Der Schustermeister oder: Die Freuden des Augenblicks

Für manch einen war es der See mit seinen morgendlichen Nebelschwaden im Sommer und der kristallenen Oberfläche in den kalten Monaten. Oder die Burg am Hügel, die frühmorgens in mystisches Sonnenlicht getaucht wird und über besagten See wacht. Für viele war es das rege Treiben am Platz vor der Kirche und der tägliche Schwatz – für wiederum andere war es das Sein in den Weinbergen, das Philosophieren über die kostbaren Tropfen, die sie aus den Trauben gewannen, weshalb sie jede einzelne mit ihren von Arbeit gezeichneten Händen berührten, als wären sie pures Gold.

Der 24-jährige Josef, der im Jahr 1949 nach Kaltern gezogen war, um die dunklen Tage des Krieges endgültig hinter sich zu lassen, flanierte lieber durch die verwinkelten, engen Gassen in dem kleinen Ortsteil Mitterdorf, fernab des dörflichen Trubels. Die Gegend rund um Schloss Campan hatte es ihm sehr angetan – zudem er bei dortigem Grafen für die Pflege der Weinberge und der Tiere angestellt wurde. Weil ihn seine Arbeit körperlich aber sehr ertüchtigte und er erst spät nach Sonnenuntergang einige freie Stunden genoss, versäumte er so manche Gelegenheit, sich mit anderen Leuten im Dorf auszutauschen.

Eines Tages – Josef war gerade dabei, die Pferde in den Stall zu treiben – kam der Graf auf ihn zu, in der Hand ein Paar ausgemergelte Schuhe. „Bring sie zum Schuster und lass sie neu besohlen. Der linke muss außerdem geflickt werden.“ Noch am selben Tag begab sich Josef mit den Schuhen zum Schustermeister. Josef kannte das kleine Lädchen vom Vorbeispazieren schon: Eine versteckte, dunkle Schusterei, die man über zwei nach unten führenden Treppen betrat. Josef stieß sich den Kopf, als er durch die knarzende Tür trat. „Obacht, junger Mann, manch einer ist hier schon mit großen Kopfschmerzen zur Tür hinaus.“ Eine rauchige, aber freundliche Stimme erklang aus der hinteren Ecke des Ladens. „Ich merke schon, ein Mann von meiner Größe, tut sich in diesen vier Wänden etwas schwer“, erwiderte der hochgewachsene Josef lächelnd und begrüßte den Schuster, der gerade dabei war, Ahle und Nagelbohrer von der Werkzeugwand zu holen und sich den Schusterfuß zu richten. Ein brauner Damenschuh lag vor ihm auf dem Tisch, der auf einen neuen Stöckel wartete. Der Schuster aber inspizierte den fremden Mann. „Ich kenn dich nicht“, brummte er, „kommst du von auswärts?“ „Ja, aus dem hinteren Pustertal, ich lebe aber seit ein paar Monaten hier in Mitterdorf.“ „Komm her mein Junge, setz dich zu mir“, forderte ihn der alte Schuster auf und zog einen klapprigen Hocker unter dem Arbeitstisch hervor. „Wie heißt du?“ „Josef. Ich bringe für meinen Arbeitgeber, den Grafen, diese Schuhe. Sie sind neu zu …“ „Trink mit mir einen Schluck“, unterbrach ihn der Schuster und verschwand für einen Moment in eine kleine, dunkle Kammer. Dann kehrte er mit einer Flasche Wein und zwei Weingläsern zurück. Josef setzte sich folgsam und inspizierte die Flasche. „Das ist der Wein meines Grafen“, stellte er fest, „aber ich hab ihn noch nie gekostet.“ Der Schuster lachte: „Wie kannst du etwas tun, von dem du nicht mal weißt, warum und wofür du es tust?“ Josef musste zugeben, dass er die Arbeit beim Grafen nur deshalb verrichtete, um sein täglich Brot zu verdienen – sehr viel über sie nachgedacht hatte er bisher nicht. Der Schuster betrachtete den grübelnden Josef, trank genussvoll ein Schluck Wein, strich sich seine grauen, zerzausten Haare aus dem Gesicht und fing an zu plaudern: von dem Winzer-Grafen und dem Weingut, das schon über mehrere Generationen bewirtschaftet wurde. Von seinem eigenen Entschluss, Schuster zu werden, der Gabe, ein seltenes Handwerk zu beherrschen und den Menschen im Dorf damit einen wichtigen Dienst zu erweisen: „Ich helfe den Menschen dabei, leichter durchs Leben zu gehen – der Weg ist ohnehin steinig genug, nicht wahr?“
Und so saßen sie da, Josef und der Schuster, und draußen ging der Tag in den Abend über, die Menschen zogen sich in ihre Häuser zurück und plötzlich war die Flasche Wein leer und der Kopf voll mit Trank und Geschichten des Schusters.

Als Josef ein paar Tage später wieder kam, um die Schuhe des Grafen abzuholen, taten die beiden es gleich. Nach diesen beiden Nachmittagen überbrachte Josef seinem Grafen nicht nur dessen neu besohlten Schuhe, sondern äußerte auch die überraschende Bitte, mehr über dessen Weinbau zu erfahren, was diesen sehr erfreute. So kam es, dass der Graf den jungen Josef in die Kunst und die Philosophie der Winzerei einführte. Josefs Leidenschaft war geweckt – und er verstand immer mehr, warum sich die Bauern um ihre Weinreben kümmerten, wie Mütter und Väter um ihre Kinder: Es ging nicht nur um den Rebensaft, sondern auch um das anschließende Zusammenkommen. Um die Geselligkeit, das Geschichten-Erzählen und: die Freuden des Augenblicks.

Die Freundschaft zwischen Josef und dem Schustermeister hielt übrigens ein Leben lang.


Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Tourismusverein Kaltern am See entstanden und im März 2022 in der 30. Ausgabe des wein.kaltern MAGAZINS erschienen.

So lange ich kann

Nein, diese Geschichte erzählt von keinem großen Abenteuer bei Klippen und Leuchttürmen, wie wir es auf meinem Titelbild erlebt haben, damals im Sommer auf Sizilien. Sie handelt lediglich davon, wie mein Sohn Ben und ich eines Abends beim Essen sitzen, damals im Januar in der Wohnküche.

Es gibt Kraftbrühe mit kleinen Sternchennudeln. „Weißt du, diese Mahlzeit gab es früher jedes Jahr an Weihnachten bei meiner Oma. Darum ist Fleischsuppe eine meiner Lieblingsspeisen“, erzähle ich ihm, während ich die heiße Flüssigkeit genüsslich in mich reinlöffle. Sofort fühle ich mich wie die 6-jährige Version meines Selbst und hocke für einen kurzen Moment wieder mit all meinen Cousins, Tanten und Onkel in Omas Stube. Nichtsdestotrotz entgeht es mir nicht, wie sich der Grübel-Motor meines Sohnes eingeschaltet hat.

„Mami? Haben die, die gestorben sind, im Himmel ein Haus zum Wohnen?“, fragt er mich. Er weiß natürlich, dass meine Oma schon lange tot ist und mein „Früher“ weit zurück liegt. „Ich weiß nicht … Aber ja, vielleicht haben sie das“, antworte ich und mir wird klar, dass ich nie darüber nachgedacht habe, WIE die Menschen danach weiterleben. Ob in Häusern oder einfach nur auf rosa Wolken mit goldenen Betten. Mit dem bärtigen Petrus an der Pforte, wie man es aus den Zeichentrickserien kennt. „Können sie alles hören, was wir sagen?“, hakt Ben nach. Okaaay, die Toten sitzen also heute mit am Tisch. „Ja, bestimmt“, sage ich und bin mir nicht sicher, ob ich hoffen soll, dass dem wirklich so ist. Ben probiert es gleich mal aus und ruft: „Hallo Uroma!“ Keine Antwort zurück – Enttäuschung groß. „Keine Sorge, sie hört dich schon, sie kann nur nicht antworten“, versuche ich zu erklären. „Die, die in den Himmel kommen, werden zu Engeln und passen auf uns auf. Und sie sehen und hören alles, was wir so reden und tun.“ Zugegeben: Dieser Satz klingt auch in meinen eigenen Ohren ein kleines bisschen gruselig und ich bin mir keineswegs sicher, ob ich es genauso meine, wie ich es sage. Aber Ben scheint beruhigt.


„Wenn ich mal sterbe, werde ich auch ein Engel, gell?“ Okay, JETZT wird es gruselig, denke ich, versuche aber ganz sachlich zu bleiben – Ben hat ja auch sehr nüchtern nachgefragt. „Ja, natürlich.“ „Sterben wir beide mal zusammen, Mami?“ Verdammt, UND WAS JETZT? Auf die Frage bin ich nicht vorbereitet. Steht die denn irgendwo in einem Erziehungsratgeber? Vielleicht unter der Kategorie „Skurrile Kinderfragen und wie Sie am besten darauf antworten“? Gibt es die Kategorie überhaupt? IRGENDWO? Mir kullert eine Träne über die Wange, während ich versuche, eine möglichst simple Antwort herauszupressen: „Ich hoffe, dass du viel viel länger auf der Erde bleibst als ich.“ „Aber Mami!“ Ben fängt jetzt auch an zu weinen. „Ich brauche dich ja. Auch oben im Himmel!“ Ich, die mittlerweile Rotz und Wasser heult und die Kraftbrühe auf dem Tisch spätestens nach diesem Satz vergessen hat und sie nun kalt werden lässt (soll sie doch kalt werden, die blöde Suppe!), nehme meinen kleinen, großen Jungen in den Arm. In ein paar Wochen wird er vier – herrje, er soll mit seinen vier Jahren doch noch nicht solche Fragen stellen. Ich halte ihn fest und flüstere ihm ins Ohr: „Keine Sorge, wir zwei sind noch ganz ganz lange auf der Erde und ich noch laaange bei dir. Versprochen. Und du musst dir über diese Dinge noch überhaupt keine Sorgen machen, ok?“ „Okay, Mami“, lächelt er und widmet sich wieder seinem Abendessen. Emotion und Thema abgehakt. Wow … irgendwie bewundernswert, diese Fähigkeit! Ich setze mich wieder hin, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und versuche, meine eigenen Emotionen wegzuatmen. Und ich frage mich, ob ich mir mit diesem Versprechen womöglich zu viel vorgenommen habe – immerhin kann man ja nie wissen, was das Leben mit einem vor hat. Trotzdem … eines kann ich sehr wohl: Ich nehme mir vor, mein Versprechen so gut es geht einzuhalten – egal was kommt: Ich bleibe so lange ich kann.

Genug Vorsätze für ein Abendessen. Geredet wird nun auch nicht mehr. Nur noch gegrinst und ordentlich Kraftsuppe gelöffelt.


Es ist.

Dieser Poetry Slam-Text ist für einen Vortrag der Südtiroler Landesrätin für Chancengleichheit entstanden.


Ihr Name war Marie und sie war eine Frohnatur,

herzensgut, optimistisch, motiviert. Sie wollte nur

und man kanns ihr schließlich nicht verdenken

ihr Leben in die gewollt/gewünschte Richtung lenken.

Sie hatte `nen Traum, wollt dafür alles geben.

Doch wie es so oft passiert, ging einiges daneben.

Ein neuer Job, neue Kollegen,

und sie, die talentierte Neue wollte hier endlich was bewegen.

Aber da war er. Ein Irgendwie-Normalo, wie man ihn sich vorstellt und doch einer der sich verstellt, und sich niemals hinten anstellt. Er bestellt, was er will und bekommt was er will,

in ganz großem Macho-Stil.

Sie merkte schnell, er peilte sie an mit seinen Pfeilen aus Worten, unpassend gemeine.

„Das ist nichts für dich Schätzchen, das verstehen nur Große.“ „Na Kleine,

du Süße, du Dummchen,“ – das war nur der Anfang.  

