Von Papierbooten, Gewissensbissen und Umarmungen mit dem Glück

Das was ganz spontan kommt, sind die ehrlichsten Zeilen. Ja, das ist wohl so. Somit dürften dies die ehrlichsten Zeilen sein, die ich in diesem Jahr schreibe. Ich sitze auf meinem Sofa, eingemümmelt in meine Kuscheldecke und tippe Wort für Wort, ohne großartig darüber nachzudenken. Ohne Schnickschnack-Wörtern, ohne schlechtem Gewissen. Ein wenig ist es mir aber schon unangenehm. Wie gesagt – es sind ziemlich ehrliche Zeilen, aber ich brauche sie. Für mich. Um sie schlicht und ergreifend los zu werden. „Sich etwas von der Seele schreiben“ nennt man das. Und das habe ich schon mein Leben lang getan. Immer dann, wenn sich etwas Überwältigendes abgespielt hat, habe ich den Laptop in die Hand genommen oder eines meiner Millionen Notizbücher, Tagebücher, sonstige Zettel oder Blöcke. Die Zahl Million ist natürlich übertrieben, aber ich habe und hatte in der Tat schon immer einen Fabel für Papeteriekram. Wie auch immer… jedenfalls habe ich schon immer meine Gedanken und Gefühle zu Papier gebracht, und seeehr lange Zeit habe ich das nur für mich alleine gemacht. Selbsttherapie sozusagen. Oder zumindest eine Art Selbstreflexion. Ja, dieses Wort trifft es sehr sehr gut. Ich kann von mir behaupten, dass ich ein sehr reflektierter Mensch bin – und wahrscheinlich übertreibe ich es manchmal mit der Analyse meiner Umgebung, meiner Mitmenschen und meinem eigenen Seelenleben. Aber irgendwie muss ich einfach über das nachdenken, was mich beschäftigt. Eigentlich ist es – zumindest für mich selbst – ein gutes Zeichen, wenn ich das tue, denn dann weiß ich, dass ich das, was mir so durch den Kopf spukt, auch angenommen habe und ich dabei bin, es zu verarbeiten. Was wohl auch der Grund ist, warum ich das schreiben kann, was ich jetzt eben schreibe. Weil ich mich mit dem Gedanken angefreundet habe, dass dieses Jahr alles andere als einfach war. Und doch war es notwendig, um genau dort zu stehen, wo ich jetzt stehe. Jetzt muss ich doch ganz kurz etwas gefühlsduselig werden, aber um den metaphorischen Ort zu beschreiben, an dem ich mich gerade befinde, benötigt es ein oder zwei kitschige Bilder: Ich treibe in einem weißen, kleinen Papierboot und habe alle an Bord, die ich zum glücklich sein brauche. Das sind ganz schön viele Menschen und eigentlich ist es erstaunlich, dass sie alle in meinem kleinen Leben… ähm Boot Platz haben. Jedenfalls tun sie das tatsächlich und es geht mir richtig gut hier. Klar, es gibt die ein oder andere Welle, die sich an meiner schwimmenden Nussschale mal bricht, aber das macht im Grunde nichts. Einige Menschen, waren nicht mutig genug, um mit mir die Weltmeere zu durchqueren, harte Lektionen waren es, große Wellen, die sie aus meinem Boot geworfen haben. Und einige Zeit war ich auch sehr traurig darüber. Aber wisst ihr was? Das Gefühl alleine weiter zu segeln hatte ich nie. Nicht eine kleine Sekunde lang. Denn die allerwichtigsten sind bei mir geblieben. Und neue, unglaubliche Menschen habe ich mit an Bord geholt. Und als ich von Neuem erkannt habe, wie wunderbar meine Besatzung ist, umso glücklicher und gestärkter ging ich aus dem Sturm dieses Jahres hervor. So, Stopp! Das war mehr als genug an kitschig-emotionalen Bildüberschuss.

Eigentlich möchte ich euch von dem einen Moment erzählen, an dem ich ganz bewusst das Glück wieder in die Arme schloss. Also, es gab viele schöne Augenblicke, die dazu beigetragen haben, aber es gab irgendwie diesen einen Moment, wo all das Alte von mir abgefallen ist. Und lustigerweise war das ein Moment, in dem ich ganz alleine war – ohne meine Besatzung. Aber von vorne:

Es geschah an einem Tag im Außendienst in meinem neuen Job, ein Tag, über den ich anschließend einen Erlebnisbericht schreiben sollte. Ihr könnt euch vorstellen, dass der Text aufgrund meiner Euphorie nach diesen für mich geschichtsträchtigen Stunden, wirklich gut geworden ist :D. Wie auch immer… ich durfte einen Tag in einem Hotel in Kaltern verbringen und sollte anschließend noch eine kurze Herbstwanderung machen. Ich beschloss auf die Leuchtenburg zu wandern – dieses Ziel hatte ich schon lange lange Zeit vorher im Visier, habe es aber irgendwie nie geschafft, den Marsch anzugehen. Da ich etwas unter Zeitdruck war, weil ich später meinen Sohn abholen musste, ging ich ziemlich schnellen Schrittes los.

