Der Schustermeister oder: Die Freuden des Augenblicks

Für manch einen war es der See mit seinen morgendlichen Nebelschwaden im Sommer und der kristallenen Oberfläche in den kalten Monaten. Oder die Burg am Hügel, die frühmorgens in mystisches Sonnenlicht getaucht wird und über besagten See wacht. Für viele war es das rege Treiben am Platz vor der Kirche und der tägliche Schwatz – für wiederum andere war es das Sein in den Weinbergen, das Philosophieren über die kostbaren Tropfen, die sie aus den Trauben gewannen, weshalb sie jede einzelne mit ihren von Arbeit gezeichneten Händen berührten, als wären sie pures Gold.

Der 24-jährige Josef, der im Jahr 1949 nach Kaltern gezogen war, um die dunklen Tage des Krieges endgültig hinter sich zu lassen, flanierte lieber durch die verwinkelten, engen Gassen in dem kleinen Ortsteil Mitterdorf, fernab des dörflichen Trubels. Die Gegend rund um Schloss Campan hatte es ihm sehr angetan – zudem er bei dortigem Grafen für die Pflege der Weinberge und der Tiere angestellt wurde. Weil ihn seine Arbeit körperlich aber sehr ertüchtigte und er erst spät nach Sonnenuntergang einige freie Stunden genoss, versäumte er so manche Gelegenheit, sich mit anderen Leuten im Dorf auszutauschen.

Eines Tages – Josef war gerade dabei, die Pferde in den Stall zu treiben – kam der Graf auf ihn zu, in der Hand ein Paar ausgemergelte Schuhe. „Bring sie zum Schuster und lass sie neu besohlen. Der linke muss außerdem geflickt werden.“ Noch am selben Tag begab sich Josef mit den Schuhen zum Schustermeister. Josef kannte das kleine Lädchen vom Vorbeispazieren schon: Eine versteckte, dunkle Schusterei, die man über zwei nach unten führenden Treppen betrat. Josef stieß sich den Kopf, als er durch die knarzende Tür trat. „Obacht, junger Mann, manch einer ist hier schon mit großen Kopfschmerzen zur Tür hinaus.“ Eine rauchige, aber freundliche Stimme erklang aus der hinteren Ecke des Ladens. „Ich merke schon, ein Mann von meiner Größe, tut sich in diesen vier Wänden etwas schwer“, erwiderte der hochgewachsene Josef lächelnd und begrüßte den Schuster, der gerade dabei war, Ahle und Nagelbohrer von der Werkzeugwand zu holen und sich den Schusterfuß zu richten. Ein brauner Damenschuh lag vor ihm auf dem Tisch, der auf einen neuen Stöckel wartete. Der Schuster aber inspizierte den fremden Mann. „Ich kenn dich nicht“, brummte er, „kommst du von auswärts?“ „Ja, aus dem hinteren Pustertal, ich lebe aber seit ein paar Monaten hier in Mitterdorf.“ „Komm her mein Junge, setz dich zu mir“, forderte ihn der alte Schuster auf und zog einen klapprigen Hocker unter dem Arbeitstisch hervor. „Wie heißt du?“ „Josef. Ich bringe für meinen Arbeitgeber, den Grafen, diese Schuhe. Sie sind neu zu …“ „Trink mit mir einen Schluck“, unterbrach ihn der Schuster und verschwand für einen Moment in eine kleine, dunkle Kammer. Dann kehrte er mit einer Flasche Wein und zwei Weingläsern zurück. Josef setzte sich folgsam und inspizierte die Flasche. „Das ist der Wein meines Grafen“, stellte er fest, „aber ich hab ihn noch nie gekostet.“ Der Schuster lachte: „Wie kannst du etwas tun, von dem du nicht mal weißt, warum und wofür du es tust?“ Josef musste zugeben, dass er die Arbeit beim Grafen nur deshalb verrichtete, um sein täglich Brot zu verdienen – sehr viel über sie nachgedacht hatte er bisher nicht. Der Schuster betrachtete den grübelnden Josef, trank genussvoll ein Schluck Wein, strich sich seine grauen, zerzausten Haare aus dem Gesicht und fing an zu plaudern: von dem Winzer-Grafen und dem Weingut, das schon über mehrere Generationen bewirtschaftet wurde. Von seinem eigenen Entschluss, Schuster zu werden, der Gabe, ein seltenes Handwerk zu beherrschen und den Menschen im Dorf damit einen wichtigen Dienst zu erweisen: „Ich helfe den Menschen dabei, leichter durchs Leben zu gehen – der Weg ist ohnehin steinig genug, nicht wahr?“
Und so saßen sie da, Josef und der Schuster, und draußen ging der Tag in den Abend über, die Menschen zogen sich in ihre Häuser zurück und plötzlich war die Flasche Wein leer und der Kopf voll mit Trank und Geschichten des Schusters.

Als Josef ein paar Tage später wieder kam, um die Schuhe des Grafen abzuholen, taten die beiden es gleich. Nach diesen beiden Nachmittagen überbrachte Josef seinem Grafen nicht nur dessen neu besohlten Schuhe, sondern äußerte auch die überraschende Bitte, mehr über dessen Weinbau zu erfahren, was diesen sehr erfreute. So kam es, dass der Graf den jungen Josef in die Kunst und die Philosophie der Winzerei einführte. Josefs Leidenschaft war geweckt – und er verstand immer mehr, warum sich die Bauern um ihre Weinreben kümmerten, wie Mütter und Väter um ihre Kinder: Es ging nicht nur um den Rebensaft, sondern auch um das anschließende Zusammenkommen. Um die Geselligkeit, das Geschichten-Erzählen und: die Freuden des Augenblicks.

Die Freundschaft zwischen Josef und dem Schustermeister hielt übrigens ein Leben lang.


Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Tourismusverein Kaltern am See entstanden und im März 2022 in der 30. Ausgabe des wein.kaltern MAGAZINS erschienen.

Face to Face

Das Gesicht. Es ist die Landkarte eines Lebens, DEINES Lebens, mit all seinen feinen Linien, Fältchen und Verästelungen. Dein Gesicht – es ist wunderschön. Ich habe eine Frage an dich: Wann hast du es dir zuletzt angeschaut? Also ich meine so richtig … Wann warst du das letzte Mal Face to Face mit dir selbst? Vielleicht fragst du dich, warum du das tun solltest. Nun …
Jeder einzelne Zentimeter deines Gesichtes erzählt immerhin deine Geschichte!

Sieh hier! Die Grübchen an den Mundwinkeln und die Lachfalten um deine Augen, sie erzählen von all den heiteren Momenten. Weißt du noch, wie du vor Glück hättest Bäume ausreißen können? Und da! Erinnerst du dich an den Kummer und die vielen Veränderungen, die dafür gesorgt haben, dass sich deine Stirn in Falten legt?


Wie oft hast du schon gemerkt, wie nah Glück und Unglück, Freude und Schmerz, Licht und Dunkelheit beieinander liegen und wie oft das eine mit dem anderen konkurriert? Erinnerst du dich an die Geburt deiner Kinder? An den Verlust eines geliebten Menschen? An einzigartige Abenteuer und Erlebnisse, die dir jetzt noch dieses ganz besondere Leuchten in die Augen zaubern? An falsche oder mutige Entscheidungen, die du getroffen und an all die steinigen Wege, die du mit erstaunlicher Bravour gemeistert hast? Wie oft hast du dir eine Maske aufgesetzt und dich verändert, um am Ende doch wieder du selbst zu sein? Wie oft hast du andere aus deinem Gesicht lesen lassen und in welchen Situationen hast du gute Miene zum bösen Spiel gemacht?
Erinnerst du dich, wie oft du jemanden angelächelt hast und wie viele ehrliche Tränen über deine Wangen gelaufen sind? Wie oft hat sich dein Gesicht zu lustigen Grimassen verzogen und wie oft haben dein Blick und deine Lippen wütende Funken versprüht? Wie oft haben sich Angst und Unsicherheit ganz leise über dein Gesicht gelegt?
Wie oft bist du errötet, weil dir jemand tief in die Augen geblickt und dich dadurch im Herzen berührt hat? Oder aber deswegen, weil du dich aus irgendeinem Grund geschämt hast? Weißt du noch, wie oft du andere mit deinem Lachen angesteckt und wie oft du die Augen geschlossen hast … einfach nur, um einen bestimmten Moment zu genießen? Wie oft hast Ausschau nach etwas gehalten? Wie viele Millionen Eindrücke mögen sich in der Vergangenheit durch deine Pupillen geschoben haben?


Darum, ja tu es doch wieder mal: Schau dir dein Gesicht an … Es hält all die Straßen fest, die du gehst, die Abzweigungen, die du auf deinem Weg wählst. Es teilt dir mit, was du in all den Jahren über diese Welt gelernt und worüber du dir womöglich zu viele Gedanken gemacht hast. Worüber du gelächelt, gelacht, geschimpft oder geweint hast. Jede einzelne Falte, jedes Grübchen, jede kleine Narbe, eine jede feine Schattierung … Sie zeigen dir nicht wie alt du bist, sondern erinnern dich wieder an all das, was war, an all die Schritte, die du getan hast. Daran, was du bis zum heutigen Tag erlebt und überlebt hast. Tut das nicht gut?


Dein Gesicht. Es zeigt dir: Du warst, du bist – und es hat noch jede Menge Platz für das, was kommt. Dein Gesicht – es ist wunderschön. Ich habe also eine Frage an dich: Wann hast du es dir zuletzt angeschaut?


Kompliment an Mr. Oldman

Manchmal trifft man Menschen, die einen auf besondere Art und Weise beeindrucken. Über so einen Menschen habe ich in diesem Poetry Slam-Text geschrieben. Viel Spaß dabei 🙂

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

wie es dazu kam, dass Sie ganz alleine da waren.

Ein zierlicher Greis mit weißen Haaren und stolzen Falten – sein Leben besaß sicher Momente, für die es sich lohnte, anzuhalten. Momente, in denen er liebte, träumte, Hoffnung trug und die ihn jubeln und springen ließen, und auch sicherlich solche zum Verdrießen. Sein Gesicht – eine Landkarte mit Wegeslinien so tief, und das so manche Fragen in mir wachrief.

Zu gerne würde ich für einen Moment durch seine Augen sehen und all das um mich besser verstehen. Warum ist das Schwere oft so schwer und die Liebe noch viel mehr? Warum schenkt das Meer uns so große Kraft und wie kommt’s, dass man doch irgendwie alles schafft? Warum ist Glück so zerbrechlich und warum liegen wir ganz oft falsch? Ist es nicht so? In solch‘ hohem Alter, da ist man klüger, ja weise. Denn sie war lang, schön und beschwerlich, die einundneunzigjährige Lebensreise.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

was Ihre Hände so rau und abgenutzt machte.

Hände – etwas. Worauf ich ganz besonders achte, denn:

Was mögen sie schon alles repariert haben und welche Art von Gaben haben sie verschenkt? Welche Autos haben sie gelenkt und gab es eine Hand, um die die seine angehalten haben? Wie viele Seiten haben diese Finger umgeblättert, wie viele Seiten zerrissen, wie oft ein Über-die-Worte-Gleiten? War es unverhofft oft? Und wie oft haben sie als Kind einen Blätterstrauß geflochten? Wie oft mochten sie gezittert haben, mit welchen Aufgaben haben sie sich rumgeschlagen? Und – haben sie sich schon mal geschlagen?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

warum Sie sich all die Leute so genau angesehen haben.

Abertausende von Menschen sind schon an ihm vorübergezogen, manche ganz schnell, vielleicht machten manche einen Bogen um ihn, aber es war ihm egal – oder nicht? Vermutlich hat er jemanden angehimmelt aus der Ferne, das machen wir doch alle gerne, und hat sich nie getraut, den Schritt zu wagen. Vielleicht war er der belesenste unter seinen Freunden, vielleicht der Faxenmacher, beliebt wegen seiner großen Lacher. Wurde er genug geliebt, gebraucht oder haben sich andere an ihm verbraucht? War er ein Pessimist, ein Narzisst oder gar ein Faschist seiner Zeit? Vielleicht – die Option gefällt mir besser – vielleicht war er einer von diesen Regen, die immer was bewegen und ein kleiner Revolutionär. Einer der aufstand und verstand, was er tat. Oder war er ein Unscheinbarer, dieser berühmte eine unter vielen, der eine Figur war von den Spielen anderer?  Was er wohl bereut hat in all den Jahren? Ist er überallhin gefahren, wohin er wollte oder tat er immer nur das, was er tun sollte? Gibt es heut‘ etwas, dass er lieber vergäße und eine ganz besondere Person, zu der er sich immer wieder säße?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

ob alle Leben in die gleiche Richtung gehen.

Ich frage mich insgeheim: Wie wird es wohl sein? Wie viele Falten werden mein Gesicht zieren? Ich fürchte mich vor dem Moment, geliebte Menschen zu verlieren. Wenn das Meiste vorbei ist, bekomm‘ ich da Angst? Und: kommt endlich die Ruhe, nach der ich gesucht und die ich verflucht hab‘ in der hoffentlich einundneunzigjährigen Lebensreise? Und löst sich alles auf, auf ganz eigene Weise? Werde ich vergessen, wen ich liebe oder eine wütende Alte sein? Werde ich Frieden finden oder mich ans Leben binden und dem nachtrauern, was hinter mir liegt? Und ich frage mich, wann wir alle sterben werden und wem der Tod näher ist von uns allen. Ich tue mir einen Gefallen, lege den Gedanken beiseite und lebe lieber weiter.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen.

Doch ich stand nicht auf, um kurz mal rüber zu gehen.

Ich hab‘ Sie einfach nur betrachtet,

Sie für ihr bloßes Dort-Sitzen geachtet,

denn einen Mann in diesem stolzen Alter sieht man nicht oft und unverhofft, haben Sie sich ein riesiges Stück Käsekuchen und eine passend große Tasse Cappuccino bestellt – und ich sah, dass Ihnen an nichts fehlt –  zumindest nicht in diesem Moment. Nach ihrem langen, langen Marsch haben Sie es sich verdient – bestimmt.  Und das ist ein Kompliment.