Irgendwann fing es dann an

Der Druck, den er machte, war ein geübter. Die Macht, die er ausübte routiniert. Und ungeniert machte er sie kleiner als sie war,

und ihr war klar,

dass sie nichts mehr richtig machen konnte

und während er sich in seiner Position sonnte,

wurde sie kleiner und kleiner.

Und ein jeder seiner 

„Ich-schaue-dich-nicht-an-Gesichter“ machten sie wütend, und am liebsten hätte sie sein Gesicht hergedreht zu ihrem und ihn gebeten, dass er sie ansähe. Aber Sehen hätte ihn verstehen lassen

und er wollte sie nicht gehen lassen.

Weil er sie brauchte um sich abzureagieren

und über jemanden zu triumphieren.

Ein böses Wort hier, eine Stichelei dort, und mit der Zeit war ein jedes Wort wie ein Dolch

und machte ihren neuen Job zu einem unerträglichen Ort.

Jeder Tag war für sie eine Qual,

das lockere „Ist mir so egal

und die Wut irgendwann leise fortgeschwemmt.

Ihre ungehemmte Art wich der Angst zu versagen und ihr Gedanke war nur:

Was nützt es jetzt noch, etwas zu wagen?

Wochen vergingen, die Tränen vergingen, die Freude verging, ihr Selbstvertrauen ging – und sie ging … nicht.

Sie sagte nichts, bat nicht um Hilfe. Sie schwand dahin, verschwand in ihm, in seinem großen, mächtigen Schatten.

In ihrem Bauch knoteten sich Angst und Verzagen zu einem Knäuel,

und sie fühlte auch, wie sie sich immer mehr geschlagen gab.

Ihren Traum? Den gab es nicht mehr.

Sie setzte sich nicht mehr zur Wehr, es fiel ihr zu schwer, eine Träne zu weinen

oder das was er sagte, auch nur einmal zu verneinen.

Ein jedes Wort schluckte sie runter, hat ihren eigenen Namen längst vergessen.

„Schätzchen“ hat am Tisch mit den anderen – seit Monaten nicht gegessen. Sie zog sich zurück, es ging ihr nicht gut. Bei dem was sie tat, war sie plötzlich nicht mehr gut,

denn er sagte, sie mache Fehler und für alles andre fehlte der Mut. Er nahm ihr alles, was sie war.

Ihr Kopf pochte wild, ihr Magen war flau und sie wusste genau:

Wie kann ein Mensch das sein, was er ist,

wenn er plötzlich all die Sätze frisst,

die ihm vorgekaut werden, wenn er das verbaut bekommt,

wenn ihm all das um ihn nicht mehr bekommt?

Und wie kann ein Mensch das werden, was er werden will,

wenn still sein als Einziges übrig bleibt?

Wie eine jede Geschichte, könnte auch diese mit einem „Vor langer, langer Zeit“ beginnen, aber wisst ihr was? Nichts davon ist so weit weg, wie es sollte. Denn es ist das Heute, das Jetzt und hier.

Und es kann jedem passieren, auch dir und mir.

Ich beobachte die Menschen, ihre Mäuler sind aufgerissen.

Ich sehe die Menschen, sie sind innerlich zerrissen.

Weil Respekt ein Fremdwort ist, weil  die einen die anderen nicht mehr sehen und nur ihren eigenen Kram sehen

und sie verstehen nichts vom anderen.

Und es scherte sie schon damals nicht,

und heute hat das alles noch weniger Gewicht.

Weil sich unsere Werte verändert haben und was uns heute mehr wert ist, als der Selbstwert unseres Gegenübers, ist das eigene Ich.

Als Menschen geboren,

haben wir die Menschlichkeit schon bald verloren.

Die Säulen der Gesellschaft wanken und wir danken uns auch noch selbst dafür.

Wir stehen uns nur noch selbst gegenüber

und sind überdrüber und stellen unsere eigenen Ziele über alles und zielen die falsche Zielscheibe an:

Es soll uns immer besser gehen,

Anstand aus.

der Job muss über allem stehen, und wir müssen immer besser sein und besser werden.

Und mit diesem Messer am Hals, steigt in uns der Druck. Wir müssen uns durchboxen, Ellebogen raus,

Moral? Egal.

Darum kann und soll diese Geschichte nicht beginnen mit einem „Es war einmal“.

Sie beginnt mit einem „Es ist.“


Kompliment an Mr. Oldman

Manchmal trifft man Menschen, die einen auf besondere Art und Weise beeindrucken. Über so einen Menschen habe ich in diesem Poetry Slam-Text geschrieben. Viel Spaß dabei 🙂

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

wie es dazu kam, dass Sie ganz alleine da waren.

Ein zierlicher Greis mit weißen Haaren und stolzen Falten – sein Leben besaß sicher Momente, für die es sich lohnte, anzuhalten. Momente, in denen er liebte, träumte, Hoffnung trug und die ihn jubeln und springen ließen, und auch sicherlich solche zum Verdrießen. Sein Gesicht – eine Landkarte mit Wegeslinien so tief, und das so manche Fragen in mir wachrief.

Zu gerne würde ich für einen Moment durch seine Augen sehen und all das um mich besser verstehen. Warum ist das Schwere oft so schwer und die Liebe noch viel mehr? Warum schenkt das Meer uns so große Kraft und wie kommt’s, dass man doch irgendwie alles schafft? Warum ist Glück so zerbrechlich und warum liegen wir ganz oft falsch? Ist es nicht so? In solch‘ hohem Alter, da ist man klüger, ja weise. Denn sie war lang, schön und beschwerlich, die einundneunzigjährige Lebensreise.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

was Ihre Hände so rau und abgenutzt machte.

Hände – etwas. Worauf ich ganz besonders achte, denn:

Was mögen sie schon alles repariert haben und welche Art von Gaben haben sie verschenkt? Welche Autos haben sie gelenkt und gab es eine Hand, um die die seine angehalten haben? Wie viele Seiten haben diese Finger umgeblättert, wie viele Seiten zerrissen, wie oft ein Über-die-Worte-Gleiten? War es unverhofft oft? Und wie oft haben sie als Kind einen Blätterstrauß geflochten? Wie oft mochten sie gezittert haben, mit welchen Aufgaben haben sie sich rumgeschlagen? Und – haben sie sich schon mal geschlagen?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

warum Sie sich all die Leute so genau angesehen haben.

Abertausende von Menschen sind schon an ihm vorübergezogen, manche ganz schnell, vielleicht machten manche einen Bogen um ihn, aber es war ihm egal – oder nicht? Vermutlich hat er jemanden angehimmelt aus der Ferne, das machen wir doch alle gerne, und hat sich nie getraut, den Schritt zu wagen. Vielleicht war er der belesenste unter seinen Freunden, vielleicht der Faxenmacher, beliebt wegen seiner großen Lacher. Wurde er genug geliebt, gebraucht oder haben sich andere an ihm verbraucht? War er ein Pessimist, ein Narzisst oder gar ein Faschist seiner Zeit? Vielleicht – die Option gefällt mir besser – vielleicht war er einer von diesen Regen, die immer was bewegen und ein kleiner Revolutionär. Einer der aufstand und verstand, was er tat. Oder war er ein Unscheinbarer, dieser berühmte eine unter vielen, der eine Figur war von den Spielen anderer?  Was er wohl bereut hat in all den Jahren? Ist er überallhin gefahren, wohin er wollte oder tat er immer nur das, was er tun sollte? Gibt es heut‘ etwas, dass er lieber vergäße und eine ganz besondere Person, zu der er sich immer wieder säße?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

ob alle Leben in die gleiche Richtung gehen.

Ich frage mich insgeheim: Wie wird es wohl sein? Wie viele Falten werden mein Gesicht zieren? Ich fürchte mich vor dem Moment, geliebte Menschen zu verlieren. Wenn das Meiste vorbei ist, bekomm‘ ich da Angst? Und: kommt endlich die Ruhe, nach der ich gesucht und die ich verflucht hab‘ in der hoffentlich einundneunzigjährigen Lebensreise? Und löst sich alles auf, auf ganz eigene Weise? Werde ich vergessen, wen ich liebe oder eine wütende Alte sein? Werde ich Frieden finden oder mich ans Leben binden und dem nachtrauern, was hinter mir liegt? Und ich frage mich, wann wir alle sterben werden und wem der Tod näher ist von uns allen. Ich tue mir einen Gefallen, lege den Gedanken beiseite und lebe lieber weiter.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen.

Doch ich stand nicht auf, um kurz mal rüber zu gehen.

Ich hab‘ Sie einfach nur betrachtet,

Sie für ihr bloßes Dort-Sitzen geachtet,

denn einen Mann in diesem stolzen Alter sieht man nicht oft und unverhofft, haben Sie sich ein riesiges Stück Käsekuchen und eine passend große Tasse Cappuccino bestellt – und ich sah, dass Ihnen an nichts fehlt –  zumindest nicht in diesem Moment. Nach ihrem langen, langen Marsch haben Sie es sich verdient – bestimmt.  Und das ist ein Kompliment.


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Von Papierbooten, Gewissensbissen und Umarmungen mit dem Glück

Das was ganz spontan kommt, sind die ehrlichsten Zeilen. Ja, das ist wohl so. Somit dürften dies die ehrlichsten Zeilen sein, die ich in diesem Jahr schreibe. Ich sitze auf meinem Sofa, eingemümmelt in meine Kuscheldecke und tippe Wort für Wort, ohne großartig darüber nachzudenken. Ohne Schnickschnack-Wörtern, ohne schlechtem Gewissen. Ein wenig ist es mir aber schon unangenehm. Wie gesagt – es sind ziemlich ehrliche Zeilen, aber ich brauche sie. Für mich. Um sie schlicht und ergreifend los zu werden. „Sich etwas von der Seele schreiben“ nennt man das. Und das habe ich schon mein Leben lang getan. Immer dann, wenn sich etwas Überwältigendes abgespielt hat, habe ich den Laptop in die Hand genommen oder eines meiner Millionen Notizbücher, Tagebücher, sonstige Zettel oder Blöcke. Die Zahl Million ist natürlich übertrieben, aber ich habe und hatte in der Tat schon immer einen Fabel für Papeteriekram. Wie auch immer… jedenfalls habe ich schon immer meine Gedanken und Gefühle zu Papier gebracht, und seeehr lange Zeit habe ich das nur für mich alleine gemacht. Selbsttherapie sozusagen. Oder zumindest eine Art Selbstreflexion. Ja, dieses Wort trifft es sehr sehr gut. Ich kann von mir behaupten, dass ich ein sehr reflektierter Mensch bin – und wahrscheinlich übertreibe ich es manchmal mit der Analyse meiner Umgebung, meiner Mitmenschen und meinem eigenen Seelenleben. Aber irgendwie muss ich einfach über das nachdenken, was mich beschäftigt. Eigentlich ist es – zumindest für mich selbst – ein gutes Zeichen, wenn ich das tue, denn dann weiß ich, dass ich das, was mir so durch den Kopf spukt, auch angenommen habe und ich dabei bin, es zu verarbeiten. Was wohl auch der Grund ist, warum ich das schreiben kann, was ich jetzt eben schreibe. Weil ich mich mit dem Gedanken angefreundet habe, dass dieses Jahr alles andere als einfach war. Und doch war es notwendig, um genau dort zu stehen, wo ich jetzt stehe. Jetzt muss ich doch ganz kurz etwas gefühlsduselig werden, aber um den metaphorischen Ort zu beschreiben, an dem ich mich gerade befinde, benötigt es ein oder zwei kitschige Bilder: Ich treibe in einem weißen, kleinen Papierboot und habe alle an Bord, die ich zum glücklich sein brauche. Das sind ganz schön viele Menschen und eigentlich ist es erstaunlich, dass sie alle in meinem kleinen Leben… ähm Boot Platz haben. Jedenfalls tun sie das tatsächlich und es geht mir richtig gut hier. Klar, es gibt die ein oder andere Welle, die sich an meiner schwimmenden Nussschale mal bricht, aber das macht im Grunde nichts. Einige Menschen, waren nicht mutig genug, um mit mir die Weltmeere zu durchqueren, harte Lektionen waren es, große Wellen, die sie aus meinem Boot geworfen haben. Und einige Zeit war ich auch sehr traurig darüber. Aber wisst ihr was? Das Gefühl alleine weiter zu segeln hatte ich nie. Nicht eine kleine Sekunde lang. Denn die allerwichtigsten sind bei mir geblieben. Und neue, unglaubliche Menschen habe ich mit an Bord geholt. Und als ich von Neuem erkannt habe, wie wunderbar meine Besatzung ist, umso glücklicher und gestärkter ging ich aus dem Sturm dieses Jahres hervor. So, Stopp! Das war mehr als genug an kitschig-emotionalen Bildüberschuss.

