Die Suche der Zeit

Die Protagonistin dieser Geschichte ist eine ganz besondere – sie besitzt kein Aussehen, kein Geruch und berühren kann man sie auch nicht. Trotzdem ist sie präsent, auf der ganzen Welt, rund um die Uhr. Womit wir eigentlich schon bei meiner Figur dieser Geschichte wären: der Zeit.


In jener berühmten Stadt, in der die Häuser bis in die Wolken ragten und der Tag niemals endete, wollte sich die Zeit ein Zuhause suchen. Weil sie auf der ganzen Welt ununterbrochen unterwegs war, war die Zeit müde geworden. Sie wünschte sich nicht sehnlicher, als einfach mal irgendwo anzukommen. „Hier“, so dachte sie, „in einer Stadt, die für so viele Millionen Menschen Platz hat, findet sich bestimmt auch ein hübsches Plätzchen für mich.“ Darum machte sich die Zeit auf die Suche nach Menschen, die ihr einen Ort oder das Gefühl der Heimat schenken konnten. In einem Café an der Straße saßen ein junger Mann und eine Frau. Die Zeit gesellte sich heiter zu ihnen. Aber die Frau war nicht erfreut, sie zu sehen und schluchzte: „Nein, es geht nicht. Im Augenblick ist es mir zu viel.“ „Aber ich bin hier, und ich bin bei dir. Willst du es denn nicht zumindest versuchen?“, fragte sie der
Mann und nahm ihre Hand, die die Frau abrupt wegzog. Das Herz der Frau war gebrochen, das spürte die Zeit. Und sie merkte, dass sie auf dem falschen Stuhl Platz genommen hatte. Die junge Frau blickte der Zeit ernst ins Gesicht und sagte: „Siehst du denn nicht, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist? Vielleicht wenn du vor ein paar Monaten zurückgekommen wärst … Aber jetzt? Du bist hier falsch. Verschwinde!“ Unglücklich und etwas beschämt darüber, der falsche Moment für
diese Liebenden gewesen zu sein, verließ die Zeit das Café und
setzte ihre Suche fort.
Einige Straßen weiter wartete ein älterer Mann an einer Bushaltestelle und las in einer Zeitung. Frohen Mutes gesellte sich die Zeit dazu und versuchte den Mann mit ihrer Anwesenheit zu erfreuen. Aber der Mann war versunken in den Schlagzeilen des
Tages und machte ein verdrießliches Gesicht. „In was für einer Zeit leben wir nur? Früher war alles besser.“ Er senkte die Zeitung und wandte sich der Zeit zu. „Weißt du, nicht alles, was du mitbringst, ist gut, ganz im Gegenteil – es wird alles schlimmer und schlimmer. Am besten wäre es gewesen, du wärst damals einfach stehen
geblieben. Da war die Welt noch in Ordnung.“ Der Mann warf die Zeitung in den Müll und stieg in die Linie 28, die gerade angefahren kam. Mit einem schlechten Gewissen blieb die Zeit an der Haltestelle zurück. Sie musste erst ein paar tiefe Atemzüge machen, bevor sie weitergehen konnte.
An der nächsten Ecke fand sie eine Arztpraxis vor, in die die Zeit hineinschauen wollte. In einem freundlich eingerichteten Zimmer wartete eine Familie. Vater und Mutter starrten betrübt auf ihre Handys, während die Kinder am Boden mit kleinen Autos spielten. Das Mädchen trug ein Tuch um ihre Glatze gebunden und war sehr blass. Die Zeit setzte sich hin und sah den beiden Kindern beim Spielen zu. Auch sie nahm sich ein Auto und fuhr damit über den hellgrünen Teppich mit den aufgemalten Straßen, Wiesen und Schildern. „Nein, nein, nein“, protestierte die
Mutter, als sie es bemerkte. „Lass meiner Tochter doch ein bisschen Vorsprung. Du rast an ihr vorbei. Das ist einfach nicht fair! Sei bitte langsamer, wir haben dich schon genug verschwendet. Das macht uns traurig, verstehst du das?“ Die Zeit verstand, erhob sich leise und verließ das Krankenzimmer in der Hoffnung, das kleine Mädchen noch nicht überholt zu haben.
Sie brauchte einige Minuten, um sich von dieser Begegnung zu erholen und zweifelte daran, ob sie denn überhaupt irgendwo erwünscht war in dieser Stadt. Auf dieser Welt. Bis jetzt hatte sie niemand mit offenen Armen empfangen – und wenn sie ehrlich war, konnte sie das sogar nachvollziehen. Mit ihr Freundschaft zu schließen war nicht einfach – die Zeit war eben, was sie war. Sie schlenderte eine Weile hin und her, beobachtete hier und dort die Menschen, an denen sie vorüberzog und merkte, dass die meisten ihr aus dem Weg gingen und sich vor ihr fürchteten. Davor, dass die schönen Tage zu schnell vergingen oder quälende Minuten zu langsam, dass sie der falsche Augenblick war, man sie verschwendet hatte oder dass sie jemandem gestohlen wurde. Die Zeit hatte einen dermaßen schlechten Ruf, dass es sie natürlich verstimmte. Betrübt beschloss sie, eine Fähre zu nehmen und hinaus aufs Wasser zu fahren, weg von all dem Trubel, den beklemmenden Gedanken und all den Zweiflern. Als sie an Deck dabei zusehen konnte, wie die Hochhäuser der Stadt zu kleinen Spielsteinen schrumpften, je weiter sich das dampfende Boot entfernte, gesellte sich eine schon ziemlich betagte, elegante Dame zu ihr an die Reling. Gedankenverloren schaute die Frau hinunter auf die Wellen, die sich an der Fähre brachen, sog die feuchte, kühle Luft ein und verzog ihr Gesicht zu einem breiten Lippenstiftgrinsen. „Ist das nicht schön? Mag sein, dass ich nicht mehr viel von dir übrig habe, aber das, was mir noch bleibt ist dermaßen kostbar. Du hast keine
Ahnung, wie sehr ich dich genieße. Ich bin wirklich dankbar, dass ich dich habe.“ Ungläubig starrte die Zeit die Frau an und glaubte, sich verhört zu haben. „Ist das wirklich wahr?“, wollte sie wissen. „Sie fürchten mich nicht?“ Die Dame lachte herzlich und legte ihre große Sonnenbrille ab. Sanft strich sie der Zeit über ihr Antlitz und sagte mit sanfter Stimme: „Aber, aber! Durch dich wird alles einfacher. Du gibst den Menschen in einer Welt voller Chaos Orientierung. Sie können sich mit der Tatsache trösten, dass mit dir alles besser wird, sobald genug von dir vergangen ist. Die Vergänglichkeit und deine Begrenztheit für unsere Augenblicke machen dich außerdem wahnsinnig kostbar. Nichts, was ewig währt, wird geschätzt, weißt du? Viele fürchten sich davor, zu wenig von dir zu haben, was aber nicht heißen muss, dass das schlecht ist – dafür nutzen sie dich umso besser.“ Die Zeit konnte der Frau ansehen, dass sie durch sie so Einiges erlebt hatte. Eine jede Falte in ihrem Gesicht schien eine Geschichte zu erzählen und der verträumte, aber kluge Blick ließ erahnen, was sie über die Jahre alles gesehen, geträumt und gelernt hatte. „Dein Los ist nun mal nicht das Einfachste“, sprach die Dame weiter, „du bist, was du bist. So wie … Leben und Tod. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Du bist notwendig, unausweichlich, richtungsweisend. In all deinen Facetten bist du weder gut noch schlecht. So was verstehen die Menschen nicht und alles, was sie nicht wirklich definieren können, macht ihnen Angst. Aber weißt du was, Zeit? Menschen sind eben nur Menschen. Wir müssen alle akzeptieren, was der andere ist, denn nur so dreht sich diese verrückte Erde weiter, ohne dass sie dabei aus ihrer Umlaufbahn gerät.“
Die Zeit und die alte Dame standen nebeneinander an der Reling und blickten auf die Stadt, die mittlerweile aussah, wie ein Gemälde mit flackernden Lichtern. Der Abstand half der Zeit, die Dinge besser zu verstehen. Und sie sah ein, dass sie nie das eine Zuhause finden würde, das sie sich wünschte, denn sie wurde immer und überall gebraucht. Ihre Heimat, so wurde ihr nun bewusst, war die große Welt. Und das war vermutlich gut so.


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Waldläufer und Blitzgiganten

Vor ungefähr zwei Monaten habe ich mit meinem Patenkind ein Wochenende verbracht, an dem zusammen mit anderen Familien verschiedene Spiele usw. veranstaltet wurden. Eines davon war das „Fähnchen stehlen“ mitten im Wald, bei dem zwei Mannschaften das gegnerische Fähnchen in einem bestimmten Waldabschnitt suchen mussten. Ein bisschen kam ich mir dabei vor wie in „Die Tribute von Panem“, aber mehr habe ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht- außer, dass ich erstaunlich viel Spaß dabei hatte. Vor kurzem allerdings hatte ich einen Traum, der dieses Spiel von einer anderen Seite beleuchtete, einer düsteren Seite. Morgens wachte ich auf und notierte mir den Traum sofort.

Folgende Geschichte habe ich aus diesen zwei Erlebnissen gesponnen und habe mir dabei folgende Frage gestellt: Wie moralisch handeln wir, wenn es um unseren eigenen Kopf geht?

„Das Revier der ersten Mannschaft reicht von dieser Tanne hier bis ganz nach unten zur Forststraße“, erklärte Clive seinen Freunden. „Das Revier der zweiten hat dieselbe Startlinie und endet oben am Weiher. Ziel ist es, den versteckten Schatz der gegnerischen Mannschaft in deren Revier zu finden und sicher ins eigene zu verfrachten- ohne von seinen Gegnern erwischt zu werden versteht sich.“

Tom rieb sich vor Vorfreude die Hände aneinander: „Alles klar, und wer sucht im feindlichen Gebiet nach dem Schatz und wer verteidigt das eigene?“

„Jede Gruppe überlegt das selbst und teilt ein“, erwiderte Clive knapp. „Die, die erwischt werden, werden in unser imaginäres Gefängnis hier zwischen den Büschen gebracht und müssen dort fünf Minuten lang bleiben. Was für die Gegner natürlich ein Riesenvorteil ist. Jetzt können sich die Mannschaften eine Taktik überlegen, einen Kapitän wählen und einen Gruppennamen.“

Die Gruppen bildeten jeweils einen Kreis. Die eine bestand sowohl aus Clive, der die Idee für den Spielenachmittag der etwas anderen Art hatte und somit automatisch Boss seiner Mannschaft wurde, als auch aus Spencer, Melanie, Conny und Hannah. Sie entschieden, dass die drei letzteren auf Schatzsuche gehen und die beiden Männer für die Verteidigung im eigenen Revier zuständig sein sollten.

„Ich finde den Namen Blitzgiganten ja super“, schlug Spencer vor, der wie immer übertreiben musste.

Melanie putzte ihre Brille am Ärmel und verdrehte die Augen: „Sehr bodenständig… Aber meinetwegen. Hauptsache wir beginnen mit dem Blödsinn endlich, bevor ich es mir endgültig anders überlege.“

„Ach komm schon, das wird bestimmt witzig, sonst hängen wir eh nur rum. Das ist mal was anderes“, ermunterte die selbstsichere Conny ihre langjährige Freundin. „Sind die anderen schon soweit?“

„Noch nicht!“ rief Sammy, der Kapitän der anderen Mannschaft herüber. „Also gut, dann bleiben wir dabei? Jackie, Florence und ich suchen nach dem Schatz und ihr zwei bleibt hier und bewacht unseren.“ Tom und Pete nickten. „Wobei ich nicht glaube, dass ihn die anderen finden werden, unser Versteck ist einfach genial. Schnell, noch einen Namen!“

„Was haltet ihr von Waldläufer?“, fragte Florence, die erst vor kurzem zur Clique dazukam.

„Einfach und zutreffend, klasse! Also los, gehen wir zu den anderen.“

Das Erkennungszeichen der Waldläufer waren grüne Bänder am Armgelenk, das der Blitzgiganten ein weißes, um die Stirn gebundenes Band.

„In den ersten zwei Minuten darf niemand gefangen werden, nur die Schatzsucher der Mannschaften dürfen los. So hat jeder einen Vorsprung und es wird spannender“, grinste Clive.

„Aber die Reviere sind riesig, wir sind bestimmt den ganzen Nachmittag im Wald unterwegs“, jammerte Melanie.

Clive kam nahe an Melanies Ohr heran und zischte ihr ins Ohr: „Na dann sieh zu, dass du läufst und den Schatz schnell findest.“

Der Anführer der Blitzgiganten gab das Startzeichen und alle verteilten sich in den Revieren.

Im Revier der Waldläufer

Conny und Hannah waren höchst motiviert und liefen los, so schnell sie konnten.

Conny schnaufte: „Wir teilen  uns da vorne auf, ich laufe nach oben und du bis nach unten an die Forststraße und suchst dort alles ab. Wo bleibt unsere Skeptikerin?“

„Ist gut“, antwortete Hannah und huschte durch die dichten Büsche Richtung Osten.

„Ich bin hier!“ Langsam kam auch Melanie angelaufen, die noch immer nicht überzeugt von der ganzen Sache war. „Ich bleibe am besten hinten, von wo wir gestartet sind, verstecke mich irgendwo und warte bis die Waldläufer weg sind. Dann kann ich mich dort in Ruhe umsehen.“

Sie ging ein Stück zurück und versteckte sich hinter einem dichten Gebüsch, das vom Weg aus nicht besonders gut zu sehen war. Warum war sie nicht einfach zu Hause geblieben? Sie hätte sich ins Bett legen können mit einem schönen Buch, ihre Musik laut aufdrehen und die Rollläden tief hinunterlassen, um der Spätsommerhitze zu entfliehen. Eigentlich war es schon September, aber es war drückend heiß. Clive und seine verrückten Einfälle. Und die Clique war noch um einiges verrückter, weil sie sich immer auf diese Absurditäten einließ! Heute war wieder einer jener Tage, an denen Melanie das starke Gefühl hatte, nicht wirklich in diesen Freundeskreis zu passen. Sie war irgendwie anders als der Rest. Ruhiger, nachdenklicher, erwachsener wenn man so will. Aber wenn sie nicht mit den anderen mitzog, wen hatte sie dann noch? Ihren schusseligen Vater zuhause, der nichts alleine auf die Reihe bekam. Dann doch lieber hier draußen in den Wäldern wie eine Bekloppte rumlaufen. Hoffentlich findet bald jemand die Truhe. Tom hatte die Kisten gefüllt, also waren entweder Zigaretten oder Alkohol drin oder beides. Vielleicht auch ein bisschen Gras. Na super, und dafür zerkratzte sich Melanie hier im Gebüsch ihre Beine. Da kam Tom auch schon angelaufen, der Waldläufer mit dem grünen Band am Handgelenk. Pete kam schnurstracks hinterher, die beiden redeten leise miteinander und trennten sich dann.  Tom grinste breit, während er schnellen Schrittes eine Anhöhe erklomm und dachte dabei, wie geil er die Idee von Clive fand und dass er jetzt noch etwas mehr Spannung in die Schatzsuche bringen wollte. Wie ein Tier witterte er ein noch so kleines Geräusch. Er hatte keine Bedenken, dass er die Mädchen der Blitzgiganten bald finden würde. Allerdings hatte er nicht vor, sie schnell zu fangen und ins „Gefängnis“ zu stecken, nein. Er wollte zuerst das Spiel ein bisschen „aufpeppen“. In der Stofftasche, die er bei sich trug, war die Pistole, die er aus dem Schrank seines Vaters geklaut hatte und ein Tonbandgerät mit Schreien aus einem Horrorfilm. Natürlich wollte er auf niemanden schießen, aber ein paar Schüsse in die Luft oder in die Nähe der anderen, das konnte definitiv witzig werden, meinte er. Ganz zu schweigen von den grausigen Aufnahmen. Die Mädels würden bei dem kleinen Alptraum, den er ihnen verpassen würde, ausrasten! Im Moment waren zwei von ihnen gerade dabei, sich anzukeifen und ahnten nicht im Geringsten, was ihr Freund mit ihnen vor hatte.

„Ich dachte, du läufst nach unten?“, herrschte Conny die vierzehnjährige Hannah an.

„Vergiss es, da unten ist alles voller Stechmücken, ich habe keine Lust drauf so auszusehen, als hätte ich Pickel.“

„Na gut, dann suchen wir eben erstmal gemeinsam. Aber wenn Tom oder Pete auftauchen, teilen wir uns auf, hörst du?“

Hannah schlich neben ihrer Freundin her, die immer gerne das Kommando über hatte. Eigentlich konnte sie Conny nicht besonders leiden, vielleicht aber nur deshalb, weil sie einmal mit Pete zusammen gewesen war. Hannah war schon längere Zeit in ihn verliebt, aber Pete war achtzehn, und sie selbst in seinen Augen wohl noch ein Baby, obwohl sie sich immer große Mühe gab, weiblich und erwachsen auszuschauen. Was hatte Conny, was sie nicht hatte? Außer ein paar Jahre mehr Lebenserfahrung? Sie war hübsch ja, aber nicht hübscher als andere. Große Brüste. Und eine noch größere Klappe. Das Selbstbewusstsein war es, was Conny für die Jungs attraktiv machte. Definitiv.

„Da hinten kommt Pete! Los los los, lauf nach unten und vergiss die scheiß Mücken einfach!“ wisperte Conny befehlerisch.

Hannah rannte los, war sich aber sicher, dass Pete sie beide entdeckt hatte. „Hoffentlich fängt er mich und nicht Conny“, murmelte die Vierzehnjährige. Aber dieser entschied sich, Conny hinterher zu rennen, weil Hannah in die entgegengesetzte Richtung lief und das verdammt schnell. Obwohl er sie bevorzugt hätte; vielleicht hätten sie sich etwas unterhalten können. Er mochte Hannah wirklich sehr, hatte aber seine Gefühle für sie bisher in Zaum gehalten. Sie war zu jung und er wollte vermeiden, dass die anderen große Sprüche klopften darüber.

„Ich glaube, du hast die Spielregeln nicht ganz verstanden, du sollst vor mir weglaufen“, rief er Conny zu, die seltsamerweise auf ihn zukam.

„Was interessiert mich dieser blöde Schatz“, lachte seine Exfreundin trotzig. „Ich habe eine viel bessere Idee, und die macht definitiv mehr Spaß als dieses Herumgeistern im Wald.“ Sie kam auf Pete zu und küsste ihn zart.

„Wie früher“, hauchte sie. Pete, der eigentlich mit seinen Gedanken bei Hannah war, hatte nicht die Kraft „Nein“ zu sagen. Man widersprach Conny nicht. Man schlief mit ihr.

Im Revier der Blitzgiganten

„Dass wir euch gleich mal fangen würden, war ja klar, aber dass du so langsam bist… Florence, Florence, Florence…“ Clive fand es herrlich, als erster eine der Waldläufer gefangen zu haben.

„Ich wollte dir und deinem Ego ja nicht im Wege stehen“, erwiderte Florence trocken. Clive schnaubte verächtlich, er wusste, wie gut er war. Er war ein Athlet und zumindest im Sport ein absolutes Ass. Schnelligkeit und Geschick waren seine Talente beim Football. Nicht umsonst war er Quarterback seiner Schulmannschaft. Es war das einzige, worauf er bauen konnte und wodurch er zu einem Stipendium gelangen würde. Andere nannten ihn egoistisch, aber damit konnte Clive gut leben. Dafür war er ein Anführer. Beim Football, bei seinen Freunden, bei seinem kleinem Nebenjob. Überall eben- außer zuhause. Er brachte Florence ins „Gefängnis“, die witzelte:

„Na los, such und schnapp dir die anderen“, als ob sie mit einem Hund sprechen würde. Clive konnte sich ein Grinsen nicht unterdrücken.

„Alles klar, du Früchtchen!“ Schneller als ein Reh auf der Flucht vor einem Jäger, sprintete er davon. Florence war sich sicher, dass Clive die Situation eben unangenehm wurde, immerhin zeigte er einen Anflug von Menschlichkeit ihr gegenüber. Er war kein übler Kerl, da war sie sich sicher. Aber eben ein harter Brocken, genau das richtige Projekt für Florence, die immer an das Gute im Menschen glaubte. Sonst könnte sie auch nie in dieser Gruppe bestehen, denn wirklich jeder einzelne darin hatte ein Rad ab. Sie liebte diese schrägen Vögel. Gott sei Dank war ihre Familie hierher gezogen. Und Gott sei Dank musste sie gleich in der ersten Woche nachsitzen und war auf Spencer gestoßen, der in diesem Moment auch schon mit der zweiten „Gefangenen“ um die Ecke kam.

„Oh Mist, du bist auch schon erwischt, Jackie? Ich wollte grade wieder los!“ beschwerte sich Florence.

Spencer war völlig außer Puste, als er Jackie ins Gefängnis schubste: „Ich bleib jetzt erstmal hier und bewache euch, soll doch Clive nach Sammy suchen. Ich bin fix und fertig!“

Jackie keuchte genauso: „Nanana, was ist denn los mit dem Blitzgiganten? Ist wohl die Batterie ausgegangen, was?“

„Halt die Klappe. Du bist schlimmer als ein Hase, der Haken schlägt. Ich glaube sowieso, das Sammy den Schatz bald finden wird. Er ist jedenfalls in der richtigen Gegend.“ Spencer lehnte sich schwer atmend an einen Baumstamm. „Wagt es ja nicht, auch nur einen Fuß aus dem Gefängnis zu setzen, ich erwische euch, auch wenn ich noch so fertig bin!“

Jackie trank einen Schluck Wasser und kicherte: „Keine Sorge, wir sind nicht so scharf drauf, uns nochmal von deinen schwitzenden Händen anfassen zu lassen!“

Der ansonsten so große Sprücheklopfer war zu fertig, um ihr Kontra zu geben. Ein paar Minuten war es still in der Runde, als plötzlich seltsame Geräusche aus dem Revier der Waldläufer zu hören waren.

„Was war denn das?“ Florence schaute nach hinten.

„Waren das Schüsse?“ Auch Jackie wurde unruhig und blickte sich um und bemerkte dabei, wie sich Spencer ein Grinsen verkniff. „Spencer? Was ist da los?“

„Ach gar nichts ist los… Tom hat… naja, er hat ein paar Spielsachen dabei, um die Schatzsuche auf seiner Seite dort ein bisschen aufzumotzen“, antwortete dieser.

„Eine Pistole? Ihr seid Idioten, wisst ihr das? Die arme Hannah, die weiß sich ja so schon nie zu helfen, und Melanie wird ausrasten, sag ich euch!“

„Reg dich ab, Sammy wird den Schatz gleich gefunden haben, dann ist der Spaß hier sowieso vorbei.“

Spencer behielt Recht. Nach nur kurzer Zeit kam der Älteste der Clique mit dem Schatz ins Ziel gestürmt.

„Wohooooo, geschafft“, jubelte dieser enthusiastisch und mit voller Lautstärke und war eigentlich begeisterter davon, schneller als Clive gewesen zu sein. Nachdem er den Schatz unter einer riesigen Wurzel gefunden hatte, hechtete Sammy mit dem Bewusstsein los, dass sein Kumpel im Grunde der schnellere Läufer war. Aber das Glück war auf seiner Seite und ohne zu stolpern oder an einem Ast hängen zu bleiben, schaffte er es vor ihm zu den anderen. Gut, dass er nicht gleich in die Kiste hineingespäht hatte, sonst hätte er nicht den Vorsprung gehabt, der ihm schließlich zum Sieg verhalf- obwohl die Versuchung groß war, aber Sammy dachte ans Team und wollte die Truhe gemeinsam mit den anderen öffnen. Clive war die miese Laune im Gesicht regelrecht abzulesen. Er war ein schlechter Verlierer. Aber Sammy ein fairer Gewinner.

„Lasst uns die anderen zusammentrommeln, dann können wir die Kiste öffnen und ein Bierchen trinken gehen. Ich zahle!“

„Nicht nötig, wir sind da.“ Pete und Tom kamen mit Melanie und Conny, um diese ins „Gefängnis“ zu stecken. „Aber ihr seid ja alle da, ist es schon vorbei?“ erkundigte sich Tom enttäuscht.

„Ja, Sammy hat die Kiste gefunden, während du mit deiner Waffe rumgeböllert hast“, erwiderte Jackie provokant und starrte dann auf Connys Oberweite, die sich unter dem weißen T- Shirt in voller Pracht zeigte. „Und du, hast du deinen BH im Wald drüben liegen lassen?“

„Ich hatte sicher mehr Spaß, als ihr alle zusammen“, antwortete diese unbeeindruckt. Pete wandte seinen Blick beschämt ab. Hannah fehlte noch, aber er wollte nichts sagen. Alle wussten, dass er völlig verschossen in die Kleine war und jetzt bekamen alle mit, dass er es mit Conny getrieben hatte. Mitten im Wald, vielleicht nur hundert Meter entfernt von Hannah.

Sammy öffnete die Schatztruhe und sie fanden darin, was sie schon alle vermuteten:  Nämlich eine Flasche Wodka und einen Joint für jeden Gewinner. Melanie verdrehte die Augen, war schließlich aber die erste, die einen kräftigen Schluck von dem Wodka nahm. „Igitt, ist das Zeug eklig. Hoffentlich wirkt es schnell, sodass ich den restlichen Abend mit euch verkrafte.“

Alle lachten und keiner schien zu bemerken, dass jemand aus der Gruppe fehlte. Der einzige, der es merkte, traute sich nicht den Mund auf zu machen. Also saßen die neun Freunde auf dem Waldboden und genossen einen Joint nach dem anderen und gaben sich der Mixtur aus Alkohol und Gras hin. Es war eine heitere Runde und sogar Melanie schien endlich ihre negative Stimmung abgelegt zu haben.

Ausgerechnet Conny war es, die irgendwann Hannahs Fehlen bemerkte: „Hey Leute, wo ist denn unser Baby eigentlich?“

„Stimmt, Hannah ist nicht da. Ups, gar nicht gemerkt“ lachte Spencer berauscht und alle kicherten mit.

