Was ich bin, wenn ich schreibe. Was ich bin, wenn ich lese.

Ich bin Mann und Frau,

Oft Kind und Tier,

Bin Blume, ja, ein treibend‘ Boot.

Lebe heute, gestern, morgen,

Lache laut und fliege

Fürcht‘ mich schweigend, leide Not.

Und ich schlaf‘ in fremden Betten,

Entdecke Briefe und auch Schätze

Und ja, ich reis‘ wohin ich will.

Bin glücklich, traurig oder wütend,

Frei und ständig unter Druck

Bin verrückt und laut oder bloß still.

Bin ein Samen in der Wüste,

Bin gefeiert und verflucht

Und ja, ich bin verloren in der Welt,

Will nur schlafen und will feiern,

Bin ein Genie, Erfinder, Mutter

Bin selbst die Säule, die mich hält.“


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Waldläufer und Blitzgiganten

Vor ungefähr zwei Monaten habe ich mit meinem Patenkind ein Wochenende verbracht, an dem zusammen mit anderen Familien verschiedene Spiele usw. veranstaltet wurden. Eines davon war das „Fähnchen stehlen“ mitten im Wald, bei dem zwei Mannschaften das gegnerische Fähnchen in einem bestimmten Waldabschnitt suchen mussten. Ein bisschen kam ich mir dabei vor wie in „Die Tribute von Panem“, aber mehr habe ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht- außer, dass ich erstaunlich viel Spaß dabei hatte. Vor kurzem allerdings hatte ich einen Traum, der dieses Spiel von einer anderen Seite beleuchtete, einer düsteren Seite. Morgens wachte ich auf und notierte mir den Traum sofort.

Folgende Geschichte habe ich aus diesen zwei Erlebnissen gesponnen und habe mir dabei folgende Frage gestellt: Wie moralisch handeln wir, wenn es um unseren eigenen Kopf geht?

„Das Revier der ersten Mannschaft reicht von dieser Tanne hier bis ganz nach unten zur Forststraße“, erklärte Clive seinen Freunden. „Das Revier der zweiten hat dieselbe Startlinie und endet oben am Weiher. Ziel ist es, den versteckten Schatz der gegnerischen Mannschaft in deren Revier zu finden und sicher ins eigene zu verfrachten- ohne von seinen Gegnern erwischt zu werden versteht sich.“

Tom rieb sich vor Vorfreude die Hände aneinander: „Alles klar, und wer sucht im feindlichen Gebiet nach dem Schatz und wer verteidigt das eigene?“

„Jede Gruppe überlegt das selbst und teilt ein“, erwiderte Clive knapp. „Die, die erwischt werden, werden in unser imaginäres Gefängnis hier zwischen den Büschen gebracht und müssen dort fünf Minuten lang bleiben. Was für die Gegner natürlich ein Riesenvorteil ist. Jetzt können sich die Mannschaften eine Taktik überlegen, einen Kapitän wählen und einen Gruppennamen.“

Die Gruppen bildeten jeweils einen Kreis. Die eine bestand sowohl aus Clive, der die Idee für den Spielenachmittag der etwas anderen Art hatte und somit automatisch Boss seiner Mannschaft wurde, als auch aus Spencer, Melanie, Conny und Hannah. Sie entschieden, dass die drei letzteren auf Schatzsuche gehen und die beiden Männer für die Verteidigung im eigenen Revier zuständig sein sollten.

„Ich finde den Namen Blitzgiganten ja super“, schlug Spencer vor, der wie immer übertreiben musste.

Melanie putzte ihre Brille am Ärmel und verdrehte die Augen: „Sehr bodenständig… Aber meinetwegen. Hauptsache wir beginnen mit dem Blödsinn endlich, bevor ich es mir endgültig anders überlege.“

„Ach komm schon, das wird bestimmt witzig, sonst hängen wir eh nur rum. Das ist mal was anderes“, ermunterte die selbstsichere Conny ihre langjährige Freundin. „Sind die anderen schon soweit?“

„Noch nicht!“ rief Sammy, der Kapitän der anderen Mannschaft herüber. „Also gut, dann bleiben wir dabei? Jackie, Florence und ich suchen nach dem Schatz und ihr zwei bleibt hier und bewacht unseren.“ Tom und Pete nickten. „Wobei ich nicht glaube, dass ihn die anderen finden werden, unser Versteck ist einfach genial. Schnell, noch einen Namen!“

„Was haltet ihr von Waldläufer?“, fragte Florence, die erst vor kurzem zur Clique dazukam.

„Einfach und zutreffend, klasse! Also los, gehen wir zu den anderen.“

Das Erkennungszeichen der Waldläufer waren grüne Bänder am Armgelenk, das der Blitzgiganten ein weißes, um die Stirn gebundenes Band.

„In den ersten zwei Minuten darf niemand gefangen werden, nur die Schatzsucher der Mannschaften dürfen los. So hat jeder einen Vorsprung und es wird spannender“, grinste Clive.

„Aber die Reviere sind riesig, wir sind bestimmt den ganzen Nachmittag im Wald unterwegs“, jammerte Melanie.

Clive kam nahe an Melanies Ohr heran und zischte ihr ins Ohr: „Na dann sieh zu, dass du läufst und den Schatz schnell findest.“

Der Anführer der Blitzgiganten gab das Startzeichen und alle verteilten sich in den Revieren.

Im Revier der Waldläufer

Conny und Hannah waren höchst motiviert und liefen los, so schnell sie konnten.

Conny schnaufte: „Wir teilen  uns da vorne auf, ich laufe nach oben und du bis nach unten an die Forststraße und suchst dort alles ab. Wo bleibt unsere Skeptikerin?“

„Ist gut“, antwortete Hannah und huschte durch die dichten Büsche Richtung Osten.

„Ich bin hier!“ Langsam kam auch Melanie angelaufen, die noch immer nicht überzeugt von der ganzen Sache war. „Ich bleibe am besten hinten, von wo wir gestartet sind, verstecke mich irgendwo und warte bis die Waldläufer weg sind. Dann kann ich mich dort in Ruhe umsehen.“

Sie ging ein Stück zurück und versteckte sich hinter einem dichten Gebüsch, das vom Weg aus nicht besonders gut zu sehen war. Warum war sie nicht einfach zu Hause geblieben? Sie hätte sich ins Bett legen können mit einem schönen Buch, ihre Musik laut aufdrehen und die Rollläden tief hinunterlassen, um der Spätsommerhitze zu entfliehen. Eigentlich war es schon September, aber es war drückend heiß. Clive und seine verrückten Einfälle. Und die Clique war noch um einiges verrückter, weil sie sich immer auf diese Absurditäten einließ! Heute war wieder einer jener Tage, an denen Melanie das starke Gefühl hatte, nicht wirklich in diesen Freundeskreis zu passen. Sie war irgendwie anders als der Rest. Ruhiger, nachdenklicher, erwachsener wenn man so will. Aber wenn sie nicht mit den anderen mitzog, wen hatte sie dann noch? Ihren schusseligen Vater zuhause, der nichts alleine auf die Reihe bekam. Dann doch lieber hier draußen in den Wäldern wie eine Bekloppte rumlaufen. Hoffentlich findet bald jemand die Truhe. Tom hatte die Kisten gefüllt, also waren entweder Zigaretten oder Alkohol drin oder beides. Vielleicht auch ein bisschen Gras. Na super, und dafür zerkratzte sich Melanie hier im Gebüsch ihre Beine. Da kam Tom auch schon angelaufen, der Waldläufer mit dem grünen Band am Handgelenk. Pete kam schnurstracks hinterher, die beiden redeten leise miteinander und trennten sich dann.  Tom grinste breit, während er schnellen Schrittes eine Anhöhe erklomm und dachte dabei, wie geil er die Idee von Clive fand und dass er jetzt noch etwas mehr Spannung in die Schatzsuche bringen wollte. Wie ein Tier witterte er ein noch so kleines Geräusch. Er hatte keine Bedenken, dass er die Mädchen der Blitzgiganten bald finden würde. Allerdings hatte er nicht vor, sie schnell zu fangen und ins „Gefängnis“ zu stecken, nein. Er wollte zuerst das Spiel ein bisschen „aufpeppen“. In der Stofftasche, die er bei sich trug, war die Pistole, die er aus dem Schrank seines Vaters geklaut hatte und ein Tonbandgerät mit Schreien aus einem Horrorfilm. Natürlich wollte er auf niemanden schießen, aber ein paar Schüsse in die Luft oder in die Nähe der anderen, das konnte definitiv witzig werden, meinte er. Ganz zu schweigen von den grausigen Aufnahmen. Die Mädels würden bei dem kleinen Alptraum, den er ihnen verpassen würde, ausrasten! Im Moment waren zwei von ihnen gerade dabei, sich anzukeifen und ahnten nicht im Geringsten, was ihr Freund mit ihnen vor hatte.

