmt wurde. Eine Fensterfront an der Südseite, die vom Boden bis nach oben zum abgeschrägten Dach reichte, durchflutete das gesamte untere und einen großen Teil des oberen Stockwerkes mit Licht und Sonne, sofern diese sich blicken ließ. Auch der Rest des Hauses, die Bade- und unheimlich vielen Schlafzimmer, die Küche, sogar die Flure, einfach alles war geschmackvoll, modern und trotzdem wahnsinnig gemütlich eingerichtet. Hier ließ es sich aushalten! Luke atmete tief durch und ließ sich zurück auf sein King Size Bett fallen und schloss die Augen. Mit nichts ließ sich ein Kurzurlaub fernab der Realität besser beginnen, als mit einem kleinen Nickerchen. Und nichts, so war er sich sicher, nichts anderes würde ihn aufwecken, als der sanfte Gitarrenklang seines Freundes. Aber er irrte sich, es war etwas anderes, etwas besseres.

„Wach auf Luke“, flüsterte eine liebliche Stimme, „wach auf, es ist schon fast neunzehn Uhr!“

Er war sich nicht sicher, aber er glaubte, dass er von einem sanften Streicheln am Nacken geweckt wurde, und nicht von ihrer Stimme.

Cara lächelte ihn an. „Du willst doch nicht unseren ersten gemeinsamen Abend im Nimmerland verschlafen, oder?“

Luke setzte sich auf und fuhr sich mit den Händen schlaftrunken durch die Haare. „Nimmerland?“

„Du kennst die Geschichte von Peter Pan? Keine Ahnung, warum ich darauf gekommen bin, aber als ich heute Nachmittag angefangen habe zu malen, ist mir der Gedanke so in den Kopf geschossen. Vielleicht weil es hier keinen Fernseher gibt, keine Uhren an der Wand, von Handyempfang oder Internet ganz zu schweigen. Was ich sagen will… Irgendwie scheint die Zeit hier still zu stehen, wie in Peter Pans Nimmerland.“ Cara drehte sich verlegen weg. „Naja, und wir sind irgendwo im Nirgendwo. Ich fand Nimmerland einfach passend.“

Luke musste schmunzeln und erinnerte sich wieder mal daran, dass man Chancen ergreifen muss, wenn sie sich einem bieten. Bei Cara hatte er das nicht getan. Und nun würde sie seinen besten Freund heiraten.

„Du bist verrückt“, lachte er und schüttelte damit die kurz aufschäumende Emotion wieder ab. „Was gibt es zu essen?“

„Wir haben Spaghetti gekocht. Victor hat darauf bestanden, uns die Carbonara seiner italienischen „mamma“ aufzutischen.“

Cara ging zur Tür: „Er ist so gut wie fertig, kommst du?“

„Ich ziehe mich nur mal eben um. Cara?“

„Ja?“

„Zeigst du mir nachher noch dein Peter Pan- Bild?“

Sie lächelte: „Klar doch.“

Die Tage waren perfekt zum Runterkommen. Perfekt zum Rumhängen mit netten Leuten. Perfekt, um nichts zu tun, außer Musik zu hören, in Zeitschriften zu blättern oder in Büchern und die gefühlten hundert Zimmer des Hauses zu erkunden (wobei sie noch ein Zimmer mit einer Werkbank und einen Saunaraum entdeckten, ja sogar ein Fitnesszimmer und einen Whirlpool an der Hinterseite des Anwesens). Leckeres Essen, das mit wenig Lebensmittel, dafür mit viel Freude und Spaß gezaubert wurde, viel Wein und Gin und herzerwärmend heitere Gespräche, die bis tief in die Nacht gingen, wobei Luke immer als erster schlapp gemacht hatte.

Am Tag ihrer Abreise aber war die Stimmung irgendwie seltsam. Womöglich waren allesamt nicht besonders glücklich darüber nach Hause zu fahren, aber zumindest Victor schien richtig übellaunig zu sein und Simon und Cara wandten ihren Blick andauernd  ab, sobald Luke oder Victor versuchten mit ihnen zu reden. Klar, Luke war auch nicht davon begeistert, dass die Ferientage vorbei waren, aber nichts desto trotz musste die Laune der anderen nun den Aufenthalt dermaßen negativ beenden. Auf seinen Versuch hin, mit einem kleinen Scherz die Stimmung etwas aufzulockern, erntete er nichts weiter als ein verächtliches Schnauben von der einen und ein beklemmendes Schweigen von der anderen Seite und so entschied Luke, einfach seine Klappe zu halten. Als er seine Koffer vor die Tür stellen wollte, sah er, wie Victor eine kleine Kamera in seine Reisetasche packte. Wozu hatte er die Kamera dabei? Luke hatte die Tage jedenfalls nicht bemerkt, dass dieser Aufnahmen gemacht hätte. Wovon auch, hier draußen war es sterbenslangweilig.

Simon hatte die ersten Sachen in seine Klapperkiste geladen. „Ich starte schon mal den Motor, um die Heizung etwas vorlaufen zu lassen.“

„Verdammt noch mal!“ hörten ihn die anderen fluchen, als sie im Haus noch die Müllsäcke und leeren Flaschen zusammensuchten. „Mistkarre!“

„Was ist denn jetzt schon wieder“, schnaufte Cara genervt. Simon kam ins Wohnzimmer herein und bestätigte, was alle schon vermuteten: Das Auto sprang nicht an. Und natürlich hatte er nichts dabei, um den Motor wieder zum Laufen zu bringen.

„Das kann doch jetzt nicht wahr sein“, rief Victor und stürmte hinaus, um es selbst zu versuchen. Die anderen drei standen auf der Terrasse und sahen ihm beim erfolglosen Versuch wortlos zu.

„Packt wieder aus, sieht so aus, als würden wir hier festsitzen!“ Victor stürmte an den drei Freunden vorbei. Die Freundlichkeit der letzten Tage war –zumindest für den Augenblick- aufgebraucht. Cara und Simon gingen wortlos zurück ins Haus.

„Ich versuche, irgendwo Empfang zu bekommen“, versuchte Luke die Situation zu retten, aber Victor riss ihm das Handy aus der Hand:

„Vergiss es! Es gibt hier nirgendwo Empfang oder sonst irgendeine Möglichkeit jemanden zu erreichen.“ Victor überlegte. „Vielleicht… halt, warte… Das alte Faxgerät unten im Keller! Ich hole es nachher rauf.“

Luke atmete tief durch, um nicht unfreundlich zu werden. Stattdessen sagte er nur: „Alles klar, ich bringe meinen Koffer wieder ins Zimmer. Und mein Handy würde ich gerne mitnehmen, wenn ich darf.“

Er schaute Victor direkt an. Etwas war anders an ihm, aber Luke wusste nicht was es war. Der Stress wahrscheinlich. Stress holte nicht unbedingt das Beste aus einem raus.

Als Luke nach oben ging, um seinen Koffer wieder ins Zimmer zu stellen, hörte er, wie Cara und Simon in ihrem Zimmer miteinander stritten. Sie flüsterten, schienen aber eindeutig eine Auseinandersetzung zu haben.

„Ich dachte, wir kommen aus der ganzen Geschichte raus, und er vergisst die schreckliche Idee einfach“, wisperte Cara, die ein lautes Schluchzen zu unterdrücken schien.

„Du weißt genau, wie er ist. Victor lässt die Dinge nicht auf sich beruhen. Und wir ziehen es durch, weil wir keine andere Wahl haben. Fertig.“

„Aber… Er ist dein Freund!“

„Was sollen wir deiner Meinung nach tun? Er hat uns in der Hand und je weniger wir uns dagegen sträuben, desto besser kommen wir aus der ganzen Sache raus!“

Cara lachte. „Ach ja, glaubst du das wirklich! Wirst du damit leben können? Ich nicht. Ich hätte es wissen sollen… Dass du mich angelogen hast, verzeihe ich dir nie. Dass du mir verschwiegen hast, wer Victor ist! Nie im Leben wäre ich mitgekommen, wenn ich es von vornherein gewusst hätte.“

„Doch das wärst du Cara. Er hätte dir keine andere Wahl gelassen. Und er wird uns nicht nach Hause gehen lassen, bevor wir nicht das getan haben, was er von uns verlangt.“

„Herrgott nochmal, Simon… Lucas ist dein Freund…“

Luke entfernte sich lautlos von der Tür und er hörte sein Herz dermaßen laut pochen, dass er fürchtete, man würde es durch die Tür schlagen hören. Mit einem Mal war es so, als würde ihm jemand die Luft zuschnüren. Was ging hier vor sich?


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Das andere Leben (Teil 2)

Natürlich sah Danny die Sorokins beim Abendessen wieder. So gut es ging, versuchte Danny nicht an den Vorfall zu denken und auch nicht zu ihnen rüber zu schauen. Als der Kellner eine teure Weinflasche brachte, die die russische Familie ihnen hat rüberbringen lassen, bestand Rose darauf, sich zu bedanken und wollte schon aufstehen.

„Ich mach das schon“, intervenierte Danny. Unter keinen Umständen sollte seine Frau mit den Beiden sprechen. Wer weiß, was sie ihr erzählen würden! Also ging er selbst hinüber.

„Danny, mein Freund,“ lächelte Nikolaj freundlich, „Ich hoffe sehr, mein Wein kann ein wenig besänftigen. Haben Sie geredet mit Rose, was ist mit meinem Angebot?“

„Ich habe mit Rose nicht gesprochen, kann Ihnen jedoch versichern, dass ich meine Meinung nicht ändern werde. Und ich möchte Ihnen sagen, dass Sie uns von jetzt an bitte in Ruhe lassen sollen. Sie beide.“ Er schaute auch Oksana mit ernstem Blick an. „Kommen Sie uns nicht mehr zu nahe.“

Auf einmal tauchte Rose auf und bedankte sich doch noch persönlich. „Möchten Sie sich nachher noch mit uns auf ein Digestif an die Bar setzen?“ fragte sie herzlich.

