Auf dem Bootssteg

Eine junge Frau sitzt alleine auf dem Bootssteg, fernab der anderen Gäste, fernab des Trubels, fernab der Hektik. Sie sitzt lesend mit einem Bein angewinkelt auf ihrem gelb-orangen Handtuch, ihre Sneakers liegen daneben. Sie trägt ein hellblaues T- Shirt und hat ihre Haare locker und schnell zu einem Dutt zusammengebunden.

Dieses Bild fing ich neulich am See im örtlichen Lido für mich ein. Man kannte der Frau an: Sie ist weder an den See gekommen, um andere Leute zu treffen, noch großartig ihre Haut zu bräunen oder Längen im Wasser zu schwimmen. Vermutlich kam sie zu Fuß oder mit dem Fahrrad, um abzuschalten, den Alltag zu vergessen und sich in ein Buch zu vertiefen, das unter der Woche unberührt auf dem Sofa herumliegt, weil die junge Frau einfach nicht die Zeit dafür aufbringen kann. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich nicht sonderlich zurecht gemacht hat (aber wer macht das schon, wenn er zum Baden an den See geht?), aber die junge Frau wirkte auf mich etwas abgekämpft und erschöpft. Ich glaube, es lag an ihrem Gesichtsausdruck, denn sie hatte zumindest in diesem Moment kein besonderes Strahlen für irgendjemanden. Für mich sah sie nach einer jungen Frau aus, die sieben Tage die Woche kaum Momente für sich selbst fand und es nicht immer leicht hatte. Aber ich konnte auch erkennen, dass sie genau in diesem Moment zur Ruhe kam.

Es war schön, sie dort mit diesem Buch in der Hand sitzen zu sehen. Dabei dachte ich zur Abwechslung mal an keine spezielle Geschichte, sondern vielmehr daran, dass jeder von uns ab und zu mal genau das für sich tun sollte: Alleine auf dem Bootssteg sitzen und lesen. Oder alleine im Wald spazieren gehen. Sport machen. Oder für sich selbst etwas Schönes kochen. Oder- das ist meine persönliche Auszeit vom Alltag- einfach mal am Laptop oder über einem Notizheft sitzen und Gedanken loswerden. Sich für niemanden zurechtmachen, für niemanden strahlen müssen, für keinen anderen da sein, außer für sich selbst. Ein egoistischer Gedanke? Absolut nicht. Wir sind ständig für alle und alles in Bereitschaft, da bleibt man selbst oft auf dem Trockenen sitzen und das tut der Seele nicht gut. Wir lieben unsere Familien, unsere Freunde und (hoffentlich) unsere Jobs, ohne sie würde nichts gehen. Sie halten uns aufrecht, motivieren uns, schenken uns Kraft und Liebe, ja, sie sind das- kurz und knapp ausgedrückt- Essentielle. Aber im Eifer des Alltags, von Konflikten und Hektik, die all diese eigentlich so wichtigen Dinge leider ebenso mit sich bringen, braucht man Atempausen, Zeit zum Abschalten, Zeit für sich, Zeit auf Null zurückzufahren. Weil wir alle mal erschöpft sind, ausgepowert und vielleicht auch mal abgekämpft. Aus welchem Grund auch immer das passieren mag, das ist einfach nur menschlich. Und ob es jemand ist, dem die Arbeit oder die Partnerschaft über den Kopf wächst, oder eine Mutter, die an ihre Grenzen stößt oder ein Mensch, der einen Schicksalsschlag erleidet: Es gehört nun mal alles zum Leben dazu. Sich dann mal Zeit für sich zu nehmen ist nicht egoistisch, sondern schlichtweg gesund.

Darum applaudierte ich damals im Stillen der jungen Frau auf dem Bootssteg: Wie Recht du hast, dachte ich, wie vollkommen Recht du hast.