Eigentlich möchte ich euch von dem einen Moment erzählen, an dem ich ganz bewusst das Glück wieder in die Arme schloss. Also, es gab viele schöne Augenblicke, die dazu beigetragen haben, aber es gab irgendwie diesen einen Moment, wo all das Alte von mir abgefallen ist. Und lustigerweise war das ein Moment, in dem ich ganz alleine war – ohne meine Besatzung. Aber von vorne:

Es geschah an einem Tag im Außendienst in meinem neuen Job, ein Tag, über den ich anschließend einen Erlebnisbericht schreiben sollte. Ihr könnt euch vorstellen, dass der Text aufgrund meiner Euphorie nach diesen für mich geschichtsträchtigen Stunden, wirklich gut geworden ist :D. Wie auch immer… ich durfte einen Tag in einem Hotel in Kaltern verbringen und sollte anschließend noch eine kurze Herbstwanderung machen. Ich beschloss auf die Leuchtenburg zu wandern – dieses Ziel hatte ich schon lange lange Zeit vorher im Visier, habe es aber irgendwie nie geschafft, den Marsch anzugehen. Da ich etwas unter Zeitdruck war, weil ich später meinen Sohn abholen musste, ging ich ziemlich schnellen Schrittes los.

Es war der letzte Herbsttag des Jahres und ziemlich schwül. Ich hatte angesichts dieser drückenden Temperaturen zu viel an und war zu schnell unterwegs. Eigentlich wollte ich diese Wanderung genießen, aber die Zeit erlaubte es mir schlichtweg nicht. Und es ging steiler auf diesen verdammten Hügel hinauf, als ich erwartet hatte. Als meine Puste ziemlich schnell ausging, erinnerte ich mich wieder mal daran, dass ich viel zu wenig Sport machte – aber ganz ehrlich: Mir fehlt als alleinerziehende und wieder arbeitende Mama schlichtweg die Zeit dafür. Mir fehlt die Zeit, endlich mal wieder in der frischen Morgenluft joggen zu gehen. Mir fehlt die Zeit zum Reisen, mir fehlt die Zeit zum Schreiben (ich würde nämlich viel mehr schreiben, wenn ich denn könnte), zum Malen (ja, ich male, bzw. würde ich es gern wieder mal) und endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen oder einfach mal nichts zu tun. Die Zeit für mich selbst. Aber mein Leben ist beinah minutiös verplant. Das ist oft hart und ganz ehrlich: Manchmal möchte man halt einfach die Zeit haben, die einem zusteht. Und die habe ich nicht und ich fragte mich, als ich da diesen Hügel erklomm – der mir in jenem Moment wie ein 2000er vorkam – ob es mich zu einer schlechteren Mutter macht, wenn ich manchmal den Wunsch habe, für mich zu sein. Und ich fragte mich, keuchend und schwitzend, ob ich verrückt sei, dass ich deshalb ein schlechtes Gewissen hatte. Ich ärgerte mich etwas über mich selbst und darüber, meine Gedanken – die ich schließlich doch für ganz okay befand – verurteilt zu haben. Und ich ärgerte mich, dass ich an diesem Nachmittag nicht früher aufgebrochen war, und die eigentlich schon lang geplante Wanderung zu unternehmen, um mit mehr Gemütlichkeit und mehr Genuss diesen Solo-Pfad zu begehen… wenn ich denn schon endlich mal alleine war!!

Stattdessen fuhren meine Gedanken wieder mal ihre Lieblings-Achterbahn und an all dem Guten und Schlechten der letzten Monate vorbei. Rauf und runter. Spielten alle Szenen immer und immer wieder durch. Machten mich traurig und wütend und stolz und überglücklich. Ich wunderte mich, wie viel emotiongeballtes Leben in einer kleinen Welt wie der meinen doch Platz hat. Wahnsinn, oder? Whatever. Jedenfalls sprintete ich beinahe den Waldweg hinauf, schwitzte wie ein Schwein und war froh, irgendwann doch angekommen zu sein.

Die Hitze hatte sich gelegt und die Leuchtenburg warf ihren riesigen Schatten auf mich. Und dann war es plötzlich still. Um mich herum waren keine anderen Wanderer mehr. Keine Geräusche aus dem Tal konnte ich vernehmen und das Erstaunlichste: In meinem Kopf wurde es auch leise. Endlich. Dieses majestätische Steindings, das auch aus der Nähe betrachtet wirklich hübsch anzusehen war, erhob sich vor mir, hieß mich Willkommen und verbot mir jeglichen weiteren Gedanken. Mir wurde klar, dass ich gerade eine ganze Burg und einen ganzen Miniatur-Berg für mich alleine hatte. Das war zugegebenermaßen ziemlich cool und ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen auf abenteuerlicher Entdeckungstour.

In die Burg rein, in jede Tür hineingespäht, nach oben geblickt und ringsum. Um die Burg herum und Aussichtsfetzen erhascht. Eine Fahne, die im Wind über meinem Kopf herum wehte. Und dann war da mehr als nur ein Fetzen. Da war eine wundervolle Aussicht, die ganz allein mir gehörte. Mir alleine. Ich kletterte auf die Burgmauer, von der aus ich diese Errungenschaft vollends genießen wollte und blendete meine zitternden Knie und meine Höhenangst aus. Ich wollte mir ein Andenken schaffen und hey: Sollte ich nicht meinen Kopf ausschalten? So hatte es mir die Leuchtenburg angetragen und ich tat es dann auch.

So saß ich da, mit zitternden Beinen, zufrieden und etwas andächtig und spürte, wie eine Welle des Glücks mein Papierboot anstupste. Wie ich tatsächlich (!) mal ganz für mich war. Ich spürte, wie schön es war, dass – wenn ich gleich von meinem persönlichen, symbolischen 2000er Berg hinunterstieg – ich nicht alleine war, sondern ich all jene Menschen um mich haben würde, die ich liebte. Die mich liebten. Denen ich jede stürmische Welle wert war und die ich niemals aus meinem kleinen Boot fort gehen lassen würde. Tief im Inneren nahm ich Abschied. Nicht nur vom Sommer, nein, auch von diesem großen Jahr der Veränderung – es endete für mich an diesem letzten Herbsttag, Ende September. Ich fand, das war ein guter Zeitpunkt ein neues Jahr einzuläuten. Dazu muss nicht unbedingt Silvester sein. Ein viel zu heißer Herbsttag und eine kleine Burg reichen da schon völlig aus.

Hey Sommer…

Eigentlich bist du schon seit einer ganzen Weile weg, aber trotzdem möchte ich dir noch was sagen… Du hast mir in den letzten Monaten so viel geschenkt: Zuversicht, den Glauben daran, dass nach jedem Tief auch wieder ein Hoch kommt. Ein neues Zuhause. Eine Riesenchance mich beruflich weiter zu entwickeln, meine Leidenschaft zum Schreiben auszuschöpfen und neu zu erfinden. Du hast mir die Liebe zurückgegeben und mich immer wieder dran erinnert, dass Familie und wahre Freundschaft alles überdauert. Du hast mich ebenso daran erinnert, wie stark ich bin und hast deine kräftigen Farben auf mich übertragen. Ich habe endlich wieder das Gefühl, MICH zu sehen, wenn ich in den Spiegel schaue. Endlich leuchte ich wieder. Dafür möchte ich dir danken, Sommer. ❤️


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Suchende wie wir

Ein autobiografischer Geschichtenschnipsel

Meine Mama spülte gerade das Geschirr, als ich vom Wohnzimmer im Hopserlauf hinüber in die Küche sprang. Es war dunkel hier drin, stiller als in der gesamten Wohnung und dem Rest der Welt und Tränen liefen über Mamas Wangen.

„Was ist los, Mami?“, fragte ich sie vorsichtig und wünschte kurz darauf, ich hätte nicht danach gefragt. Vielleicht, so dachte ich später, vielleicht wäre unsere Familie länger eine Familie gewesen. Vielleicht, wenn sie es nicht ausgesprochen hätte, dann wäre es nicht dazu gekommen.

„Papa und ich verstehen uns nicht mehr“, schluchzte sie, während sie ein nasses Glas abstellte und Wasser und Schaum an ihren Händen hinuntertropfte. Ich kann den Moment heute nur schwer beschreiben, das Gefühl, das in einem neunjährigen Mädchen vorgeht, wenn ihm bewusst wird, dass sich von diesem Augenblick an alles ändern wird. Alles Gewohnte, alles Vertraute, bröckelt an ein einem ab, wie die alte Fassade eines Hauses. Die Sicherheit, die man bis dahin im Herzen trug – fortgeschwemmt.

Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich hilflos. Und seit diesem Moment war ich auf der Suche. Nie offensichtlich oder bewusst, aber ich rang nach etwas. Nach einem Pfeiler, an dem ich mich stützen und nach Liebe, in die ich mich vollends fallen lassen konnte. Nach Endlosigkeit und warmen Worten. Nach Nähe und Berührungen. Und gleichzeitig nach Ruhe und Abstand. Nach warmen Decken, die man sich über den Kopf ziehen kann, um das Ende des Gewitters abzuwarten. Diese Minute der Veränderung hatte keine Decke für mich parat. Es war das Ende. Das Ende meiner Familie und das meiner Kindheit.

Wahrscheinlich war die Suche meines Bruders noch viel schwieriger als die meine und so war ich auf mich gestellt. Denn auch in der Schule erzählte ich niemandem davon, was zuhause passiert war. Ich schämte mich dafür, ein Scheidungskind zu sein und fühlte mich wie ein Produkt von etwas, das nicht funktioniert hatte. Ich suchte nach Gründen, nach Antworten und wusste noch nicht, dass ich, um all das zu verstehen, schlichtweg noch zu jung war. Eine der größten Lehren, die ich in meinem bisherigen Leben erfuhr, war genau diese: dass alles seine Zeit hat. Manches findet man früher, anderes erst viel später, manches ist leicht zu finden, bei anderen Dingen muss man sich ordentlich abmühen. Aber alles hat seine Zeit, gefunden zu werden.

Szenen haben sich in meinem Kopf eingebrannt, Situationen, die ich hinnehmen musste, aber eigentlich nicht akzeptieren wollte. Worte, die ich hören musste, obwohl ich sie nicht hören wollte. Ich sollte Gefühle annehmen, die mir bis dahin völlig fremd waren und die ich nicht besonders mochte. Ein jedes Kind, das die Trennung seiner Eltern durchleben musste, kennt diese Szenen. Ich erinnere mich an sie als eine Art surrealen Traum, als ein verworrenes Konstrukt an Aneinanderreihungen, von dem ich vieles wieder beiseite schob. Es gibt nun mal Geschichten, die man nicht gerne erzählt.

Oft blicke ich auf das Danach zurück. Es gab nämlich die Zeit davor und danach. Die Zeit vor und nach dem Satz meiner Mama. Und ja, heute verstehe ich einiges besser. Ich habe gelernt damit umzugehen und Kraft daraus zu schöpfen, weiß jedoch auch, dass mich die Erfahrung geprägt hat. Aber es ist okay. Denn alles, was ich erlebt habe, alles was ich in meinem Leben gemeistert habe, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. Auch wenn ich heute, 21 Jahre später, oft noch auf der Suche bin, und vermutlich auch mein Bruder noch nicht aufgehört hat zu suchen, so weiß ich, dass wir damit nicht alleine sind. Alle Menschen, die sich um uns bewegen, tragen ihre Geschichten mit sich rum und spähen hinter ein jedes Gebüsch, um ihr Happy End zu finden, im allerbesten Wissen, dass das Leben mehr ist als das. Aber es ist tröstlich, dass alle Menschen so sind:

Sie sind Suchende.