„Ich dachte, du läufst nach unten?“, herrschte Conny die vierzehnjährige Hannah an.

„Vergiss es, da unten ist alles voller Stechmücken, ich habe keine Lust drauf so auszusehen, als hätte ich Pickel.“

„Na gut, dann suchen wir eben erstmal gemeinsam. Aber wenn Tom oder Pete auftauchen, teilen wir uns auf, hörst du?“

Hannah schlich neben ihrer Freundin her, die immer gerne das Kommando über hatte. Eigentlich konnte sie Conny nicht besonders leiden, vielleicht aber nur deshalb, weil sie einmal mit Pete zusammen gewesen war. Hannah war schon längere Zeit in ihn verliebt, aber Pete war achtzehn, und sie selbst in seinen Augen wohl noch ein Baby, obwohl sie sich immer große Mühe gab, weiblich und erwachsen auszuschauen. Was hatte Conny, was sie nicht hatte? Außer ein paar Jahre mehr Lebenserfahrung? Sie war hübsch ja, aber nicht hübscher als andere. Große Brüste. Und eine noch größere Klappe. Das Selbstbewusstsein war es, was Conny für die Jungs attraktiv machte. Definitiv.

„Da hinten kommt Pete! Los los los, lauf nach unten und vergiss die scheiß Mücken einfach!“ wisperte Conny befehlerisch.

Hannah rannte los, war sich aber sicher, dass Pete sie beide entdeckt hatte. „Hoffentlich fängt er mich und nicht Conny“, murmelte die Vierzehnjährige. Aber dieser entschied sich, Conny hinterher zu rennen, weil Hannah in die entgegengesetzte Richtung lief und das verdammt schnell. Obwohl er sie bevorzugt hätte; vielleicht hätten sie sich etwas unterhalten können. Er mochte Hannah wirklich sehr, hatte aber seine Gefühle für sie bisher in Zaum gehalten. Sie war zu jung und er wollte vermeiden, dass die anderen große Sprüche klopften darüber.

„Ich glaube, du hast die Spielregeln nicht ganz verstanden, du sollst vor mir weglaufen“, rief er Conny zu, die seltsamerweise auf ihn zukam.

„Was interessiert mich dieser blöde Schatz“, lachte seine Exfreundin trotzig. „Ich habe eine viel bessere Idee, und die macht definitiv mehr Spaß als dieses Herumgeistern im Wald.“ Sie kam auf Pete zu und küsste ihn zart.

„Wie früher“, hauchte sie. Pete, der eigentlich mit seinen Gedanken bei Hannah war, hatte nicht die Kraft „Nein“ zu sagen. Man widersprach Conny nicht. Man schlief mit ihr.

Im Revier der Blitzgiganten

„Dass wir euch gleich mal fangen würden, war ja klar, aber dass du so langsam bist… Florence, Florence, Florence…“ Clive fand es herrlich, als erster eine der Waldläufer gefangen zu haben.

„Ich wollte dir und deinem Ego ja nicht im Wege stehen“, erwiderte Florence trocken. Clive schnaubte verächtlich, er wusste, wie gut er war. Er war ein Athlet und zumindest im Sport ein absolutes Ass. Schnelligkeit und Geschick waren seine Talente beim Football. Nicht umsonst war er Quarterback seiner Schulmannschaft. Es war das einzige, worauf er bauen konnte und wodurch er zu einem Stipendium gelangen würde. Andere nannten ihn egoistisch, aber damit konnte Clive gut leben. Dafür war er ein Anführer. Beim Football, bei seinen Freunden, bei seinem kleinem Nebenjob. Überall eben- außer zuhause. Er brachte Florence ins „Gefängnis“, die witzelte:

„Na los, such und schnapp dir die anderen“, als ob sie mit einem Hund sprechen würde. Clive konnte sich ein Grinsen nicht unterdrücken.

„Alles klar, du Früchtchen!“ Schneller als ein Reh auf der Flucht vor einem Jäger, sprintete er davon. Florence war sich sicher, dass Clive die Situation eben unangenehm wurde, immerhin zeigte er einen Anflug von Menschlichkeit ihr gegenüber. Er war kein übler Kerl, da war sie sich sicher. Aber eben ein harter Brocken, genau das richtige Projekt für Florence, die immer an das Gute im Menschen glaubte. Sonst könnte sie auch nie in dieser Gruppe bestehen, denn wirklich jeder einzelne darin hatte ein Rad ab. Sie liebte diese schrägen Vögel. Gott sei Dank war ihre Familie hierher gezogen. Und Gott sei Dank musste sie gleich in der ersten Woche nachsitzen und war auf Spencer gestoßen, der in diesem Moment auch schon mit der zweiten „Gefangenen“ um die Ecke kam.

„Oh Mist, du bist auch schon erwischt, Jackie? Ich wollte grade wieder los!“ beschwerte sich Florence.

Spencer war völlig außer Puste, als er Jackie ins Gefängnis schubste: „Ich bleib jetzt erstmal hier und bewache euch, soll doch Clive nach Sammy suchen. Ich bin fix und fertig!“

Jackie keuchte genauso: „Nanana, was ist denn los mit dem Blitzgiganten? Ist wohl die Batterie ausgegangen, was?“

„Halt die Klappe. Du bist schlimmer als ein Hase, der Haken schlägt. Ich glaube sowieso, das Sammy den Schatz bald finden wird. Er ist jedenfalls in der richtigen Gegend.“ Spencer lehnte sich schwer atmend an einen Baumstamm. „Wagt es ja nicht, auch nur einen Fuß aus dem Gefängnis zu setzen, ich erwische euch, auch wenn ich noch so fertig bin!“

Jackie trank einen Schluck Wasser und kicherte: „Keine Sorge, wir sind nicht so scharf drauf, uns nochmal von deinen schwitzenden Händen anfassen zu lassen!“

Der ansonsten so große Sprücheklopfer war zu fertig, um ihr Kontra zu geben. Ein paar Minuten war es still in der Runde, als plötzlich seltsame Geräusche aus dem Revier der Waldläufer zu hören waren.

„Was war denn das?“ Florence schaute nach hinten.

„Waren das Schüsse?“ Auch Jackie wurde unruhig und blickte sich um und bemerkte dabei, wie sich Spencer ein Grinsen verkniff. „Spencer? Was ist da los?“

„Ach gar nichts ist los… Tom hat… naja, er hat ein paar Spielsachen dabei, um die Schatzsuche auf seiner Seite dort ein bisschen aufzumotzen“, antwortete dieser.