Es war der letzte Herbsttag des Jahres und ziemlich schwül. Ich hatte angesichts dieser drückenden Temperaturen zu viel an und war zu schnell unterwegs. Eigentlich wollte ich diese Wanderung genießen, aber die Zeit erlaubte es mir schlichtweg nicht. Und es ging steiler auf diesen verdammten Hügel hinauf, als ich erwartet hatte. Als meine Puste ziemlich schnell ausging, erinnerte ich mich wieder mal daran, dass ich viel zu wenig Sport machte – aber ganz ehrlich: Mir fehlt als alleinerziehende und wieder arbeitende Mama schlichtweg die Zeit dafür. Mir fehlt die Zeit, endlich mal wieder in der frischen Morgenluft joggen zu gehen. Mir fehlt die Zeit zum Reisen, mir fehlt die Zeit zum Schreiben (ich würde nämlich viel mehr schreiben, wenn ich denn könnte), zum Malen (ja, ich male, bzw. würde ich es gern wieder mal) und endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen oder einfach mal nichts zu tun. Die Zeit für mich selbst. Aber mein Leben ist beinah minutiös verplant. Das ist oft hart und ganz ehrlich: Manchmal möchte man halt einfach die Zeit haben, die einem zusteht. Und die habe ich nicht und ich fragte mich, als ich da diesen Hügel erklomm – der mir in jenem Moment wie ein 2000er vorkam – ob es mich zu einer schlechteren Mutter macht, wenn ich manchmal den Wunsch habe, für mich zu sein. Und ich fragte mich, keuchend und schwitzend, ob ich verrückt sei, dass ich deshalb ein schlechtes Gewissen hatte. Ich ärgerte mich etwas über mich selbst und darüber, meine Gedanken – die ich schließlich doch für ganz okay befand – verurteilt zu haben. Und ich ärgerte mich, dass ich an diesem Nachmittag nicht früher aufgebrochen war, und die eigentlich schon lang geplante Wanderung zu unternehmen, um mit mehr Gemütlichkeit und mehr Genuss diesen Solo-Pfad zu begehen… wenn ich denn schon endlich mal alleine war!!

Stattdessen fuhren meine Gedanken wieder mal ihre Lieblings-Achterbahn und an all dem Guten und Schlechten der letzten Monate vorbei. Rauf und runter. Spielten alle Szenen immer und immer wieder durch. Machten mich traurig und wütend und stolz und überglücklich. Ich wunderte mich, wie viel emotiongeballtes Leben in einer kleinen Welt wie der meinen doch Platz hat. Wahnsinn, oder? Whatever. Jedenfalls sprintete ich beinahe den Waldweg hinauf, schwitzte wie ein Schwein und war froh, irgendwann doch angekommen zu sein.

Die Hitze hatte sich gelegt und die Leuchtenburg warf ihren riesigen Schatten auf mich. Und dann war es plötzlich still. Um mich herum waren keine anderen Wanderer mehr. Keine Geräusche aus dem Tal konnte ich vernehmen und das Erstaunlichste: In meinem Kopf wurde es auch leise. Endlich. Dieses majestätische Steindings, das auch aus der Nähe betrachtet wirklich hübsch anzusehen war, erhob sich vor mir, hieß mich Willkommen und verbot mir jeglichen weiteren Gedanken. Mir wurde klar, dass ich gerade eine ganze Burg und einen ganzen Miniatur-Berg für mich alleine hatte. Das war zugegebenermaßen ziemlich cool und ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen auf abenteuerlicher Entdeckungstour.

In die Burg rein, in jede Tür hineingespäht, nach oben geblickt und ringsum. Um die Burg herum und Aussichtsfetzen erhascht. Eine Fahne, die im Wind über meinem Kopf herum wehte. Und dann war da mehr als nur ein Fetzen. Da war eine wundervolle Aussicht, die ganz allein mir gehörte. Mir alleine. Ich kletterte auf die Burgmauer, von der aus ich diese Errungenschaft vollends genießen wollte und blendete meine zitternden Knie und meine Höhenangst aus. Ich wollte mir ein Andenken schaffen und hey: Sollte ich nicht meinen Kopf ausschalten? So hatte es mir die Leuchtenburg angetragen und ich tat es dann auch.

So saß ich da, mit zitternden Beinen, zufrieden und etwas andächtig und spürte, wie eine Welle des Glücks mein Papierboot anstupste. Wie ich tatsächlich (!) mal ganz für mich war. Ich spürte, wie schön es war, dass – wenn ich gleich von meinem persönlichen, symbolischen 2000er Berg hinunterstieg – ich nicht alleine war, sondern ich all jene Menschen um mich haben würde, die ich liebte. Die mich liebten. Denen ich jede stürmische Welle wert war und die ich niemals aus meinem kleinen Boot fort gehen lassen würde. Tief im Inneren nahm ich Abschied. Nicht nur vom Sommer, nein, auch von diesem großen Jahr der Veränderung – es endete für mich an diesem letzten Herbsttag, Ende September. Ich fand, das war ein guter Zeitpunkt ein neues Jahr einzuläuten. Dazu muss nicht unbedingt Silvester sein. Ein viel zu heißer Herbsttag und eine kleine Burg reichen da schon völlig aus.