Die Geschichte vom kleinen gelben Sonnenschirm, der auf eine ungewollte Reise ging

 Die letzte Woche verbrachte ich mit meinem Freund und unserem Sohn in Kalabrien entspannt am Meer. Nichts tuend und eigentlich nicht groß an Ideen suchend, passierte eines Nachmittages doch etwas, was mich zu einer neuen Geschichte inspiriert hat. Es toste ein recht starker Wind über unseren Strand und wir waren gerade am Mittagessen, da blies es einen unserer Sonnenschirme hinaus aufs offene Meer. Zuerst dachte ich: Oh nein, was das Meer alles an Müll abkriegt und dann im zweiten Moment fand ich den Anblick von dem quietschgelben Sonnenschirm auf dem herrlich blauen Wasser irgendwie erquicklich. Ich sagte: Wohin der Schirm jetzt wohl getrieben wird? Und mein Freund scherzte noch: Du wirst dir jetzt schon die Geschichte von „Schirmi“, dem Sonnenschirm im Kopf ausmalen und tatsächlich bastelte ich mir schon was zusammen…  Nur den bescheuerten Namen ließ ich dann doch beiseite 😉

Heute also mal eine Geschichte für kleine Leute, aber auch für die Großen, die uns zeigt, dass man aus unerwarteten, scheinbar unglückseligen Situationen viel Gutes schöpfen kann. Eine Geschichte, die unsere Reiselust ein wenig anfächert und uns auch zeigt, dass man nicht so schnell das Handtuch werfen soll. Ich wünsche euch viel Spaß! 🙂

An einem goldenen Strand, weit weit weg von hier, irgendwo am azurblauen Meer, da gab es einen kleinen Sonnenschirm, der war gelb und einer von ganz vielen. Es gab Dutzende dieser gelben Sonnenschirme, die in Reih und Glied ihren Platz im Sand hatten und den Menschen Schatten spendeten, denen die Sonne zu heiß wurde. Das war ihre Aufgabe: Schatten zu geben, wo ansonsten keiner war. Es war eine gute Aufgabe und die vielen Sonnenschirme waren damit sehr zufrieden. Auch dem kleinen gelben Sonnenschirm genügte sein Dasein und er war stolz, solch gute Arbeit zu leisten.

Aber wie es im Leben manchmal so ist, kam eines Tages ein Sturm auf. Er kam unvorhergesehen und alle Schirme erschraken fürchterlich, denn der starke Wind bog sie hin und her und hob ihren schönen gelben Stoff nach links und rechts und oben und unten. So schnell sie konnten schlossen sie sich, um dem Sturm Widerstand zu leisten, aber beim kleinen gelben Sonnenschirm wollte etwas nicht so recht funktionieren. Seine Speichen klemmten und ehe er sich versah, spürte er, wie er von einem Luftstrom erfasst und aus dem Sand gerissen wurde. Er wurde quer über den Sandstrand geschleudert, traf dabei ein paar seiner Schirmgenossen, bevor ihn ein weiterer Windstoß ein paar hundert Meter hinaus aufs wild schunkelnde Wasser katapultierte. Da schwamm er nun,  unser kleine gelbe Sonnenschirm, kopfüber und ging auf eine ungewollte Reise.

Sehnsüchtig und mit Tränen in den Augen blickte er zu seinem Strand zurück, von der er Welle für Welle immer weiter weggetragen wurde, dem Horizont entgegen. Was würde nun mit ihm passieren? Er hatte schreckliche Angst und wusste nicht, was er gegen diese missliche Lage unternehmen könnte. Aber er konnte nichts tun. Der kleine gelbe Sonnenschirm konnte einfach nur warten und hoffen, dass sich alles zum Guten wenden würde.

Der kleine gelbe Sonnenschirm trieb schon eine ganze Weile auf dem Wasser, als er einem Fischerboot begegnete. Es war schon ziemlich alt und abgenutzt und es sah nicht so aus, als ob es noch eine Besatzung mit sich führte. Die Tür zur Koje hing kaum noch im Rahmen, die vielen leeren Kübel und Eimer, die einst wahrscheinlich gut mit Heringen und Makrelen gefüllt waren, rollten von Backbord nach Steuerbord quer über das Deck. Die Fischernetze waren zerrissen und lagen zusammengepfercht in den Ecken oder hingen über die Reling. Aber die Augen des Fischerbootes leuchteten.