Danny unterbrach sie, indem er sagte, dass die Sorokins schon anderweitige Pläne hätten. „Geh doch schon mal mit Sam voraus und suche uns einen schönen Platz auf der Terrasse, ich komme gleich nach.“

„Aber…“

„Geh Rose, ich komme nach!“

Nachdem Rose weg war, flüsterte Nikolaj mit ernster Miene: „Danny, Danny, Danny… Sie haben eine schlechte Entscheidung getroffen, eine sehr schlechte.“ Finster war sein Gesichtsausdruck, vom freundlichen und geselligen Mann war nicht mehr viel übrig. Es war eindeutig etwas Böses in seinem Blut.

„Jedenfalls ist es meine, ob schlecht oder nicht. Schönen Abend noch.“

Danny konnte sein Zittern nicht länger verbergen, darum drehte er sich schnell um und entfernte sich vom Tisch der russischen Familie. Er glaubte, seine Angst und sein ungutes Gefühl halbwegs abgeschüttelt zu haben, als er in die Bar zu Rose und Sam kam.

„Schätzchen, frag doch mal den Mann an der Bar, ob er noch eine Scheibe Zitrone für mein Getränk hat, machst du das bitte?“ fragte Rose den Kleinen, der hellauf begeistert war, etwas so Wichtiges erledigen zu dürfen. Danny setzte sich ohne ein Wort zu sagen hin.

„So, erzähle mir jetzt was los ist, Danny! Das war doch komisch gerade, die Situation bei den Sorokins. Ist etwas passiert?“

„Es ist alles in bester Ordnung, ich wollte nur, dass sie uns etwas mehr Ruhe als Familie gönnen.“ Was ja an sich nicht gelogen war.

„Auf einmal…? Wir sind seit neun Jahren zusammen und du bist bleicher als die Wand, vor der du sitzt. Da ist doch irgendwas vorgefallen… Du musst wirklich mit mir darüber reden, es ist absolut wichtig, dass wir uns die Wahrheit sagen!“

Danny kratzte sich nervös am Handrücken. Er konnte es ihr nicht sagen.

„Hör zu, ja, es ist etwas vorgefallen. Aber es ist nichts, was dich beunruhigen sollte oder sonst was. Ich bin auch dafür, ehrlich zu sein. Aber in dieser einen Sache, Rose, bitte ich dich, dass du nicht weiterhakst, weil es absolut nicht von Belang für uns ist. Aber es würde deine Laune wahrscheinlich trüben und ich wünsche mir so sehr, dass wir die restliche Zeit hier in Frankreich gut verbringen. Bitte vertrau mir einfach, dass es nicht die Wichtigkeit hat, um uns den Urlaub verderben zu lassen, in Ordnung?“

Eigentlich hätte Danny nun ein: „Lass mich entscheiden, was von Belang ist!“ oder ein „Was hast du nur wieder angestellt?“ von seiner Frau erwartet, stattdessen sagte sie:

„Okay!“

Sam kam mit der Zitrone für seine Mama zurück und Rose sprach darüber, dass es schön wäre, am nächsten Tag eine der nahe gelegenen Städte zu besichtigen.

„Wenn wir schon mal hier sind“, meinte sie.

Die letzten Tage verliefen erstaunlich ruhig und Dannys Befürchtungen, dass die Geschichte mit seinem Abgang im Restaurant noch nicht gegessen war, schienen sich langsam in Rauch aufzulösen. Es lief gut zwischen ihm und Rose und Sam und sie konnten die Zeit tatsächlich noch genießen. Am letzten Abend ihrer Ferien saßen sie noch lange auf dem Balkon des Hotelzimmers und gönnten sich zu zweit eine Flasche Rotwein, während Sam schon lange schlief. Später genoss es Danny, seiner Frau beim Schlafen zuzusehen, bevor er selbst mit einer Glückseligkeit einschlief, die er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Ja, er war glücklich, nur hatte er es vergessen. Das wollte er nie mehr zulassen.

Am nächsten Morgen wurde Danny von Zärtlichkeiten seiner Frau geweckt, die sie ihm schon lange nicht mehr geschenkt hatte. Er spürte ihre Hände unter seiner Bettdecke und genoss es, so aus dem Schlaf geholt zu werden. Sie setzte sich auf ihn. „Ein einfaches Guten Morgen hätte auch genügt, aber das ist auch nicht schlecht“, flüsterte er.

„Das ist die beste Art aufzuwachen,“ wisperte eine Stimme zurück, die nicht die von Rose war. Er schreckte hoch und riss die Augen weit auf. Es war Oksana, die auf ihm saß, in einem Bett, das nicht seines war. Wie konnte das sein? Wie war Danny hier gelandet? Im Bett der Sorokins, in deren Zimmer, mit der falschen Frau? Oksana war nur mit dem Hemd bekleidet, das er selbst am Abend vorher noch getragen und neben seinem Bett auf den Stuhl geworfen hatte.

„Oh Scheiße, was mache ich hier?? Wie bin ich hierhergekommen?“ Er warf Oksana von sich runter und zog sich seine Hose an. „Herrgott nochmal, was soll das? Wo sind mein Sohn und meine Frau?“ Oksana lachte und meinte trocken: „Jetzt können wir es auch beenden, wir waren ja schon mittendrin.“

„Ich. Will. Nicht. Sie. Ich will meine Frau. Wo ist sie?“ schrie er nun.

„Da hatte ich vor ein paar Tagen aber noch einen ganz anderen Eindruck. Außerdem würde ich dir raten, nicht zu viel Aufsehen zu erregen,“ sprach Oksana ruhig und mit einwandfreiem Englisch, wie Danny nun auffiel. Oksana war keine Russin.

„Wer sind Sie? Und was wollen Sie und ihr Mann von mir? Haben sie diese reiche Russen- Nummer nur gespielt?“

„Mein Mann Nikolaj ist sehr wohl Russe, ich nicht wirklich, aber das tut auch nichts zur Sache. Ich bin ab heute deine Frau, und Ivan dein Sohn. Nikolaj ist mit deiner Familie abgereist. Schon vorhin, vor Sonnenaufgang.“

„Was… was heißt, sie sind abgereist? Wo ist er hin…?“

„Du erinnerst dich an den Deal, den du nicht eingehen wolltest? Die 250.000 kriegst du wohl nicht mehr. Wenn du Glück hast, kriegst du Rose und Sam zurück. Und ab diesem Moment bist du Nikolaj Sorokin und wir sind deine Familie. Keine Fragen, kein Auffallen, kein Hilfe holen. Dir wird sowieso keiner glauben, dafür hat mein Mann… Danny hat dafür gesorgt.“

Danny schossen die Tränen in die Augen, vor Wut, vor Verzweiflung, vor Angst um seine Familie. Er stürmte auf Oksana zu und packte sie grob am Hals.

„Miststück, wo ist meine Familie? Rede!!!“

Oksana, die Mühe hatte zu sprechen, keuchte hervor: „Er… er wird sie umbringen, wenn du nicht nach Plan handelst.“

Sofort ließ Danny von ihr ab. „Keine Fragen ab diesem Augenblick“ erklärte sie weiter und rieb sich ihren Hals. „Hast du mich verstanden? Schauspielere so gut du kannst, je besser du deine Rolle als Nikolaj spielst, desto größer stehen die Chancen, deine richtige Familie lebend wieder zu sehen. Und bis dahin…“ Oksana gab ihm einen Kuss auf die Wange, als wäre es das Normalste auf der Welt, wandte sich ab, zog sich ein Kleid an und fing an, die Koffer zu packen.

„Dein Koffer ist so gut wie fertig, Schatz. Nur dein Badeetui fehlt noch, bringst du es mir bitte?“

Danny setzte sich aufs Bett und vergrub sein Gesicht in seine Hände. Das war ein Alptraum, ein schlechter Witz. Wie war er nur da reingeraten? Warum er? Warum seine Familie? Ivan kam ins Schlafzimmer und brachte seinem „Vater“ das Modellauto, das er einige Tage zuvor bekommen hatte. „Kannst du es mir reparieren, Papa? Der Reifen ist abgegangen.“

Ungläubig starrte Danny den Jungen an. Was haben Sie dem Kleinen erzählt, dass er das Ganze derart mitspielte? War es überhaupt ihr richtiger Sohn? Er wollte fragen, traute sich aber nicht. Wahrscheinlich wurde er beobachtet von Kameras oder er wurde verwanzt. Oder Oksana war die, die auf ihn aufpassen sollte. Die, die Situation unter Kontrolle halten sollte. Auf jeden Fall musste er irgendwie beobachtet werden, damit  Nikolaj sichergehen konnte, dass Danny den Zirkus auch wirklich mitspielte. Keine Fragen mehr. Er wird sie umbringen

Danny schluckte seinen Zorn und seine Tränen hinunter, atmete tief durch und versicherte dem Kleinen:

„Das bekommen wir schon wieder hin, Ivan. Komm her, gib mir dein Auto.“ Es dauerte nur zwei Minuten, bis der Reifen wieder am Wagen war. „Super, danke Papa!“ rief der Junge fröhlich und drückte ihn. Sollte Danny ihn doch fragen?

Er sah zu Oksana, die ihrem Sohn den Rucksack brachte. Allem Anschein nach bemerkte sie seine Unsicherheit und sein Vorhaben, fixierte ihn mit festem Blick und hielt den Zeigefinger vor ihre vollen, roten Lippen.

Keine Fragen mehr.

Fortsetzung folgt…

Das andere Leben (Teil 1)

Der Urlaub an der französischen Còte d´Azur war für Danny eigentlich zu teuer. Mit Müh und Not hatte er das Geld dafür zusammengekratzt, um seiner Frau Rose und seinem fünfjährigen Sohn Sam zumindest eine Woche im Paradies zu gönnen. Wenn Danny ganz ehrlich war, wäre er gar nicht erst hier, hätte gar nicht erst Urlaub genommen und säße stattdessen in seinem Büro um die Akten abzuarbeiten, die sich auf seinem Schreibtisch sicherlich schon gesammelt hatten. Seit zwei Tagen waren die Westwoods erst hier und schon jetzt hatte Danny keine große Lust mehr drauf. Er war nicht der Urlaubstyp und das tatenlose Rumliegen in der prallen Sonne war nicht seines.

Am Abend des zweiten Tages saßen die Westwoods im Restaurant, als am Nebentisch ein großgewachsener, kräftiger Mann mit seiner Familie Platz nahm. Danny schätzte, dass er in etwa fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt sein mochte. Er trug ein hellrosanes Hemd, dessen Kragen nach oben stand, eine riesige Rolex an seinem Arm und sprach mit seiner Frau auf Russisch. Diese war unglaublich schön: Jung, groß, schlank und ein Gesicht wie eine Porzellanpuppe. Die konnte doch nicht älter als sechs- oder siebenundzwanzig sein, dachte Danny und ertappte sich dabei wie er sie anstarrte. Ein enges rotes Kleid ließ erahnen, welch ein astreiner Körper sich darunter verbarg und ihre langen, dunkelblonden Haare saßen perfekt, ihr glänzender Lippenstift war fein säuberlich aufgetragen.

„Na“ unterbrach Rose sein Gaffen, „können wir jetzt bestellen oder brauchst du noch ein bisschen, um der Frau ein Loch in den Bauch zu starren?“

„Ich habe doch nur geschaut, wer unsere neuen Tischnachbarn sind“, antwortete Danny schnell.

„Ja klar, wenn ich auch mal so angeschaut werden würde von dir, dann hätten wir es zuhause auch mal wieder spannender.“

„Rose, lass gut sein!“

„Wie immer.“

Den restlichen Abend schwiegen sich die Beiden an, nur Sam schien nicht genug davon zu bekommen, von seinen neuen Freunden hier in der Hotelanlage zu schwärmen. Es ging nicht anders, aber Danny musste immer wieder zu der russischen Familie hinüberblicken. Das war doch eindeutig eine Heirat aufgrund seines Reichtums. So ein hübsches Ding hätte sich der Kerl sonst doch nie geangelt. Warum machte Rose sich nie so schick? Ja, sie war ganz hübsch anzusehen, aber seit einiger Zeit putzte sie sich nie mehr so wirklich heraus. Und deren Sohn schien sehr wohlerzogen zu sein. Hatte richtige Tischmanieren. Davon konnte sich Sam eine Scheibe abschneiden. Womit der Russe wohl sein Geld verdiente? Womit verdienten generell die reichen Russen ihr vieles Geld?

Sie schaute ihn an, die hübsche Frau. Während sie ihre Riemchensandalen zurechtrückte, blickte sie ihn direkt an, lächelte und zog mit der Hand, die eben noch am Schuh war, ihr Bein nach, bis sie sie auf dem Tisch wieder hinlegte und ihren Blick abwandte. Danny spürte, wie er von dieser kleinen Handlung sehr angetan war und hatte Mühe sich wieder auf seinen Sohn zu konzentrieren. Und Rose? Rose suchte gerade ihr Handy in der Handtasche und hatte nichts mitbekommen.

„Meine Mutter hat gesagt, sie ruft mich an und gibt mir Bescheid, wie es im Krankenhaus gelaufen ist. Es ist bald halb 10 und sie hat noch immer nichts von sich hören lassen.“ Murmelte sie vor sich hin, aber Danny war mit seinen Gedanken abwesend. Dann plagte ihn sein Gewissen und er versuchte sich auf seine Frau zu konzentrieren. Es ging ihr im Moment nicht besonders, weil ihre Mutter erkrankt war. Der Urlaub sollte sie auch davon etwas ablenken. Danny sollte sie ablenken und stattdessen schaut er irgendwelchen jungen Frauen hinterher.

„Lass uns noch am Strand spazieren gehen“ sagte er versöhnlich zu seiner Frau.

Am nächsten Tag lag Danny am Pool und las seine Zeitung, Rose wollte mit Sam in den Kinderclub. Die Sonne schien schon in diesen Morgenstunden besonders stark vom Himmel, sodass es am Strand nicht auszuhalten wäre. Während er Seite für Seite umblätterte, sah er im Augenwinkel die hübsche junge Russin mit ihrem Sohn um die Ecke kommen. Wieder konnte Danny seinen Blick nicht abwenden. Sie trug eine große, teure Sonnenbrille, einen schwarzen Bikini und hatte um die Hüfte ein schwarzes, transparentes Strandtuch gebunden. Ihre Haare trug sie zu einem hohen Rossschwanz. Sie war eindeutig ein Model, da war sich Danny sicher. Ein paar Meter dahinter tauchte auch ihr schwerreicher Ehemann auf, mit zwei Cocktails in der Hand. Die drei besetzen die Liegen direkt neben den Westwoods. Der Russe hielt seiner Frau einen Cocktail hin, woraufhin diese irgendetwas sagte.  Um nicht zu neugierig zu wirken, versuchte sich Danny auf seine Lektüre zu konzentrieren.

„Wollen sie Mojito, Kumpel?“ fragte ihn der Russe plötzlich, mit einer tiefen, aber doch laut Stimme.

Etwas überrascht antwortete Danny: „Wie bitte? Den Mojito?“

„Ja, Frau will ihn nicht, und zwei Cocktails so früh am Morgen schaffe ich nicht! Obwohl bin ich Russe!“ lachte er laut.

„Ja… ja, warum nicht. Vielen Dank.“

„Nikolaj Sorokin ist mein Name, und hier… das ist meine Frau Oksana und das mein Sohn Ivan.“

„Freut mich, freut mich sehr. Ich bin Daniel Westwood.“ Danny war etwas überrumpelt, schüttelte aber allen die Hand und lächelte freundlich. Die junge Frau sah aus der Nähe noch viel besser aus. Oksana.

„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, Nikolaj. Sie sind gestern angereist, richtig? Sie sitzen im Restaurant neben uns.“

„Jaja, gestern sind wir angekommen. Flug war zu spät, weil Privatjet konnte nicht landen, aber naja. Man glaubt, mit Geld ist alles einfacher, ist es nicht immer. Wenn Mann im Tower sagt: Nicht landen, dann dürfen auch 100 Millionen nicht landen. Aber für Rückreise passiert nicht mehr… habe schon dafür gesorgt.“

Was er genau damit meinte, wusste Danny zwar nicht, aber er wollte nicht nachhaken. „Na dann ist gut… Wie lange bleiben Sie?“

„Bis Sonntag, dann wir fliegen weiter, das ist nur Zwischenstopp.“ Mit drei Schlucken war Nikolajs Mojito leer. Oksana hatte sich fertig eingecremt, als sie aufstand und zum Pool ging. Danny kam nicht umhin, ihren makellosen Körper von oben bis unten anzusehen. Trotz seiner Sonnenbrillen schien der Russe es zu merken, denn er sagte mit lauter Stimme:

„Hübsches Ding meine Frau, nicht wahr? Jung, attraktiv und sagt nicht viel. Perfekt, nicht wahr.“ Und lachte wieder.

Danny war etwas überfordert mit der ganzen Situation, und spürte wie sein Gesicht rot wurde. Der Mojito um halb zehn morgens hatte es zudem in sich.

„Alles gut Kumpel, alles gut. Wir bestellen noch Mojito und lassen es uns gut gehen, in Ordnung?“

Als Rose mit Bobby zurückkam, saß Danny bei seinem dritten Getränk und unterhielt sich mittlerweile sehr lebhaft mit dem Russen. Sie schien über die Situation nicht besonders erfreut zu sein.

„Na da hat uns jemand aber nicht sonderlich vermisst“, sagte Rose aneckend, jedoch mit einem sehr freundlichen Lächeln. Das konnte sie gut. Danny machte sie bekannt und erstaunlicherweise war Nikolaji so charmant zu Rose, dass sie ganz ehrlich verlegen wurde von seiner höflichen Begrüßung. Danny kam es beinahe so vor, als hätte sie ihre Eifersucht Oksana gegenüber vergessen. Konnte sie im Grunde auch. Auch wenn Danny das Model attraktiv fand, so hatte Rose nichts zu befürchten. Und das wusste Rose in ihrem Inneren. So kam es, dass die beiden Familien den ganzen Tag miteinander am Pool verbrachten, um am Ende des Tages mit einer Portion Geselligkeit, Neugierde und Neid ins Zimmer zurückzukehren, um sich dort für den Abend zurecht zu machen.

„Das ist doch Wahnsinn, was manche für ein Schwein haben oder? Ich meine, wir leben nicht gerade schlecht, aber was diese Leute Geld zum Fenster rauspfeffern können, das ist doch verrückt.“

Auch Sam war ganz beeindruckt von der wohlhabenden Familie: „Mama, Ivan hat zuhause einen eigenen Spielplatz im Garten. Der gehört ihm ganz allein. Und ein Pferd. Und er ist erst sechs! Darf ich mal zu ihm spielen, Mama?“

„Nein Schätzchen, Sankt Petersburg ist definitiv eine Nummer zu groß für uns. Außerdem: Geld ist nicht alles. Wer weiß, ob die Leute auch wirklich glücklich sind mit so einem Leben“ meinte Rose, während sie sich ihren Bikini auszog und in die Dusche stieg.