Suchende wie wir.


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Wie ein Puzzle an der Wand – ein Leben, drei Szenen daraus und eine Menge verrückter Gedanken

„{…] Egal wie aussichtslos eine Situation im ersten Moment wirkt, es ist nie hoffnungslos. Im besten Fall wird es sogar eine der wertvollsten Zeiten unseres Lebens.“

Mit diesem Facebook- Post bin ich diesen Herbst auf Antonia Tinkhauser aufmerksam geworden, eine Frau, die ich vom Namen und ihrer Bekanntheit als örtliche Theaterschauspielerin zwar kannte, der ich aber ansonsten noch nie zuvor begegnet bin. Ich las, was sie geschrieben hatte und ein Interview, das man mit ihr geführt hatte und dachte: „Diese Frau will ihre Geschichte erzählen und Menschen damit helfen und ich möchte es sein, die ihre Geschichte schreibt.“ Also kontaktierte ich diese mir ansonsten noch unbekannte Frau und siehe da: Sie verabredete sich mit mir, um sich anzuhören, was ich mit ihr vorhatte. Zur Tür herein kam eine wunderschön strahlende und lachende Frau, die mir auf Anhieb sympathisch war. Ohne jegliche Zurückhaltung, ohne Scheu, unverblümt und überraschend ehrlich erzählte sie mir die Geschichte ihrer Suche, auf der sie sich seit der Krankheit befindet, und benannte sie so: „Eigentlich ist es keine Krebsgeschichte, sondern die Geschichte eines Lebens.“

Darum schrieb ich diese drei Szenen einer Lebensgeschichte, beschmückte die junge Frau darin mit dem Namen Anna und jeder Menge wahrer und einigen verrückten Gedanken.

Szene 1- Sommer 2017

Der Vorhang öffnet sich. „Hör auf!“, schrie sie, als sie sich vor Schmerzen windend in ihrem Bett hin und her wälzte. „Es  reicht, Gott, hörst du? Schluss damit, sofort!“ Das viele Morphium wirkte nicht mal ein kleines bisschen gegen die kaum auszuhaltenden Rückenschmerzen. Annas Mann hielt seine weinende Frau fest und wartete mit ihr auf den Tagesanbruch. Als sie am nächsten Morgen mit ihrer Familie am Frühstückstisch saß, war ihr sauübel und sie hatte das Gefühl, die Medikamente drängen aus all ihren Poren heraus. Dies war bisher eindeutig der absolute Tiefpunkt ihrer Krebskarriere. Diese Karriere dauerte zwar „erst“ eineinhalb Jahre, aber immerhin. Nach ihrer ersten Diagnose und den ersten Chemotherapien war es schlimm gewesen. Aber beim großen Wiedersehen begleiteten Annas besonderen und schwierig zu behandelnden VIP- Krebs ein paar uneingeladene Freunde außerhalb der Brust. Die in der Leber waren zwar da, jedoch eher leise und unscheinbar, aber jene in den Knochen, tja,  die waren nicht besonders freundlich. Eigentlich waren es richtige Arschlöcher, die ihr unfassbar große Schmerzen als Gastgeschenke mitbrachten.

Draußen war es mittlerweile Sommer, aber in ihr drin war es das nicht – es fühlte sich eher wie das Ende aller Jahreszeiten an. Sie kannte das plötzlich über sie hereinbrechende Gefühl nicht, denn eigentlich trug sie die Sonne in ihrem Herzen und war bei allen für ihre positive Art bekannt. Nicht mal als Anna vor einem Monat erfuhr, dass die Prozedur wieder von vorne beginnen würde, war sie pessimistisch gewesen. Aber nun … Eigentlich wollte sie das nicht mehr. Sie wollte. Nicht. mehr. Aus. Der Juni war ein guter Monat zum Sterben, das heißt, für sie machte es keinen großen Unterschied, aber sie überlegte, dass es für ihre Familie und ihre Freunde in einem warmen Monat wohl angenehmer wäre, auf dem Friedhof zu stehen und ihren Sarg hinunterzulassen. Das war das Mindeste nach all dem, was sie ihnen zugemutet hatte. Wie oft hatte sie ein schlechtes Gewissen ihren beiden Kindern gegenüber, ihrem Mann und ihren Freunden. Ihrer Mutter. „Es tut mir leid, dass ich krank bin“, hatte sie einmal zu ihrem Mann gesagt. Und es tat ihr wirklich leid. Das letzte, was Anna sein wollte, war eine Bürde. Schon die Beichte ihren Liebsten gegenüber, dass sie krank war, war hart für sie gewesen. Manche ihrer Freunde hatten so gelitten, dass sie selbst noch mehr litt, aber viele gaben ihr Kraft, trugen sie in der schweren Zeit und lehrten ihr, dass sie Hilfe annehmen durfte. Trotzdem bedauerte sie, was sie ihren Mitmenschen damit zumutete.

Aber an diesem Tag im Juni am Frühstückstisch, hatte sie kein schlechtes Gewissen mehr, bloß weil sie den Wunsch hatte, nicht mehr Leben zu wollen. So oder so: Sie würde Weihnachten nicht mehr erleben. Ihr Mann, ihre Kinder … sie würden schon klar kommen irgendwie. Ein Leben ohne Anna war auch ok. Aber Gott, den sie suchte, obwohl sie nie wirklich an ihn geglaubt hatte, der eine Allmächtige, den sie angeschrien und dem sie befohlen hatte, dass es nun genug sei mit dem Schmerz, er schien es zu hören! Anna fand es merkwürdig und verrückt und wahrscheinlich war es bloß ein dummer Zufall, aber seit jener morphiumvollgepumpten, gottverfluchenden und zerfressenden Nacht, waren die Schmerzen fort. Bei der folgenden Untersuchung bei ihrer Onkologin erfuhr sie, dass der Krebs in ihren Knochen zurückgegangen war. Immerhin war er dort sehr hartnäckig und die Ärztin sprach von einem kleinen Wunder. Aber sie selbst wusste, warum es eingetreten war. Vermutlich hatte Gott keinen langen weißen Bart und saß auch auf keiner Wolke, und vielleicht hatte er einen ganz anderen Namen, aber er – oder zumindest irgendetwas – hatte die Energien in eine Richtung umgeleitet, in der es ihr besser ging. Viel besser. Und der Wunsch zu Sterben verpuffte auf einmal wieder in Annas Hoffnung und machte Platz für ihre Suche. Es war harte Arbeit wieder positiv zu denken, aber es war ihr großes Glück, dass sie ein positiv gestimmter Mensch war. Somit waren die grausamen Szenen ihres absoluten Tiefpunktes vorbei.

Vorhang zu. Kein Applaus für diese schrecklichen Szenen.

Szene 2- Herbst 2017

Vorhang auf. „Hey“, dachte Anna sich, „ich kann ganz gut Krebs haben!“ Immerhin kramte sie wieder nach den Puzzleteilen des großen Ganzen, das durch ihre Krankheit zu bröckeln angefangen hatte. Es waren einige Teile des riesigen Puzzles an der Wand verloren gegangen und sie war wieder überzeugt davon, dass sie Verantwortung für ihr Genesen übernehmen musste – und dazu gehörte eben, dass sie die fehlenden Stücke wieder einsammelte. Leider war es eine sehr lange Liste, aber das mit der Bewegung an der frischen Luft und der gesunden Ernährung machte sie schon recht gut. Den Zucker aus ihrem Leben zu streichen war genauso einfach, wie jeden Tag in den Wald zu gehen. Wenn sie sich mal nicht daran hielt, dann fühlte sie sich schlechter, es war also eine ganz einfache Rechnung. „Warum nicht konsequent sein?“, dachte sie, als sie an einem schon recht kühlen Herbsttag wieder einmal durch den Wald schlenderte. Das Einatmen der sauberen Luft und die Natur taten ihr gut, ebenso einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen. Irgendwie war für Anna ja nichts mehr selbstverständlich. Aber zumindest konnte sie einiges beeinflussen. Schwieriger war es dann schon, wenn es um die Dinge ging, die ihren Geist und ihr Herz betrafen. Sie war glücklic; zwar war der Krebs da, aber sie war wieder glücklich. Bloß schäumte immer wieder die Frage in ihr auf: „Welche Aufgabe im Leben habe ich?“ Auf eine skurille Art und Weise war sie froh, dass sie sich damit befassen musste, weil es schon vor der Krankheit so war, dass sie nicht mehr gewusst hatte, wohin mit sich. Oft überlegte sie, ob sie den Krebs heraufbeschworen hatte. Sie hatte einen Ausweg gesucht, etwas, das sie dazu bringen würde, ihr Leben neu zu ordnen, etwas das ihr eine Auszeit vom Alltag auferzwingen würde. Vermutlich war sie heute als Krebspatientin glücklicher als zuvor. Wie furchtbar undankbar und unwirklich das klingt! Aber es war die schlichtweg ehrliche Frage, die sie sich stellte: „Habe ich es mir herbeigewünscht?“

Letzte Nacht hatte es geregnet und der Wald wurde vom herrlich frischen Duft durchzogen, den Anna so liebte. Es roch nach Neuem, Unverbrauchtem, Reinem. Wenn sie ihn tief einatmete, diesen Duft, dann spürte sie, wie sich jede noch so kleine, jede noch so kranke Zelle ihres Körpers bei ihr bedankte. Sie atmete tief und ruhig in sich hinein und gönnte sich einen Moment der Besinnung, der für sie schon an Meditation grenzte. Spiritualität war ein ganz neues Thema, ein Puzzleteil, das sie zuvor nie wahrgenommen hatte. Vielleicht, wenn man gesagt bekommt, dass man stirbt, vielleicht beschreitet man dann neue Wege; alles versuchen, alles dafür geben, wenn Mensch nach dem nackten Überleben schreit. Sie spürte den knirschenden Boden unter ihren Füßen und versuchte zu verstehen, warum sie durch diese Zeit, in der sie sich nun mal unweigerlich befand, das Leben mehr zu fühlen vermochte als zuvor, immerhin besaß sie alles, was sie hätte zufrieden sein lassen sollen: Einen Mann, der sie über alles liebte, zwei wundervolle Kinder, tolle Freunde und sie hatte ihren Lebenstraum, Schauspielerin zu werden und auf der Bühne zu stehen, wahr werden lassen. Sogar eine Theater- und Musical Academy hatte sie mit ihrer Freundin gegründet. Es konnte eigentlich nicht besser sein. Aber vielleicht lenkte all das, wofür Anna so hart arbeitete, vom Wesentlichen derart ab, dass das wirkliche Glücksgefühl keine Zeit mehr hatte aufzuschäumen. Stress – der Auslöser für den Parasiten in ihr? Das Ventil hatte ihr mit Sicherheit gefehlt, denn wann hatte sie schon die Zeit, auf sich und ihren Körper zu hören? Seine Signale überging die 37-Jährige und war infolgedessen übellaunig gewesen. Vielleicht nicht von außen – denn natürlich wollte sie nie als schlecht gelaunte Person dastehen – aber innerlich war sie es.

Außerdem war sie sich sicher, dass sie ihre Prioritäten lange falsch gesetzt hatte. Wie viele Wochenenden war sie nicht Zuhause gewesen? An wie vielen Abenden brachte ihr Mann die Kinder ins Bett, während Anna für Proben und Auftritte auf der Bühne gestanden hatte oder sich mit der verflixten Bürokratie in ihrem Büro herumgeschlagen hatte? Wie oft zog sie die Theaterfamilie ihrer eigenen vor? Damals war das Schauspiel alles für sie gewesen, nichts kam ihm nahe und es gab nichts, was ihr mehr gegeben hätte. Sie lachte in sich hinein. Heute dachte sie definitiv anders, sah die Dinge anders und erkannte, dass sie viele oberflächliche Freundschaften gelebt und viel unüberlegte Entscheidungen getroffen hatte. Damals hätte sie abends bei ihrer drei Monate alten Tochter bleiben sollen. Jetzt war Anna schlauer und holte die fehlende Zeit mit ihr nach. Sonntage hätten öfters der Familie gehören sollen – nicht der Bühne. Ein paar Mal mehr hätte sie ihr echtes Leben leben sollen und ihre eigene Rolle als Anna, als die von Königinnen oder Diktatorgattinnen. Aber es fiel ihr damals schwer, anderen eine Rolle zu überlassen, die sie von Anfang an, als die ihre empfand. Ihr eigenes Tun war spitze, das Verhalten der anderen falsch – so hatte sie geglaubt. Meine Güte, war sie überzeugt von sich gewesen … Dafür belächelte sie sich heute selbst. Nein, die anderen machten es genau richtig. War sie egoistisch? Heute wahrscheinlich weniger als vor der Krankheit. Anna tat Gutes für ihre Mitmenschen, aber wirklich selbstlos fand sie sich nicht. War alles, was sie bisher getan hatte, nur dazu da, ihr ein gutes Gefühl zu geben? Um anderen zu gefallen? Die neuseeländische Heilerin, mit der sie seit einiger Zeit in Kontakt stand – denn wie gesagt, man lässt nichts unversucht, um zu überleben -, beschrieb sie, als existiere sie in einem schützenden Gummiball, ihr metaphorisches Energiefeld sozusagen. Das ihre sei angeblich stark durchlöchert – nun würde man meinen: Natürlich sind Löcher darin, das ist dasselbe fehlerhafte Muster wie beim Puzzle, aber Anna interpretierte diese Theorie anders: „Vielleicht besitzt mein Gummiball Löcher, aber es geht keine Energie durch sie verloren, nein. Ich glaube zu wissen, dass ich mir die Energie von außen hole. Weil ich ein egoistischer Mensch bin. Weil ich ein Kopfmensch bin, und als solcher auf sich bezogen.“ Durch diese Selbsteinschätzung zweifelte sie an ihrer Authentizität. Aber wie authentisch kann man als Schauspielerin schon sein?

Nach ungefähr einer Stunde im Wald machte sich Anna auf den Weg nach Hause. Es brach die Zeit des Jahres an, in der es früher dunkel zu werden begann, Tag für Tag; eine melancholische Jahreszeit, noch mehr als es der Herbst war. In ihrem Auto war es genauso kühl, wie draußen. Also ließ sie den Motor an, drehte die Heizung voll auf und rieb sich die Handflächen, bevor sie losfuhr. Authentizität … Ihr Ziel war es nun definitiv, sich zu erden und alles zu verbannen, was ihr Energie raubte. Ja, sie hatte furchtbar grauenhafte Momente in ihrer Krankheit, die sie – und dieses Mal wirklich uneigennützig – niemanden wünschte. Aber die Augenblicke der Erkenntnisse und Offenbarungen, die der Schönheit überwiegten. So wie heute. Nie wieder wollte sie derart verbissen etwas hinterherjagen, auch nicht der Schauspielerei. Oder sich in Grund und Boden schuften. Wieder einige Puzzlestücke gefunden. Sehr gut.

Irgendwie mochte sie die Stimmung des frühen Abends, auch wenn er zu früh einbrach. Ab nach Hause zu ihren Lieben, sie waren bestimmt alle schon da.

Vorhang schließt sich. Tosender Applaus für so viel Ehrlichkeit.

Szene 3- Vor dem Schlafengehen

Vorhang auf. Das Beisammensitzen mit ihrem Sohn, ihrer Tochter und ihrem Göttergatten wärmte sie mindestens so sehr, wie die heiße Suppe, die sie löffelten. Die Familienmutter brachte ihre Kinder ins Bett und nahm sich wie immer ausreichend Zeit dafür, sich mit ihnen zu unterhalten und sich anzuhören, wie sie ihren Tag bewältigt hatten. Und wie immer war es ihre Tochter, die nicht müde zu kriegen war. Es gab so vieles, das sie loswerden wollte – das Leben einer Fünfjährigen war aber auch spannend! Als Anna wenig später ins Badezimmer schlurfte, um sich fürs zu Bett fertig zu machen, war sie entspannt und zufrieden. Über die heitere und stets ungezwungene Art ihrer Tochter musste sie schmunzeln; sie bewunderte sie dafür und musste sich noch viel von ihrem Mädchen abschauen. Und ihr kleiner großer Junge … Herrlich wie er Frei Schnauze lebte … Ein bisschen wie sie selbst. Schon lustig. Sie zog sich ihren Pyjama an und dachte an ihren Mann, ihren Fels in der Brandung. Am meisten bewunderte sie ihn, den Realisten, der wissenschaftlich daran festhält, dass seine Frau den Krebs nicht überleben würde, sie aber gleichzeitig in seine Vorhaben Jahre später mit einplante. Er, der nicht viel von den neuen spirituellen und göttlichen Abenteuern seiner Ehefrau hielt, und schon gar nicht großartig über die Krankheit nachdachte – außer, dass er auf die Chemo bestand. Schlimme Tage hatte er definitiv, aber er hatte einen Weg gefunden. Warum sollte er über etwas nachdenken, das noch nicht eingetreten war? Anna liebte ihn für diese Normalität, die er ihr schenkte.

Nun, in diesem Moment stand sie nicht vor ihrem Mann, sondern vor ihrem größten Feind: Ihrem Spiegelbild. Wie jeden Abend nahm sie ihre blonde Perücke ab und musste sich ihren kahlrasierten Schädel ansehen. Sie hatte sich die Haare selbst abrasiert, beide Male – bei der ersten Chemo und in diesem Jahr wieder. Wie sehr Anna ihre lange, braune Haarpracht vermisste … Aber ok, damit kam sie klar. Auch mit den falschen Wimpern und den aufgemalten Augenbrauen, die sie selbst zwar skurril, aber ebenso ok fand. Womit sie ein ernsthaftes Problem hatte, war die Tatsache, dass auf ihrem Schädel ganz dick und fett „Krebspatientin“ zu stehen schien, sobald sie die falschen Haare abmachte. Die Glatze machte es so verdammt reell. Nicht nur für sie, vor allem für ihre Kinder. Jedes Mal, wenn sie in den Spiegel schaute, sah sie den kleinen, unverschämten Tod auf ihrer Schulter sitzen. Ansonsten spürte sie ihn, wie er sie tagsüber bei jeder Aktivität, die sie durchführte, ob heiter oder nicht, bei jedem Gespräch, das sie führte, ob es ein gutes war oder nicht und bei jedem noch so kleinen Erlebnis, ob wunderbar oder nicht, wie er sie immer leicht anstupste, während er da saß. Mit seinen winzigen, kalten Fingerchen trübte er alles Schöne. Mistkerl. Seit sie die Glatze hatte, konnte sie ihn nicht einmal mehr unter ihrer Wallemähne verbergen. Das Abrasieren der Haare war tatsächlich ein prägender Moment für sie. Aber davon gab es noch einige mehr. Allen voran die beiden Momente, in denen sie erkannt hatte, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Beim ersten Mal alarmierte sie der Knoten in der Brust, beim zweiten Mal war es der angeschwollene Lymphknoten am Hals. Beim ersten Mal war es ein Einbruch in eine neue Welt, beim zweiten Mal keine große Überraschung mehr. Anna wusste, dass der Krebs wiederkommen würde. Als der Arzt sie angerufen hatte und ihr das erwartete Ergebnis mitteilte, war sie … ja, erleichtert gewesen, weil sie ihrer Intuition trauen konnte. Wie verrückt war das bitte? Dass man ihren VIP- Krebs, wie sie ihn selbst getauft hatte, nicht wie einen 0815 Krebs hormonell behandeln konnte, war natürlich eine Mitteilung, auf die sie liebend gerne verzichtet hätte. Unheilbar lautete die Diagnose. „Wir zögern dein Ableben so lange es geht hinaus“, hieß es. Und doch war sie sich sicher, dass sie gesund werden würde. Denn auch das sagte ihre Intuition, und die lag immerhin schon mehrere Male richtig. Zweifel hatte sie ausschließlich dann, wenn sie Schmerzen hatte, aber seit die Therapie anschlug und diese wie ausradiert waren, waren auch die Zweifel weggeblasen. Nur der lästige kleine Tod auf der Schulter tippte sie an, aber vielleicht wollte er Anna bloß daran erinnern, dass sie die Suche nach den Puzzleteilen nicht vergaß. Denn das Bild an der Wand war noch immer voller Lücken. Sie schlossen sich. Eine nach der anderen. Da war sie sich sicher, denn sie liebte ihr Leben. Es war ein schönes, ein geiles Leben, und dieses gab sie nicht her. Nicht so lange Anna das letzte Wort hatte. Das hatte sie. Und wie sie das hatte.

Vorhang zu. Standing Ovation für so viel Überlebenswillen.


Viele Menschen, die sich in einer scheinbar aussichtslosen Situation wie Anna oder Antonia befinden, ziehen sich zurück und glauben, dass viele ihrer Gedanken und Gefühle falsch oder unpassend sind. Antonia Tinkhauser wollte dieses Tabu brechen und bot zu Lebzeiten ihre Hilfe diesbezüglich an. Darüber zu sprechen macht es zwar realer, aber es hilft. Denn nur wer sein Schicksal annimmt, kann es auch ändern.

„Man darf sich nie aufgeben. So lange man lebt,

besteht die Chance zu überleben.“

Antonia Tinkhauser


Liebe Antonia,

ich danke dir aus tiefstem Herzen dafür, dass du mir die Ehre und das Vertrauen zuteil hast kommen lassen, deine Gedanken- und Gefühlswelt in Form dieser Real- Life- Story nieder zu schreiben. Danke, dass du dich schon bei unserem ersten Treffen so geöffnet hast. Dass du ehrlich warst, witzig und ernsthaft. Dass du mir deine Seele „entblößt“ hast. Danke für deine schönen Metaphern und Wortbilder, die mir beim Schreiben sehr geholfen haben.

Du warst eine einzigartige und starke Frau, von der ich auch viel über mich selbst und meine Sicht auf die Dinge lernen konnte und ich bin mir sicher, dass deine Geschichte weiterhin noch viele Leute berühren wird – wie du durch deine herzliche Art und deine Geschichte auch mich berührt hast.

Ruhe in Frieden.

Sarah


Möchtest auch DU deine Geschichte erzählen? Schreibe mir!


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Heldenerinnerungen

Ich kannte einen Mann und eine Frau, die hatten ein Herz aus Gold. Als ich sie kennenlernte, waren sie schon älter und man kann sagen, dass sie das Leben von seinen guten, aber auch weniger guten Seiten kennenlernten. Ihre Geschichte ist ein ständiger Wechsel dieser Seiten, vielleicht mehr als bei anderen. Das Leben zweier Menschen in so wenigen Zeilen hineinzupacken, ist schier unmöglich und auch gar nicht meine Absicht; deswegen werfe ich euch, liebe Leser, einfach inmitten hinein, in die Geschichte von Josef und Anna.

Josefs prägende Jahre begannen wohl, als er als junger Mann in den Krieg zog. Um zu überleben musste er – wie tausende andere Soldaten – Dinge tun und Dinge mitansehen, die man sich nicht im schlimmsten Traum vorstellen mag. Denn – und das vergisst man oft – nicht ein jeder Soldat, ist oder war ein freiwilliger Soldat. Damals hatte man keine Wahl, denn es war keine Zeit der Kompromisse. Man tötete oder wurde getötet. Man hielt seinen Mund oder wurde getötet. Man gehorchte oder wurde getötet.

Josef war ein besonders gutmütiger Mensch und diese schrecklichen Erfahrungen zerrissen ihn innerlich. Einen Teil von sich ließ er im Krieg zurück. Jahre später sagte er zu seiner Frau und seinen Kindern, wenn sie ihn nach Geschichten aus dem Krieg fragten, es gäbe nichts Schönes über ihn zu erzählen. Und er schwieg darüber, fast sein ganzes Leben lang.

Anna wuchs im Gegensatz zu Josef, der ein Einzelkind war und von seiner Mutter alleine großgezogen wurde, in einer Großfamilie mit insgesamt fünfzehn Kindern auf. Auch sie wurde früh mit dem Tod konfrontiert, denn sie verlor zwei ihrer Brüder – einer fiel im Krieg, der zweite stürzte aus einem Sessellift. Wie es früher in Großfamilien üblich gewesen war, reichte das Geld kaum aus. Ihren Wunsch Lehrerin zu werden musste Anna bald aufgeben, weil schon ihr Bruder diesen Weg einschlug, und für zwei Kinder reichte das Geld für die Ausbildung nicht aus. Lesen und Schreiben lernte sie in nur einer Katakombenschule.

Irgendwann führte das Leben Anna und Josef zusammen. Sie verliebten sich ineinander und gründeten eine Familie. Leider meinte es das Schicksal immer noch nicht gut mit den beiden. Sie verloren zwei ihrer Kinder, eines sofort nach der Geburt, das andere wurde nur zehn Tage alt. Nichts desto trotz: drei Söhne und zwei Töchter wurden ihnen dann doch geschenkt und später eine ganze Schar Enkel dazu, die sie allesamt vergötterten … aber dazu später.

Mit fünf Kindern war es nicht immer einfach. Anna hatte alle Hände voll zu tun, aber sie war eine starke Frau, hielt die Familie zusammen, schmiss den Haushalt und traf alle wichtigen Entscheidungen. Josef und sie arbeiteten hart, um sich über Wasser zu halten, doch es gab unzählige Nächte, in denen Anna sich hungrig ins Bett legte, damit ihr Mann und ihre Kinder genug zu essen hatten. „Ich habe keinen Hunger“, behauptete sie, als das Abendbrot wieder mal nicht ausreichte; sie tat eben alles für die Familie und Josef wäre ohne seine Anna wohl verloren gewesen. Er unterstützte sie, wo er nur konnte, auch an seinen freien Wochenenden half er ihr bei der Hausarbeit und in der Küche, denn er war der Meinung: „Mama hat schon genug um die Ohren.“ Josef und Anna ließen ihren Kindern viele Freiheiten, hatten Vertrauen in sie und waren offen und locker in ihrer Erziehung. Trotzdem waren manche Tage als Eltern hart, aber die Mühen der beiden zahlten sich aus.

Ihre Kinder wuchsen zu vernünftigen Erwachsenen heran, gingen zur Arbeit und bekamen eigene Kinder. In diesem neuen Lebensabschnitt kamen fast alle Familienmitglieder in den vier Wänden von Oma Anna und Opa Josef zusammen – und das fast täglich! Die Nachmittage wurden dort verbracht, Sommer wie Winter. Die Enkelkinder spielten Verstecken im Hof, rannten um die Wette oder gingen auf Schatzsuche, während Anna mit ihren Töchtern und Schwiegertöchtern Karten spielte oder einen Kaffeeklatsch hielt. Die Väter arbeiteten meist, ebenso Josef, der immer noch in der Landwirtschaft beschäftigt war. Als er abends mit seiner hellblauen Vespa in den Hof gefahren kam, begrüßten ihn seine Enkelkinder voller Freude. Manchmal brachte er ihnen ein Eis mit – dann strahlten deren Augen natürlich ganz besonders.

Die Großeltern brachten ihren Enkeln den achtsamen Umgang mit Pflanzen und Tieren bei, selbst den m toten Insekten, die die Kleinen immer wieder mal einsammelten, schenkten sie ihre Aufmerksamkeit. Die Kinder bastelten kleine Kruzifixe aus Zweigen und begruben zusammen mit Opa die Tierchen in der Wiese hinter dem Haus. Kelly, die Cockerspanieldame, war stets mit von der Partie und sorgte für so manch‘ lustige Momente, wenn sie wie eine Verrückte in der Wiese herumsprang oder ihren treuseligen Blick aufsetzte, wenn jemand vor ihren Augen ein Brot vertilgte.

In der Wohnung gab es einen besonderen Raum, früher das Kinderzimmer der beiden Töchter. Josef und Anna päppelten in jenem Raum verwundete und verletzte Vögel auf und sorgten sich um sie. Ging es einem Vogel wieder gut, brachten sie ihn raus ins Freie und warfen ihn hoch in die Luft, um ihm wieder die Freiheit zu schenken. Das waren besondere Momente für die Kinder, Momente für die Ewigkeit.

Im Zuhause der Großeltern verbrachten die Enkelkinder eine wunderschöne Kindheit, voller Leichtigkeit und Zauber. Es war das Zuhause der gesamten Familie. Aber weil das Leben nun mal einen Haken hat und nach Höhen auch seine Tiefen,  wurde Josef eines Tages plötzlich schwer krank und alles ging ganz schnell. Nach nur kurzer Zeit verlor er seine Kräfte, seine gutmütige Stimme und schließlich sein Leben. Seine Enkel erlebten das alles wie einen bösen Traum und seine Kinder verloren ihren vielleicht größten Halt. Vor allem seine Töchter fielen in ein tiefes Loch. Bloß Anna war wie versteinert und sie vergoss seltsamerweise nicht eine einzige Träne – zumindest nicht vor den anderen. In den Augen der Enkelkinder passte das nicht zum Bild ihrer lieben Oma. „Sie sei schon immer so stark gewesen“,erzählten Annas Töchter, „sodass es oft auch schon den Eindruck von Distanziertheit machte.“ Schwach zu sein, so glaubte Anna, könne sie sich nicht leisten. Die Enkelkinder nahmen es ihr nicht übel. Sie waren Großmutter für so Vieles dankbar, sie waren Großvater für so Vieles dankbar. Mit ihrem Dasein war das Zusammenkommen der Familie ein regelmäßiges, es war ein Zusammenhalt da, eine wunderbare Gemeinschaft.

Ich kannte zwei Menschen, die hatten ein Herz aus Gold. Sie waren meine Oma und mein Opa und ich deren damals zweitjüngstes Enkelkind. Als Opa starb, war ich noch nicht mal fünf Jahre alt und doch erinnere ich mich noch zu gut an seine feinfühlige und ruhige Art, an sein Lachen und seinen sanften Blick. Ich erinnere mich daran, wie seine Stimme plötzlich nur noch ein Flüstern war und wie meine Mama in einer Julinacht weinend vom Krankenhaus nach Hause kam. Welche Leere er in ihr und in unserer gesamten Familie hinterließ.

Meiner Oma verdanke ich so einiges. Sie hat mich Vieles gelehrt, mir reichlich Zeit geschenkt und mir das älteste Buch, das ich heute besitze, ihren Sturkopf und ihre Hände vererbt. Als sie starb war ich schon um einiges älter, aber auch mit sechzehn versteht man den Tod noch nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich ihn jetzt, in diesem Moment verstehe. Ich benutze noch heute dieselbe Handcreme, die auch Oma ständig benutzt hat und jedes Mal, wenn ich den Duft der Creme einatme, denke ich wieder einige Sekunden an sie. Omas schwarzen Saphir habe ich mir zum Ring machen lassen. So sind meine Großeltern bei mir.


Mit Wehmut und gleichzeitig großer Freude blicke ich an die Zeit zurück, in der beide, Anna und Josef, vereint am Küchentisch saßen, ihre Kinder und Enkelkinder um sie versammelt, in der wohlig warmen Küche. Drei Generationen. Ob es ihnen damals bewusst war, dass sie ihre schicksalhaften Jahre nicht umsonst gelebt hatten, dass sie Helden für uns alle, Kinder wie Enkelkinder waren, ob sie wussten, dass sie uns nicht nur das Leben, sondern uns auch die schönsten Jahre schenkten, dessen bin ich mir nicht sicher. Es war auf jeden Fall die unbeschwerteste  Zeit meines Lebens, denn sie stand für mich in dem magischen Licht der Kindheit und der Sorglosigkeit; es ist die Zeit, die mir bis heute die kostbarste Erinnerung ist.

 

Danke Oma, danke Opa, ihr bleibt unvergessen! Und diese Zeilen sind für euch ❤

Kammerflüstern

Die Vorgeschichte zur eigentlichen Erzählung ist dieses Mal etwas länger, weil es im Grunde zwei sind und sie für die Handlung von Bedeutung, bzw. sie Teil davon sind. Denn das Kind, von dem ich euch gleich erzählen werde, ist die Verschmelzung zweier Jungen, die mir einmal begegnet sind. Den einen lernte ich vor ungefähr sieben Jahren bei meiner Arbeit im Kindergarten kennen. Er war auf den ersten Blick einer von vielen. Nicht besonders auffallend vom Aussehen, ein einfacher kleiner, fünfjähriger Junge mit blonden Haaren und blauen Augen. Ich kam neu dazu in den Kindergarten, lernte die Kindergruppe gerade erst kennen und knüpfte Kontakte mit den Mädchen und Jungen, auch mit dem besagten Jungen. Wir waren im Garten,  er spielte nicht mit den anderen, sondern saß alleine am Rand der Sandkiste und starrte auf das Nachbargebäude. Ich setzte mich zu ihm und sagte fröhlich: „Na? Alles ok bei dir? Was siehst du denn da Interessantes?“ „Weißt du“, erwiderte er mit einem ungewöhnlichen klaren Ausdruck und die Worte sehr langsam betonend, „da oben in dem Haus, da wohnen böse Menschen. Und wenn ich nicht brav bin, kommen mich die bösen Menschen holen.“ Einen Moment lang war ich sehr verdattert, denn eine jede andere Antwort hatte ich erwartet. Aber NICHT DIESE. Ich versuchte, den Jungen zu beruhigen. „Aber nein, keine Angst, da oben wohnen keine bösen Menschen.“ „Meine Oma hat mir das gesagt, die bösen Menschen kommen und holen mich.“

Das war meine Begegnung mit dem ersten Jungen. Den zweiten konnte ich nur einige Minuten beobachten, aber er löste in mir ungefähr dasselbe Gefühl aus, wie das Kind aus dem Kindergarten. Das war vor ungefähr zwei Wochen, als ich mit meinem Sohn auf dem Spielplatz war. Wir saßen gerade auf der Parkbank und aßen ein wenig Obst, da kam der Junge mit der blau karierten Schildkappe mit seinen Großeltern zum Holztor des Spielplatzes. Das Tor klemmte und ich fragte, ob ich denn helfen könne. Die Antwort der Oma ließ mich bedauern, höflich gewesen zu sein, denn zur Antwort bekam ich ein garstiges: „Besser, wenn sie bei ihrem eigenen Kind bleiben.“  Ich sagte nichts dazu, und widmete mich kopfschüttelnd wieder meinem Sohn zu. Die drei betraten den Spielplatz; Opa, Oma und an ihrer Hand der Junge. Die Atmosphäre war für die sonnigen Temperaturen plötzlich ziemlich fröstelnd geworden, ich kann es nicht genau erklären, warum ich das so empfand. Vielleicht war es die schroffe Antwort der Frau, vielleicht der unsichere Blick des Jungen oder der Umgang der Großeltern mit dem Kleinen. „Willst du auf die Schaukel?“, fragte die Frau ihren Enkel. Er nickte und lächelte schüchtern. Es war nicht wie sonst, wenn ein Kind auf den Spielplatz kommt, denn er rannte nicht los voller Spielbegierde, war nicht von Freude erfüllt. Die Großmutter geleitete ihn- immer noch seine Hand haltend wohlgemerkt- zur Schaukel und der Großvater hob ihn hoch. Ich schätze, der Junge musste ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein und doch wurde er auf die Schaukel gehoben und angeschubst. Nicht schnell, versteht sich. Der Junge schaute die fünf Minuten, die er maximal auf der Schaukel verbrachte, unentwegt zu uns. Lächelnd -und wie ich fand, ein wenig sehnsüchtig. Ich ließ meinen Kleinen alleine losmarschieren, obwohl er nicht mal halb so alt wie das andere Kind war- für mich selbstverständlich, meinem Kind etwas zuzutrauen. Nach, wie gesagt, ungefähr fünf Minuten hatte es sich ausgeschaukelt, der Junge wurde von seinen Großeltern wieder runtergehoben, die dauernd neben ihm gestanden hatten wie Bodyguards um einen Superstar, nahmen ihn wieder an die Hand und verließen den Spielplatz.

Unheimlich waren diese Situationen für mich, wirklich gruselig… Und so sehr Kinder der Sonnenschein im Leben sind, ich sie liebe und in meiner Rolle als Mama und als Kindergärtnerin aufgehe… Momente, wie die von mir erlebten, schaffen Bilder und Geschichten in meinem Kopf, die auch ein gottverlassener Spielplatz bei Nacht oder ein Clown außerhalb eines bunten Zirkuszeltes in einen auslösen…  Vor allem beschäftigt mich nach diesen Begegnungen aber die Frage: Kann in einem Kind schon das Böse stecken? Und wenn ja, wie bahnte es sich den Weg in die unschuldige Seele? Viel Spaß bei meinem kleinen Psychothriller 😉

„Es tut mir leid ihnen wieder sagen zu müssen, dass Danny andere Kinder wieder an den Haaren gezogen hat, er hat ihnen regelrecht welche ausgerissen. Ich sage Ihnen das nicht, damit sie ihn bestrafen oder so, wir haben das mit ihrem Enkel schon geregelt, aber sie müssen das wirklich ernsthaft mit ihm besprechen, so kann es nicht weitergehen. Außerdem müssen sie darauf vorbereitet sein, dass die Eltern der betroffenen Kinder sie darauf ansprechen werden. Vielleicht klären sie das untereinander dann noch mal. Schönen Tag trotzdem noch.“

Die Kindergärtnerin wandte sich einem Kind zu, das noch nicht abgeholt wurde ohne die Antwort von Ms. Connor abzuwarten, Dannys Großmutter. Somit sah sie nicht mehr den bösen Blick, die diese ihrem Enkel zuwarf. Sie setzte ihm seine blaue Mütze auf, nahm ihn an die Hand und zog ihn grob an sich heran.

„Gehen wir.“ Danny taumelte neben seiner Großmutter her, als sie die Straße hinuntergingen.  Er wollte nicht nach Hause gehen, zuhause war es dunkel und Oma machte es noch dunkler, wenn er nicht brav gewesen war. Die Hand tat ihm schon weh, so fest hielt sie ihn. Sie hielt ihn immer an der Hand. Wenn Danny nicht gerade im Kindergarten war, war er eigentlich nie ohne sie. Mama konnte sich nicht um ihn kümmern, darum war Oma zuhause, ging mit ihm einkaufen und ab und an auf den Spielplatz um die Ecke.

Als sie daheim ankamen, hatte es gerade angefangen zu regnen, ein leichter Nieselregen, der die ersten kühleren Herbsttage ankündigte. „Geh rein und zieh dir die Schuhe aus. Dann geh dir deine schmutzigen Hände und dein schmutziges Gesicht waschen. Schau doch nur, wie eklig du bist, Danny. Kein Wunder, dass sich deine Mutter immerzu in ihrem Zimmer einsperrt. Da bist du nur selber schuld. Wer will denn auch so ein schmutziges und dazu noch so böses Kind sehen, dass anderen die Haare ausreißt? Na los, mach schon!“ Der Junge schlenderte eingeschüchtert ins Badezimmer, während Ms. Connor sich mit ihrem Mann in der Küche unterhielt und sich ein Glas Saft aufschenkte. „Dieser kleine Satansbraten, ich hab dir schon damals gesagt, wir sollen uns diese Last nicht aufbürden. Nur weil deine Tochter wegen ihrer kindischen Drogenexperimente nicht mehr alle Tassen im Schrank hat und zu dumm zu verhüten war, können wir uns jetzt mit diesem Rotzlöffel rumschlagen. Ich sage dir, der wird genauso enden wie deine missratene Tochter.“

Teilnahmslos wie immer, nickte Mr. Connor nur leicht und gab ein grummelndes „Mmh“ von sich.

„Ich bringe ihn in die Kammer, dann kann er nachdenken, was er getan hat“, fügte die alte Frau hinzu.

Es war ein kleines, etwas beengendes Zimmer, von dem sie da redete, das früher im Haus der Connors nur als Abstellkammer für Putzzeug und allen möglichen Krimskrams verwendet wurde, und erst mit Lynns Schwangerschaft als Kinderzimmer umfunktioniert worden war. Denn es war von vorherein klar, dass Lynn nicht für ihr Kind würde sorgen können, sie war zu krank und zu abhängig. Sie hatte zwar immer beteuert, während und nach der Schwangerschaft clean zu bleiben, aber weder während noch danach war ihr das gelungen. Danny musste nach seiner Geburt bereits einen Entzug durchleiden. Aus Mitleid mit dem Baby hatten Lynns Vater, Mr. Connor und seine zweite Ehefrau den Enkel und die Tochter zu sich geholt. Ms. Connor war allerdings von Anfang an nicht sehr begeistert von der Idee, eine Drogenabhängige, die seit einem ihrer Trips nicht mehr ganz bei Trost war, und einen Säugling bei sich im Haus aufzunehmen.

Das Kinderzimmer bot kaum genügend Platz für Danny, außer seinem Bett, einem Stuhl  und einer klitzekleinen Spieleecke war nichts darin zu finden. Es besaß außerdem nur ein kleines Fenster, das nur am frühen Morgen Sonnenstrahlen hereinscheinen ließ. Danny war nicht gerne in seinem Zimmer, er schlief nicht gerne darin und tagsüber wollte er auch nicht dort sein, dann lieber neben Oma und Opa auf dem Sofa oder in der Küche. Spielen durfte er hier allerdings nicht, das mochte Oma nicht. „Nur in deinem Zimmer“, sagte sie immer. Er weinte und schrie, als sie ihn in die Kammer  brachte und auf sein Bett setzte.

„Ich will nicht Oma, ich will bei euch bleiben!“ „Halt deinen vorlauten Schnabel.  Du warst heute ein sehr böser Junge! Und weißt du was mit kleinen, bösen Kindern wie dir passiert, wenn sie nicht endlich brav werden? Die bösen Menschen, die großen, bösen Menschen kommen sie holen. Und die sind wirklich schlecht, von ganz innen heraus. Mit denen hat man nichts mehr zu lachen.“ Danny schluchzte und rieb sich seine Nase. „Wieso, was machen die bösen Menschen denn?“ „Ha! Sie machen dir Angst, den ganzen langen Tag lang und prügeln dich windelweich. Deine Mama war früher auch ein böses Kind. Auch sie haben sie geholt. Und jetzt ist sie verrückt geworden und lebt nur noch in ihrem Zimmer…. Willst du auch so enden wie deine Mutter, willst du, dass sie dich holen kommen Danny? Willst du das?“ „Nein, Oma, ich will bei dir und Opa bleiben“, wimmerte der Junge und zupfte unsicher an den Bettlaken herum. „Na siehst du“, flüsterte Ms .Connor mit plötzlich ganz sanfter Stimme.

„Und genau deswegen musst du jetzt in deinem Zimmer bleiben, deswegen machen wir es dunkel hier drin, damit du von nichts abgelenkt wirst und du darüber nachdenken kannst, was du heute getan hast. Und wenn du wieder brav bist, hole ich dich.“

„Ich mag nicht hier im dunklen Zimmer sein, Oma! Ich bin schon brav versprochen!“ Aber diese stand schon auf, zog die Rollläden herunter, verließ die Kammer und zog die alte Holztür hinter sich zu.

„Oma! Oma! Ich bin brav! Oma!“ hörte man Danny noch dahinter rufen, aber Ms. Connor setzte sich neben ihren Mann auf die Terrasse, zündete sich eine Zigarette an und genoss ihr alltägliches und ruhiges Nachmittagspäuschen.

In der Kammer war es zappenduster. Nur ein hauchdünner Lichtstreif fiel durch die etwas verfallenen Rollläden auf den modrig riechenden Teppichboden. Es war totenstill, Danny hörte nur seinen eigenen Atem, der langsam wieder regelmäßiger wurde. Zwei Zimmer weiter hörte er das monotone Keuchen und Aufheulen seiner gestörten Mutter.

„Hörst du sie?“ flüsterte seine eigene Stimme auf einmal. „Du willst doch nicht so verrückt werden wie sie. Sie ist Abschaum, hörst du. Darum hasst du sie. Sie ist nicht deine Mama.“

„Ich weiß“, antwortete Danny. „Die bösen Menschen haben sie geholt.“

„Richtig, und sie werden auch dich holen kommen, wenn du dich nicht wehrst. Du hast das Mädchen heute nur an den Haaren gezogen, weil sie dich ausgelacht hat. Sie gehört zu DENEN.“

„Ich darf aber niemanden mehr an den Haaren ziehen, das war böse.“, widersprach Danny.

„Nein, nicht doch, deine Oma lügt dich nur an, merkst du das nicht? Das war mutig, das Mädchen zu bestrafen, denn sie gehört zu denen. Du musst sie beseitigen wie dreckigen Müll. Du weißt doch, was mit Müll passiert nicht wahr? Du bist doch ein kluger Junge.“

„Er kommt in die Müllverbrennungsanlage!“

„Richtig, Danny, wie schlau du bist! Und was machst du morgen mit dem bösen Mädchen, das dich ausgelacht hat?“

„Ich weiß es nicht…“

„Na klar weißt du das. Du steckst sie in die Müllverbrennungsanlage. Denn sie ist Müll, Abschaum. Und den muss man wegmachen. Verstehst du das, Danny?“

„Mhm, ich glaube schon. Ich muss mich vor den bösen Menschen wehren. Und sie wegmachen.“

„Gutes Kind“, wisperte seine Stimme lächelnd, „du bist wirklich ein gutes Kind!“

Die Stimme wurde still, sie flüsterte nicht mehr. Danny saß auf seinem Bett in der Dunkelheit, lauschte der Stille und dachte über die Stimme nach. Er spürte, wie sie in ihm war und sein Kopf von ihr erfüllt. Er spürte auch ein anderes Gefühl, das er schon kannte, es war die Wut. Sie stieg in ihm hoch, tief aus dem Herzen. Sie kam ungezügelt. Weil die Alte ihn hier in der Kammer eingesperrt hatte, weil die Kindergärtnerin ihn geschimpft hatte, weil das Mädchen über ihn gelacht hatte. Weil seine Mutter zu verrückt war, um ihn vor den bösen Menschen zu beschützen. Die Wut in seinem Körper und die Stimme in seinem Kopf flossen ineinander, und eine neue Kraft und Sicherheit baute sich in ihm auf. Die Angst vor der Dunkelheit und den bösen Menschen verschwand.

Als seine Großmutter die Kammer wieder aufsperrte, begann es draußen schon zu dämmern und Danny erwachte aus seinem bösen Alptraum.

„Na? Wirst du wieder ein braver Junge sein?“

„Ja Oma, das werde ich“, murmelte er verschlafen. Sie nahm Danny an die Hand und ging mit ihm nach draußen.  Es stand bereits das Abendessen auf dem Küchentisch. Er war artig während des Essens und half seinem Opa anschließend beim Abwasch. Er brachte seiner Mutter einen Teller Suppe und etwas Brot in ihr Zimmer und räumte ihren Müll weg, den sie dort herumliegen hatte. Und weil er so fleißig gewesen war, durfte Danny mit seinen Großeltern vor dem Zubettgehen noch die Nachrichten im Fernsehen schauen. Es gefiel ihm, was in den Nachrichten zu sehen war. Großmutter erklärte ihm, das seien die bösen Menschen, von denen sie gesprochen hatte, die, die da andere niederschossen und den kleinen Jungen aus Indiana verschleppt hatten. Danny war plötzlich beeindruckt und fürchtete sich kein kleines bisschen mehr.

„Warum lächelst du, du Idiot?“, herrschte Ms. Connor ihn von der Seite an. „Das ist doch nichts Tolles, sondern ganz ganz schlimm, kapierst du das nicht?“

„Doch Oma!“

„Ich denke, das ist genug für heute.“ Sie hob ihren Enkel vom Sofa und brachte ihn zum Zähneputzen ins Bad. Dann begleitete sie ihn in zurück in die Kammer, schaltete dieses Mal das Nachtlicht, einen kleinen, flackernden Mond, ein.

„Nein, Oma, den brauch ich nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr!“

Ms. Connor schaute ihn etwas verdutzt drein, machte das Licht wieder aus und schüttelte den Kopf.

„Du wirst noch genauso verrückt, wie deine Mutter. Soll euch irgendjemand auf der Welt verstehen. Schlaf jetzt. Ich will dich nicht mehr sehen heute.“

Sie machte die Tür hinter sich zu. Danny wartete einige Minuten, ehe er aus dem Bett kroch und auf den alten, klapprigen Stuhl kletterte, der unter dem kleinen Fenster stand. Die Rollläden waren nur zur Hälfte verschlossen, sodass er hinaus auf die Straße blicken konnte. Irgendwo da draußen waren sie. Und er wartete ab jetzt sehnsüchtig auf den Moment, in dem sie ihn holen kommen wollten. Denen würde er es schon zeigen. Jedem einzelnen…

Kalter Sand

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Die Küstenlandschaft auf dem Bild habe ich an einem windigen und recht kühlen Julitag von einem grasbewachsenen Hügel aus, auf Sylt geschossen. Wir liehen uns an jenem Tag Fahrräder von unserem Hotel im verschlafenen Örtchen Hörnum aus und erkundeten die Südseite der Insel aus. Wir, das waren mein Freund, meine beste Freundin, deren Freund und ich nebenbei bemerkt. Eine kleine feine Truppe in einem kleinen feinen Örtchen auf einer kleinen feinen Insel- ein Urlaubswochenende definitiv mal anders, aber durchaus empfehlenswert.

Zurück zu dem Foto, zur rauen See und der Unendlichkeit, die ein Horizont am Meer mit sich bringt. (Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber am Meer spüre ich immer einen Hauch von Freiheit in mir. Das liebe ich) Aber weiter im Text…  Alles ist ein wenig in dieses düstere, jedoch harmonische Grau getaucht, die der Himmel an diesem Tag herbeigetragen hatte. Das Meer, dazu diese wilde, unberührte Natur, vom Nordwind nach unten gebogene Grasbüschel und der menschenleere Strand… Einfach ein herrlicher Anblick. Menschenleer? Nicht ganz. Beim genaueren Hinsehen entdecken wir zwei einsame Gestalten, nebeneinander gehend, auf diesem weiß-beigen Strandabschnitt. Damals, als ich auf diesem Hügel stand und hinunterblickte, beneidete ich die zwei um diesen einzigartigen Moment, denn wann hat man denn schon einen ganzen Strand für sich alleine? Es war zweifelsohne wunderschön dieses Bild, das sich uns bot und trotzdem barg der Anblick der zwei Menschen ein Krümelchen von Melancholie in sich. Worüber mochten die Beiden reden? Was hat die zwei dazu bewogen, diesen einsamen Spaziergang anzutreten?

„Willst du nicht lieber auf dem trockenen Sand laufen?“ fragte Marleen ihren jüngeren Bruder. „Du wirst dir noch zusätzlich eine Erkältung holen!“ „Was macht das schon. Vielleicht beschleunige ich die ganze Angelegenheit, dann hat sich die Sache bald gegessen.“, erwiderte Paul schroffer als beabsichtigt. Dabei ging es dem 32-Jährigen nur darum, den nassen, kalten Sand unter seinen Fußsohlen zu spüren. Weil es das letzte Mal sein könnte. Das war alles, was er in den letzten Wochen denken konnte: Das ist wahrscheinlich mein letztes Mal. Ein letztes Mal am Strand spazieren, ein letztes Mal einen Familienurlaub genießen… selbst bei banalen Sachen war die Frage immer dieselbe: Ist das meine letzte Fahrt mit dem Bus, ist das mein letzter Einkauf im Supermarkt, ist das meine letzte Dusche? Es war schrecklich und Paul wusste nicht, ob es normal war, einer jeden Handlung solch eine große Bedeutung zu legen, aber er tat es. Taten das alle sterbenden Menschen? Er hatte für sich die Theorie aufgestellt, dass es nur diejenigen taten, die noch nicht bereit waren zu sterben. Leute wie er, die eigentlich noch zu jung waren, die, die ihre Kinder noch nicht aufwachsen haben sehen, die, die noch ihr Motorrad nach Jahren aus der Garage holen und aufmotzen und diese klebrig süßen Makronen in Paris essen wollten, die noch die unzähligen Geschenksgutscheine für alle möglichen Aktivitäten  einlösen wollten. Die Leute, die noch leben wollten. Aber das Schicksal meint es nicht gut mit manchen Menschen. Paul traf es gleich doppelt hart. Vor zwei Jahren hatte ein besoffener Autofahrer seine Frau niedergefahren, und dann musste man noch von Glück reden, wenn man bedenkt, dass sein damals  drei Monate alter Sohn in dem Kinderwagen völlig unversehrt geblieben war. Wie er es geschafft hatte, seinen Kleinen durch diese 24 Monate zu bringen ohne ernstere Zwischenfälle, wusste er bis heute nicht. Klar, Marleen und seine Mutter halfen ihm durch die schwere Zeit und gaben ihm Sicherheit, wo sie nur konnten, aber all die Nächte, in denen der Kleine zahnte oder fieberte, all die zehrenden Tage, in denen es Tränen und Geschrei gab, und Paul nicht wusste, warum, all diese schwierigen Momente hatte er alleine gemeistert. Das machte ihn irgendwie stolz und er genoss es, Papa zu sein von einem schlauen, kleinen Kerl. Nun aber stand ihm die schwierigste Prüfung bevor: Wie sollte er seinem Sohn sagen, dass sein Papa auch bald nicht mehr da sein würde, um mit ihm zu spielen, ihn zu füttern und ihm zu helfen, wenn es beim Jacke anziehen mal wieder zu schwierig wird? Wie sollte er ihm sagen, dass er ganz bald nicht mehr zuhause leben würde, sondern bei seiner Tante und seinen zwei Cousins? Das war nicht fair. Paul hatte zwei Jahre alles gegeben, und nun würde er sein Kind nicht mehr durchs Leben begleiten können. Der aggressive Tumor in seiner Bauchspeicheldrüse ließ das nicht mehr zu. Noch maximal zwei Monate, sagte man ihm vor vier Wochen. Halbzeit. Wenn überhaupt. Kurz nach der ernüchternden Diagnose hatte Paul mit seiner Familie samt Kind und Kegel diese letzten Ferien auf Sylt gebucht, er wollte sich, aber vor allem dem Kleinen noch ein Stückchen Unbeschwertheit schenken. Außerdem wollte er mit Marleen alles klären. Für den schlimmsten Fall, der nun mal unweigerlich eintreten würde.

Und hier waren sie nun, an diesem kühlen, verwehten Tag. Sie vereinbarten, dass Paul mit dem Kleinen auf jeden Fall nach ihrem Aufenthalt hier auf der Insel schon zu Marleen, ihrem Mann und deren Kinder ziehen würde, damit sich für den Kleinen nach Pauls Tod nicht alles auf einmal veränderte und er sich schon einleben kann. Damit sich alle aneinander gewöhnen können, damit jeder den anderen noch mal intensiver kennenlernt. Es war für Paul ein Trost zu wissen, dass sein Sohn bei Marleen aufwachsen werden würde. Sie war ihm immer eine tolle Schwester gewesen  und war eine gute Mutter für ihre Kinder. Gleichzeitig tat es ihm im Herzen weh, den Kleinen irgendwo „abzugeben“. Der Junge konnte das doch nicht verstehen. Er war zu klein. Paul stellte sich außerdem die Frage, ob sich der Kleine später an ihn erinnern würde? Auch das wird nicht der realistische Fall sein. Die Ereignisse, die sich so früh in der Kindheit abspielen, waren später nicht mehr in den Köpfen der Menschen, sondern lediglich auf Erinnerungsfotos Teil ihrer Geschichte. Dieses Wissen, dass sein eigenes Kind ihn vergessen würde, tat ihm dermaßen einen Stich ins Herz, dass Paul beschloss, zumindest noch eine Handvoll Erinnerungen zu schaffen und festzuhalten, die Marleen später dem Kleinen immer wieder zeigen und von denen sie ihm erzählen konnte.

„Ich habe Briefe, die ich Nils geschrieben habe, ich möchte, dass du ihm jedes Jahr an seinem Geburtstag einen gibst. Ich habe sie beschriftet, sie reichen bis zu seinem 18. Geburtstag, dann sind mir die Ideen ausgegangen, was ich denn schreiben könnte“, sagte Paul mit einem unsicheren, ein wenig gekünstelten Lachen, „außerdem habe ich mir immer ausgemalt, wie aufregend es wäre, wenn wir zusammen mal ins Legoland fahren, wenn er endlich alt genug dafür ist. Daraus wird ja leider nichts mehr… Übernehmt ihr das für mich bitte?“

„Aber natürlich“, erwiderte Marleen leise, „das macht ihm sicher riesigen Spaß.“

„Ansonsten haben wir im Großen und Ganzen alles besprochen, wegen Kita, Schule usw. Und den Rest… ach ihr werdet das schon schaukeln.“ Kurz herrschte eine Stille zwischen den Beiden, als sie nebeneinander am Strand entlangliefen. Marleen blickte auf die hohen Grashügel links von ihnen, Paul schaute aufs Meer hinaus. Wie gut dieser Anblick tut, dachte er und wandte sich wieder Marleen zu. „Ich bin noch nicht dazugekommen, aber du sollst wissen, dass ich dir wirklich wirklich dankbar bin, dass du das für uns tust. Es lässt mich zumindest ein bisschen leichter von dieser Welt gehen. Ich weiß, Nils wird es gut bei euch haben. Danke.“

Marleen war die letzten Wochen immer sehr stark gewesen, jetzt flossen die Tränen nur so über ihre Wangen. „Wir versuchen unser Bestes, und wir werden die Erinnerung an dich wahren“, schluchzte sie, „du warst ein super Papa und hast das alles alleine so gut gemeistert… Du bist der beste Bruder, den man sich wünschen kann!“

„Ach komm her, du…“ Paul nahm seine weinende Schwester in den Arm und so standen sie da. Minutenlang. Minuten, in denen Paul in Gedanken und emotional seinen Sohn seiner Schwester gewissermaßen schon überreichte. Von einer Seele zur anderen. Mit dem Rauschen der Wellen und dem Wind um ihre Köpfe nahmen sie schon Abschied voneinander, denn vielleicht war es ja das letzte Mal, dass sie nur zu zweit miteinander verweilen konnten.

„Noch um einen kleinen Gefallen möchte ich dich bitten, bevor wir zu den anderen zurückspazieren.“

„Alles was du willst, Paul!“

Dieser zog sein Handy aus der Jackentasche und drückte es Marleen in die Hand.

„Ich möchte für den Kleinen noch ein Video machen. Es soll kein Abschiedsvideo sein oder so, ich möchte ihm einfach nur noch ein paar Sachen sagen und mitgeben, die er jetzt noch nicht verstehen kann, aber irgendwann.“

„Alles klar, einfach hier vor dem Meer? So richtig kitschig?“ scherzte Marleen und wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht.

„Wenn schon, denn schon!“  schmunzelte nun auch Paul.

„Und wann soll ich ihm das Video zeigen?“ Marleen schaltete auf Kamerafunktion, suchte die günstigste Position und richtete das Handy auf ihren Bruder.

„Wenn du es für den richtigen Moment hältst“, Paul schloss die Augen und atmete tief durch. „Also los…“