Mensch im Tante-Facebook Laden

Mensch: Guten Tag, guten Tag!
Ich hab einen Fehler gemacht.

Verkäufer: No problem, lösen wir gleich –
wär doch gelacht.
Was darf’s denn sein?
Spott oder lieber Drauf-Spucken?

M: Ich weiß nicht genau –
muss ich mich dabei ducken?

V: Kommt darauf an …
Ist ihr Fell denn schön dick?
Sonst wär‘ Ignoranz
auch ein ganz nettes Stück!

M: Ich bin mir nicht sicher …
Tut das denn nicht weh?

V: Nein, nein,
Dummheit ist eine gute Idee!
Seien Sie unbesorgt:
Idiotische Comments gibt’s bei uns pur!

M: Ok, das könnte es sein, nur:
Sind die auch richtig gemein?

V: Natürlich! Vom Feinsten,
gemein und halb wahr
und reichen hinein – wenn Sie wollen –
bis ins nächste Jahr!

M: DIE Garantie klingt doch gut.
Dann nehme ich das!

V: Super, DAS ist Community-Spaß!
Ah, ein kleiner Haken (nicht der Rede wert):
Perfekt klappt’s nur online –
hat die Erfahrung gelehrt.

M: Moment! Kann ich das da hinten nicht haben?
Die Wahrheit? Und die ins Gesicht?

V: Sorry! Wir schließen.
Die haben wir hier nicht.


Tief

Ein Text über Hochsensibilität
und ihre Höhen und Tiefen.

Mir kommt es vor, als wäre mein Herz aus Seidenpapier. Ich wünschte, die Welt würde vorsichtiger mit ihm umgehen.

(Richelle E. Goodrich)

In der Bar dröhnt die Musik in ihren Ohren, Matilda hat die Nacht auserkoren, um sich frei zu fühlen, sich gehen zu lassen, allen Alltagstrott, den Alltagsschrott dort stehen zu lassen, wo sie ihn am nächsten Tag wieder abholen kann. Sie trinkt ein paar Gläser Wein und kann sich selbst endlich wieder reinen Wein einschenken, denn angetrunken ist man doch immer am Ehrlichsten. Ihr Herz tanzt zum Beat und wie immer schafft sie es alle anzuspornen, weil ihr Enthusiasmus Wellen schlägt und ihr Lachen auf andere überschwappt und etwas übergeschnappt sein, das brauchen in dieser verrückten Welt doch alle. Es rauscht in ihren Ohren, sie tanzt gedankenverloren, betrunken, ist in der Musik versunken. Leben vom Feinsten, der Moment ist alles. Der Moment ist genug.

Durch Kunst hält sie die Welt in Bildern fest und fester, die Welt – ihr bester Freund und Feind, weil es den einen ohne den anderen nicht gibt und so schließt sie nichts für sich aus, lässt alles auf sich zukommen. Durch ihre Finger strömt das raus, was sie bewegt, was ihr Herz in Teile zerlegt und so fügt sie es immer wieder zusammen und lässt es noch mehr erblühen. Ja, dann kann Matilda überschäumen vor Freude, reißt Bäume aus, schafft es gar, den Sorgen ihrer Freunde den Garaus zu machen, weil sie versteht wie kein anderer und weiß, was man braucht, vom anderen. Und sie wandert durch das Gute und das Schlechte und verliert sich in beiden Ozeanen und lässt sich treiben in ihnen.

Mit Matilda geht es tief. Eine jede Berührung, ein jedes Wort. Ein jeder Gedanke, ein jeder Wunsch, eine jede Sorge. Eine jede Erwartung, eine jede Enttäuschung. Ein jeder Schmerz, eine jede Freude. Ein jeder Kuss, ein jeder Blick, ein jedes Schweigen. Mit Matilda geht es tief. Und tiefer.