„Soll das ein Witz sein, Rose? Heute sind sie noch hier in Frankreich, und nächste Woche in Miami Beach. Der Kerl besitzt einen Rolls Royce, `nen Privatjet, eine Yacht, eine Privatvilla am Bodensee, eine Modelfrau und eine fette Rolex am Arm. Und muss dafür anscheinend nicht mal sonderlich viel arbeiten. Nikolaj hat definitiv alles, was man sich so wünscht.“

Einige Minuten war bis auf das Plätschern in der Dusche nichts zu hören. Nach einer Weile machte Rose das Wasser aus und kam mit einem weißen Handtuch bedeckt heraus.

„Ok Danny… Und was hast du?“ Rose war von seiner Aussage definitiv gekränkt.

„Mein Gott, Schatz, du weißt doch genau wie ich das meine…“

„Ja klar. Wir sind heute in Frankreich, das wir uns gerade so leisten können, und nächste Woche schon wieder zu Hause in unserem Alltag. Du besitzt einen Kleinwagen und mietest eine Dreizimmerwohnung in der wohl unspektakulärsten Stadt Englands. Du hast eine alte Armbanduhr, die du von deinem Vater vererbt hast und die du grottenhässlich findest. Und… du hast bloß mich. Hoffentlich freust du dich zumindest über deinen Sohn.“

Bevor Danny irgendetwas erwidern konnte, war Rose aus dem Bad gestürmt. Er konnte sehen, dass sie Tränen in den Augen hatte. Es lief nicht besonders gut zwischen den Zweien, schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Danny wusste nicht, woran es lag und Rose wusste es auch nicht. Aber diese strohdumme Aussage von gerade eben, hat ihre Situation definitiv nicht verbessert.

Um den Abend halbwegs zu retten, schlug Danny die Einladung von Nikolaj aus, sich zu seiner Familie an den Tisch zu setzen. Danny wandte sich nicht einmal von Rose oder Sam ab, seine Aufmerksamkeit galt nur ihnen.

Auch am nächsten Tag mied Danny den Kontakt mit den Sorokins bewusst. Er wollte nicht noch mehr Unmut in den Urlaub bringen und wollte Rose vergessen lassen, was er von sich gegeben hatte. Er liebte sie und wollte nichts riskieren. Er sollte den Urlaub genießen, er sollte ihn mit seiner Frau und seinem Kind genießen, er sollte glücklich sein, mit dem, was er hatte. Denn das, was er hatte, war eigentlich wunderschön, nur vergaß er es ab und an. Rose schien sich auch beruhigt zu haben und so konnten sie sich wieder friedvoll miteinander unterhalten. Sogar den Kuss, den er ihr gab, erwiderte sie, als er sich kurz verabschiedete.

„Ich hole schnell Sams Sandspielzeug im Zimmer, bin gleich wieder da.“

„Ist gut.“

Danny war guter Dinge, dass die restlichen Urlaubstage noch schön wurden. Jedenfalls würde er alles dafür tun. Auf dem Weg durch die große Parkanlage hörte er Nikolaj Sorokin hinter sich rufen.

„Danny! Mein Freund! Warten Sie.“ Der Mann kam, bis er mit Danny Schritt hielt. „Alles gut? Haben wir etwas falsch gemacht?“

„Nein, nein, es ist alles in Ordnung… Sie müssen nur verstehen, meine Frau wünscht sich etwas Zeit mit mir. Alleine sozusagen, als Familie. Aber es ist nichts gegen Sie persönlich. Wir finden Sie, Oksana und Ivan wirklich sehr nett.“

„Aaaah, das ich gut verstehen. Da sind Frauen alle gleich. Aber ich schon gemerkt, dass Sie uns finden nett. Besonders Oksana, nicht wahr?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen…“

Nikolaj lachte und gab Danny einen kräftigen Klaps auf die Schulter. „Kommen Sie, haben sie Zeit, nur fünf Minuten? Ich möchte Ihnen zeigen etwas.“

„Eigentlich wollte ich nur schnell Sams Spielzeug….“
„Kommen Sie, ich halte Sie nicht lange auf.“ Nikolajs Hand lag immer noch auf Dannys Schulter und schob ihn in die Richtung eines der Luxus Bungalows. Wahrscheinlich war es seiner. „Kommen Sie rein, einen Moment!“

Danny wusste nicht, warum er in Nikolajs Zimmer gehen sollte, was er hier… Da sah er Oksana auf dem Bett liegen. Verführerisch in einem schwarzen Spitzendessous und offensichtlich auf ihn wartend.

„Was zum…“ Danny drehte sich zu Nikolaj und schaute ihn fragend an.

„Wir sind Freunde, Danny, oder? Freund macht dem anderen Freund Gefallen. Oksana ist meiner. Ich teile gerne…“

„Ich will nicht mit ihrer Frau schlafen, was denken Sie…“ Danny wurde wütend, allerdings wusste er nicht genau worüber. Dass ihm der Russe ein solches unmoralisches Angebot unterbreitete oder darüber, dass er dem Angebot irgendwie doch gerne nachgekommen wäre. Aber nein, das konnte er nicht tun. Und würde er auch nicht. Er fand Oksana mehr als anziehend, das gab er zu, aber er wollte seiner Frau auf keinen Fall wehtun.
„Ihre Frau wird es nicht erfahren, wie auch? Ich erzähle sicher nicht!“ grinste Nikolaj, als ob er Dannys Gedanken lesen konnte. Oksana stand vom Bett auf und ging auf Danny zu. Sie strich ihm sanft über den Arm und wanderte hoch an seinen Nacken, kam mit ihrem Gesicht nahe an seines. Er wich zurück. „Lassen Sie das! Was soll das hier, was wollen Sie von mir?“

„Ah Sie nicht blöd. Sie sind auch Geschäftsmann, ich auch. Oksana wäre Geschenk gewesen, aber wenn sie wissen wollen, was mein richtiges Angebot ist, dann auch gut!“ Nikolaj zuckte mit den Schultern und sagte zu Oksana auf Russisch, dass sie sich verziehen sollte. Jedenfalls ging sie aus dem Raum und ließ die Männer zurück.

„Ich habe ein Angebot. Sie tauschen Leben mit mir. Eine Zeit lang. Sie fragen nicht wieso, Sie machen einfach.“

Danny lachte auf. „Bitte was soll ich?“

„Wir tauschen Identitäten. Sie sind ich, ich bin Sie. Sie gehen mit meiner Familie, ich mit Ihrer.“

„Sie spinnen doch, warum sollte ich das tun?“

„Ich habe gesagt, keine Fragen. Sie machen einfach. Ist gut, dann können Sie mein Leben leben. Yacht, Villa, Sex mit schöner Frau, alles was Sie sich immer gewünscht haben, nicht wahr?“ Nikolaj grinste. In seinen Augen funkelte etwas auf, dass Danny zuvor nicht aufgefallen war. Der Kerl war nicht sauber. Der machte krumme Dinger und nun wollte er ihn mit hineinziehen.

„Das ist völlig verrückt, ich mache da auf keinen Fall mit!“

„Ich gebe 250.000 Euro für einen Monat Tausch! Sie können Leben leben, das sie schon immer wollten und ich behandle ihre Frau gut. Ihr Sohn wird es gut haben. Sie können mit Rose sprechen, alles wird kein Problem. Ein Monat. 250.000 und keine weiteren Fragen.“

Danny fehlten die Worte, so perplex war er.

„Nein, nein, das kann ich nicht tun, das ist unmoralisch und falsch.“

„Sie haben Moral, Danny. Sie haben Oksana abgelehnt. Aber das, dieses Angebot können Sie nicht ablehnen. Gewinnen beide, Sie und ich. Also?“

Danny gab zu, dass eine viertel Million mehr als verführerisch war, aber dieses Angebot war so fern jeglicher Realität, so unwirklich, dass er niemals darauf eingestiegen wäre.

„Wissen Sie was, Danny! Danny, mein Freund. Das zu viel alles jetzt. Sie überlegen noch. Reden mit Rose. Dann Sie entscheiden. In Ordnung?“

„Ich glaube nicht, dass ich mich um entscheide, Nikolaj. Das Ganze ist mehr als verrückt. Und ich würde jetzt wirklich gerne gehen.“

„Nur weil verrückt, muss nicht heißen, dass schlecht… Wir sehen uns heute Abend beim Essen. Und falls sie mein Geschenk doch wollen haben… Bitte immer gerne.“

Oksana kam wieder zurück ins Zimmer und erneut auf Danny zu. Das war das erste Mal, dass er sie auf Englisch reden hörte.

„Ich finde Sie sehr attraktiv, Danny, Sie haben Abenteuer verdient. Sie haben Geld verdient und sie haben Nacht mit mir verdient. Entscheiden Sie gut.“ Ihre Lippen berührten fast seine, als sie die Worte flüsterte. Danny tat sich schwer, der Versuchung zu widerstehen, und als er sich schon wegdrehen wollte, packte sie ihn am Kopf und küsste ihn heftig. Erst nach einigen Sekunden riss er sich los und stürmte aus dem Bungalow. Er fühlte sich, als ob er aus einem Traum erwachte. Eben war er noch in dem verdunkelten, prunkvollen Zimmer und fand sich in dieser völlig wahnwitzigen Situation wieder und nun stand er in der prallen Sonne mitten in der Clubanlage und Urlauber, die auf dem Weg zum Strand waren, spazierten mit Poolnudel und Sonnenhut an ihm vorbei. Schnellen Schrittes machte er sich zurück zum Strand, als ihm einfiel, dass er die Spielsachen seines Sohnes holen wollte. Erst nachdem er diese geholt hatte ging er zu seiner Familie zurück. Warum war er mit in dieses Zimmer? Warum ist er nicht sofort wieder hinaus, als er Oksana da liegen sah? Warum hatte er gezögert? Bei allem? Wieso hatte er sich dem Kuss nicht gleich entzogen?