Hey Sommer…

Eigentlich bist du schon seit einer ganzen Weile weg, aber trotzdem möchte ich dir noch was sagen… Du hast mir in den letzten Monaten so viel geschenkt: Zuversicht, den Glauben daran, dass nach jedem Tief auch wieder ein Hoch kommt. Ein neues Zuhause. Eine Riesenchance mich beruflich weiter zu entwickeln, meine Leidenschaft zum Schreiben auszuschöpfen und neu zu erfinden. Du hast mir die Liebe zurückgegeben und mich immer wieder dran erinnert, dass Familie und wahre Freundschaft alles überdauert. Du hast mich ebenso daran erinnert, wie stark ich bin und hast deine kräftigen Farben auf mich übertragen. Ich habe endlich wieder das Gefühl, MICH zu sehen, wenn ich in den Spiegel schaue. Endlich leuchte ich wieder. Dafür möchte ich dir danken, Sommer. ❤️


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Der Sternenzähler

Millionen Lichtjahre hatte er bereits auf dem Buckel – wobei man fairerweise erwähnen muss, dass der Buckel des Sternenzählers freilich nicht der allergrößte war. Ganz im Gegenteil. Es gab wohl nicht viele auf zwei Beinen laufende Lebewesen im Universum, die von solch geringer Größe, aber dermaßen enormer Intelligenz ausgestattet waren. Skurril trifft es als Wort wohl am ehesten, um den kleinen, blassen Lockenkopf mit den langgliedrigen Fingern zu beschreiben. Sein violettes Haar und seine zierliche Erscheinung ließen den Sternenzähler kindlicher und unbeholfener erscheinen, als er es tatsächlich war. Sein Verstand war geradezu grandios – aber wer alle Gesteinsbrocken, alle Planten und alle schwarzen Löcher in Milchstraße und Umgebung beziffern, benennen und katalogisieren musste, musste das auch sein: klug, rational und durchstrukturiert – vom kleinsten der jeweils vier Zehen bis hin zur obersten abstehenden Locke.

Die Landung auf dem Planeten Erde war nicht ganz so glimpflich verlaufen, wie es sich der Sternenzähler erhofft hatte. Im Grunde wollte er gar nicht hierher fliegen. Man erzählte sich im All viel Schlechtes über die Erde. Es waren wohl Kreaturen zugegen, die es mit ihrem eigenen Zuhause nicht sonderlich gut meinten. „Idioten“, murmelte der Sternenzähler vor sich hin, als er sein bescheidenes, aber seit Jahrtausenden voll funktionstüchtiges Raumschiff mitten in einem Friedhof an abgesägten Bäumen zerschmettert hatte. Welche Lebewesen rodeten ihre eigenen Wälder dermaßen ab? Die Gerüchte schienen wahr zu sein. Er hätte es besser wissen und eine andere Möglichkeit suchen sollen, die Sterne zu zählen. Aber – so sagte man ihm – auf dem Erdplaneten gäbe es die allerbeste Aussicht auf den Sternenhimmel und von hier aus fiele das Zählen um einiges leichter. Aber der einfachste Weg war nicht immer auch der richtige, fand der Sternenzähler und während er sein kaputtes Flugobjekt untersuchte, wünschte er sich, dass es anders gelaufen wäre. Einfach würde das hier definitiv nicht werden … Es würde Tage dauern, das Ding zu reparieren! Und dann noch gleichzeitig zählen! Wie sollte er das nur schaffen? Seine bisherigen Aufträge waren allesamt simpel und vor allem unkompliziert verlaufen. Es gab jedoch nichts, was in ihrer Menge umfangreicher war, als die funkelnden Gaskörper – schließlich gab es nicht nur ein paar hunderte von ihnen. Dass es irgendwann zu dieser Herausforderung kam, wusste der Sternenzähler jedoch – nicht umsonst trug er diesen Namen. Es sollte seine letzte Aufgabe sein, bevor er sich zur Ruhe setzte.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit dauerte es noch einige Stunden und so hatte der Sternenzähler genügend Zeit, um sich umzusehen und vor allem zuzusehen, den Motor seines Flugobjektes wieder zum Laufen zu bringen. Es schien nicht wirklich etwas Brauchbares in der Nähe zu sein, was er zur Reparatur hätte verwenden können. Also kramte er in seinen eigenen Sachen, um dann –  mehr oder weniger erfolgreich – mit einem alten, verrosteten Schraubenschlüssel herumzuhantieren. Plötzlich machte der Motor ein lautes Geräusch und dicke Rauchschwaden schossen heraus, was unseren Sternenzähler abrupt zum Keuchen und Husten und Fluchen brachte.

Lautes Gelächter ertönte auf einmal neben ihm. Der Sternenzähler hatte große Schwierigkeiten, durch den Rauch hindurch die Gestalt zu erkennen, die ihn dermaßen hämisch auslachte. Er erspähte lange Arme und Beine und einen scheinbar endlosen Schwanz, der sich ununterbrochen hin und her bewegte. „Wer bist du?“, fragte der Sternenzähler röchelnd. „Ich kann dich nicht sehen durch den vielen Rauch.“ Erst als dieser etwas verpufft war, konnte er ihn erkennen: Den schadenfrohen, gelbgrauen Affen, der sich nun endlich beruhigte, sich auf einen der abgesägten Baumstämme hinhockte und den Fremden mit dem eigenartigen Fortbewegungsmittel neugierig observierte.

