Der Blick

Oft fehlt uns einfach der Blick dafür, weil es um uns herum zu hektisch ist, weil die Zeit regelrecht rast. Weil sie fehlt. Weil wir müde des Tages sind. Und dann sehen wir es nicht.

Das, was uns ausmacht.

Das, was wir lieben,

und brauchen.

Das, was uns stärker macht,

und uns tröstet.

Das, was uns lebendig fühlen lässt,

und das Beste aus uns rausholt.

Das, was uns so tief bewegt, dass es schon beinah‘ Angst macht,

aber am Ende so wahnsinnig schön ist.

Das, was uns ein gutes Gefühl gibt

und uns strahlen lässt –

von ganz tief innen heraus.

Das, was uns antreibt

und unsere Lust entfacht, die Welt wieder zu bestaunen.

Vielleicht, wenn wir unseren Schritt verlangsamen, wir uns zurücklehnen, und einmal tief durchatmen, wenn wir ganz genau hinsehen – ja, vielleicht erkennen wir all das auch wieder.


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Die Suche der Zeit

Die Protagonistin dieser Geschichte ist eine ganz besondere – sie besitzt kein Aussehen, kein Geruch und berühren kann man sie auch nicht. Trotzdem ist sie präsent, auf der ganzen Welt, rund um die Uhr. Womit wir eigentlich schon bei meiner Figur dieser Geschichte wären: der Zeit.


In jener berühmten Stadt, in der die Häuser bis in die Wolken ragten und der Tag niemals endete, wollte sich die Zeit ein Zuhause suchen. Weil sie auf der ganzen Welt ununterbrochen unterwegs war, war die Zeit müde geworden. Sie wünschte sich nicht sehnlicher, als einfach mal irgendwo anzukommen. „Hier“, so dachte sie, „in einer Stadt, die für so viele Millionen Menschen Platz hat, findet sich bestimmt auch ein hübsches Plätzchen für mich.“ Darum machte sich die Zeit auf die Suche nach Menschen, die ihr einen Ort oder das Gefühl der Heimat schenken konnten. In einem Café an der Straße saßen ein junger Mann und eine Frau. Die Zeit gesellte sich heiter zu ihnen. Aber die Frau war nicht erfreut, sie zu sehen und schluchzte: „Nein, es geht nicht. Im Augenblick ist es mir zu viel.“ „Aber ich bin hier, und ich bin bei dir. Willst du es denn nicht zumindest versuchen?“, fragte sie der
Mann und nahm ihre Hand, die die Frau abrupt wegzog. Das Herz der Frau war gebrochen, das spürte die Zeit. Und sie merkte, dass sie auf dem falschen Stuhl Platz genommen hatte. Die junge Frau blickte der Zeit ernst ins Gesicht und sagte: „Siehst du denn nicht, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist? Vielleicht wenn du vor ein paar Monaten zurückgekommen wärst … Aber jetzt? Du bist hier falsch. Verschwinde!“ Unglücklich und etwas beschämt darüber, der falsche Moment für
diese Liebenden gewesen zu sein, verließ die Zeit das Café und
setzte ihre Suche fort.
Einige Straßen weiter wartete ein älterer Mann an einer Bushaltestelle und las in einer Zeitung. Frohen Mutes gesellte sich die Zeit dazu und versuchte den Mann mit ihrer Anwesenheit zu erfreuen. Aber der Mann war versunken in den Schlagzeilen des
Tages und machte ein verdrießliches Gesicht. „In was für einer Zeit leben wir nur? Früher war alles besser.“ Er senkte die Zeitung und wandte sich der Zeit zu. „Weißt du, nicht alles, was du mitbringst, ist gut, ganz im Gegenteil – es wird alles schlimmer und schlimmer. Am besten wäre es gewesen, du wärst damals einfach stehen
geblieben. Da war die Welt noch in Ordnung.“ Der Mann warf die Zeitung in den Müll und stieg in die Linie 28, die gerade angefahren kam. Mit einem schlechten Gewissen blieb die Zeit an der Haltestelle zurück. Sie musste erst ein paar tiefe Atemzüge machen, bevor sie weitergehen konnte.
An der nächsten Ecke fand sie eine Arztpraxis vor, in die die Zeit hineinschauen wollte. In einem freundlich eingerichteten Zimmer wartete eine Familie. Vater und Mutter starrten betrübt auf ihre Handys, während die Kinder am Boden mit kleinen Autos spielten. Das Mädchen trug ein Tuch um ihre Glatze gebunden und war sehr blass. Die Zeit setzte sich hin und sah den beiden Kindern beim Spielen zu. Auch sie nahm sich ein Auto und fuhr damit über den hellgrünen Teppich mit den aufgemalten Straßen, Wiesen und Schildern. „Nein, nein, nein“, protestierte die
Mutter, als sie es bemerkte. „Lass meiner Tochter doch ein bisschen Vorsprung. Du rast an ihr vorbei. Das ist einfach nicht fair! Sei bitte langsamer, wir haben dich schon genug verschwendet. Das macht uns traurig, verstehst du das?“ Die Zeit verstand, erhob sich leise und verließ das Krankenzimmer in der Hoffnung, das kleine Mädchen noch nicht überholt zu haben.
Sie brauchte einige Minuten, um sich von dieser Begegnung zu erholen und zweifelte daran, ob sie denn überhaupt irgendwo erwünscht war in dieser Stadt. Auf dieser Welt. Bis jetzt hatte sie niemand mit offenen Armen empfangen – und wenn sie ehrlich war, konnte sie das sogar nachvollziehen. Mit ihr Freundschaft zu schließen war nicht einfach – die Zeit war eben, was sie war. Sie schlenderte eine Weile hin und her, beobachtete hier und dort die Menschen, an denen sie vorüberzog und merkte, dass die meisten ihr aus dem Weg gingen und sich vor ihr fürchteten. Davor, dass die schönen Tage zu schnell vergingen oder quälende Minuten zu langsam, dass sie der falsche Augenblick war, man sie verschwendet hatte oder dass sie jemandem gestohlen wurde. Die Zeit hatte einen dermaßen schlechten Ruf, dass es sie natürlich verstimmte. Betrübt beschloss sie, eine Fähre zu nehmen und hinaus aufs Wasser zu fahren, weg von all dem Trubel, den beklemmenden Gedanken und all den Zweiflern. Als sie an Deck dabei zusehen konnte, wie die Hochhäuser der Stadt zu kleinen Spielsteinen schrumpften, je weiter sich das dampfende Boot entfernte, gesellte sich eine schon ziemlich betagte, elegante Dame zu ihr an die Reling. Gedankenverloren schaute die Frau hinunter auf die Wellen, die sich an der Fähre brachen, sog die feuchte, kühle Luft ein und verzog ihr Gesicht zu einem breiten Lippenstiftgrinsen. „Ist das nicht schön? Mag sein, dass ich nicht mehr viel von dir übrig habe, aber das, was mir noch bleibt ist dermaßen kostbar. Du hast keine
Ahnung, wie sehr ich dich genieße. Ich bin wirklich dankbar, dass ich dich habe.“ Ungläubig starrte die Zeit die Frau an und glaubte, sich verhört zu haben. „Ist das wirklich wahr?“, wollte sie wissen. „Sie fürchten mich nicht?“ Die Dame lachte herzlich und legte ihre große Sonnenbrille ab. Sanft strich sie der Zeit über ihr Antlitz und sagte mit sanfter Stimme: „Aber, aber! Durch dich wird alles einfacher. Du gibst den Menschen in einer Welt voller Chaos Orientierung. Sie können sich mit der Tatsache trösten, dass mit dir alles besser wird, sobald genug von dir vergangen ist. Die Vergänglichkeit und deine Begrenztheit für unsere Augenblicke machen dich außerdem wahnsinnig kostbar. Nichts, was ewig währt, wird geschätzt, weißt du? Viele fürchten sich davor, zu wenig von dir zu haben, was aber nicht heißen muss, dass das schlecht ist – dafür nutzen sie dich umso besser.“ Die Zeit konnte der Frau ansehen, dass sie durch sie so Einiges erlebt hatte. Eine jede Falte in ihrem Gesicht schien eine Geschichte zu erzählen und der verträumte, aber kluge Blick ließ erahnen, was sie über die Jahre alles gesehen, geträumt und gelernt hatte. „Dein Los ist nun mal nicht das Einfachste“, sprach die Dame weiter, „du bist, was du bist. So wie … Leben und Tod. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Du bist notwendig, unausweichlich, richtungsweisend. In all deinen Facetten bist du weder gut noch schlecht. So was verstehen die Menschen nicht und alles, was sie nicht wirklich definieren können, macht ihnen Angst. Aber weißt du was, Zeit? Menschen sind eben nur Menschen. Wir müssen alle akzeptieren, was der andere ist, denn nur so dreht sich diese verrückte Erde weiter, ohne dass sie dabei aus ihrer Umlaufbahn gerät.“
Die Zeit und die alte Dame standen nebeneinander an der Reling und blickten auf die Stadt, die mittlerweile aussah, wie ein Gemälde mit flackernden Lichtern. Der Abstand half der Zeit, die Dinge besser zu verstehen. Und sie sah ein, dass sie nie das eine Zuhause finden würde, das sie sich wünschte, denn sie wurde immer und überall gebraucht. Ihre Heimat, so wurde ihr nun bewusst, war die große Welt. Und das war vermutlich gut so.


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Neun Dinge

Manchmal brauchen wir einen bestimmten, uns aufrüttelnden Moment, Zufälle und Begegnungen, damit wir wieder wissen, in welche Richtung unser Leben verlaufen soll. Damit wir umdenken. Stärker werden. In meiner Geschichte geht es um die Macht der Gedanken und der eigenen Sichtweise auf die Dinge. Auf dass wir alle ab und zu unseren Blickwinkel ändern! 😉

Fünfundzwanzig Meter waren es bestimmt. Oder noch mehr. Vielleicht waren es auch bloß zehn, aber was spielte das überhaupt für eine Rolle? Im Schätzen war sie nicht besonders gut. Emilia wusste lediglich, dass der Abgrund, der sich vor ihr auftat, bedrohlich war und tief genug, um sich sämtliche Knochen zu brechen. Um draufzugehen. Zu sterben, bevor man den Alptraum „Fallen“ sekundenlang durchleiden muss. Schon die Tatsache hier oben zu stehen, auf dieser schmalen Sicherheitsabsperrung für Fußgänger, war schlichtweg alptraumhaft.

Als die junge Frau ihren Blick nach unten richtete, wurde ihr übel. Unter ihr befanden sich nichts weiter als Felsen. Kantige, riesengroße Gesteinsbrocken, die ihren zierlichen Körper in Bruchteil einer Sekunde zerschmettern würden. Warum also, warum in aller Welt stand Emilia nur wie eine Irre hier oben auf dieser Absperrung, von der sie jeden Moment abrutschen könnte? Wie war sie nur hierhergekommen? Sie konnte sich nicht erinnern. Es mag verrückt klingen, aber sie wusste es wirklich nicht. Sie kam vor zwei Minuten zu sich und fand sich auf dieser immens hohen Brücke wieder, an deren Abgrund stehend, und sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was sie hier machte.

Ein starker Seitenwind blies Emilia die langen dunkelbraunen Haare ins Gesicht, sodass sie für einen Moment nichts sehen konnte. Sie fürchtete, der Wind würde sie von der Brücke wehen und sie klammerte sich an dem Stützpfeiler fest, der neben ihr in die Höhe ragte. Ihr Herz raste wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Das war Panik vermutete sie. Todesangst. So fühlte sich die also an. Was für ein schreckliches, schreckliches Gefühl! Als der Wind etwas nachließ, schäumte wieder die Frage in ihr auf: Was mache ich hier? Und dann kam sie schließlich und unweigerlich, die Frage: „Wollte ich mich umbringen?“

Endlich traute sich Emilia, von der Absperrung vorsichtig hinunterzuklettern. Als sie beide Füße auf der Brücke absetzte, atmete sie auf und sie konnte fühlen, wie ihr Körper allmählich auf Normalzustand zurückfuhr. Ihre Hände zitterten noch ein wenig, aber der Puls beruhigte sich langsam und ihre Atmung wurde auch wieder regelmäßig. Die furchtbare Idee da hinaufzuklettern, stammte die tatsächlich von ihr selbst? Vermutlich, aber weshalb? Emilia versuchte, ihre Gedanken zu sammeln und ihre Erinnerung auf Touren zu bringen. Ihren Namen, den wusste sie. Ansonsten war alles weg. Gelöscht. Sie hieß Emilia, stand auf einer Brücke und wollte sich offensichtlich das Leben nehmen. That`s it. Und das war ja nicht gerade viel, was sie von sich selbst wusste. Verdammt. Wer war sie nur? Und was musste in ihrem Leben geschehen sein, dass sie es beenden wollte? War sie krank? Psychisch labil? Oder war etwas derartig Schreckliches passiert, dass sie die Entscheidung nicht mehr leben zu wollen, schnell getroffen hatte? War es eine Kurzschlussreaktion? Oder eine bewusste Handlung?

Egal, was es war. Emilia musste erst mal weg von hier. Weg von der Brücke, von der sie beinahe gesprungen wäre. Also folgte die Frau schnellen Schrittes dem Straßenverlauf und setzte sich am Ende der Brücke- oder war es ihr Anfang… egal- auf eine Bank. Warum stand hier bloß eine Bank? Hier am Ende (oder am Anfang) einer Brücke? Damit sich die potentiellen Brückenspringer noch einmal hinhocken und ihre Entscheidung überdenken konnten? Hier gab es ansonsten nichts, was zum angenehmen Verweilen einlud. Keine schöne Aussicht, keine grüne Wiese, keine Kirche. Einfach nur eine Bank am Rande einer Brücke neben einem kleinen Wald und einer kaum befahrenen Straße inmitten eines Tales. Emilia jedenfalls saß nun hier und versuchte sich daran zu erinnern, wer sie war. Die Frage, die sie aber noch viel mehr beschäftigte, war die: „Warum wollte ich mich umbringen?“

Schließlich begann sie, sich selbst etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Ihr braunes, zerzaustes Haar, ihre gepflegten Hände mit dem abgerissenen Zeigefingernagel, ihre Kleidung, alles was sie eben sehen konnte. Sie trug Stan Smiths, blaue Jeans und einen grauen Kapuzenpulli mit einer quietschbunten Aufschrift. Was stand denn da? „Lächle, du kannst sie nicht alle töten!“ Sah ja nicht unbedingt nach einem Kleidungsstück aus, das man morgens aus dem Schrank holt, wenn man vorhatte, von einer Brücke zu hüpfen. Emilia stellte sich den Moment vor, in dem ihr Leichnam- sofern dieser nicht völlig in Stücke zerrissen wurde- aufgefunden geworden wäre. In einem Pullover mit dem Print „Lächle, du kannst sie nicht alle töten!“ Wie die Faust aufs Auge passte das ja nicht gerade. Und was hätten die Leute gesagt, die sie geborgen hätten?

„Immerhin eine Person hat sie umgebracht!“ oder „Da hat sie sich wohl selbst zu wenig angelächelt!“

Unpassenderweise musste die junge Frau über dieses makabre Szenario schmunzeln, verwarf den Gedanken und die heitere Emotion jedoch sofort wieder und widmete sich wieder ernsteren Fragen. Ihre Situation war alles andere als lustig.

Emilia fühlte sich wie ein Kind, das gerade eben auf die Welt kam. Nur besaß sie bereits dieses Bewusstsein des Lebens und gerade deshalb auch die Unverständlichkeit darüber, warum sie lieber tot sein wollte. Ein paar Minuten saß Emilia einfach nur da. Schaute ein wenig von links nach rechts. Atmete und spürte ihren Körper. Ihren Geist. Es war alles genau da, wo es hingehörte. Zumindest für den Moment. Was war wohl ihr Problem gewesen?

Von weiter weg hörte sie ein Geräusch, aber sie konnte nicht genau vernehmen, um welches es sich handelte. Aber es schien eindeutig ein Mensch da zu sein, was bedeutete, dass sie nicht alleine hier war. Ihr Wissen war auf das absolute Minimum beschränkt, vielleicht konnte ihr ja dieser jemand, der da war, behilflich sein bei ihrer Suche nach Antworten. Emilia ging langsam in die Richtung, aus der das Geräusch kam und schon nach einigen Metern sah sie einen Mann, bekleidet mit einem dicken Fleecehemd, festen Arbeitsschuhen, Schutzhandschuhen und Ohrenschützern. Er war gerade dabei eine alte Fichte mit von Moos begrüntem Stamm zu fällen.

„Hallo“, rief Emilia zaghaft und als sie der Mann nicht hörte, da rief sie etwas lauter:

„Hallo, entschuldigen Sie bitte! Können Sie mir vielleicht helfen?“

Da drehte sich der Holzfäller überrascht um und fuhr sich mit dem Handrücken über seine verschwitzte Stirn.  Mit brummender Stimme schnaufte er:

„Ob ich helfen kann, weiß ich nicht, aber du kannst mir dabei helfen, diesen widerspenstigen, morschen Baum zu zerhacken. Da hinten bei meinem Rucksack liegt eine zweite Axt, schnapp sie dir und schlag kräftig in die Kuhle, wann immer ich es dir sage!“

Emilia blickte etwas perplex zwischen dem Baum, dem Holzfäller und dem Beil umher, aber schließlich ergriff sie es und stellte sich neben den Mann. Woher sollte sie denn wissen, wie man einen Baum fällt? Hatte sie das überhaupt schon einmal getan? Sie wusste es nicht. Woher auch? Sie wusste ja nicht einmal, wie sie hierhergekommen war! Aber wo sie schon mal hier war, konnte sie dem Mann genauso gut helfen, diese Fichte zu fällen. Abwechselnd schlugen sie also in die schon vorhandene Kuhle des Stammes ein und mit jedem Schlag kamen Emilia und der Holzfäller dessen Ziel etwas näher.

„Zur Seite“, rief der Holzfäller nach einer ganzen Weile. „Baum fällt!“

Knarzend und krachend knallte die Fichte auf den Boden und die zwei bisher einander Fremden gesellten sich zu ihr. Der Holzfäller holte ein Sandwich aus seinem Rucksack und gab die Hälfte seiner Baumfäller- Assistentin.

Sie saßen schweigend nebeneinander und Emilia grübelte darüber nach, was gerade passiert war. Sie hatte einen Fremden getroffen, der sie um Hilfe bat. Und sie gab sie ihm. Ohne Fragen zu stellen, ohne zu wissen, ob sie dazu überhaupt in der Lage wäre. Und obwohl sie eigentlich selbst dringend Hilfe gebraucht hatte, hatte sie drei Dinge lernen können: Dass man erstens um Hilfe bitten darf, dass man zweitens gemeinsam an das Ziel gelangt, an das man alleine einfach nicht herankommt und dass man drittens selbst daran wächst, wenn man anderen zur Seite steht.

Im Grunde wusste Emilia immer noch nichts über sich, außer dass sie bis vor kurzem des Lebens müde gewesen war, aber durch diese neue Erkenntnis, die sie gerade gewonnen hatte, fühlte sie sich besser und sie dachte:

„Im Grunde ist man nie allein. Helfende Hände scheint es überall zu geben, selbst an den einsamsten Orten.“ Und sie verstand noch weniger als vorher, warum sie von einer Brücke springen wollte.

„Hoffe, dass ich dir helfen konnte“, murmelte der Holzfäller, ohne eigentlich ein Wort gesagt zu haben.

„Das haben Sie sehr“, erwiderte Emilia dankbar, schluckte den letzten Bissen ihres Truthahnsandwiches hinunter, grüßte und machte sich auf den Weg. Zufrieden schlenderte sie weiter und stellte sich, aufgrund der Erfahrung, die sie gerade gemacht hatte, die Frage, ob sie in ihrem früheren Leben, das heißt dem Leben vor dem Gang auf die Brücke, einsam gewesen war. Das konnte sie sich nicht vorstellen. Immerhin war sie in dieser kurzen Zeit nur einem Menschen begegnet,  mit dem sie aber schon eine mehr oder weniger bedeutende Erfahrung teilen konnte: Sie hatten einen Baum gefällt.  Wenn schon eine einzige Tat, eine einzige Begegnung mit einem Fremden so viel Positives in ihr auslöste und ihr das Gefühl gab, gebraucht zu werden und die Gewissheit, dass Menschen füreinander da sind, wenn es darauf ankommt, wie war es wohl vorher gewesen?

Wie viele Begegnungen und Erlebnisse musste sie also bisher in ihrem Leben alle gesammelt haben!

„So schlecht kann meine Welt gar nicht gewesen sein.“

Vielleicht war sie nicht so der Menschenfreund gewesen, wer weiß. Vielleicht wollte sie ja auch für sich sein. Aber dann… tja, dann war der guten Frau auch nicht zu helfen! Emilia begann sich über ihr früheres Ich zu ärgern, das sie sich in ihrem Kopf zusammenspann.

Die Sonnenstrahlen in ihrem Gesicht vertrieben den kurzaufschäumenden Groll, der möglicherweise nicht gerechtfertigt war. Denn Emilias Situation war auch jetzt, als sie am Waldesrand die Straße entlanglief, immer noch dieselbe wie vorhin auf der Brücke: Sie war ein weißes Blatt Papier, auf dem sämtliche Notizen ausradiert wurden. Ein ziemlich zerknittertes noch dazu. Apropos Blatt Papier: Ihre Adidas Sneakers waren auf einen Zettel getreten. Er war zusammengefaltet und etwas schmutzig, aber ansonsten noch gut erhalten. Sie hob ihn sachte auf, pustete ihn von Erde und Staub sauber und faltete ihn auseinander. Das liniierte Blatt war beschriftet mit Wörtern und kurzen Sätzen, die offensichtlich ein Kind hingeschrieben hatte. Emilia las:

„Mein Lieblingstier ist der Vogel. Er kann hoch fliegen und ist frei und das finde ich schön. Am liebsten würde ich auch fliegen können, also so richtig, mit Flügeln. Das geht leider nicht, weil mir keine gewachsen sind. Ich habe nur Arme und Beine. Aber mit denen kann man auch tolle Sachen machen. Hoch in die Luft springen zum Beispiel und Vögel malen. Das macht auch Spaß.“

Und darunter war ein Vogel mit einem Hut gemalt. Ein Rotkehlchen. Emilia musste lachen, dachte über die Worte nach, die das Kind aufgeschrieben hatte und fand, dass sie von diesen Worten, die sie zufällig am Straßenrand gefunden hatte, eine Menge lernen konnte. Wieder drei Dinge um genau zu sein: Es ist gut, Träume zu haben. Träume treiben uns an, motivieren uns und halten uns lebendig. Gleichzeitig ist es gut, realistisch zu sein. Das was ist, ist. Manche Dinge kann man nicht ändern. Das man Arme und Beine hat, zum Beispiel, und keine Flügel. Aber drittens, und das ist wohl die größte Lehre dieses Zettels:  Es gibt Wege, die sich finden lassen, um dem eigenen Traum oder dem eigenen Weg näher zu kommen, und andere Dinge in unserem Leben, die wundervoll sind. Auch wenn es sich mit ihnen nicht fliegen lässt, sie machen trotzdem Spaß.

Ob dieses Kind wusste, welch kluge Worte es da hingekritzelt hatte? Emilia jedenfalls fand, dass sie reicher wurde durch sie und war dankbar, dass sie dieses wertvolle Blatt Papier gefunden hatte, faltete es wieder sorgfältig zusammen, steckte es in ihre Gesäßtasche und spazierte weiter. Irgendwann würde sie schon ankommen. Zuhause oder sonst irgendwo.

Nach einer Weile kam ein Auto angefahren. Emilia entdeckte es, als es um die Kurve bog. Es fuhr in ihre Richtung und kam ihr unheimlich bekannt vor. Der silberne Wagen verlangsamte sein Tempo und hielt neben Emilia an.

„Hallo, guten Tag, wen trifft man denn da! Emilia! Was machen Sie denn hier draußen?“, lächelte eine sympathische, ältere Dame mit kurzen, weißblonden Haaren aus dem Auto heraus, ohne Emilias Antwort abzuwarten. „Sind Sie alleine hier? Sie können mit mir nach Hause fahren, wenn Sie wollen. Glück gehabt, was? Dass Sie hier genau auf ihre alte Nachbarin treffen!“

„Sieht so aus“, erwiderte Emilia unsicher und erkannte ihre Nachbarin Ms. Leigh wieder.

„Steigen Sie ein, die anderen sind bestimmt schon zuhause und warten auf Sie!“

Emilia hatte nicht die geringste Ahnung, wen Ms. Leigh mit „die anderen“ meinte und wo ihr Zuhause war, oder was ausgerechnet ihre Nachbarin in dieser Gegend verloren hatte, aber sie war schon heilfroh, dass sie diese wiedererkannt hatte und in deren Auto sitzen konnte. Die alte Dame redete gerne und viel, und Emilia genoss es, einer bekannten Stimme zu lauschen. Diese Stimme meinte es gut mit ihr, denn sie sagte irgendwann:

„Wissen Sie Emilia, ich kann Sie verstehen und es ist ok, wenn Sie darüber nicht sprechen möchten. Über ihre Entscheidung, meine ich. Niemand zwingt Sie dazu, sich zu rechtfertigen, auch nicht Ihre Familie. Aber Sie sollen wissen, dass wir alle da sind. Egal auf welche Art und Weise. Es ist alles in Ordnung, wenn es für Sie so passt ist“, zwinkerte Ms. Leigh ihrer Nachbarin zu.

Sprach Ms. Leigh von dem Gang auf die Brücke? Wusste Sie etwa davon? Oder von welcher Entscheidung sprach ihre Nachbarin da genau? Egal, sie hatte das genau Richtige im genau richtigen Moment gesagt. Und Emilia hatte erneut etwas gelernt. Drei Dinge an der Zahl wieder, ganz klar. Erstens: Die Menschen, die dich umgeben und das Gefühl, das sie dir schenken, sind das Kostbarste auf der Welt. Zweitens: Du weißt, wie kostbar die Menschen sind, wenn sie dich so sein lassen wie du bist. Und drittens: Manches verflüchtigt sich von ganz alleine, was heißt, man muss nicht über alles reden. Ganz im Gegenteil; vielleicht wird oft zu viel gesagt und zu wenig gehandelt.

Emilia fühlte sich mit einem mal leichter und heiterer. Gut, sie wusste noch immer nichts über sich als Person, trotzdem glaubte sie nach der Begegnung mit ihrer Nachbarin, dem Holzfäller und dem Fund des Textes, viel über sich gelernt zu haben. Auf seltsame Art und Weise fand die junge Frau sich mit ihrer seltsamen Lage ab, denn sie hatte ja auch auf seltsamste Art und Weise (so viele glückliche Zufälle waren schon ziemlich verrückt) gerade gelehrt bekommen, dass man manche Dinge so nehmen muss, wie sie sind. Sie war wie das Kind, das sich Flügel wünschte. Sie würde sich wahrscheinlich nie daran erinnern, warum sie das vorgehabt hatte, was sie eben vorgehabt hatte. Aber Emilia fand viel wichtigere Antworten. Nämlich solche, die ihr dabei halfen, ihr neues Leben nach dem Moment auf der Brücke, in Angriff zu nehmen.


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Wie ein Puzzle an der Wand – ein Leben, drei Szenen daraus und eine Menge verrückter Gedanken

„{…] Egal wie aussichtslos eine Situation im ersten Moment wirkt, es ist nie hoffnungslos. Im besten Fall wird es sogar eine der wertvollsten Zeiten unseres Lebens.“

Mit diesem Facebook- Post bin ich diesen Herbst auf Antonia Tinkhauser aufmerksam geworden, eine Frau, die ich vom Namen und ihrer Bekanntheit als örtliche Theaterschauspielerin zwar kannte, der ich aber ansonsten noch nie zuvor begegnet bin. Ich las, was sie geschrieben hatte und ein Interview, das man mit ihr geführt hatte und dachte: „Diese Frau will ihre Geschichte erzählen und Menschen damit helfen und ich möchte es sein, die ihre Geschichte schreibt.“ Also kontaktierte ich diese mir ansonsten noch unbekannte Frau und siehe da: Sie verabredete sich mit mir, um sich anzuhören, was ich mit ihr vorhatte. Zur Tür herein kam eine wunderschön strahlende und lachende Frau, die mir auf Anhieb sympathisch war. Ohne jegliche Zurückhaltung, ohne Scheu, unverblümt und überraschend ehrlich erzählte sie mir die Geschichte ihrer Suche, auf der sie sich seit der Krankheit befindet, und benannte sie so: „Eigentlich ist es keine Krebsgeschichte, sondern die Geschichte eines Lebens.“

Darum schrieb ich diese drei Szenen einer Lebensgeschichte, beschmückte die junge Frau darin mit dem Namen Anna und jeder Menge wahrer und einigen verrückten Gedanken.

Szene 1- Sommer 2017

Der Vorhang öffnet sich. „Hör auf!“, schrie sie, als sie sich vor Schmerzen windend in ihrem Bett hin und her wälzte. „Es  reicht, Gott, hörst du? Schluss damit, sofort!“ Das viele Morphium wirkte nicht mal ein kleines bisschen gegen die kaum auszuhaltenden Rückenschmerzen. Annas Mann hielt seine weinende Frau fest und wartete mit ihr auf den Tagesanbruch. Als sie am nächsten Morgen mit ihrer Familie am Frühstückstisch saß, war ihr sauübel und sie hatte das Gefühl, die Medikamente drängen aus all ihren Poren heraus. Dies war bisher eindeutig der absolute Tiefpunkt ihrer Krebskarriere. Diese Karriere dauerte zwar „erst“ eineinhalb Jahre, aber immerhin. Nach ihrer ersten Diagnose und den ersten Chemotherapien war es schlimm gewesen. Aber beim großen Wiedersehen begleiteten Annas besonderen und schwierig zu behandelnden VIP- Krebs ein paar uneingeladene Freunde außerhalb der Brust. Die in der Leber waren zwar da, jedoch eher leise und unscheinbar, aber jene in den Knochen, tja,  die waren nicht besonders freundlich. Eigentlich waren es richtige Arschlöcher, die ihr unfassbar große Schmerzen als Gastgeschenke mitbrachten.

Draußen war es mittlerweile Sommer, aber in ihr drin war es das nicht – es fühlte sich eher wie das Ende aller Jahreszeiten an. Sie kannte das plötzlich über sie hereinbrechende Gefühl nicht, denn eigentlich trug sie die Sonne in ihrem Herzen und war bei allen für ihre positive Art bekannt. Nicht mal als Anna vor einem Monat erfuhr, dass die Prozedur wieder von vorne beginnen würde, war sie pessimistisch gewesen. Aber nun … Eigentlich wollte sie das nicht mehr. Sie wollte. Nicht. mehr. Aus. Der Juni war ein guter Monat zum Sterben, das heißt, für sie machte es keinen großen Unterschied, aber sie überlegte, dass es für ihre Familie und ihre Freunde in einem warmen Monat wohl angenehmer wäre, auf dem Friedhof zu stehen und ihren Sarg hinunterzulassen. Das war das Mindeste nach all dem, was sie ihnen zugemutet hatte. Wie oft hatte sie ein schlechtes Gewissen ihren beiden Kindern gegenüber, ihrem Mann und ihren Freunden. Ihrer Mutter. „Es tut mir leid, dass ich krank bin“, hatte sie einmal zu ihrem Mann gesagt. Und es tat ihr wirklich leid. Das letzte, was Anna sein wollte, war eine Bürde. Schon die Beichte ihren Liebsten gegenüber, dass sie krank war, war hart für sie gewesen. Manche ihrer Freunde hatten so gelitten, dass sie selbst noch mehr litt, aber viele gaben ihr Kraft, trugen sie in der schweren Zeit und lehrten ihr, dass sie Hilfe annehmen durfte. Trotzdem bedauerte sie, was sie ihren Mitmenschen damit zumutete.

Aber an diesem Tag im Juni am Frühstückstisch, hatte sie kein schlechtes Gewissen mehr, bloß weil sie den Wunsch hatte, nicht mehr Leben zu wollen. So oder so: Sie würde Weihnachten nicht mehr erleben. Ihr Mann, ihre Kinder … sie würden schon klar kommen irgendwie. Ein Leben ohne Anna war auch ok. Aber Gott, den sie suchte, obwohl sie nie wirklich an ihn geglaubt hatte, der eine Allmächtige, den sie angeschrien und dem sie befohlen hatte, dass es nun genug sei mit dem Schmerz, er schien es zu hören! Anna fand es merkwürdig und verrückt und wahrscheinlich war es bloß ein dummer Zufall, aber seit jener morphiumvollgepumpten, gottverfluchenden und zerfressenden Nacht, waren die Schmerzen fort. Bei der folgenden Untersuchung bei ihrer Onkologin erfuhr sie, dass der Krebs in ihren Knochen zurückgegangen war. Immerhin war er dort sehr hartnäckig und die Ärztin sprach von einem kleinen Wunder. Aber sie selbst wusste, warum es eingetreten war. Vermutlich hatte Gott keinen langen weißen Bart und saß auch auf keiner Wolke, und vielleicht hatte er einen ganz anderen Namen, aber er – oder zumindest irgendetwas – hatte die Energien in eine Richtung umgeleitet, in der es ihr besser ging. Viel besser. Und der Wunsch zu Sterben verpuffte auf einmal wieder in Annas Hoffnung und machte Platz für ihre Suche. Es war harte Arbeit wieder positiv zu denken, aber es war ihr großes Glück, dass sie ein positiv gestimmter Mensch war. Somit waren die grausamen Szenen ihres absoluten Tiefpunktes vorbei.

Vorhang zu. Kein Applaus für diese schrecklichen Szenen.

Szene 2- Herbst 2017

Vorhang auf. „Hey“, dachte Anna sich, „ich kann ganz gut Krebs haben!“ Immerhin kramte sie wieder nach den Puzzleteilen des großen Ganzen, das durch ihre Krankheit zu bröckeln angefangen hatte. Es waren einige Teile des riesigen Puzzles an der Wand verloren gegangen und sie war wieder überzeugt davon, dass sie Verantwortung für ihr Genesen übernehmen musste – und dazu gehörte eben, dass sie die fehlenden Stücke wieder einsammelte. Leider war es eine sehr lange Liste, aber das mit der Bewegung an der frischen Luft und der gesunden Ernährung machte sie schon recht gut. Den Zucker aus ihrem Leben zu streichen war genauso einfach, wie jeden Tag in den Wald zu gehen. Wenn sie sich mal nicht daran hielt, dann fühlte sie sich schlechter, es war also eine ganz einfache Rechnung. „Warum nicht konsequent sein?“, dachte sie, als sie an einem schon recht kühlen Herbsttag wieder einmal durch den Wald schlenderte. Das Einatmen der sauberen Luft und die Natur taten ihr gut, ebenso einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen. Irgendwie war für Anna ja nichts mehr selbstverständlich. Aber zumindest konnte sie einiges beeinflussen. Schwieriger war es dann schon, wenn es um die Dinge ging, die ihren Geist und ihr Herz betrafen. Sie war glücklic; zwar war der Krebs da, aber sie war wieder glücklich. Bloß schäumte immer wieder die Frage in ihr auf: „Welche Aufgabe im Leben habe ich?“ Auf eine skurille Art und Weise war sie froh, dass sie sich damit befassen musste, weil es schon vor der Krankheit so war, dass sie nicht mehr gewusst hatte, wohin mit sich. Oft überlegte sie, ob sie den Krebs heraufbeschworen hatte. Sie hatte einen Ausweg gesucht, etwas, das sie dazu bringen würde, ihr Leben neu zu ordnen, etwas das ihr eine Auszeit vom Alltag auferzwingen würde. Vermutlich war sie heute als Krebspatientin glücklicher als zuvor. Wie furchtbar undankbar und unwirklich das klingt! Aber es war die schlichtweg ehrliche Frage, die sie sich stellte: „Habe ich es mir herbeigewünscht?“

Letzte Nacht hatte es geregnet und der Wald wurde vom herrlich frischen Duft durchzogen, den Anna so liebte. Es roch nach Neuem, Unverbrauchtem, Reinem. Wenn sie ihn tief einatmete, diesen Duft, dann spürte sie, wie sich jede noch so kleine, jede noch so kranke Zelle ihres Körpers bei ihr bedankte. Sie atmete tief und ruhig in sich hinein und gönnte sich einen Moment der Besinnung, der für sie schon an Meditation grenzte. Spiritualität war ein ganz neues Thema, ein Puzzleteil, das sie zuvor nie wahrgenommen hatte. Vielleicht, wenn man gesagt bekommt, dass man stirbt, vielleicht beschreitet man dann neue Wege; alles versuchen, alles dafür geben, wenn Mensch nach dem nackten Überleben schreit. Sie spürte den knirschenden Boden unter ihren Füßen und versuchte zu verstehen, warum sie durch diese Zeit, in der sie sich nun mal unweigerlich befand, das Leben mehr zu fühlen vermochte als zuvor, immerhin besaß sie alles, was sie hätte zufrieden sein lassen sollen: Einen Mann, der sie über alles liebte, zwei wundervolle Kinder, tolle Freunde und sie hatte ihren Lebenstraum, Schauspielerin zu werden und auf der Bühne zu stehen, wahr werden lassen. Sogar eine Theater- und Musical Academy hatte sie mit ihrer Freundin gegründet. Es konnte eigentlich nicht besser sein. Aber vielleicht lenkte all das, wofür Anna so hart arbeitete, vom Wesentlichen derart ab, dass das wirkliche Glücksgefühl keine Zeit mehr hatte aufzuschäumen. Stress – der Auslöser für den Parasiten in ihr? Das Ventil hatte ihr mit Sicherheit gefehlt, denn wann hatte sie schon die Zeit, auf sich und ihren Körper zu hören? Seine Signale überging die 37-Jährige und war infolgedessen übellaunig gewesen. Vielleicht nicht von außen – denn natürlich wollte sie nie als schlecht gelaunte Person dastehen – aber innerlich war sie es.

Außerdem war sie sich sicher, dass sie ihre Prioritäten lange falsch gesetzt hatte. Wie viele Wochenenden war sie nicht Zuhause gewesen? An wie vielen Abenden brachte ihr Mann die Kinder ins Bett, während Anna für Proben und Auftritte auf der Bühne gestanden hatte oder sich mit der verflixten Bürokratie in ihrem Büro herumgeschlagen hatte? Wie oft zog sie die Theaterfamilie ihrer eigenen vor? Damals war das Schauspiel alles für sie gewesen, nichts kam ihm nahe und es gab nichts, was ihr mehr gegeben hätte. Sie lachte in sich hinein. Heute dachte sie definitiv anders, sah die Dinge anders und erkannte, dass sie viele oberflächliche Freundschaften gelebt und viel unüberlegte Entscheidungen getroffen hatte. Damals hätte sie abends bei ihrer drei Monate alten Tochter bleiben sollen. Jetzt war Anna schlauer und holte die fehlende Zeit mit ihr nach. Sonntage hätten öfters der Familie gehören sollen – nicht der Bühne. Ein paar Mal mehr hätte sie ihr echtes Leben leben sollen und ihre eigene Rolle als Anna, als die von Königinnen oder Diktatorgattinnen. Aber es fiel ihr damals schwer, anderen eine Rolle zu überlassen, die sie von Anfang an, als die ihre empfand. Ihr eigenes Tun war spitze, das Verhalten der anderen falsch – so hatte sie geglaubt. Meine Güte, war sie überzeugt von sich gewesen … Dafür belächelte sie sich heute selbst. Nein, die anderen machten es genau richtig. War sie egoistisch? Heute wahrscheinlich weniger als vor der Krankheit. Anna tat Gutes für ihre Mitmenschen, aber wirklich selbstlos fand sie sich nicht. War alles, was sie bisher getan hatte, nur dazu da, ihr ein gutes Gefühl zu geben? Um anderen zu gefallen? Die neuseeländische Heilerin, mit der sie seit einiger Zeit in Kontakt stand – denn wie gesagt, man lässt nichts unversucht, um zu überleben -, beschrieb sie, als existiere sie in einem schützenden Gummiball, ihr metaphorisches Energiefeld sozusagen. Das ihre sei angeblich stark durchlöchert – nun würde man meinen: Natürlich sind Löcher darin, das ist dasselbe fehlerhafte Muster wie beim Puzzle, aber Anna interpretierte diese Theorie anders: „Vielleicht besitzt mein Gummiball Löcher, aber es geht keine Energie durch sie verloren, nein. Ich glaube zu wissen, dass ich mir die Energie von außen hole. Weil ich ein egoistischer Mensch bin. Weil ich ein Kopfmensch bin, und als solcher auf sich bezogen.“ Durch diese Selbsteinschätzung zweifelte sie an ihrer Authentizität. Aber wie authentisch kann man als Schauspielerin schon sein?

Nach ungefähr einer Stunde im Wald machte sich Anna auf den Weg nach Hause. Es brach die Zeit des Jahres an, in der es früher dunkel zu werden begann, Tag für Tag; eine melancholische Jahreszeit, noch mehr als es der Herbst war. In ihrem Auto war es genauso kühl, wie draußen. Also ließ sie den Motor an, drehte die Heizung voll auf und rieb sich die Handflächen, bevor sie losfuhr. Authentizität … Ihr Ziel war es nun definitiv, sich zu erden und alles zu verbannen, was ihr Energie raubte. Ja, sie hatte furchtbar grauenhafte Momente in ihrer Krankheit, die sie – und dieses Mal wirklich uneigennützig – niemanden wünschte. Aber die Augenblicke der Erkenntnisse und Offenbarungen, die der Schönheit überwiegten. So wie heute. Nie wieder wollte sie derart verbissen etwas hinterherjagen, auch nicht der Schauspielerei. Oder sich in Grund und Boden schuften. Wieder einige Puzzlestücke gefunden. Sehr gut.

Irgendwie mochte sie die Stimmung des frühen Abends, auch wenn er zu früh einbrach. Ab nach Hause zu ihren Lieben, sie waren bestimmt alle schon da.

Vorhang schließt sich. Tosender Applaus für so viel Ehrlichkeit.

Szene 3- Vor dem Schlafengehen

Vorhang auf. Das Beisammensitzen mit ihrem Sohn, ihrer Tochter und ihrem Göttergatten wärmte sie mindestens so sehr, wie die heiße Suppe, die sie löffelten. Die Familienmutter brachte ihre Kinder ins Bett und nahm sich wie immer ausreichend Zeit dafür, sich mit ihnen zu unterhalten und sich anzuhören, wie sie ihren Tag bewältigt hatten. Und wie immer war es ihre Tochter, die nicht müde zu kriegen war. Es gab so vieles, das sie loswerden wollte – das Leben einer Fünfjährigen war aber auch spannend! Als Anna wenig später ins Badezimmer schlurfte, um sich fürs zu Bett fertig zu machen, war sie entspannt und zufrieden. Über die heitere und stets ungezwungene Art ihrer Tochter musste sie schmunzeln; sie bewunderte sie dafür und musste sich noch viel von ihrem Mädchen abschauen. Und ihr kleiner großer Junge … Herrlich wie er Frei Schnauze lebte … Ein bisschen wie sie selbst. Schon lustig. Sie zog sich ihren Pyjama an und dachte an ihren Mann, ihren Fels in der Brandung. Am meisten bewunderte sie ihn, den Realisten, der wissenschaftlich daran festhält, dass seine Frau den Krebs nicht überleben würde, sie aber gleichzeitig in seine Vorhaben Jahre später mit einplante. Er, der nicht viel von den neuen spirituellen und göttlichen Abenteuern seiner Ehefrau hielt, und schon gar nicht großartig über die Krankheit nachdachte – außer, dass er auf die Chemo bestand. Schlimme Tage hatte er definitiv, aber er hatte einen Weg gefunden. Warum sollte er über etwas nachdenken, das noch nicht eingetreten war? Anna liebte ihn für diese Normalität, die er ihr schenkte.

Nun, in diesem Moment stand sie nicht vor ihrem Mann, sondern vor ihrem größten Feind: Ihrem Spiegelbild. Wie jeden Abend nahm sie ihre blonde Perücke ab und musste sich ihren kahlrasierten Schädel ansehen. Sie hatte sich die Haare selbst abrasiert, beide Male – bei der ersten Chemo und in diesem Jahr wieder. Wie sehr Anna ihre lange, braune Haarpracht vermisste … Aber ok, damit kam sie klar. Auch mit den falschen Wimpern und den aufgemalten Augenbrauen, die sie selbst zwar skurril, aber ebenso ok fand. Womit sie ein ernsthaftes Problem hatte, war die Tatsache, dass auf ihrem Schädel ganz dick und fett „Krebspatientin“ zu stehen schien, sobald sie die falschen Haare abmachte. Die Glatze machte es so verdammt reell. Nicht nur für sie, vor allem für ihre Kinder. Jedes Mal, wenn sie in den Spiegel schaute, sah sie den kleinen, unverschämten Tod auf ihrer Schulter sitzen. Ansonsten spürte sie ihn, wie er sie tagsüber bei jeder Aktivität, die sie durchführte, ob heiter oder nicht, bei jedem Gespräch, das sie führte, ob es ein gutes war oder nicht und bei jedem noch so kleinen Erlebnis, ob wunderbar oder nicht, wie er sie immer leicht anstupste, während er da saß. Mit seinen winzigen, kalten Fingerchen trübte er alles Schöne. Mistkerl. Seit sie die Glatze hatte, konnte sie ihn nicht einmal mehr unter ihrer Wallemähne verbergen. Das Abrasieren der Haare war tatsächlich ein prägender Moment für sie. Aber davon gab es noch einige mehr. Allen voran die beiden Momente, in denen sie erkannt hatte, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Beim ersten Mal alarmierte sie der Knoten in der Brust, beim zweiten Mal war es der angeschwollene Lymphknoten am Hals. Beim ersten Mal war es ein Einbruch in eine neue Welt, beim zweiten Mal keine große Überraschung mehr. Anna wusste, dass der Krebs wiederkommen würde. Als der Arzt sie angerufen hatte und ihr das erwartete Ergebnis mitteilte, war sie … ja, erleichtert gewesen, weil sie ihrer Intuition trauen konnte. Wie verrückt war das bitte? Dass man ihren VIP- Krebs, wie sie ihn selbst getauft hatte, nicht wie einen 0815 Krebs hormonell behandeln konnte, war natürlich eine Mitteilung, auf die sie liebend gerne verzichtet hätte. Unheilbar lautete die Diagnose. „Wir zögern dein Ableben so lange es geht hinaus“, hieß es. Und doch war sie sich sicher, dass sie gesund werden würde. Denn auch das sagte ihre Intuition, und die lag immerhin schon mehrere Male richtig. Zweifel hatte sie ausschließlich dann, wenn sie Schmerzen hatte, aber seit die Therapie anschlug und diese wie ausradiert waren, waren auch die Zweifel weggeblasen. Nur der lästige kleine Tod auf der Schulter tippte sie an, aber vielleicht wollte er Anna bloß daran erinnern, dass sie die Suche nach den Puzzleteilen nicht vergaß. Denn das Bild an der Wand war noch immer voller Lücken. Sie schlossen sich. Eine nach der anderen. Da war sie sich sicher, denn sie liebte ihr Leben. Es war ein schönes, ein geiles Leben, und dieses gab sie nicht her. Nicht so lange Anna das letzte Wort hatte. Das hatte sie. Und wie sie das hatte.

Vorhang zu. Standing Ovation für so viel Überlebenswillen.


Viele Menschen, die sich in einer scheinbar aussichtslosen Situation wie Anna oder Antonia befinden, ziehen sich zurück und glauben, dass viele ihrer Gedanken und Gefühle falsch oder unpassend sind. Antonia Tinkhauser wollte dieses Tabu brechen und bot zu Lebzeiten ihre Hilfe diesbezüglich an. Darüber zu sprechen macht es zwar realer, aber es hilft. Denn nur wer sein Schicksal annimmt, kann es auch ändern.

„Man darf sich nie aufgeben. So lange man lebt,

besteht die Chance zu überleben.“

Antonia Tinkhauser


Liebe Antonia,

ich danke dir aus tiefstem Herzen dafür, dass du mir die Ehre und das Vertrauen zuteil hast kommen lassen, deine Gedanken- und Gefühlswelt in Form dieser Real- Life- Story nieder zu schreiben. Danke, dass du dich schon bei unserem ersten Treffen so geöffnet hast. Dass du ehrlich warst, witzig und ernsthaft. Dass du mir deine Seele „entblößt“ hast. Danke für deine schönen Metaphern und Wortbilder, die mir beim Schreiben sehr geholfen haben.

Du warst eine einzigartige und starke Frau, von der ich auch viel über mich selbst und meine Sicht auf die Dinge lernen konnte und ich bin mir sicher, dass deine Geschichte weiterhin noch viele Leute berühren wird – wie du durch deine herzliche Art und deine Geschichte auch mich berührt hast.

Ruhe in Frieden.

Sarah


Möchtest auch DU deine Geschichte erzählen? Schreibe mir!


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#beautyismore

Zeit für einen wichtigen Gedanken. Oder besser gesagt einen Gedanken, der MIR sehr am Herzen liegt, weil wir in einer gewaltigen Flut voller Oberflächlichkeiten leben und wir von Welle zu Welle, Tag für Tag unbemerkbar von ihr mitgetragen werden. Jeder bemüht sich schön zu sein, aber niemand weiß, wie schön er wirklich ist. Der Mensch ist mehr als das, was wir im ersten Moment von ihm erfassen. Schön ist nicht ein Gesicht, weil es irgendeinem Ideal entspricht. Schön ist nicht ein Körper, weil er den Bildern der Modezeitschriften gleichkommt. Es ist nicht das, was wir äußerlich sehen. Schönheit meint nicht die Hülle, die unser Menschsein einfasst. Wir fühlen sie. Denn Schönheit ist mehr.

Lasst mich von der Schönheit der Menschen erzählen, die mich in meinem Leben umgeben und denen ich auf meinem Weg begegnet bin, ganz ohne ihr Gesicht, ihren Körper oder das zu beschreiben, was sie tragen. Denn für mich sind sie alle wunderschön. Jeder einzelne. Jeder auf seine Weise.  Jeder einzig in seiner Art.

Ihr alle: Du, du und du. Und ich hoffe, dass DU dich in dem einen oder anderen Satz wiederfindest 💛

Warum du schön bist?

 

Weil du Güte besitzt und Freundlichkeit.

Weil du dir Fehler eingestehen und aus ihnen lernen kannst.

Du stehst zu dir, auch wenn du Mist gebaut hast.

Weil du ganz einfach menschlich bist.

Du trägst keine Maske, um anderen zu gefallen. Du bist, wie du bist.

Du bist echt.

Du stellst dich selbst auch mal hinten an und lässt andere zu Wort kommen.

Du kannst dich aus tiefstem Herzen freuen.

Weil du das Wunderbare siehst, immer und überall.

Du besitzt eine Prise Verrücktheit

und eine große Portion Selbstironie.

Du bist ein Mensch, der für etwas brennt und voller Leidenschaft ist.

Du nimmst dir Zeit für andere, anstatt sie ständig nur einzufordern.

Du schwimmst gegen den Strom, nicht weil es Spaß macht, sondern weil du überzeugt von deiner Richtung bist.

Du weißt dein Glück zu schätzen.

Weil du deine Ziele verfolgst, aber nie vergisst , woher du kommst.

Du bist genügsam,

und bist einfach schön, weil du von innen heraus strahlst.

Weil du die richtigen Dinge zur richtigen Zeit sagst

und du gar nicht erst versuchst, perfekt zu sein.

Weil du es auch gut mit dir selbst meinst

und weil du jemand bist, der Herausforderungen annimmt.

Weißt du, dass du auch dann wundervoll bist, wenn du mal einbrichst,

Und weil du daran nicht zerbrichst?

Weil du stark bist, obwohl du auch mal schwach bist?

Du bist schön, weil du insgeheim von einer Bilderbuchwelt träumst, obwohl du Realist bist.

Weil du geliebt wirst

und dein Strahlen ist noch größer, weil du selbst liebst.

Weil du oft gar nicht weißt, dass du all das bist, bist du wunderschön.

..when you just sit in silence, the wind blows through you, the sun shines in you and you realize you are not your body, you are everything.” 

(Anita Krizzan)

Was bedeutet Schönheit für dich?

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(Einen großen Dank an dieser Stelle an die liebe Fotokünstlerin Lisa Renner, die mich zu dem Photoshooting überredet hat und mich damit und dem Zitat von Anita Krizzan zu diesem Text inspiriert hat 🙏🏼 Werft einen Blick in ihre großartige Arbeit unter https://m.facebook.com/ZeitgeistLisaRenner/)

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Das andere Leben (Teil 1)

Der Urlaub an der französischen Còte d´Azur war für Danny eigentlich zu teuer. Mit Müh und Not hatte er das Geld dafür zusammengekratzt, um seiner Frau Rose und seinem fünfjährigen Sohn Sam zumindest eine Woche im Paradies zu gönnen. Wenn Danny ganz ehrlich war, wäre er gar nicht erst hier, hätte gar nicht erst Urlaub genommen und säße stattdessen in seinem Büro um die Akten abzuarbeiten, die sich auf seinem Schreibtisch sicherlich schon gesammelt hatten. Seit zwei Tagen waren die Westwoods erst hier und schon jetzt hatte Danny keine große Lust mehr drauf. Er war nicht der Urlaubstyp und das tatenlose Rumliegen in der prallen Sonne war nicht seines.

Am Abend des zweiten Tages saßen die Westwoods im Restaurant, als am Nebentisch ein großgewachsener, kräftiger Mann mit seiner Familie Platz nahm. Danny schätzte, dass er in etwa fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt sein mochte. Er trug ein hellrosanes Hemd, dessen Kragen nach oben stand, eine riesige Rolex an seinem Arm und sprach mit seiner Frau auf Russisch. Diese war unglaublich schön: Jung, groß, schlank und ein Gesicht wie eine Porzellanpuppe. Die konnte doch nicht älter als sechs- oder siebenundzwanzig sein, dachte Danny und ertappte sich dabei wie er sie anstarrte. Ein enges rotes Kleid ließ erahnen, welch ein astreiner Körper sich darunter verbarg und ihre langen, dunkelblonden Haare saßen perfekt, ihr glänzender Lippenstift war fein säuberlich aufgetragen.

„Na“ unterbrach Rose sein Gaffen, „können wir jetzt bestellen oder brauchst du noch ein bisschen, um der Frau ein Loch in den Bauch zu starren?“

„Ich habe doch nur geschaut, wer unsere neuen Tischnachbarn sind“, antwortete Danny schnell.

„Ja klar, wenn ich auch mal so angeschaut werden würde von dir, dann hätten wir es zuhause auch mal wieder spannender.“

„Rose, lass gut sein!“

„Wie immer.“

Den restlichen Abend schwiegen sich die Beiden an, nur Sam schien nicht genug davon zu bekommen, von seinen neuen Freunden hier in der Hotelanlage zu schwärmen. Es ging nicht anders, aber Danny musste immer wieder zu der russischen Familie hinüberblicken. Das war doch eindeutig eine Heirat aufgrund seines Reichtums. So ein hübsches Ding hätte sich der Kerl sonst doch nie geangelt. Warum machte Rose sich nie so schick? Ja, sie war ganz hübsch anzusehen, aber seit einiger Zeit putzte sie sich nie mehr so wirklich heraus. Und deren Sohn schien sehr wohlerzogen zu sein. Hatte richtige Tischmanieren. Davon konnte sich Sam eine Scheibe abschneiden. Womit der Russe wohl sein Geld verdiente? Womit verdienten generell die reichen Russen ihr vieles Geld?

Sie schaute ihn an, die hübsche Frau. Während sie ihre Riemchensandalen zurechtrückte, blickte sie ihn direkt an, lächelte und zog mit der Hand, die eben noch am Schuh war, ihr Bein nach, bis sie sie auf dem Tisch wieder hinlegte und ihren Blick abwandte. Danny spürte, wie er von dieser kleinen Handlung sehr angetan war und hatte Mühe sich wieder auf seinen Sohn zu konzentrieren. Und Rose? Rose suchte gerade ihr Handy in der Handtasche und hatte nichts mitbekommen.

„Meine Mutter hat gesagt, sie ruft mich an und gibt mir Bescheid, wie es im Krankenhaus gelaufen ist. Es ist bald halb 10 und sie hat noch immer nichts von sich hören lassen.“ Murmelte sie vor sich hin, aber Danny war mit seinen Gedanken abwesend. Dann plagte ihn sein Gewissen und er versuchte sich auf seine Frau zu konzentrieren. Es ging ihr im Moment nicht besonders, weil ihre Mutter erkrankt war. Der Urlaub sollte sie auch davon etwas ablenken. Danny sollte sie ablenken und stattdessen schaut er irgendwelchen jungen Frauen hinterher.

„Lass uns noch am Strand spazieren gehen“ sagte er versöhnlich zu seiner Frau.

Am nächsten Tag lag Danny am Pool und las seine Zeitung, Rose wollte mit Sam in den Kinderclub. Die Sonne schien schon in diesen Morgenstunden besonders stark vom Himmel, sodass es am Strand nicht auszuhalten wäre. Während er Seite für Seite umblätterte, sah er im Augenwinkel die hübsche junge Russin mit ihrem Sohn um die Ecke kommen. Wieder konnte Danny seinen Blick nicht abwenden. Sie trug eine große, teure Sonnenbrille, einen schwarzen Bikini und hatte um die Hüfte ein schwarzes, transparentes Strandtuch gebunden. Ihre Haare trug sie zu einem hohen Rossschwanz. Sie war eindeutig ein Model, da war sich Danny sicher. Ein paar Meter dahinter tauchte auch ihr schwerreicher Ehemann auf, mit zwei Cocktails in der Hand. Die drei besetzen die Liegen direkt neben den Westwoods. Der Russe hielt seiner Frau einen Cocktail hin, woraufhin diese irgendetwas sagte.  Um nicht zu neugierig zu wirken, versuchte sich Danny auf seine Lektüre zu konzentrieren.

„Wollen sie Mojito, Kumpel?“ fragte ihn der Russe plötzlich, mit einer tiefen, aber doch laut Stimme.

Etwas überrascht antwortete Danny: „Wie bitte? Den Mojito?“

„Ja, Frau will ihn nicht, und zwei Cocktails so früh am Morgen schaffe ich nicht! Obwohl bin ich Russe!“ lachte er laut.

„Ja… ja, warum nicht. Vielen Dank.“

„Nikolaj Sorokin ist mein Name, und hier… das ist meine Frau Oksana und das mein Sohn Ivan.“

„Freut mich, freut mich sehr. Ich bin Daniel Westwood.“ Danny war etwas überrumpelt, schüttelte aber allen die Hand und lächelte freundlich. Die junge Frau sah aus der Nähe noch viel besser aus. Oksana.

„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, Nikolaj. Sie sind gestern angereist, richtig? Sie sitzen im Restaurant neben uns.“

„Jaja, gestern sind wir angekommen. Flug war zu spät, weil Privatjet konnte nicht landen, aber naja. Man glaubt, mit Geld ist alles einfacher, ist es nicht immer. Wenn Mann im Tower sagt: Nicht landen, dann dürfen auch 100 Millionen nicht landen. Aber für Rückreise passiert nicht mehr… habe schon dafür gesorgt.“

Was er genau damit meinte, wusste Danny zwar nicht, aber er wollte nicht nachhaken. „Na dann ist gut… Wie lange bleiben Sie?“

„Bis Sonntag, dann wir fliegen weiter, das ist nur Zwischenstopp.“ Mit drei Schlucken war Nikolajs Mojito leer. Oksana hatte sich fertig eingecremt, als sie aufstand und zum Pool ging. Danny kam nicht umhin, ihren makellosen Körper von oben bis unten anzusehen. Trotz seiner Sonnenbrillen schien der Russe es zu merken, denn er sagte mit lauter Stimme:

„Hübsches Ding meine Frau, nicht wahr? Jung, attraktiv und sagt nicht viel. Perfekt, nicht wahr.“ Und lachte wieder.

Danny war etwas überfordert mit der ganzen Situation, und spürte wie sein Gesicht rot wurde. Der Mojito um halb zehn morgens hatte es zudem in sich.

„Alles gut Kumpel, alles gut. Wir bestellen noch Mojito und lassen es uns gut gehen, in Ordnung?“

Als Rose mit Bobby zurückkam, saß Danny bei seinem dritten Getränk und unterhielt sich mittlerweile sehr lebhaft mit dem Russen. Sie schien über die Situation nicht besonders erfreut zu sein.

„Na da hat uns jemand aber nicht sonderlich vermisst“, sagte Rose aneckend, jedoch mit einem sehr freundlichen Lächeln. Das konnte sie gut. Danny machte sie bekannt und erstaunlicherweise war Nikolaji so charmant zu Rose, dass sie ganz ehrlich verlegen wurde von seiner höflichen Begrüßung. Danny kam es beinahe so vor, als hätte sie ihre Eifersucht Oksana gegenüber vergessen. Konnte sie im Grunde auch. Auch wenn Danny das Model attraktiv fand, so hatte Rose nichts zu befürchten. Und das wusste Rose in ihrem Inneren. So kam es, dass die beiden Familien den ganzen Tag miteinander am Pool verbrachten, um am Ende des Tages mit einer Portion Geselligkeit, Neugierde und Neid ins Zimmer zurückzukehren, um sich dort für den Abend zurecht zu machen.

„Das ist doch Wahnsinn, was manche für ein Schwein haben oder? Ich meine, wir leben nicht gerade schlecht, aber was diese Leute Geld zum Fenster rauspfeffern können, das ist doch verrückt.“

Auch Sam war ganz beeindruckt von der wohlhabenden Familie: „Mama, Ivan hat zuhause einen eigenen Spielplatz im Garten. Der gehört ihm ganz allein. Und ein Pferd. Und er ist erst sechs! Darf ich mal zu ihm spielen, Mama?“

„Nein Schätzchen, Sankt Petersburg ist definitiv eine Nummer zu groß für uns. Außerdem: Geld ist nicht alles. Wer weiß, ob die Leute auch wirklich glücklich sind mit so einem Leben“ meinte Rose, während sie sich ihren Bikini auszog und in die Dusche stieg.

„Soll das ein Witz sein, Rose? Heute sind sie noch hier in Frankreich, und nächste Woche in Miami Beach. Der Kerl besitzt einen Rolls Royce, `nen Privatjet, eine Yacht, eine Privatvilla am Bodensee, eine Modelfrau und eine fette Rolex am Arm. Und muss dafür anscheinend nicht mal sonderlich viel arbeiten. Nikolaj hat definitiv alles, was man sich so wünscht.“

Einige Minuten war bis auf das Plätschern in der Dusche nichts zu hören. Nach einer Weile machte Rose das Wasser aus und kam mit einem weißen Handtuch bedeckt heraus.

„Ok Danny… Und was hast du?“ Rose war von seiner Aussage definitiv gekränkt.

„Mein Gott, Schatz, du weißt doch genau wie ich das meine…“

„Ja klar. Wir sind heute in Frankreich, das wir uns gerade so leisten können, und nächste Woche schon wieder zu Hause in unserem Alltag. Du besitzt einen Kleinwagen und mietest eine Dreizimmerwohnung in der wohl unspektakulärsten Stadt Englands. Du hast eine alte Armbanduhr, die du von deinem Vater vererbt hast und die du grottenhässlich findest. Und… du hast bloß mich. Hoffentlich freust du dich zumindest über deinen Sohn.“

Bevor Danny irgendetwas erwidern konnte, war Rose aus dem Bad gestürmt. Er konnte sehen, dass sie Tränen in den Augen hatte. Es lief nicht besonders gut zwischen den Zweien, schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Danny wusste nicht, woran es lag und Rose wusste es auch nicht. Aber diese strohdumme Aussage von gerade eben, hat ihre Situation definitiv nicht verbessert.

Um den Abend halbwegs zu retten, schlug Danny die Einladung von Nikolaj aus, sich zu seiner Familie an den Tisch zu setzen. Danny wandte sich nicht einmal von Rose oder Sam ab, seine Aufmerksamkeit galt nur ihnen.

Auch am nächsten Tag mied Danny den Kontakt mit den Sorokins bewusst. Er wollte nicht noch mehr Unmut in den Urlaub bringen und wollte Rose vergessen lassen, was er von sich gegeben hatte. Er liebte sie und wollte nichts riskieren. Er sollte den Urlaub genießen, er sollte ihn mit seiner Frau und seinem Kind genießen, er sollte glücklich sein, mit dem, was er hatte. Denn das, was er hatte, war eigentlich wunderschön, nur vergaß er es ab und an. Rose schien sich auch beruhigt zu haben und so konnten sie sich wieder friedvoll miteinander unterhalten. Sogar den Kuss, den er ihr gab, erwiderte sie, als er sich kurz verabschiedete.

„Ich hole schnell Sams Sandspielzeug im Zimmer, bin gleich wieder da.“

„Ist gut.“

Danny war guter Dinge, dass die restlichen Urlaubstage noch schön wurden. Jedenfalls würde er alles dafür tun. Auf dem Weg durch die große Parkanlage hörte er Nikolaj Sorokin hinter sich rufen.

„Danny! Mein Freund! Warten Sie.“ Der Mann kam, bis er mit Danny Schritt hielt. „Alles gut? Haben wir etwas falsch gemacht?“

„Nein, nein, es ist alles in Ordnung… Sie müssen nur verstehen, meine Frau wünscht sich etwas Zeit mit mir. Alleine sozusagen, als Familie. Aber es ist nichts gegen Sie persönlich. Wir finden Sie, Oksana und Ivan wirklich sehr nett.“

„Aaaah, das ich gut verstehen. Da sind Frauen alle gleich. Aber ich schon gemerkt, dass Sie uns finden nett. Besonders Oksana, nicht wahr?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen…“

Nikolaj lachte und gab Danny einen kräftigen Klaps auf die Schulter. „Kommen Sie, haben sie Zeit, nur fünf Minuten? Ich möchte Ihnen zeigen etwas.“

„Eigentlich wollte ich nur schnell Sams Spielzeug….“
„Kommen Sie, ich halte Sie nicht lange auf.“ Nikolajs Hand lag immer noch auf Dannys Schulter und schob ihn in die Richtung eines der Luxus Bungalows. Wahrscheinlich war es seiner. „Kommen Sie rein, einen Moment!“

Danny wusste nicht, warum er in Nikolajs Zimmer gehen sollte, was er hier… Da sah er Oksana auf dem Bett liegen. Verführerisch in einem schwarzen Spitzendessous und offensichtlich auf ihn wartend.

„Was zum…“ Danny drehte sich zu Nikolaj und schaute ihn fragend an.

„Wir sind Freunde, Danny, oder? Freund macht dem anderen Freund Gefallen. Oksana ist meiner. Ich teile gerne…“

„Ich will nicht mit ihrer Frau schlafen, was denken Sie…“ Danny wurde wütend, allerdings wusste er nicht genau worüber. Dass ihm der Russe ein solches unmoralisches Angebot unterbreitete oder darüber, dass er dem Angebot irgendwie doch gerne nachgekommen wäre. Aber nein, das konnte er nicht tun. Und würde er auch nicht. Er fand Oksana mehr als anziehend, das gab er zu, aber er wollte seiner Frau auf keinen Fall wehtun.
„Ihre Frau wird es nicht erfahren, wie auch? Ich erzähle sicher nicht!“ grinste Nikolaj, als ob er Dannys Gedanken lesen konnte. Oksana stand vom Bett auf und ging auf Danny zu. Sie strich ihm sanft über den Arm und wanderte hoch an seinen Nacken, kam mit ihrem Gesicht nahe an seines. Er wich zurück. „Lassen Sie das! Was soll das hier, was wollen Sie von mir?“

„Ah Sie nicht blöd. Sie sind auch Geschäftsmann, ich auch. Oksana wäre Geschenk gewesen, aber wenn sie wissen wollen, was mein richtiges Angebot ist, dann auch gut!“ Nikolaj zuckte mit den Schultern und sagte zu Oksana auf Russisch, dass sie sich verziehen sollte. Jedenfalls ging sie aus dem Raum und ließ die Männer zurück.

„Ich habe ein Angebot. Sie tauschen Leben mit mir. Eine Zeit lang. Sie fragen nicht wieso, Sie machen einfach.“

Danny lachte auf. „Bitte was soll ich?“

„Wir tauschen Identitäten. Sie sind ich, ich bin Sie. Sie gehen mit meiner Familie, ich mit Ihrer.“

„Sie spinnen doch, warum sollte ich das tun?“

„Ich habe gesagt, keine Fragen. Sie machen einfach. Ist gut, dann können Sie mein Leben leben. Yacht, Villa, Sex mit schöner Frau, alles was Sie sich immer gewünscht haben, nicht wahr?“ Nikolaj grinste. In seinen Augen funkelte etwas auf, dass Danny zuvor nicht aufgefallen war. Der Kerl war nicht sauber. Der machte krumme Dinger und nun wollte er ihn mit hineinziehen.

„Das ist völlig verrückt, ich mache da auf keinen Fall mit!“

„Ich gebe 250.000 Euro für einen Monat Tausch! Sie können Leben leben, das sie schon immer wollten und ich behandle ihre Frau gut. Ihr Sohn wird es gut haben. Sie können mit Rose sprechen, alles wird kein Problem. Ein Monat. 250.000 und keine weiteren Fragen.“

Danny fehlten die Worte, so perplex war er.

„Nein, nein, das kann ich nicht tun, das ist unmoralisch und falsch.“

„Sie haben Moral, Danny. Sie haben Oksana abgelehnt. Aber das, dieses Angebot können Sie nicht ablehnen. Gewinnen beide, Sie und ich. Also?“

Danny gab zu, dass eine viertel Million mehr als verführerisch war, aber dieses Angebot war so fern jeglicher Realität, so unwirklich, dass er niemals darauf eingestiegen wäre.

„Wissen Sie was, Danny! Danny, mein Freund. Das zu viel alles jetzt. Sie überlegen noch. Reden mit Rose. Dann Sie entscheiden. In Ordnung?“

„Ich glaube nicht, dass ich mich um entscheide, Nikolaj. Das Ganze ist mehr als verrückt. Und ich würde jetzt wirklich gerne gehen.“

„Nur weil verrückt, muss nicht heißen, dass schlecht… Wir sehen uns heute Abend beim Essen. Und falls sie mein Geschenk doch wollen haben… Bitte immer gerne.“

Oksana kam wieder zurück ins Zimmer und erneut auf Danny zu. Das war das erste Mal, dass er sie auf Englisch reden hörte.

„Ich finde Sie sehr attraktiv, Danny, Sie haben Abenteuer verdient. Sie haben Geld verdient und sie haben Nacht mit mir verdient. Entscheiden Sie gut.“ Ihre Lippen berührten fast seine, als sie die Worte flüsterte. Danny tat sich schwer, der Versuchung zu widerstehen, und als er sich schon wegdrehen wollte, packte sie ihn am Kopf und küsste ihn heftig. Erst nach einigen Sekunden riss er sich los und stürmte aus dem Bungalow. Er fühlte sich, als ob er aus einem Traum erwachte. Eben war er noch in dem verdunkelten, prunkvollen Zimmer und fand sich in dieser völlig wahnwitzigen Situation wieder und nun stand er in der prallen Sonne mitten in der Clubanlage und Urlauber, die auf dem Weg zum Strand waren, spazierten mit Poolnudel und Sonnenhut an ihm vorbei. Schnellen Schrittes machte er sich zurück zum Strand, als ihm einfiel, dass er die Spielsachen seines Sohnes holen wollte. Erst nachdem er diese geholt hatte ging er zu seiner Familie zurück. Warum war er mit in dieses Zimmer? Warum ist er nicht sofort wieder hinaus, als er Oksana da liegen sah? Warum hatte er gezögert? Bei allem? Wieso hatte er sich dem Kuss nicht gleich entzogen?

„Alles in Ordnung mit dir?“ erkundigte sich Rose, die ihrem Mann anmerkte, dass etwas nicht stimmte. Sollte er es ihr erzählen?

„Es ist alles ok, mir macht nur die Hitze zu schaffen. Ich liebe dich, Rose.“

„Es tut mir Leid wegen der letzten Tage, ich denke, ich bin im Moment einfach überempfindlich.“ Flüsterte Rose und gab ihm einen weichen Kuss auf die Wange. „Wir kriegen das wieder hin! Ich liebe dich auch.“

Definitiv nicht würde Danny Rose erzählen, was ihm gerade widerfahren war. Es würde den Urlaub ruinieren. Es würde alles ruinieren. Einfach alles.

Fortsetzung folgt…

Einer unter Tausenden oder: wenn Träume nicht (so richtig) wahr werden

In der New Yorker U- Bahn sah ich vor sieben Jahren einen Mann, der sang um seine Existenz. Er war gewiss nicht der Einzige, der mit Straßenmusik sein Geld verdiente, aber dieser schon etwas ältere Afroamerikaner mit dem hellbraunen Trenchcoat brachte so viel Gefühl in die hektische, abgedroschene und unpersönliche Bahn, dass er mir in Erinnerung blieb. Ich hoffe, es gibt ihn auch heute noch und er erfüllt mit seiner Black- Soul- Stimme die U- Bahnen und Herzen des Big Apples.

 

Victor sang „Stand by me“ gerade zu Ende, als ein paar junge Leute ihm applaudierten. Das erste Mal heute und in den letzten drei Tagen. So oft bekam  man nicht Applaus hier unten, hier war die Luft zu heiß, der Bahnverkehr zu hektisch, die Leute zu reserviert und müde. Er kannte die New Yorker Menschen zu gut und er teilte sie gerne in zwei Kategorien für sich ein: Auf der einen Seite waren da die begeisterungsfähigen, offenen und ungezwungenen Großstädter und auf der anderen Seite die Stadtmenschen, die in der Anonymität New Yorks ihr Dasein drucksten, die von der Frau in der Nachbarswohnung oder dem unbekannten, schwarzen Sänger in der U- Bahn nichts wissen wollten.

Als er vor zweiunddreißig Jahren von Philadelphia in die Ostküstenmetropole gezogen war, um hier sein Glück mit der Musik zu machen, war Victor einer von Tausenden. Die jungen Leute strömten in den 70ern von überall her: Europa, Kanada, Mexiko und –so wie Victor- aus anderen Teilen des Landes. Amerika, insbesondere Los Angeles und New York hatten den Ruf, Träume wahr werden zu lassen und vielleicht fanden einige auch ihr Glück. Aber Victor lernte damals unzählige Leute kennen, die die bittere Wahrheit, die Überbewertung des „American way of life“ irgendwann erkannten und damit nicht umgehen konnten. Die abstürzten, dem Alkohol oder Drogen verfielen, kriminell wurden oder die sogar Selbstmord begingen.  Oder- und diejenigen wählten die für sie vielleicht einfachste, aber wahrscheinlich demütigendste Lösung- die nach Hause zurückkehrten und sich somit nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Familien und Freunden die Niederlage eingestehen mussten. Victor gehörte weder zu den Gewinnern noch zu den Verlierern, wurde weder erfolgreich mit seiner Musik, noch verfiel er dem Rausch, noch kehrte er in seine Heimat zurück. Er kam mit dem Singen auf der Straße und in den U-Bahn Stationen grade so über die Runden, aber was war das schon? Was war er in den Augen der anderen Menschen? Ein begnadeter Sänger? Einer der seinen amerikanischen Traum lebte? Sicherlich nicht. So sah er sich nicht einmal selbst. Ein Bettler war er, der Glück hatte, eine gute Stimme zu haben und somit nicht ganz das Gefühl haben musste, um Geld zu bitten. Vielleicht gaben ihm trotzdem viele Leute nur aus Mitleid etwas und nicht deswegen, weil er talentiert war. Am Ende des Tages lief es auf dasselbe hinaus. Er konnte in seine kleine Wohnung in Harlem und hatte warmes Essen auf dem Tisch. Die Bestätigung, die Anerkennung für seinen Gesang, die fehlte meist. Aber Victor konnte es sich nicht leisten, daran zu verzweifeln. Eine andere Arbeit gab es für ihn nicht, wegen seiner Invalidität stellte ihn niemand ein. Zudem war er schwarz. Victor hatte schlechte Karten. Sein einziges Ass war seine Stimme und die hörte leider nie die richtige Person. Victor dachte immer: Wenn Gott es für mich vorgesehen hat, dann spaziert irgendwann ein Musikproduzent an mir vorbei und erkennt mein Potenzial!

Mittlerweile, fast dreißig Jahre später dachte Victor, dass Gott ein Arschloch sei. Über acht Millionen Leute in dieser verdammten Stadt und keiner, aber auch gar keiner, der ihm das Gegenteil beweisen konnte. Aber was soll`s, Victor hatte sich damit abgefunden. Er war auch nicht wirklich unzufrieden, das konnte er nun wirklich nicht behaupten. Immerhin verdiente er mit dem, was er liebte, seinen Lebensunterhalt. Wie viele Menschen können das von sich behaupten? Das war es auch, was seine Frau immer zu ihm sagte. Die Tatsache, dass sie selbst sechs Tage die Woche fast zehn Stunden täglich in der Wäscherei zubrachte, damit das Geld auch für sie beide reichte, erwähnte sie nie. Und dafür liebte er seine Brianne. Weil sie alles so nahm, wie es war, zufrieden damit war und Victor nahm wie er war, und auch damit zufrieden war. Genügsamkeit. Das war Briannes Stärke und Victors Anker im hektischen Alltag. Das wiederum machte ihn dankbar. Dass auch sie ihn genügsam machte und nicht vergessen ließ, wie wertvoll das ist, was man besitzt. Träumen hinterherjagen kann sehr anstrengend sein… Wie schön war es da, einen sicheren Hafen zu besitzen, der Victor runterkommen ließ, auch wenn der Tag noch so anstrengend, niederschmetternd oder belanglos gewesen war!

Es waren die ersten kühlen Herbsttage in New York, und Victor hatte seit Wochen das erste Mal wieder das Gefühl, im Underground nicht zu ersticken. Der Sommer war fast unerträglich da unten, aber die U-Bahn rentierte sich für ihn am meisten. Da konnten die Leute sich nicht so schnell abwenden oder gar weglaufen.  Also biss er sich durch, von Wagon zu Wagon. Einige Dollar wanderten an diesem Morgen in Victors Mütze, mit der er nach seiner Performance durch das Abteil ging. Viele New Yorker kannten den Soulsänger schon seit den Anfängen seiner Musik hier in der Stadt der Städte. Und fast alle liebten ihn und seine Musik. Seine Fans. Manche fanden ihn toll, vor allem die Touristen, weil sie überrascht vom plötzlichen Gesang in einem öffentlichen Transportmittel waren. Andere wiederum würdigten ihn nicht mal eines Blickes und verzogen eher entnervt das Gesicht, wenn er in der Bahn zu singen anfing. Es gab eben diese und jene Menschen. Gute Tage und weniger gute Tage. Das eine reihte sich an das andere; so war das Leben in New York.

Aber immerhin hatte Victor eine Konstante. Es war die Liebe und war es am Ende nicht das, worauf es ankam?

Kinder und die Welt

Mein Sohn ist nun fast eineinhalb Jahre alt und ich staune jeden Tag über seine Selbstverständlichkeit der Welt zu begegnen und sie zu erobern. Und er erobert sie tatsächlich. Jeden einzelnen Menschen darin. Mit seinem Charme, seiner Fröhlichkeit und seiner Freundlichkeit. Und seinen wundervollen rotblonden Haaren. 🙂

Kinder und die Welt.

Sie winken und die Welt winkt zurück.

Sie lieben bedingungslos.

Sie fallen hin und stehen auf, bevor die Welt es gesehen hat- und wenn sie es doch gesehen hat, lassen sie sich von ihr trösten.

Sie lernen, indem sie einfach machen und der Welt spielerisch begegnen.

Sie wissen, was Bitte und Danke bedeutet.

Sie sagen Nein, zu dem, was sie von der Welt nicht mögen und zeige auf das, was sie von ihr haben möchten.

Sie sind beharrlich.

Sie ärgern sich kurz und intensiv und widmen sich dann etwas Neuem auf der Welt zu, denn die Welt hat viele schöne Dinge parat.

Sie lernen, weil sie lernen wollen.

Sie sind laut und lebendig, wenn es mal zu leise ist.

Sie lachen und bekommen ein Lächeln zurück.

Sie entdecken die Welt, weil es sich lohnt sie zu entdecken.

Sie lassen sich in den Arm nehmen, weil es einfach schön ist.

Sie machen keine großen Unterschiede bei den Menschen, weil es keine zu machen gibt.

Sie leben im Moment, sie leben ihn und sie leben ihn mit voller Inbrunst.

Sie vergeben und vergessen.

Es ist ihnen egal, was die Welt von ihnen denkt.

Sie sind wie sie sind.

Kinder haben die Welt genau kapiert.

Die unaufhaltsame Suche der Menschen nach dem Glück

„Das Leben ist ein Rummelplatz… Viele Leute, viel Hektik, ein Überangebot an Süßem  und ein Hinterherjagen nach aufblitzenden Glückssekunden.“  Manchmal braucht man nicht viel zum Lesen, nur das Passende für den Moment. Hier für euch

 EIN „TEXT-BILD“ ALS GEDANKENANSTUPSER FÜR ZWISCHENDURCH 🙂

Ein buntes Lichtermeer war dieser Anblick des fahrenden Riesenrades. Blau, rot, gelb, orange und grün flossen ineinander und es sah aus, als ob viele gesichtslose Leuchtraupen im Kreis hintereinander her krochen, eine nach der anderen. Die Nacht war die schönste Kulisse für das farbenfrohe Treiben auf dem Rummelplatz. Hunderte Menschen zogen an dem Mädchen mit dem grünen Kleid vorüber, berauscht waren sie von der stets gleichklingenden Kirmesmusik, der Zuckerwatte und den Adrenalinstößen der Achterbahn. Wie sie alle lachten und schrien vor Aufregung! Wie sie alle dem Spaß hinterherjagten! Wie weit entfernt sie vom Alltag und der Realität waren und wie sie diese Unwirklichkeiten genossen!

Sie alle waren auf der Suche nach dem Glück und waren erpicht darauf es zu finden. Narren waren sie, Narren, die glaubten, es außerhalb des wirklichen Lebens zu finden! Waren sie denn nicht müde vom ständigen Herumlaufen? Von der anhaltenden Suche nach etwas, das ihnen auf diese Weise sowieso nicht in die Hände fallen wird? Das Mädchen fand das irgendwie verrückt. Wussten sie denn nicht, dass das Glück auch einfach so, ganz plötzlich auftauchen kann? Ist man ständig in Bewegung, verpasst man es ja! Da rennen sie und denken nach wohin, denken nach, wovor sie weglaufen könnten, suchen irgendwo vorne das Ziel, weil sie es weiter hinten versäumt haben. Anstatt stehen zu bleiben oder sich zu setzen. Und die Zufriedenheit einfach kommen zu lassen. Im Jetzt. Aber sie laufen im Kreis- immer und immer wieder.

Das Mädchen mit dem grünen Kleid stand inmitten tobender und tosender Beine, die an ihr vorüberhuschten und hielt sich die Ohren zu. Aber sie sah die suchenden Blicke, die Eile und die Rastlosigkeit der vielen Leute. Also hielt sie sich stattdessen die Augen zu, aber sie hörte das Kreischen und das ständige Fragen der Menschen: Wohin sollen wir? Wohin gehen wir als nächstes?

Beides fand das Mädchen schier unerträglich. Darum machte es in der Menschenmasse kehrt und entfernte sich von dem Rummel, bis die Musik und die Stimmen der Leute nur noch aus der Ferne erklangen. Vor dem Mädchen lag nichts weiter als die Wiesen, die Wälder und die Dunkelheit. Und über ihr der Himmel. Als das Mädchen weit genug weg war, legte sie sich mit dem Rücken ins duftende Gras. Jetzt konnte sie durchatmen und fühlte sich freier. Augen zu, und innehalten. Genießen und dankbar sein. Für diesen einen Moment, in dem sie nichts muss. Nicht entscheiden, nicht lachen, nicht weinen, nicht diskutieren, nicht suchen, nicht losrennen. Nicht etwas wollen, nicht kämpfen, nichts wünschen, nicht grübeln..

Das Himmelszelt war reich an Lichtern und das war alles, was sie in dem Moment brauchte.

Das war Zufriedenheit.

Glück.