„Eine Pistole? Ihr seid Idioten, wisst ihr das? Die arme Hannah, die weiß sich ja so schon nie zu helfen, und Melanie wird ausrasten, sag ich euch!“

„Reg dich ab, Sammy wird den Schatz gleich gefunden haben, dann ist der Spaß hier sowieso vorbei.“

Spencer behielt Recht. Nach nur kurzer Zeit kam der Älteste der Clique mit dem Schatz ins Ziel gestürmt.

„Wohooooo, geschafft“, jubelte dieser enthusiastisch und mit voller Lautstärke und war eigentlich begeisterter davon, schneller als Clive gewesen zu sein. Nachdem er den Schatz unter einer riesigen Wurzel gefunden hatte, hechtete Sammy mit dem Bewusstsein los, dass sein Kumpel im Grunde der schnellere Läufer war. Aber das Glück war auf seiner Seite und ohne zu stolpern oder an einem Ast hängen zu bleiben, schaffte er es vor ihm zu den anderen. Gut, dass er nicht gleich in die Kiste hineingespäht hatte, sonst hätte er nicht den Vorsprung gehabt, der ihm schließlich zum Sieg verhalf- obwohl die Versuchung groß war, aber Sammy dachte ans Team und wollte die Truhe gemeinsam mit den anderen öffnen. Clive war die miese Laune im Gesicht regelrecht abzulesen. Er war ein schlechter Verlierer. Aber Sammy ein fairer Gewinner.

„Lasst uns die anderen zusammentrommeln, dann können wir die Kiste öffnen und ein Bierchen trinken gehen. Ich zahle!“

„Nicht nötig, wir sind da.“ Pete und Tom kamen mit Melanie und Conny, um diese ins „Gefängnis“ zu stecken. „Aber ihr seid ja alle da, ist es schon vorbei?“ erkundigte sich Tom enttäuscht.

„Ja, Sammy hat die Kiste gefunden, während du mit deiner Waffe rumgeböllert hast“, erwiderte Jackie provokant und starrte dann auf Connys Oberweite, die sich unter dem weißen T- Shirt in voller Pracht zeigte. „Und du, hast du deinen BH im Wald drüben liegen lassen?“

„Ich hatte sicher mehr Spaß, als ihr alle zusammen“, antwortete diese unbeeindruckt. Pete wandte seinen Blick beschämt ab. Hannah fehlte noch, aber er wollte nichts sagen. Alle wussten, dass er völlig verschossen in die Kleine war und jetzt bekamen alle mit, dass er es mit Conny getrieben hatte. Mitten im Wald, vielleicht nur hundert Meter entfernt von Hannah.

Sammy öffnete die Schatztruhe und sie fanden darin, was sie schon alle vermuteten:  Nämlich eine Flasche Wodka und einen Joint für jeden Gewinner. Melanie verdrehte die Augen, war schließlich aber die erste, die einen kräftigen Schluck von dem Wodka nahm. „Igitt, ist das Zeug eklig. Hoffentlich wirkt es schnell, sodass ich den restlichen Abend mit euch verkrafte.“

Alle lachten und keiner schien zu bemerken, dass jemand aus der Gruppe fehlte. Der einzige, der es merkte, traute sich nicht den Mund auf zu machen. Also saßen die neun Freunde auf dem Waldboden und genossen einen Joint nach dem anderen und gaben sich der Mixtur aus Alkohol und Gras hin. Es war eine heitere Runde und sogar Melanie schien endlich ihre negative Stimmung abgelegt zu haben.

Ausgerechnet Conny war es, die irgendwann Hannahs Fehlen bemerkte: „Hey Leute, wo ist denn unser Baby eigentlich?“

„Stimmt, Hannah ist nicht da. Ups, gar nicht gemerkt“ lachte Spencer berauscht und alle kicherten mit.

„Vielleicht sollten wir sie suchen gehen. Die ist ganz schön lange alleine im Wald unterwegs“, warf nun Pete endlich ein.

„Ooooh, vermisst du deine kleine Hannah- Maus schon?“, spottete Conny und fuhr ihm durch die Haare. Pete wich ihr genervt aus.

„Wir rauchen noch gemütlich diese letzte, kleine Graszigarette und dann gehen wir sie suchen, falls sie inzwischen nicht alleine hergefunden hat“, bestimmte Sammy und inhalierte einen tiefen Zug.

Pete begann unruhig zu werden. Nachdem auch der letzte Joint geraucht war und die Wodkaflasche ausgetrunken, war Hannah noch immer nicht zurück. Also machten sich alle auf die Suche nach ihr. Es begann schon leicht zu dämmern und ein kühler Wind begann durch die Bäume zu pfeifen, was die Suche nach Hannah nicht besonders angenehm gestaltete. Die Clique teilte sich in drei Gruppen auf und vereinbarte, sich nach spätestens 20 Minuten wieder am Ausgangspunkt zu treffen.

„Hannah! Hannah, wo bist du?“

„Wir wollen nach Hause, komm schon!“

Die Vierzehnjährige schien wie vom Erdboden verschluckt. Es war Melanie, die Hannah schließlich regungslos unter einem Baum liegend entdeckte.

„Oh nein, oh nein… Leute!!! Hierher! Sofort!“ schrie sie hysterisch und beugte sich zu ihrer Freundin runter, um zu sehen, ob sie noch atmete.

Innerhalb kürzester Zeit kamen alle hergelaufen und blieben wie gelähmt auf der Stelle stehen, als sie sahen, wie Melanie versuchte, Hannah aufzuwecken. Das Marihuana und der Alkohol dröhnten in ihren Köpfen, und ein Gefühl der Hilflosigkeit mischte sich dazu. Melanie rüttelte Hannah, versuchte eine Herzmassage, obwohl sie nicht die geringste Ahnung von Wiederbelebung hatte und redete weinend auf sie ein.

„Komm schon, Kleine! Mach die Augen auf, mach sie auf. Bitte, bitte…“ Melanies Stimme war kaum noch zu vernehmen, die Tränen verschluckten ihre Worte. Die anderen waren wie eingefroren. Florence und Jacky begannen schließlich zu schluchzen, Conny vergrub ihr Gesicht in Spencers Armen und Clive flüsterte ein „Verdammt“ nach dem anderen. Pete sank zu Boden und wendete seinen Blick von der toten Hannah ab. Er ertrug ihren Anblick nicht. Wie sie dalag mit ihren langen aschblonden Haaren, das weiße Band der Blitzgiganten verklebt und rot gefärbt vom Blut, das aus ihrer Kopfwunde getreten war, die grünen Augen und den puppenhaften Mund geöffnet. Das Bein, das unnatürlich in die falsche Richtung gebeugt war. Pete schmeckte den  Alkohol in seinem Rachen hochsteigen und verharrte in der Hocke und hielt die Hände vors Gesicht. Es vergingen einige Minuten, in denen man nichts weiter hörte als das Weinen der Mädchen.

„Wir sollten sie verschwinden lassen“, sagte Tom plötzlich mit fester Stimme.

Alle Augen richteten sich auf ihn. „Was hast du da gesagt?“

„Oben im Weiher vielleicht, wenn wir alle mit anpacken, dann ist es in einer halben Stunde erledigt.“

Alle starrten ihn ungläubig an, während Melanie sich erhob, zu Tom hinging und ihm eine Ohrfeige verpasste: „Mit diesem Tag ist unsere Freundschaft beendet, du Arschloch. Wie kannst du es nur wagen, so etwas zu sagen? Warum sollten wir so etwas tun?“

Tom senkte sein Gesicht und schwieg.

„Tom? Was ist los?“, wollte Sammy wissen und kam ebenfalls näher.