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Die rote Leine

Oft passiert etwas in uns und dieses Etwas – ganz gleich, was das sein mag – ändert alles. So wie beim Protagonisten meiner neuen Kurzgeschichte, auf die ich gekommen bin, als ich irgendwo folgenden Satz gelesen habe: „Seine Welt veränderte sich an einem Dienstagnachmittag.“ Ein fantastischer Satz um eine Geschichte darum zu weben.

Seine Welt veränderte sich an einem Dienstagnachmittag. Eigentlich hatte sich seine Welt ja schon oft verändert, aber dieses Mal hob sich von den anderen Malen ab. Es fühlte sich anders an. Er musste schmunzeln, weil er es absurd fand. Immerhin hatte er einen Krieg hinter sich, hatte seine Frau bereits vor 27 Jahren zu Grabe getragen und seinen Zwillingsbruder vor fünf Jahren. Mit seiner Frau bekam er niemals Kinder, obwohl sie es sich immer gewünscht hatten. Das alles waren einschneidende Erlebnisse. Erlebnisse, die ihn auf kurze oder längere Sicht einknicken, doch niemals aufgeben ließen. Jedoch hatte er sich niemals so einsam gefühlt wie in diesem Augenblick, als er auf dieser Bank saß, in einem Park nur eine Ecke weit von der Tierarztpraxis entfernt, in der er gerade seinen Hund einschläfern lassen musste. In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten war er sein treuer Weggefährte gewesen, aber Himmel nochmal, es war ein Tier. Sein Tod konnte doch niemals schlimmer sein, als das, was er schon alles durchgestanden hatte!

Und doch. Er saß auf dieser Parkbank zwischen einer hageren Birke und einem von Eisbechern und Papiertüten überfüllten Mülleimer und war wie gelähmt. Starrte durch seine dünne Brille geradeaus auf den Schotterweg, an dem Radfahrer und Rollschuhfahrer vorbeizogen. Leute, die Gassi gingen mit ihren Hunden. Weinende Kinder, die keine Lust auf Spaziergänge im Park hatten, mit ihren Müttern, die die ersten sommerlichen Tage draußen eigentlich genießen wollten. Verliebte, junge Leute, die turtelnd kicherten. Geschäftige Anzugträger, die mit Handys am Ohr hektischen Schrittes voranschritten. Einige Senioren, wie er es war, die ihren Tag herumzukriegen versuchten. Sie alle gingen an ihm vorüber und hatten keine Augen für den alten Mann in der braunen Cordhose, dem Leinenhemd und der Weste. Den Mann, der eine rote Hundeleine in seinen Händen festhielt und dessen Welt gerade zusammenbrach. Von den Büschen hinter ihm flatterten kleine weiße Blüten durch die Luft, einige verfingen sich in seinem ebenso weißen Haar. Er bemerkte es nicht. Er bemerkte auch nicht die zwei kleinen Spatzen, die neben seinen Füßen nach Krümel pickten. Den Eiswagen, der an der Hauptstraße weiter hinten stehengeblieben war und mit seiner schrillen Glocke Kunden anlocken wollte, vernahm er auch nicht. Er hörte weder den Wind noch die Hintergrundgeräusche der Stadt. Das einzige, was bis in sein Ohr drang, war das gleichmäßige Aneinanderschlagen der Hundeleine auf die Parkbank.
Der Köter war das einzige, was ihm in seinen alten Tagen noch Freude bereitete und ihm eine Aufgabe gab. Er musste sich um das Tier kümmern und das fand er wundervoll. Morgens raus, füttern, mittags nochmal raus, füttern, Mittagsschläfchen, nachmittags ein langer Spaziergang oder Erledigungen nachgehen. Abends heim. Baden. Alle zwei Tage. Jack war ein lebendiger Hund, sogar am Ende seiner Tage, ließ er es sich nicht nehmen, sich in Pfützen zu suhlen. „Mein kleines Schweinchen“, lachte sein Herrchen dann. Jetzt war das Schweinchen tot. Starb, während er gestreichelt und beruhigt wurde. Eigentlich schön. So wünscht es sich doch jeder zu sterben.

Der Alte fragte sich: „Welche Aufgabe in meinem Leben habe ich jetzt noch? Nichts ist mir mehr geblieben. Alle, die mir jemals etwas bedeutet haben, sind nun fort. Ist es wirklich schon so lange her, dass ich Maria das letzte Mal im Arm hielt? Wie schön sie war. Wie gut sie zu mir war. Mein Gott, was habe ich sie geliebt! Sie hat mich gerettet, damals. Hat mich aus meinen Alpträumen rausgeholt, die nicht einmal dann zu Ende waren, als ich aufgewacht bin. Maria hat mir den Glauben an das Gute zurückgegeben, nachdem ich monatelang Händchen haltend mit der Angst durchs Kriegsgebiet gezogen bin. Wie viele Menschen habe ich sterben sehen? Dutzende. Hunderte.“ Ihm wurde bewusst, dass er all diese Menschen heute noch einmal sterben sah, in dem Moment, als Jack die Augen für immer zugemacht hatte. Er sah seine Kameraden verrecken, sah seine Frau, wie der Krebs sie nach kurzem, aber qualvollen Kampf mit sich riss, spürte die dahinschwindende Hand seines Zwillingsbruders Pete. Mit ihm hatte der Alte damals den kleinen Border Terrier im Tierheim abgeholt. Er erinnerte sich daran, als ob es gestern gewesen wäre. „Nimm den da hinten, der hat dieselben gutmütigen Augen, wie sie Maria hatte“, schmunzelte Pete neckisch. Und ja, er hatte Recht gehabt. Jacks Wesen war dem seiner verstorbenen Ehefrau ähnlich, und so hatte er seit jenem Tag das Gefühl, ein Stück von Maria wieder bei sich zu haben. Und das war wundervoll.

Eine Träne lief ihm über die Wange und malte anschließend einen kleinen Fleck auf seine Hose. Er stand auf, nahm seine Brille kurz ab und wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Seit dem Krieg hatte er nicht mehr geweint. Aber dieser Dienstagnachmittag veränderte alles in seinem Leben. Nicht bloß, weil sein Hund gestorben war, nein. Weil sich in ihm alles veränderte. Weil er zum ersten Mal sein langes Leben in dem einen treuen Lebewesen sah, das heute auf dem OP- Tisch seinen letzten Atemzug getan hatte. Nun wusste er, dass genau das, was er sein Leben lang als Fluch angesehen hatte, nämlich, dass er allen ihm wichtigen Personen im Moment der Stille beistand, seine Aufgabe auf der Welt war. Und ja, er war stark genug dafür gewesen. Hatte immer weitergemacht, nach vorne geblickt. Mit dem heutigen Tag, so beschloss er, war allerdings genug. Er hatte alle, die er jemals in sein Herz schloss, bis an ihr Ende begleitet.

Die Sonne schien. Die Vögel zwitscherten. Die Welt drehte sich weiter. Auch ohne die, die sie verlassen hatten. Und ohne die, die sie bald verlassen würden. Der alte Mann legte die rote Leine über die Parkbank, glitt mit seinem Daumen noch einmal darüber und nahm Abschied. Ging langsamen Schrittes Richtung Hauptstraße. Sein Name war übrigens Kai und er war – wie die Bedeutung seines Namens erahnen ließ – ein Kämpfer. Bis zum Schluss.


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Am Fenster

Es gibt Menschen in unserem Leben, mit denen uns irgendetwas verbindet, auch wenn wir auf den ersten Blick nicht wirklich verstehen, was genau es ist. Denn eigentlich haben wir nie die Zeit miteinander verbracht, die uns möglicherweise hätte zustehen sollen. Die Absurdität ist die, dass uns das Leben immer wieder mal zusammenführt, zufällig und oft über tausende von Umwegen.

Vielleicht testet es uns, das Leben meine ich. Vielleicht testet es, ob die Zeit füreinander gekommen ist. Einmal, zweimal, dreimal und vielleicht probiert es die Methode der Begegnung so lange aus, um irgendwann festzustellen: Der Zeitpunkt ist auch dieses Mal nicht der richtige und vermutlich wird er es niemals sein.

Es ist schon eine Weile her, da machte ich mit meiner besten Freundin einen Spaziergang. Wir redeten über dies und das und schlenderten die ruhigen Wege eines alten, malerischen Viertels unseres Heimatdorfes entlang. Und als wir so dahinschlenderten, sahen wir eine junge Frau mit langen, braun gelockten Haaren am Fenster eines alten Hauses. In einem weißen, etwas zu großen Nachthemd, lehnte sie kaffeetrinkend an der Mauer des kleinen Fensters mit den grünen Jalousien. Ein Mann gesellte sich zu ihr, ebenfalls mit einer Tasse in seiner Hand.

Ich sah dieses Bild der zwei Menschen mit den Kaffeebechern am Fenster und in meinem Kopf braute sich etwas zusammen… Ich sah zwei Menschen vor mir, deren Zeitpunkt auch (noch) nicht gekommen war. Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, bin ich kein Fan kitschiger Liebesgeschichten, genauso wenig wie meine Protagonistin Aber so eine Geschichte ist folgende auch nicht. Sondern eher eine „Lovestory ohne Liebe“… Ihr wisst bestimmt, was ich meine.

Der Winter war beinahe derselbe, wie vor zwölf Jahren. Bitterkalt, schneereich und getaucht in ein merkwürdiges Licht. Irgendwie war diese Jahreszeit ihre Jahreszeit, obwohl Lauras liebsten Monate eigentlich die wärmeren waren. Die leichten, unbeschwerten Monate. Sie fand, dass der Winter zu melancholisch war und sie stets genau in diese Stimmung versetzte. Vor dem Fenster fielen dicken Flocken und deckten die Fußspuren, die sie und Oliver letzte Nacht im Schnee hinterlassen hatten, fein säuberlich zu. Hand in Hand waren sie nach Hause gegangen. Nach vielen Jahren hatten sie endlich denselben Weg. Es fühlte sich anders an, unerwartet seltsam und Laura wusste nicht, woran es genau lag. Trotzdem war es schön gewesen. Bloß… ungewohnt und vielleicht etwas überraschend, weil sie nach all der Zeit nicht mehr darüber nachgedacht hatte. Laura, die erschöpft am offenen Fenster stand, nur mit einem weißen, viel zu großem Hemd bekleidet, umschloss den heißen Kaffeebecher mit ihren Fingern, hielt ihr Gesicht nahe ans dampfende Getränk und wärmte sich daran. Die frische, saubere Luft von draußen tat gut, holte sie aber gleichzeitig aus dem wundervollen Traum, in dem sie gewandelt war. Die Gläser Wein, Musik, die schneeweiße Nacht und leuchtende Weihnachtssterne an den Häuserfassaden machten die letzten Stunden zu diesem unrealen, ja verzauberten Momentum, von dem sie sich einfach leiten lassen musste. Sie hasste Lovestorys, aber diese Nacht fühlte sich verdammt noch mal wie eine an. Und jetzt? Ihre Geschichte mit Oliver war wohl kaum eine Liebesgeschichte. Sie lernten sich kennen, da war Laura selbst noch zu jung. Sie trafen sich wieder und es war schlichtweg der falsche Zeitpunkt. Er vergeben, sie vergeben, aber sie mochten und verstanden sich auf Anhieb. Sofort war diese Verbindung da, obwohl sie gar nicht so viel gemeinsam hatten. Dann trafen sie und suchten sie sich- immer und immer wieder. Aber es war noch nicht die richtige Zeit, ganz im Gegenteil: Es sprach alles dagegen, Laura wusste das und Oliver vermutlich auch. Und doch gab es da dieses Gefühl zwischen ihnen, aber ob man von Liebe sprechen konnte, da war sich die junge Frau auch heute noch nicht sicher. Es blieb unausgesprochen, das Gefühl, und so nahm es nie wirklich Gestalt an.  Zum Glück, denn ihre Wege trennten sich. Oliver ging fort und Laura entwuchs der Naivität und dem in ihr auf und ab wankendem Chaos. Es war gut so, wie es gekommen war. Vielleicht gibt es diese Menschen, die einander wichtig, aber nicht füreinander bestimmt sind. Das glaubte Laura zu verstehen, als Oliver für kurze Zeit wieder zuhause war und sich mit ihr treffen wollte. Sie lehnte ab, weil sie sich in der Zwischenzeit neu verliebt hatte und sie das Kapitel der Wankelmütigkeit endgültig abschließen wollte. Und so vergingen die Jahre und beide lebten ihr Leben. Oliver erfüllte sich seinen Traum fern der Heimat und Lauras Weg führte überraschend in eine Richtung, die sie sich selbst so nie erwartet hätte- sie aber am Ende sehr glücklich machte. Das war sie wirklich. Umso mehr verwirrte sie es, als sie Oliver nach zwölf Jahren durch einen Zufall wieder traf und dieses Glück plötzlich bedroht sah. Denn all das, was sie als abgeschlossen geglaubt hatte, war wieder zurück. Mit einem Schlag. Mitten ins Herz. Nun stand sie hier, in seiner Wohnung am offenen Küchenfenster und sog die kalte Schneeluft ein, während sie darauf wartete, dass das Koffein seine Wirkung zeigte. Sie fühlte sich ganz ruhig, obwohl sie hätte schreien müssen. Noch nie zuvor war sie mehr besonnen gewesen, als in diesem Moment. Oliver gesellte sich zu ihr, und nippte Kaffee aus seiner Tasse.

„Na“, unterbrach er ihre Gedankengänge leise.

 „Na“, erwiderte sie.

Beklommen und etwas hilflos schaute er an ihr vorbei hinaus auf die weiße Gasse, die gerade zwei Frauen herunterschlenderten: „Und jetzt?“

Laura strich ihm eine Strähne aus dem verschlafenen Gesicht, das so viele Geschichten zu erzählen hatte. Man sah ihm die viele Arbeit und Mühe der letzten Jahre an. Die Innigkeit, die er ihr immer zu spüren gab. Sie lächelte ihn an. Verständnisvoll, entschuldigend.

„Ich gehe jetzt nach Hause, Oliver. Mein Leben wartet auf mich.“

Sie stellte die noch halb volle Tasse aufs Fensterbrett und holte sich ihre Klamotten, die auf dem Fußboden verteilt herumlagen. Bevor sie zur Tür hinausging, gab sie ihm einen Kuss. Sie waren älter geworden, alles hatte sich verändert und doch nicht. Es war definitiv keine Lovestory. Denn dazu fehlte die wesentliche Zutat. Das Gefühl, das für immer unausgesprochen bleiben würde.

Der vom Himmel fallende Schnee blieb sofort auf ihrem schwarzen Mantel liegen, als Laura nach draußen ging und die schmale Straße entlang spazierte. Sie ging nach Hause, dorthin, wo sie hingehörte.


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Wie ein Puzzle an der Wand – ein Leben, drei Szenen daraus und eine Menge verrückter Gedanken

„{…] Egal wie aussichtslos eine Situation im ersten Moment wirkt, es ist nie hoffnungslos. Im besten Fall wird es sogar eine der wertvollsten Zeiten unseres Lebens.“

Mit diesem Facebook- Post bin ich diesen Herbst auf Antonia Tinkhauser aufmerksam geworden, eine Frau, die ich vom Namen und ihrer Bekanntheit als örtliche Theaterschauspielerin zwar kannte, der ich aber ansonsten noch nie zuvor begegnet bin. Ich las, was sie geschrieben hatte und ein Interview, das man mit ihr geführt hatte und dachte: „Diese Frau will ihre Geschichte erzählen und Menschen damit helfen und ich möchte es sein, die ihre Geschichte schreibt.“ Also kontaktierte ich diese mir ansonsten noch unbekannte Frau und siehe da: Sie verabredete sich mit mir, um sich anzuhören, was ich mit ihr vorhatte. Zur Tür herein kam eine wunderschön strahlende und lachende Frau, die mir auf Anhieb sympathisch war. Ohne jegliche Zurückhaltung, ohne Scheu, unverblümt und überraschend ehrlich erzählte sie mir die Geschichte ihrer Suche, auf der sie sich seit der Krankheit befindet, und benannte sie so: „Eigentlich ist es keine Krebsgeschichte, sondern die Geschichte eines Lebens.“

Darum schrieb ich diese drei Szenen einer Lebensgeschichte, beschmückte die junge Frau darin mit dem Namen Anna und jeder Menge wahrer und einigen verrückten Gedanken.

Szene 1- Sommer 2017

Der Vorhang öffnet sich. „Hör auf!“, schrie sie, als sie sich vor Schmerzen windend in ihrem Bett hin und her wälzte. „Es  reicht, Gott, hörst du? Schluss damit, sofort!“ Das viele Morphium wirkte nicht mal ein kleines bisschen gegen die kaum auszuhaltenden Rückenschmerzen. Annas Mann hielt seine weinende Frau fest und wartete mit ihr auf den Tagesanbruch. Als sie am nächsten Morgen mit ihrer Familie am Frühstückstisch saß, war ihr sauübel und sie hatte das Gefühl, die Medikamente drängen aus all ihren Poren heraus. Dies war bisher eindeutig der absolute Tiefpunkt ihrer Krebskarriere. Diese Karriere dauerte zwar „erst“ eineinhalb Jahre, aber immerhin. Nach ihrer ersten Diagnose und den ersten Chemotherapien war es schlimm gewesen. Aber beim großen Wiedersehen begleiteten Annas besonderen und schwierig zu behandelnden VIP- Krebs ein paar uneingeladene Freunde außerhalb der Brust. Die in der Leber waren zwar da, jedoch eher leise und unscheinbar, aber jene in den Knochen, tja,  die waren nicht besonders freundlich. Eigentlich waren es richtige Arschlöcher, die ihr unfassbar große Schmerzen als Gastgeschenke mitbrachten.

Draußen war es mittlerweile Sommer, aber in ihr drin war es das nicht – es fühlte sich eher wie das Ende aller Jahreszeiten an. Sie kannte das plötzlich über sie hereinbrechende Gefühl nicht, denn eigentlich trug sie die Sonne in ihrem Herzen und war bei allen für ihre positive Art bekannt. Nicht mal als Anna vor einem Monat erfuhr, dass die Prozedur wieder von vorne beginnen würde, war sie pessimistisch gewesen. Aber nun … Eigentlich wollte sie das nicht mehr. Sie wollte. Nicht. mehr. Aus. Der Juni war ein guter Monat zum Sterben, das heißt, für sie machte es keinen großen Unterschied, aber sie überlegte, dass es für ihre Familie und ihre Freunde in einem warmen Monat wohl angenehmer wäre, auf dem Friedhof zu stehen und ihren Sarg hinunterzulassen. Das war das Mindeste nach all dem, was sie ihnen zugemutet hatte. Wie oft hatte sie ein schlechtes Gewissen ihren beiden Kindern gegenüber, ihrem Mann und ihren Freunden. Ihrer Mutter. „Es tut mir leid, dass ich krank bin“, hatte sie einmal zu ihrem Mann gesagt. Und es tat ihr wirklich leid. Das letzte, was Anna sein wollte, war eine Bürde. Schon die Beichte ihren Liebsten gegenüber, dass sie krank war, war hart für sie gewesen. Manche ihrer Freunde hatten so gelitten, dass sie selbst noch mehr litt, aber viele gaben ihr Kraft, trugen sie in der schweren Zeit und lehrten ihr, dass sie Hilfe annehmen durfte. Trotzdem bedauerte sie, was sie ihren Mitmenschen damit zumutete.

Aber an diesem Tag im Juni am Frühstückstisch, hatte sie kein schlechtes Gewissen mehr, bloß weil sie den Wunsch hatte, nicht mehr Leben zu wollen. So oder so: Sie würde Weihnachten nicht mehr erleben. Ihr Mann, ihre Kinder … sie würden schon klar kommen irgendwie. Ein Leben ohne Anna war auch ok. Aber Gott, den sie suchte, obwohl sie nie wirklich an ihn geglaubt hatte, der eine Allmächtige, den sie angeschrien und dem sie befohlen hatte, dass es nun genug sei mit dem Schmerz, er schien es zu hören! Anna fand es merkwürdig und verrückt und wahrscheinlich war es bloß ein dummer Zufall, aber seit jener morphiumvollgepumpten, gottverfluchenden und zerfressenden Nacht, waren die Schmerzen fort. Bei der folgenden Untersuchung bei ihrer Onkologin erfuhr sie, dass der Krebs in ihren Knochen zurückgegangen war. Immerhin war er dort sehr hartnäckig und die Ärztin sprach von einem kleinen Wunder. Aber sie selbst wusste, warum es eingetreten war. Vermutlich hatte Gott keinen langen weißen Bart und saß auch auf keiner Wolke, und vielleicht hatte er einen ganz anderen Namen, aber er – oder zumindest irgendetwas – hatte die Energien in eine Richtung umgeleitet, in der es ihr besser ging. Viel besser. Und der Wunsch zu Sterben verpuffte auf einmal wieder in Annas Hoffnung und machte Platz für ihre Suche. Es war harte Arbeit wieder positiv zu denken, aber es war ihr großes Glück, dass sie ein positiv gestimmter Mensch war. Somit waren die grausamen Szenen ihres absoluten Tiefpunktes vorbei.

Vorhang zu. Kein Applaus für diese schrecklichen Szenen.

Szene 2- Herbst 2017

Vorhang auf. „Hey“, dachte Anna sich, „ich kann ganz gut Krebs haben!“ Immerhin kramte sie wieder nach den Puzzleteilen des großen Ganzen, das durch ihre Krankheit zu bröckeln angefangen hatte. Es waren einige Teile des riesigen Puzzles an der Wand verloren gegangen und sie war wieder überzeugt davon, dass sie Verantwortung für ihr Genesen übernehmen musste – und dazu gehörte eben, dass sie die fehlenden Stücke wieder einsammelte. Leider war es eine sehr lange Liste, aber das mit der Bewegung an der frischen Luft und der gesunden Ernährung machte sie schon recht gut. Den Zucker aus ihrem Leben zu streichen war genauso einfach, wie jeden Tag in den Wald zu gehen. Wenn sie sich mal nicht daran hielt, dann fühlte sie sich schlechter, es war also eine ganz einfache Rechnung. „Warum nicht konsequent sein?“, dachte sie, als sie an einem schon recht kühlen Herbsttag wieder einmal durch den Wald schlenderte. Das Einatmen der sauberen Luft und die Natur taten ihr gut, ebenso einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen. Irgendwie war für Anna ja nichts mehr selbstverständlich. Aber zumindest konnte sie einiges beeinflussen. Schwieriger war es dann schon, wenn es um die Dinge ging, die ihren Geist und ihr Herz betrafen. Sie war glücklic; zwar war der Krebs da, aber sie war wieder glücklich. Bloß schäumte immer wieder die Frage in ihr auf: „Welche Aufgabe im Leben habe ich?“ Auf eine skurille Art und Weise war sie froh, dass sie sich damit befassen musste, weil es schon vor der Krankheit so war, dass sie nicht mehr gewusst hatte, wohin mit sich. Oft überlegte sie, ob sie den Krebs heraufbeschworen hatte. Sie hatte einen Ausweg gesucht, etwas, das sie dazu bringen würde, ihr Leben neu zu ordnen, etwas das ihr eine Auszeit vom Alltag auferzwingen würde. Vermutlich war sie heute als Krebspatientin glücklicher als zuvor. Wie furchtbar undankbar und unwirklich das klingt! Aber es war die schlichtweg ehrliche Frage, die sie sich stellte: „Habe ich es mir herbeigewünscht?“

Letzte Nacht hatte es geregnet und der Wald wurde vom herrlich frischen Duft durchzogen, den Anna so liebte. Es roch nach Neuem, Unverbrauchtem, Reinem. Wenn sie ihn tief einatmete, diesen Duft, dann spürte sie, wie sich jede noch so kleine, jede noch so kranke Zelle ihres Körpers bei ihr bedankte. Sie atmete tief und ruhig in sich hinein und gönnte sich einen Moment der Besinnung, der für sie schon an Meditation grenzte. Spiritualität war ein ganz neues Thema, ein Puzzleteil, das sie zuvor nie wahrgenommen hatte. Vielleicht, wenn man gesagt bekommt, dass man stirbt, vielleicht beschreitet man dann neue Wege; alles versuchen, alles dafür geben, wenn Mensch nach dem nackten Überleben schreit. Sie spürte den knirschenden Boden unter ihren Füßen und versuchte zu verstehen, warum sie durch diese Zeit, in der sie sich nun mal unweigerlich befand, das Leben mehr zu fühlen vermochte als zuvor, immerhin besaß sie alles, was sie hätte zufrieden sein lassen sollen: Einen Mann, der sie über alles liebte, zwei wundervolle Kinder, tolle Freunde und sie hatte ihren Lebenstraum, Schauspielerin zu werden und auf der Bühne zu stehen, wahr werden lassen. Sogar eine Theater- und Musical Academy hatte sie mit ihrer Freundin gegründet. Es konnte eigentlich nicht besser sein. Aber vielleicht lenkte all das, wofür Anna so hart arbeitete, vom Wesentlichen derart ab, dass das wirkliche Glücksgefühl keine Zeit mehr hatte aufzuschäumen. Stress – der Auslöser für den Parasiten in ihr? Das Ventil hatte ihr mit Sicherheit gefehlt, denn wann hatte sie schon die Zeit, auf sich und ihren Körper zu hören? Seine Signale überging die 37-Jährige und war infolgedessen übellaunig gewesen. Vielleicht nicht von außen – denn natürlich wollte sie nie als schlecht gelaunte Person dastehen – aber innerlich war sie es.

Außerdem war sie sich sicher, dass sie ihre Prioritäten lange falsch gesetzt hatte. Wie viele Wochenenden war sie nicht Zuhause gewesen? An wie vielen Abenden brachte ihr Mann die Kinder ins Bett, während Anna für Proben und Auftritte auf der Bühne gestanden hatte oder sich mit der verflixten Bürokratie in ihrem Büro herumgeschlagen hatte? Wie oft zog sie die Theaterfamilie ihrer eigenen vor? Damals war das Schauspiel alles für sie gewesen, nichts kam ihm nahe und es gab nichts, was ihr mehr gegeben hätte. Sie lachte in sich hinein. Heute dachte sie definitiv anders, sah die Dinge anders und erkannte, dass sie viele oberflächliche Freundschaften gelebt und viel unüberlegte Entscheidungen getroffen hatte. Damals hätte sie abends bei ihrer drei Monate alten Tochter bleiben sollen. Jetzt war Anna schlauer und holte die fehlende Zeit mit ihr nach. Sonntage hätten öfters der Familie gehören sollen – nicht der Bühne. Ein paar Mal mehr hätte sie ihr echtes Leben leben sollen und ihre eigene Rolle als Anna, als die von Königinnen oder Diktatorgattinnen. Aber es fiel ihr damals schwer, anderen eine Rolle zu überlassen, die sie von Anfang an, als die ihre empfand. Ihr eigenes Tun war spitze, das Verhalten der anderen falsch – so hatte sie geglaubt. Meine Güte, war sie überzeugt von sich gewesen … Dafür belächelte sie sich heute selbst. Nein, die anderen machten es genau richtig. War sie egoistisch? Heute wahrscheinlich weniger als vor der Krankheit. Anna tat Gutes für ihre Mitmenschen, aber wirklich selbstlos fand sie sich nicht. War alles, was sie bisher getan hatte, nur dazu da, ihr ein gutes Gefühl zu geben? Um anderen zu gefallen? Die neuseeländische Heilerin, mit der sie seit einiger Zeit in Kontakt stand – denn wie gesagt, man lässt nichts unversucht, um zu überleben -, beschrieb sie, als existiere sie in einem schützenden Gummiball, ihr metaphorisches Energiefeld sozusagen. Das ihre sei angeblich stark durchlöchert – nun würde man meinen: Natürlich sind Löcher darin, das ist dasselbe fehlerhafte Muster wie beim Puzzle, aber Anna interpretierte diese Theorie anders: „Vielleicht besitzt mein Gummiball Löcher, aber es geht keine Energie durch sie verloren, nein. Ich glaube zu wissen, dass ich mir die Energie von außen hole. Weil ich ein egoistischer Mensch bin. Weil ich ein Kopfmensch bin, und als solcher auf sich bezogen.“ Durch diese Selbsteinschätzung zweifelte sie an ihrer Authentizität. Aber wie authentisch kann man als Schauspielerin schon sein?

Nach ungefähr einer Stunde im Wald machte sich Anna auf den Weg nach Hause. Es brach die Zeit des Jahres an, in der es früher dunkel zu werden begann, Tag für Tag; eine melancholische Jahreszeit, noch mehr als es der Herbst war. In ihrem Auto war es genauso kühl, wie draußen. Also ließ sie den Motor an, drehte die Heizung voll auf und rieb sich die Handflächen, bevor sie losfuhr. Authentizität … Ihr Ziel war es nun definitiv, sich zu erden und alles zu verbannen, was ihr Energie raubte. Ja, sie hatte furchtbar grauenhafte Momente in ihrer Krankheit, die sie – und dieses Mal wirklich uneigennützig – niemanden wünschte. Aber die Augenblicke der Erkenntnisse und Offenbarungen, die der Schönheit überwiegten. So wie heute. Nie wieder wollte sie derart verbissen etwas hinterherjagen, auch nicht der Schauspielerei. Oder sich in Grund und Boden schuften. Wieder einige Puzzlestücke gefunden. Sehr gut.

Irgendwie mochte sie die Stimmung des frühen Abends, auch wenn er zu früh einbrach. Ab nach Hause zu ihren Lieben, sie waren bestimmt alle schon da.

Vorhang schließt sich. Tosender Applaus für so viel Ehrlichkeit.

Szene 3- Vor dem Schlafengehen

Vorhang auf. Das Beisammensitzen mit ihrem Sohn, ihrer Tochter und ihrem Göttergatten wärmte sie mindestens so sehr, wie die heiße Suppe, die sie löffelten. Die Familienmutter brachte ihre Kinder ins Bett und nahm sich wie immer ausreichend Zeit dafür, sich mit ihnen zu unterhalten und sich anzuhören, wie sie ihren Tag bewältigt hatten. Und wie immer war es ihre Tochter, die nicht müde zu kriegen war. Es gab so vieles, das sie loswerden wollte – das Leben einer Fünfjährigen war aber auch spannend! Als Anna wenig später ins Badezimmer schlurfte, um sich fürs zu Bett fertig zu machen, war sie entspannt und zufrieden. Über die heitere und stets ungezwungene Art ihrer Tochter musste sie schmunzeln; sie bewunderte sie dafür und musste sich noch viel von ihrem Mädchen abschauen. Und ihr kleiner großer Junge … Herrlich wie er Frei Schnauze lebte … Ein bisschen wie sie selbst. Schon lustig. Sie zog sich ihren Pyjama an und dachte an ihren Mann, ihren Fels in der Brandung. Am meisten bewunderte sie ihn, den Realisten, der wissenschaftlich daran festhält, dass seine Frau den Krebs nicht überleben würde, sie aber gleichzeitig in seine Vorhaben Jahre später mit einplante. Er, der nicht viel von den neuen spirituellen und göttlichen Abenteuern seiner Ehefrau hielt, und schon gar nicht großartig über die Krankheit nachdachte – außer, dass er auf die Chemo bestand. Schlimme Tage hatte er definitiv, aber er hatte einen Weg gefunden. Warum sollte er über etwas nachdenken, das noch nicht eingetreten war? Anna liebte ihn für diese Normalität, die er ihr schenkte.

Nun, in diesem Moment stand sie nicht vor ihrem Mann, sondern vor ihrem größten Feind: Ihrem Spiegelbild. Wie jeden Abend nahm sie ihre blonde Perücke ab und musste sich ihren kahlrasierten Schädel ansehen. Sie hatte sich die Haare selbst abrasiert, beide Male – bei der ersten Chemo und in diesem Jahr wieder. Wie sehr Anna ihre lange, braune Haarpracht vermisste … Aber ok, damit kam sie klar. Auch mit den falschen Wimpern und den aufgemalten Augenbrauen, die sie selbst zwar skurril, aber ebenso ok fand. Womit sie ein ernsthaftes Problem hatte, war die Tatsache, dass auf ihrem Schädel ganz dick und fett „Krebspatientin“ zu stehen schien, sobald sie die falschen Haare abmachte. Die Glatze machte es so verdammt reell. Nicht nur für sie, vor allem für ihre Kinder. Jedes Mal, wenn sie in den Spiegel schaute, sah sie den kleinen, unverschämten Tod auf ihrer Schulter sitzen. Ansonsten spürte sie ihn, wie er sie tagsüber bei jeder Aktivität, die sie durchführte, ob heiter oder nicht, bei jedem Gespräch, das sie führte, ob es ein gutes war oder nicht und bei jedem noch so kleinen Erlebnis, ob wunderbar oder nicht, wie er sie immer leicht anstupste, während er da saß. Mit seinen winzigen, kalten Fingerchen trübte er alles Schöne. Mistkerl. Seit sie die Glatze hatte, konnte sie ihn nicht einmal mehr unter ihrer Wallemähne verbergen. Das Abrasieren der Haare war tatsächlich ein prägender Moment für sie. Aber davon gab es noch einige mehr. Allen voran die beiden Momente, in denen sie erkannt hatte, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Beim ersten Mal alarmierte sie der Knoten in der Brust, beim zweiten Mal war es der angeschwollene Lymphknoten am Hals. Beim ersten Mal war es ein Einbruch in eine neue Welt, beim zweiten Mal keine große Überraschung mehr. Anna wusste, dass der Krebs wiederkommen würde. Als der Arzt sie angerufen hatte und ihr das erwartete Ergebnis mitteilte, war sie … ja, erleichtert gewesen, weil sie ihrer Intuition trauen konnte. Wie verrückt war das bitte? Dass man ihren VIP- Krebs, wie sie ihn selbst getauft hatte, nicht wie einen 0815 Krebs hormonell behandeln konnte, war natürlich eine Mitteilung, auf die sie liebend gerne verzichtet hätte. Unheilbar lautete die Diagnose. „Wir zögern dein Ableben so lange es geht hinaus“, hieß es. Und doch war sie sich sicher, dass sie gesund werden würde. Denn auch das sagte ihre Intuition, und die lag immerhin schon mehrere Male richtig. Zweifel hatte sie ausschließlich dann, wenn sie Schmerzen hatte, aber seit die Therapie anschlug und diese wie ausradiert waren, waren auch die Zweifel weggeblasen. Nur der lästige kleine Tod auf der Schulter tippte sie an, aber vielleicht wollte er Anna bloß daran erinnern, dass sie die Suche nach den Puzzleteilen nicht vergaß. Denn das Bild an der Wand war noch immer voller Lücken. Sie schlossen sich. Eine nach der anderen. Da war sie sich sicher, denn sie liebte ihr Leben. Es war ein schönes, ein geiles Leben, und dieses gab sie nicht her. Nicht so lange Anna das letzte Wort hatte. Das hatte sie. Und wie sie das hatte.

Vorhang zu. Standing Ovation für so viel Überlebenswillen.


Viele Menschen, die sich in einer scheinbar aussichtslosen Situation wie Anna oder Antonia befinden, ziehen sich zurück und glauben, dass viele ihrer Gedanken und Gefühle falsch oder unpassend sind. Antonia Tinkhauser wollte dieses Tabu brechen und bot zu Lebzeiten ihre Hilfe diesbezüglich an. Darüber zu sprechen macht es zwar realer, aber es hilft. Denn nur wer sein Schicksal annimmt, kann es auch ändern.

„Man darf sich nie aufgeben. So lange man lebt,

besteht die Chance zu überleben.“

Antonia Tinkhauser


Liebe Antonia,

ich danke dir aus tiefstem Herzen dafür, dass du mir die Ehre und das Vertrauen zuteil hast kommen lassen, deine Gedanken- und Gefühlswelt in Form dieser Real- Life- Story nieder zu schreiben. Danke, dass du dich schon bei unserem ersten Treffen so geöffnet hast. Dass du ehrlich warst, witzig und ernsthaft. Dass du mir deine Seele „entblößt“ hast. Danke für deine schönen Metaphern und Wortbilder, die mir beim Schreiben sehr geholfen haben.

Du warst eine einzigartige und starke Frau, von der ich auch viel über mich selbst und meine Sicht auf die Dinge lernen konnte und ich bin mir sicher, dass deine Geschichte weiterhin noch viele Leute berühren wird – wie du durch deine herzliche Art und deine Geschichte auch mich berührt hast.

Ruhe in Frieden.

Sarah


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Das andere Leben (Teil 3)

Niemand in der Ferienanlage, gar niemand schien sich zu wundern, dass Danny mit der falschen Familie dort war. Als wäre alles ganz normal, als wäre nichts geschehen. Um ihn herum hatte sich nichts verändert. Die Leute waren dieselben und ihr Umgang mit ihm war derselbe. Außer der Tatsache, dass er die Tageszeitung an den Tisch gebracht bekam, er mit Herr Sorokin angesprochen wurde, und er nicht seine eigene Familie an der Hand hielt. Die lächerlich hohe Rechnung später an der Rezeption ließ ihn überrascht losprusten, aber Oksana stieß sofort ihren Ellenbogen in seine Rippengegend. Stillschweigend bezahlte Danny die enorme Summe mit einer Karte, die nicht seine war und einem Namen, den er vor ein paar Tagen zum ersten Mal gehört hatte. Er dachte an die Begegnung mit Nikolaj am Pool zurück und dass es besser gewesen wäre, hätte er den Mojito dankend abgelehnt. Noch immer stellte sich ihm die Frage, wie es überhaupt möglich war, dass er in seinem Bett einschlafen und am nächsten Morgen in einem fremden aufwachen konnte. Nikolaj musste es irgendwie geschafft haben, ihm unauffällig etwas zu verabreichen, das ihn vollkommen wegtreten ließ. Was vermutlich nicht schwierig gewesen war; er besaß Geld. Damit war alles möglich.

„Ich hoffe sehr, der Urlaub bei uns war wieder zufriedenstellend für Sie und ihre bezaubernde Frau, Herr Sorokin?“, erkundigte sich der Hotelmanager persönlich. „Schön zu sehen, wie Ivan von Jahr zu Jahr größer wird. Und hoffentlich hat es dem jungen Mann auch gefallen?“
„Ja, es alles gewesen in bester Ordnung, wie immer. Vielen Dan“, Danny hatte große Schwierigkeiten so gebrochen zu sprechen und noch viel größere, nicht laut loszuschreien. Wie viel Geld hatte dieser russische Mistkerl den Leuten hier bezahlt, damit sie das Theater mitspielten? Damit sie ihr schlechtes Gewissen verdrängen konnten? Immerhin hatten sie alle seine Frau und seinen Sohn mit einem fremden, offensichtlich gefährlichen Mann hier rausgehen sehen- und es zugelassen! Am liebsten hätte Danny dem schnöseligen Hotelmanager eine mitten ins Gesicht geboxt. Korruptes Pack, dachte er wütend und schluckte seine gefühlsbeladenen Worte hinunter.

„Es war wirklich schön“, fügte er stattdessen noch hinzu und verabschiedete sich. Er nahm seinen „Sohn“ Huckepack auf die Schultern und spazierte mit ihm und Oksana hinaus, wo bereits ihr Privatauto samt Fahrer auf sie wartete. Als dieser die Koffer vom Gepäckwagen in den Kofferraum lud, bemerkte Danny einen ihn musternden, aber sehr kurzen Blick desjenigen. Was hatte das zu bedeuten? Wohin er die Sorokins bringen würde, wusste Danny ebenso wenig, und er wagte es auch nicht zu fragen. Er tat das, wie ihm geheißen und war ansonsten still. Sie fuhren etwa eine halbe Stunde und Danny überlegte, wie er sich aus dieser Situation retten und er herausfinden konnte, wo seine Familie war. Wen er ins Vertrauen ziehen konnte. Oksana und Ivan sollte er auf jeden Fall streichen. Die Leute vom Hotel nochmal kontaktieren in einem unbeobachteten Moment? Konnte schwierig werden und war vermutlich umsonst, immerhin haben die Leute mit dazu beigetragen, dass er als jemand anderes aus dem Urlaub zurückkehrte. Was war mit dem Fahrer? Was konnte er dem Blick vorhin entnehmen? Der Mann schien sich den falschen Nikolaj Sorokin jedenfalls gut anzuschauen. Aber er war nicht verwundert. Es war eher ein „Wer ist das arme Schwein“- Gaffen.

In seiner Hosentasche erfühlte Danny den Hotelbeleg und in dem teuren Jackett von Armani war in der Innentasche ein goldener Kugelschreiber, der Danny beim Anziehen vorhin aufgefallen war, weil er die Initialen N.S. eingraviert hatte. Sein Herz pumpte schneller. Sollte er oder sollte er nicht? Er musste sich schnell entscheiden, Ivan war gerade auf seinem Tablet beschäftigt und Oksana nickte vor ein paar Minuten ein. Beide saßen ihm gegenüber. So geräuschlos wie möglich, holte Danny den Zettel heraus und legte ihn auf seinen Oberschenkel. Mit dem Kugelschreiber schrieb er die Worte „Bin nicht Nicolaj, er hat meine Familie. Hilfe“ auf den Zahlungsbeleg. In diesem Moment hielt der Wagen an. Danny ließ den Zettel unter dem Jackett verschwinden, der Kugelschreiber fiel zwischen seine Füße. Oksana wachte auf und ermahnte Ivan, er solle endlich das Tablet in seinen Rucksack packen.