„Alles in Ordnung mit dir?“ erkundigte sich Rose, die ihrem Mann anmerkte, dass etwas nicht stimmte. Sollte er es ihr erzählen?

„Es ist alles ok, mir macht nur die Hitze zu schaffen. Ich liebe dich, Rose.“

„Es tut mir Leid wegen der letzten Tage, ich denke, ich bin im Moment einfach überempfindlich.“ Flüsterte Rose und gab ihm einen weichen Kuss auf die Wange. „Wir kriegen das wieder hin! Ich liebe dich auch.“

Definitiv nicht würde Danny Rose erzählen, was ihm gerade widerfahren war. Es würde den Urlaub ruinieren. Es würde alles ruinieren. Einfach alles.

Fortsetzung folgt…

Willkommen auf Long Key!

Folgende Kurzgeschichte bringt ziemliche Klischees für einen Psychohorror mit, aber was soll ich sagen? Bis zu dem Moment auf dem Parkplatz, in dem die Nacht für meine Protagonisten zur Horrornacht wird, ist die Geschichte wahr: Wir waren zu viert in den Florida Keys unterwegs, wir sind nachts nach einem Unwetter auf jenem Parkplatz gelandet und es war so herrlich unheimlich, dass wir damals schon in unserem geliehenen Mustang witzelten, in welch einer schablonenhaften Situation für Mord und Horror wir uns doch befinden. Und es wäre doch eine Verschwendung dieser erstklassigen Voraussetzungen, daraus keine kleine Geschichte zu zaubern 😉 …

„Lasst uns doch bitte endlich weiterfahren“, beschwerte sich Sandy auf dem Lederrücksitz des weinroten Mustangs.

„Aber echt Jungs, ihr könnt die Bilder doch wirklich woanders schießen, das muss nicht ausgerechnet hier sein“, pflichtete ihr ihre Freundin Victoria bei.

Die Backpacker waren nach einem Tagesausflug nach Key West auf dem Rückweg ins Hotel und nach einem Tankstopp auf einem leeren, schwach beleuchteten Parkplatz in Long Key mitten im Nirgendwo gelandet. Es war schon fast  1 Uhr nachts und die Dunkelheit hatte sich schon vor Stunden über die Keys und ihrem atemberaubenden Overseas- Highway gelegt. Die Rückfahrt hatte sich verzögert, weil Samuel, Joshua und die beiden jungen Frauen, die sich während ihrer USA- Reise in einem Hostel in Miami Beach zufällig kennenlernten, mitten in einen monsumartigen Regen geraten waren, während sie den Highway entlang gefahren waren. Mit einem Mal brachen die plötzlich auftretenden, schwarzen Wolken auf und ergossen sich über Floridas Inselchen. Joshua, der den Wagen gefahren hatte, hatte mitten auf dem Highway stehen bleiben müssen, genauso wie alle anderen Autos, denn von der Straße konnte man gar nichts mehr sehen. Nur literweise Regenwasser. Nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit dort auf dem Highway verbracht und darauf gewartet hatten, dass sich das Unwetter verzog, konnten sie irgendwann endlich wieder weiterfahren, um wenig später festzustellen, dass das Benzin bis South Beach wohl nicht mehr reichen würde. Also waren sie immerhin bis Long Key gekommen. Jedoch, so paradiesisch die Inseln am Tage auch sein mochten, so unheimlich wurde es zumindest Sandy und Victoria nachts. Und dass die zwei jungen Männer, die sich zwischenzeitlich als ziemlich selbstverliebte Machos herausgestellt hatten, nun auf diesem Parkplatz stehen geblieben waren, um Fotos von sich zu machen, „weil unter dem Laternenlicht auf dem leeren Gelände, sieht der Mustang einfach nur Hammer aus“,  machte ihre Angst nicht unbedingt kleiner. Während Samuel und Joshua auf der Motorhaube des geliehenen Wagens abwechselnd für ein Foto posierten, hockten die Frauen im Inneren des Autos und warteten genervt auf das hoffentlich baldige Ende des Fotoshootings.

„Auf was haben wir uns da nur eingelassen… Es wird höchste Zeit ins Hostel zu fahren, das andauernde Gepose der beiden hält doch kein Mensch aus. Die sind ja schlimmer wie pubertierende Mädchen: Warte, das Bild ist nicht gut, ich mach die Hand lieber unters Kinn!“ äffte Sandy die Jungs nach.

„Na der Ausflug war ja ganz ok, immerhin haben wir uns die Kosten für den Leihwagen mit ihnen teilen können, dann haben wir zumindest etwas Geld gespart… Aber ich bin jetzt auch echt müde und möchte eigentlich nur noch ins Bett… Außerdem ist es hier wirklich gruselig… Hier wartet man ja direkt darauf, dass der Kettensägen Mörder zwischen den Bäumen da vorne springt. Jungs, wie sieht`s aus?“ Victoria versuchte erneut ihr Glück, aber Simon und Joshua begutachteten konzentriert ihre Fotos auf der Kamera. „Ein bisschen dunkel, oder was meinst du?“ murmelte einer der beiden.

„Jetzt reichts aber“, herrschte Victoria sie an. „Steigt jetzt endlich in den scheiß Wagen, wir wollen los. Genug Fotos für heute!“

„Alles cool, wir sind schon fertig“, versuchte Samuel sie zu beruhigen, als er und sein Kumpel endlich einstiegen. „Also ab ins Hostel!“ Joshua wollte den Wagen starten, aber der Mustang gab nur gluckernde Stottergeräusche von sich.

„Na spitze, auch das noch… Dann geh ich eben jetzt aufs Klo und lass mir von ein paar Viechern in den Hintern beißen… Aber vielleicht besser für euch, wenn ich mal kurz aussteige, sonst reiße ich noch einem von euch den Kopf ab. Seht zu, dass ihr das hinkriegt!“ Sandy stieg wütend aus dem Auto und ging Richtung Wald, der an den verlassenen Parkplatz angrenzte. Sie hörte Joshua noch sagen: „Als ob das jetzt unsere Schuld wäre, wenn der Mustang den Geist aufgibt…“, bevor sie durchs kniehohe Gras zwischen den Bäumen verschwand.

„Ist es eine gute Idee, sie alleine aufs Klo gehen zu lassen? Ganz schön düsteres Wäldchen!“ meinte Samuel.

„Das merkt ihr jetzt? Nachdem ihr eine halbe Stunde lang hier, in dieser gottverlassenen Gegend  Fotos habt machen müssen?“

„Alles klar, wir haben`s kapiert, jetzt ist aber auch gut! Ich finde es trotzdem nicht ok, dass Sandy alleine in den Wald geht.“

„Sie ist ein großes Mädchen, das schafft sie schon“. Victoria hatte die Schnauze so was von voll. Sie war hungrig und wollte einfach nur ins Bett. Und vor allem weg von hier.

Joshua hatte indessen den Motor unter die Lupe genommen, aber ehrlich gesagt, wusste er nicht, was er damit bezwecken wollte, er hatte null Ahnung von Motoren, Zündkabeln und Kerzen. Aber irgendeine Flüssigkeit schien auszulaufen und das, das kapierte sogar er, sollte nicht so sein. Was er allerdings nicht verstehen konnte, war, wie der stämmige Kerl von der Tankstelle das hatte übersehen können, nachdem er doch alles sorgfältig kontrolliert hatte. In der Ölwanne entdeckte er einen sauberen Schnitt, daraus kam also die Flüssigkeit und das nicht zu knapp. „Was zum Teufel…“ Er konnte seinen Gedanken nicht mehr zu Ende führen, da spürte er einen kräftigen Schlag auf seinen Hinterkopf und alles um ihn wurde dunkel. Der Mann, der ihn aus dem Hinterhalt niederstreckte, kam unbemerkt und schnell. So schnell, dass ihn Samuel und Victoria zunächst gar nicht bemerkten, erst der dumpfe Schlag hinter der Motorhaube ließ die zwei hochfahren.

„Was war das? Joshua, alles in Ordnung? Samuel wollte gerade die Wagentür öffnen, da wurde sie mit einem Ruck aufgerissen, sodass Simon aus dem Auto herausfiel und vor den dreckigen Stiefeln des Mannes auf dem Kieselboden landete. Es war nur eine Sekunde oder zwei, in der Simon den Mann von unten unter Schock ansehen konnte. Er erkannte den Tankwart mit den braunen, fettigen Haaren, dem Bart und den kräftigen Armen, der schon vorhin übelst nach Zigaretten und Schweiß gestunken hatte, wieder, und in ihm kam die späte Erkenntnis, dass der Typ gar kein Tankwart war. Wer arbeitete schon so spät nachts auf einer abgeschiedenen Tankstelle auf einer ebenso abgeschiedenen Insel? Er blickte ins abscheuliche Gesicht des Mannes und das letzte, was er sah, war die grobe,  verdreckte Schuhsohle über seinem eigenem Gesicht, bevor diese mit voller Wucht mehrmals auf ihn niederging,

Victoria musste mit Entsetzen mit ansehen, wie der mächtige Kerl mit hochrotem Kopf, schnaubend und schwitzend, auf Samuel voller Inbrunst eintrat. Sein Blick war grässlich funkelnd und sie konnte hören, wie es knackste und krachte, wie Samuel zuerst lauthals aufstöhnte und dann von Tritt zu Tritt immer leiser keuchte, während sie, gelähmt vor Entsetzen und Angst noch immer auf dem Rücksitz saß und dem Grauen entgegenstarrte. Erst als der Mann von seinem Opfer abließ, erwachte Victoria aus ihrer Starre und stürzte panisch aus dem Wagen. Sie kam nicht weit, da wurde sie an den Haaren nach hinten gerissen und zu Boden geworfen. Er setzte sich auf ihren Oberkörper, sodass sein schweres Gewicht Victoria nach unten drückte und sie keine Chance mehr hatte, zu entkommen. Er fasste ihre Arme, die ihn wegdrücken wollten und brach ihr zuerst die eine, dann die andere Hand. Das war das erste Mal in diesen Minuten,  dass Victoria aufschrie. Höllische Schmerzen durchfuhren ihren Körper und sie wünschte, sie würde ohnmächtig werden, um dem Ende so zu entgehen.

„Bitte, bitte nicht!! Lassen Sie mich gehen“, wimmerte sie, doch sie war sich nicht sicher, ob sie es wirklich hörbar aussprach. Ihr war qualvoll bewusst, dass sie sterben würde und hoffte lediglich noch auf einen schnellen Tod.  Das Atmen fiel ihr unter dem Gewicht immer schwerer. Ein letztes Mal öffnete Victoria ihre Augen und sah in das Gesicht eines Mannes, der sich seiner Mordlust gerade völlig hingab. Sie erkannte einen Mann, der sich regelrecht daran erquickte, anderen auf entsetzlichste Art und Weise das Leben zu nehmen. Sie hatte ein Monster vor sich, das ihr mit kaltem Blick unentwegt in die Augen schaute und sich daran ergötzte zu beobachten, wie sein Opfer unter seinen Bedingungen starb. Victoria spürte, wie seine Pranken ihren Kopf umfassten und bereits nach dem ersten Schlag gegen den Boden das warme Blut ihren Nacken hinunterlief.

Einige Meter entfernt musste Sandy beobachten, wie ihre Freundin von dem Fremden erschlagen wurde. Er schlug ihren Kopf solange gegen den Boden, bis sie leblos dort liegen blieb. Sandy war instinktiv auf den Baum geklettert, hinter dem sie vor nicht mal zehn Minuten aufs Klo gegangen war und hoffte nun, zwischen den Blättern, Ästen und der Dunkelheit unsichtbar zu sein. Als sie zu den anderen zurückkehren wollte, sah sie, wie jemand, sie vermutete, es war Joshua, vor dem Wagen lag und ein Mann auf Samuel mit voller Wucht eintrat. Sie konnte beobachten wie Victoria  viel zu spät aus dem Auto stieg und vergeblich versucht hatte, zu fliehen. Dann erkannte sie den Tankwart von vorhin und Sandy begriff sofort ihre Lage. Der Kerl wusste, dass sie zu viert gewesen waren und würde ohne zu zögern nach ihr suchen, um auch sie umzubringen.

Nun saß sie hier, wartete und versuchte ihr Weinen so gut es ging zu unterdrücken. Am liebsten hätte sie laut geschrien, am liebsten wäre sie wieder hinuntergeklettert und davongelaufen, aber dafür war es nun zu spät. Sie hoffte, dass ihre erste Eingebung, hier hinaufzuklettern nicht ihr Todesurteil bedeuten würde. Die Tränen liefen ihr über die Wangen, aus Angst, entdeckt zu werden und weil ihre Freundin und die anderen getötet wurden. GETÖTET. Wo war sie nur gelandet? Das war wie in einem Horrorfilm… Das konnte doch nicht wirklich echt sein. Das konnte doch nicht gerade ihr passieren. Noch nie in ihrem Leben hatte sie solch eine Angst. Die Übelkeit stieg in ihr hoch und sie hatte alle Mühe, sich nicht zu übergeben. Zwischen den Ästen konnte sie erkennen, wie der Mann sich von Victoria entfernte und sich mit der Hand übers Gesicht fuhr. Er schaute sich um. Sandys Magen verknotete sich und die Angst schien aus ihren Poren regelrecht hinauszuschießen. Bloß nicht bewegen…  Schluck deine Tränen… Für einen Moment schloss sie ihre Augen, um dann tief durchzuatmen und ihren Gedanken und Gefühlen auf eine ruhige Schiene zu bringen. Nur nicht durchdrehen, er wird dich nicht finden…

Als sie die Augen wieder aufmachte, war er weg. Sandy verkniff sich ein lautes „Scheiße“ und schaute in alle Richtungen, oder so weit es ihr hier oben eben möglich war zu blicken. Warum hast du nur die Augen zugemacht, du Idiotin? Wo ist er bloß hin? Mist, verfluchter… Und jetzt? Was soll ich jetzt tun? Warten… ich warte einfach. Worauf soll ich warten? Einfach darauf, dass es vorbei ist… Auf den Sonnenaufgang und darauf, dass Leute kommen. Und die anderen finden… Ja, dann bin ich in Sicherheit.

Sandy hatte keine Ahnung wie spät es war, sie hatte ihr Handy und natürlich auch restlichen Sachen im Mustang liegen. Vielleicht lag es noch darin, dann konnte sie die Polizei rufen. Der Gedanke war zu verlockend, aber sie konnte den Baum nicht hinunterklettern. Was, wenn der verrückte Kerl noch hier war und nur darauf wartete, dass sie aus ihrem Versteck kam? Außerdem brachte es sie nicht übers Herz Samuel, Joshua und vor allem Victoria zu nahe zu kommen und ihren Anblick ihrer leblosen und malträtierten Körper zu ertragen. Nein, sie blieb einfach hier oben. Und wartete darauf, dass die Sonne endlich aufging. Schon jetzt tat ihr die unbequeme Position auf dem Ast weh, aber auch damit musste sie leben. Und es war nichts im Vergleich mit ihren Gefühlen, die sich nicht mehr richtig ordnen ließen… In die Verzweiflung, Trauer, immense Furcht und dem Selbstmitleid mischte sich Wut auf den Mann, der den Tod so gewaltsam und plötzlich in ihr Leben gebracht hatte. Bitte lass diese Nacht schnell vorbeigehen, dachte Sandy bei sich. Die qualvolle Stille legte sich über den Parkplatz und dem kleinen Wäldchen, nur von weitem konnte sie das sanfte Rauschen des Meeres vernehmen.

Wie sie da oben auf dem Ast tatsächlich einnicken konnte, konnte sich Sandy wenige Stunden später nicht erklären, aber als sie im Morgengrauen aufwachte, schmerzten ihre Beine und ihr Nacken sehr und es brauchte einige Sekunden, bis sie sich die Ereignisse der Nacht wieder herbeirufen konnte. Ich muss Hilfe holen, dachte sie. Aber bevor sie es wagte, den Stamm hinunterzusteigen, schaute sie sich nochmals um, um sicherzugehen, dass der Kerl weg war. Und um sich halbwegs zu orientieren. Zur Tankstelle wollte sie auf keinen Fall zurück und mehr hatte sie gestern ja nicht gesehen von Long Key. Sie erinnerte sich, dass ein Stückchen weiter hinten, von der Straße, von der sie gekommen waren, eine Bar gewesen war, an der waren sie vorbeigefahren. Mehr schien hier nicht zu sein, zumindest nicht in unmittelbarer Nähe.

Sandy kletterte vorsichtig den Baum hinunter und ging leise die paar Meter bis zum Parkplatz, bis sie vor Schreck  erstarrte. Die Leichen ihrer Freunde waren allesamt verschwunden. Weg.  Das war ihr vorhin noch nicht aufgefallen. Das Auto stand mit geschlossener Motorhaube und geschlossen Türen einfach da, als wären seine Inhaber nur mal kurz die Gegend erkunden gegangen. „Was zum Teufel…“ Sandy drehte sich in alle Richtungen, aber es war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Mit einem Mal kam die Panik der Nacht wieder in ihr hoch… Sie wusste nicht, was ihr mehr zu schaffen machte. Dass die Leichen entsorgt wurden, oder dass sie entsorgt wurden und somit jemand noch die halbe Nacht auf dem Parkplatz beschäftigt gewesen war, ohne dass sie es mitbekommen hatte und sie somit die ganze Zeit noch in Gefahr gewesen war. Jetzt übergab sie sich und als sie fertig war, war sie irgendwie gelöster, als ob sie ihre unterdrückte Anspannung endlich ausgekotzt hätte. Sie lief zum Wagen, der zugesperrt war, spähte hinein und ohne große Überraschung stellte sie fest, dass all ihre Sachen weg waren. Dann rannte Sandy los. Sie rannte weg vom Parkplatz, die lange Straße entlang und spürte, wie heiß dieser Tag werden würde. Der Schweiß lief ihr hinunter. Erst jetzt merkte sie, wie durstig sie war. Der Weg zu der Bar kam ihr wie eine Ewigkeit vor, und als sie endlich ankam, dachte sie, die alte Bude hätte geschlossen. Aber tatsächlich klang von drinnen leise Radiomusik. Der knirschende Holzboden machte die Besitzerin auf den frühen Gast aufmerksam.

„Na, so früh kommen hier normalerweise keine Leute her. Was darf es denn sein, Schätzchen?“ fragte die magere, eingefallene Frau, die kaum noch Zähne im Mund hatte. Ihre schlecht blondierten Haare waren zerzaust, aber unpassender Weise waren ihre Fingernägel fein säuberlich rot lackiert.

„Ich brauche Hilfe, ma´am, und Wasser! Ich bin so durstig.“

„Hast du Geld dabei?“

„Nein, meine Sachen wurden gestohlen! Und meine Freunde, mit denen ich letzte Nacht hier war, die wurden alle umgebracht, vom Kerl von der Tankstelle da unten! Bitte, ich brauche  ihre Hilfe…“

„Ohne Geld gibt’s nichts zum Trinken. So einfach ist das!“

Sandy war verwirrt. Hatte die Frau nicht gehört, was sie ihr eben erzählt hatte? „Meine Freunde wurden ermordet, wen interessiert es in diesem Augenblick, ob ich Geld für ein verfluchtes Wasser dabei habe?“ Auf einmal wurde Sandy rasend wütend und hätte diese hohle Hinterwäldlerfrau am liebsten durchgeschüttelt. „Geben Sie mir ihr Telefon, ich muss die Polizei rufen!“

„Ach, jetzt werden wir auch noch unhöflich? Mach, dass du rauskommst, du kleines Miststück, sonst vergess ich mich noch.“

Sandy vergaß all ihre Manieren und eilte zum Telefon, das hinter der Bar an der Kasse stand. Die schmächtige Frau war stärker als sie aussah und hielt Sandys Hand fest, noch bevor sie zum Hörer greifen konnte, kam ganz nah an ihr Gesicht und sagte mit eindringlicher, flüsternder Stimme: „Du glaubst, die Polizei wird dich beschützen, aber sie wird dich nicht beschützen!“

In diesem Schockmoment sah Sandy aus dem Blickwinkel den roten Mustang  an die geöffnete Tür heranfahren. Und die schmächtige Hinterwäldlerfrau sagte grinsend:

„Willkommen auf den Inseln, Schätzchen, willkommen auf Long Key!“

 

Kammerflüstern

Die Vorgeschichte zur eigentlichen Erzählung ist dieses Mal etwas länger, weil es im Grunde zwei sind und sie für die Handlung von Bedeutung, bzw. sie Teil davon sind. Denn das Kind, von dem ich euch gleich erzählen werde, ist die Verschmelzung zweier Jungen, die mir einmal begegnet sind. Den einen lernte ich vor ungefähr sieben Jahren bei meiner Arbeit im Kindergarten kennen. Er war auf den ersten Blick einer von vielen. Nicht besonders auffallend vom Aussehen, ein einfacher kleiner, fünfjähriger Junge mit blonden Haaren und blauen Augen. Ich kam neu dazu in den Kindergarten, lernte die Kindergruppe gerade erst kennen und knüpfte Kontakte mit den Mädchen und Jungen, auch mit dem besagten Jungen. Wir waren im Garten,  er spielte nicht mit den anderen, sondern saß alleine am Rand der Sandkiste und starrte auf das Nachbargebäude. Ich setzte mich zu ihm und sagte fröhlich: „Na? Alles ok bei dir? Was siehst du denn da Interessantes?“ „Weißt du“, erwiderte er mit einem ungewöhnlichen klaren Ausdruck und die Worte sehr langsam betonend, „da oben in dem Haus, da wohnen böse Menschen. Und wenn ich nicht brav bin, kommen mich die bösen Menschen holen.“ Einen Moment lang war ich sehr verdattert, denn eine jede andere Antwort hatte ich erwartet. Aber NICHT DIESE. Ich versuchte, den Jungen zu beruhigen. „Aber nein, keine Angst, da oben wohnen keine bösen Menschen.“ „Meine Oma hat mir das gesagt, die bösen Menschen kommen und holen mich.“

Das war meine Begegnung mit dem ersten Jungen. Den zweiten konnte ich nur einige Minuten beobachten, aber er löste in mir ungefähr dasselbe Gefühl aus, wie das Kind aus dem Kindergarten. Das war vor ungefähr zwei Wochen, als ich mit meinem Sohn auf dem Spielplatz war. Wir saßen gerade auf der Parkbank und aßen ein wenig Obst, da kam der Junge mit der blau karierten Schildkappe mit seinen Großeltern zum Holztor des Spielplatzes. Das Tor klemmte und ich fragte, ob ich denn helfen könne. Die Antwort der Oma ließ mich bedauern, höflich gewesen zu sein, denn zur Antwort bekam ich ein garstiges: „Besser, wenn sie bei ihrem eigenen Kind bleiben.“  Ich sagte nichts dazu, und widmete mich kopfschüttelnd wieder meinem Sohn zu. Die drei betraten den Spielplatz; Opa, Oma und an ihrer Hand der Junge. Die Atmosphäre war für die sonnigen Temperaturen plötzlich ziemlich fröstelnd geworden, ich kann es nicht genau erklären, warum ich das so empfand. Vielleicht war es die schroffe Antwort der Frau, vielleicht der unsichere Blick des Jungen oder der Umgang der Großeltern mit dem Kleinen. „Willst du auf die Schaukel?“, fragte die Frau ihren Enkel. Er nickte und lächelte schüchtern. Es war nicht wie sonst, wenn ein Kind auf den Spielplatz kommt, denn er rannte nicht los voller Spielbegierde, war nicht von Freude erfüllt. Die Großmutter geleitete ihn- immer noch seine Hand haltend wohlgemerkt- zur Schaukel und der Großvater hob ihn hoch. Ich schätze, der Junge musste ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein und doch wurde er auf die Schaukel gehoben und angeschubst. Nicht schnell, versteht sich. Der Junge schaute die fünf Minuten, die er maximal auf der Schaukel verbrachte, unentwegt zu uns. Lächelnd -und wie ich fand, ein wenig sehnsüchtig. Ich ließ meinen Kleinen alleine losmarschieren, obwohl er nicht mal halb so alt wie das andere Kind war- für mich selbstverständlich, meinem Kind etwas zuzutrauen. Nach, wie gesagt, ungefähr fünf Minuten hatte es sich ausgeschaukelt, der Junge wurde von seinen Großeltern wieder runtergehoben, die dauernd neben ihm gestanden hatten wie Bodyguards um einen Superstar, nahmen ihn wieder an die Hand und verließen den Spielplatz.

Unheimlich waren diese Situationen für mich, wirklich gruselig… Und so sehr Kinder der Sonnenschein im Leben sind, ich sie liebe und in meiner Rolle als Mama und als Kindergärtnerin aufgehe… Momente, wie die von mir erlebten, schaffen Bilder und Geschichten in meinem Kopf, die auch ein gottverlassener Spielplatz bei Nacht oder ein Clown außerhalb eines bunten Zirkuszeltes in einen auslösen…  Vor allem beschäftigt mich nach diesen Begegnungen aber die Frage: Kann in einem Kind schon das Böse stecken? Und wenn ja, wie bahnte es sich den Weg in die unschuldige Seele? Viel Spaß bei meinem kleinen Psychothriller 😉

„Es tut mir leid ihnen wieder sagen zu müssen, dass Danny andere Kinder wieder an den Haaren gezogen hat, er hat ihnen regelrecht welche ausgerissen. Ich sage Ihnen das nicht, damit sie ihn bestrafen oder so, wir haben das mit ihrem Enkel schon geregelt, aber sie müssen das wirklich ernsthaft mit ihm besprechen, so kann es nicht weitergehen. Außerdem müssen sie darauf vorbereitet sein, dass die Eltern der betroffenen Kinder sie darauf ansprechen werden. Vielleicht klären sie das untereinander dann noch mal. Schönen Tag trotzdem noch.“

Die Kindergärtnerin wandte sich einem Kind zu, das noch nicht abgeholt wurde ohne die Antwort von Ms. Connor abzuwarten, Dannys Großmutter. Somit sah sie nicht mehr den bösen Blick, die diese ihrem Enkel zuwarf. Sie setzte ihm seine blaue Mütze auf, nahm ihn an die Hand und zog ihn grob an sich heran.

„Gehen wir.“ Danny taumelte neben seiner Großmutter her, als sie die Straße hinuntergingen.  Er wollte nicht nach Hause gehen, zuhause war es dunkel und Oma machte es noch dunkler, wenn er nicht brav gewesen war. Die Hand tat ihm schon weh, so fest hielt sie ihn. Sie hielt ihn immer an der Hand. Wenn Danny nicht gerade im Kindergarten war, war er eigentlich nie ohne sie. Mama konnte sich nicht um ihn kümmern, darum war Oma zuhause, ging mit ihm einkaufen und ab und an auf den Spielplatz um die Ecke.

Als sie daheim ankamen, hatte es gerade angefangen zu regnen, ein leichter Nieselregen, der die ersten kühleren Herbsttage ankündigte. „Geh rein und zieh dir die Schuhe aus. Dann geh dir deine schmutzigen Hände und dein schmutziges Gesicht waschen. Schau doch nur, wie eklig du bist, Danny. Kein Wunder, dass sich deine Mutter immerzu in ihrem Zimmer einsperrt. Da bist du nur selber schuld. Wer will denn auch so ein schmutziges und dazu noch so böses Kind sehen, dass anderen die Haare ausreißt? Na los, mach schon!“ Der Junge schlenderte eingeschüchtert ins Badezimmer, während Ms. Connor sich mit ihrem Mann in der Küche unterhielt und sich ein Glas Saft aufschenkte. „Dieser kleine Satansbraten, ich hab dir schon damals gesagt, wir sollen uns diese Last nicht aufbürden. Nur weil deine Tochter wegen ihrer kindischen Drogenexperimente nicht mehr alle Tassen im Schrank hat und zu dumm zu verhüten war, können wir uns jetzt mit diesem Rotzlöffel rumschlagen. Ich sage dir, der wird genauso enden wie deine missratene Tochter.“

Teilnahmslos wie immer, nickte Mr. Connor nur leicht und gab ein grummelndes „Mmh“ von sich.