„Ich weiß zwar nicht, was das für ein Ding da ist, aber es scheint Schrott zu sein, würde ich sagen. Definitiv“, kicherte der Affe und kratzte sich dabei am Arm. „Ich bin ein Spinnenaffe und wohne da hinten mit den anderen, wo die Bäume noch ganz sind. Wir arbeiten für die Menschen, die unseren Wald roden, damit sie uns ein paar Quadratmeter Wald übrig lassen, das haben sie uns versprochen. Wir arbeiten an ihren Maschinen, mit denen sie die Bäume abholzen. Aber sind nicht mehr so viele. Von meiner Art, meine ich. Und von den Bäumen. Alles wird weniger und weniger.“ Der Spinnenaffe machte ein betrübtes Gesicht. „Aber du bist jetzt ja dazugekommen“, lachte er nach einer kurzen Pause. Der Sternenzähler war etwas verwirrt von dem seltsamen Tier, das offensichtlich sehr erfreut war, ihn zu sehen. Na ja, war auch nicht verwunderlich. Wenn die Welt um einen herum verschwindet, schenkt eine neue Begegnung Hoffnung. Also versuchte der Sternenzähler freundlich zu sein, auch wenn er gerade nicht in der Stimmung dazu war. „Nun, womöglich bräuchte ich deine Hilfe. Weißt du, ich bin der Sternenzähler und mein Raumschiff hat die Landung auf deinem Planeten nicht gut überstanden. Vielleicht kannst du mir helfen, es zu reparieren. Ich bin nämlich hier, um die Sterne zu zählen und beides gleichzeitig schaffe ich wohl nicht.“ „Zählen kannst du?“, fragte der Spinnenaffe erstaunt. „Und auch noch so weit, wie es Sterne gibt? Das kann ich nicht glauben! Ich kann nicht mal bis … ähm bis …“ Das Tier hielt drei seiner Finger hoch.„Drei zählen?“, führte der Sternenzähler den Satz des Spinnenaffen zu Ende. Das Tier lächelte und bestaunte den merkwürdigen kleinen Mann mit dem ungewöhnlichen Aussehen, der irgendwann vorschlug: „Weißt du was, ich helfe dir dabei, zählen zu lernen und du hilfst mir dabei, das Ding hier wieder zum Fliegen zu bringen. So profitiert ein jeder vom Können des anderen!“ Der Spinnenaffe war so aufgeregt und begeistert von besagter Idee, dass er seinen schlaksigen Affenkörper erst mal eine Runde auf den noch vorhandenen Bäumen schwang und er wie wild herumschrie. Der Sternenzähler zweifelte an der Vereinbarung, die das Tier und er sich eben gegeben hatten, aber es war vermutlich die einzige Möglichkeit, von diesem schrecklichen Planeten mit seinen verrückten Bewohnern wieder wegzukommen. Und er konnte sich aufs Sternenzählen konzentrieren, sofern der naive Affe nicht völlig seine Aufmerksamkeit einforderte.

Sie arbeiteten nachts. Der Sternenzähler setzte sich mit seinem dicken, schwarzen Notizbuch und seinem goldenen Füller auf einen großen, fein säuberlich abgesägten Baumstumpf und ging seiner eigentlichen Bestimmung nach, während der Spinnenaffe weiter hinten am Flugobjekt herumwerkelte, ohne seinen neuen Freund beim Zählen und Festhalten der glitzernden Himmelspunkte zu stören. Nichtsdestotrotz ließ er es sich nicht nehmen, immer wieder mal zu lauschen und fasziniert hinzusehen, wie der kleine Mann aus dem fernen All seine Arbeit verrichtete. Konzentriert und eifrig sprang dessen Zeigefinger in der Luft von einem Stern zum nächsten – so sah es zumindest aus der Perspektive des Affen aus. Der Sternenzähler wisperte dabei unverständlich vor sich her, nur zwischendurch konnte der Spinnenaffe seltsame Zahlen vernehmen, von denen er noch nie gehört hatte. Gebannt vom meditativen Zählen vergaß das Tier immer wieder mal das zu reparierende Raumschiff. Sobald sich der Himmel erhellte und die Sterne in ihm verblassten, legten die zwei sich bis vor kurzem noch Fremden für einige Stunden zum Schlafen hin. Tagsüber erteilte der Sternenzähler dem Affen mathematische Lektionen und sie stärkten sich mit Früchten, die dieser aus dem tiefen Dschungel besorgte. Fünf Tage und fünf Nächte lang zog sich ihre Übereinkunft hin und in der sechsten Nacht wurde der Spinnenaffe mit dem Raumschiff schließlich fertig. Der Sternenzähler, der noch völlig vertieft seine Arbeit zu Ende führte, merkte nicht, dass der Affe sich zu ihm setzte und ihn wieder einmal beim Sternenzählen beobachtete. Zutiefst beeindruckt war der Spinnenaffe vom Können seines neuen Freundes und er lächelte ihm zu, als dieser endlich den Blick von seinem schweren Notizbuch löste. Die Aufgabe der letzten Tage schien dem Tier gut zu tun und überraschenderweise spürte auch der Sternenfänger in sich selbst eine Veränderung. Eine Gelassenheit, die er – wie er nun bemerkte – schon lange nicht mehr in sich trug, legte sich wohlwollend, wie ein Seidentuch, über ihn. Wie konnte es passieren, dass sich Dringlichkeit und Arbeit ihn dermaßen vom Wesentlichen ablenkten?

„Es stimmt, was man sich erzählt“, sagte der Sternenzähler schließlich mit ruhiger Stimme. „Das Firmament ist von diesem Planeten aus tatsächlich am allerschönsten. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe schon viele Orte bereist in meinem langen, langen Leben.“ Der Spinnenaffe, überrascht und erfreut über diese Worte, entgegnete: „Vielleicht haben wir es uns verdient, ihn auch mal zu genießen. Komm, lass uns einfach die Beine hochlegen und lassen den Himmel auf uns wirken.“ Der Sternenfänger hatte seine Lebensaufgabe beendet, alle Sterne waren gezählt. Warum also nicht? Die beiden ungleichen Freunde legten sich nebeneinander ins kühle Gras und schauten nach oben. Auf diese riesige schwarze Fläche mit den weiß leuchtenden Punkten. Keiner gleich wie der andere. Ein jeder für sich und doch einer von vielen. Der Spinnenaffe begann eine Melodie zu summen und der Sternenzähler merkte, wie dankbar das Tier für diesen Moment war, einen Augenblick, der ihn – wenn auch flüchtig – aus seiner ausweglosen Situation rausholte. Auch wenn die Welt um sie herum zu erlischen drohte: Der Anblick des gewaltigen Sternenzeltes ließ all ihr Sorgen schrumpfen. Auch der Sternenfänger spürte sie, diese Zufriedenheit, von der alle immerzu sprachen und die der Augenblick ihm nun schenkte. Oft schon war er den Himmel auf und ab geflogen, hatte in ihm gewohnt und so oft hatte er ihn schon betrachtet, und doch sah der Sternenfänger ihn nun zum ersten Mal wirklich. Fühlte ihn. Nach abertausenden von Jahren.


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Neun Dinge

Manchmal brauchen wir einen bestimmten, uns aufrüttelnden Moment, Zufälle und Begegnungen, damit wir wieder wissen, in welche Richtung unser Leben verlaufen soll. Damit wir umdenken. Stärker werden. In meiner Geschichte geht es um die Macht der Gedanken und der eigenen Sichtweise auf die Dinge. Auf dass wir alle ab und zu unseren Blickwinkel ändern! 😉

Fünfundzwanzig Meter waren es bestimmt. Oder noch mehr. Vielleicht waren es auch bloß zehn, aber was spielte das überhaupt für eine Rolle? Im Schätzen war sie nicht besonders gut. Emilia wusste lediglich, dass der Abgrund, der sich vor ihr auftat, bedrohlich war und tief genug, um sich sämtliche Knochen zu brechen. Um draufzugehen. Zu sterben, bevor man den Alptraum „Fallen“ sekundenlang durchleiden muss. Schon die Tatsache hier oben zu stehen, auf dieser schmalen Sicherheitsabsperrung für Fußgänger, war schlichtweg alptraumhaft.

Als die junge Frau ihren Blick nach unten richtete, wurde ihr übel. Unter ihr befanden sich nichts weiter als Felsen. Kantige, riesengroße Gesteinsbrocken, die ihren zierlichen Körper in Bruchteil einer Sekunde zerschmettern würden. Warum also, warum in aller Welt stand Emilia nur wie eine Irre hier oben auf dieser Absperrung, von der sie jeden Moment abrutschen könnte? Wie war sie nur hierhergekommen? Sie konnte sich nicht erinnern. Es mag verrückt klingen, aber sie wusste es wirklich nicht. Sie kam vor zwei Minuten zu sich und fand sich auf dieser immens hohen Brücke wieder, an deren Abgrund stehend, und sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was sie hier machte.

Ein starker Seitenwind blies Emilia die langen dunkelbraunen Haare ins Gesicht, sodass sie für einen Moment nichts sehen konnte. Sie fürchtete, der Wind würde sie von der Brücke wehen und sie klammerte sich an dem Stützpfeiler fest, der neben ihr in die Höhe ragte. Ihr Herz raste wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Das war Panik vermutete sie. Todesangst. So fühlte sich die also an. Was für ein schreckliches, schreckliches Gefühl! Als der Wind etwas nachließ, schäumte wieder die Frage in ihr auf: Was mache ich hier? Und dann kam sie schließlich und unweigerlich, die Frage: „Wollte ich mich umbringen?“

Endlich traute sich Emilia, von der Absperrung vorsichtig hinunterzuklettern. Als sie beide Füße auf der Brücke absetzte, atmete sie auf und sie konnte fühlen, wie ihr Körper allmählich auf Normalzustand zurückfuhr. Ihre Hände zitterten noch ein wenig, aber der Puls beruhigte sich langsam und ihre Atmung wurde auch wieder regelmäßig. Die furchtbare Idee da hinaufzuklettern, stammte die tatsächlich von ihr selbst? Vermutlich, aber weshalb? Emilia versuchte, ihre Gedanken zu sammeln und ihre Erinnerung auf Touren zu bringen. Ihren Namen, den wusste sie. Ansonsten war alles weg. Gelöscht. Sie hieß Emilia, stand auf einer Brücke und wollte sich offensichtlich das Leben nehmen. That`s it. Und das war ja nicht gerade viel, was sie von sich selbst wusste. Verdammt. Wer war sie nur? Und was musste in ihrem Leben geschehen sein, dass sie es beenden wollte? War sie krank? Psychisch labil? Oder war etwas derartig Schreckliches passiert, dass sie die Entscheidung nicht mehr leben zu wollen, schnell getroffen hatte? War es eine Kurzschlussreaktion? Oder eine bewusste Handlung?

Egal, was es war. Emilia musste erst mal weg von hier. Weg von der Brücke, von der sie beinahe gesprungen wäre. Also folgte die Frau schnellen Schrittes dem Straßenverlauf und setzte sich am Ende der Brücke- oder war es ihr Anfang… egal- auf eine Bank. Warum stand hier bloß eine Bank? Hier am Ende (oder am Anfang) einer Brücke? Damit sich die potentiellen Brückenspringer noch einmal hinhocken und ihre Entscheidung überdenken konnten? Hier gab es ansonsten nichts, was zum angenehmen Verweilen einlud. Keine schöne Aussicht, keine grüne Wiese, keine Kirche. Einfach nur eine Bank am Rande einer Brücke neben einem kleinen Wald und einer kaum befahrenen Straße inmitten eines Tales. Emilia jedenfalls saß nun hier und versuchte sich daran zu erinnern, wer sie war. Die Frage, die sie aber noch viel mehr beschäftigte, war die: „Warum wollte ich mich umbringen?“

Schließlich begann sie, sich selbst etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Ihr braunes, zerzaustes Haar, ihre gepflegten Hände mit dem abgerissenen Zeigefingernagel, ihre Kleidung, alles was sie eben sehen konnte. Sie trug Stan Smiths, blaue Jeans und einen grauen Kapuzenpulli mit einer quietschbunten Aufschrift. Was stand denn da? „Lächle, du kannst sie nicht alle töten!“ Sah ja nicht unbedingt nach einem Kleidungsstück aus, das man morgens aus dem Schrank holt, wenn man vorhatte, von einer Brücke zu hüpfen. Emilia stellte sich den Moment vor, in dem ihr Leichnam- sofern dieser nicht völlig in Stücke zerrissen wurde- aufgefunden geworden wäre. In einem Pullover mit dem Print „Lächle, du kannst sie nicht alle töten!“ Wie die Faust aufs Auge passte das ja nicht gerade. Und was hätten die Leute gesagt, die sie geborgen hätten?

„Immerhin eine Person hat sie umgebracht!“ oder „Da hat sie sich wohl selbst zu wenig angelächelt!“

Unpassenderweise musste die junge Frau über dieses makabre Szenario schmunzeln, verwarf den Gedanken und die heitere Emotion jedoch sofort wieder und widmete sich wieder ernsteren Fragen. Ihre Situation war alles andere als lustig.

Emilia fühlte sich wie ein Kind, das gerade eben auf die Welt kam. Nur besaß sie bereits dieses Bewusstsein des Lebens und gerade deshalb auch die Unverständlichkeit darüber, warum sie lieber tot sein wollte. Ein paar Minuten saß Emilia einfach nur da. Schaute ein wenig von links nach rechts. Atmete und spürte ihren Körper. Ihren Geist. Es war alles genau da, wo es hingehörte. Zumindest für den Moment. Was war wohl ihr Problem gewesen?

Von weiter weg hörte sie ein Geräusch, aber sie konnte nicht genau vernehmen, um welches es sich handelte. Aber es schien eindeutig ein Mensch da zu sein, was bedeutete, dass sie nicht alleine hier war. Ihr Wissen war auf das absolute Minimum beschränkt, vielleicht konnte ihr ja dieser jemand, der da war, behilflich sein bei ihrer Suche nach Antworten. Emilia ging langsam in die Richtung, aus der das Geräusch kam und schon nach einigen Metern sah sie einen Mann, bekleidet mit einem dicken Fleecehemd, festen Arbeitsschuhen, Schutzhandschuhen und Ohrenschützern. Er war gerade dabei eine alte Fichte mit von Moos begrüntem Stamm zu fällen.

„Hallo“, rief Emilia zaghaft und als sie der Mann nicht hörte, da rief sie etwas lauter:

„Hallo, entschuldigen Sie bitte! Können Sie mir vielleicht helfen?“

Da drehte sich der Holzfäller überrascht um und fuhr sich mit dem Handrücken über seine verschwitzte Stirn.  Mit brummender Stimme schnaufte er:

„Ob ich helfen kann, weiß ich nicht, aber du kannst mir dabei helfen, diesen widerspenstigen, morschen Baum zu zerhacken. Da hinten bei meinem Rucksack liegt eine zweite Axt, schnapp sie dir und schlag kräftig in die Kuhle, wann immer ich es dir sage!“

Emilia blickte etwas perplex zwischen dem Baum, dem Holzfäller und dem Beil umher, aber schließlich ergriff sie es und stellte sich neben den Mann. Woher sollte sie denn wissen, wie man einen Baum fällt? Hatte sie das überhaupt schon einmal getan? Sie wusste es nicht. Woher auch? Sie wusste ja nicht einmal, wie sie hierhergekommen war! Aber wo sie schon mal hier war, konnte sie dem Mann genauso gut helfen, diese Fichte zu fällen. Abwechselnd schlugen sie also in die schon vorhandene Kuhle des Stammes ein und mit jedem Schlag kamen Emilia und der Holzfäller dessen Ziel etwas näher.

„Zur Seite“, rief der Holzfäller nach einer ganzen Weile. „Baum fällt!“

Knarzend und krachend knallte die Fichte auf den Boden und die zwei bisher einander Fremden gesellten sich zu ihr. Der Holzfäller holte ein Sandwich aus seinem Rucksack und gab die Hälfte seiner Baumfäller- Assistentin.

Sie saßen schweigend nebeneinander und Emilia grübelte darüber nach, was gerade passiert war. Sie hatte einen Fremden getroffen, der sie um Hilfe bat. Und sie gab sie ihm. Ohne Fragen zu stellen, ohne zu wissen, ob sie dazu überhaupt in der Lage wäre. Und obwohl sie eigentlich selbst dringend Hilfe gebraucht hatte, hatte sie drei Dinge lernen können: Dass man erstens um Hilfe bitten darf, dass man zweitens gemeinsam an das Ziel gelangt, an das man alleine einfach nicht herankommt und dass man drittens selbst daran wächst, wenn man anderen zur Seite steht.

Im Grunde wusste Emilia immer noch nichts über sich, außer dass sie bis vor kurzem des Lebens müde gewesen war, aber durch diese neue Erkenntnis, die sie gerade gewonnen hatte, fühlte sie sich besser und sie dachte:

„Im Grunde ist man nie allein. Helfende Hände scheint es überall zu geben, selbst an den einsamsten Orten.“ Und sie verstand noch weniger als vorher, warum sie von einer Brücke springen wollte.

„Hoffe, dass ich dir helfen konnte“, murmelte der Holzfäller, ohne eigentlich ein Wort gesagt zu haben.

„Das haben Sie sehr“, erwiderte Emilia dankbar, schluckte den letzten Bissen ihres Truthahnsandwiches hinunter, grüßte und machte sich auf den Weg. Zufrieden schlenderte sie weiter und stellte sich, aufgrund der Erfahrung, die sie gerade gemacht hatte, die Frage, ob sie in ihrem früheren Leben, das heißt dem Leben vor dem Gang auf die Brücke, einsam gewesen war. Das konnte sie sich nicht vorstellen. Immerhin war sie in dieser kurzen Zeit nur einem Menschen begegnet,  mit dem sie aber schon eine mehr oder weniger bedeutende Erfahrung teilen konnte: Sie hatten einen Baum gefällt.  Wenn schon eine einzige Tat, eine einzige Begegnung mit einem Fremden so viel Positives in ihr auslöste und ihr das Gefühl gab, gebraucht zu werden und die Gewissheit, dass Menschen füreinander da sind, wenn es darauf ankommt, wie war es wohl vorher gewesen?

Wie viele Begegnungen und Erlebnisse musste sie also bisher in ihrem Leben alle gesammelt haben!

„So schlecht kann meine Welt gar nicht gewesen sein.“

Vielleicht war sie nicht so der Menschenfreund gewesen, wer weiß. Vielleicht wollte sie ja auch für sich sein. Aber dann… tja, dann war der guten Frau auch nicht zu helfen! Emilia begann sich über ihr früheres Ich zu ärgern, das sie sich in ihrem Kopf zusammenspann.

Die Sonnenstrahlen in ihrem Gesicht vertrieben den kurzaufschäumenden Groll, der möglicherweise nicht gerechtfertigt war. Denn Emilias Situation war auch jetzt, als sie am Waldesrand die Straße entlanglief, immer noch dieselbe wie vorhin auf der Brücke: Sie war ein weißes Blatt Papier, auf dem sämtliche Notizen ausradiert wurden. Ein ziemlich zerknittertes noch dazu. Apropos Blatt Papier: Ihre Adidas Sneakers waren auf einen Zettel getreten. Er war zusammengefaltet und etwas schmutzig, aber ansonsten noch gut erhalten. Sie hob ihn sachte auf, pustete ihn von Erde und Staub sauber und faltete ihn auseinander. Das liniierte Blatt war beschriftet mit Wörtern und kurzen Sätzen, die offensichtlich ein Kind hingeschrieben hatte. Emilia las:

„Mein Lieblingstier ist der Vogel. Er kann hoch fliegen und ist frei und das finde ich schön. Am liebsten würde ich auch fliegen können, also so richtig, mit Flügeln. Das geht leider nicht, weil mir keine gewachsen sind. Ich habe nur Arme und Beine. Aber mit denen kann man auch tolle Sachen machen. Hoch in die Luft springen zum Beispiel und Vögel malen. Das macht auch Spaß.“