„Vielleicht sollten wir sie suchen gehen. Die ist ganz schön lange alleine im Wald unterwegs“, warf nun Pete endlich ein.

„Ooooh, vermisst du deine kleine Hannah- Maus schon?“, spottete Conny und fuhr ihm durch die Haare. Pete wich ihr genervt aus.

„Wir rauchen noch gemütlich diese letzte, kleine Graszigarette und dann gehen wir sie suchen, falls sie inzwischen nicht alleine hergefunden hat“, bestimmte Sammy und inhalierte einen tiefen Zug.

Pete begann unruhig zu werden. Nachdem auch der letzte Joint geraucht war und die Wodkaflasche ausgetrunken, war Hannah noch immer nicht zurück. Also machten sich alle auf die Suche nach ihr. Es begann schon leicht zu dämmern und ein kühler Wind begann durch die Bäume zu pfeifen, was die Suche nach Hannah nicht besonders angenehm gestaltete. Die Clique teilte sich in drei Gruppen auf und vereinbarte, sich nach spätestens 20 Minuten wieder am Ausgangspunkt zu treffen.

„Hannah! Hannah, wo bist du?“

„Wir wollen nach Hause, komm schon!“

Die Vierzehnjährige schien wie vom Erdboden verschluckt. Es war Melanie, die Hannah schließlich regungslos unter einem Baum liegend entdeckte.

„Oh nein, oh nein… Leute!!! Hierher! Sofort!“ schrie sie hysterisch und beugte sich zu ihrer Freundin runter, um zu sehen, ob sie noch atmete.

Innerhalb kürzester Zeit kamen alle hergelaufen und blieben wie gelähmt auf der Stelle stehen, als sie sahen, wie Melanie versuchte, Hannah aufzuwecken. Das Marihuana und der Alkohol dröhnten in ihren Köpfen, und ein Gefühl der Hilflosigkeit mischte sich dazu. Melanie rüttelte Hannah, versuchte eine Herzmassage, obwohl sie nicht die geringste Ahnung von Wiederbelebung hatte und redete weinend auf sie ein.

„Komm schon, Kleine! Mach die Augen auf, mach sie auf. Bitte, bitte…“ Melanies Stimme war kaum noch zu vernehmen, die Tränen verschluckten ihre Worte. Die anderen waren wie eingefroren. Florence und Jacky begannen schließlich zu schluchzen, Conny vergrub ihr Gesicht in Spencers Armen und Clive flüsterte ein „Verdammt“ nach dem anderen. Pete sank zu Boden und wendete seinen Blick von der toten Hannah ab. Er ertrug ihren Anblick nicht. Wie sie dalag mit ihren langen aschblonden Haaren, das weiße Band der Blitzgiganten verklebt und rot gefärbt vom Blut, das aus ihrer Kopfwunde getreten war, die grünen Augen und den puppenhaften Mund geöffnet. Das Bein, das unnatürlich in die falsche Richtung gebeugt war. Pete schmeckte den  Alkohol in seinem Rachen hochsteigen und verharrte in der Hocke und hielt die Hände vors Gesicht. Es vergingen einige Minuten, in denen man nichts weiter hörte als das Weinen der Mädchen.

„Wir sollten sie verschwinden lassen“, sagte Tom plötzlich mit fester Stimme.

Alle Augen richteten sich auf ihn. „Was hast du da gesagt?“

„Oben im Weiher vielleicht, wenn wir alle mit anpacken, dann ist es in einer halben Stunde erledigt.“

Alle starrten ihn ungläubig an, während Melanie sich erhob, zu Tom hinging und ihm eine Ohrfeige verpasste: „Mit diesem Tag ist unsere Freundschaft beendet, du Arschloch. Wie kannst du es nur wagen, so etwas zu sagen? Warum sollten wir so etwas tun?“

Tom senkte sein Gesicht und schwieg.

„Tom? Was ist los?“, wollte Sammy wissen und kam ebenfalls näher.

„Womöglich verliert ihr heute zwei Freunde. Kann sein, dass ich ein bisschen Schuld daran trage, dass… naja, dass Hannah…“

„Was? Wie meinst du das?“

„Ich… ich habe die Pistole meines Vaters dabei gehabt und die Aufnahmen mit den Schreien aus den Horrorfilmen. Ich schwöre, dass ich nur Schüsse in die Luft abgefeuert habe! Ich wollte Hannah lediglich ein wenig Angst machen damit. Sie ist dann auf den Baum geklettert, wohl, um sich zu verstecken. Was anschließend passiert ist, weiß ich nicht, ich habe mich ja versteckt, als ich geschossen habe und bin dann in die andere Richtung gelaufen, um auch Conny und Melanie zu erschrecken. Ich habe schon ein dumpfes Geräusch gehört, habe mir aber nichts weiter dabei gedacht…“

Pete erhob sich und streckte Tom zu Boden: „Du verrückter Psychopath! Deinetwegen ist Hannah vom Baum gefallen, deinetwegen hat sie sich ihren Kopf an dem Stein da zerschmettert. Deinetwegen hat sie Todesängste durchlitten… Du hast sie umgebracht und bist ihr nicht mal zu Hilfe geeilt.“ Er spuckte auf seinen Freund.  „Wir alle haben sie umgebracht, weil wir sie nicht früher gesucht haben.“

Und eigentlich wollte er noch weiter schreien: „Ich habe sie umgebracht. Ich habe ihr Fehlen als erster bemerkt und war zu feige, etwas zu sagen. Ich hätte zu ihr laufen sollen, schon während des Spieles!“ Stattdessen brach Pete in Tränen aus.

„Wir sollten die Polizei rufen“, meinte Jackie, als niemand sonst es wagte zu reden. Auch jetzt antwortete keiner der neun Freunde. Alle schauten bedrückt zu Boden.

„Leute?“

„Pete hat Recht, wir sind alle schuld. Wir haben alle nicht sofort nach ihr gesucht, obwohl wir es hätten tun sollen. Vielleicht wäre Hannah noch am Leben, wenn wir ihr früher zu Hilfe geeilt wären“, sagte Florence still. „Wir bekommen alle Schwierigkeiten, wenn wir die Polizei rufen…“

„Ganz zu schweigen davon, was mit Tom passieren würde“, fuhr Spencer fort. „Er mag ein Arschloch sein und einen Fehler gemacht haben, aber das war sicher nicht seine Absicht. Wir können ihn nicht auflaufen lassen, das wäre nicht fair!“

„Nicht fair?“, rief Melanie bestürzt und zeigte auf Hannah. „Nicht fair? Findest du das hier fair?“

„Beruhigt euch, ok? Ich denke, wir sind uns alle einig, dass der Tag nicht so hätte verlaufen dürfen. Es ist furchtbar, was mit Hannah passiert ist. Es nützt nichts, wenn wir uns hier jetzt gegenseitig Vorwürfe machen und uns zoffen“, versuchte Sammy zu schlichten. „Versuchen wir, klar zu denken und die Fakten zu verstehen. Tom hat mit seiner kleinen Aktion Scheiße gebaut. Hannah… ist tot. Wir anderen haben zu spät reagiert. Es könnte für uns alle Konsequenzen haben, das sollte uns klar sein. Nichts desto trotz haben wie eine Verantwortung, oder nicht? Wir stimmen ab.“

Sammy schaute in die Runde schuldzerfressener und trauernder Gesichter. Er erkannte, wie einige von ihnen mit ihrer Entscheidung haderten, ein paar andere hatten sie schon getroffen.

„Also gut… Wer ist dafür, dass wir Hilfe holen?“

Melanie hob die Hand. Ebenso Jackie. Sammy selbst hob sie. Florence drehte sich mit Tränen in den Augen um und ging ein paar Schritte zur Seite, Spencer schüttelte bestimmt den Kopf, ebenso Clive, der sich bis jetzt gar nicht geäußert hatte. Conny starrte zu dem schweigenden, plötzlich in sich gekehrten Tom und meldete sich auch nicht.

„Pete?“ Melanie starrte ihn fassungslos an, denn auch er hob nicht seine Hand.

„Wir rufen niemanden“, flüsterte er, während er seine Knie fest umklammerte.

Sammy schluckte sein Unbehagen hinunter und fasste zusammen: „Drei sind dafür, sechs dagegen.“ Er konnte es nicht glauben, dass seine Freunde entschieden, das offensichtlich Falsche zu tun.

Melanie schrie: „Was ist nur los mit euch? Hannah war unsere Freundin! Es war ein Unfall, den niemand gewollt hat. Man würde uns glauben. Toms Strafe würde nicht so hart ausfallen!“

„Woher willst du das wissen?“, keifte Conny sie von der Seite an. „Wir landen wahrscheinlich alle in Teufels Küche! Melanie, schalt doch endlich dein Gehirn ein! Wir würden uns alle unsere Zukunft verbauen! Vergiss deine Moral!“

„Was seid ihr für Freunde… Herrgott nochmal. Hannahs Mutter wartet vermutlich schon darauf, dass ihre Tochter jeden Moment zur Tür hereinkommt“, weinte Melanie leise. „Was… was wollt ihr jetzt also tun?“

Wieder herrschte Stille im Wald. Es war die qualvollste, die die neun Freunde je erlebt hatten. Und die Nacht, die vor ihnen lag, war noch um einiges qualvoller.

Einer unter Tausenden oder: wenn Träume nicht (so richtig) wahr werden

In der New Yorker U- Bahn sah ich vor sieben Jahren einen Mann, der sang um seine Existenz. Er war gewiss nicht der Einzige, der mit Straßenmusik sein Geld verdiente, aber dieser schon etwas ältere Afroamerikaner mit dem hellbraunen Trenchcoat brachte so viel Gefühl in die hektische, abgedroschene und unpersönliche Bahn, dass er mir in Erinnerung blieb. Ich hoffe, es gibt ihn auch heute noch und er erfüllt mit seiner Black- Soul- Stimme die U- Bahnen und Herzen des Big Apples.

 

Victor sang „Stand by me“ gerade zu Ende, als ein paar junge Leute ihm applaudierten. Das erste Mal heute und in den letzten drei Tagen. So oft bekam  man nicht Applaus hier unten, hier war die Luft zu heiß, der Bahnverkehr zu hektisch, die Leute zu reserviert und müde. Er kannte die New Yorker Menschen zu gut und er teilte sie gerne in zwei Kategorien für sich ein: Auf der einen Seite waren da die begeisterungsfähigen, offenen und ungezwungenen Großstädter und auf der anderen Seite die Stadtmenschen, die in der Anonymität New Yorks ihr Dasein drucksten, die von der Frau in der Nachbarswohnung oder dem unbekannten, schwarzen Sänger in der U- Bahn nichts wissen wollten.

Als er vor zweiunddreißig Jahren von Philadelphia in die Ostküstenmetropole gezogen war, um hier sein Glück mit der Musik zu machen, war Victor einer von Tausenden. Die jungen Leute strömten in den 70ern von überall her: Europa, Kanada, Mexiko und –so wie Victor- aus anderen Teilen des Landes. Amerika, insbesondere Los Angeles und New York hatten den Ruf, Träume wahr werden zu lassen und vielleicht fanden einige auch ihr Glück. Aber Victor lernte damals unzählige Leute kennen, die die bittere Wahrheit, die Überbewertung des „American way of life“ irgendwann erkannten und damit nicht umgehen konnten. Die abstürzten, dem Alkohol oder Drogen verfielen, kriminell wurden oder die sogar Selbstmord begingen.  Oder- und diejenigen wählten die für sie vielleicht einfachste, aber wahrscheinlich demütigendste Lösung- die nach Hause zurückkehrten und sich somit nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Familien und Freunden die Niederlage eingestehen mussten. Victor gehörte weder zu den Gewinnern noch zu den Verlierern, wurde weder erfolgreich mit seiner Musik, noch verfiel er dem Rausch, noch kehrte er in seine Heimat zurück. Er kam mit dem Singen auf der Straße und in den U-Bahn Stationen grade so über die Runden, aber was war das schon? Was war er in den Augen der anderen Menschen? Ein begnadeter Sänger? Einer der seinen amerikanischen Traum lebte? Sicherlich nicht. So sah er sich nicht einmal selbst. Ein Bettler war er, der Glück hatte, eine gute Stimme zu haben und somit nicht ganz das Gefühl haben musste, um Geld zu bitten. Vielleicht gaben ihm trotzdem viele Leute nur aus Mitleid etwas und nicht deswegen, weil er talentiert war. Am Ende des Tages lief es auf dasselbe hinaus. Er konnte in seine kleine Wohnung in Harlem und hatte warmes Essen auf dem Tisch. Die Bestätigung, die Anerkennung für seinen Gesang, die fehlte meist. Aber Victor konnte es sich nicht leisten, daran zu verzweifeln. Eine andere Arbeit gab es für ihn nicht, wegen seiner Invalidität stellte ihn niemand ein. Zudem war er schwarz. Victor hatte schlechte Karten. Sein einziges Ass war seine Stimme und die hörte leider nie die richtige Person. Victor dachte immer: Wenn Gott es für mich vorgesehen hat, dann spaziert irgendwann ein Musikproduzent an mir vorbei und erkennt mein Potenzial!

Mittlerweile, fast dreißig Jahre später dachte Victor, dass Gott ein Arschloch sei. Über acht Millionen Leute in dieser verdammten Stadt und keiner, aber auch gar keiner, der ihm das Gegenteil beweisen konnte. Aber was soll`s, Victor hatte sich damit abgefunden. Er war auch nicht wirklich unzufrieden, das konnte er nun wirklich nicht behaupten. Immerhin verdiente er mit dem, was er liebte, seinen Lebensunterhalt. Wie viele Menschen können das von sich behaupten? Das war es auch, was seine Frau immer zu ihm sagte. Die Tatsache, dass sie selbst sechs Tage die Woche fast zehn Stunden täglich in der Wäscherei zubrachte, damit das Geld auch für sie beide reichte, erwähnte sie nie. Und dafür liebte er seine Brianne. Weil sie alles so nahm, wie es war, zufrieden damit war und Victor nahm wie er war, und auch damit zufrieden war. Genügsamkeit. Das war Briannes Stärke und Victors Anker im hektischen Alltag. Das wiederum machte ihn dankbar. Dass auch sie ihn genügsam machte und nicht vergessen ließ, wie wertvoll das ist, was man besitzt. Träumen hinterherjagen kann sehr anstrengend sein… Wie schön war es da, einen sicheren Hafen zu besitzen, der Victor runterkommen ließ, auch wenn der Tag noch so anstrengend, niederschmetternd oder belanglos gewesen war!

Es waren die ersten kühlen Herbsttage in New York, und Victor hatte seit Wochen das erste Mal wieder das Gefühl, im Underground nicht zu ersticken. Der Sommer war fast unerträglich da unten, aber die U-Bahn rentierte sich für ihn am meisten. Da konnten die Leute sich nicht so schnell abwenden oder gar weglaufen.  Also biss er sich durch, von Wagon zu Wagon. Einige Dollar wanderten an diesem Morgen in Victors Mütze, mit der er nach seiner Performance durch das Abteil ging. Viele New Yorker kannten den Soulsänger schon seit den Anfängen seiner Musik hier in der Stadt der Städte. Und fast alle liebten ihn und seine Musik. Seine Fans. Manche fanden ihn toll, vor allem die Touristen, weil sie überrascht vom plötzlichen Gesang in einem öffentlichen Transportmittel waren. Andere wiederum würdigten ihn nicht mal eines Blickes und verzogen eher entnervt das Gesicht, wenn er in der Bahn zu singen anfing. Es gab eben diese und jene Menschen. Gute Tage und weniger gute Tage. Das eine reihte sich an das andere; so war das Leben in New York.

Aber immerhin hatte Victor eine Konstante. Es war die Liebe und war es am Ende nicht das, worauf es ankam?

Adrenalin

Extremsituationen. Wart ihr schon einmal in einer solchen? Ich wünsche euch, dass eure Antwort Nein ist. Ich, Klopf auf Holz, zum Glück auch noch nie. Oft frage ich mich, wenn ich von Extremsituationen lese oder höre, wie ich wohl reagieren würde. Als Außenstehender ist es oft leicht Urteile oder potenzielle „Was wäre wenn“- Entscheidungen zu fällen, doch wie verhält man sich tatsächlich in einem alles verändernden Moment? Wir kennen alle den Unterschied zwischen richtig und falsch, aber letztendlich sind wir alle Menschen. Und Menschen machen Fehler, vor allem dann, wenn der Überlebensinstinkt, bzw. der Ich-rette-meine-eigene-Haut Impuls erwacht. Der Mann in meiner folgenden Kurzgeschichte hat einen schwerwiegenden Fehler gemacht. Und läuft vor ihm davon. Verknüpft habe ich meinen Protagonisten mit einem Mann, den meine Freundinnen und ich vor vielen vielen Jahren an der Haltestelle gesehen haben. Er hatte Blut an den Händen und wurde beinahe von einem Bus angefahren. Wer er war, woher er kam und was mit ihm geschah, weiß ich bis heute nicht. Eine perfekte Ausgangslage für mich und mein Kopfkino… 😉

Die Autos rasten mit 130 km/h und mehr an ihm vorbei, aber es störte Norman Fisher nicht. Im Gegenteil, die Schnelligkeit der Autos spornte ihn an, sein eigenes Tempo beizubehalten. Er wusste nicht, wie lange er schon unterwegs war, aber mittlerweile musste es schon nach Mitternacht sein. Jegliches Zeitgefühl war ihm abhanden gekommen. Das Adrenalin schoss seit Stunden durch seine Venen und trieb ihn voran. Nie zuvor hatte er eine solch gewaltige körperliche Leistung erbracht. Norman Fisher war nicht übergewichtig oder faul, aber besonders sportlich oder gar athletisch nicht im Geringsten. Ein normaler Kerl eben. Der nachts an einer Autobahn entlanglief mit einer Ausdauer, die er nie für möglich gehalten hatte. Aber Extremsituationen scheinen die Kräfte des eigenen Körpers bis aufs Äußerste zu treiben.

Norman Fisher lief Meter um Meter ohne zu wissen, wohin eigentlich. Aber eine jede Straße führt an ein Ziel, und das war es, wohin er wollte. Einfach irgendwohin. Er spürte, wie der Schweiß an seiner Stirn über das Gesicht hinunterrann, er konnte das Salz auf seinen ansonsten ausgetrockneten Lippen schmecken. Sein schwarzes T- Shirt war vollkommen durchgeschwitzt und seine patschnassen Locken klebten an Haupt und Gesicht. Es war Nacht, aber die Temperaturen schienen seit Sonnenuntergang kaum gefallen zu sein. Ihm war heiß und sein unter Strom arbeitender Organismus verlangte nach Wasser. Doch er nahm es nicht wahr.

Lauf, Norman, lauf! Hatte seine innere Stimme in ihm geschrien. Lauf weg! Also rannte er los und drehte sich nicht mehr um. Die Dunkelheit und die Unwissenheit darüber, wo genau er sich im Moment befand, waren im egal. Er hielt sich an die Leitplanken der Autobahn und folgte dieser, wohin sie auch führen mochte. Was sich links von ihm befand, konnte Norman Fisher nicht ausmachen. Es mussten Felder sein oder unberührte Wiesen, jedenfalls konnte er nirgendwo Lichter erkennen oder Geräusche vernehmen, die auf eine Stadt oder zumindest auf irgendwelche Leute, die zufällig in der gleichen Gegend waren, schließen ließen. Nur das rauschende Vorbeiziehen der Autos und LKWs.

Es verging erneut eine gewisse Zeit – waren es wieder Stunden? Norman Fisher kam es so vor, da verlangsamte er seinen Schritt. Er verstand zunächst nicht, was ihn bremste, erst als er auf einer Stelle stehen blieb, merkte er, wie Übelkeit in ihm aufkeimte. Die Anspannung, das Durcheinander in seinem Kopf und seinem Körper, die Gefühle darüber, was wenige Stunden zuvor geschehen war, sein Kreislauf, der sich nun endlich doch bemerkbar machte, all das ließ ihn schwer atmen. Adrenalin adieu. Er konnte nicht mehr. Norman Fisher setzte sich ins Gras, lehnte seinen Kopf an die Leitplanke hinter ihm. Mit Mühe versuchte er seine Atmung gleichmäßig werden zu lassen. Er schloss seine Augen für einen Moment, doch das grauenhafte Bild, das kurz in ihm aufblitzte, ließ ihn hochfahren. Er sah den kleinen Arm mit dem rosa Armreif, der aus dem hinteren Fenster des grauen PKWs hing, regungslos. „Verfluchte Scheiße!“ schrie er und erhob sich wieder. Die Übelkeit dankte es ihm, indem sie Norman Fisher ordentlich zum Kotzen brachte. Erstaunlicherweise ging es ihm anschließend besser. Das Gefühl wieder regelmäßig zu atmen kam zurück und er ging weiter, dieses Mal langsamen Schrittes.

Die Sonne ging auf. War er eben doch länger weggenickt? Er war nicht mehr Herr seiner Sinne, seine Fußsohlen brannten, ihm war elendig heiß und schwindelig zumute. Er war durstig. So durstig. Jetzt spürte er auch, dass er am Kopf verletzt war und geblutet hatte. Aber das Schlimmste war, dass die Bilder der vergangenen Nacht zurückkamen. Eines nach dem anderen. Der zarte Kinderarm mit dem rosa Armreif. Das Kuscheltier auf dem Asphalt, es war ein Schäfchen, Norman Fisher war sich da ganz sicher. Der Anblick hatte sich eingebrannt. Denn neben dem Schäfchen lag der Oberkörper der Frau, die den Wagen gefahren hatte. Ihre Beine waren im oder unter dem Wagen. Als er zu ihr hingegangen war, um zu sehen, ob sie noch atmet, war er in der Blutlache ausgerutscht, die sich um den Körper der jungen Frau gebildet hatte. Er hatte das Blut im Dunkeln nicht gesehen und war hineingefallen. Er hatte gespürt, dass es warm war und hatte gesehen, dass sich der Plüsch des Schafes sich schon rot gefärbt hatte. Er war ausgerutscht und hatte dann er den kleinen Arm im Fenster der Rückbank gesehen und er spürte das warme Blut auf seinen Armen und seinen Händen und dann hatte die Stimme in ihm geschrien: „Lauf, Norman, lauf! Lauf weg!“ Und er hatte sich entfernt von dem grauen PKW, der sich beim heftigen Zusammenprall überschlagen hatte und auf der Seite liegen geblieben war und war fortgerannt. Er hatte sein Auto gelassen wo es war, sein kaputtes Auto und das andere kaputte Auto und die kaputten Leute und war von der einsamen Landstraße hinuntergelaufen, in den Wald hinein und war irgendwo auf der anderen Seite wieder herausgekommen. Er hatte in der Nähe den Autobahnverkehr vernommen und war in eben diese Richtung gelaufen.

Warum war er weggelaufen? Was, wenn das Mädchen noch gelebt hatte? Um Gottes Willen, was hatte er nur getan? Warum hatte er nicht einmal kurz hineingeschaut zu dem armen Kind, nicht nur eine Sekunde? Er war feige gewesen und war wegelaufen. Die Tränen brannten in seinen Augen. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte er nur wegnicken? Es waren zwei oder drei Sekunden, dann war sein Auto auf die andere Straßenseite geraten. Norman Fisher war schuld an dem Unfall und an den Tod dieser Frau. Und vermutlich auch dem des Mädchens. Wenn es kurz nach dem Unglück nicht tot gewesen war, jetzt war es das mit Sicherheit. Oder vielleicht konnte sich die Kleine aus dem Wagen befreien. Und dann? Dann sah sie ihre tote Mutter neben dem rot gefärbten Schaf und was dann? Lief sie auch in den Wald? Blieb sie dort? Kam ihr jemand zu Hilfe? Das war das einzige Szenario, das Norman Fisher sich vorstellen wollte. Dass jemand kam und sie rettete. Er hatte seine Chance um zu helfen vertan. Er war ein jämmerlicher, ein ganz abscheulicher, hundserbärmlicher Feigling. Jeden Schmerz, jedes furchtbare Gefühl, das er gerade verspürte, verdiente er aus tiefstem Herzen. Und noch mehr. Noch viel mehr.

Norman Fisher war ansonsten kein schlechter Mensch. Aber das, was er heute Nacht getan hatte, das war unverzeihlich. Es war schon schlimm genug, dass er völlig überarbeitet und erschöpft sich doch noch entschieden hatte in sein Auto zu steigen- immerhin hätte er eine weitere Nacht in dem Motel bleiben können. Aber er wollte sich das Geld sparen, weil er momentan knapp bei Kasse war. Aber dann den Unfallort einfach so zu verlassen…was hatte ihn da nur geritten?

Norman Fisher war so in Gedanken versunken, dass er den Lastwagen und den Fernfahrer in der Rettungsinsel gar nicht bemerkte, an der er gerade vorbeiging.

„Hey Mann, brauchst du Hilfe?“ rief dieser mit rauer Stimme. Der Fernfahrer lehnte an seinem Truck und vertilgte gerade ein Brot. Norman Fisher war vollkommen perplex, wusste nicht, was er dem Fremden antworten oder anvertrauen sollte. Was der sich wohl denkt? Ich sehe aus, als hätte ich jemanden umgebracht. Habe ich ja auch, dachte er.

„Du siehst so aus, als brauchst du eine Mitfahrgelegenheit.“ Er sah Norman Fisher von oben bis unten an, erwähnte aber nicht das viele Blut oder dessen verwirrtes Auftreten. „Scheiße gebaut, was? Haben wir doch alle mal. Steig ein, wenn du willst, ich fahre dich in die nächste Stadt! Du musst glaub ich in ein Krankenhaus.“ Also stieg Norman Fisher zu dem Fernfahrer in den LKW.

„Warte, lass mich ne Decke unterlegen, du saust mir noch alles voll. So, jetzt.“

Warum half ihm dieser Kerl? Er hatte doch gemerkt, dass Norman Fisher ganz offensichtlich in Schwierigkeiten war. Wahrscheinlich war der Typ selbst nicht ganz bei Trost, aber das war ihm in diesem Moment egal. Er brachte ihn in die nächste Stadt und stellte keine lästigen Fragen. Und so saßen die zwei Männer in dem LKW, schweigend, und blickten nach vorne auf die Straße.

Hätte Norman Fisher umkehren sollen an den Unglücksort? Wahrscheinlich, aber jetzt war es ohnehin zu spät. Er hatte einen Unfall verursacht, Menschenleben auf dem Gewissen und Fahrerflucht begangen. Noch tiefer in die Scheiße konnte er nur noch kommen, wenn die Polizei ihn finden würde. Früher oder später würde es sowieso passieren. Brachte es etwas, irgendwo unterzutauchen? Wie machte man das, „untertauchen“? Man sieht haufenweise Filme im Fernsehen, in denen Leute untertauchen… Machte man das im realen Leben genauso? Vermutlich funktionierte das in echt gar nicht. Sie würden ihn finden und er würde ins Gefängnis müssen. Und viel Geld bezahlen. Geld, das er gar nicht besaß. Vielleicht war das Beste, wenn er sich stellte. Vermutlich würde seine Strafe dann zumindest etwas gemindert werden.

Der Lastwagen hielt an einem größeren, belebten Parkplatz mitten einer kleinen Stadt. Norman Fisher war so in seinen Gedanken versunken, dass er nicht registriert hatte, endlich irgendwo angekommen zu sein.

„Wir sind da, Kumpel. Hier sind 30 Dollar, nimm sie. Mehr Bares habe ich nicht dabei.“

„Aber… Warum helfen Sie mir?“ Das war das erste Mal, dass Norman Fisher mit dem Fernfahrer redete.

„Wie gesagt, wir bauen alle mal Mist. Aber du wirst ganz offensichtlich von deinem Gewissen geplagt, also scheinst du mir ein guter Kerl zu sein. Glaub mir, ich kenne viele, die würden nicht einen Cent von mir bekommen. Und jetzt raus hier, bevor ich es mir anders überlege!“

„Danke!“

Norman Fisher stand noch eine Weile auf dem Parkplatz und schaute dem davonfahrenden Truck hinterher. „Sie scheinen mir ein guter Kerl zu sein“… ein guter Kerl… Der nicht nur Mist, sondern riesengroßen Mist gebaut hatte! Er hatte eine falsche Entscheidung nach der anderen gefällt. Vielleicht war es an der Zeit, die richtige zu treffen.

Er überquerte den Parkplatz und sah dabei nicht den heranfahrenden Bus. Laut hupend blieb dieser so knapp vor ihm stehen, dass Norman Fisher sich mit seinen Händen am Kühler abstoßte. Sein Herz pochte rasend schnell. Mit dieser Aktion hatte er die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen, er sah wie die Leute ihn anstarrten und über ihn redeten. Eine Gruppe junger Mädchen an der Bushaltestelle war sichtlich erschrocken. Kein Wunder, wie musste die Situation auf Außenstehende wirken! Ein völlig aufgelöster, verwirrter Kerl, mit Blut an seinen Händen und seinen Armen, der fast von einem Bus niedergefahren wurde… Er musste wie ein vollkommener Verrückter aussehen… Norman Fisher entfernte sich vom Bus und verschwand in eine Seitengasse. Lauf, Norman. Lauf!

Mona

AUS DER REIHE:

Kennt ihr auch diese Häuser, die auf euch eine Faszination ausüben- aus welchem Grund auch immer? Ich liebe es, beim Spazieren oder als Beifahrer im Auto mich von der Umgebung inspirieren zu lassen. Immer wieder entdecke ich dabei das ein oder andere Haus, bei dem meine kindliche Neugierde zum Leben erwacht. Wie ein kleines Mädchen, das unter allen Umständen in eine glitzernde Schatztruhe gucken will, so möchte ich eben in diesem Moment unbedingt, die Tür zum besagten Haus öffnen und einfach reinspazieren. Oder zumindest durch das Fenster kurz mal hineinspähen. Nachsehen, wie es darin ausschaut, wer darin lebt und vor allem, welche Geschichten darin zu finden wären. Aber das macht man nun mal nicht, eigentlich schon schade, denn ich bin überzeugt: Hinter jeder verschlossenen Haustür gibt es sie, erzählenswerte Geschichten.

Die erste Kurzgeschichte aus meiner neuen Reihe „Hinter verschlossenen Türen“ ist ein Zusammentreffen zwei ungleicher Komponenten: Einer einst schönen, mittlerweile etwas vernachlässigten Haustür, die mich positiv angesprochen, mich zum Fotografieren und Schreiben angeregt hat und einer Begegnung mit einem Menschen, der mir so gar nicht gefallen hat. Es war eine alte Frau. Als ich sie sah, beschimpfte sie eine junge Mutter, deren kleine Tochter wohl gerade einen bockigen Moment hatte, denn diese heulte und schrie und schimpfte wild um sich herum. Leute, die selber Kinder haben, viel Zeit mit ihnen verbringen oder einfach einen gesunden Menschenverstand haben, wissen: Solche Momente gibt es eben, sie sind unangenehm und anstrengend, aber sie gehen wieder vorbei und gehören zur normalen Entwicklung eines Kindes dazu. Manche Leute scheinen das leider nicht zu wissen, wie diese Frau, die zur Mutter sagte: „Besser keine Kinder machen, wenn man sie nicht erziehen kann.“ Ich war total schockiert über die echt heftige Aussage, dann aber -ich gebe es zu- ein klein wenig schadenfroh, als die betroffene Mutter wie aus der Pistole geschossen konterte: „Dann ist es besser, wenn sie sich zuhause einsperren, wenn sie Kindergeschrei nicht ertragen können.“ Peng. Und die Frau war still.

Ich schämte mich für die alte Frau und dachte, dass man sich gerade von einem Menschen mit einer gewissen Lebenserfahrung mehr erwartet, aber Anstand hat- das habe ich mittlerweile gelernt- nichts, aber rein gar nichts mit dem Alter zu tun. Und ich begann über die unsympathische Frau nachzudenken, warum sie wohl so ist, und warum sie so auf das Szenario reagierte… Was macht sie zu dem Menschen, der sie ist? Und wie sieht ihr Leben aus, hinter verschlossener Tür?

Der Wein schmeckt an diesem Abend besonders gut, fand die 83- Jährige Mona. Wie immer war sie erleichtert, als sie nach Hause kam, die weiße Haustür mit dem halbrunden Fensterglas hinter sich zu machen und sich ein Gläschen Rotwein einschenken konnte. Und heute freute sie sich umso mehr darauf, denn die Begegnung mit der unfreundlichen jungen Frau und ihrer furchtbar quengelnden Tochter setzte ihr zu. Sie solle sich doch zuhause einsperren, hatte die Frau zu ihr gesagt, wenn sie das Weinen von Kindern nicht ertrug. Eine bodenlose Frechheit war die Aussage gewesen, wirklich eine Frechheit. Mona nippte an ihrem Glas und schüttelte jetzt noch darüber den Kopf. Wie die Kleine rumgebockt hat, das war doch nicht normal. Und dann ertragen es die Eltern nicht, wenn man ihnen die Meinung sagt. Lächerlich fand Mona das. Demonstrativ kippte sie den teuren Wein mit einem Zug leer und schenkte sich nach. Der Alkohol beruhigte sie. Aber mehr als zwei Gläser Wein am Tag gönnte sie sich nicht. Ihr Ehemann hatte genug für sie beide getrunken, als er noch am Leben war. Nur an seinem Todestag, da war es auch bei Mona manchmal eine ganze Flasche oder noch ein bisschen mehr. Irgendwie fühlte sie sich ihrem Mann dann näher. So betrunken zu sein, wie er es immer gewesen war. Eigentlich vermisste sie den Mistkerl gar nicht. Weil er nie besonders gut zu ihr gewesen war. Nicht, dass er sie geschlagen hätte, nein, dazu wäre er viel zu faul gewesen, der fette Mistkerl.  Aber provozieren und rumnörgeln und ihr das Gefühl geben, dass sie der dümmste Mensch auf der Welt war, das konnte er hervorragend. Seit mittlerweile zwölf Jahren war es vorbei damit, der Mistkerl hatte sich zu Tode gesoffen. Und trotzdem hatte sie oft noch das Gefühl, alles genau so tun zu müssen, wie er es ihr eingetrichtert hatte: Das Parfüm im Schrank links oben aufzubewahren, nicht auf der offenen Ablage. An Sonntagen das gute Geschirr zu decken, nicht das billige. Und die Haare offen zu tragen, weil sie „sonst wie ein Mann aussähe“. Vor drei Jahren hatte sich Mona eine Kurzhaarfrisur schneiden lassen. Aus Trotz. Ihrem toten Ehemann gegenüber.

So wie immer, setzte sie sich auch an diesem noch frühen Abend auf ihr großes Sofa, schaltete ihre Lieblings- Quizsendung ein und genoss ihren Alkohol. Mona liebte es in dem geräumigen, Wohnzimmer mit dem alten, aber teuren Perserteppich zu fernsehen. Sie liebte es, ihre Ruhe zu haben, und mit niemandem reden zu müssen. Besuch bekam Mona fast nie, ihre beiden Söhne hatten den Kontakt zu ihr schon lange abgebrochen. Sie waren die gleichen Versager wie ihr Vater. Naja, sie bekamen ihr Leben finanziell halbwegs auf die Reihe, aber ihre Jobauswahl war einfach miserabel. Staplerfahrer und Kfz- Mechaniker. Und das, obwohl sie das Geld und die Möglichkeit hatten zu studieren und etwas Anständiges aus ihrem Leben zu machen. Und dafür wollten sie auch noch Anerkennung. Dass sie mit solch einer Arbeit überhaupt eine Frau gefunden haben, grenzt an ein Wunder, wobei Mona ihre zwei Schwiegertöchter ganz schrecklich fand. Die eine war eine auf Sparflamme lebende Weltverbesserin und Vegetarierin und die andere eine Neunmalkluge. Die alte Frau wusste nicht, was sie schlimmer fand, sie wusste nur, dass sie bei ihren Söhnen wohl alles falsch gemacht hatte. „Wir werden dir und deinen Ansprüchen niemals genügen“, warfen sie ihr vor, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Das lag auch schon vier Jahre zurück. Oder waren es schon fünf? Vielleicht gehörte sie ja auch zu den Frauen, die besser keine Kinder bekommen hätten. Mona merkte, wie sie gedankenversunken zum Fenster starrte und an ihre Söhne dachte. Es waren Augenblicke, in denen Mona den Schmerz in ihrem Inneren zuließ. Seltene Sekunden. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, sich über andere Leute aufzuregen. Das tat ihr gut, glaubte sie und es lenkte sie vom Eigentlichen ab und das war die Hauptsache. Wie sonst auch, waren die raren Sekunden der Selbstreflexion auch an diesem Abend vorbei und Mona widmete sich wieder ihrer Quizsendung. „Wo finden die bloß immer solche Idioten? Antwort B natürlich! Herrgott nochmal, das weiß doch jeder normale Mensch!“ Sie stellte ihr Glas auf das Mahagonitischchen und ging rüber ans Fenster, weil sie Musik und lautes Gelächter vernahm. Sie konnte von hier aus genau in den Nachbargarten sehen. Das junge Paar von nebenan schien eine Grillparty zu schmeißen. Na toll, auch das noch. Hinter dem schweren Vorhang spähte sie nach nebenan um das Treiben zu beobachten und sie sah ein weiteres Paar, das sie schwerer atmen ließ. Denn der junge Mann, der seine Freundin gerade auf die Stirn küsste, erinnerte sie an jemanden, den Mona vor vielen vielen Jahren kannte. Er sah beinah genauso aus: Dunkelblondes kurzes Haar, südländisch braune Haut, dieselben Gesichtszüge und mindestens 1,85 groß. Wie Gerry. Sogar die Art sich zu bewegen. Mona war wie hypnotisiert von dem jungen Mann, denn er erweckte die Gefühle in ihr, die sie für begraben hielt. Gerry… das war der einfache, sympathische Kerl, den sie vor zweiundsechzig Jahren hatte gehen lassen, weil ihr ein anderer, ihr zukünftiger Ehemann, dieser Mistkerl, -bildhaft gesehen- mit einem Bündel Geld wedelnd das Blaue vom Himmel versprochen hatte. Wie dumm war sie gewesen und wie geblendet vom Reichtum! Gerry war ein einfacher Handwerker gewesen und hätte ihr nie das Leben bieten können, das ihr ihr Ehemann bot. Finanziell gesehen. Alles andere… Kaum war die Hochzeit über die Bühne gegangen, fing der Mistkerl an zu trinken und das, von dem sie glaubte, dass es noch Liebe werden könnte, war endgültig ausgelöscht. Mona war zu diesem Zeitpunkt schon schwanger, Gerry war schon fort und alles war zu spät. Die größte Fehlentscheidung wurde zu ihrem Leben und alles verlief in die vollkommen verkehrte Richtung. Alles, was nach Gerry kam, fühlte sich falsch an und war es vermutlich auch. Vielleicht war die Beziehung zu ihren beiden Kindern deswegen so verquer. Weil sie eben nicht Gerrys Söhne waren.

Plötzlich merkte Mona, dass die jungen Leute im Nachbargarten zu ihr herüberblickten und den Kopf schüttelten und offensichtlich belustigt waren über die neugierigen Blicke einer alten Verrückten. So sahen die Menschen Mona, und das wusste sie. Es war ihr egal. Ihr waren die Leute auch egal. Trotzdem fühlte sie sich ertappt und zog schnell den Vorhang zu. Etwas wackelig auf den Beinen, ging sie zurück zum Sofa und lehnte sich zurück. Sie atmete tief durch, schüttelte die sentimentalen Erinnerungen aus ihrem Kopf und trank einen kräftigen Schluck.

Das Abendessen ließ Mona heute aus, der Wein und der Schockmoment vorhin am Fenster genügten ihr vollkommen. Schon um halb 10 schlief Mona vor dem Fernseher auf dem grünen, mit olivfarbenen Blumenranken bestickten Sofa ein, sitzend, alleine und mit dem leeren Weinglas in ihrer Hand.

Keine Turbulenzen

Manche Medienberichte- ungeachtet ihres Wahrheitsgehaltes- beeindrucken einen Leser bzw. Zuschauer stärker als andere. Woran das genau liegt hängt wahrscheinlich von persönlichen Interessen, Erfahrungen und auch Ängsten zusammen. Eine Story, die mich in den letzten Jahren zum Grübeln gebracht hat, war das Verschwinden der Boeing 777 in Asien. Warum genau diese Geschichte? Weil ich nicht daran glaube, dass ein Flugzeug in der heutigen Zeit einfach verschwinden und es anschließend nicht mehr aufgespürt werden kann. Ein jeder Mensch auf der Welt kann ausfindig gemacht und ein jedes Handy, ein jeder Laptop, eine jede Blackbox kann geortet werden. Wie kann also ein ganzes Flugzeug einfach so vom Radar verschwinden?

Ich bin überzeugt, dass Medienberichte frei nach Lust und Laune und vor allem nach Willen von Regierungen zusammengebastelt werden, um zu verschleiern, zu verschönern, um die Gemüter bei Laune zu halten und die Gedanken der Menschen in die gewünschte Richtung zu lenken. Es ist zudem keine überraschende Neuigkeit, dass in unserer schönen Welt unzählige, unvorstellbare Dinge getan werden, die die Würde und den Wert eines Menschenlebens für Profit untergraben. Menschen ausbeuten, egal wofür, egal wie und egal wo- Das ist die grausame Realität und der Preis für Macht und Geld. Nur muss es nicht unbedingt jeder auf dem Silbertablett serviert bekommen.

Der Flug MH370 diente mir als Inspirationsquelle für meine neue Kurzgeschichte. Weil ich glaube, dass alles möglich ist an menschlichen Grausamkeiten. Weil es immer schon so war, heute so ist und immer so sein wird.

 

Als ich aus meinem Nickerchen erwache, höre ich, wie einer der Passagiere hinter mir seinem Sitznachbar zuflüstert, dass die Flugrichtung der Boeing schon seit mehr als zwei Stunden von der eigentlichen Route abweiche.

„Das ist doch nicht normal, finden Sie nicht auch?“ höre ich den Mann leise sagen. „Normalerweise gibt der Pilot den Passagieren doch Bescheid, wenn das der Fall ist, aus welchem Grund auch immer.“

„Hmm, weiß nicht“, gibt ein zweiter, deutlich älterer Herr zurück, „ich bin in meinem Leben erst drei Mal geflogen, aber ich denke, die werden schon wissen, was sie tun. Vielleicht umfliegen sie nur Luftlöcher oder etwas in der Art.“

Der andere grummelt etwas undeutlich vor sich hin, offensichtlich nicht zufrieden mit der Reaktion des Alten. Ich für meinen Teil runzle die Stirn, schnaufe einmal tief durch und schließe wieder meine Augen. Was sich manche für einen Kopf machen wegen eines solchen Fluges… Die Medien machen die Leute völlig verrückt mit ihren Schauergeschichten. Klar, es kann immer was passieren, aber beim Autofahren kann man schließlich auch draufgehen und das mit Abstand größerer Wahrscheinlichkeit. Ebenso kann mich nachts nach dem Weggehen irgendein Verrückter verschleppen. Manche Menschen sollten sich einfach zuhause einsperren. Aber wahrscheinlich hat der Kerl hinter mir nur zu viele Bloody Marys intus, bestellt hat er jedenfalls genug und seine Fahne reicht  fast bis nach vorne in die First Class. Oh Gott, noch fast fünfeinhalb Stunden Flugzeit… Im Sitzen zu schlafen ist der Horror, mir tut jetzt schon alles weh. Gibt’s nicht bald Abendessen? Hoffentlich nicht so was furchtbar Abscheuliches wie auf dem Hinflug nach Peking. Igitt, bloß nicht daran denken… Das klebrig süße Begrüßungssäftchen von vorhin war auch nicht grad der Hammer. Regelrecht kotzen musste ich davon. Jetzt geht’s wieder, Gott sei Dank, ich dachte zuerst schon, ich hätte mir einen Magen-Darm- Virus eingefangen. Aber mein Bauch scheint Hunger zu haben, alles ok also. Und auf die Toilette muss ich auch. Gut, ich gebe zu, meine Laune ist nicht unbedingt auf dem Höhepunkt meiner Reise. Zum Glück sitze ich am Gang, dann muss ich das Mädchen und ihre Mutter, die neben mir sitzen, nicht beim UNO spielen stören. Als ich aufstehe merke ich, wie sich meine Gelenke und Muskeln bei mir bedanken. Aus der Tasche im Handgepäckfach krame ich mein Schminktäschchen, als der dicke Bloody Mary- Typ, der ein schwarzes ACDC- Shirt trägt und seine langen Haare zu einem tiefen Pferdeschwanz gebunden hat, eine Stewardess zu sich winkt. „Can you tell me, why the airplane goes this way and not the other? What`s going on? Why doesn`t say the pilot something about this change?” fragt er mit grottenschlechtem Englisch. Red doch einfach auf Deutsch, das  verstehen die genauso gut, denk ich. Schmunzelnd schaue ich mir die Reaktion der Stewardess an, deren Gesichtsausdruck irgendwie gefasst, aber freundlich lächelnd wie immer ist und dem Mann erwidert, dass sie sofort nachfragen werde. Als sie sich von ihm weg- und zu mir hindreht, spüre ich ein seltsames Unbehagen, als sie so direkt vor mir steht und mir ins Gesicht blickt. Ich weiß nicht, warum, ab er ich stelle mich blöd und frage: „Toiletten gibt es vorne und hinten oder? Gibt es irgendwo weniger Andrang? Ich muss wirklich ganz dringend!“ Ich lache vermeintlich beschämt und sie beantwortet mir höflich meine Frage, bevor sie sich an mir vorbeidrängt und schnellen Schrittes nach vorne Richtung Cockpit und First Class geht. Hmm, das war ja wirklich komisch. Aber naja. Nach dem Toilettengang wasche ich meine Hände und mein Gesicht, ziehe meinen Eyeliner nach und lege ein bisschen Puder auf, um mich zumindest äußerlich nicht mehr ganz so erschöpft und ausgekotzt zu fühlen. Meinen Zopf neu zu binden habe ich keine Lust. Wenige Minuten später bin ich wieder bei meinem Sitzplatz, der Bloody-Mary Typ aber nicht mehr auf seinem. Das kommt mir kurz sonderbar vor, aber ich mache mir keine weiteren Gedanken. Er wird vielleicht auch auf die Toilette sein. Wo denn sonst? Also ich brauche jetzt erstmal ganz dringend was zum Essen, vielleicht geht es mir dann besser. Ich verstaue mein Schminktäschchen und setze mich wieder hin. Die Mutter und ihre Tochter starren aus dem Fenster, der Geschäftsreisende rechts von mir im Mittelgang blättert bereits zum x-ten Mal das Flugmagazin durch. Endlich kommen die Stewards und Stewardessen mit den Essenswagen angerollt. Meine Vorfreude wird zunichte gemacht, als ich den ersten Bissen meines vegetarischen Reises zu mir nehme. Keine Ahnung, welches Gewürz da drin ist, aber es widersteht mir äußerst. Meine Sitznachbarinnen scheinen hingegen gar nicht genug zu bekommen, sodass sie auch noch meines verputzen, als ich es ihnen anbiete. Ich knabbere an meinen Brotstäbchen, von denen ich noch einige in meiner Tasche verstaut habe. Besser als nichts. Mir fällt auf, dass der Bloody- Mary- Typ noch immer nicht von der Toilette zurückgekommen ist. Vielleicht ist er ohnmächtig geworden? Plötzlich mache ich mir Sorgen. Ich stehe erneut auf und schaue nach vorne und hinten. Seine Platznachbarn, ein lesender, älterer Herr mit dicken Augengläsern und weißem schütteren Haar und ein Teenager, der sich Stöpsel in die Ohren gesteckt hat und bei lauter Metalmusik tief und fest schläft, scheinen den dicken Mann nicht besonders zu vermissen. Vorne bei der Toilette wartet eine Frau. Nach  nur einigen Sekunden öffnet sich die Tür und eine weitere Frau kommt heraus. Die hintere Toilette wird nach ungefähr zwei Minuten frei. Heraus kommt auch hier nicht der Bloody- Mary- Typ, sondern ein junges Mädchen. Hä? Wo ist der Kerl? Irgendetwas sagt mir, dass ich mich besser nicht an die Belegschaft wenden soll. „Entschuldigen Sie“, erkundige ich mich mit gedämpfter Stimme stattdessen beim  älteren Herr mit der Brille. „Wissen Sie zufällig, wo ihr Sitznachbar hin ist?“ Mit etwas verwirrtem Blick entgegnet mir dieser: „Jaja, er wollte nach vorne etwas fragen, den Piloten wollte er etwas fragen. Jaja!“ Der Mann schien mir etwas durcheinander. Zerstreut  irgendwie. Vorhin hatte er dem Bloody- Mary- Typen noch eine ganz klare Antwort gegeben. Jetzt hingegen… „Kann ich Ihnen helfen, Miss?“ die Stewardess von vorhin stand plötzlich hinter mir und sammelte die Reste des Abendessens ein. „Alles in Ordnung. Ich wollte nur…“ „Sie sollten sich jetzt setzen, Miss, wir geraten gleich in ein paar Gewitterwolken, dann kann es ein bisschen wackelig werden“, unterbricht mich die junge Dame lächelnd. Nette, einstudierte Worte, aber ein recht zickiger Ton für eine Flugbegleiterin. Leise grummle ich ein „Alles klar“ und setze mich wieder hin. Nach etwa zehn Minuten ist der Bloody-Mary Kerl noch immer nicht zurück. Irgendetwas ist hier merkwürdig, und nicht nur deshalb. Etwas ist an diesem Flug anders, aber ich komme einfach nicht drauf, was. Eine weitere Viertelstunde vergeht. Wo sind denn diese Gewitterwolken, von dem diese blöde Kuh vorhin gesprochen hat? Alles was ich von meinen Blickwinkel und vom Fenster aus erkennen kann, ist ein dämmernder, aber keineswegs ein sonderlich bewölkter Himmel. Hat sie mich angelogen? Damit ich mich setze und Ruhe gebe? Ruhe. Das ist das Stichwort. Es ist außergewöhnlich ruhig hier im Flugzeug. Die Frau und das Mädchen neben mir sind fast gleichzeitig eingeschlafen. Die Leute vor mir scheinen ebenso sehr tiefenentspannt zu sein und der Typ rechts von mir hat die Zeitung auch endlich weggelegt und scheint nur noch nach vorne zu starren. Es unterhält sich auch keiner. Nicht mal die junge Reisegruppe ein paar Sitzreihen weiter vorne, die vorhin beim Einsteigen noch ziemlich Krawall gemacht haben. Keiner liest oder hört Musik oder macht sonst was, zumindest nicht die, die ich von hier aus sehen kann. Ich lehne mich unauffällig ein wenig Richtung Gang. Weiter vorne dasselbe Bild: Alles untätige oder schlafende Menschen. Der Blick auf die Uhr verrät mir, dass es gerade mal kurz vor acht Uhr ist. Hier können doch unmöglich um diese frühe Abendstunde alle Passagiere so müde sein. Um die 220 Menschen sind glaub ich an Bord. Das ist doch merkwürdig. Und wo verdammt noch Mal ist der Bloody-Mary Typ?

Nach einigen Minuten kommen auf beiden Flugzeugseiten zeitgleich jeweils zwei Flugbegleiter von vorne aus der ersten Klasse. Sie gehen langsam durch den Flur und schauen sich in Ruhe alle Reisegäste an. Was machen die da nur? Mein Magen verklumpt sich und instinktiv stelle ich mich schlafend. Ich weiß nicht genau, warum ich das tue, aber dieser Flug ist definitiv nicht so, wie er sein sollte und diese Leute sind alles andere als normale Flugangestellte. Ich höre das dumpfe, monotone Surren des Fliegers und die Schritte der Stewards und Stewardessen. Ansonsten völlige Stille. Dann sind sie neben mir, ich kann ihre Körperwärme spüren und rieche das viel zu aufdringliche Parfum. Ich glaube zu spüren, dass sie neben mir länger verharren. Mein Herz klopft schneller, und ich fürchte aufzufliegen. Bemerken sie, dass ich nicht wirklich schlafe? Sie gehen weiter und ich kann mich zumindest etwas beruhigen. Dennoch traue ich mich nicht, die Augen wieder aufzumachen oder mich zu bewegen. Es ist beklemmend still. Ich versuche, Geräusche zu erfassen, die mir Auskunft geben von der Situation, von der ich selber nicht so genau weiß, welche es ist. Alles was ich weiß, ist, dass die Atmosphäre in der Maschine innerhalb einer Stunde umgeschlagen hat und zu einer Falle geworden ist für alle, die ein teures Ticket nach Hause bezahlt haben.

„Everyone is sleeping!“ sagt plötzlich einer der männlichen „Flugbegleiter“.

Eilige Schritte, unverständliche Worte, leises Lachen. Ich merke, wie sie wieder an mir vorbeigehen, nach vorne. Ich wage es, meine Augenlider ein wenig zu öffnen. Sie sind hinter dem Vorhang zur First Class verschwunden, auf der Heckseite, so scheint es mir, ist niemand mehr. Mir fallen die Worte des Bloody Mary- Kerls ein. Einen kurzen Moment zögere ich, dann betätige ich den Bordcomputer vor mir und tippe auf die Funktion „Fluginformationen“.  Der Kerl hatte Recht, die Route weicht vollkommen von unserem Zielort ab. Nicht Europa wird angepeilt, nein, wir befinden uns mitten über dem Indischen Ozean und eine kleine Inselgruppe, auf der Karte ohne Namen betitelt, wird angeflogen. Abwechselnd rast mein Blick zwischen dem Monitor und dem Vorhang zur ersten Klasse hin und her. Wohin bringt uns dieses Flugzeug? Schnell mache ich den Bildschirm aus und hoffe inständig, dass niemand etwas gemerkt hat. Es ist noch immer ruhig. Meine Sitznachbarn sind wie alle hier drin vollkommen weggetreten. Der Kopf der Frau neben mir lehnt seitlich am Kopfteil des Sitzes. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich gleichmäßig, sie schläft also tatsächlich nur. Oder ist bewusstlos. Sanft rüttle ich ihre Hand. Nichts. Ich zwicke sie in die Haut. Keine Reaktion. Warum sind alle weggetreten? Und warum ich nicht? Der Saft. Das Abendessen. Das eine habe ich nicht drin behalten und das andere habe ich erst gar nicht zu mir genommen. Und da die Frau und das Mädchen meine Sachen verputzt haben, haben die „Flugbegleiter“, es gar nicht bemerkt, dass ich darauf verzichtet habe. Sie wissen also definitiv nicht, dass ich noch wach bin. Ist das mein Vorteil oder mein Nachteil? Und in Bezug auf was? Ich habe nicht die geringste Ahnung, was hier los ist. Ok, Ruhe bewahren! Was weiß ich? Das Flugzeug steuert eine unbekannte Insel an. Alle Passagiere bis auf mich sind durch irgendetwas im Essen außer Gefecht gesetzt worden. Der Bloody Mary- Kerl, der den Braten offensichtlich gerochen hat, ist plötzlich verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Die gesamte Besatzung scheint zusammenzuarbeiten. Mein Blick konzentriert sich auf den Vorhang und mein Gehör auf das, was dahinter geschieht. Aber ich vernehme gar nichts.

Mein Handy! Langsam und möglichst geräuschlos öffne ich den Reißverschluss meiner Handtasche, die ich vor mir auf dem Boden liegen habe, mein Blick immer noch fest nach vorne gerichtet. Ich bekomme es zu fassen, als ich Stimmen und Schritte vernehme. Ich lehne mich wieder zurück, verschließe meine Augen und schiebe das Mobiltelefon unauffällig in den linken Ärmel meines Pullis. Sie kommen zurück. Ich höre das Rollen des Speisewagens. Wozu dieser? Einen kurzen Moment blinzle ich und beobachte, wie eine Frau Spritzen in die Arme der Passagiere sticht, einer der Männer bereitet die nächsten Injektionen auf dem Wagen vor, der andere notiert etwas auf einem Block. Was zur Hölle… WAS IN ALLER WELT GEHT HIER VOR SICH? Was mache ich nur? Wenn ich mich bemerkbar mache, was haben sie dann mit mir vor? Und was passiert mit mir, wenn ich die Spritze über mich ergehen lasse? Noch sind sie in den vorderen Reihen, es dauert seine Zeit, jedem eine Injektion in den Körper zu jagen. Innerlich schreiend und zitternd hole ich das Handy hervor und beginne eine SMS zu schreiben. Nichts an meinen Körper darf sich bewegen, und es ist schwierig ,nur ab und zu zu blinzeln. „Fliegr enftührt, Insel Ind Meer, Hilfe“ schreibe ich so gut es eben geht. Senden an… Daniel. Meinem Bruder. Den klügsten Menschen, den ich kenne. Er wird wissen, was zu tun ist. Wenn ihn die Mitteilung erreicht. Das zu kontrollieren, dafür fehlt mir die Zeit, denn sie sind wenige Reihen vor mir. Das Handy lasse ich völlig geräuschlos in meinen Schoß fallen.

Dann bin ich an der Reihe. Ich spüre wie sie mir meinen Ärmel hochschieben, ihn nach einer kräftigen Vene absuchen und die Spritze ansetzen. In meinem Inneren breiten sich Angst und Unwissenheit aus, wie das Zeug sich ausbreitet, das sie mir in die Blutbahn jagen. Ich habe Mühe, meine Tränen und mein Zittern zurückzuhalten, als sich die Frau über mich beugt und bei meinen Sitznachbarinnen dieselbe Prozedur vornimmt. Erst als sie weiter nach hinten gehen, fließt mir dann doch eine Träne aus dem Augenwinkel. Was passiert jetzt mit mir? Ich kann nur hoffen, dass sich die Wirkung dieser Injektion, egal, welche es sein mag, in Grenzen hält. Immerhin fehlen bei mir ja die ersten beiden Mittel, vielleicht wirkt dieses nur gering. Welche Chancen habe ich? Werde ich sterben? Noch nie im Leben hatte ich solche Angst. Noch nie zuvor habe ich mich mehr nach Hause gewünscht, als in diesen Moment. Ich will zuhause auf dem Sofa liegen und mir eine langweilige Doku ansehen, die Marc so sehr liebt. Mich an ihn schmiegen. An nichts denken. Einschlafen und im Morgengrauen aufwachen und mit dem Hund spazieren gehen. Wie ich die kleine Töle auf meiner Chinareise vermisst habe… Und meiner Mutter habe ich versprochen, mit ihr ein Brautkleid kaufen zu gehen für ihre zweite Hochzeit… Sie wollte das schon vor meinen Ferien erledigen, aber ich hatte so sehr meine Reise im Kopf, dass ich sie andauernd vertröstet habe. Und jetzt? Ich werde nicht mehr heim kommen, soviel ist mir klar. Ich wünschte, ich hätte mein Versprechen schon vorher eingehalten. Nun wird es nicht mehr dazu kommen. Plötzlich hoffe ich, dass mit dem Flugzeug irgendetwas passiert, dass es abstürzt, dass es einfach nur schnell vorbei ist. Weil ich ahne, dass der Tod nicht das Schlimmste sein wird, was uns hier passieren wird. Aber das Flugzeug scheint im Landeanflug zu sein. Auf einmal merke ich, wie sich eine Schwere in mir ausbreitet, mein Körper fühlt sich bleiern an. Meine Schläfen pochen. Aber meine Gedanken von eben sind fort. Eigentlich ist es ganz egal, was jetzt kommen mag. Eigentlich möchte ich nur schlafen. Und ich schlafe.

Die anderen Passagiere und ich stehen auf dem Flur der Boeing und warten. Keiner redet. Alle schauen nach vorne. Die Türen öffnen sich. Die männlichen Stewards schleppen als erstes einen dicken Mann mit einem schwarzen Shirt nach draußen. Ein Blitz ist auf dem Shirt zu sehen. Er blutet aus den Ohren, scheint tot zu sein. Dann gehen alle nach der Reihe raus. Meine Tasche ist noch auf meinem Platz. Die brauche ich nicht mehr, haben sie zu mir gesagt. Heiße und feuchte Abendluft schlägt uns auf der kleinen Rollbahn entgegen. Von weitem höre ich das Meer rauschen und Palmen rascheln. Scheint schön hier zu sein. Unten warten Leute mit weißen Anzügen. Und Busse. Männer mit Waffen. Die Leute mit weißen Anzügen schauen sich alle Passagiere kurz an und hören sie mit einem Stethoskop ab. Sie weisen sie den Bussen zu. Ich komme in den ersten und bekomme wie die anderen Menschen in diesem Bus, eine weitere Spritze. Die alten Leute kommen in keinen Bus. Sie werden vor dem Flugzeug erschossen und auf einen Gepäckwagen geladen. Ich fühle nichts, als ich den Mann sehe, mit dem ich mich vorhin noch unterhalten habe. Er liegt leblos mit geöffneten Augen dort auf diesem Gepäckwagen und starrt mich an. Ich beneide ihn. Denn ich weiß, der Tod wird nicht das Schlimmste sein, was uns hier auf dieser Insel passieren wird.

Die Eulenfängerin

Folgende Kurzgeschichte ist ein Märchen. Für Erwachsene, um genau zu sein. Die Idee dazu kam mir schon vor längerer Zeit, als ich meine beiden Nichten beim Spielen beobachtete. Die Mädchen lieben Rollenspiele über alles und an jenem Nachmittag war die Rolle der Großen eine ganz besondere: „Ich bin die Eulenfängerin!“, rief sie, „Kommt zu mir ihr Eulen!“ Und bam, da ging das Kopfkino schon los bei mir. Bilder und Ideen wirbelten in meinen Hirnwindungen herum und ich wusste: Eines meiner Entwürfe in naher oder ferner Zukunft wird diesen Titel tragen. Inhaltlich muss ich dazusagen, habe ich mich von einem Gefühl leiten lassen, das sich die letzten Monate immer weiter in mir hochgearbeitet hat. Ein Gefühl der Enttäuschung und der Hilflosigkeit darüber, dass die meisten Menschen der Gegenwart aus unserer Vergangenheit wohl gar nichts gelernt haben. Unzufriedenheit im eigenen Land scheint immer noch Dummheit und Menschenhass zu produzieren. Aber ich möchte hier auf keinen Fall politisch ausholen, vielleicht nur ein klein wenig gesellschaftskritisch ankratzen. Aber: Einen Funken Hoffnung gibt es ja bekanntlich in jedem düsteren Märchen. Und dies ist das Märchen der Eulenfängerin…

 

Dass die Welt manchmal dunkel und kalt ist, voller gefährlicher Orte, an denen der eine dem anderen nichts gönnt, Orte an denen unheimliche und hässliche Wesen lauern, solche die einander anschreien und zerfleischen, die einander regelrecht auflauern, um sich gegenseitig zu bekämpfen und zu besiegen, ja, dass es so eine Welt ist, in der sie lebte, das wusste die Eulenfängerin nur zu gut. Sie kannte sie alle, diese besagten Länder, die ständig mehr und mehr wurden auf dem Erdenball, denn sie hatte sie schon fast alle gesehen auf ihren Reisen. Schon viele hatte die Eulenfängerin angetreten, immerhin kann man in 183 Jahren Lebenszeit so einiges schaffen, wenn man die Mühen auf sich nehmen mag. In den letzten Jahren hatte es sich die Alte nicht mehr angetan, oder nur noch selten, wenn sie fürchtete, die Eulen gingen ihr aus. Zuviel graute sie sich vor  den Wesen und ihren Abarten, und zu viel fürchtete sie, diese Abarten könnten irgendwann auch sie befallen. Die anderen wenigen, die wie sie einen Unterschlupf fanden in dieser dunklen und kalten Welt, weil sie noch ein gutes und reines Herz besaßen- und es waren nur eine Hand voll solcher- sprachen von einer Seuche, die jeden einzelnen Ort, jede Stadt, jedes Land und deren Bewohner auffraß, und nur die weisesten und tugendhaftesten aller Geschöpfe waren vor ihr sicher. Deswegen kümmerten sich genau diese um die treuen und tüchtigen Tiere der Erde, sie fingen sie ein, um sie zu beschützen und Kraft aus ihnen zu schöpfen, die die Tage einem abverlangten.

Doch waren sie wirklich sicher vor den bösen Gedanken und Taten der anderen? Die Zweifel  der Eulenfängerin wuchsen und wuchsen in all den Jahren. Aus diesem Grund verkroch sie sich mit ihren Eulen, Uhus und Kauzen in ihrem Haus in Binkerling, einem Städtchen nahe am Waldesrand und einem reißenden Fluss, den man nur über eine alte hölzerne Brücke zu überqueren vermochte. Aber die war schon seit Jahren baufällig und niemand, dem sein eigenes Leben lieb war, war so närrisch, auch nur einen Fuß auf das klapprige Gerüst zu setzen.  So kam es, dass Binkerlings einzige Bewohner die Eulenfängerin Agaleeh und der junge, etwas verrückte  Ameisenfänger Ikredus waren. Die beiden hatten nicht viel gemeinsam, die eine war alt, ständig betrübt und voller Sorge, während der andere ein optimistischer, lebensfroher Geselle war. Und während Agaleeh in dem guterhaltenen altviktorianischen Haus in der Straße eines ehemaligen Nobelviertels wohnte und sie ihre 67 Eulen in den ebenso schicken, geräumigen Zimmern des dreistöckigen Gebäudes unterbrachte, hauste Ikredus mit seinen Abermillionen Ameisen in einer heruntergekommenen Blockhütte direkt dort, wo das Städtchen endete und die Kiefern und Tannen anfingen und seine Tierchen ein herrliches Dasein in Wald und Wiesen hatten. Die vielen vielen Häuser zwischen den Beiden standen allesamt leer und man möchte meinen, dass es traurig zuging an einem so verlassenen Ort, aber tatsächlich lebten die Eulenfängerin und der Ameisenfänger ein gutes und recht frohes Leben miteinander, trotz ihrer beider Eigenheiten. Sie akzeptierten sich und das war das Geheimnis ihres friedvollen Lebens.  Nicht-Akzeptieren der ehemaligen Bewohner von Bingerling war der Grund, warum die Seuche alle anderen dahinraffte oder sie zu den grausigen Wesen machte, von denen wir schon gehört haben.

Aber nun schauen wir auf das Leben der Eulenfängerin, das sich ausschließlich um ihre gefiederten Freunde drehte. Siebenundsechzig mag vielleicht viel klingen, aber früher, als Agaleeh noch mehr gereist war, waren mindestens doppelt so viele in ihrem Besitz. Sie besaß Eulen aus allen Ländern und Kontinenten, in denen sie beheimatet waren. Wie sie das Vogelvieh wohl einfing, mag man sich vielleicht fragen. Nun, Agaleeh reiste in das Land, in das ihr Bauchgefühl sie führte und hatte nichts weiter bei sich, als einen kleinen goldenen, schwebenden Vogelkäfig. Sie wanderte und wanderte durch das Land, was oft wochen- oder sogar monatelang dauern konnte. Und wenn sie nah genug an einer Eule dran war, dann kam diese von selbst angeflogen, der Käfig schien wie ein Magnet das Tier anzuziehen, es regelrecht zu hypnotisieren.  Es flog in ihn hinein und siehe da, der Käfig wurde mit einem Mal größer. Und war die Eulenfängerin wieder nah genug an einer dran, dann kam auch diese herbei und flog in den Käfig, der dann wiederum ein Stückchen geräumiger wurde. So ging das, und es ging so lange, bis Agaleeh alle umliegenden Eulen, Kauze und Uhus des Landes eingefangen hatte und sie am Ende eine riesige Voliere über sich schweben hatte, die sie mit nach Hause nehmen konnte. Vor der schweren Elfenbeintür ihres Heims öffnete sie das Türchen des Voliere und ein tosendes Flattern rauschte über ihren Kopf hinweg ins Haus. Ein prächtiges Gefühl, ein wahrlich prächtiges Gefühl für die Eulenfängerin! Und so trug es sich zu, dass in ihrem Zuhause mal mehr, mal weniger Eulen ihre Lebtage verbrachten, bis sie eines Tages der Tod zu sich winkte.

Es waren wahrhaftig faszinierende Tiere:  Manche waren braun gefiedert oder grau oder schneeweiß und hatten ein anmutiges Gesicht, beinah könighaft, manche waren in Wesen und Aussehen verschmitzt und drollig, und einige wirkten sogar gefährlich, doch Agaleeh wusste um das Naturell ihrer Federtiere. Sie waren Jäger, natürlich, um das eigene Überleben zu sichern, das war der pure Instinkt, das jedes Tier in sich trägt. Fressen und Gefressen werden, der Lauf der Natur. Aber die wesentliche Eigenschaft, die Kraft dieser faszinierenden Tiere war ihre Klugheit und Weisheit. Besonderheiten, die auf der Welt so selten geworden waren, und Agaleeh hatte die ehrenhafte Aufgabe, sich um sie zu kümmern.

Agaleehs Haus war ein magisches Fleckchen, denn sie machte es magisch, um das Grau vor der Haustüre zu vergessen. Bunte  Bordüren zierten die goldenen Wände im Inneren, und der Boden war mit weißem, kuscheligem Fell bedeckt. Von der Decke baumelten glänzende Vogelkäfige- natürlich waren die Türchen nicht versperrt, immerhin waren die Tiere der Eulenfängerin nicht wirkliche Gefangene, sondern Gäste- und zwischen den Käfigen hingen geflochtene Weidenstränge, die den einen mit den anderen verband. Möbel gab es kaum in Agaleehs Haus, im großen Wohnzimmer stand nur ein lederner Ohrensessel und in den oberen Gemächern ein großzügiges Bett; mehr brauchte und wollte die Alte nicht, sie lebte für ihre Aufgabe, die ihr vor vielen Jahren zuteilwurde. Die Fenster mit den bronzenen Rahmen standen weit geöffnet, damit die Eulen, Kauze und Uhus ihre täglichen Runden fliegen konnten. Das Leben unserer vergreisenden Eulenfängerin  war gut und beschaulich, sie war zufrieden, aber nichts desto trotz war tief in ihr diese Angst vor der Außenwelt, der dunklen Seuche, die so viel ausgemerzt hatte. Denn auch, wenn sie verschont geblieben war und sie eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte, etwas hatte sich durch die Seuche auch in ihr geändert: Das bedingungslose Vertrauen, das Urvertrauen, das eine Gefühl, das uns in die Wiege gelegt wird, war fast zur Gänze verschwunden. Das stimmte Agaleeh unglaublich traurig.

Warum änderst du nichts an deiner Traurigkeit, fragte die Schneeeule Krim sie eines Abends, als draußen Sternschnuppen wie Regentropfen vom Himmel flogen. Agaleeh und Krim saßen am großen Fenster an der Südseite und betrachteten das Himmelsspektakel.

„Ach, meine liebe Krim“, antwortete Agaleeh tief seufzend, „was soll ich nur dagegen tun? Sie kommt von ganz innen, meine Traurigkeit, und etwas, das so tief im Herzen ist, kann man nicht ändern. Das ist wie mit der Liebe. Wenn sie da ist, ist sie da.“

Krim wurde ganz still, hob tief atmend ihre weiß gefiederte Brust und blickte in die Ferne.

„Du sprichst weise Worte, aber unterschätze nie die Macht der eigenen Träume. Denn sie sind es, die uns antreiben. Sag mir, liebste Agaleeh, sag mir, welches ist dein Traum?“

„Mein Traum? An den habe ich seit Jahren keinen Gedanken mehr verschwendet, was bringt das schon? Die Welt ist, wie sie ist.“

„Sag schon“, beharrte Krim.

Die Alte musste über die Hartnäckigkeit der Schneeeule schmunzeln. „Seit Kindertagen träume ich von einer Welt, in der alle Wesen leben können ohne überleben zu müssen, einer Welt ohne Abgestumpftheit.  Seit Kindertagen! Und was ist passiert? Es wurde von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schlimmer und heute ist es schlimmer denn je, die Bewohner dieser Erde sind dümmer und hasserfüllter als je zuvor. Also, sag mir, was bringt mir mein kindischer, naiver Traum schon?“

„Glaube an ihn und finde Gleichgesinnte. Es gibt sie da draußen. Du sitzt nur schon viel zu lange hinter verschlossenen Türen, meine liebe Agaleeh. Wer die Tür nicht öffnet, kann nicht sehen, was vor ihr geschieht. Finde Gleichgesinnte und redet. Redet miteinander, redet mit anderen. Sprecht so laut, dass euch auch jene hören, die euch nicht hören wollen. Vielleicht wird dein Traum nie die Wirklichkeit verdrängen, das mag stimmen, aber möglicherweise werden Wesen in der Wirklichkeit ein kleines bisschen von deinem Traum einfangen, weil sie wie Eulen sind. Dein Traum ist dein Käfig und wird die Erdenbewohner anziehen, die noch tief im Inneren ein gutes Herz haben, aber nur vergessen haben auf es zu hören. Vielleicht Agaleeh, vielleicht hören sie dich und deinen Traum. Geh fort und fange sie ein, wie du uns Federvieh einst gefangen und gerettet hast!

In dieser Nacht schlief Agaleeh kaum, die Gedanken schwirrten ihr wie wild um dem Kopf, und lange,  bevor die Sonne ihre ersten Strahlen über die Dächer von Bingerling warf, war die Eulenfängerin auf und davon. Die kräftigen Flügel der Schneeeule Krim trugen sie im Traume über das kleine Städtchen hinfort, weit weg von den ihr so vertrauten Bäumen und Steinen, fort von dem Alltag und der Sicherheit, die ihr ihre Eulen und ihre vier Wände schenkten. Als Agaleeh erwachte, fand sie sich in einem zauberhaften Wäldchen wieder, voll farbenprächtiger Frühlingsblumen und sattgrünem Klee, und fröhliches Vogelgezwitscher stimmte ihre aufschäumende Unsicherheit mit einem Mal um in Erleichterung. Die alte Krim hatte ihr die Entscheidung abgenommen und sie ins kalte Wasser geworfen. Agaleeh war nun hier, weg von ihrem Zuhause, um sich ihrer wichtigsten Aufgabe zu stellen: Sie würde auf dieser Reise keine Eulen fangen wie sie es das letzte Jahrhundert getan hatte, nein, sie würde MENSCHEN suchen. Die Eulenfängerin vergaß ihre Angst und machte sich voller Hoffnung auf dem Weg. Sie sog die frische Waldesluft auf und sah sich an den bunten Farben satt, die sich ihr boten. Nach einigen Stunden wurde der Wald lichter und sie gelang auf eine große Wiese. „Agaleeh,  warte, so warte doch!“, rief eine verschnaufte Stimme hinter ihr. Es war der Ameisenfänger, der ihr gefolgt war. Ikredus tauchte zwischen den dicken Stämmen der Tannen und Kiefern auf und lächelte sie an, freundlich und optimistisch wie immer.

„Ich hatte mir überlegt“, so sagte er, langsam wieder zu Atem kommend, „dass man für eine so gewaltige und wichtige Reise, so wie du sie antrittst, auf jeden Fall einen Gefährten an seiner Seite braucht.“

Die Alte lächelte zurück und war erleichtert, dass sie nicht mehr alleine war. Sie sah, dass sie hoch auf einen Hügel standen und von dort aus ins Tal blicken konnten.  In ihrem Herzen tat es einen dumpfen Schlag. So schnell, wie ihre Hoffnung in ihr aufgeschäumt war, so schnell verpuffte sie jetzt bei diesem grauenhaften Anblick. Das Tal war in ein Grau getaucht, so düster wie man es sich kaum vorzustellen mag. Dunkler Rauch stieg in den Himmel und mit ihm ein Wimmern und Weinen von Menschen. Der herrliche Blütenduft von eben verblasste und wurde von einer stinkenden und stickigen Luft verdrängt. Willkommen in der modernen Welt, flüsterte Agaleeh leise. Was sollte sie hier? Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Warum hatte sie sich diese offensichtlich völlig verrückten Idee von dieser dummen Krim aufschwatzen lassen? Schon wollte sie Ikredus sagen, dass das alles keinen Sinn mache und sie besser kehrt machen sollten, da hörten sie von weit oben den Schrei der Schneeeule. Agaleeh richtete ihren Blick nach oben und sah Krims Flügelschlag in den Wolken aufblitzen.

„Sieh nur“, rief Ikredus.

Durch den schwarzen Nebel tauchte plötzlich ein riesengroßer Vogelkäfig auf, er besaß ein kräftiges Seil gewoben aus unzähligen Schichten Seide und er war weiß und silbern und glänzend in all seiner Pracht. Der Käfig durchbrach die Farblosigkeit des Tales und erleuchtete den Himmel bis zu Horizont. Ehe sie ihr Staunen in einen klaren Gedanken verwandeln konnte, konnte sie Gestalten erkennen, die aus dem Grau zu ihr und dem silbernen Käfig emporstiegen. Es waren Menschen, deren Augen Hoffnung und Reinheit besaßen; sie kamen zu ihr mit einem Lachen und Jubeln, so wie sie es seit Jahren und Jahrzehnten nicht mehr vernommen hatte. Die Alte spürte eine Freude in ihrem Herzen aufflammen und vergaß alles, was sie einst gehindert hatte, diese Freude zu empfinden. Die Menschen kamen und umarmten die Eulenfängerin und seilten sich an dem Seidenstrang nach oben in den Käfig und nahmen Platz. Sie waren bereit für ihre Rettung und für ein neues Leben ohne Zerstörung und sie waren bereit, gemeinsam mit Agaleeh und Ikredus weiterzuziehen und noch mehr Menschen einzusammeln. Und die Eulenfängerin war es auch.