Der Raum dreht sich, in dem Matilda sich bewegt, sie lauscht den Worten ihres Freundes, saugt jedes einzelne in sich auf, ist drauf und dran aufzustehen und wegzugehen, weil gehen, das nun mal so einfach ist, für sie. Sie packt es einfach nicht, kriegt das mit den Beziehungen einfach nicht gebacken, so meint sie, weil vermeintlich alles was sie anfasst, zerbricht. Das grelle Licht der Deckenlampe bohrt sich durch ihre Pupille, sie rauft sich durchs Haar mit den Händen, will sich abwenden von seinen Pfeilen, den Worten, wegdrehen vom hellen Licht, sich wegbeamen an fremde Orte, von allem, was gegen ihre Schläfen pocht und gegen die Mitte ihrer Stirn. Sie widersteht der Versuchung die verkrampften Fäuste auf die Küchenplatte zu schlagen, um vom Licht und den schmerzenden Worten ihres Gegenübers abzulenken – und um aufzuhören, über all das nachzudenken. Und er sagt: Weißt du … Du bist viel. Im Guten wie im Schlechten. Du bist oft zu viel.
Ein Zuviel an Gefühl, ja das ist Matilda. Matilda liebt so tief, sie weiß, dass kaum jemand so liebt oder so viel gibt, wie sie es tut und sie ruht nie, sie gibt alles.

Und dann ist sie wie ein Messer, weil alles, was sie fühlt, wie sie sie es fühlt und warum sie es fühlt, tief geht, so tief, dass es sie von innen fast auffrisst und sie fast am Rad dreht und weil es sie auffrisst, will sie, dass es rausgeht, raus aus ihrem tiefsten Ich, ihrem Herzen, ihrer Seele, ihren Gedanken, ihrem Körper – ihrem Mund. Und: Es ist, als ob ihre Worte wilde Purzelbäume über ihre Geschmacksknospen schlagen und sich zwischen Ober- und Unterlippe zwängen, um sich raus zu drängen und diejenigen zu verletzen, die ihr mit ehrlicher Liebe am meisten zusetzen.

Matilda hat die feinsten Sensoren, irgendwer in diesem Universum hat sie auserkoren, dass sie mit dieser Gabe, diesem Fluch geboren wird. Sie weiß nicht, wie man drüber spricht, aber sie weiß, warum das so ist, warum alles tief geht bei ihr, warum es sie auffrisst. Sie schmeckt ihnen, ihren Gefühlen, die sie so sehr aufwühlen, sie schmeckt ihnen so sehr. Mit ihrer rauen Zunge lecken die kleinen Biester an Matildas Innenwänden, immer an der gleichen Stelle, bis sie abgewetzt ist von der Reibung und es unangenehm wird und sie sich innerlich auflöst, an genau jener Stelle und wie sich die Zunge ihrer Gefühle durchbohrt und links und rechts und von allen Seiten beginnt sie auszulutschen, um von ihrem Seelenfutter zu kosten. Egal, in welche Richtung sie rennt, nach Norden oder Südosten. Matilda fühlt, wie sie sich auflöst und alles tiefer geht, weil in ihr drin alles porös wird und alles sickert weiter und tiefer und tiefer und hört nicht auf nach unten zu tropfen. Und so steht sie mal jubelnd am höchsten Gipfel dieser Erde und mal liegt sie am Boden, wie eine Scherbe – zerbrochen.

Mit Matilda geht es tief. Eine jede Berührung, ein jedes Wort. Ein jeder Gedanke, ein jeder Wunsch, eine jede Sorge. Eine jede Erwartung, eine jede Enttäuschung. Ein jeder Schmerz, eine jede Freude. Ein jeder Kuss, ein jeder Blick, ein jedes Schweigen. Mit Matilda geht es tief. Und tiefer.

Als wäre sie ein Riesen-Karussell, sehr langsam oder auch schnell, von dem aus man von ganz oben hinunter blickt und dieser Blick nach unten ist nicht ohne, – Matilda dreht sich schließlich jeden Tag, ob sie mag oder nicht. Aber wenn sie nicht nach unten blickt, sondern ihr Blick von ganz oben in die Ferne rückt, dann erscheint ihr eine ganze Welt, in der alles viel intensiver ist und alles andere erhellt. Dort sind die Farben bunter, wenn Glück in ihr wohnt und grauer, wenn Traurigkeit sie durchzieht. Dort ist das Licht glänzender und das Dunkel schwärzer. Die Musik tönender, der Beat eindringlicher, ihre Tränen nasser. Ihr Lachen echter. Egal wie sich das Karussell dreht, es ist viel Glück, viel Traurigkeit, viel Wut, viel Hoffnung, viel Verzweiflung, viel Mut, viel von alldem, was das Leben ausmacht.

