Von Papierbooten, Gewissensbissen und Umarmungen mit dem Glück

Das was ganz spontan kommt, sind die ehrlichsten Zeilen. Ja, das ist wohl so. Somit dürften dies die ehrlichsten Zeilen sein, die ich in diesem Jahr schreibe. Ich sitze auf meinem Sofa, eingemümmelt in meine Kuscheldecke und tippe Wort für Wort, ohne großartig darüber nachzudenken. Ohne Schnickschnack-Wörtern, ohne schlechtem Gewissen. Ein wenig ist es mir aber schon unangenehm. Wie gesagt – es sind ziemlich ehrliche Zeilen, aber ich brauche sie. Für mich. Um sie schlicht und ergreifend los zu werden. „Sich etwas von der Seele schreiben“ nennt man das. Und das habe ich schon mein Leben lang getan. Immer dann, wenn sich etwas Überwältigendes abgespielt hat, habe ich den Laptop in die Hand genommen oder eines meiner Millionen Notizbücher, Tagebücher, sonstige Zettel oder Blöcke. Die Zahl Million ist natürlich übertrieben, aber ich habe und hatte in der Tat schon immer einen Fabel für Papeteriekram. Wie auch immer… jedenfalls habe ich schon immer meine Gedanken und Gefühle zu Papier gebracht, und seeehr lange Zeit habe ich das nur für mich alleine gemacht. Selbsttherapie sozusagen. Oder zumindest eine Art Selbstreflexion. Ja, dieses Wort trifft es sehr sehr gut. Ich kann von mir behaupten, dass ich ein sehr reflektierter Mensch bin – und wahrscheinlich übertreibe ich es manchmal mit der Analyse meiner Umgebung, meiner Mitmenschen und meinem eigenen Seelenleben. Aber irgendwie muss ich einfach über das nachdenken, was mich beschäftigt. Eigentlich ist es – zumindest für mich selbst – ein gutes Zeichen, wenn ich das tue, denn dann weiß ich, dass ich das, was mir so durch den Kopf spukt, auch angenommen habe und ich dabei bin, es zu verarbeiten. Was wohl auch der Grund ist, warum ich das schreiben kann, was ich jetzt eben schreibe. Weil ich mich mit dem Gedanken angefreundet habe, dass dieses Jahr alles andere als einfach war. Und doch war es notwendig, um genau dort zu stehen, wo ich jetzt stehe. Jetzt muss ich doch ganz kurz etwas gefühlsduselig werden, aber um den metaphorischen Ort zu beschreiben, an dem ich mich gerade befinde, benötigt es ein oder zwei kitschige Bilder: Ich treibe in einem weißen, kleinen Papierboot und habe alle an Bord, die ich zum glücklich sein brauche. Das sind ganz schön viele Menschen und eigentlich ist es erstaunlich, dass sie alle in meinem kleinen Leben… ähm Boot Platz haben. Jedenfalls tun sie das tatsächlich und es geht mir richtig gut hier. Klar, es gibt die ein oder andere Welle, die sich an meiner schwimmenden Nussschale mal bricht, aber das macht im Grunde nichts. Einige Menschen, waren nicht mutig genug, um mit mir die Weltmeere zu durchqueren, harte Lektionen waren es, große Wellen, die sie aus meinem Boot geworfen haben. Und einige Zeit war ich auch sehr traurig darüber. Aber wisst ihr was? Das Gefühl alleine weiter zu segeln hatte ich nie. Nicht eine kleine Sekunde lang. Denn die allerwichtigsten sind bei mir geblieben. Und neue, unglaubliche Menschen habe ich mit an Bord geholt. Und als ich von Neuem erkannt habe, wie wunderbar meine Besatzung ist, umso glücklicher und gestärkter ging ich aus dem Sturm dieses Jahres hervor. So, Stopp! Das war mehr als genug an kitschig-emotionalen Bildüberschuss.

Eigentlich möchte ich euch von dem einen Moment erzählen, an dem ich ganz bewusst das Glück wieder in die Arme schloss. Also, es gab viele schöne Augenblicke, die dazu beigetragen haben, aber es gab irgendwie diesen einen Moment, wo all das Alte von mir abgefallen ist. Und lustigerweise war das ein Moment, in dem ich ganz alleine war – ohne meine Besatzung. Aber von vorne:

Es geschah an einem Tag im Außendienst in meinem neuen Job, ein Tag, über den ich anschließend einen Erlebnisbericht schreiben sollte. Ihr könnt euch vorstellen, dass der Text aufgrund meiner Euphorie nach diesen für mich geschichtsträchtigen Stunden, wirklich gut geworden ist :D. Wie auch immer… ich durfte einen Tag in einem Hotel in Kaltern verbringen und sollte anschließend noch eine kurze Herbstwanderung machen. Ich beschloss auf die Leuchtenburg zu wandern – dieses Ziel hatte ich schon lange lange Zeit vorher im Visier, habe es aber irgendwie nie geschafft, den Marsch anzugehen. Da ich etwas unter Zeitdruck war, weil ich später meinen Sohn abholen musste, ging ich ziemlich schnellen Schrittes los.

Es war der letzte Herbsttag des Jahres und ziemlich schwül. Ich hatte angesichts dieser drückenden Temperaturen zu viel an und war zu schnell unterwegs. Eigentlich wollte ich diese Wanderung genießen, aber die Zeit erlaubte es mir schlichtweg nicht. Und es ging steiler auf diesen verdammten Hügel hinauf, als ich erwartet hatte. Als meine Puste ziemlich schnell ausging, erinnerte ich mich wieder mal daran, dass ich viel zu wenig Sport machte – aber ganz ehrlich: Mir fehlt als alleinerziehende und wieder arbeitende Mama schlichtweg die Zeit dafür. Mir fehlt die Zeit, endlich mal wieder in der frischen Morgenluft joggen zu gehen. Mir fehlt die Zeit zum Reisen, mir fehlt die Zeit zum Schreiben (ich würde nämlich viel mehr schreiben, wenn ich denn könnte), zum Malen (ja, ich male, bzw. würde ich es gern wieder mal) und endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen oder einfach mal nichts zu tun. Die Zeit für mich selbst. Aber mein Leben ist beinah minutiös verplant. Das ist oft hart und ganz ehrlich: Manchmal möchte man halt einfach die Zeit haben, die einem zusteht. Und die habe ich nicht und ich fragte mich, als ich da diesen Hügel erklomm – der mir in jenem Moment wie ein 2000er vorkam – ob es mich zu einer schlechteren Mutter macht, wenn ich manchmal den Wunsch habe, für mich zu sein. Und ich fragte mich, keuchend und schwitzend, ob ich verrückt sei, dass ich deshalb ein schlechtes Gewissen hatte. Ich ärgerte mich etwas über mich selbst und darüber, meine Gedanken – die ich schließlich doch für ganz okay befand – verurteilt zu haben. Und ich ärgerte mich, dass ich an diesem Nachmittag nicht früher aufgebrochen war, und die eigentlich schon lang geplante Wanderung zu unternehmen, um mit mehr Gemütlichkeit und mehr Genuss diesen Solo-Pfad zu begehen… wenn ich denn schon endlich mal alleine war!!

Stattdessen fuhren meine Gedanken wieder mal ihre Lieblings-Achterbahn und an all dem Guten und Schlechten der letzten Monate vorbei. Rauf und runter. Spielten alle Szenen immer und immer wieder durch. Machten mich traurig und wütend und stolz und überglücklich. Ich wunderte mich, wie viel emotiongeballtes Leben in einer kleinen Welt wie der meinen doch Platz hat. Wahnsinn, oder? Whatever. Jedenfalls sprintete ich beinahe den Waldweg hinauf, schwitzte wie ein Schwein und war froh, irgendwann doch angekommen zu sein.

Die Hitze hatte sich gelegt und die Leuchtenburg warf ihren riesigen Schatten auf mich. Und dann war es plötzlich still. Um mich herum waren keine anderen Wanderer mehr. Keine Geräusche aus dem Tal konnte ich vernehmen und das Erstaunlichste: In meinem Kopf wurde es auch leise. Endlich. Dieses majestätische Steindings, das auch aus der Nähe betrachtet wirklich hübsch anzusehen war, erhob sich vor mir, hieß mich Willkommen und verbot mir jeglichen weiteren Gedanken. Mir wurde klar, dass ich gerade eine ganze Burg und einen ganzen Miniatur-Berg für mich alleine hatte. Das war zugegebenermaßen ziemlich cool und ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen auf abenteuerlicher Entdeckungstour.

In die Burg rein, in jede Tür hineingespäht, nach oben geblickt und ringsum. Um die Burg herum und Aussichtsfetzen erhascht. Eine Fahne, die im Wind über meinem Kopf herum wehte. Und dann war da mehr als nur ein Fetzen. Da war eine wundervolle Aussicht, die ganz allein mir gehörte. Mir alleine. Ich kletterte auf die Burgmauer, von der aus ich diese Errungenschaft vollends genießen wollte und blendete meine zitternden Knie und meine Höhenangst aus. Ich wollte mir ein Andenken schaffen und hey: Sollte ich nicht meinen Kopf ausschalten? So hatte es mir die Leuchtenburg angetragen und ich tat es dann auch.

So saß ich da, mit zitternden Beinen, zufrieden und etwas andächtig und spürte, wie eine Welle des Glücks mein Papierboot anstupste. Wie ich tatsächlich (!) mal ganz für mich war. Ich spürte, wie schön es war, dass – wenn ich gleich von meinem persönlichen, symbolischen 2000er Berg hinunterstieg – ich nicht alleine war, sondern ich all jene Menschen um mich haben würde, die ich liebte. Die mich liebten. Denen ich jede stürmische Welle wert war und die ich niemals aus meinem kleinen Boot fort gehen lassen würde. Tief im Inneren nahm ich Abschied. Nicht nur vom Sommer, nein, auch von diesem großen Jahr der Veränderung – es endete für mich an diesem letzten Herbsttag, Ende September. Ich fand, das war ein guter Zeitpunkt ein neues Jahr einzuläuten. Dazu muss nicht unbedingt Silvester sein. Ein viel zu heißer Herbsttag und eine kleine Burg reichen da schon völlig aus.

Hey Sommer…

Eigentlich bist du schon seit einer ganzen Weile weg, aber trotzdem möchte ich dir noch was sagen… Du hast mir in den letzten Monaten so viel geschenkt: Zuversicht, den Glauben daran, dass nach jedem Tief auch wieder ein Hoch kommt. Ein neues Zuhause. Eine Riesenchance mich beruflich weiter zu entwickeln, meine Leidenschaft zum Schreiben auszuschöpfen und neu zu erfinden. Du hast mir die Liebe zurückgegeben und mich immer wieder dran erinnert, dass Familie und wahre Freundschaft alles überdauert. Du hast mich ebenso daran erinnert, wie stark ich bin und hast deine kräftigen Farben auf mich übertragen. Ich habe endlich wieder das Gefühl, MICH zu sehen, wenn ich in den Spiegel schaue. Endlich leuchte ich wieder. Dafür möchte ich dir danken, Sommer. ❤️


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Wo die Welt einkehrte

Geschichten sind Farbkasten-bunt.

Sie haben ihren Klang und ihre Melodie.

Sie riechen nach Freiheit, nach süßer Freiheit.

Geschichten blühen und verwelken nie.

Geschichten nehmen dich überall mit,

denn sie verwandeln jeden Ort in ein Universum.


In einem abgeschiedenen Tal, irgendwo im Süden, gab es einen Ort, über dem die Wolken an fast allen Tagen im Jahr schwer hingen und das Grau schien sich nicht nur in den Häuserfassaden, sondern auch in die Natur, ihrem Gras, ihren Blumen und Sträuchern eingenistet zu haben. Die Gassen des Dorfes waren menschenleer, nur selten konnte man seine Bewohner antreffen. Es wirkte beinahe so, als hätten sich alle in ihren kleinen Häusern verbarrikadiert, als wolle niemand mit dem anderen etwas zu tun haben. Eine jede Tür und ein jedes Fenster waren verschlossen. Ab und an verirrten sich wieder Besucher in das verschlafene Dorf und ergötzten sich an der ungewöhnlichen Stille, der melancholischen Monotonie und den bejahrten, aber schmucken Häuschen. Die Leute, die hierher kamen waren erstaunt, niemandem zu begegnen, aber es störte sie nicht, ganz im Gegenteil. Sie genossen es, das nackte und unbewegliche Umfeld zu erleben und die einzige Kraft zu sein, die in den verwinkelten Straßen wirkte. Tatsächlich war es also so, dass der Ort wie abgekapselt war von all den Geräuschen, den Farben, der Ruhelosigkeit, den Bewegungen, vom Rest der Welt.

Eines Tages aber, als der Sommer seine drückend heiße Luft ins Tal schickte, zog die Welt ein ins besagte Dorf – in Form einer alten, aber kecken Frau, die nichts weiter bei sich trug als einen weiß-violett gepunkteten Sonnenschirm und einen zerfledderten, braunen Koffer, der wohl gleich viele Jahre auf dem Buckel hatte wie seine Besitzerin. Frohen Mutes schlenderte sie durchs Dörflein, in das sie sich innerhalb der ersten zwei Minuten verliebt hatte, und begutachtete einen jeden Stein, eine jede Pflanze, ein jedes Straßenschild und eine jede Abzweigung.  Sie atmete die fast unverbrauchte Luft ein und sah sich an den Dächern satt, die nach den schützenden, über sie wachenden Händen des Nebels lechzten. Ihr war bewusst, dass der Ort hier ein besonderer war, aber es war schwierig zu erklären, in welcher Form er es war. Besonders in seiner Schönheit, aber auch in einer herzbewegenden, etwas traurigen Schwere, die seine Verlassenheit heraufbeschwor.

Nach einer Weile des Herumflanierens beschloss die Alte, ihren schweren Koffer und ihren Sonnenschirm abzulegen und sich auf eine Steinmauer hinzusetzen. Die alte Frau wollte diesen wunderbaren Ort beschenken, so beschloss sie das zu tun, was sie am besten konnte: Geschichten erzählen und Magie verbreiten. Also öffnete sie ihren verschlissenen Koffer und ließ die bunten Farben ihrer Geschichten heraus, die darin eingepackt waren. Die Farben zogen ihre Kreise im Dorf, das knallige Rot klopfte an die Haustüren der Menschen, das berauschende Blau färbte die tief hängenden Wolken ein und das belebende Gelb setzte sich in die Gassen, um diese zu beleuchten. Und da rüttelte es unverhofft an den einen, dann an den anderen Fensterläden, und das Knirschen in den Türen war der Beginn einer neuen Melodie dieses verstummten Ortes. Plötzlich setzten seine Bewohner ihre Füße auf die Straße und alle, wie sie in ihrer Anzahl doch recht viele waren, folgten dem unverhofften Ruf. Sie vernahmen flüsternde Worte, die mehr versprachen zu sein als nur das. Sie waren verzaubert von dem Bunt, das in ihrem Zuhause plötzlich Einzug gehalten hatte und waren neugierig auf mehr.

Welch ein einzigartiges Bild bot sich da den glückseligen Vögeln, die gerade über das Dorf zogen! Ein Kreis von Menschen, die viel zu lange in ihren Häusern gehockt hatten, versammelte sich nun um die Frau, die die ganze Welt in einem einzigen Koffer bei sich trug, und lauschte gespannt ihrer Stimme. Eine Flut an Buchstaben, Wörtern und Sätzen strömte aus ihrem Mund, ja ein Meer an vielgestaltigen Bildern:

Süße Regentropfen. Feuriges Chili. Sandige Berührungen. Rhythmische Trommelmusik. Sich an steil abfallenden Klippen brechende Wellen. Bunte, selbstgeschnitzte Ketten. Romantische Bergkulissen. Bibbernde Nächte im Auto. Drinks im Iglu. Kreischende Papageien. Blinkende Lichter vom Dunkel des Ozeans. Leere Popcorntüten. Gänsehautverursachendes Pianogeklimper. Sehnsüchte nach Ländern, nach Menschen. Nie versendete Briefe. Fotos an Wänden. Fische, die an den Füßen kitzelten. Der Blick nach oben. Der Blick nach unten. Grenzenlose Freiheit. Rosa Wolken. Heiße Sonnenstrahlen, die das Salz auf der Haut eintrockneten.

Wie es nun mal so war, schuf auch dieser Schatz an Geschichten wiederum neue Bilder, Erinnerungen und Erzählungen; in diesem Falle waren es die lauschenden Menschen inmitten eines Dorfes, die bisher ihre Ohren verschlossen hielten. Aber die Türen waren jetzt offen und die Fenster nicht mehr verdunkelt und die karge Umgebung wich etwas Prächtigem – fast so, als sprühte jemand mit einer Farbdose ein Graffiti auf die Gemäuer, Häuser und Straßen. Fast so, als streute jemand bunten Glitzer in die Luft, der genau dort liegen blieb, wo es ihn brauchte. Fast so, als wuchsen aus jedem Riss des Asphaltes kleine bunte Blümchen. Fast so, als hätte ein großer, in Wasserfarben getauchter Pinsel über das Stadtbild gewischt und einen Regenbogen darauf hinterlassen. Und jede Geschichte, die die alte Frau aus ihrem Koffer packte, bewirkte dieses Wunder ein kleines bisschen mehr. Sie freute sich darüber, dass die Menschen, die ihr Gehör schenkten, nun bis über beide Ohren strahlten und schon alleine deshalb veränderte sich der Ort. Es wurde heller und – weil das Geschichten nun mal mit der Welt so machen – bunter. Viel viel bunter.


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Matilda

Neue Orte beflügeln mich und meine Fantasie. So hat das auch Venedig geschafft. Dieses Mal gibt es wieder mal eine etwas düstere Geschichte … 😉

Die heiße Dusche tat gut. Nicht, dass sie den Geruch nicht mochte, der nach der dritten Liebesnacht mit Adam an ihr haftete. Ganz im Gegenteil. Es war dermaßen gut gewesen, dass sie befürchtete, ohne eine Dusche, die sie aus diesem Traum rausholte, gar nicht mehr einschlafen zu können. Irgendwie wusste sie schon bei ihrer ersten Begegnung hier in Venedig, dass sie zusammen im Hotelzimmer landen würden. Vielleicht war es die Romantik, die die Stadt versprühte, vielleicht war es der Reiz des Neuen und Unbekannten, vermutlich war es beides. Sie mochte diesen Kerl wirklich, aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, was nach dieser Woche in Italien passieren würde. Nichts desto trotz genoss sie es, ihren Kopf auf Stand-by zu schalten, die heißen Wassertropfen das Gesicht runterlaufen und das Rauschen auf sie einprasseln zu lassen.

War das Adam? Matilda öffnete die Augen, hielt inne. Plötzlich war etwas seltsam. Sie drehte das Duschwasser ab. Da. Ein Rumpeln, ein dumpfes Stöhnen. Was war hier los? In dem Moment, als sie den Duschvorhang zurückzog, kamen zwei Männer ins Bad gestürmt. Alles ging so schnell, der Glücksmoment von eben verwandelte sich in lähmende Panik. Matilda spürte, wie ihr einer der Unbekannten ins Gesicht schlug, packte und aus der Dusche zog. Der andere drehte das Wasser wieder voll auf, damit niemand im Nachbarzimmer die unangenehmen Geräusche vernahm. Sie wurde bäuchlings zu Boden gedrückt, ihr Kopf zuerst gegen die Fließen geschlagen und dann unsanft in Richtung des Schlafzimmers gedreht. Adam lag im Bett, unbekleidet, geknebelt, gefesselt und mit blauen Flecken übersät. Hätte sie nicht gewusst, dass er es war, sie hätte ihn nicht wiedererkannt, dermaßen hatten sie ihn zugerichtet. Er schaute verzweifelt zu ihr und versuchte sich loszureißen, zu schreien. Doch es half alles nichts. Matilda spürte, wie die Tränen ihr über die Wangen liefen, während die zwei Männer sie nacheinander vergewaltigten und immer wieder auf sie einschlugen, wenn sie eine Bewegung der Gegenwehr machte. Sie roch Alkohol und ihre stinkenden schwitzenden Körper auf ihr; sie sah die Hilflosigkeit in Adams zerschundenem Gesicht. Dann schloss sie die Augen und sah sich neben Adam liegen, die Hand schützend auf seinen Kopf gelegt. „Psst, psst, psst … Alles wird gut“, hörte sie sich selbst sagen. Alles drehte sich und zuckte.

Irgendwann ließen sie von ihr ab. Ließen ihren nackten, blutüberströmten Körper halbtot auf dem kalten Badezimmerboden liegen. Völlig benommen musste sie mit ansehen, wie die unbekannten Männer mit einem Messer auf Adam losgingen und auf ihn einstachen. So lange, bis sein durchdringendes Klagen verstummte und er regungslos liegen blieb. Sie sah, wie sich die weißen Laken, in denen sie sich noch vor einer Stunde geliebt hatten, rot färbten. Dann verschwanden die fremden Männer, ohne Matildas leises Flehen gehört zu haben, sie mögen doch auch ihre Schmerzen beenden. Durch die Fensterläden drang von draußen das erste morgendliche Licht ins Hotelzimmer, bevor alles vor Matildas Augen verschwamm.

Sie fror, als sie zu sich kam und spürte jeden einzelnen wunden Zentimeter ihres Körpers. Ihr rechtes Auge ließ sich kaum öffnen und die Nase fühlte sich zehnmal so groß an. Es dauerte einige Minuten, bis Matilda realisierte, dass sie tatsächlich noch am Leben war und sie es schaffte, aufzusitzen. Ihre Innenschenkel waren blutüberströmt und eine jede noch so kleine Bewegung tat ihr weh. Mit Mühe schaffte sie es in die Dusche und sie wusch sich, bis sie das Gefühl hatte, sie schrubbte die Haut von sich runter. Ihr Spiegelbild war nicht mehr das ihre und Matilda fühlte sich so leer, dass sie glaubte, die Männer hatten nur ihre kaputte Hülle in diesem Zimmer zurückgelassen.

Das Schwierigste war, sich ihm zu nähern. Adam tot zu sehen. Diesen wunderschönen, lieben Mann, den sie vor einigen Tagen noch gar nicht kannte. Und nun lag er ermordet im Bett ihres Hotelzimmers. Sie musste ihn anstarren, sich das widerliche Bild einprägen, das die zwei Mistkerle geschaffen hatten. Ihr Kopf war leer. Sie rief an der Rezeption an, bat um Hilfe und legte sich dann, nur mit dem Handtuch bekleidet, zu dem Toten ins Bett. „Psst, psst, psst“, flüsterte sie. „Alles wird gut.“

Eine Woche später

Die Geschichte, die Matilda ihrer Mutter auftischen musste, warum sie später nach München zurückkehren würde, war nicht die beste, aber sie hatte sie geschluckt. Noch wusste sie nicht, ob sie ihr die Wahrheit sagen würde. Dass sie vergewaltigt und der fremde Mann, den sie mit in ihr Hotel genommen hatte, eiskalt abgeschlachtet wurde. Nicht die beste Story, die man von seiner eigenen Tochter hören möchte.

Man sah ihr das Ereignis noch an, nicht nur wegen der Verletzungen. Matilda spürte den fetten, roten Stempel, der ihr auf der Stirn brannte: Raped. Es war in ihren Augen zu sehen, man erkannte es an der plötzlichen Angst vor Männern, die an ihr vorbeigingen und ihr Blicke zuwarfen. Ihre zitternden Hände verrieten es und ihre hagere Gestalt, weil sie kaum mehr essen konnte. An Schlaf war in den vergangenen sieben Tagen im Krankenhaus ebenfalls nicht zu denken. Sobald ihre Augen zufielen, lag sie wieder im Badezimmer auf dem Boden und hörte Adam wimmern. Die Ärzte des Venediger Krankenhauses rieten ihr noch da zu bleiben, aber die junge Frau wollte die Lagunenstadt nur noch verlassen. Trotzdem wollte sie noch nicht nach Hause – ihrer Familie in die Augen zu schauen war für Matilda völlig undenkbar. Stattdessen buchte sie ein Zugticket in die Schweiz und wartete nun an den Bahngleisen. Der Bahnhof machte sie melancholisch. Obwohl sie es nicht wollte, musste sie an Adam denken und daran, dass sie womöglich zu zweit weitergereist wären. Die Tränen schossen ihr in die Augen. Wenn er sie nicht getroffen hätte, wäre er noch am Leben. Dann wäre er nicht in diesem Hotel gewesen. Matilda schluckte die Tränen mit dem Brot runter, das sie sich zwang zu essen. Es war kühl an dem Morgen und Matilda hatte sich ihren Schal um den Kopf gewickelt. Immer mehr Leute kamen zum Bahnsteig. Der Zug musste jeden Moment …

Das waren sie! Da kamen die Männer in Begleitung zweier Frauen und einem Kind. Matildas Atem begann zu rasen und ihr Körper zitterte. Wie war das möglich? Die Polizei fahndete seit jenem Morgen nach den beiden und hier waren sie, vor ihren Augen, nur einen Steinwurf von ihr entfernt. Lachten, hielten ihre Frauen im Arm. Eines der Schweine hatte sogar eine Tochter. Ob er mit ihr auch so sanft umging wie mit wildfremden Frauen? Matilda konnte das Essen gerade so unten behalten. Tränen schossen ihr in die Augen. Vergewaltiger. Mörder. Matilda atmete einige Male tief durch und schmiss ihr restliches Mittagessen in den Müll. Die beiden konnten die junge Frau unter all den Reisenden nicht erkennen. Sie hatten in ihre Richtung geschaut und hatten sie nicht registriert. Matilda schloss einen Moment die Augen. Sah Adam vor sich. Spürte den kalten Boden unter ihrem Bauch und ihren Brüsten.

Was nun? Sollte sie die Polizei rufen? Der Zug war da. Es war keine Zeit mehr. Die Mistkerle stiegen ein. Matilda wusste nicht, was sie da tat, aber sie folgte ihnen in den Wagon. Ihr Herz raste, aber es war plötzlich keine Angst mehr, die sie empfand. Nein, da war sie endlich, die Wut, auf die sie die letzten Tage gewartet hatte. Am liebsten wäre sie losgestürzt und hätte auf die Mistkerle eingeschlagen, so lange, bis sie nicht mehr konnte. Stattdessen wurde Matilda ganz ruhig und setzte sich in das selbe Zugabteil, nur einige Reihen weiter hinten. Sie schob sich ihre Sonnenbrille ins Gesicht, zog sich die Kapuze ihres Pullis tiefer ins Gesicht und beobachtete sie. Die Mistkerle unterhielten sich auf Französisch miteinander. Waren ganz normale Passagiere in diesem Zug. Zum ersten Mal hatte Matilda die Gelegenheit, sie genau zu betrachten. Sie sahen nicht aus wie Kriminelle, die sich in ihrem Familienurlaub nachts herumtrieben, Leute töteten und missbrauchten. Der eine war hochgewachsen, hatte braunes Haar und eine laute Stimme, der andere war etwas kleiner, rothaarig und wohl der ruhigere der beiden. An ihn konnte Matilda sich besonders gut erinnern. Er war es, der ihr einen Büschel Haare ausgerissen und mitgenommen hatte. Wohl als Andenken. Alle beide waren stämmig. Markant. Kräftig. Hätte Matilda die Mistkerle unter anderen Umständen kennengelernt, sie hätten wohl einen sympathischen Eindruck auf sie gemacht. Wie sie miteinander scherzten, ihren Frauen sanft die Wange küssten. Dem Kind aus dem Buch vorlasen. Matilda hätte am liebsten laut losgelacht, so absurd und surreal war diese Situation. Unweigerlich legte sich ein Schalter in Matilda um. Sie nahm ihr Telefon zur Hand, meldete sich bei der Venediger Polizei, die ihren Fall behandelte, gab ihre Informationen bezüglich der Männer und des Zuges weiter, stand auf und setzte sich auf einen Sitz neben ihren Peinigern.

„Noch knapp zwanzig Minuten bis zur nächsten Haltestelle“, sagte Matilda laut auf Englisch und blickte direkt in die Gesichter der Zwei. Die Mistkerle schienen – wie auch ihre Frauen – verwirrt zu sein. Matilda lächelte. „Das ist doch verrückt, oder? Das mit dem Sprichwort meine ich … Man sieht sich tatsächlich immer zwei Mal im Leben!“ Sie legte ihre Sonnenbrille und ihr Tuch ab. Na also. Der verwunderte Blick der Männer wich purem Entsetzen. Kreidebleich beschrieb nicht annähernd die Gesichtsfarbe, die die Arschlöcher infolgedessen bekamen. „Oh entschuldigen Sie bitte, ich bin unhöflich“, sagte Matilda lachend und stand auf, um den zwei nichts ahnenden Frauen die Hand zu schütteln. „Ich bin Matilda, wahrscheinlich haben ihre Männer noch nichts von mir erzählt, kann ich mir vorstellen. Eine süße Tochter haben Sie da. Wirklich bezaubernd.“ Flüsternd wandte sie ihr Gesicht den Männern zu. „Matilda ist mein Name, habt ihr gehört? Falls es euch interessiert, ihr Schweine.“

Matilda hatte mit ihrer lauten Ansprache bereits die Aufmerksamkeit einiger Passagiere auf sich gelenkt. Es war die Mutter des Mädchens, die das Schweigen und die Peinlichkeit schließlich unterbrach. Sie war blond, hatte ein hübsches Gesicht und sie sprach ein für Franzosen perfektes Englisch. „Das ist Franck und Alix wohl entfallen, Sie zu erwähnen.“ Ganz offensichtlich waren die Frauen nicht besonders erfreut die Bekanntschaft mit Matilda zu machen, aber sie war sich nicht sicher, ob es bloß die Tatsache an sich war, dass ihre Partner von einer Wildfremden in einem Zug angesprochen wurden, ober ob vielmehr Matildas in Mitleidenschaft gezogene Gesicht die Anspannung zwischen allen Beteiligten schürte. „Also, woher kennen Sie drei sich?“, fragte nun die zweite Frau, ebenfalls blond, aber viel unscheinbarer in ihrem Auftreten, als ihre Freundin.

„Das lasse ich sehr gerne Franck und Alix erzählen“, erwiderte Matilda nüchtern, in die sich soeben die Namen ihrer Vergewaltiger eingebrannt haben.

Die Frauen schauten ihre Männer eine Erklärung abwartend an, als der Rothaarige, offensichtlich Alix, endlich den Mund aufmachte und offensichtlich versuchte, auf Französisch seine Situation zu erklären. Matildas Französischkenntnisse waren spärlich. Er faselte irgendetwas von: „In der Bar kennengelernt … Zusammen etwas getrunken …“, woraufhin seine Frau ihm ein französisches Fluchwort an den Kopf warf. Ihr treusorgender Mann und Vater ihres Kindes schien wohl öfters mit fremden Frauen zu verkehren.

„Nun eigentlich“, unterbrach Matilda den sich anbahnenden Streit, „müssen Sie wissen, dass es nicht exakt so war. Eigentlich wollte ich die zwei Arschlöcher hier gar nicht kennenlernen … Entschuldigen Sie, dass ich hier fluche, aber ihre Tochter versteht mich ja nicht, oder? Nun, wie auch immer. Sehen Sie mein Gesicht? Das haben die zwei so zugerichtet, müssen Sie wissen.“

„Sie sind ja völlig verrückt! Würden Sie bitte das Abteil verlassen und uns in Ruhe lassen?“, zischte die erste blonde Frau sie an.

„Ich verstehe, dass Sie mir nicht glauben wollen.“ Matilda zog sich ihren Pulli aus, ihre Jeans und stand auf einmal nur in Unterwäsche bekleidet da und war nun endgültig Mittelpunkt aller Anwesenden des Zugabteils. Noch immer sah man ihrem Körper die Schändung an. „Aber ich weiß, dass ihre Männer Donnerstagnacht vor acht Tagen nicht bei Ihnen im Hotel waren. Sie sind nämlich in mein Hotelzimmer gestürmt, haben meinen Freund abgeschlachtet und mich vergewaltigt, einer nach dem anderen.“ „Jetzt reicht es aber!“ Franck stand auf und stellte sich vor Matilda, während den anderen vieren das Grauen im Gesicht abzulesen war. Das Mädchen fing an zu weinen und versteckte ihr Gesicht im Pulli ihrer Mama. „Verschwinde aus diesem Zugabteil oder ich rufe die Polizei!“, drohte Franck. „Musst du nicht, das habe ich schon erledigt. Genießt eure letzten …“ Matilda warf einen Blick auf die Uhr, „fünf Minuten in Freiheit.“

Die nächste Haltestelle wurde durch die Lautsprecher durchgegeben. Endlich kamen Zugbeamte ins Abteil, um die Ausgänge abzusichern. Franck wich zurück und seine Begleiter blieben wie gelähmt auf ihren Sitzen, die zwei Frauen und das Mädchen blickten verständnislos hin und her. Der Zug hielt an. Eine Patrouille von Polizisten wartete am Bahngleis und Matilda brach in Tränen aus. Einer von ihnen schaute Adam zum Verwechseln ähnlich, aber vielleicht täuschte sie sich auch.


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