„Hallo du kleiner Sonnenschirm! Warum schaust du denn so traurig?“

„Weil der Wind mich von zuhause, von meinem Strand fortgerissen hat“, antwortete dieser schluchzend. „Bist du auch alleine hier?“

„Das tut mir sehr leid, dass du deswegen betrübt bist. Ich bin schon seit Monaten alleine unterwegs, aber glaub mir: So übel ist es hier draußen gar nicht. Im Gegenteil, es ist wirklich schön hier auf dem Wasser. Alleine kannst du tun und lassen, was du willst. Weißt du, früher musste ich immer dorthin steuern, wohin die Fischer wollten, da konnte ich gar nicht mitreden. Außerdem habe ich es gehasst, dass auf meinem Deck tagtäglich so viele Fische sterben mussten. Das hat mich traurig gemacht. Jetzt bin ich frei und ich kann entscheiden, wohin meine Reise gehen soll.“

Der kleine gelbe Sonnenschirm dachte nach. Er musste auch jeden Tag seiner Arbeit nachgehen, wie die anderen Schirme auf dem Strand. Niemand hat je gefragt, ob er denn mal gerne etwas anderes machen würde. Wenn er es recht bedachte, wäre ein wenig Abwechslung schon mal ganz nett gewesen.

„Ich schwimme jetzt weiter“, rief das alte Fischerboot laut, „Aber lass dir gesagt sein: Sei nicht allzu traurig. Hör auf zurück ans Ufer zu blicken und schau nach vorne. Manche Dinge muss man hinter sich lassen, um vorwärts zu kommen!“

Mit diesen Worten schwamm es davon, bis es irgendwann nur noch als winzig kleiner Punkt am Horizont zu sehen war.

Das Boot hat Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm, zurück komme ich eh nicht mehr, also was nützt es mir hier rumzuheulen?

Der Strand war schon längst nicht mehr in Sicht und um den kleinen gelben Sonnenschirm gab es nur noch den tiefblauen Ozean. Auf einmal spürte er unter seinem Stoff ein Kitzeln und Blubbern.

„Nanu, was ist denn…“ wollte der kleine gelbe Sonnenschirm gerade sagen, da tauchten zwei silberne Fischlein mit einem roten Rücken neben ihm aus dem Wasser.

„Ooooh was haben wir denn hier?“ „Ich weiß es nicht, nach nem Fisch sieht es jedenfalls nicht aus, vielleicht ein Oktupus? Obwohl, der hat mehrere Arme, dieses Ding hat nur einen Greifarm!“ „Komisches Ding. Sag, was bist du und woher kommst du, du eigenartiger Oktupus?“

„Ich bin kein Oktopus“, kicherte der kleine gelbe Sonnenschirm, „Ich bin ein Sonnenschirm und komme vom Strand. Aber der Wind hat mich aufs Meer geblasen.“

„Du Glückspilz!!!“ jubelten die zwei Fische. „Stell dir mal vor, die anderen Sonnenschirme haben tagtäglich immer nur dieselbe Aussicht. Du hingegen kommst jetzt ganz schön herum! Das Meer trägt dich an die schönsten und aufregendsten Orte!“

Der kleine gelbe Sonnenschirm dachte nach. Er hatte auch jeden Tag dieselbe Aussicht, wie die anderen Schirme am Strand. Wenn er es recht bedachte, wäre ein wenig Abwechslung schon mal ganz nett gewesen.

„Wir schwimmen jetzt weiter“, riefen die zwei silbernen Fischchen laut, „aber lass dir gesagt sein: Du bist ein echter Glückspilz! Hör auf, hier nur so rumzutreiben. Manchmal muss man das Ruder selbst in die Hand nehmen, um vom Fleck zu kommen und was zu erleben!“

Die Fische haben Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm, ich habe jetzt die Chance, viel Neues zu entdecken, also was nützt es mir, hier rumzutreiben?

Also entschied er sich für eine Richtung, die ihm gefiel und begann sich dorthin zubewegen. Das klappte ganz prima und Woge für Woge schwamm der kleine gelbe Sonnenschirm weiter und weiter. Nach einigen Stunden aber wurde er müde, denn es war ganz schön mühsam voranzukommen. Beinahe verließ ihn der Mut, sich auf sein Abenteuer einzulassen, da spürte er, wie das Wasser unter ihm nach oben schwappte und er mit einem Mal nach oben geschmettert wurde. Eine riesige Pottwaldame war schuld an seinem abrupten Flug in die Lüfte, aber sanft glitt der kleine gelbe Sonnenschirm zurück nach unten und blieb auf dem Rücken des Wales liegen.

