Von Papierbooten, Gewissensbissen und Umarmungen mit dem Glück

Das was ganz spontan kommt, sind die ehrlichsten Zeilen. Ja, das ist wohl so. Somit dürften dies die ehrlichsten Zeilen sein, die ich in diesem Jahr schreibe. Ich sitze auf meinem Sofa, eingemümmelt in meine Kuscheldecke und tippe Wort für Wort, ohne großartig darüber nachzudenken. Ohne Schnickschnack-Wörtern, ohne schlechtem Gewissen. Ein wenig ist es mir aber schon unangenehm. Wie gesagt – es sind ziemlich ehrliche Zeilen, aber ich brauche sie. Für mich. Um sie schlicht und ergreifend los zu werden. „Sich etwas von der Seele schreiben“ nennt man das. Und das habe ich schon mein Leben lang getan. Immer dann, wenn sich etwas Überwältigendes abgespielt hat, habe ich den Laptop in die Hand genommen oder eines meiner Millionen Notizbücher, Tagebücher, sonstige Zettel oder Blöcke. Die Zahl Million ist natürlich übertrieben, aber ich habe und hatte in der Tat schon immer einen Fabel für Papeteriekram. Wie auch immer… jedenfalls habe ich schon immer meine Gedanken und Gefühle zu Papier gebracht, und seeehr lange Zeit habe ich das nur für mich alleine gemacht. Selbsttherapie sozusagen. Oder zumindest eine Art Selbstreflexion. Ja, dieses Wort trifft es sehr sehr gut. Ich kann von mir behaupten, dass ich ein sehr reflektierter Mensch bin – und wahrscheinlich übertreibe ich es manchmal mit der Analyse meiner Umgebung, meiner Mitmenschen und meinem eigenen Seelenleben. Aber irgendwie muss ich einfach über das nachdenken, was mich beschäftigt. Eigentlich ist es – zumindest für mich selbst – ein gutes Zeichen, wenn ich das tue, denn dann weiß ich, dass ich das, was mir so durch den Kopf spukt, auch angenommen habe und ich dabei bin, es zu verarbeiten. Was wohl auch der Grund ist, warum ich das schreiben kann, was ich jetzt eben schreibe. Weil ich mich mit dem Gedanken angefreundet habe, dass dieses Jahr alles andere als einfach war. Und doch war es notwendig, um genau dort zu stehen, wo ich jetzt stehe. Jetzt muss ich doch ganz kurz etwas gefühlsduselig werden, aber um den metaphorischen Ort zu beschreiben, an dem ich mich gerade befinde, benötigt es ein oder zwei kitschige Bilder: Ich treibe in einem weißen, kleinen Papierboot und habe alle an Bord, die ich zum glücklich sein brauche. Das sind ganz schön viele Menschen und eigentlich ist es erstaunlich, dass sie alle in meinem kleinen Leben… ähm Boot Platz haben. Jedenfalls tun sie das tatsächlich und es geht mir richtig gut hier. Klar, es gibt die ein oder andere Welle, die sich an meiner schwimmenden Nussschale mal bricht, aber das macht im Grunde nichts. Einige Menschen, waren nicht mutig genug, um mit mir die Weltmeere zu durchqueren, harte Lektionen waren es, große Wellen, die sie aus meinem Boot geworfen haben. Und einige Zeit war ich auch sehr traurig darüber. Aber wisst ihr was? Das Gefühl alleine weiter zu segeln hatte ich nie. Nicht eine kleine Sekunde lang. Denn die allerwichtigsten sind bei mir geblieben. Und neue, unglaubliche Menschen habe ich mit an Bord geholt. Und als ich von Neuem erkannt habe, wie wunderbar meine Besatzung ist, umso glücklicher und gestärkter ging ich aus dem Sturm dieses Jahres hervor. So, Stopp! Das war mehr als genug an kitschig-emotionalen Bildüberschuss.

Eigentlich möchte ich euch von dem einen Moment erzählen, an dem ich ganz bewusst das Glück wieder in die Arme schloss. Also, es gab viele schöne Augenblicke, die dazu beigetragen haben, aber es gab irgendwie diesen einen Moment, wo all das Alte von mir abgefallen ist. Und lustigerweise war das ein Moment, in dem ich ganz alleine war – ohne meine Besatzung. Aber von vorne:

Es geschah an einem Tag im Außendienst in meinem neuen Job, ein Tag, über den ich anschließend einen Erlebnisbericht schreiben sollte. Ihr könnt euch vorstellen, dass der Text aufgrund meiner Euphorie nach diesen für mich geschichtsträchtigen Stunden, wirklich gut geworden ist :D. Wie auch immer… ich durfte einen Tag in einem Hotel in Kaltern verbringen und sollte anschließend noch eine kurze Herbstwanderung machen. Ich beschloss auf die Leuchtenburg zu wandern – dieses Ziel hatte ich schon lange lange Zeit vorher im Visier, habe es aber irgendwie nie geschafft, den Marsch anzugehen. Da ich etwas unter Zeitdruck war, weil ich später meinen Sohn abholen musste, ging ich ziemlich schnellen Schrittes los.

Es war der letzte Herbsttag des Jahres und ziemlich schwül. Ich hatte angesichts dieser drückenden Temperaturen zu viel an und war zu schnell unterwegs. Eigentlich wollte ich diese Wanderung genießen, aber die Zeit erlaubte es mir schlichtweg nicht. Und es ging steiler auf diesen verdammten Hügel hinauf, als ich erwartet hatte. Als meine Puste ziemlich schnell ausging, erinnerte ich mich wieder mal daran, dass ich viel zu wenig Sport machte – aber ganz ehrlich: Mir fehlt als alleinerziehende und wieder arbeitende Mama schlichtweg die Zeit dafür. Mir fehlt die Zeit, endlich mal wieder in der frischen Morgenluft joggen zu gehen. Mir fehlt die Zeit zum Reisen, mir fehlt die Zeit zum Schreiben (ich würde nämlich viel mehr schreiben, wenn ich denn könnte), zum Malen (ja, ich male, bzw. würde ich es gern wieder mal) und endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen oder einfach mal nichts zu tun. Die Zeit für mich selbst. Aber mein Leben ist beinah minutiös verplant. Das ist oft hart und ganz ehrlich: Manchmal möchte man halt einfach die Zeit haben, die einem zusteht. Und die habe ich nicht und ich fragte mich, als ich da diesen Hügel erklomm – der mir in jenem Moment wie ein 2000er vorkam – ob es mich zu einer schlechteren Mutter macht, wenn ich manchmal den Wunsch habe, für mich zu sein. Und ich fragte mich, keuchend und schwitzend, ob ich verrückt sei, dass ich deshalb ein schlechtes Gewissen hatte. Ich ärgerte mich etwas über mich selbst und darüber, meine Gedanken – die ich schließlich doch für ganz okay befand – verurteilt zu haben. Und ich ärgerte mich, dass ich an diesem Nachmittag nicht früher aufgebrochen war, und die eigentlich schon lang geplante Wanderung zu unternehmen, um mit mehr Gemütlichkeit und mehr Genuss diesen Solo-Pfad zu begehen… wenn ich denn schon endlich mal alleine war!!

Stattdessen fuhren meine Gedanken wieder mal ihre Lieblings-Achterbahn und an all dem Guten und Schlechten der letzten Monate vorbei. Rauf und runter. Spielten alle Szenen immer und immer wieder durch. Machten mich traurig und wütend und stolz und überglücklich. Ich wunderte mich, wie viel emotiongeballtes Leben in einer kleinen Welt wie der meinen doch Platz hat. Wahnsinn, oder? Whatever. Jedenfalls sprintete ich beinahe den Waldweg hinauf, schwitzte wie ein Schwein und war froh, irgendwann doch angekommen zu sein.

Die Hitze hatte sich gelegt und die Leuchtenburg warf ihren riesigen Schatten auf mich. Und dann war es plötzlich still. Um mich herum waren keine anderen Wanderer mehr. Keine Geräusche aus dem Tal konnte ich vernehmen und das Erstaunlichste: In meinem Kopf wurde es auch leise. Endlich. Dieses majestätische Steindings, das auch aus der Nähe betrachtet wirklich hübsch anzusehen war, erhob sich vor mir, hieß mich Willkommen und verbot mir jeglichen weiteren Gedanken. Mir wurde klar, dass ich gerade eine ganze Burg und einen ganzen Miniatur-Berg für mich alleine hatte. Das war zugegebenermaßen ziemlich cool und ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen auf abenteuerlicher Entdeckungstour.

In die Burg rein, in jede Tür hineingespäht, nach oben geblickt und ringsum. Um die Burg herum und Aussichtsfetzen erhascht. Eine Fahne, die im Wind über meinem Kopf herum wehte. Und dann war da mehr als nur ein Fetzen. Da war eine wundervolle Aussicht, die ganz allein mir gehörte. Mir alleine. Ich kletterte auf die Burgmauer, von der aus ich diese Errungenschaft vollends genießen wollte und blendete meine zitternden Knie und meine Höhenangst aus. Ich wollte mir ein Andenken schaffen und hey: Sollte ich nicht meinen Kopf ausschalten? So hatte es mir die Leuchtenburg angetragen und ich tat es dann auch.

So saß ich da, mit zitternden Beinen, zufrieden und etwas andächtig und spürte, wie eine Welle des Glücks mein Papierboot anstupste. Wie ich tatsächlich (!) mal ganz für mich war. Ich spürte, wie schön es war, dass – wenn ich gleich von meinem persönlichen, symbolischen 2000er Berg hinunterstieg – ich nicht alleine war, sondern ich all jene Menschen um mich haben würde, die ich liebte. Die mich liebten. Denen ich jede stürmische Welle wert war und die ich niemals aus meinem kleinen Boot fort gehen lassen würde. Tief im Inneren nahm ich Abschied. Nicht nur vom Sommer, nein, auch von diesem großen Jahr der Veränderung – es endete für mich an diesem letzten Herbsttag, Ende September. Ich fand, das war ein guter Zeitpunkt ein neues Jahr einzuläuten. Dazu muss nicht unbedingt Silvester sein. Ein viel zu heißer Herbsttag und eine kleine Burg reichen da schon völlig aus.

Hey Sommer…

Eigentlich bist du schon seit einer ganzen Weile weg, aber trotzdem möchte ich dir noch was sagen… Du hast mir in den letzten Monaten so viel geschenkt: Zuversicht, den Glauben daran, dass nach jedem Tief auch wieder ein Hoch kommt. Ein neues Zuhause. Eine Riesenchance mich beruflich weiter zu entwickeln, meine Leidenschaft zum Schreiben auszuschöpfen und neu zu erfinden. Du hast mir die Liebe zurückgegeben und mich immer wieder dran erinnert, dass Familie und wahre Freundschaft alles überdauert. Du hast mich ebenso daran erinnert, wie stark ich bin und hast deine kräftigen Farben auf mich übertragen. Ich habe endlich wieder das Gefühl, MICH zu sehen, wenn ich in den Spiegel schaue. Endlich leuchte ich wieder. Dafür möchte ich dir danken, Sommer. ❤️


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Suchende wie wir

Ein autobiografischer Geschichtenschnipsel

Meine Mama spülte gerade das Geschirr, als ich vom Wohnzimmer im Hopserlauf hinüber in die Küche sprang. Es war dunkel hier drin, stiller als in der gesamten Wohnung und dem Rest der Welt und Tränen liefen über Mamas Wangen.

„Was ist los, Mami?“, fragte ich sie vorsichtig und wünschte kurz darauf, ich hätte nicht danach gefragt. Vielleicht, so dachte ich später, vielleicht wäre unsere Familie länger eine Familie gewesen. Vielleicht, wenn sie es nicht ausgesprochen hätte, dann wäre es nicht dazu gekommen.

„Papa und ich verstehen uns nicht mehr“, schluchzte sie, während sie ein nasses Glas abstellte und Wasser und Schaum an ihren Händen hinuntertropfte. Ich kann den Moment heute nur schwer beschreiben, das Gefühl, das in einem neunjährigen Mädchen vorgeht, wenn ihm bewusst wird, dass sich von diesem Augenblick an alles ändern wird. Alles Gewohnte, alles Vertraute, bröckelt an ein einem ab, wie die alte Fassade eines Hauses. Die Sicherheit, die man bis dahin im Herzen trug – fortgeschwemmt.

Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich hilflos. Und seit diesem Moment war ich auf der Suche. Nie offensichtlich oder bewusst, aber ich rang nach etwas. Nach einem Pfeiler, an dem ich mich stützen und nach Liebe, in die ich mich vollends fallen lassen konnte. Nach Endlosigkeit und warmen Worten. Nach Nähe und Berührungen. Und gleichzeitig nach Ruhe und Abstand. Nach warmen Decken, die man sich über den Kopf ziehen kann, um das Ende des Gewitters abzuwarten. Diese Minute der Veränderung hatte keine Decke für mich parat. Es war das Ende. Das Ende meiner Familie und das meiner Kindheit.

Wahrscheinlich war die Suche meines Bruders noch viel schwieriger als die meine und so war ich auf mich gestellt. Denn auch in der Schule erzählte ich niemandem davon, was zuhause passiert war. Ich schämte mich dafür, ein Scheidungskind zu sein und fühlte mich wie ein Produkt von etwas, das nicht funktioniert hatte. Ich suchte nach Gründen, nach Antworten und wusste noch nicht, dass ich, um all das zu verstehen, schlichtweg noch zu jung war. Eine der größten Lehren, die ich in meinem bisherigen Leben erfuhr, war genau diese: dass alles seine Zeit hat. Manches findet man früher, anderes erst viel später, manches ist leicht zu finden, bei anderen Dingen muss man sich ordentlich abmühen. Aber alles hat seine Zeit, gefunden zu werden.

Szenen haben sich in meinem Kopf eingebrannt, Situationen, die ich hinnehmen musste, aber eigentlich nicht akzeptieren wollte. Worte, die ich hören musste, obwohl ich sie nicht hören wollte. Ich sollte Gefühle annehmen, die mir bis dahin völlig fremd waren und die ich nicht besonders mochte. Ein jedes Kind, das die Trennung seiner Eltern durchleben musste, kennt diese Szenen. Ich erinnere mich an sie als eine Art surrealen Traum, als ein verworrenes Konstrukt an Aneinanderreihungen, von dem ich vieles wieder beiseite schob. Es gibt nun mal Geschichten, die man nicht gerne erzählt.

Oft blicke ich auf das Danach zurück. Es gab nämlich die Zeit davor und danach. Die Zeit vor und nach dem Satz meiner Mama. Und ja, heute verstehe ich einiges besser. Ich habe gelernt damit umzugehen und Kraft daraus zu schöpfen, weiß jedoch auch, dass mich die Erfahrung geprägt hat. Aber es ist okay. Denn alles, was ich erlebt habe, alles was ich in meinem Leben gemeistert habe, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. Auch wenn ich heute, 21 Jahre später, oft noch auf der Suche bin, und vermutlich auch mein Bruder noch nicht aufgehört hat zu suchen, so weiß ich, dass wir damit nicht alleine sind. Alle Menschen, die sich um uns bewegen, tragen ihre Geschichten mit sich rum und spähen hinter ein jedes Gebüsch, um ihr Happy End zu finden, im allerbesten Wissen, dass das Leben mehr ist als das. Aber es ist tröstlich, dass alle Menschen so sind:

Sie sind Suchende.

Suchende wie wir.


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