Und darunter war ein Vogel mit einem Hut gemalt. Ein Rotkehlchen. Emilia musste lachen, dachte über die Worte nach, die das Kind aufgeschrieben hatte und fand, dass sie von diesen Worten, die sie zufällig am Straßenrand gefunden hatte, eine Menge lernen konnte. Wieder drei Dinge um genau zu sein: Es ist gut, Träume zu haben. Träume treiben uns an, motivieren uns und halten uns lebendig. Gleichzeitig ist es gut, realistisch zu sein. Das was ist, ist. Manche Dinge kann man nicht ändern. Das man Arme und Beine hat, zum Beispiel, und keine Flügel. Aber drittens, und das ist wohl die größte Lehre dieses Zettels:  Es gibt Wege, die sich finden lassen, um dem eigenen Traum oder dem eigenen Weg näher zu kommen, und andere Dinge in unserem Leben, die wundervoll sind. Auch wenn es sich mit ihnen nicht fliegen lässt, sie machen trotzdem Spaß.

Ob dieses Kind wusste, welch kluge Worte es da hingekritzelt hatte? Emilia jedenfalls fand, dass sie reicher wurde durch sie und war dankbar, dass sie dieses wertvolle Blatt Papier gefunden hatte, faltete es wieder sorgfältig zusammen, steckte es in ihre Gesäßtasche und spazierte weiter. Irgendwann würde sie schon ankommen. Zuhause oder sonst irgendwo.

Nach einer Weile kam ein Auto angefahren. Emilia entdeckte es, als es um die Kurve bog. Es fuhr in ihre Richtung und kam ihr unheimlich bekannt vor. Der silberne Wagen verlangsamte sein Tempo und hielt neben Emilia an.

„Hallo, guten Tag, wen trifft man denn da! Emilia! Was machen Sie denn hier draußen?“, lächelte eine sympathische, ältere Dame mit kurzen, weißblonden Haaren aus dem Auto heraus, ohne Emilias Antwort abzuwarten. „Sind Sie alleine hier? Sie können mit mir nach Hause fahren, wenn Sie wollen. Glück gehabt, was? Dass Sie hier genau auf ihre alte Nachbarin treffen!“

„Sieht so aus“, erwiderte Emilia unsicher und erkannte ihre Nachbarin Ms. Leigh wieder.

„Steigen Sie ein, die anderen sind bestimmt schon zuhause und warten auf Sie!“

Emilia hatte nicht die geringste Ahnung, wen Ms. Leigh mit „die anderen“ meinte und wo ihr Zuhause war, oder was ausgerechnet ihre Nachbarin in dieser Gegend verloren hatte, aber sie war schon heilfroh, dass sie diese wiedererkannt hatte und in deren Auto sitzen konnte. Die alte Dame redete gerne und viel, und Emilia genoss es, einer bekannten Stimme zu lauschen. Diese Stimme meinte es gut mit ihr, denn sie sagte irgendwann:

„Wissen Sie Emilia, ich kann Sie verstehen und es ist ok, wenn Sie darüber nicht sprechen möchten. Über ihre Entscheidung, meine ich. Niemand zwingt Sie dazu, sich zu rechtfertigen, auch nicht Ihre Familie. Aber Sie sollen wissen, dass wir alle da sind. Egal auf welche Art und Weise. Es ist alles in Ordnung, wenn es für Sie so passt ist“, zwinkerte Ms. Leigh ihrer Nachbarin zu.

Sprach Ms. Leigh von dem Gang auf die Brücke? Wusste Sie etwa davon? Oder von welcher Entscheidung sprach ihre Nachbarin da genau? Egal, sie hatte das genau Richtige im genau richtigen Moment gesagt. Und Emilia hatte erneut etwas gelernt. Drei Dinge an der Zahl wieder, ganz klar. Erstens: Die Menschen, die dich umgeben und das Gefühl, das sie dir schenken, sind das Kostbarste auf der Welt. Zweitens: Du weißt, wie kostbar die Menschen sind, wenn sie dich so sein lassen wie du bist. Und drittens: Manches verflüchtigt sich von ganz alleine, was heißt, man muss nicht über alles reden. Ganz im Gegenteil; vielleicht wird oft zu viel gesagt und zu wenig gehandelt.

Emilia fühlte sich mit einem mal leichter und heiterer. Gut, sie wusste noch immer nichts über sich als Person, trotzdem glaubte sie nach der Begegnung mit ihrer Nachbarin, dem Holzfäller und dem Fund des Textes, viel über sich gelernt zu haben. Auf seltsame Art und Weise fand die junge Frau sich mit ihrer seltsamen Lage ab, denn sie hatte ja auch auf seltsamste Art und Weise (so viele glückliche Zufälle waren schon ziemlich verrückt) gerade gelehrt bekommen, dass man manche Dinge so nehmen muss, wie sie sind. Sie war wie das Kind, das sich Flügel wünschte. Sie würde sich wahrscheinlich nie daran erinnern, warum sie das vorgehabt hatte, was sie eben vorgehabt hatte. Aber Emilia fand viel wichtigere Antworten. Nämlich solche, die ihr dabei halfen, ihr neues Leben nach dem Moment auf der Brücke, in Angriff zu nehmen.


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