Es ist viel Matilda und es geht so wahnsinnig tief. Und nicht jeder ist schwindelfrei.

Es ist.

Dieser Poetry Slam-Text ist für einen Vortrag der Südtiroler Landesrätin für Chancengleichheit entstanden.


Ihr Name war Marie und sie war eine Frohnatur,

herzensgut, optimistisch, motiviert. Sie wollte nur

und man kanns ihr schließlich nicht verdenken

ihr Leben in die gewollt/gewünschte Richtung lenken.

Sie hatte `nen Traum, wollt dafür alles geben.

Doch wie es so oft passiert, ging einiges daneben.

Ein neuer Job, neue Kollegen,

und sie, die talentierte Neue wollte hier endlich was bewegen.

Aber da war er. Ein Irgendwie-Normalo, wie man ihn sich vorstellt und doch einer der sich verstellt, und sich niemals hinten anstellt. Er bestellt, was er will und bekommt was er will,

in ganz großem Macho-Stil.

Sie merkte schnell, er peilte sie an mit seinen Pfeilen aus Worten, unpassend gemeine.

„Das ist nichts für dich Schätzchen, das verstehen nur Große.“ „Na Kleine,

du Süße, du Dummchen,“ – das war nur der Anfang.  

Irgendwann fing es dann an

Der Druck, den er machte, war ein geübter. Die Macht, die er ausübte routiniert. Und ungeniert machte er sie kleiner als sie war,

und ihr war klar,

dass sie nichts mehr richtig machen konnte

und während er sich in seiner Position sonnte,

wurde sie kleiner und kleiner.

Und ein jeder seiner 

„Ich-schaue-dich-nicht-an-Gesichter“ machten sie wütend, und am liebsten hätte sie sein Gesicht hergedreht zu ihrem und ihn gebeten, dass er sie ansähe. Aber Sehen hätte ihn verstehen lassen

und er wollte sie nicht gehen lassen.

Weil er sie brauchte um sich abzureagieren

und über jemanden zu triumphieren.

Ein böses Wort hier, eine Stichelei dort, und mit der Zeit war ein jedes Wort wie ein Dolch

und machte ihren neuen Job zu einem unerträglichen Ort.

Jeder Tag war für sie eine Qual,

das lockere „Ist mir so egal

und die Wut irgendwann leise fortgeschwemmt.

Ihre ungehemmte Art wich der Angst zu versagen und ihr Gedanke war nur:

Was nützt es jetzt noch, etwas zu wagen?

Wochen vergingen, die Tränen vergingen, die Freude verging, ihr Selbstvertrauen ging – und sie ging … nicht.

Sie sagte nichts, bat nicht um Hilfe. Sie schwand dahin, verschwand in ihm, in seinem großen, mächtigen Schatten.

In ihrem Bauch knoteten sich Angst und Verzagen zu einem Knäuel,

und sie fühlte auch, wie sie sich immer mehr geschlagen gab.

Ihren Traum? Den gab es nicht mehr.

Sie setzte sich nicht mehr zur Wehr, es fiel ihr zu schwer, eine Träne zu weinen

oder das was er sagte, auch nur einmal zu verneinen.

Ein jedes Wort schluckte sie runter, hat ihren eigenen Namen längst vergessen.

„Schätzchen“ hat am Tisch mit den anderen – seit Monaten nicht gegessen. Sie zog sich zurück, es ging ihr nicht gut. Bei dem was sie tat, war sie plötzlich nicht mehr gut,

denn er sagte, sie mache Fehler und für alles andre fehlte der Mut. Er nahm ihr alles, was sie war.

Ihr Kopf pochte wild, ihr Magen war flau und sie wusste genau:

Wie kann ein Mensch das sein, was er ist,

wenn er plötzlich all die Sätze frisst,

die ihm vorgekaut werden, wenn er das verbaut bekommt,

wenn ihm all das um ihn nicht mehr bekommt?