„Womöglich verliert ihr heute zwei Freunde. Kann sein, dass ich ein bisschen Schuld daran trage, dass… naja, dass Hannah…“

„Was? Wie meinst du das?“

„Ich… ich habe die Pistole meines Vaters dabei gehabt und die Aufnahmen mit den Schreien aus den Horrorfilmen. Ich schwöre, dass ich nur Schüsse in die Luft abgefeuert habe! Ich wollte Hannah lediglich ein wenig Angst machen damit. Sie ist dann auf den Baum geklettert, wohl, um sich zu verstecken. Was anschließend passiert ist, weiß ich nicht, ich habe mich ja versteckt, als ich geschossen habe und bin dann in die andere Richtung gelaufen, um auch Conny und Melanie zu erschrecken. Ich habe schon ein dumpfes Geräusch gehört, habe mir aber nichts weiter dabei gedacht…“

Pete erhob sich und streckte Tom zu Boden: „Du verrückter Psychopath! Deinetwegen ist Hannah vom Baum gefallen, deinetwegen hat sie sich ihren Kopf an dem Stein da zerschmettert. Deinetwegen hat sie Todesängste durchlitten… Du hast sie umgebracht und bist ihr nicht mal zu Hilfe geeilt.“ Er spuckte auf seinen Freund.  „Wir alle haben sie umgebracht, weil wir sie nicht früher gesucht haben.“

Und eigentlich wollte er noch weiter schreien: „Ich habe sie umgebracht. Ich habe ihr Fehlen als erster bemerkt und war zu feige, etwas zu sagen. Ich hätte zu ihr laufen sollen, schon während des Spieles!“ Stattdessen brach Pete in Tränen aus.

„Wir sollten die Polizei rufen“, meinte Jackie, als niemand sonst es wagte zu reden. Auch jetzt antwortete keiner der neun Freunde. Alle schauten bedrückt zu Boden.

„Leute?“

„Pete hat Recht, wir sind alle schuld. Wir haben alle nicht sofort nach ihr gesucht, obwohl wir es hätten tun sollen. Vielleicht wäre Hannah noch am Leben, wenn wir ihr früher zu Hilfe geeilt wären“, sagte Florence still. „Wir bekommen alle Schwierigkeiten, wenn wir die Polizei rufen…“

„Ganz zu schweigen davon, was mit Tom passieren würde“, fuhr Spencer fort. „Er mag ein Arschloch sein und einen Fehler gemacht haben, aber das war sicher nicht seine Absicht. Wir können ihn nicht auflaufen lassen, das wäre nicht fair!“

„Nicht fair?“, rief Melanie bestürzt und zeigte auf Hannah. „Nicht fair? Findest du das hier fair?“

„Beruhigt euch, ok? Ich denke, wir sind uns alle einig, dass der Tag nicht so hätte verlaufen dürfen. Es ist furchtbar, was mit Hannah passiert ist. Es nützt nichts, wenn wir uns hier jetzt gegenseitig Vorwürfe machen und uns zoffen“, versuchte Sammy zu schlichten. „Versuchen wir, klar zu denken und die Fakten zu verstehen. Tom hat mit seiner kleinen Aktion Scheiße gebaut. Hannah… ist tot. Wir anderen haben zu spät reagiert. Es könnte für uns alle Konsequenzen haben, das sollte uns klar sein. Nichts desto trotz haben wie eine Verantwortung, oder nicht? Wir stimmen ab.“

Sammy schaute in die Runde schuldzerfressener und trauernder Gesichter. Er erkannte, wie einige von ihnen mit ihrer Entscheidung haderten, ein paar andere hatten sie schon getroffen.

„Also gut… Wer ist dafür, dass wir Hilfe holen?“

Melanie hob die Hand. Ebenso Jackie. Sammy selbst hob sie. Florence drehte sich mit Tränen in den Augen um und ging ein paar Schritte zur Seite, Spencer schüttelte bestimmt den Kopf, ebenso Clive, der sich bis jetzt gar nicht geäußert hatte. Conny starrte zu dem schweigenden, plötzlich in sich gekehrten Tom und meldete sich auch nicht.

„Pete?“ Melanie starrte ihn fassungslos an, denn auch er hob nicht seine Hand.

„Wir rufen niemanden“, flüsterte er, während er seine Knie fest umklammerte.

Sammy schluckte sein Unbehagen hinunter und fasste zusammen: „Drei sind dafür, sechs dagegen.“ Er konnte es nicht glauben, dass seine Freunde entschieden, das offensichtlich Falsche zu tun.

Melanie schrie: „Was ist nur los mit euch? Hannah war unsere Freundin! Es war ein Unfall, den niemand gewollt hat. Man würde uns glauben. Toms Strafe würde nicht so hart ausfallen!“

„Woher willst du das wissen?“, keifte Conny sie von der Seite an. „Wir landen wahrscheinlich alle in Teufels Küche! Melanie, schalt doch endlich dein Gehirn ein! Wir würden uns alle unsere Zukunft verbauen! Vergiss deine Moral!“

„Was seid ihr für Freunde… Herrgott nochmal. Hannahs Mutter wartet vermutlich schon darauf, dass ihre Tochter jeden Moment zur Tür hereinkommt“, weinte Melanie leise. „Was… was wollt ihr jetzt also tun?“

Wieder herrschte Stille im Wald. Es war die qualvollste, die die neun Freunde je erlebt hatten. Und die Nacht, die vor ihnen lag, war noch um einiges qualvoller.

Keine Turbulenzen

Manche Medienberichte- ungeachtet ihres Wahrheitsgehaltes- beeindrucken einen Leser bzw. Zuschauer stärker als andere. Woran das genau liegt hängt wahrscheinlich von persönlichen Interessen, Erfahrungen und auch Ängsten zusammen. Eine Story, die mich in den letzten Jahren zum Grübeln gebracht hat, war das Verschwinden der Boeing 777 in Asien. Warum genau diese Geschichte? Weil ich nicht daran glaube, dass ein Flugzeug in der heutigen Zeit einfach verschwinden und es anschließend nicht mehr aufgespürt werden kann. Ein jeder Mensch auf der Welt kann ausfindig gemacht und ein jedes Handy, ein jeder Laptop, eine jede Blackbox kann geortet werden. Wie kann also ein ganzes Flugzeug einfach so vom Radar verschwinden?

Ich bin überzeugt, dass Medienberichte frei nach Lust und Laune und vor allem nach Willen von Regierungen zusammengebastelt werden, um zu verschleiern, zu verschönern, um die Gemüter bei Laune zu halten und die Gedanken der Menschen in die gewünschte Richtung zu lenken. Es ist zudem keine überraschende Neuigkeit, dass in unserer schönen Welt unzählige, unvorstellbare Dinge getan werden, die die Würde und den Wert eines Menschenlebens für Profit untergraben. Menschen ausbeuten, egal wofür, egal wie und egal wo- Das ist die grausame Realität und der Preis für Macht und Geld. Nur muss es nicht unbedingt jeder auf dem Silbertablett serviert bekommen.

Der Flug MH370 diente mir als Inspirationsquelle für meine neue Kurzgeschichte. Weil ich glaube, dass alles möglich ist an menschlichen Grausamkeiten. Weil es immer schon so war, heute so ist und immer so sein wird.

 

Als ich aus meinem Nickerchen erwache, höre ich, wie einer der Passagiere hinter mir seinem Sitznachbar zuflüstert, dass die Flugrichtung der Boeing schon seit mehr als zwei Stunden von der eigentlichen Route abweiche.

„Das ist doch nicht normal, finden Sie nicht auch?“ höre ich den Mann leise sagen. „Normalerweise gibt der Pilot den Passagieren doch Bescheid, wenn das der Fall ist, aus welchem Grund auch immer.“

„Hmm, weiß nicht“, gibt ein zweiter, deutlich älterer Herr zurück, „ich bin in meinem Leben erst drei Mal geflogen, aber ich denke, die werden schon wissen, was sie tun. Vielleicht umfliegen sie nur Luftlöcher oder etwas in der Art.“

Der andere grummelt etwas undeutlich vor sich hin, offensichtlich nicht zufrieden mit der Reaktion des Alten. Ich für meinen Teil runzle die Stirn, schnaufe einmal tief durch und schließe wieder meine Augen. Was sich manche für einen Kopf machen wegen eines solchen Fluges… Die Medien machen die Leute völlig verrückt mit ihren Schauergeschichten. Klar, es kann immer was passieren, aber beim Autofahren kann man schließlich auch draufgehen und das mit Abstand größerer Wahrscheinlichkeit. Ebenso kann mich nachts nach dem Weggehen irgendein Verrückter verschleppen. Manche Menschen sollten sich einfach zuhause einsperren. Aber wahrscheinlich hat der Kerl hinter mir nur zu viele Bloody Marys intus, bestellt hat er jedenfalls genug und seine Fahne reicht  fast bis nach vorne in die First Class. Oh Gott, noch fast fünfeinhalb Stunden Flugzeit… Im Sitzen zu schlafen ist der Horror, mir tut jetzt schon alles weh. Gibt’s nicht bald Abendessen? Hoffentlich nicht so was furchtbar Abscheuliches wie auf dem Hinflug nach Peking. Igitt, bloß nicht daran denken… Das klebrig süße Begrüßungssäftchen von vorhin war auch nicht grad der Hammer. Regelrecht kotzen musste ich davon. Jetzt geht’s wieder, Gott sei Dank, ich dachte zuerst schon, ich hätte mir einen Magen-Darm- Virus eingefangen. Aber mein Bauch scheint Hunger zu haben, alles ok also. Und auf die Toilette muss ich auch. Gut, ich gebe zu, meine Laune ist nicht unbedingt auf dem Höhepunkt meiner Reise. Zum Glück sitze ich am Gang, dann muss ich das Mädchen und ihre Mutter, die neben mir sitzen, nicht beim UNO spielen stören. Als ich aufstehe merke ich, wie sich meine Gelenke und Muskeln bei mir bedanken. Aus der Tasche im Handgepäckfach krame ich mein Schminktäschchen, als der dicke Bloody Mary- Typ, der ein schwarzes ACDC- Shirt trägt und seine langen Haare zu einem tiefen Pferdeschwanz gebunden hat, eine Stewardess zu sich winkt. „Can you tell me, why the airplane goes this way and not the other? What`s going on? Why doesn`t say the pilot something about this change?” fragt er mit grottenschlechtem Englisch. Red doch einfach auf Deutsch, das  verstehen die genauso gut, denk ich. Schmunzelnd schaue ich mir die Reaktion der Stewardess an, deren Gesichtsausdruck irgendwie gefasst, aber freundlich lächelnd wie immer ist und dem Mann erwidert, dass sie sofort nachfragen werde. Als sie sich von ihm weg- und zu mir hindreht, spüre ich ein seltsames Unbehagen, als sie so direkt vor mir steht und mir ins Gesicht blickt. Ich weiß nicht, warum, ab er ich stelle mich blöd und frage: „Toiletten gibt es vorne und hinten oder? Gibt es irgendwo weniger Andrang? Ich muss wirklich ganz dringend!“ Ich lache vermeintlich beschämt und sie beantwortet mir höflich meine Frage, bevor sie sich an mir vorbeidrängt und schnellen Schrittes nach vorne Richtung Cockpit und First Class geht. Hmm, das war ja wirklich komisch. Aber naja. Nach dem Toilettengang wasche ich meine Hände und mein Gesicht, ziehe meinen Eyeliner nach und lege ein bisschen Puder auf, um mich zumindest äußerlich nicht mehr ganz so erschöpft und ausgekotzt zu fühlen. Meinen Zopf neu zu binden habe ich keine Lust. Wenige Minuten später bin ich wieder bei meinem Sitzplatz, der Bloody-Mary Typ aber nicht mehr auf seinem. Das kommt mir kurz sonderbar vor, aber ich mache mir keine weiteren Gedanken. Er wird vielleicht auch auf die Toilette sein. Wo denn sonst? Also ich brauche jetzt erstmal ganz dringend was zum Essen, vielleicht geht es mir dann besser. Ich verstaue mein Schminktäschchen und setze mich wieder hin. Die Mutter und ihre Tochter starren aus dem Fenster, der Geschäftsreisende rechts von mir im Mittelgang blättert bereits zum x-ten Mal das Flugmagazin durch. Endlich kommen die Stewards und Stewardessen mit den Essenswagen angerollt. Meine Vorfreude wird zunichte gemacht, als ich den ersten Bissen meines vegetarischen Reises zu mir nehme. Keine Ahnung, welches Gewürz da drin ist, aber es widersteht mir äußerst. Meine Sitznachbarinnen scheinen hingegen gar nicht genug zu bekommen, sodass sie auch noch meines verputzen, als ich es ihnen anbiete. Ich knabbere an meinen Brotstäbchen, von denen ich noch einige in meiner Tasche verstaut habe. Besser als nichts. Mir fällt auf, dass der Bloody- Mary- Typ noch immer nicht von der Toilette zurückgekommen ist. Vielleicht ist er ohnmächtig geworden? Plötzlich mache ich mir Sorgen. Ich stehe erneut auf und schaue nach vorne und hinten. Seine Platznachbarn, ein lesender, älterer Herr mit dicken Augengläsern und weißem schütteren Haar und ein Teenager, der sich Stöpsel in die Ohren gesteckt hat und bei lauter Metalmusik tief und fest schläft, scheinen den dicken Mann nicht besonders zu vermissen. Vorne bei der Toilette wartet eine Frau. Nach  nur einigen Sekunden öffnet sich die Tür und eine weitere Frau kommt heraus. Die hintere Toilette wird nach ungefähr zwei Minuten frei. Heraus kommt auch hier nicht der Bloody- Mary- Typ, sondern ein junges Mädchen. Hä? Wo ist der Kerl? Irgendetwas sagt mir, dass ich mich besser nicht an die Belegschaft wenden soll. „Entschuldigen Sie“, erkundige ich mich mit gedämpfter Stimme stattdessen beim  älteren Herr mit der Brille. „Wissen Sie zufällig, wo ihr Sitznachbar hin ist?“ Mit etwas verwirrtem Blick entgegnet mir dieser: „Jaja, er wollte nach vorne etwas fragen, den Piloten wollte er etwas fragen. Jaja!“ Der Mann schien mir etwas durcheinander. Zerstreut  irgendwie. Vorhin hatte er dem Bloody- Mary- Typen noch eine ganz klare Antwort gegeben. Jetzt hingegen… „Kann ich Ihnen helfen, Miss?“ die Stewardess von vorhin stand plötzlich hinter mir und sammelte die Reste des Abendessens ein. „Alles in Ordnung. Ich wollte nur…“ „Sie sollten sich jetzt setzen, Miss, wir geraten gleich in ein paar Gewitterwolken, dann kann es ein bisschen wackelig werden“, unterbricht mich die junge Dame lächelnd. Nette, einstudierte Worte, aber ein recht zickiger Ton für eine Flugbegleiterin. Leise grummle ich ein „Alles klar“ und setze mich wieder hin. Nach etwa zehn Minuten ist der Bloody-Mary Kerl noch immer nicht zurück. Irgendetwas ist hier merkwürdig, und nicht nur deshalb. Etwas ist an diesem Flug anders, aber ich komme einfach nicht drauf, was. Eine weitere Viertelstunde vergeht. Wo sind denn diese Gewitterwolken, von dem diese blöde Kuh vorhin gesprochen hat? Alles was ich von meinen Blickwinkel und vom Fenster aus erkennen kann, ist ein dämmernder, aber keineswegs ein sonderlich bewölkter Himmel. Hat sie mich angelogen? Damit ich mich setze und Ruhe gebe? Ruhe. Das ist das Stichwort. Es ist außergewöhnlich ruhig hier im Flugzeug. Die Frau und das Mädchen neben mir sind fast gleichzeitig eingeschlafen. Die Leute vor mir scheinen ebenso sehr tiefenentspannt zu sein und der Typ rechts von mir hat die Zeitung auch endlich weggelegt und scheint nur noch nach vorne zu starren. Es unterhält sich auch keiner. Nicht mal die junge Reisegruppe ein paar Sitzreihen weiter vorne, die vorhin beim Einsteigen noch ziemlich Krawall gemacht haben. Keiner liest oder hört Musik oder macht sonst was, zumindest nicht die, die ich von hier aus sehen kann. Ich lehne mich unauffällig ein wenig Richtung Gang. Weiter vorne dasselbe Bild: Alles untätige oder schlafende Menschen. Der Blick auf die Uhr verrät mir, dass es gerade mal kurz vor acht Uhr ist. Hier können doch unmöglich um diese frühe Abendstunde alle Passagiere so müde sein. Um die 220 Menschen sind glaub ich an Bord. Das ist doch merkwürdig. Und wo verdammt noch Mal ist der Bloody-Mary Typ?

Nach einigen Minuten kommen auf beiden Flugzeugseiten zeitgleich jeweils zwei Flugbegleiter von vorne aus der ersten Klasse. Sie gehen langsam durch den Flur und schauen sich in Ruhe alle Reisegäste an. Was machen die da nur? Mein Magen verklumpt sich und instinktiv stelle ich mich schlafend. Ich weiß nicht genau, warum ich das tue, aber dieser Flug ist definitiv nicht so, wie er sein sollte und diese Leute sind alles andere als normale Flugangestellte. Ich höre das dumpfe, monotone Surren des Fliegers und die Schritte der Stewards und Stewardessen. Ansonsten völlige Stille. Dann sind sie neben mir, ich kann ihre Körperwärme spüren und rieche das viel zu aufdringliche Parfum. Ich glaube zu spüren, dass sie neben mir länger verharren. Mein Herz klopft schneller, und ich fürchte aufzufliegen. Bemerken sie, dass ich nicht wirklich schlafe? Sie gehen weiter und ich kann mich zumindest etwas beruhigen. Dennoch traue ich mich nicht, die Augen wieder aufzumachen oder mich zu bewegen. Es ist beklemmend still. Ich versuche, Geräusche zu erfassen, die mir Auskunft geben von der Situation, von der ich selber nicht so genau weiß, welche es ist. Alles was ich weiß, ist, dass die Atmosphäre in der Maschine innerhalb einer Stunde umgeschlagen hat und zu einer Falle geworden ist für alle, die ein teures Ticket nach Hause bezahlt haben.

„Everyone is sleeping!“ sagt plötzlich einer der männlichen „Flugbegleiter“.

Eilige Schritte, unverständliche Worte, leises Lachen. Ich merke, wie sie wieder an mir vorbeigehen, nach vorne. Ich wage es, meine Augenlider ein wenig zu öffnen. Sie sind hinter dem Vorhang zur First Class verschwunden, auf der Heckseite, so scheint es mir, ist niemand mehr. Mir fallen die Worte des Bloody Mary- Kerls ein. Einen kurzen Moment zögere ich, dann betätige ich den Bordcomputer vor mir und tippe auf die Funktion „Fluginformationen“.  Der Kerl hatte Recht, die Route weicht vollkommen von unserem Zielort ab. Nicht Europa wird angepeilt, nein, wir befinden uns mitten über dem Indischen Ozean und eine kleine Inselgruppe, auf der Karte ohne Namen betitelt, wird angeflogen. Abwechselnd rast mein Blick zwischen dem Monitor und dem Vorhang zur ersten Klasse hin und her. Wohin bringt uns dieses Flugzeug? Schnell mache ich den Bildschirm aus und hoffe inständig, dass niemand etwas gemerkt hat. Es ist noch immer ruhig. Meine Sitznachbarn sind wie alle hier drin vollkommen weggetreten. Der Kopf der Frau neben mir lehnt seitlich am Kopfteil des Sitzes. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich gleichmäßig, sie schläft also tatsächlich nur. Oder ist bewusstlos. Sanft rüttle ich ihre Hand. Nichts. Ich zwicke sie in die Haut. Keine Reaktion. Warum sind alle weggetreten? Und warum ich nicht? Der Saft. Das Abendessen. Das eine habe ich nicht drin behalten und das andere habe ich erst gar nicht zu mir genommen. Und da die Frau und das Mädchen meine Sachen verputzt haben, haben die „Flugbegleiter“, es gar nicht bemerkt, dass ich darauf verzichtet habe. Sie wissen also definitiv nicht, dass ich noch wach bin. Ist das mein Vorteil oder mein Nachteil? Und in Bezug auf was? Ich habe nicht die geringste Ahnung, was hier los ist. Ok, Ruhe bewahren! Was weiß ich? Das Flugzeug steuert eine unbekannte Insel an. Alle Passagiere bis auf mich sind durch irgendetwas im Essen außer Gefecht gesetzt worden. Der Bloody Mary- Kerl, der den Braten offensichtlich gerochen hat, ist plötzlich verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Die gesamte Besatzung scheint zusammenzuarbeiten. Mein Blick konzentriert sich auf den Vorhang und mein Gehör auf das, was dahinter geschieht. Aber ich vernehme gar nichts.

Mein Handy! Langsam und möglichst geräuschlos öffne ich den Reißverschluss meiner Handtasche, die ich vor mir auf dem Boden liegen habe, mein Blick immer noch fest nach vorne gerichtet. Ich bekomme es zu fassen, als ich Stimmen und Schritte vernehme. Ich lehne mich wieder zurück, verschließe meine Augen und schiebe das Mobiltelefon unauffällig in den linken Ärmel meines Pullis. Sie kommen zurück. Ich höre das Rollen des Speisewagens. Wozu dieser? Einen kurzen Moment blinzle ich und beobachte, wie eine Frau Spritzen in die Arme der Passagiere sticht, einer der Männer bereitet die nächsten Injektionen auf dem Wagen vor, der andere notiert etwas auf einem Block. Was zur Hölle… WAS IN ALLER WELT GEHT HIER VOR SICH? Was mache ich nur? Wenn ich mich bemerkbar mache, was haben sie dann mit mir vor? Und was passiert mit mir, wenn ich die Spritze über mich ergehen lasse? Noch sind sie in den vorderen Reihen, es dauert seine Zeit, jedem eine Injektion in den Körper zu jagen. Innerlich schreiend und zitternd hole ich das Handy hervor und beginne eine SMS zu schreiben. Nichts an meinen Körper darf sich bewegen, und es ist schwierig ,nur ab und zu zu blinzeln. „Fliegr enftührt, Insel Ind Meer, Hilfe“ schreibe ich so gut es eben geht. Senden an… Daniel. Meinem Bruder. Den klügsten Menschen, den ich kenne. Er wird wissen, was zu tun ist. Wenn ihn die Mitteilung erreicht. Das zu kontrollieren, dafür fehlt mir die Zeit, denn sie sind wenige Reihen vor mir. Das Handy lasse ich völlig geräuschlos in meinen Schoß fallen.

Dann bin ich an der Reihe. Ich spüre wie sie mir meinen Ärmel hochschieben, ihn nach einer kräftigen Vene absuchen und die Spritze ansetzen. In meinem Inneren breiten sich Angst und Unwissenheit aus, wie das Zeug sich ausbreitet, das sie mir in die Blutbahn jagen. Ich habe Mühe, meine Tränen und mein Zittern zurückzuhalten, als sich die Frau über mich beugt und bei meinen Sitznachbarinnen dieselbe Prozedur vornimmt. Erst als sie weiter nach hinten gehen, fließt mir dann doch eine Träne aus dem Augenwinkel. Was passiert jetzt mit mir? Ich kann nur hoffen, dass sich die Wirkung dieser Injektion, egal, welche es sein mag, in Grenzen hält. Immerhin fehlen bei mir ja die ersten beiden Mittel, vielleicht wirkt dieses nur gering. Welche Chancen habe ich? Werde ich sterben? Noch nie im Leben hatte ich solche Angst. Noch nie zuvor habe ich mich mehr nach Hause gewünscht, als in diesen Moment. Ich will zuhause auf dem Sofa liegen und mir eine langweilige Doku ansehen, die Marc so sehr liebt. Mich an ihn schmiegen. An nichts denken. Einschlafen und im Morgengrauen aufwachen und mit dem Hund spazieren gehen. Wie ich die kleine Töle auf meiner Chinareise vermisst habe… Und meiner Mutter habe ich versprochen, mit ihr ein Brautkleid kaufen zu gehen für ihre zweite Hochzeit… Sie wollte das schon vor meinen Ferien erledigen, aber ich hatte so sehr meine Reise im Kopf, dass ich sie andauernd vertröstet habe. Und jetzt? Ich werde nicht mehr heim kommen, soviel ist mir klar. Ich wünschte, ich hätte mein Versprechen schon vorher eingehalten. Nun wird es nicht mehr dazu kommen. Plötzlich hoffe ich, dass mit dem Flugzeug irgendetwas passiert, dass es abstürzt, dass es einfach nur schnell vorbei ist. Weil ich ahne, dass der Tod nicht das Schlimmste sein wird, was uns hier passieren wird. Aber das Flugzeug scheint im Landeanflug zu sein. Auf einmal merke ich, wie sich eine Schwere in mir ausbreitet, mein Körper fühlt sich bleiern an. Meine Schläfen pochen. Aber meine Gedanken von eben sind fort. Eigentlich ist es ganz egal, was jetzt kommen mag. Eigentlich möchte ich nur schlafen. Und ich schlafe.

Die anderen Passagiere und ich stehen auf dem Flur der Boeing und warten. Keiner redet. Alle schauen nach vorne. Die Türen öffnen sich. Die männlichen Stewards schleppen als erstes einen dicken Mann mit einem schwarzen Shirt nach draußen. Ein Blitz ist auf dem Shirt zu sehen. Er blutet aus den Ohren, scheint tot zu sein. Dann gehen alle nach der Reihe raus. Meine Tasche ist noch auf meinem Platz. Die brauche ich nicht mehr, haben sie zu mir gesagt. Heiße und feuchte Abendluft schlägt uns auf der kleinen Rollbahn entgegen. Von weitem höre ich das Meer rauschen und Palmen rascheln. Scheint schön hier zu sein. Unten warten Leute mit weißen Anzügen. Und Busse. Männer mit Waffen. Die Leute mit weißen Anzügen schauen sich alle Passagiere kurz an und hören sie mit einem Stethoskop ab. Sie weisen sie den Bussen zu. Ich komme in den ersten und bekomme wie die anderen Menschen in diesem Bus, eine weitere Spritze. Die alten Leute kommen in keinen Bus. Sie werden vor dem Flugzeug erschossen und auf einen Gepäckwagen geladen. Ich fühle nichts, als ich den Mann sehe, mit dem ich mich vorhin noch unterhalten habe. Er liegt leblos mit geöffneten Augen dort auf diesem Gepäckwagen und starrt mich an. Ich beneide ihn. Denn ich weiß, der Tod wird nicht das Schlimmste sein, was uns hier auf dieser Insel passieren wird.

Die Geschichte vom kleinen gelben Sonnenschirm, der auf eine ungewollte Reise ging

 Die letzte Woche verbrachte ich mit meinem Freund und unserem Sohn in Kalabrien entspannt am Meer. Nichts tuend und eigentlich nicht groß an Ideen suchend, passierte eines Nachmittages doch etwas, was mich zu einer neuen Geschichte inspiriert hat. Es toste ein recht starker Wind über unseren Strand und wir waren gerade am Mittagessen, da blies es einen unserer Sonnenschirme hinaus aufs offene Meer. Zuerst dachte ich: Oh nein, was das Meer alles an Müll abkriegt und dann im zweiten Moment fand ich den Anblick von dem quietschgelben Sonnenschirm auf dem herrlich blauen Wasser irgendwie erquicklich. Ich sagte: Wohin der Schirm jetzt wohl getrieben wird? Und mein Freund scherzte noch: Du wirst dir jetzt schon die Geschichte von „Schirmi“, dem Sonnenschirm im Kopf ausmalen und tatsächlich bastelte ich mir schon was zusammen…  Nur den bescheuerten Namen ließ ich dann doch beiseite 😉

Heute also mal eine Geschichte für kleine Leute, aber auch für die Großen, die uns zeigt, dass man aus unerwarteten, scheinbar unglückseligen Situationen viel Gutes schöpfen kann. Eine Geschichte, die unsere Reiselust ein wenig anfächert und uns auch zeigt, dass man nicht so schnell das Handtuch werfen soll. Ich wünsche euch viel Spaß! 🙂

An einem goldenen Strand, weit weit weg von hier, irgendwo am azurblauen Meer, da gab es einen kleinen Sonnenschirm, der war gelb und einer von ganz vielen. Es gab Dutzende dieser gelben Sonnenschirme, die in Reih und Glied ihren Platz im Sand hatten und den Menschen Schatten spendeten, denen die Sonne zu heiß wurde. Das war ihre Aufgabe: Schatten zu geben, wo ansonsten keiner war. Es war eine gute Aufgabe und die vielen Sonnenschirme waren damit sehr zufrieden. Auch dem kleinen gelben Sonnenschirm genügte sein Dasein und er war stolz, solch gute Arbeit zu leisten.

Aber wie es im Leben manchmal so ist, kam eines Tages ein Sturm auf. Er kam unvorhergesehen und alle Schirme erschraken fürchterlich, denn der starke Wind bog sie hin und her und hob ihren schönen gelben Stoff nach links und rechts und oben und unten. So schnell sie konnten schlossen sie sich, um dem Sturm Widerstand zu leisten, aber beim kleinen gelben Sonnenschirm wollte etwas nicht so recht funktionieren. Seine Speichen klemmten und ehe er sich versah, spürte er, wie er von einem Luftstrom erfasst und aus dem Sand gerissen wurde. Er wurde quer über den Sandstrand geschleudert, traf dabei ein paar seiner Schirmgenossen, bevor ihn ein weiterer Windstoß ein paar hundert Meter hinaus aufs wild schunkelnde Wasser katapultierte. Da schwamm er nun,  unser kleine gelbe Sonnenschirm, kopfüber und ging auf eine ungewollte Reise.

Sehnsüchtig und mit Tränen in den Augen blickte er zu seinem Strand zurück, von der er Welle für Welle immer weiter weggetragen wurde, dem Horizont entgegen. Was würde nun mit ihm passieren? Er hatte schreckliche Angst und wusste nicht, was er gegen diese missliche Lage unternehmen könnte. Aber er konnte nichts tun. Der kleine gelbe Sonnenschirm konnte einfach nur warten und hoffen, dass sich alles zum Guten wenden würde.

Der kleine gelbe Sonnenschirm trieb schon eine ganze Weile auf dem Wasser, als er einem Fischerboot begegnete. Es war schon ziemlich alt und abgenutzt und es sah nicht so aus, als ob es noch eine Besatzung mit sich führte. Die Tür zur Koje hing kaum noch im Rahmen, die vielen leeren Kübel und Eimer, die einst wahrscheinlich gut mit Heringen und Makrelen gefüllt waren, rollten von Backbord nach Steuerbord quer über das Deck. Die Fischernetze waren zerrissen und lagen zusammengepfercht in den Ecken oder hingen über die Reling. Aber die Augen des Fischerbootes leuchteten.

„Hallo du kleiner Sonnenschirm! Warum schaust du denn so traurig?“

„Weil der Wind mich von zuhause, von meinem Strand fortgerissen hat“, antwortete dieser schluchzend. „Bist du auch alleine hier?“

„Das tut mir sehr leid, dass du deswegen betrübt bist. Ich bin schon seit Monaten alleine unterwegs, aber glaub mir: So übel ist es hier draußen gar nicht. Im Gegenteil, es ist wirklich schön hier auf dem Wasser. Alleine kannst du tun und lassen, was du willst. Weißt du, früher musste ich immer dorthin steuern, wohin die Fischer wollten, da konnte ich gar nicht mitreden. Außerdem habe ich es gehasst, dass auf meinem Deck tagtäglich so viele Fische sterben mussten. Das hat mich traurig gemacht. Jetzt bin ich frei und ich kann entscheiden, wohin meine Reise gehen soll.“

Der kleine gelbe Sonnenschirm dachte nach. Er musste auch jeden Tag seiner Arbeit nachgehen, wie die anderen Schirme auf dem Strand. Niemand hat je gefragt, ob er denn mal gerne etwas anderes machen würde. Wenn er es recht bedachte, wäre ein wenig Abwechslung schon mal ganz nett gewesen.

„Ich schwimme jetzt weiter“, rief das alte Fischerboot laut, „Aber lass dir gesagt sein: Sei nicht allzu traurig. Hör auf zurück ans Ufer zu blicken und schau nach vorne. Manche Dinge muss man hinter sich lassen, um vorwärts zu kommen!“

Mit diesen Worten schwamm es davon, bis es irgendwann nur noch als winzig kleiner Punkt am Horizont zu sehen war.

Das Boot hat Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm, zurück komme ich eh nicht mehr, also was nützt es mir hier rumzuheulen?

Der Strand war schon längst nicht mehr in Sicht und um den kleinen gelben Sonnenschirm gab es nur noch den tiefblauen Ozean. Auf einmal spürte er unter seinem Stoff ein Kitzeln und Blubbern.

„Nanu, was ist denn…“ wollte der kleine gelbe Sonnenschirm gerade sagen, da tauchten zwei silberne Fischlein mit einem roten Rücken neben ihm aus dem Wasser.

„Ooooh was haben wir denn hier?“ „Ich weiß es nicht, nach nem Fisch sieht es jedenfalls nicht aus, vielleicht ein Oktupus? Obwohl, der hat mehrere Arme, dieses Ding hat nur einen Greifarm!“ „Komisches Ding. Sag, was bist du und woher kommst du, du eigenartiger Oktupus?“

„Ich bin kein Oktopus“, kicherte der kleine gelbe Sonnenschirm, „Ich bin ein Sonnenschirm und komme vom Strand. Aber der Wind hat mich aufs Meer geblasen.“

„Du Glückspilz!!!“ jubelten die zwei Fische. „Stell dir mal vor, die anderen Sonnenschirme haben tagtäglich immer nur dieselbe Aussicht. Du hingegen kommst jetzt ganz schön herum! Das Meer trägt dich an die schönsten und aufregendsten Orte!“

Der kleine gelbe Sonnenschirm dachte nach. Er hatte auch jeden Tag dieselbe Aussicht, wie die anderen Schirme am Strand. Wenn er es recht bedachte, wäre ein wenig Abwechslung schon mal ganz nett gewesen.

„Wir schwimmen jetzt weiter“, riefen die zwei silbernen Fischchen laut, „aber lass dir gesagt sein: Du bist ein echter Glückspilz! Hör auf, hier nur so rumzutreiben. Manchmal muss man das Ruder selbst in die Hand nehmen, um vom Fleck zu kommen und was zu erleben!“

Die Fische haben Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm, ich habe jetzt die Chance, viel Neues zu entdecken, also was nützt es mir, hier rumzutreiben?

Also entschied er sich für eine Richtung, die ihm gefiel und begann sich dorthin zubewegen. Das klappte ganz prima und Woge für Woge schwamm der kleine gelbe Sonnenschirm weiter und weiter. Nach einigen Stunden aber wurde er müde, denn es war ganz schön mühsam voranzukommen. Beinahe verließ ihn der Mut, sich auf sein Abenteuer einzulassen, da spürte er, wie das Wasser unter ihm nach oben schwappte und er mit einem Mal nach oben geschmettert wurde. Eine riesige Pottwaldame war schuld an seinem abrupten Flug in die Lüfte, aber sanft glitt der kleine gelbe Sonnenschirm zurück nach unten und blieb auf dem Rücken des Wales liegen.

„Ich habe ja schon viel Erstaunliches gesehen in meinem Alter“, sprach die Pottwaldame mit sanfter Stimme, „Aber so etwas Außergewöhnliches wie du ist mir noch nie begegnet. Wer bist du? Und warum schaust du so erschöpft aus?“

„Ich bin ein Sonnenschirm, komme vom Strand und der Wind hat mich aufs Meer geblasen. Ich bin auf dem Weg, Neues zu entdecken und zu erleben, aber ich bin ganz schön müde vom vielen Schwimmen. Ich weiß nicht, ob ich diese Reise schaffe. Vielleicht sollte ich doch besser den Weg nach Hause suchen.“

„Aber nein!!! So schnell gibt man doch nicht auf. Es ist sicherlich nicht immer einfach, aber einfach die Segel werfen, wenn man mal müde ist, das ist keine gute Idee. Lieber eine helfende Hand annehmen, und schau! Wie es das Schicksal so will, bringt es dir gleich einen Koloss von Wal, um dir zu beizustehen!“ Die Pottwaldame lachte und stieß eine Wasserfontäne aus ihrem Blasloch. „Was sagst du?“

Die Pottwaldame hat Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm. Er hatte nie gelernt, an einer schwierigen Sache dranzubleiben, denn, wie die anderen Schirme am Strand, hatte er ja nie etwas anderes gemacht, außer Schatten zu werfen, und das wirklich keine schwere Aufgabe für einen Sonnenschirm. Wenn er es recht bedachte, wäre eine Herausforderung schon mal ganz nett gewesen.

„Ich schwimme jetzt weiter“, rief die Pottwaldame laut. „Wenn du möchtest, nehme ich dich ein Stückchen mit, damit du dich ausruhen kannst und dann deine Reise fortsetzen kannst. Ich finde ja, das das eine gute Idee ist.“

Die Pottwaldame hat Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm, ich bin zwar müde, aber aufgeben lohnt sich wirklich nicht. Also was nützt es mir, hier rumzuzweifeln?

„Ich komme mit!“

„Sehr gut! Na dann mach es dir bequem auf meinem alten Rücken. Wohin soll es überhaupt gehen?“

„Hmm, wenn ich ehrlich bin, weiß ich das gar nicht so genau, ich war ja noch nie irgendwo anders als an meinem Strand…“

„Nicht verzagen, oft sind die Reisen ohne Ziel, die schönsten! Deswegen heißt es ja reisen und nicht zielen, haha!“ Die Pottwaldame lachte und stieß wieder eine Wasserfontäne aus dem Blasloch.

Die gute Laune war ansteckend und fröhlich rief der kleine gelbe Sonnenschirm: „Also los, lass uns losschwimmen! Hurra!“

Und  so machte sich der kleine gelbe Sonnenschirm auf dem Rücken der alten Pottwaldame endlich sorglos auf die Reise, die anfangs gar nicht so gewollt war. Und wisst ihr was? Der kleine gelbe Sonnenschirm verbrachte die Zeit seines Lebens.