„Ich bringe ihn in die Kammer, dann kann er nachdenken, was er getan hat“, fügte die alte Frau hinzu.

Es war ein kleines, etwas beengendes Zimmer, von dem sie da redete, das früher im Haus der Connors nur als Abstellkammer für Putzzeug und allen möglichen Krimskrams verwendet wurde, und erst mit Lynns Schwangerschaft als Kinderzimmer umfunktioniert worden war. Denn es war von vorherein klar, dass Lynn nicht für ihr Kind würde sorgen können, sie war zu krank und zu abhängig. Sie hatte zwar immer beteuert, während und nach der Schwangerschaft clean zu bleiben, aber weder während noch danach war ihr das gelungen. Danny musste nach seiner Geburt bereits einen Entzug durchleiden. Aus Mitleid mit dem Baby hatten Lynns Vater, Mr. Connor und seine zweite Ehefrau den Enkel und die Tochter zu sich geholt. Ms. Connor war allerdings von Anfang an nicht sehr begeistert von der Idee, eine Drogenabhängige, die seit einem ihrer Trips nicht mehr ganz bei Trost war, und einen Säugling bei sich im Haus aufzunehmen.

Das Kinderzimmer bot kaum genügend Platz für Danny, außer seinem Bett, einem Stuhl  und einer klitzekleinen Spieleecke war nichts darin zu finden. Es besaß außerdem nur ein kleines Fenster, das nur am frühen Morgen Sonnenstrahlen hereinscheinen ließ. Danny war nicht gerne in seinem Zimmer, er schlief nicht gerne darin und tagsüber wollte er auch nicht dort sein, dann lieber neben Oma und Opa auf dem Sofa oder in der Küche. Spielen durfte er hier allerdings nicht, das mochte Oma nicht. „Nur in deinem Zimmer“, sagte sie immer. Er weinte und schrie, als sie ihn in die Kammer  brachte und auf sein Bett setzte.

„Ich will nicht Oma, ich will bei euch bleiben!“ „Halt deinen vorlauten Schnabel.  Du warst heute ein sehr böser Junge! Und weißt du was mit kleinen, bösen Kindern wie dir passiert, wenn sie nicht endlich brav werden? Die bösen Menschen, die großen, bösen Menschen kommen sie holen. Und die sind wirklich schlecht, von ganz innen heraus. Mit denen hat man nichts mehr zu lachen.“ Danny schluchzte und rieb sich seine Nase. „Wieso, was machen die bösen Menschen denn?“ „Ha! Sie machen dir Angst, den ganzen langen Tag lang und prügeln dich windelweich. Deine Mama war früher auch ein böses Kind. Auch sie haben sie geholt. Und jetzt ist sie verrückt geworden und lebt nur noch in ihrem Zimmer…. Willst du auch so enden wie deine Mutter, willst du, dass sie dich holen kommen Danny? Willst du das?“ „Nein, Oma, ich will bei dir und Opa bleiben“, wimmerte der Junge und zupfte unsicher an den Bettlaken herum. „Na siehst du“, flüsterte Ms .Connor mit plötzlich ganz sanfter Stimme.

„Und genau deswegen musst du jetzt in deinem Zimmer bleiben, deswegen machen wir es dunkel hier drin, damit du von nichts abgelenkt wirst und du darüber nachdenken kannst, was du heute getan hast. Und wenn du wieder brav bist, hole ich dich.“

„Ich mag nicht hier im dunklen Zimmer sein, Oma! Ich bin schon brav versprochen!“ Aber diese stand schon auf, zog die Rollläden herunter, verließ die Kammer und zog die alte Holztür hinter sich zu.

„Oma! Oma! Ich bin brav! Oma!“ hörte man Danny noch dahinter rufen, aber Ms. Connor setzte sich neben ihren Mann auf die Terrasse, zündete sich eine Zigarette an und genoss ihr alltägliches und ruhiges Nachmittagspäuschen.

In der Kammer war es zappenduster. Nur ein hauchdünner Lichtstreif fiel durch die etwas verfallenen Rollläden auf den modrig riechenden Teppichboden. Es war totenstill, Danny hörte nur seinen eigenen Atem, der langsam wieder regelmäßiger wurde. Zwei Zimmer weiter hörte er das monotone Keuchen und Aufheulen seiner gestörten Mutter.

„Hörst du sie?“ flüsterte seine eigene Stimme auf einmal. „Du willst doch nicht so verrückt werden wie sie. Sie ist Abschaum, hörst du. Darum hasst du sie. Sie ist nicht deine Mama.“

„Ich weiß“, antwortete Danny. „Die bösen Menschen haben sie geholt.“

„Richtig, und sie werden auch dich holen kommen, wenn du dich nicht wehrst. Du hast das Mädchen heute nur an den Haaren gezogen, weil sie dich ausgelacht hat. Sie gehört zu DENEN.“

„Ich darf aber niemanden mehr an den Haaren ziehen, das war böse.“, widersprach Danny.

„Nein, nicht doch, deine Oma lügt dich nur an, merkst du das nicht? Das war mutig, das Mädchen zu bestrafen, denn sie gehört zu denen. Du musst sie beseitigen wie dreckigen Müll. Du weißt doch, was mit Müll passiert nicht wahr? Du bist doch ein kluger Junge.“

„Er kommt in die Müllverbrennungsanlage!“

„Richtig, Danny, wie schlau du bist! Und was machst du morgen mit dem bösen Mädchen, das dich ausgelacht hat?“

„Ich weiß es nicht…“

„Na klar weißt du das. Du steckst sie in die Müllverbrennungsanlage. Denn sie ist Müll, Abschaum. Und den muss man wegmachen. Verstehst du das, Danny?“

„Mhm, ich glaube schon. Ich muss mich vor den bösen Menschen wehren. Und sie wegmachen.“

„Gutes Kind“, wisperte seine Stimme lächelnd, „du bist wirklich ein gutes Kind!“

Die Stimme wurde still, sie flüsterte nicht mehr. Danny saß auf seinem Bett in der Dunkelheit, lauschte der Stille und dachte über die Stimme nach. Er spürte, wie sie in ihm war und sein Kopf von ihr erfüllt. Er spürte auch ein anderes Gefühl, das er schon kannte, es war die Wut. Sie stieg in ihm hoch, tief aus dem Herzen. Sie kam ungezügelt. Weil die Alte ihn hier in der Kammer eingesperrt hatte, weil die Kindergärtnerin ihn geschimpft hatte, weil das Mädchen über ihn gelacht hatte. Weil seine Mutter zu verrückt war, um ihn vor den bösen Menschen zu beschützen. Die Wut in seinem Körper und die Stimme in seinem Kopf flossen ineinander, und eine neue Kraft und Sicherheit baute sich in ihm auf. Die Angst vor der Dunkelheit und den bösen Menschen verschwand.

Als seine Großmutter die Kammer wieder aufsperrte, begann es draußen schon zu dämmern und Danny erwachte aus seinem bösen Alptraum.

„Na? Wirst du wieder ein braver Junge sein?“

„Ja Oma, das werde ich“, murmelte er verschlafen. Sie nahm Danny an die Hand und ging mit ihm nach draußen.  Es stand bereits das Abendessen auf dem Küchentisch. Er war artig während des Essens und half seinem Opa anschließend beim Abwasch. Er brachte seiner Mutter einen Teller Suppe und etwas Brot in ihr Zimmer und räumte ihren Müll weg, den sie dort herumliegen hatte. Und weil er so fleißig gewesen war, durfte Danny mit seinen Großeltern vor dem Zubettgehen noch die Nachrichten im Fernsehen schauen. Es gefiel ihm, was in den Nachrichten zu sehen war. Großmutter erklärte ihm, das seien die bösen Menschen, von denen sie gesprochen hatte, die, die da andere niederschossen und den kleinen Jungen aus Indiana verschleppt hatten. Danny war plötzlich beeindruckt und fürchtete sich kein kleines bisschen mehr.

„Warum lächelst du, du Idiot?“, herrschte Ms. Connor ihn von der Seite an. „Das ist doch nichts Tolles, sondern ganz ganz schlimm, kapierst du das nicht?“

„Doch Oma!“

„Ich denke, das ist genug für heute.“ Sie hob ihren Enkel vom Sofa und brachte ihn zum Zähneputzen ins Bad. Dann begleitete sie ihn in zurück in die Kammer, schaltete dieses Mal das Nachtlicht, einen kleinen, flackernden Mond, ein.

„Nein, Oma, den brauch ich nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr!“

Ms. Connor schaute ihn etwas verdutzt drein, machte das Licht wieder aus und schüttelte den Kopf.

„Du wirst noch genauso verrückt, wie deine Mutter. Soll euch irgendjemand auf der Welt verstehen. Schlaf jetzt. Ich will dich nicht mehr sehen heute.“

Sie machte die Tür hinter sich zu. Danny wartete einige Minuten, ehe er aus dem Bett kroch und auf den alten, klapprigen Stuhl kletterte, der unter dem kleinen Fenster stand. Die Rollläden waren nur zur Hälfte verschlossen, sodass er hinaus auf die Straße blicken konnte. Irgendwo da draußen waren sie. Und er wartete ab jetzt sehnsüchtig auf den Moment, in dem sie ihn holen kommen wollten. Denen würde er es schon zeigen. Jedem einzelnen…