Und wie kann ein Mensch das werden, was er werden will,

wenn still sein als Einziges übrig bleibt?

Wie eine jede Geschichte, könnte auch diese mit einem „Vor langer, langer Zeit“ beginnen, aber wisst ihr was? Nichts davon ist so weit weg, wie es sollte. Denn es ist das Heute, das Jetzt und hier.

Und es kann jedem passieren, auch dir und mir.

Ich beobachte die Menschen, ihre Mäuler sind aufgerissen.

Ich sehe die Menschen, sie sind innerlich zerrissen.

Weil Respekt ein Fremdwort ist, weil  die einen die anderen nicht mehr sehen und nur ihren eigenen Kram sehen

und sie verstehen nichts vom anderen.

Und es scherte sie schon damals nicht,

und heute hat das alles noch weniger Gewicht.

Weil sich unsere Werte verändert haben und was uns heute mehr wert ist, als der Selbstwert unseres Gegenübers, ist das eigene Ich.

Als Menschen geboren,

haben wir die Menschlichkeit schon bald verloren.

Die Säulen der Gesellschaft wanken und wir danken uns auch noch selbst dafür.

Wir stehen uns nur noch selbst gegenüber

und sind überdrüber und stellen unsere eigenen Ziele über alles und zielen die falsche Zielscheibe an:

Es soll uns immer besser gehen,

Anstand aus.

der Job muss über allem stehen, und wir müssen immer besser sein und besser werden.

Und mit diesem Messer am Hals, steigt in uns der Druck. Wir müssen uns durchboxen, Ellebogen raus,

Moral? Egal.

Darum kann und soll diese Geschichte nicht beginnen mit einem „Es war einmal“.

Sie beginnt mit einem „Es ist.“


Kompliment an Mr. Oldman

Manchmal trifft man Menschen, die einen auf besondere Art und Weise beeindrucken. Über so einen Menschen habe ich in diesem Poetry Slam-Text geschrieben. Viel Spaß dabei 🙂

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

wie es dazu kam, dass Sie ganz alleine da waren.

Ein zierlicher Greis mit weißen Haaren und stolzen Falten – sein Leben besaß sicher Momente, für die es sich lohnte, anzuhalten. Momente, in denen er liebte, träumte, Hoffnung trug und die ihn jubeln und springen ließen, und auch sicherlich solche zum Verdrießen. Sein Gesicht – eine Landkarte mit Wegeslinien so tief, und das so manche Fragen in mir wachrief.

Zu gerne würde ich für einen Moment durch seine Augen sehen und all das um mich besser verstehen. Warum ist das Schwere oft so schwer und die Liebe noch viel mehr? Warum schenkt das Meer uns so große Kraft und wie kommt’s, dass man doch irgendwie alles schafft? Warum ist Glück so zerbrechlich und warum liegen wir ganz oft falsch? Ist es nicht so? In solch‘ hohem Alter, da ist man klüger, ja weise. Denn sie war lang, schön und beschwerlich, die einundneunzigjährige Lebensreise.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

was Ihre Hände so rau und abgenutzt machte.

Hände – etwas. Worauf ich ganz besonders achte, denn:

Was mögen sie schon alles repariert haben und welche Art von Gaben haben sie verschenkt? Welche Autos haben sie gelenkt und gab es eine Hand, um die die seine angehalten haben? Wie viele Seiten haben diese Finger umgeblättert, wie viele Seiten zerrissen, wie oft ein Über-die-Worte-Gleiten? War es unverhofft oft? Und wie oft haben sie als Kind einen Blätterstrauß geflochten? Wie oft mochten sie gezittert haben, mit welchen Aufgaben haben sie sich rumgeschlagen? Und – haben sie sich schon mal geschlagen?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

warum Sie sich all die Leute so genau angesehen haben.

Abertausende von Menschen sind schon an ihm vorübergezogen, manche ganz schnell, vielleicht machten manche einen Bogen um ihn, aber es war ihm egal – oder nicht? Vermutlich hat er jemanden angehimmelt aus der Ferne, das machen wir doch alle gerne, und hat sich nie getraut, den Schritt zu wagen. Vielleicht war er der belesenste unter seinen Freunden, vielleicht der Faxenmacher, beliebt wegen seiner großen Lacher. Wurde er genug geliebt, gebraucht oder haben sich andere an ihm verbraucht? War er ein Pessimist, ein Narzisst oder gar ein Faschist seiner Zeit? Vielleicht – die Option gefällt mir besser – vielleicht war er einer von diesen Regen, die immer was bewegen und ein kleiner Revolutionär. Einer der aufstand und verstand, was er tat. Oder war er ein Unscheinbarer, dieser berühmte eine unter vielen, der eine Figur war von den Spielen anderer?  Was er wohl bereut hat in all den Jahren? Ist er überallhin gefahren, wohin er wollte oder tat er immer nur das, was er tun sollte? Gibt es heut‘ etwas, dass er lieber vergäße und eine ganz besondere Person, zu der er sich immer wieder säße?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

ob alle Leben in die gleiche Richtung gehen.

Ich frage mich insgeheim: Wie wird es wohl sein? Wie viele Falten werden mein Gesicht zieren? Ich fürchte mich vor dem Moment, geliebte Menschen zu verlieren. Wenn das Meiste vorbei ist, bekomm‘ ich da Angst? Und: kommt endlich die Ruhe, nach der ich gesucht und die ich verflucht hab‘ in der hoffentlich einundneunzigjährigen Lebensreise? Und löst sich alles auf, auf ganz eigene Weise? Werde ich vergessen, wen ich liebe oder eine wütende Alte sein? Werde ich Frieden finden oder mich ans Leben binden und dem nachtrauern, was hinter mir liegt? Und ich frage mich, wann wir alle sterben werden und wem der Tod näher ist von uns allen. Ich tue mir einen Gefallen, lege den Gedanken beiseite und lebe lieber weiter.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen.

Doch ich stand nicht auf, um kurz mal rüber zu gehen.

Ich hab‘ Sie einfach nur betrachtet,

Sie für ihr bloßes Dort-Sitzen geachtet,

denn einen Mann in diesem stolzen Alter sieht man nicht oft und unverhofft, haben Sie sich ein riesiges Stück Käsekuchen und eine passend große Tasse Cappuccino bestellt – und ich sah, dass Ihnen an nichts fehlt –  zumindest nicht in diesem Moment. Nach ihrem langen, langen Marsch haben Sie es sich verdient – bestimmt.  Und das ist ein Kompliment.


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Schneewittchen oder: Lila Revolution

Dies ist der Text meines ersten Poetry Slams. Ein Text, über den Mut aus der Gesellschafts-Seifenblase auszubrechen und über eine Märchenfigur, die besser mal etwas gewagt hätte …

Schon mal überlegt, was passiert wäre, wenn Schneewittchen sich dazu entschlossen hätte, ihre Haare zu färben? Das mit dem „Schwarz wie Ebenholz“ hätte nicht mehr funktioniert und die Grimms sich die Haare gerauft, weil sich ihre verrückte Hauptakteurin plötzlich dazu entschloss, eigene Entscheidungen zu treffen. Was wäre also passiert – wenn der völlig unrealistische Fall eingetreten wäre und ihre Märchen-Marionette ein mentales Eigenleben entwickelt hätte? Hätte, hätte, Fahrradkette. Und doch: Schneewittchen wäre um einiges glücklicher gewesen – Jede Wette!

Ich glaube, wir sind alle wie Märchenfiguren, Geschichtengestalten, aber nur simple. Wir werden von anderen – vermeintlich Großen – geschrieben, getrieben.  Doch was können wir tun, um uns selbst zu lieben? Wir werden nicht gefragt, uns werden Dinge auferlegt, gesagt. Wer wagt, der gewinnt? Der Spruch mag stimmen, aber nicht an Bedeutung gewinnen, denn wir sollen nicht wagen, wir sollen nicht fragen, es wird uns angetragen – and that’s it. Wir werden also von anderen hingesudelt und bekommen Rollen, von denen wir nicht alle wollen, aber sehr wohl tragen sollen. Weil es sich so ziemt. Ein Beispiel: Die Frau. Eine Mutter ist eine Mutter! Da ist kein Platz für Zweifel, Wünsche oder gar Sehnsucht. Auch wenn sie sucht. Nach mehr, denn ist das alles? Brust raus, aber bloß nicht zu weit, denn das hat keinen Stil. Streng erziehen, aber bloß nicht zu viel. Schwäche zeigen? Wofür, du bist doch bloß Mama. Sei bloß leise, mach‘ deinen Job und schwimm‘ in die Richtung, die dir befohlen. Und wie sie dich schreiben, so wirst du bestohlen. Denn die Geschichte ist fix, vorgefertigt. Köpfen entsprungen, in den Köpfen wurde um Zeile für Zeile gerungen. Nichts zu verändern und schon gar nicht Protagonisten. Ein Beispiel: Ein erwachsener Mann mit unerfüllten Wünschen? Sollt‘ es nicht geben, doch er hat alles so zu erleben, wie es der Plan vorsieht. Wie er es vielleicht nicht sieht, aber sich nicht traut – und alles in ihm versiegt. Hineingeboren in die perfekt  geplante Welt. Darin verloren und der Plan – ob der gefällt?

Ich stelle es mir vor, darf ich hier Bilder malen? Ich stelle mir die großen Schreiber vor, über den Zetteln. Mit Fäden in der Hand, sie ziehen sie auf und ab, schreiben unsere Farben, beschreiben unsere Narben, für die wir nichts können und doch selber Schuld sind. Je nachdem, wie gewünscht. Je nachdem ob sie uns verwünschen oder uns alles Gute wünschen. „Alles Gute zum Geburtstag, Schneewittchen, du bist gut so wie du bist“, sagen sie, „mit deiner Haut so weiß wie Schnee, deinen Lippen so rot wie Blut und ja – deinem Haar so schwarz wie Ebenholz. Aber wehe, du entwickelst dich.“ Es ist so viel, was sie sagen und so wenig, das sie wagen. Denn wer wagt schon, außer den großen Helden?

Vielleicht also – und ich spekuliere nur – vielleicht hätte Snow White ja wirklich Farbe bekennen sollen, um ihrem faden Dasein etwas Spannung zu geben. Spannung zu leben und sich in ein selbst gewähltes Abenteuer einzuweben. Denn wir brauchen Herausforderung und all die guten Geschichten. Wir sehnen sie herbei, die Veränderungen und fürchten sie zugleich. Und es ist ganz gleich, was wir wollen, denn was wir wollen, ist meist nicht das, was die anderen wollen. Und sie reden und hacken drauf, spucken drauf, verurteilen laut und um uns wird’s lauter und wir wollen‘s doch leis‘ und nicht den ganzen verfluchten Scheiß. Drum bleiben wir in unserer sicheren Geschichtenblase, Seifenblase, und überwinden unsere „Phase“.

Ach, wir sollten sie einfach zerstechen von innen heraus und endlich hinaus. Machen wir dem Ich-Trau-Mich-Nicht den Garaus. Pfeifen wir auf diese scheinbar Großen, die Famosen, die uns nur nach unten stoßen. Vergessen wir ihr Gelaber, schalten wir auf Durchzug und nehmen wir den Zug in eine neue Welt. Eine Welt, in der nur zählt, was auch gefällt. Egal, was es ist. Hauptsache es ist, was du bist. Es ist nicht egal für dich und nicht für dich und auch nicht für mich. Wir sind uns nicht egal. Die alten Erzählungen, sie sind nichtig, weil es nicht die unseren sind, und das alles nicht unseren Vorstellungen entspricht. Und erpicht drauf, endlich die Buchsegel zu setzen, den eigenen Stift abzuwetzen und ihn zu führen. Vielleicht ist es ein lila Stift. Dann malen wir doch auch gleich dem armen Schneewittchen die Haare um und schreiben eine neue Story drum rum, die alte ist eh ausgelutscht. Es war einmal. Ja, hoffentlich war es einmal.


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