„Sind wir da?“ fragte sie und lehnte sich nach vorne, um Danny einen Kuss zu geben.

„Sag du es mir“, erwiderte Danny patzig.

„Na, da ist heute aber einer launisch, gut dass wir in ein paar Stunden wieder zuhause sind.“

„Wir fliegen also nicht nach Miami?“

„Wir fliegen heim Darling. Komm schon, unsere Maschine wartet. Ivan, pack das Tablet weg. Sofort!“

Die drei stiegen aus und warteten darauf, dass der Fahrer ihre Koffer auf den Gepäckwagen umlud. Danny holte hundert Euro aus seinem Portemonnaie, ging zu ihm hin und drückte ihm das Geld und gleichzeitig unbemerkt den Hotelbeleg in die Hand.

„Vielen Dank“, sprach er mit seinem neuen russischen Dialekt und drehte sich um. „Weiter geht`s“, rief er.

Am Aéroport Nice Côte d’Azur wartete auf die Sorokins ein Privatjet- natürlich, das überraschte Danny nicht. Die knapp dreieinhalb Stunden Flug vergingen schnell und in Dannys Bauchgegend hatte sich ein mulmiges Gefühl breitgemacht. Gut, sie waren nun in Petersburg gelandet und offensichtlich auf dem Weg ins Haus der Sorokins. Und dann? Was erwartete ihn dort? Doch bevor Danny weitergrübeln und sich weitersorgen konnte, noch bevor er das Flugzeug verlassen konnte, kamen drei Männer hereingestürmt, warfen ihn auf den Boden und hielten ihn fest. Er bekam eine Faust mitten ins Gesicht geschmettert. Ein schmerzhaftes Dröhnen durchzuckte seinen Kopf, warmes Blut rann aus seiner Nase und über den Mund. Er sah noch, wie Ivan von seiner Mutter aus dem Flieger geschoben wurde und Danny einen besorgten Blick rüber warf, dann bekam er schon die nächste verpasst. Alles um ihn wurde schwarz.

Das Pochen, das von seiner Nase ausging und ihm das Gefühl gab, jemand hämmerte kontinuierlich auf seinen Schädel, bereitete Danny beim Öffnen der Augen Schwierigkeiten. Sofort füllten sich diese mit Tränen, als er es versuchte. Er sah nur verschwommen den Raum, in dem er wieder zur Besinnung kam. Es musste ein Café oder eine Bar sein, Danny glaubte irgendwoher das Geräusch einer Kaffeemaschine zu vernehmen und das Geklirr von Geschirr. Stimmen… Zeitungsrascheln. Langsam erkannte er, dass er an einem Tisch saß, und spürte, dass seine Hände hinter dem Stuhl, auf dem er saß, zusammengebunden waren. Plötzlich tauchten die drei Männer auf, die Danny im Flugzeug niedergestreckt hatten, und ein vierter Mann. Es war Nikolaj, der sich rechts von ihm an den Tisch setzte und ihn lächelnd anschaute.

„Ich denke, Oksana dir hat gut erklärt, was du hast zu tun, nicht wahr Danny? Du musst Spielregeln einhalten, sonst es geht nicht gut aus für dich, mein Freund.“ Er legte den Beleg vom Hotel auf den Tisch. „Bin nicht Nicolaj, er hat meine Familie. Hilfe“, las Danny.

Danny krächzte unter Schmerzen hervor: „Wo ist meine Familie? Bitte, Nicolaj, ich will doch nur, dass Rose und Sam nichts passiert…“

„Dann du hast nicht verstanden. Du keine Fragen stellen, keine Hilfe holen, du das machen, was wir verlangen. Dann alles ist gut. Dieses Mal es hat erwischt nur dich. Nicht schlimm. Nächstes Mal deine Nase bleibt ganz.“ Nicolaj zündete sich eine Zigarre an und blies Danny den Qualm ins Gesicht.

„Was wollen Sie von mir?“

Ganz nahe kam Nicolaj an Danny heran und flüsterte langsam: „Keine Fragen mehr. Sonst ich bringe zuerst deinen Sohn um, dann Rose. Aber sie ich behalte noch ein wenig. Gefällt mir gut. Gefällt mir sehr gut sogar.“

Ein selbstgefälliges Grinsen lag in Nikolajs Gesicht, sodass Danny am liebsten aufgesprungen und ihn verprügelt hätte.

„Fass sie bloß nicht an…“

„Wer sagt, Rose würde es nicht gefallen?“ lachte Nicolaj und entfernte sich vom Tisch.

„Du Mistkerl“, Danny versuchte sich hysterisch vom Stuhl zu befreien, was ihm natürlich nicht gelang. Was er erreichte, war, dass Nicolajs Begleiter ihm zweimal in den Bauch schlugen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Die Leute im Café ignorierten den Tumult, offensichtlich kannten sie solche Szenarien hier schon. Halb weggetreten kriegte Danny es gerade noch so mit, wie er hinaus und in ein Auto verfrachtet wurde. Dann gab er sich seinen Schmerzen, seinem Kummer und der Wut hin.

Er wurde von sanften Klängen der klassischen Musik und dem angenehmen Duft von Kuchen geweckt, dieses Mal war es Danny allerdings sofort klar, wo er sich befand: Im Hause der Sorokins. In seinem Arm lag die wunderschöne Oksana, bekleidet mit einem weißen Negligé, die gleichzeitig aufwachte.

„Guten Morgen mein Schatz, ich habe mich nochmal zu dir ins Bett gelegt. Ivan ist schon zur Schule gebracht worden, und du hast so schön geschlafen, dass ich mich noch kurz an dich kuscheln wollte“, schwärmte sie noch schlaftrunken. „Dabei bin ich wohl selbst noch mal eingenickt…“

Danny setzte sich auf und schaute aus dem großen Fenster, das das riesige helle Schlafzimmer mit Sonnenlicht regelrecht durchflutete.

„Wir haben es wirklich schön hier“, sagte er leise und wünschte sich weit weg. In diesem Moment brachen die Tränen aus ihm heraus- er erinnerte sich nicht mehr, wann er das letzte Mal geweint hatte. Er hatte alles verloren. Alles was ihm wichtig war. Er hatte sein Leben verloren. Und er wusste nicht einmal, warum.

Oksana umarmte ihn von hinten und schien aufrichtig Mitleid mit Danny zu haben. Es überraschte ihn, dass er sie nicht wegstieß, im Gegenteil, er nahm den ehrlich gemeinten Trost an.

„Sei nicht auf die falschen Menschen wütend“, flüsterte sie kaum hörbar in sein Ohr. Dann stand sie auf und ging aus dem Zimmer. „Carina, unsere neue Hausfee, hat uns Kaffee gekocht und uns einen Kuchen im Backofen gelassen, komm nach, wenn du soweit bist.“

Schweren Schrittes schleppte sich Danny ins anliegende Badezimmer um sich das Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen. Oksana war kein schlechter Mensch. Sie war vielleicht nur an den falschen geraten. Und irgendwie stand sie unter Nikolajs Fuchtel. Als Frau, Marionette, als was auch immer. Sie hatte keine Wahl. Vielleicht brachte Danny auch sie in Gefahr, wenn er das Ganze nicht mitspielte. Vermutlich sollte er einfach auf sie hören und abwarten. Früher oder später würde er den Grund herausfinden, warum er hier war und er würde seine Familie unversehrt wiederbekommen. Er sah sich sein zerschundetes, blutunterlaufenes Auge und seine zerschmetterte Nase an, die in allen Blau- und Violett- Tönen leuchtete. Welche andere Option hatte er denn?

Die Wochen vergingen und Danny lebte das Leben des russischen Millionärs. Er ging zu Nicolajs Arbeit, die seiner eigenen in England sehr ähnlich war, nämlich der Koordination für verschiedene Bauprojekte- nur hier spielte er in einer ganz anderen Liga. Es ging um Summen, von denen er noch nie zu träumen gewagt hätte. Außerdem wurde Danny dermaßen viel von der Arbeit abgenommen, dass er nicht sonderlich zu tun hatte. Alle wussten, dass er nicht Nicolaj war, daher muteten ihm seine Kollegen nicht viel zu. Aber alle spielten das Spiel mit.

Genauso war es, als er heimkam. Die Bediensteten in dem großen Anwesen waren Teil des großen Ganzen, von dem Danny auch nach knapp vier Wochen noch nicht den Kern gefunden hatte. Im Grunde wartete er darauf, dass er eine Lösegeldforderung oder etwas in der Art erhielt. Doch es passierte nichts. Manchmal ertappte sich Danny dabei, wie er gewisse Annehmlichkeiten als plötzlich wohlhabender Mann als schön empfand und er bestrafte sich mit schlaflosen Nachtstunden, in denen er sich immer und immer wieder dieselben Vorwürfe machte. Er vermisste seinen Sohn und seine Frau in jeder einzelnen Minute, aber oft tat es zu sehr weh, also versuchte er nicht an sie zu denken. Oksana und Ivan waren alles andere als schlechte Menschen, im Gegenteil, sie machten seinen unfreiwilligen Aufenthalt annehmbar und trösteten Danny insgeheim. Vor allem akzeptierten sie, wenn Danny alleine in seinem Zimmer sein wollte, um seinen Gedanken nachzugehen. Es war die merkwürdigste Situation, die er sich jemals vorstellen konnte: Er glaubte in einem Alptraum zu landen und dann war irgendwie alles ganz okay, obwohl es das nicht sein sollte. Aber alle waren freundlich zu ihm und machten es ihm damit umso schwieriger; er war hin und her gerissen vom schlechten Gewissen und der unheimlichen Natürlichkeit, täglich in einem fremden Haus aufzuwachen und das Leben eines anderen zu leben.

Danny versuchte Tag für Tag hinter sich zu bringen, in der Hoffnung, dass er eines Morgens wieder zuhause in seinem Bett aufwachen würde. Dass alles beim Alten sein würde. Aber es passierte nicht. Und irgendwann zählte Danny bereits die siebte anbrechende Woche als Nikolaj Sorokin.

Eines späten Abends schließlich ein Anruf.

„Danny, ich bin`s…“, weinte eine Stimme in den Hörer.

„Rose? Schatz, alles in Ordnung? Es ist alles gut, bitte hör auf zu weinen! Es wird alles wieder gut, versprochen! Wo seid ihr?“

„Wir sind zuhause… Aber nein, nein, das wird es nicht. Danny, wir sollen uns verabschieden. Du kommst nicht wieder, hat er gesagt.“ Er vernahm dem Schluchzen einen vorwurfsvollen Unterton.

„Natürlich komme ich wieder. Ich weiß nur nicht, was er von mir verlangt, Rose. Ich weiß es nicht.“

„Was meinst du damit? Du bist doch bei ihr, stimmt`s? Mit diesem russischen Model.“

„Ich bin in deren Haus, ja, aber das doch nicht freiwillig. Wie geht es Sam? Ist er bei dir?“

„Nicht freiwillig? Du hast mich in Frankreich schon angelogen, du sagtest, es sei nicht von Belang, was geschehen ist… Ich habe die Fotos gesehen, Danny. Wie ihr euch geküsst habt. Nikolaj hat mir von dem Deal erzählt. Du hast uns eingetauscht. Mich und Sam, gegen ein russisches Supermodel und 250.000 Euro.“

Was hatte dieser Mistkerl seiner Frau da nur eingebläut?

„Nein, nein, nein, was erzählst du da? Ich habe gar nichts. Ich habe den Deal abgelehnt. Ich liebe euch und würde niemals… Ich haue hier ab und komme nach Hause. Irgendwie… “

„Du kommst nirgendwo hin, mein Freund“, plötzlich ertönte Nicolajs Stimme. „Du hast keine Identität mehr als Daniel Westwood. Dein Gesicht ist nicht mehr dein Name. Versuch erst gar nicht bei Polizei…. Alle sind auf meiner Seite. Das was du hast jetzt, du kannst nicht darüber bestimmen. Du bist nichts.“

Danny konnte es nicht glauben. „Warum? Warum bin ich hier und Sie sind dort… Wieso haben Sie mir meine Identität gestohlen? Was haben Sie meiner Frau erzählt? Wo ist Sam… Bitte ich…“

Wie ein Hund ließ Nicolaj ihn betteln, aber Danny war es egal. Seine Hoffnung, dass er sein Leben zurückbekam, erstarb gänzlich. Er redete auf den Telefonhörer ein, obwohl das Freizeichen schon längst ertönt war.

Daher merkte er nicht, dass Carina einen Mann ins Haus ließ, der eine Eiseskälte verbreitete. Man musste kein Genie sein, um zu verstehen, dass dieser Mann im heruntergekommenen Aufzug und dem zornigen Funkeln in den Augen nicht gekommen war, um eine Tasse Tee zu trinken. Danny war so fertig von dem Telefongespräch, dass er nicht den geringsten Anflug von Angst oder Unruhe verspürte.

„Und sie sind jetzt wohl mein Todesengel, oder wie“, sagte er schon beinahe verächtlich und wartete nur darauf, dass er eine Kugel in die Brust gejagt bekam.

Der Fremde fing an, hektisch auf Russisch zu reden, sodass Danny kein Wort kapierte. Aber dem wütenden Gesichtsausdruck zufolge und dem wild gestikulierenden Körper nach war der Mann auf Danny nicht gut zu sprechen. Oder besser gesagt auf Nicolaj.

„Hören Sie, ich bin nicht Nicolaj“, Danny war es plötzlich völlig egal, dass er gegen die Regeln verstieß, „und ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen.“

Der Fremde war völlig außer sich, stürzte auf ihn los, schubste ihn grob nach hinten und drückte ihn gegen die Wand, die Hände umklammerten fest seinen Hals. Der schmächtige Mann war kräftiger als er aussah und Danny ihm hilflos ausgeliefert. Es ging dermaßen schnell, und die Würgattacke raubte ihm so abrupt den Atem, dass es beinahe zu spät für ihn gewesen wäre. Aus dem Nichts tauchte Oksana mit einer Messingstatue in der Hand auf und schlug den Angreifer damit zu Boden. Regungslos blieb der Kerl liegen und das saubere Weiß des Teppichs wich einem dunklen Rot.

„Ich habe ihn getötet…“, stotterte Oksana kaum hörbar und brach in Tränen aus.

„Du hast mir das Leben gerettet.“ Danny nahm sie in den Arm und da standen sie nun. Der Mann, der um seine Existenz betrogen wurde tröstete die Frau, die wesentlich dazu beigetragen hatte. Nach einigen Minuten beruhigte sich Oksana wieder etwas und schaute Danny an:

„Es tut mir ja alles so leid!“

„Erzähl mir alles. Wer war der Kerl?“

Leise, aber mit klarer Stimme erzählte die junge Frau.

„Nicolaj hat nicht nur aufgrund seines Jobs das viele Geld. Er lebt von Erpressungen und dem Identitätsklau anderer Leute. Das, was er mit dir abgezogen hat… du bist einer von vielen. Und der Kerl da…“ Sie warf einen kurzen Blick zu dem Toten auf dem Boden „er war auch einer von ihnen. Und er dachte, du seist Nicolaj, weil er ihn nie persönlich getroffen hat. Es ist nie die gleiche Masche, die er abzieht, er überlegt sich ständig was Neues. Das Prinzip ist allerdings immer dasselbe: Er bietet einen Tausch, lebt eine Zeit lang das Leben desjenigen und verlangt anschließend eine Stange Lösegeld. Viele wollen sich an ihm rächen und meistens geht es nicht gut aus für sie. Es ist auch nicht nur des Geldes wegen, Nicolaj macht es auch einfach als Zeitvertreib. Es macht ihm Spaß, Leute auf ihr Verhalten zu testen. Wie sie auf sein Angebot reagieren, ob und wie sie seine Person anschließend verkörpern… Es ist sein kleines Hobby sozusagen.“ Sie schnaubte verächtlich.

„Ist jemand schon mal auf einen Deal, wie er ihn mir angeboten hat, eingegangen?“

Oksana wandte ihren Blick beschämt ab. „Einmal. Mein Mann Ed war ein gewalttätiges und geldgeiles Arschloch. Wir haben ihm nichts bedeutet. Im Grunde hat Nicolaj Ivan und mich aus der Hölle gerettet. Und dafür bin ich ihm dankbar.“

Danny war sprachlos. Nicolaj besaß eine Familie, die er im Grunde gestohlen hatte und nutzte diese für seine schamlosen und kriminellen Absichten aus. Wer weiß, was Oksana für den Mistkerl alles tun musste! Und wie hatte er nur den armen Jungen dazu gebracht, einen jeden fremden Mann „Papa“ zu nennen?

„Deswegen spiele ich seine Femme Fatale, wenn man es so will. In Wirklichkeit bin ich eine ganz normale, junge Mutter, die einfach an die falschen Leute geraten ist. Bis jetzt.“ Oksana fixierte Danny. An ihrem Verhalten hatte Danny ihre Zuneigung schon längst bemerkt, nun spürte er auch ihre Ehrlichkeit und Verletzlichkeit. Er konnte es nicht leugnen, dass er Oksana mochte und sich zu ihr hingezogen fühlte, aber er würde seiner Frau niemals wehtun. Das was sie hatten… Wie sehr wünschte er sich genau das zurück. Aber er würde Oksana hier raus helfen.

„Ich verspreche dir, dass wir drei von hier wegkommen. Du hast ein besseres Leben verdient. Nicht nur eines, in der du eine Rolle spielen musst. Und ich kehre zurück zu meiner Familie. Wir schaffen das.“

„Aber dieses Mal ist es anders.“

„Was meinst du?“

„Das ganze dauert schon viel zu lange… Normalerweise ist nach zwei Wochen Schluss… und dass wir jetzt so offen darüber reden… Er überwacht uns doch.“

Ohne lange zu überlegen bestimmte Danny, dass sie abhauen würden. „Wir fahren jetzt los. Hol Ivan und das Wichtigste, was wir die nächsten Tage brauchen. Und Bargeld. Jede Menge davon.“

So fuhren die drei fort von dem Anwesen, das etwas außerhalb von St. Petersburg auf einer kleinen Anhöhe lag, runter in die Stadt. Die Nacht war angebrochen und Danny fand es am besten, in keinem Hotel einzuchecken, wo man nach ihren Personalien fragen würde.

„Wir schlafen heute Nacht im Auto, morgen sehen wir weiter.“

Der Morgen kam schnell und Danny hatte keine Ahnung, ob sein Vorhaben, zurück nach England zu fliegen, umsetzbar war, in Anbetracht der Tatsache, dass er identitätslos herumlief. Wenn Nicolaj Wind davon bekommen hatte, dass sie abgehauen waren- und davon hatte er sicherlich Wind bekommen, dann hatte er bestimmt schon dafür gesorgt, dass er auch den Namen Nicolaj Sorokin verloren hatte.

„Ich gehe zum Tabakladen und kaufe uns etwas zum Essen“, sagte er zu Oksana und stieg aus dem Auto. Der Parkplatz war schon recht belegt und auch auf den umliegenden Straßen war der morgendliche Frühverkehr schon im Gange. Danny ging in den kleinen Tabakladen, kaufte etwas Brot, Crossaints und Saft und schaute sich alle Leute hier genau an. Wo waren Nicolajs Männer? Es war doch seltsam, dass nicht schon längst etwas passiert war… Das mit dem Zettel, dem er dem Fahrer zugesteckt hatte… Nach kürzester Zeit wurde er dafür verprügelt und jetzt, wo er alle Regeln brach, die er nur brechen konnte, passierte gar nichts? Etwas war doch faul an der Sache…

„Wollen Sie heute noch bezahlen, oder was?“ unterbrach der Kassierer seine Gedankengänge.

Als Danny mit zwei vollbepackten Tüten in den Armen vom Tabakladen hinausging, fiel ihm eine Frau in dem Restaurant gegenüber auf. Sie trug einen schwarzen Trenchcoat, eine große, goldene Sonnenbrille, einen pinken Lippenstift und hatte die dunkelbraunen Haare streng nach hinten gebunden. Gerade stellte sie ihre Kaffeetasse auf den Tisch und fuhr sich mit einer ihm sehr vertrauten Geste hinter das Ohr. Das machte Rose immer, wenn sie zufrieden war oder sich über etwas freute. Sie lächelte und stand auf, um jemanden zu begrüßen. Es durchzog Danny wie ein heranrasender Pfeil. Danny konnte den Mann nicht erkennen, aber Rose umarmte und küsste ihn liebevoll auf die Lippen.

Danny stellte die Tüten auf den Boden und ging wie ferngesteuert auf das Lokal zu. Dabei achtete er darauf, dass sie ihn nicht sah. Er hörte ihr Lachen und wie sie in einem perfekten Russisch mit dem Mann plauderte, von dem Danny genau wusste, dass es sich um Nicolaj handelte. Am Eingang des Restaurants blieb Danny stehen und wartete ab. Er beobachtete die beiden, wie sie vertraut miteinander waren und spürte, wie jede einzelne Zelle in seinem Körper von unsagbarer Wut zerfressen wurde. Rose stand vom Tisch auf und wollte wohl auf die Toilette. Danny wandte sich schnell von ihr ab, um nicht erkannt zu werden und folgte ihr dann unauffällig auf das Damen- WC. Er schubste sie hinein und sperrte die Tür zu. Rose, die ihn nicht hatte kommen sehen, war völlig perplex. Aber ihre Verwunderung verwandelte sich schnell in ein schadenfrohes Grinsen.

„Ich dachte eigentlich, dass du schon längst am Flughafen sitzt und dort auf deine Festnahme wartest. Leute ohne Namen und ohne identifizierbaren Gesicht, die sieht man heutzutage nicht gerne.“

„Wie lange hast du das schon geplant? Seit wann hasst du mich so sehr?“

„Hassen ist ein hartes Wort, Danny. Aber ich habe mir wirklich Mühe gegeben, dass wir dich für unsere „Deals“ bis zum Schluss aufheben.“

„Bei den anderen Männern war es das Geld, das ihr ihnen abgezockt hat, schon klar, und was war es bei mir? War ich von Anfang an Teil des Plans?“

„Ach Danny… unsere ersten zwei Jahre waren echt, das schwöre ich. Aber als ich Nicolaj kennengelernt hatte, wollte ich auf ihn und ehrlich gesagt auch auf seinen Reichtum nicht mehr verzichten. Deswegen haben wir gemeinsame Sache gemacht. Aber wir wussten, dass wir irgendwann aufhören müssen, damit wir nicht in Gefahr laufen, aufzufliegen. Und damit wir dich los wurden, warst du sozusagen… unser Finale. Aber mein Gott, Oksana und Ivan haben dich jetzt auch nicht gerade schlecht behandelt. Die Schlampe ist doch schon seit Frankreich verschossen in dich. Also so schlecht erging es euch nun wirklich nicht.“

Danny konnte nicht glauben, was er da hörte. Es stand eine Fremde vor ihm. Und eine verdammt gute Schauspielerin.

„Du hast mich einfach in ein anderes Leben gesteckt und mich von Sam ferngehalten“, er fuhr sich verzweifelt durch die Haare und flüsterte: „Er ist Nicolajs Sohn, oder?“

„Das wollte ich dir ersparen, Danny. Wirklich, glaube mir.“

„Was kann ich dir schon noch glauben… Ihr beide… ihr kommt nicht durch damit, das schwöre ich.“

Danny stürmte aus dem WC, stieß aus Versehen zwei verwunderte Frauen an, die vor der Tür warteten und rannte aus dem Restaurant zum Wagen, in dem Oksana und Ivan auf ihr Frühstück warteten.

„Was ist los Danny?“ fragte Oksana besorgt, weil sie den Unmut in seinem Gesicht und das Zittern seiner Hände bemerkte. Hektisch, aber entschlossen setzte dieser sich ans Steuer und drehte den Schlüssel um.

„Wir holen uns unser Leben zurück. Auch, wenn sich darin nun einiges geändert hat.“

Das andere Leben (Teil 2)

Natürlich sah Danny die Sorokins beim Abendessen wieder. So gut es ging, versuchte Danny nicht an den Vorfall zu denken und auch nicht zu ihnen rüber zu schauen. Als der Kellner eine teure Weinflasche brachte, die die russische Familie ihnen hat rüberbringen lassen, bestand Rose darauf, sich zu bedanken und wollte schon aufstehen.

„Ich mach das schon“, intervenierte Danny. Unter keinen Umständen sollte seine Frau mit den Beiden sprechen. Wer weiß, was sie ihr erzählen würden! Also ging er selbst hinüber.

„Danny, mein Freund,“ lächelte Nikolaj freundlich, „Ich hoffe sehr, mein Wein kann ein wenig besänftigen. Haben Sie geredet mit Rose, was ist mit meinem Angebot?“

„Ich habe mit Rose nicht gesprochen, kann Ihnen jedoch versichern, dass ich meine Meinung nicht ändern werde. Und ich möchte Ihnen sagen, dass Sie uns von jetzt an bitte in Ruhe lassen sollen. Sie beide.“ Er schaute auch Oksana mit ernstem Blick an. „Kommen Sie uns nicht mehr zu nahe.“

Auf einmal tauchte Rose auf und bedankte sich doch noch persönlich. „Möchten Sie sich nachher noch mit uns auf ein Digestif an die Bar setzen?“ fragte sie herzlich.

Danny unterbrach sie, indem er sagte, dass die Sorokins schon anderweitige Pläne hätten. „Geh doch schon mal mit Sam voraus und suche uns einen schönen Platz auf der Terrasse, ich komme gleich nach.“

„Aber…“

„Geh Rose, ich komme nach!“

Nachdem Rose weg war, flüsterte Nikolaj mit ernster Miene: „Danny, Danny, Danny… Sie haben eine schlechte Entscheidung getroffen, eine sehr schlechte.“ Finster war sein Gesichtsausdruck, vom freundlichen und geselligen Mann war nicht mehr viel übrig. Es war eindeutig etwas Böses in seinem Blut.

„Jedenfalls ist es meine, ob schlecht oder nicht. Schönen Abend noch.“

Danny konnte sein Zittern nicht länger verbergen, darum drehte er sich schnell um und entfernte sich vom Tisch der russischen Familie. Er glaubte, seine Angst und sein ungutes Gefühl halbwegs abgeschüttelt zu haben, als er in die Bar zu Rose und Sam kam.

„Schätzchen, frag doch mal den Mann an der Bar, ob er noch eine Scheibe Zitrone für mein Getränk hat, machst du das bitte?“ fragte Rose den Kleinen, der hellauf begeistert war, etwas so Wichtiges erledigen zu dürfen. Danny setzte sich ohne ein Wort zu sagen hin.

„So, erzähle mir jetzt was los ist, Danny! Das war doch komisch gerade, die Situation bei den Sorokins. Ist etwas passiert?“

„Es ist alles in bester Ordnung, ich wollte nur, dass sie uns etwas mehr Ruhe als Familie gönnen.“ Was ja an sich nicht gelogen war.

„Auf einmal…? Wir sind seit neun Jahren zusammen und du bist bleicher als die Wand, vor der du sitzt. Da ist doch irgendwas vorgefallen… Du musst wirklich mit mir darüber reden, es ist absolut wichtig, dass wir uns die Wahrheit sagen!“

Danny kratzte sich nervös am Handrücken. Er konnte es ihr nicht sagen.

„Hör zu, ja, es ist etwas vorgefallen. Aber es ist nichts, was dich beunruhigen sollte oder sonst was. Ich bin auch dafür, ehrlich zu sein. Aber in dieser einen Sache, Rose, bitte ich dich, dass du nicht weiterhakst, weil es absolut nicht von Belang für uns ist. Aber es würde deine Laune wahrscheinlich trüben und ich wünsche mir so sehr, dass wir die restliche Zeit hier in Frankreich gut verbringen. Bitte vertrau mir einfach, dass es nicht die Wichtigkeit hat, um uns den Urlaub verderben zu lassen, in Ordnung?“

Eigentlich hätte Danny nun ein: „Lass mich entscheiden, was von Belang ist!“ oder ein „Was hast du nur wieder angestellt?“ von seiner Frau erwartet, stattdessen sagte sie:

„Okay!“

Sam kam mit der Zitrone für seine Mama zurück und Rose sprach darüber, dass es schön wäre, am nächsten Tag eine der nahe gelegenen Städte zu besichtigen.

„Wenn wir schon mal hier sind“, meinte sie.

Die letzten Tage verliefen erstaunlich ruhig und Dannys Befürchtungen, dass die Geschichte mit seinem Abgang im Restaurant noch nicht gegessen war, schienen sich langsam in Rauch aufzulösen. Es lief gut zwischen ihm und Rose und Sam und sie konnten die Zeit tatsächlich noch genießen. Am letzten Abend ihrer Ferien saßen sie noch lange auf dem Balkon des Hotelzimmers und gönnten sich zu zweit eine Flasche Rotwein, während Sam schon lange schlief. Später genoss es Danny, seiner Frau beim Schlafen zuzusehen, bevor er selbst mit einer Glückseligkeit einschlief, die er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Ja, er war glücklich, nur hatte er es vergessen. Das wollte er nie mehr zulassen.

Am nächsten Morgen wurde Danny von Zärtlichkeiten seiner Frau geweckt, die sie ihm schon lange nicht mehr geschenkt hatte. Er spürte ihre Hände unter seiner Bettdecke und genoss es, so aus dem Schlaf geholt zu werden. Sie setzte sich auf ihn. „Ein einfaches Guten Morgen hätte auch genügt, aber das ist auch nicht schlecht“, flüsterte er.

„Das ist die beste Art aufzuwachen,“ wisperte eine Stimme zurück, die nicht die von Rose war. Er schreckte hoch und riss die Augen weit auf. Es war Oksana, die auf ihm saß, in einem Bett, das nicht seines war. Wie konnte das sein? Wie war Danny hier gelandet? Im Bett der Sorokins, in deren Zimmer, mit der falschen Frau? Oksana war nur mit dem Hemd bekleidet, das er selbst am Abend vorher noch getragen und neben seinem Bett auf den Stuhl geworfen hatte.

„Oh Scheiße, was mache ich hier?? Wie bin ich hierhergekommen?“ Er warf Oksana von sich runter und zog sich seine Hose an. „Herrgott nochmal, was soll das? Wo sind mein Sohn und meine Frau?“ Oksana lachte und meinte trocken: „Jetzt können wir es auch beenden, wir waren ja schon mittendrin.“

„Ich. Will. Nicht. Sie. Ich will meine Frau. Wo ist sie?“ schrie er nun.

„Da hatte ich vor ein paar Tagen aber noch einen ganz anderen Eindruck. Außerdem würde ich dir raten, nicht zu viel Aufsehen zu erregen,“ sprach Oksana ruhig und mit einwandfreiem Englisch, wie Danny nun auffiel. Oksana war keine Russin.

„Wer sind Sie? Und was wollen Sie und ihr Mann von mir? Haben sie diese reiche Russen- Nummer nur gespielt?“

„Mein Mann Nikolaj ist sehr wohl Russe, ich nicht wirklich, aber das tut auch nichts zur Sache. Ich bin ab heute deine Frau, und Ivan dein Sohn. Nikolaj ist mit deiner Familie abgereist. Schon vorhin, vor Sonnenaufgang.“

„Was… was heißt, sie sind abgereist? Wo ist er hin…?“

„Du erinnerst dich an den Deal, den du nicht eingehen wolltest? Die 250.000 kriegst du wohl nicht mehr. Wenn du Glück hast, kriegst du Rose und Sam zurück. Und ab diesem Moment bist du Nikolaj Sorokin und wir sind deine Familie. Keine Fragen, kein Auffallen, kein Hilfe holen. Dir wird sowieso keiner glauben, dafür hat mein Mann… Danny hat dafür gesorgt.“

Danny schossen die Tränen in die Augen, vor Wut, vor Verzweiflung, vor Angst um seine Familie. Er stürmte auf Oksana zu und packte sie grob am Hals.

„Miststück, wo ist meine Familie? Rede!!!“

Oksana, die Mühe hatte zu sprechen, keuchte hervor: „Er… er wird sie umbringen, wenn du nicht nach Plan handelst.“

Sofort ließ Danny von ihr ab. „Keine Fragen ab diesem Augenblick“ erklärte sie weiter und rieb sich ihren Hals. „Hast du mich verstanden? Schauspielere so gut du kannst, je besser du deine Rolle als Nikolaj spielst, desto größer stehen die Chancen, deine richtige Familie lebend wieder zu sehen. Und bis dahin…“ Oksana gab ihm einen Kuss auf die Wange, als wäre es das Normalste auf der Welt, wandte sich ab, zog sich ein Kleid an und fing an, die Koffer zu packen.

„Dein Koffer ist so gut wie fertig, Schatz. Nur dein Badeetui fehlt noch, bringst du es mir bitte?“

Danny setzte sich aufs Bett und vergrub sein Gesicht in seine Hände. Das war ein Alptraum, ein schlechter Witz. Wie war er nur da reingeraten? Warum er? Warum seine Familie? Ivan kam ins Schlafzimmer und brachte seinem „Vater“ das Modellauto, das er einige Tage zuvor bekommen hatte. „Kannst du es mir reparieren, Papa? Der Reifen ist abgegangen.“

Ungläubig starrte Danny den Jungen an. Was haben Sie dem Kleinen erzählt, dass er das Ganze derart mitspielte? War es überhaupt ihr richtiger Sohn? Er wollte fragen, traute sich aber nicht. Wahrscheinlich wurde er beobachtet von Kameras oder er wurde verwanzt. Oder Oksana war die, die auf ihn aufpassen sollte. Die, die Situation unter Kontrolle halten sollte. Auf jeden Fall musste er irgendwie beobachtet werden, damit  Nikolaj sichergehen konnte, dass Danny den Zirkus auch wirklich mitspielte. Keine Fragen mehr. Er wird sie umbringen

Danny schluckte seinen Zorn und seine Tränen hinunter, atmete tief durch und versicherte dem Kleinen:

„Das bekommen wir schon wieder hin, Ivan. Komm her, gib mir dein Auto.“ Es dauerte nur zwei Minuten, bis der Reifen wieder am Wagen war. „Super, danke Papa!“ rief der Junge fröhlich und drückte ihn. Sollte Danny ihn doch fragen?

Er sah zu Oksana, die ihrem Sohn den Rucksack brachte. Allem Anschein nach bemerkte sie seine Unsicherheit und sein Vorhaben, fixierte ihn mit festem Blick und hielt den Zeigefinger vor ihre vollen, roten Lippen.

Keine Fragen mehr.

Fortsetzung folgt…

Einer unter Tausenden oder: wenn Träume nicht (so richtig) wahr werden

In der New Yorker U- Bahn sah ich vor sieben Jahren einen Mann, der sang um seine Existenz. Er war gewiss nicht der Einzige, der mit Straßenmusik sein Geld verdiente, aber dieser schon etwas ältere Afroamerikaner mit dem hellbraunen Trenchcoat brachte so viel Gefühl in die hektische, abgedroschene und unpersönliche Bahn, dass er mir in Erinnerung blieb. Ich hoffe, es gibt ihn auch heute noch und er erfüllt mit seiner Black- Soul- Stimme die U- Bahnen und Herzen des Big Apples.

 

Victor sang „Stand by me“ gerade zu Ende, als ein paar junge Leute ihm applaudierten. Das erste Mal heute und in den letzten drei Tagen. So oft bekam  man nicht Applaus hier unten, hier war die Luft zu heiß, der Bahnverkehr zu hektisch, die Leute zu reserviert und müde. Er kannte die New Yorker Menschen zu gut und er teilte sie gerne in zwei Kategorien für sich ein: Auf der einen Seite waren da die begeisterungsfähigen, offenen und ungezwungenen Großstädter und auf der anderen Seite die Stadtmenschen, die in der Anonymität New Yorks ihr Dasein drucksten, die von der Frau in der Nachbarswohnung oder dem unbekannten, schwarzen Sänger in der U- Bahn nichts wissen wollten.

Als er vor zweiunddreißig Jahren von Philadelphia in die Ostküstenmetropole gezogen war, um hier sein Glück mit der Musik zu machen, war Victor einer von Tausenden. Die jungen Leute strömten in den 70ern von überall her: Europa, Kanada, Mexiko und –so wie Victor- aus anderen Teilen des Landes. Amerika, insbesondere Los Angeles und New York hatten den Ruf, Träume wahr werden zu lassen und vielleicht fanden einige auch ihr Glück. Aber Victor lernte damals unzählige Leute kennen, die die bittere Wahrheit, die Überbewertung des „American way of life“ irgendwann erkannten und damit nicht umgehen konnten. Die abstürzten, dem Alkohol oder Drogen verfielen, kriminell wurden oder die sogar Selbstmord begingen.  Oder- und diejenigen wählten die für sie vielleicht einfachste, aber wahrscheinlich demütigendste Lösung- die nach Hause zurückkehrten und sich somit nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Familien und Freunden die Niederlage eingestehen mussten. Victor gehörte weder zu den Gewinnern noch zu den Verlierern, wurde weder erfolgreich mit seiner Musik, noch verfiel er dem Rausch, noch kehrte er in seine Heimat zurück. Er kam mit dem Singen auf der Straße und in den U-Bahn Stationen grade so über die Runden, aber was war das schon? Was war er in den Augen der anderen Menschen? Ein begnadeter Sänger? Einer der seinen amerikanischen Traum lebte? Sicherlich nicht. So sah er sich nicht einmal selbst. Ein Bettler war er, der Glück hatte, eine gute Stimme zu haben und somit nicht ganz das Gefühl haben musste, um Geld zu bitten. Vielleicht gaben ihm trotzdem viele Leute nur aus Mitleid etwas und nicht deswegen, weil er talentiert war. Am Ende des Tages lief es auf dasselbe hinaus. Er konnte in seine kleine Wohnung in Harlem und hatte warmes Essen auf dem Tisch. Die Bestätigung, die Anerkennung für seinen Gesang, die fehlte meist. Aber Victor konnte es sich nicht leisten, daran zu verzweifeln. Eine andere Arbeit gab es für ihn nicht, wegen seiner Invalidität stellte ihn niemand ein. Zudem war er schwarz. Victor hatte schlechte Karten. Sein einziges Ass war seine Stimme und die hörte leider nie die richtige Person. Victor dachte immer: Wenn Gott es für mich vorgesehen hat, dann spaziert irgendwann ein Musikproduzent an mir vorbei und erkennt mein Potenzial!

Mittlerweile, fast dreißig Jahre später dachte Victor, dass Gott ein Arschloch sei. Über acht Millionen Leute in dieser verdammten Stadt und keiner, aber auch gar keiner, der ihm das Gegenteil beweisen konnte. Aber was soll`s, Victor hatte sich damit abgefunden. Er war auch nicht wirklich unzufrieden, das konnte er nun wirklich nicht behaupten. Immerhin verdiente er mit dem, was er liebte, seinen Lebensunterhalt. Wie viele Menschen können das von sich behaupten? Das war es auch, was seine Frau immer zu ihm sagte. Die Tatsache, dass sie selbst sechs Tage die Woche fast zehn Stunden täglich in der Wäscherei zubrachte, damit das Geld auch für sie beide reichte, erwähnte sie nie. Und dafür liebte er seine Brianne. Weil sie alles so nahm, wie es war, zufrieden damit war und Victor nahm wie er war, und auch damit zufrieden war. Genügsamkeit. Das war Briannes Stärke und Victors Anker im hektischen Alltag. Das wiederum machte ihn dankbar. Dass auch sie ihn genügsam machte und nicht vergessen ließ, wie wertvoll das ist, was man besitzt. Träumen hinterherjagen kann sehr anstrengend sein… Wie schön war es da, einen sicheren Hafen zu besitzen, der Victor runterkommen ließ, auch wenn der Tag noch so anstrengend, niederschmetternd oder belanglos gewesen war!

Es waren die ersten kühlen Herbsttage in New York, und Victor hatte seit Wochen das erste Mal wieder das Gefühl, im Underground nicht zu ersticken. Der Sommer war fast unerträglich da unten, aber die U-Bahn rentierte sich für ihn am meisten. Da konnten die Leute sich nicht so schnell abwenden oder gar weglaufen.  Also biss er sich durch, von Wagon zu Wagon. Einige Dollar wanderten an diesem Morgen in Victors Mütze, mit der er nach seiner Performance durch das Abteil ging. Viele New Yorker kannten den Soulsänger schon seit den Anfängen seiner Musik hier in der Stadt der Städte. Und fast alle liebten ihn und seine Musik. Seine Fans. Manche fanden ihn toll, vor allem die Touristen, weil sie überrascht vom plötzlichen Gesang in einem öffentlichen Transportmittel waren. Andere wiederum würdigten ihn nicht mal eines Blickes und verzogen eher entnervt das Gesicht, wenn er in der Bahn zu singen anfing. Es gab eben diese und jene Menschen. Gute Tage und weniger gute Tage. Das eine reihte sich an das andere; so war das Leben in New York.

Aber immerhin hatte Victor eine Konstante. Es war die Liebe und war es am Ende nicht das, worauf es ankam?

Adrenalin

Extremsituationen. Wart ihr schon einmal in einer solchen? Ich wünsche euch, dass eure Antwort Nein ist. Ich, Klopf auf Holz, zum Glück auch noch nie. Oft frage ich mich, wenn ich von Extremsituationen lese oder höre, wie ich wohl reagieren würde. Als Außenstehender ist es oft leicht Urteile oder potenzielle „Was wäre wenn“- Entscheidungen zu fällen, doch wie verhält man sich tatsächlich in einem alles verändernden Moment? Wir kennen alle den Unterschied zwischen richtig und falsch, aber letztendlich sind wir alle Menschen. Und Menschen machen Fehler, vor allem dann, wenn der Überlebensinstinkt, bzw. der Ich-rette-meine-eigene-Haut Impuls erwacht. Der Mann in meiner folgenden Kurzgeschichte hat einen schwerwiegenden Fehler gemacht. Und läuft vor ihm davon. Verknüpft habe ich meinen Protagonisten mit einem Mann, den meine Freundinnen und ich vor vielen vielen Jahren an der Haltestelle gesehen haben. Er hatte Blut an den Händen und wurde beinahe von einem Bus angefahren. Wer er war, woher er kam und was mit ihm geschah, weiß ich bis heute nicht. Eine perfekte Ausgangslage für mich und mein Kopfkino… 😉

Die Autos rasten mit 130 km/h und mehr an ihm vorbei, aber es störte Norman Fisher nicht. Im Gegenteil, die Schnelligkeit der Autos spornte ihn an, sein eigenes Tempo beizubehalten. Er wusste nicht, wie lange er schon unterwegs war, aber mittlerweile musste es schon nach Mitternacht sein. Jegliches Zeitgefühl war ihm abhanden gekommen. Das Adrenalin schoss seit Stunden durch seine Venen und trieb ihn voran. Nie zuvor hatte er eine solch gewaltige körperliche Leistung erbracht. Norman Fisher war nicht übergewichtig oder faul, aber besonders sportlich oder gar athletisch nicht im Geringsten. Ein normaler Kerl eben. Der nachts an einer Autobahn entlanglief mit einer Ausdauer, die er nie für möglich gehalten hatte. Aber Extremsituationen scheinen die Kräfte des eigenen Körpers bis aufs Äußerste zu treiben.

Norman Fisher lief Meter um Meter ohne zu wissen, wohin eigentlich. Aber eine jede Straße führt an ein Ziel, und das war es, wohin er wollte. Einfach irgendwohin. Er spürte, wie der Schweiß an seiner Stirn über das Gesicht hinunterrann, er konnte das Salz auf seinen ansonsten ausgetrockneten Lippen schmecken. Sein schwarzes T- Shirt war vollkommen durchgeschwitzt und seine patschnassen Locken klebten an Haupt und Gesicht. Es war Nacht, aber die Temperaturen schienen seit Sonnenuntergang kaum gefallen zu sein. Ihm war heiß und sein unter Strom arbeitender Organismus verlangte nach Wasser. Doch er nahm es nicht wahr.

Lauf, Norman, lauf! Hatte seine innere Stimme in ihm geschrien. Lauf weg! Also rannte er los und drehte sich nicht mehr um. Die Dunkelheit und die Unwissenheit darüber, wo genau er sich im Moment befand, waren im egal. Er hielt sich an die Leitplanken der Autobahn und folgte dieser, wohin sie auch führen mochte. Was sich links von ihm befand, konnte Norman Fisher nicht ausmachen. Es mussten Felder sein oder unberührte Wiesen, jedenfalls konnte er nirgendwo Lichter erkennen oder Geräusche vernehmen, die auf eine Stadt oder zumindest auf irgendwelche Leute, die zufällig in der gleichen Gegend waren, schließen ließen. Nur das rauschende Vorbeiziehen der Autos und LKWs.

Es verging erneut eine gewisse Zeit – waren es wieder Stunden? Norman Fisher kam es so vor, da verlangsamte er seinen Schritt. Er verstand zunächst nicht, was ihn bremste, erst als er auf einer Stelle stehen blieb, merkte er, wie Übelkeit in ihm aufkeimte. Die Anspannung, das Durcheinander in seinem Kopf und seinem Körper, die Gefühle darüber, was wenige Stunden zuvor geschehen war, sein Kreislauf, der sich nun endlich doch bemerkbar machte, all das ließ ihn schwer atmen. Adrenalin adieu. Er konnte nicht mehr. Norman Fisher setzte sich ins Gras, lehnte seinen Kopf an die Leitplanke hinter ihm. Mit Mühe versuchte er seine Atmung gleichmäßig werden zu lassen. Er schloss seine Augen für einen Moment, doch das grauenhafte Bild, das kurz in ihm aufblitzte, ließ ihn hochfahren. Er sah den kleinen Arm mit dem rosa Armreif, der aus dem hinteren Fenster des grauen PKWs hing, regungslos. „Verfluchte Scheiße!“ schrie er und erhob sich wieder. Die Übelkeit dankte es ihm, indem sie Norman Fisher ordentlich zum Kotzen brachte. Erstaunlicherweise ging es ihm anschließend besser. Das Gefühl wieder regelmäßig zu atmen kam zurück und er ging weiter, dieses Mal langsamen Schrittes.

Die Sonne ging auf. War er eben doch länger weggenickt? Er war nicht mehr Herr seiner Sinne, seine Fußsohlen brannten, ihm war elendig heiß und schwindelig zumute. Er war durstig. So durstig. Jetzt spürte er auch, dass er am Kopf verletzt war und geblutet hatte. Aber das Schlimmste war, dass die Bilder der vergangenen Nacht zurückkamen. Eines nach dem anderen. Der zarte Kinderarm mit dem rosa Armreif. Das Kuscheltier auf dem Asphalt, es war ein Schäfchen, Norman Fisher war sich da ganz sicher. Der Anblick hatte sich eingebrannt. Denn neben dem Schäfchen lag der Oberkörper der Frau, die den Wagen gefahren hatte. Ihre Beine waren im oder unter dem Wagen. Als er zu ihr hingegangen war, um zu sehen, ob sie noch atmet, war er in der Blutlache ausgerutscht, die sich um den Körper der jungen Frau gebildet hatte. Er hatte das Blut im Dunkeln nicht gesehen und war hineingefallen. Er hatte gespürt, dass es warm war und hatte gesehen, dass sich der Plüsch des Schafes sich schon rot gefärbt hatte. Er war ausgerutscht und hatte dann er den kleinen Arm im Fenster der Rückbank gesehen und er spürte das warme Blut auf seinen Armen und seinen Händen und dann hatte die Stimme in ihm geschrien: „Lauf, Norman, lauf! Lauf weg!“ Und er hatte sich entfernt von dem grauen PKW, der sich beim heftigen Zusammenprall überschlagen hatte und auf der Seite liegen geblieben war und war fortgerannt. Er hatte sein Auto gelassen wo es war, sein kaputtes Auto und das andere kaputte Auto und die kaputten Leute und war von der einsamen Landstraße hinuntergelaufen, in den Wald hinein und war irgendwo auf der anderen Seite wieder herausgekommen. Er hatte in der Nähe den Autobahnverkehr vernommen und war in eben diese Richtung gelaufen.

Warum war er weggelaufen? Was, wenn das Mädchen noch gelebt hatte? Um Gottes Willen, was hatte er nur getan? Warum hatte er nicht einmal kurz hineingeschaut zu dem armen Kind, nicht nur eine Sekunde? Er war feige gewesen und war wegelaufen. Die Tränen brannten in seinen Augen. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte er nur wegnicken? Es waren zwei oder drei Sekunden, dann war sein Auto auf die andere Straßenseite geraten. Norman Fisher war schuld an dem Unfall und an den Tod dieser Frau. Und vermutlich auch dem des Mädchens. Wenn es kurz nach dem Unglück nicht tot gewesen war, jetzt war es das mit Sicherheit. Oder vielleicht konnte sich die Kleine aus dem Wagen befreien. Und dann? Dann sah sie ihre tote Mutter neben dem rot gefärbten Schaf und was dann? Lief sie auch in den Wald? Blieb sie dort? Kam ihr jemand zu Hilfe? Das war das einzige Szenario, das Norman Fisher sich vorstellen wollte. Dass jemand kam und sie rettete. Er hatte seine Chance um zu helfen vertan. Er war ein jämmerlicher, ein ganz abscheulicher, hundserbärmlicher Feigling. Jeden Schmerz, jedes furchtbare Gefühl, das er gerade verspürte, verdiente er aus tiefstem Herzen. Und noch mehr. Noch viel mehr.

Norman Fisher war ansonsten kein schlechter Mensch. Aber das, was er heute Nacht getan hatte, das war unverzeihlich. Es war schon schlimm genug, dass er völlig überarbeitet und erschöpft sich doch noch entschieden hatte in sein Auto zu steigen- immerhin hätte er eine weitere Nacht in dem Motel bleiben können. Aber er wollte sich das Geld sparen, weil er momentan knapp bei Kasse war. Aber dann den Unfallort einfach so zu verlassen…was hatte ihn da nur geritten?

Norman Fisher war so in Gedanken versunken, dass er den Lastwagen und den Fernfahrer in der Rettungsinsel gar nicht bemerkte, an der er gerade vorbeiging.

„Hey Mann, brauchst du Hilfe?“ rief dieser mit rauer Stimme. Der Fernfahrer lehnte an seinem Truck und vertilgte gerade ein Brot. Norman Fisher war vollkommen perplex, wusste nicht, was er dem Fremden antworten oder anvertrauen sollte. Was der sich wohl denkt? Ich sehe aus, als hätte ich jemanden umgebracht. Habe ich ja auch, dachte er.

„Du siehst so aus, als brauchst du eine Mitfahrgelegenheit.“ Er sah Norman Fisher von oben bis unten an, erwähnte aber nicht das viele Blut oder dessen verwirrtes Auftreten. „Scheiße gebaut, was? Haben wir doch alle mal. Steig ein, wenn du willst, ich fahre dich in die nächste Stadt! Du musst glaub ich in ein Krankenhaus.“ Also stieg Norman Fisher zu dem Fernfahrer in den LKW.

„Warte, lass mich ne Decke unterlegen, du saust mir noch alles voll. So, jetzt.“

Warum half ihm dieser Kerl? Er hatte doch gemerkt, dass Norman Fisher ganz offensichtlich in Schwierigkeiten war. Wahrscheinlich war der Typ selbst nicht ganz bei Trost, aber das war ihm in diesem Moment egal. Er brachte ihn in die nächste Stadt und stellte keine lästigen Fragen. Und so saßen die zwei Männer in dem LKW, schweigend, und blickten nach vorne auf die Straße.

Hätte Norman Fisher umkehren sollen an den Unglücksort? Wahrscheinlich, aber jetzt war es ohnehin zu spät. Er hatte einen Unfall verursacht, Menschenleben auf dem Gewissen und Fahrerflucht begangen. Noch tiefer in die Scheiße konnte er nur noch kommen, wenn die Polizei ihn finden würde. Früher oder später würde es sowieso passieren. Brachte es etwas, irgendwo unterzutauchen? Wie machte man das, „untertauchen“? Man sieht haufenweise Filme im Fernsehen, in denen Leute untertauchen… Machte man das im realen Leben genauso? Vermutlich funktionierte das in echt gar nicht. Sie würden ihn finden und er würde ins Gefängnis müssen. Und viel Geld bezahlen. Geld, das er gar nicht besaß. Vielleicht war das Beste, wenn er sich stellte. Vermutlich würde seine Strafe dann zumindest etwas gemindert werden.

Der Lastwagen hielt an einem größeren, belebten Parkplatz mitten einer kleinen Stadt. Norman Fisher war so in seinen Gedanken versunken, dass er nicht registriert hatte, endlich irgendwo angekommen zu sein.

„Wir sind da, Kumpel. Hier sind 30 Dollar, nimm sie. Mehr Bares habe ich nicht dabei.“

„Aber… Warum helfen Sie mir?“ Das war das erste Mal, dass Norman Fisher mit dem Fernfahrer redete.

„Wie gesagt, wir bauen alle mal Mist. Aber du wirst ganz offensichtlich von deinem Gewissen geplagt, also scheinst du mir ein guter Kerl zu sein. Glaub mir, ich kenne viele, die würden nicht einen Cent von mir bekommen. Und jetzt raus hier, bevor ich es mir anders überlege!“

„Danke!“

Norman Fisher stand noch eine Weile auf dem Parkplatz und schaute dem davonfahrenden Truck hinterher. „Sie scheinen mir ein guter Kerl zu sein“… ein guter Kerl… Der nicht nur Mist, sondern riesengroßen Mist gebaut hatte! Er hatte eine falsche Entscheidung nach der anderen gefällt. Vielleicht war es an der Zeit, die richtige zu treffen.

Er überquerte den Parkplatz und sah dabei nicht den heranfahrenden Bus. Laut hupend blieb dieser so knapp vor ihm stehen, dass Norman Fisher sich mit seinen Händen am Kühler abstoßte. Sein Herz pochte rasend schnell. Mit dieser Aktion hatte er die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen, er sah wie die Leute ihn anstarrten und über ihn redeten. Eine Gruppe junger Mädchen an der Bushaltestelle war sichtlich erschrocken. Kein Wunder, wie musste die Situation auf Außenstehende wirken! Ein völlig aufgelöster, verwirrter Kerl, mit Blut an seinen Händen und seinen Armen, der fast von einem Bus niedergefahren wurde… Er musste wie ein vollkommener Verrückter aussehen… Norman Fisher entfernte sich vom Bus und verschwand in eine Seitengasse. Lauf, Norman. Lauf!