„Ich habe ja schon viel Erstaunliches gesehen in meinem Alter“, sprach die Pottwaldame mit sanfter Stimme, „Aber so etwas Außergewöhnliches wie du ist mir noch nie begegnet. Wer bist du? Und warum schaust du so erschöpft aus?“

„Ich bin ein Sonnenschirm, komme vom Strand und der Wind hat mich aufs Meer geblasen. Ich bin auf dem Weg, Neues zu entdecken und zu erleben, aber ich bin ganz schön müde vom vielen Schwimmen. Ich weiß nicht, ob ich diese Reise schaffe. Vielleicht sollte ich doch besser den Weg nach Hause suchen.“

„Aber nein!!! So schnell gibt man doch nicht auf. Es ist sicherlich nicht immer einfach, aber einfach die Segel werfen, wenn man mal müde ist, das ist keine gute Idee. Lieber eine helfende Hand annehmen, und schau! Wie es das Schicksal so will, bringt es dir gleich einen Koloss von Wal, um dir zu beizustehen!“ Die Pottwaldame lachte und stieß eine Wasserfontäne aus ihrem Blasloch. „Was sagst du?“

Die Pottwaldame hat Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm. Er hatte nie gelernt, an einer schwierigen Sache dranzubleiben, denn, wie die anderen Schirme am Strand, hatte er ja nie etwas anderes gemacht, außer Schatten zu werfen, und das wirklich keine schwere Aufgabe für einen Sonnenschirm. Wenn er es recht bedachte, wäre eine Herausforderung schon mal ganz nett gewesen.

„Ich schwimme jetzt weiter“, rief die Pottwaldame laut. „Wenn du möchtest, nehme ich dich ein Stückchen mit, damit du dich ausruhen kannst und dann deine Reise fortsetzen kannst. Ich finde ja, das das eine gute Idee ist.“

Die Pottwaldame hat Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm, ich bin zwar müde, aber aufgeben lohnt sich wirklich nicht. Also was nützt es mir, hier rumzuzweifeln?

„Ich komme mit!“

„Sehr gut! Na dann mach es dir bequem auf meinem alten Rücken. Wohin soll es überhaupt gehen?“

„Hmm, wenn ich ehrlich bin, weiß ich das gar nicht so genau, ich war ja noch nie irgendwo anders als an meinem Strand…“

„Nicht verzagen, oft sind die Reisen ohne Ziel, die schönsten! Deswegen heißt es ja reisen und nicht zielen, haha!“ Die Pottwaldame lachte und stieß wieder eine Wasserfontäne aus dem Blasloch.

Die gute Laune war ansteckend und fröhlich rief der kleine gelbe Sonnenschirm: „Also los, lass uns losschwimmen! Hurra!“

Und  so machte sich der kleine gelbe Sonnenschirm auf dem Rücken der alten Pottwaldame endlich sorglos auf die Reise, die anfangs gar nicht so gewollt war. Und wisst ihr was? Der kleine gelbe Sonnenschirm verbrachte die Zeit seines Lebens.

Kammerflüstern

Die Vorgeschichte zur eigentlichen Erzählung ist dieses Mal etwas länger, weil es im Grunde zwei sind und sie für die Handlung von Bedeutung, bzw. sie Teil davon sind. Denn das Kind, von dem ich euch gleich erzählen werde, ist die Verschmelzung zweier Jungen, die mir einmal begegnet sind. Den einen lernte ich vor ungefähr sieben Jahren bei meiner Arbeit im Kindergarten kennen. Er war auf den ersten Blick einer von vielen. Nicht besonders auffallend vom Aussehen, ein einfacher kleiner, fünfjähriger Junge mit blonden Haaren und blauen Augen. Ich kam neu dazu in den Kindergarten, lernte die Kindergruppe gerade erst kennen und knüpfte Kontakte mit den Mädchen und Jungen, auch mit dem besagten Jungen. Wir waren im Garten,  er spielte nicht mit den anderen, sondern saß alleine am Rand der Sandkiste und starrte auf das Nachbargebäude. Ich setzte mich zu ihm und sagte fröhlich: „Na? Alles ok bei dir? Was siehst du denn da Interessantes?“ „Weißt du“, erwiderte er mit einem ungewöhnlichen klaren Ausdruck und die Worte sehr langsam betonend, „da oben in dem Haus, da wohnen böse Menschen. Und wenn ich nicht brav bin, kommen mich die bösen Menschen holen.“ Einen Moment lang war ich sehr verdattert, denn eine jede andere Antwort hatte ich erwartet. Aber NICHT DIESE. Ich versuchte, den Jungen zu beruhigen. „Aber nein, keine Angst, da oben wohnen keine bösen Menschen.“ „Meine Oma hat mir das gesagt, die bösen Menschen kommen und holen mich.“

Das war meine Begegnung mit dem ersten Jungen. Den zweiten konnte ich nur einige Minuten beobachten, aber er löste in mir ungefähr dasselbe Gefühl aus, wie das Kind aus dem Kindergarten. Das war vor ungefähr zwei Wochen, als ich mit meinem Sohn auf dem Spielplatz war. Wir saßen gerade auf der Parkbank und aßen ein wenig Obst, da kam der Junge mit der blau karierten Schildkappe mit seinen Großeltern zum Holztor des Spielplatzes. Das Tor klemmte und ich fragte, ob ich denn helfen könne. Die Antwort der Oma ließ mich bedauern, höflich gewesen zu sein, denn zur Antwort bekam ich ein garstiges: „Besser, wenn sie bei ihrem eigenen Kind bleiben.“  Ich sagte nichts dazu, und widmete mich kopfschüttelnd wieder meinem Sohn zu. Die drei betraten den Spielplatz; Opa, Oma und an ihrer Hand der Junge. Die Atmosphäre war für die sonnigen Temperaturen plötzlich ziemlich fröstelnd geworden, ich kann es nicht genau erklären, warum ich das so empfand. Vielleicht war es die schroffe Antwort der Frau, vielleicht der unsichere Blick des Jungen oder der Umgang der Großeltern mit dem Kleinen. „Willst du auf die Schaukel?“, fragte die Frau ihren Enkel. Er nickte und lächelte schüchtern. Es war nicht wie sonst, wenn ein Kind auf den Spielplatz kommt, denn er rannte nicht los voller Spielbegierde, war nicht von Freude erfüllt. Die Großmutter geleitete ihn- immer noch seine Hand haltend wohlgemerkt- zur Schaukel und der Großvater hob ihn hoch. Ich schätze, der Junge musste ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein und doch wurde er auf die Schaukel gehoben und angeschubst. Nicht schnell, versteht sich. Der Junge schaute die fünf Minuten, die er maximal auf der Schaukel verbrachte, unentwegt zu uns. Lächelnd -und wie ich fand, ein wenig sehnsüchtig. Ich ließ meinen Kleinen alleine losmarschieren, obwohl er nicht mal halb so alt wie das andere Kind war- für mich selbstverständlich, meinem Kind etwas zuzutrauen. Nach, wie gesagt, ungefähr fünf Minuten hatte es sich ausgeschaukelt, der Junge wurde von seinen Großeltern wieder runtergehoben, die dauernd neben ihm gestanden hatten wie Bodyguards um einen Superstar, nahmen ihn wieder an die Hand und verließen den Spielplatz.

Unheimlich waren diese Situationen für mich, wirklich gruselig… Und so sehr Kinder der Sonnenschein im Leben sind, ich sie liebe und in meiner Rolle als Mama und als Kindergärtnerin aufgehe… Momente, wie die von mir erlebten, schaffen Bilder und Geschichten in meinem Kopf, die auch ein gottverlassener Spielplatz bei Nacht oder ein Clown außerhalb eines bunten Zirkuszeltes in einen auslösen…  Vor allem beschäftigt mich nach diesen Begegnungen aber die Frage: Kann in einem Kind schon das Böse stecken? Und wenn ja, wie bahnte es sich den Weg in die unschuldige Seele? Viel Spaß bei meinem kleinen Psychothriller 😉

„Es tut mir leid ihnen wieder sagen zu müssen, dass Danny andere Kinder wieder an den Haaren gezogen hat, er hat ihnen regelrecht welche ausgerissen. Ich sage Ihnen das nicht, damit sie ihn bestrafen oder so, wir haben das mit ihrem Enkel schon geregelt, aber sie müssen das wirklich ernsthaft mit ihm besprechen, so kann es nicht weitergehen. Außerdem müssen sie darauf vorbereitet sein, dass die Eltern der betroffenen Kinder sie darauf ansprechen werden. Vielleicht klären sie das untereinander dann noch mal. Schönen Tag trotzdem noch.“

Die Kindergärtnerin wandte sich einem Kind zu, das noch nicht abgeholt wurde ohne die Antwort von Ms. Connor abzuwarten, Dannys Großmutter. Somit sah sie nicht mehr den bösen Blick, die diese ihrem Enkel zuwarf. Sie setzte ihm seine blaue Mütze auf, nahm ihn an die Hand und zog ihn grob an sich heran.

„Gehen wir.“ Danny taumelte neben seiner Großmutter her, als sie die Straße hinuntergingen.  Er wollte nicht nach Hause gehen, zuhause war es dunkel und Oma machte es noch dunkler, wenn er nicht brav gewesen war. Die Hand tat ihm schon weh, so fest hielt sie ihn. Sie hielt ihn immer an der Hand. Wenn Danny nicht gerade im Kindergarten war, war er eigentlich nie ohne sie. Mama konnte sich nicht um ihn kümmern, darum war Oma zuhause, ging mit ihm einkaufen und ab und an auf den Spielplatz um die Ecke.

Als sie daheim ankamen, hatte es gerade angefangen zu regnen, ein leichter Nieselregen, der die ersten kühleren Herbsttage ankündigte. „Geh rein und zieh dir die Schuhe aus. Dann geh dir deine schmutzigen Hände und dein schmutziges Gesicht waschen. Schau doch nur, wie eklig du bist, Danny. Kein Wunder, dass sich deine Mutter immerzu in ihrem Zimmer einsperrt. Da bist du nur selber schuld. Wer will denn auch so ein schmutziges und dazu noch so böses Kind sehen, dass anderen die Haare ausreißt? Na los, mach schon!“ Der Junge schlenderte eingeschüchtert ins Badezimmer, während Ms. Connor sich mit ihrem Mann in der Küche unterhielt und sich ein Glas Saft aufschenkte. „Dieser kleine Satansbraten, ich hab dir schon damals gesagt, wir sollen uns diese Last nicht aufbürden. Nur weil deine Tochter wegen ihrer kindischen Drogenexperimente nicht mehr alle Tassen im Schrank hat und zu dumm zu verhüten war, können wir uns jetzt mit diesem Rotzlöffel rumschlagen. Ich sage dir, der wird genauso enden wie deine missratene Tochter.“

Teilnahmslos wie immer, nickte Mr. Connor nur leicht und gab ein grummelndes „Mmh“ von sich.

„Ich bringe ihn in die Kammer, dann kann er nachdenken, was er getan hat“, fügte die alte Frau hinzu.

Es war ein kleines, etwas beengendes Zimmer, von dem sie da redete, das früher im Haus der Connors nur als Abstellkammer für Putzzeug und allen möglichen Krimskrams verwendet wurde, und erst mit Lynns Schwangerschaft als Kinderzimmer umfunktioniert worden war. Denn es war von vorherein klar, dass Lynn nicht für ihr Kind würde sorgen können, sie war zu krank und zu abhängig. Sie hatte zwar immer beteuert, während und nach der Schwangerschaft clean zu bleiben, aber weder während noch danach war ihr das gelungen. Danny musste nach seiner Geburt bereits einen Entzug durchleiden. Aus Mitleid mit dem Baby hatten Lynns Vater, Mr. Connor und seine zweite Ehefrau den Enkel und die Tochter zu sich geholt. Ms. Connor war allerdings von Anfang an nicht sehr begeistert von der Idee, eine Drogenabhängige, die seit einem ihrer Trips nicht mehr ganz bei Trost war, und einen Säugling bei sich im Haus aufzunehmen.

Das Kinderzimmer bot kaum genügend Platz für Danny, außer seinem Bett, einem Stuhl  und einer klitzekleinen Spieleecke war nichts darin zu finden. Es besaß außerdem nur ein kleines Fenster, das nur am frühen Morgen Sonnenstrahlen hereinscheinen ließ. Danny war nicht gerne in seinem Zimmer, er schlief nicht gerne darin und tagsüber wollte er auch nicht dort sein, dann lieber neben Oma und Opa auf dem Sofa oder in der Küche. Spielen durfte er hier allerdings nicht, das mochte Oma nicht. „Nur in deinem Zimmer“, sagte sie immer. Er weinte und schrie, als sie ihn in die Kammer  brachte und auf sein Bett setzte.

„Ich will nicht Oma, ich will bei euch bleiben!“ „Halt deinen vorlauten Schnabel.  Du warst heute ein sehr böser Junge! Und weißt du was mit kleinen, bösen Kindern wie dir passiert, wenn sie nicht endlich brav werden? