Der Sternenzähler

Millionen Lichtjahre hatte er bereits auf dem Buckel – wobei man fairerweise erwähnen muss, dass der Buckel des Sternenzählers freilich nicht der allergrößte war. Ganz im Gegenteil. Es gab wohl nicht viele auf zwei Beinen laufende Lebewesen im Universum, die von solch geringer Größe, aber dermaßen enormer Intelligenz ausgestattet waren. Skurril trifft es als Wort wohl am ehesten, um den kleinen, blassen Lockenkopf mit den langgliedrigen Fingern zu beschreiben. Sein violettes Haar und seine zierliche Erscheinung ließen den Sternenzähler kindlicher und unbeholfener erscheinen, als er es tatsächlich war. Sein Verstand war geradezu grandios – aber wer alle Gesteinsbrocken, alle Planten und alle schwarzen Löcher in Milchstraße und Umgebung beziffern, benennen und katalogisieren musste, musste das auch sein: klug, rational und durchstrukturiert – vom kleinsten der jeweils vier Zehen bis hin zur obersten abstehenden Locke.

Die Landung auf dem Planeten Erde war nicht ganz so glimpflich verlaufen, wie es sich der Sternenzähler erhofft hatte. Im Grunde wollte er gar nicht hierher fliegen. Man erzählte sich im All viel Schlechtes über die Erde. Es waren wohl Kreaturen zugegen, die es mit ihrem eigenen Zuhause nicht sonderlich gut meinten. „Idioten“, murmelte der Sternenzähler vor sich hin, als er sein bescheidenes, aber seit Jahrtausenden voll funktionstüchtiges Raumschiff mitten in einem Friedhof an abgesägten Bäumen zerschmettert hatte. Welche Lebewesen rodeten ihre eigenen Wälder dermaßen ab? Die Gerüchte schienen wahr zu sein. Er hätte es besser wissen und eine andere Möglichkeit suchen sollen, die Sterne zu zählen. Aber – so sagte man ihm – auf dem Erdplaneten gäbe es die allerbeste Aussicht auf den Sternenhimmel und von hier aus fiele das Zählen um einiges leichter. Aber der einfachste Weg war nicht immer auch der richtige, fand der Sternenzähler und während er sein kaputtes Flugobjekt untersuchte, wünschte er sich, dass es anders gelaufen wäre. Einfach würde das hier definitiv nicht werden … Es würde Tage dauern, das Ding zu reparieren! Und dann noch gleichzeitig zählen! Wie sollte er das nur schaffen? Seine bisherigen Aufträge waren allesamt simpel und vor allem unkompliziert verlaufen. Es gab jedoch nichts, was in ihrer Menge umfangreicher war, als die funkelnden Gaskörper – schließlich gab es nicht nur ein paar hunderte von ihnen. Dass es irgendwann zu dieser Herausforderung kam, wusste der Sternenzähler jedoch – nicht umsonst trug er diesen Namen. Es sollte seine letzte Aufgabe sein, bevor er sich zur Ruhe setzte.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit dauerte es noch einige Stunden und so hatte der Sternenzähler genügend Zeit, um sich umzusehen und vor allem zuzusehen, den Motor seines Flugobjektes wieder zum Laufen zu bringen. Es schien nicht wirklich etwas Brauchbares in der Nähe zu sein, was er zur Reparatur hätte verwenden können. Also kramte er in seinen eigenen Sachen, um dann –  mehr oder weniger erfolgreich – mit einem alten, verrosteten Schraubenschlüssel herumzuhantieren. Plötzlich machte der Motor ein lautes Geräusch und dicke Rauchschwaden schossen heraus, was unseren Sternenzähler abrupt zum Keuchen und Husten und Fluchen brachte.

Lautes Gelächter ertönte auf einmal neben ihm. Der Sternenzähler hatte große Schwierigkeiten, durch den Rauch hindurch die Gestalt zu erkennen, die ihn dermaßen hämisch auslachte. Er erspähte lange Arme und Beine und einen scheinbar endlosen Schwanz, der sich ununterbrochen hin und her bewegte. „Wer bist du?“, fragte der Sternenzähler röchelnd. „Ich kann dich nicht sehen durch den vielen Rauch.“ Erst als dieser etwas verpufft war, konnte er ihn erkennen: Den schadenfrohen, gelbgrauen Affen, der sich nun endlich beruhigte, sich auf einen der abgesägten Baumstämme hinhockte und den Fremden mit dem eigenartigen Fortbewegungsmittel neugierig observierte.

„Ich weiß zwar nicht, was das für ein Ding da ist, aber es scheint Schrott zu sein, würde ich sagen. Definitiv“, kicherte der Affe und kratzte sich dabei am Arm. „Ich bin ein Spinnenaffe und wohne da hinten mit den anderen, wo die Bäume noch ganz sind. Wir arbeiten für die Menschen, die unseren Wald roden, damit sie uns ein paar Quadratmeter Wald übrig lassen, das haben sie uns versprochen. Wir arbeiten an ihren Maschinen, mit denen sie die Bäume abholzen. Aber sind nicht mehr so viele. Von meiner Art, meine ich. Und von den Bäumen. Alles wird weniger und weniger.“ Der Spinnenaffe machte ein betrübtes Gesicht. „Aber du bist jetzt ja dazugekommen“, lachte er nach einer kurzen Pause. Der Sternenzähler war etwas verwirrt von dem seltsamen Tier, das offensichtlich sehr erfreut war, ihn zu sehen. Na ja, war auch nicht verwunderlich. Wenn die Welt um einen herum verschwindet, schenkt eine neue Begegnung Hoffnung. Also versuchte der Sternenzähler freundlich zu sein, auch wenn er gerade nicht in der Stimmung dazu war. „Nun, womöglich bräuchte ich deine Hilfe. Weißt du, ich bin der Sternenzähler und mein Raumschiff hat die Landung auf deinem Planeten nicht gut überstanden. Vielleicht kannst du mir helfen, es zu reparieren. Ich bin nämlich hier, um die Sterne zu zählen und beides gleichzeitig schaffe ich wohl nicht.“ „Zählen kannst du?“, fragte der Spinnenaffe erstaunt. „Und auch noch so weit, wie es Sterne gibt? Das kann ich nicht glauben! Ich kann nicht mal bis … ähm bis …“ Das Tier hielt drei seiner Finger hoch.„Drei zählen?“, führte der Sternenzähler den Satz des Spinnenaffen zu Ende. Das Tier lächelte und bestaunte den merkwürdigen kleinen Mann mit dem ungewöhnlichen Aussehen, der irgendwann vorschlug: „Weißt du was, ich helfe dir dabei, zählen zu lernen und du hilfst mir dabei, das Ding hier wieder zum Fliegen zu bringen. So profitiert ein jeder vom Können des anderen!“ Der Spinnenaffe war so aufgeregt und begeistert von besagter Idee, dass er seinen schlaksigen Affenkörper erst mal eine Runde auf den noch vorhandenen Bäumen schwang und er wie wild herumschrie. Der Sternenzähler zweifelte an der Vereinbarung, die das Tier und er sich eben gegeben hatten, aber es war vermutlich die einzige Möglichkeit, von diesem schrecklichen Planeten mit seinen verrückten Bewohnern wieder wegzukommen. Und er konnte sich aufs Sternenzählen konzentrieren, sofern der naive Affe nicht völlig seine Aufmerksamkeit einforderte.

Sie arbeiteten nachts. Der Sternenzähler setzte sich mit seinem dicken, schwarzen Notizbuch und seinem goldenen Füller auf einen großen, fein säuberlich abgesägten Baumstumpf und ging seiner eigentlichen Bestimmung nach, während der Spinnenaffe weiter hinten am Flugobjekt herumwerkelte, ohne seinen neuen Freund beim Zählen und Festhalten der glitzernden Himmelspunkte zu stören. Nichtsdestotrotz ließ er es sich nicht nehmen, immer wieder mal zu lauschen und fasziniert hinzusehen, wie der kleine Mann aus dem fernen All seine Arbeit verrichtete. Konzentriert und eifrig sprang dessen Zeigefinger in der Luft von einem Stern zum nächsten – so sah es zumindest aus der Perspektive des Affen aus. Der Sternenzähler wisperte dabei unverständlich vor sich her, nur zwischendurch konnte der Spinnenaffe seltsame Zahlen vernehmen, von denen er noch nie gehört hatte. Gebannt vom meditativen Zählen vergaß das Tier immer wieder mal das zu reparierende Raumschiff. Sobald sich der Himmel erhellte und die Sterne in ihm verblassten, legten die zwei sich bis vor kurzem noch Fremden für einige Stunden zum Schlafen hin. Tagsüber erteilte der Sternenzähler dem Affen mathematische Lektionen und sie stärkten sich mit Früchten, die dieser aus dem tiefen Dschungel besorgte. Fünf Tage und fünf Nächte lang zog sich ihre Übereinkunft hin und in der sechsten Nacht wurde der Spinnenaffe mit dem Raumschiff schließlich fertig. Der Sternenzähler, der noch völlig vertieft seine Arbeit zu Ende führte, merkte nicht, dass der Affe sich zu ihm setzte und ihn wieder einmal beim Sternenzählen beobachtete. Zutiefst beeindruckt war der Spinnenaffe vom Können seines neuen Freundes und er lächelte ihm zu, als dieser endlich den Blick von seinem schweren Notizbuch löste. Die Aufgabe der letzten Tage schien dem Tier gut zu tun und überraschenderweise spürte auch der Sternenfänger in sich selbst eine Veränderung. Eine Gelassenheit, die er – wie er nun bemerkte – schon lange nicht mehr in sich trug, legte sich wohlwollend, wie ein Seidentuch, über ihn. Wie konnte es passieren, dass sich Dringlichkeit und Arbeit ihn dermaßen vom Wesentlichen ablenkten?

„Es stimmt, was man sich erzählt“, sagte der Sternenzähler schließlich mit ruhiger Stimme. „Das Firmament ist von diesem Planeten aus tatsächlich am allerschönsten. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe schon viele Orte bereist in meinem langen, langen Leben.“ Der Spinnenaffe, überrascht und erfreut über diese Worte, entgegnete: „Vielleicht haben wir es uns verdient, ihn auch mal zu genießen. Komm, lass uns einfach die Beine hochlegen und lassen den Himmel auf uns wirken.“ Der Sternenfänger hatte seine Lebensaufgabe beendet, alle Sterne waren gezählt. Warum also nicht? Die beiden ungleichen Freunde legten sich nebeneinander ins kühle Gras und schauten nach oben. Auf diese riesige schwarze Fläche mit den weiß leuchtenden Punkten. Keiner gleich wie der andere. Ein jeder für sich und doch einer von vielen. Der Spinnenaffe begann eine Melodie zu summen und der Sternenzähler merkte, wie dankbar das Tier für diesen Moment war, einen Augenblick, der ihn – wenn auch flüchtig – aus seiner ausweglosen Situation rausholte. Auch wenn die Welt um sie herum zu erlischen drohte: Der Anblick des gewaltigen Sternenzeltes ließ all ihr Sorgen schrumpfen. Auch der Sternenfänger spürte sie, diese Zufriedenheit, von der alle immerzu sprachen und die der Augenblick ihm nun schenkte. Oft schon war er den Himmel auf und ab geflogen, hatte in ihm gewohnt und so oft hatte er ihn schon betrachtet, und doch sah der Sternenfänger ihn nun zum ersten Mal wirklich. Fühlte ihn. Nach abertausenden von Jahren.


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Wo die Welt einkehrte

Geschichten sind Farbkasten-bunt.

Sie haben ihren Klang und ihre Melodie.

Sie riechen nach Freiheit, nach süßer Freiheit.

Geschichten blühen und verwelken nie.

Geschichten nehmen dich überall mit,

denn sie verwandeln jeden Ort in ein Universum.


In einem abgeschiedenen Tal, irgendwo im Süden, gab es einen Ort, über dem die Wolken an fast allen Tagen im Jahr schwer hingen und das Grau schien sich nicht nur in den Häuserfassaden, sondern auch in die Natur, ihrem Gras, ihren Blumen und Sträuchern eingenistet zu haben. Die Gassen des Dorfes waren menschenleer, nur selten konnte man seine Bewohner antreffen. Es wirkte beinahe so, als hätten sich alle in ihren kleinen Häusern verbarrikadiert, als wolle niemand mit dem anderen etwas zu tun haben. Eine jede Tür und ein jedes Fenster waren verschlossen. Ab und an verirrten sich wieder Besucher in das verschlafene Dorf und ergötzten sich an der ungewöhnlichen Stille, der melancholischen Monotonie und den bejahrten, aber schmucken Häuschen. Die Leute, die hierher kamen waren erstaunt, niemandem zu begegnen, aber es störte sie nicht, ganz im Gegenteil. Sie genossen es, das nackte und unbewegliche Umfeld zu erleben und die einzige Kraft zu sein, die in den verwinkelten Straßen wirkte. Tatsächlich war es also so, dass der Ort wie abgekapselt war von all den Geräuschen, den Farben, der Ruhelosigkeit, den Bewegungen, vom Rest der Welt.

Eines Tages aber, als der Sommer seine drückend heiße Luft ins Tal schickte, zog die Welt ein ins besagte Dorf – in Form einer alten, aber kecken Frau, die nichts weiter bei sich trug als einen weiß-violett gepunkteten Sonnenschirm und einen zerfledderten, braunen Koffer, der wohl gleich viele Jahre auf dem Buckel hatte wie seine Besitzerin. Frohen Mutes schlenderte sie durchs Dörflein, in das sie sich innerhalb der ersten zwei Minuten verliebt hatte, und begutachtete einen jeden Stein, eine jede Pflanze, ein jedes Straßenschild und eine jede Abzweigung.  Sie atmete die fast unverbrauchte Luft ein und sah sich an den Dächern satt, die nach den schützenden, über sie wachenden Händen des Nebels lechzten. Ihr war bewusst, dass der Ort hier ein besonderer war, aber es war schwierig zu erklären, in welcher Form er es war. Besonders in seiner Schönheit, aber auch in einer herzbewegenden, etwas traurigen Schwere, die seine Verlassenheit heraufbeschwor.

Nach einer Weile des Herumflanierens beschloss die Alte, ihren schweren Koffer und ihren Sonnenschirm abzulegen und sich auf eine Steinmauer hinzusetzen. Die alte Frau wollte diesen wunderbaren Ort beschenken, so beschloss sie das zu tun, was sie am besten konnte: Geschichten erzählen und Magie verbreiten. Also öffnete sie ihren verschlissenen Koffer und ließ die bunten Farben ihrer Geschichten heraus, die darin eingepackt waren. Die Farben zogen ihre Kreise im Dorf, das knallige Rot klopfte an die Haustüren der Menschen, das berauschende Blau färbte die tief hängenden Wolken ein und das belebende Gelb setzte sich in die Gassen, um diese zu beleuchten. Und da rüttelte es unverhofft an den einen, dann an den anderen Fensterläden, und das Knirschen in den Türen war der Beginn einer neuen Melodie dieses verstummten Ortes. Plötzlich setzten seine Bewohner ihre Füße auf die Straße und alle, wie sie in ihrer Anzahl doch recht viele waren, folgten dem unverhofften Ruf. Sie vernahmen flüsternde Worte, die mehr versprachen zu sein als nur das. Sie waren verzaubert von dem Bunt, das in ihrem Zuhause plötzlich Einzug gehalten hatte und waren neugierig auf mehr.

Welch ein einzigartiges Bild bot sich da den glückseligen Vögeln, die gerade über das Dorf zogen! Ein Kreis von Menschen, die viel zu lange in ihren Häusern gehockt hatten, versammelte sich nun um die Frau, die die ganze Welt in einem einzigen Koffer bei sich trug, und lauschte gespannt ihrer Stimme. Eine Flut an Buchstaben, Wörtern und Sätzen strömte aus ihrem Mund, ja ein Meer an vielgestaltigen Bildern:

Süße Regentropfen. Feuriges Chili. Sandige Berührungen. Rhythmische Trommelmusik. Sich an steil abfallenden Klippen brechende Wellen. Bunte, selbstgeschnitzte Ketten. Romantische Bergkulissen. Bibbernde Nächte im Auto. Drinks im Iglu. Kreischende Papageien. Blinkende Lichter vom Dunkel des Ozeans. Leere Popcorntüten. Gänsehautverursachendes Pianogeklimper. Sehnsüchte nach Ländern, nach Menschen. Nie versendete Briefe. Fotos an Wänden. Fische, die an den Füßen kitzelten. Der Blick nach oben. Der Blick nach unten. Grenzenlose Freiheit. Rosa Wolken. Heiße Sonnenstrahlen, die das Salz auf der Haut eintrockneten.

Wie es nun mal so war, schuf auch dieser Schatz an Geschichten wiederum neue Bilder, Erinnerungen und Erzählungen; in diesem Falle waren es die lauschenden Menschen inmitten eines Dorfes, die bisher ihre Ohren verschlossen hielten. Aber die Türen waren jetzt offen und die Fenster nicht mehr verdunkelt und die karge Umgebung wich etwas Prächtigem – fast so, als sprühte jemand mit einer Farbdose ein Graffiti auf die Gemäuer, Häuser und Straßen. Fast so, als streute jemand bunten Glitzer in die Luft, der genau dort liegen blieb, wo es ihn brauchte. Fast so, als wuchsen aus jedem Riss des Asphaltes kleine bunte Blümchen. Fast so, als hätte ein großer, in Wasserfarben getauchter Pinsel über das Stadtbild gewischt und einen Regenbogen darauf hinterlassen. Und jede Geschichte, die die alte Frau aus ihrem Koffer packte, bewirkte dieses Wunder ein kleines bisschen mehr. Sie freute sich darüber, dass die Menschen, die ihr Gehör schenkten, nun bis über beide Ohren strahlten und schon alleine deshalb veränderte sich der Ort. Es wurde heller und – weil das Geschichten nun mal mit der Welt so machen – bunter. Viel viel bunter.


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Der Tränensee

Vor vielen hundert Jahren, da war der große Montiggler See und der ihn umgebende Wald ein magischer Ort. Unter den Wurzeln der Bäume lebten tüchtige Gnome, im Wind die scheuen Waldgeister und im Gewässer die schönen, aber unberechenbaren Seenixen. Sie alle lebten im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten und sie waren zufrieden und friedvoll miteinander. Eines frühen Sommertages jedoch kamen Menschen in den Wald. Keines der fantastischen Wesen wusste, woher sie kamen und was ihre Absicht war, aber ihre Ruhe wurde durch sie bitter gestört. Das malerische Fleckchen Erde, das bisher nur ihnen vorbehalten war, wurde durch das Betreten der Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht. So sahen es zumindest die Nixen, die tief leider nicht immer gute Absichten hatten. Die böse Verlockung, den Eindringlingen eine Lektion zu erteilen, war dermaßen groß, dass sie nicht anders konnten, als die Menschen mit ihrer Schönheit und vermeintlichen Freundlichkeit zu täuschen. Die Seenixen setzten sich verheißungsvoll auf große Steinen am Seeufer und zogen die Menschen in ihren Bann. Die fanden die betörenden Frauen mit der Fischflosse so fesselnd und verführerisch, dass sie sich ihrer Anziehungskraft nicht entziehen konnten und sich von ihnen ins Wasser führen ließen. Dort aber zogen die Seenixen die Menschen in die Tiefe, um sie so für immer loszuwerden. Als die Seenixen ihre Arbeit getan hatten, schwammen sie ans Ufer, um sich auszuruhen und in der Sonne zu liegen. Sie lachten und sangen und waren heiter, als wäre nichts geschehen.
Die Älteste der Seenixen aber war auf der anderen Seite des Sees hinter einem Felsen geblieben und weinte bitterlich. Sie hatte ein gutes Herz, voller Liebe und Gutmütigkeit. Mit Bedauern hatte sie mitangesehen, was ihre Schwestern den armen Menschen angetan hatten. „Das haben sie nicht verdient“, dachte die gute Seenixe, „und ich habe tatenlos zugesehen. Das macht mich bei Weitem nicht besser.“ Sie schwamm zu den anderen ans Ufer, erpicht darauf, ihren Schwestern ins Gewissen zu reden. Doch sie erntete nur Spott und gehässiges Lachen. „Und wenn sich noch eine Menschenseele hierherwagt, dann erleidet sie dasselbe Schicksal“, riefen die anderen Seenixen boshaft. Die gute Nixe war enttäuscht und wurde von Schuldgefühlen regelrecht zerfressen. Sie beschloss, einzuschreiten und den Menschen zu helfen, falls es noch einmal dazu kommen. Aber lange Zeit geschah nichts, und im Wald war alles wie früher. Die Vögel zwitscherten, die Sonne schenkte immerzu ihr wärmstes Licht und die Bewohner des Waldes schienen den Vorfall vergessen zu haben. Für die gute Nixe allerdings, war die Idylle trügerisch, denn sie wusste um das Böse in ihren Schwestern und dass dieses nur so lange im Verborgenen bleiben würde, wie sie es für richtig hielten.

Ihre Vermutung bewahrheitete sich, denn im schwül-heißen Sommer kamen erneut Menschen in den Wald und suchten nach Abkühlung im kühlen Nass. Wie beim ersten Mal setzten sich die Seenixen in all ihrer Pracht auf die Felsen und lockten die Menschen heran, führten sie hinaus in den See und rissen sie in die Dunkelheit. Die gute Seenixe, die dieses Mal einschreiten wollte, wurde von zwei ihrer Schwestern festgehalten. So waren auch diese Menschen verloren.
Bei Nacht, als ihre Schwestern schliefen, suchte sie im dunklen Wasser nach den ertrunkenen Menschen und barg sie. Über einen schmalen, fast schon ausgetrockneten Wasserlauf trug die gute Nixe die Toten zu einem mit dem See verbundenen Tümpel, beweinte sie und streute Seerosen ins flache Wasser, um ihnen zumindest einen würdigen Abschied zu schenken. Seit jener Nacht kamen jedoch täglich Menschen an den See und nicht ein einziges Mal konnte die gute Seenixe auch nur einen von ihnen retten. Ihre Schwestern wurden vom Bösen in ihrem Inneren getrieben, verfielen in einen Todesrausch und ließen einen Menschen nach dem anderen im Wasser verschwinden.
Irgendwann verließen die Gnome ihre Behausungen und zogen weiter, denn sie fühlten sich in ihrem einstig beschaulichen Walde nicht mehr wohl. Die Geister waren ebenso verschwunden und die gute Seenixe schien ganz alleine zu sein mit ihrem wohlgesinnten Herz und ihrer unbändigen Traurigkeit. Nacht für Nacht musste sie nun Menschen in den Tümpel bringen und jedes Mal benetzte die Seenixe die Toten mit ihren ehrlichen Tränen. Sie weinte so viel, dass der Tümpel von Mondenschein zu Mondenschein größer und größer und schließlich zu einem kleinen See wurde.

Es waren schon beinah alle Blätter von den Bäumen gefallen, da passierte eines Nachts etwas Seltsames. Die Nacht war schlimmer und trauriger als alle Nächte zuvor. Die gute Seenixe vermochte mit dem Tränen-Vergießen gar nicht mehr aufzuhören, da leuchtete der kleine See plötzlich grün und funkelte und dutzende von Geistern erhoben sich aus dem Wasser und flogen über dem Kopf der Seenixe hinweg. Sie bekam es mit der Angst zu tun. „Wir sind die Waldgeister aller Wälder dieser Erde. Wir schauen in die Herzen ihrer Bewohner, um Frieden in der Natur zu schaffen. Deinen Schwestern wird das Schicksal der Starre und Unveränderlichkeit zuteil, denn sie bringen Tod und Verderben in diesen Wald.“ „Ich wollte es verhindern, ich wollte es wirklich …“, wimmerte die gute Seenixe. „Wir wissen, dass dein Inneres edel und gutmütig ist, aber die erste Probe hast auch du nicht bestanden. Darum können wir dich nicht ganz verschonen, jedoch soll es dir nicht schlecht ergehen. Wir wollen deinen Geist verschonen und ihm die Freiheit gewähren, die ihm gebührt, aber dein Dasein wird nicht mehr das selbe sein. Darum weine noch so lange du kannst, dein Wandel wird bald passieren!“ Mit diesen Worten verschwanden die Geister als grüne Lichtpunkte zwischen den Bäumen in der Dunkelheit. Die gute Seenixe blieb alleine am kleinen See zurück und weinte und weinte und konnte gar nicht mehr damit aufhören. Sie weinte so lange, bis der See wunderbar mit Wasser gefüllt, sie selbst aber erstarrt war. Ihr Körper war zu weißem Stein geworden, aber ihre Gedanken, ihre Gefühle und ihr Wesen waren noch frei. Und so blickte die Seenixe auf den kleinen See, der ihren Tränen und ihrer Gutherzigkeit entsprungen war und beobachtete, wie er lebendig wurde und Tiere Einzug hielten. Das machte sie glücklich und half ihr dabei, ihr Schicksal anzunehmen. Ihre Schwestern aber waren gänzlich hinfort, sie wurden zu belanglosen kleinen Steinen in der düsteren Tiefe des großen Sees.

Als der Winter über den Montiggler Wald hereinbrach, die zwei Seen zufrieren ließ, und die Seerosenblätter und die versteinerte Seenixe mit weichem Schnee bedeckte, da setzte ein Mensch seinen Fuß in den Wald. Er ging Schritt für Schritt, sog die saubere Waldluft ein und war verzaubert von der Schönheit und der Stille des winterlichen Sees. Am kleinen See entdeckte der Mensch etwas Ungewöhnliches am Ufer. Vorsichtig klopfte er den pulvrigen Schnee ab und sah eine herrliche und makellos weiße Figur aus Stein vor sich. Sie war halb Frau, halb Fisch und versprühte eine unbeschreibliche Magie. Der Mensch ahnte es: Diese zauberhafte Seenixe hätte eine Geschichte zu erzählen, wenn sie es nur könnte.

Anmerkung der Autorin:

Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Gartenhotel Moser****s Wellness- und Lifestyleresort im Rahmen eines Geschichtenbüchleins entstanden.


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Die Eulenfängerin

Folgende Kurzgeschichte ist ein Märchen. Für Erwachsene, um genau zu sein. Die Idee dazu kam mir schon vor längerer Zeit, als ich meine beiden Nichten beim Spielen beobachtete. Die Mädchen lieben Rollenspiele über alles und an jenem Nachmittag war die Rolle der Großen eine ganz besondere: „Ich bin die Eulenfängerin!“, rief sie, „Kommt zu mir ihr Eulen!“ Und bam, da ging das Kopfkino schon los bei mir. Bilder und Ideen wirbelten in meinen Hirnwindungen herum und ich wusste: Eines meiner Entwürfe in naher oder ferner Zukunft wird diesen Titel tragen. Inhaltlich muss ich dazusagen, habe ich mich von einem Gefühl leiten lassen, das sich die letzten Monate immer weiter in mir hochgearbeitet hat. Ein Gefühl der Enttäuschung und der Hilflosigkeit darüber, dass die meisten Menschen der Gegenwart aus unserer Vergangenheit wohl gar nichts gelernt haben. Unzufriedenheit im eigenen Land scheint immer noch Dummheit und Menschenhass zu produzieren. Aber ich möchte hier auf keinen Fall politisch ausholen, vielleicht nur ein klein wenig gesellschaftskritisch ankratzen. Aber: Einen Funken Hoffnung gibt es ja bekanntlich in jedem düsteren Märchen. Und dies ist das Märchen der Eulenfängerin…

 

Dass die Welt manchmal dunkel und kalt ist, voller gefährlicher Orte, an denen der eine dem anderen nichts gönnt, Orte an denen unheimliche und hässliche Wesen lauern, solche die einander anschreien und zerfleischen, die einander regelrecht auflauern, um sich gegenseitig zu bekämpfen und zu besiegen, ja, dass es so eine Welt ist, in der sie lebte, das wusste die Eulenfängerin nur zu gut. Sie kannte sie alle, diese besagten Länder, die ständig mehr und mehr wurden auf dem Erdenball, denn sie hatte sie schon fast alle gesehen auf ihren Reisen. Schon viele hatte die Eulenfängerin angetreten, immerhin kann man in 183 Jahren Lebenszeit so einiges schaffen, wenn man die Mühen auf sich nehmen mag. In den letzten Jahren hatte es sich die Alte nicht mehr angetan, oder nur noch selten, wenn sie fürchtete, die Eulen gingen ihr aus. Zuviel graute sie sich vor  den Wesen und ihren Abarten, und zu viel fürchtete sie, diese Abarten könnten irgendwann auch sie befallen. Die anderen wenigen, die wie sie einen Unterschlupf fanden in dieser dunklen und kalten Welt, weil sie noch ein gutes und reines Herz besaßen- und es waren nur eine Hand voll solcher- sprachen von einer Seuche, die jeden einzelnen Ort, jede Stadt, jedes Land und deren Bewohner auffraß, und nur die weisesten und tugendhaftesten aller Geschöpfe waren vor ihr sicher. Deswegen kümmerten sich genau diese um die treuen und tüchtigen Tiere der Erde, sie fingen sie ein, um sie zu beschützen und Kraft aus ihnen zu schöpfen, die die Tage einem abverlangten.

Doch waren sie wirklich sicher vor den bösen Gedanken und Taten der anderen? Die Zweifel  der Eulenfängerin wuchsen und wuchsen in all den Jahren. Aus diesem Grund verkroch sie sich mit ihren Eulen, Uhus und Kauzen in ihrem Haus in Binkerling, einem Städtchen nahe am Waldesrand und einem reißenden Fluss, den man nur über eine alte hölzerne Brücke zu überqueren vermochte. Aber die war schon seit Jahren baufällig und niemand, dem sein eigenes Leben lieb war, war so närrisch, auch nur einen Fuß auf das klapprige Gerüst zu setzen.  So kam es, dass Binkerlings einzige Bewohner die Eulenfängerin Agaleeh und der junge, etwas verrückte  Ameisenfänger Ikredus waren. Die beiden hatten nicht viel gemeinsam, die eine war alt, ständig betrübt und voller Sorge, während der andere ein optimistischer, lebensfroher Geselle war. Und während Agaleeh in dem guterhaltenen altviktorianischen Haus in der Straße eines ehemaligen Nobelviertels wohnte und sie ihre 67 Eulen in den ebenso schicken, geräumigen Zimmern des dreistöckigen Gebäudes unterbrachte, hauste Ikredus mit seinen Abermillionen Ameisen in einer heruntergekommenen Blockhütte direkt dort, wo das Städtchen endete und die Kiefern und Tannen anfingen und seine Tierchen ein herrliches Dasein in Wald und Wiesen hatten. Die vielen vielen Häuser zwischen den Beiden standen allesamt leer und man möchte meinen, dass es traurig zuging an einem so verlassenen Ort, aber tatsächlich lebten die Eulenfängerin und der Ameisenfänger ein gutes und recht frohes Leben miteinander, trotz ihrer beider Eigenheiten. Sie akzeptierten sich und das war das Geheimnis ihres friedvollen Lebens.  Nicht-Akzeptieren der ehemaligen Bewohner von Bingerling war der Grund, warum die Seuche alle anderen dahinraffte oder sie zu den grausigen Wesen machte, von denen wir schon gehört haben.

Aber nun schauen wir auf das Leben der Eulenfängerin, das sich ausschließlich um ihre gefiederten Freunde drehte. Siebenundsechzig mag vielleicht viel klingen, aber früher, als Agaleeh noch mehr gereist war, waren mindestens doppelt so viele in ihrem Besitz. Sie besaß Eulen aus allen Ländern und Kontinenten, in denen sie beheimatet waren. Wie sie das Vogelvieh wohl einfing, mag man sich vielleicht fragen. Nun, Agaleeh reiste in das Land, in das ihr Bauchgefühl sie führte und hatte nichts weiter bei sich, als einen kleinen goldenen, schwebenden Vogelkäfig. Sie wanderte und wanderte durch das Land, was oft wochen- oder sogar monatelang dauern konnte. Und wenn sie nah genug an einer Eule dran war, dann kam diese von selbst angeflogen, der Käfig schien wie ein Magnet das Tier anzuziehen, es regelrecht zu hypnotisieren.  Es flog in ihn hinein und siehe da, der Käfig wurde mit einem Mal größer. Und war die Eulenfängerin wieder nah genug an einer dran, dann kam auch diese herbei und flog in den Käfig, der dann wiederum ein Stückchen geräumiger wurde. So ging das, und es ging so lange, bis Agaleeh alle umliegenden Eulen, Kauze und Uhus des Landes eingefangen hatte und sie am Ende eine riesige Voliere über sich schweben hatte, die sie mit nach Hause nehmen konnte. Vor der schweren Elfenbeintür ihres Heims öffnete sie das Türchen des Voliere und ein tosendes Flattern rauschte über ihren Kopf hinweg ins Haus. Ein prächtiges Gefühl, ein wahrlich prächtiges Gefühl für die Eulenfängerin! Und so trug es sich zu, dass in ihrem Zuhause mal mehr, mal weniger Eulen ihre Lebtage verbrachten, bis sie eines Tages der Tod zu sich winkte.

Es waren wahrhaftig faszinierende Tiere:  Manche waren braun gefiedert oder grau oder schneeweiß und hatten ein anmutiges Gesicht, beinah könighaft, manche waren in Wesen und Aussehen verschmitzt und drollig, und einige wirkten sogar gefährlich, doch Agaleeh wusste um das Naturell ihrer Federtiere. Sie waren Jäger, natürlich, um das eigene Überleben zu sichern, das war der pure Instinkt, das jedes Tier in sich trägt. Fressen und Gefressen werden, der Lauf der Natur. Aber die wesentliche Eigenschaft, die Kraft dieser faszinierenden Tiere war ihre Klugheit und Weisheit. Besonderheiten, die auf der Welt so selten geworden waren, und Agaleeh hatte die ehrenhafte Aufgabe, sich um sie zu kümmern.

Agaleehs Haus war ein magisches Fleckchen, denn sie machte es magisch, um das Grau vor der Haustüre zu vergessen. Bunte  Bordüren zierten die goldenen Wände im Inneren, und der Boden war mit weißem, kuscheligem Fell bedeckt. Von der Decke baumelten glänzende Vogelkäfige- natürlich waren die Türchen nicht versperrt, immerhin waren die Tiere der Eulenfängerin nicht wirkliche Gefangene, sondern Gäste- und zwischen den Käfigen hingen geflochtene Weidenstränge, die den einen mit den anderen verband. Möbel gab es kaum in Agaleehs Haus, im großen Wohnzimmer stand nur ein lederner Ohrensessel und in den oberen Gemächern ein großzügiges Bett; mehr brauchte und wollte die Alte nicht, sie lebte für ihre Aufgabe, die ihr vor vielen Jahren zuteilwurde. Die Fenster mit den bronzenen Rahmen standen weit geöffnet, damit die Eulen, Kauze und Uhus ihre täglichen Runden fliegen konnten. Das Leben unserer vergreisenden Eulenfängerin  war gut und beschaulich, sie war zufrieden, aber nichts desto trotz war tief in ihr diese Angst vor der Außenwelt, der dunklen Seuche, die so viel ausgemerzt hatte. Denn auch, wenn sie verschont geblieben war und sie eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte, etwas hatte sich durch die Seuche auch in ihr geändert: Das bedingungslose Vertrauen, das Urvertrauen, das eine Gefühl, das uns in die Wiege gelegt wird, war fast zur Gänze verschwunden. Das stimmte Agaleeh unglaublich traurig.

Warum änderst du nichts an deiner Traurigkeit, fragte die Schneeeule Krim sie eines Abends, als draußen Sternschnuppen wie Regentropfen vom Himmel flogen. Agaleeh und Krim saßen am großen Fenster an der Südseite und betrachteten das Himmelsspektakel.

„Ach, meine liebe Krim“, antwortete Agaleeh tief seufzend, „was soll ich nur dagegen tun? Sie kommt von ganz innen, meine Traurigkeit, und etwas, das so tief im Herzen ist, kann man nicht ändern. Das ist wie mit der Liebe. Wenn sie da ist, ist sie da.“

Krim wurde ganz still, hob tief atmend ihre weiß gefiederte Brust und blickte in die Ferne.

„Du sprichst weise Worte, aber unterschätze nie die Macht der eigenen Träume. Denn sie sind es, die uns antreiben. Sag mir, liebste Agaleeh, sag mir, welches ist dein Traum?“

„Mein Traum? An den habe ich seit Jahren keinen Gedanken mehr verschwendet, was bringt das schon? Die Welt ist, wie sie ist.“

„Sag schon“, beharrte Krim.

Die Alte musste über die Hartnäckigkeit der Schneeeule schmunzeln. „Seit Kindertagen träume ich von einer Welt, in der alle Wesen leben können ohne überleben zu müssen, einer Welt ohne Abgestumpftheit.  Seit Kindertagen! Und was ist passiert? Es wurde von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schlimmer und heute ist es schlimmer denn je, die Bewohner dieser Erde sind dümmer und hasserfüllter als je zuvor. Also, sag mir, was bringt mir mein kindischer, naiver Traum schon?“

„Glaube an ihn und finde Gleichgesinnte. Es gibt sie da draußen. Du sitzt nur schon viel zu lange hinter verschlossenen Türen, meine liebe Agaleeh. Wer die Tür nicht öffnet, kann nicht sehen, was vor ihr geschieht. Finde Gleichgesinnte und redet. Redet miteinander, redet mit anderen. Sprecht so laut, dass euch auch jene hören, die euch nicht hören wollen. Vielleicht wird dein Traum nie die Wirklichkeit verdrängen, das mag stimmen, aber möglicherweise werden Wesen in der Wirklichkeit ein kleines bisschen von deinem Traum einfangen, weil sie wie Eulen sind. Dein Traum ist dein Käfig und wird die Erdenbewohner anziehen, die noch tief im Inneren ein gutes Herz haben, aber nur vergessen haben auf es zu hören. Vielleicht Agaleeh, vielleicht hören sie dich und deinen Traum. Geh fort und fange sie ein, wie du uns Federvieh einst gefangen und gerettet hast!

In dieser Nacht schlief Agaleeh kaum, die Gedanken schwirrten ihr wie wild um dem Kopf, und lange,  bevor die Sonne ihre ersten Strahlen über die Dächer von Bingerling warf, war die Eulenfängerin auf und davon. Die kräftigen Flügel der Schneeeule Krim trugen sie im Traume über das kleine Städtchen hinfort, weit weg von den ihr so vertrauten Bäumen und Steinen, fort von dem Alltag und der Sicherheit, die ihr ihre Eulen und ihre vier Wände schenkten. Als Agaleeh erwachte, fand sie sich in einem zauberhaften Wäldchen wieder, voll farbenprächtiger Frühlingsblumen und sattgrünem Klee, und fröhliches Vogelgezwitscher stimmte ihre aufschäumende Unsicherheit mit einem Mal um in Erleichterung. Die alte Krim hatte ihr die Entscheidung abgenommen und sie ins kalte Wasser geworfen. Agaleeh war nun hier, weg von ihrem Zuhause, um sich ihrer wichtigsten Aufgabe zu stellen: Sie würde auf dieser Reise keine Eulen fangen wie sie es das letzte Jahrhundert getan hatte, nein, sie würde MENSCHEN suchen. Die Eulenfängerin vergaß ihre Angst und machte sich voller Hoffnung auf dem Weg. Sie sog die frische Waldesluft auf und sah sich an den bunten Farben satt, die sich ihr boten. Nach einigen Stunden wurde der Wald lichter und sie gelang auf eine große Wiese. „Agaleeh,  warte, so warte doch!“, rief eine verschnaufte Stimme hinter ihr. Es war der Ameisenfänger, der ihr gefolgt war. Ikredus tauchte zwischen den dicken Stämmen der Tannen und Kiefern auf und lächelte sie an, freundlich und optimistisch wie immer.

„Ich hatte mir überlegt“, so sagte er, langsam wieder zu Atem kommend, „dass man für eine so gewaltige und wichtige Reise, so wie du sie antrittst, auf jeden Fall einen Gefährten an seiner Seite braucht.“

Die Alte lächelte zurück und war erleichtert, dass sie nicht mehr alleine war. Sie sah, dass sie hoch auf einen Hügel standen und von dort aus ins Tal blicken konnten.  In ihrem Herzen tat es einen dumpfen Schlag. So schnell, wie ihre Hoffnung in ihr aufgeschäumt war, so schnell verpuffte sie jetzt bei diesem grauenhaften Anblick. Das Tal war in ein Grau getaucht, so düster wie man es sich kaum vorzustellen mag. Dunkler Rauch stieg in den Himmel und mit ihm ein Wimmern und Weinen von Menschen. Der herrliche Blütenduft von eben verblasste und wurde von einer stinkenden und stickigen Luft verdrängt. Willkommen in der modernen Welt, flüsterte Agaleeh leise. Was sollte sie hier? Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Warum hatte sie sich diese offensichtlich völlig verrückten Idee von dieser dummen Krim aufschwatzen lassen? Schon wollte sie Ikredus sagen, dass das alles keinen Sinn mache und sie besser kehrt machen sollten, da hörten sie von weit oben den Schrei der Schneeeule. Agaleeh richtete ihren Blick nach oben und sah Krims Flügelschlag in den Wolken aufblitzen.

„Sieh nur“, rief Ikredus.

Durch den schwarzen Nebel tauchte plötzlich ein riesengroßer Vogelkäfig auf, er besaß ein kräftiges Seil gewoben aus unzähligen Schichten Seide und er war weiß und silbern und glänzend in all seiner Pracht. Der Käfig durchbrach die Farblosigkeit des Tales und erleuchtete den Himmel bis zu Horizont. Ehe sie ihr Staunen in einen klaren Gedanken verwandeln konnte, konnte sie Gestalten erkennen, die aus dem Grau zu ihr und dem silbernen Käfig emporstiegen. Es waren Menschen, deren Augen Hoffnung und Reinheit besaßen; sie kamen zu ihr mit einem Lachen und Jubeln, so wie sie es seit Jahren und Jahrzehnten nicht mehr vernommen hatte. Die Alte spürte eine Freude in ihrem Herzen aufflammen und vergaß alles, was sie einst gehindert hatte, diese Freude zu empfinden. Die Menschen kamen und umarmten die Eulenfängerin und seilten sich an dem Seidenstrang nach oben in den Käfig und nahmen Platz. Sie waren bereit für ihre Rettung und für ein neues Leben ohne Zerstörung und sie waren bereit, gemeinsam mit Agaleeh und Ikredus weiterzuziehen und noch mehr Menschen einzusammeln. Und die Eulenfängerin war es auch.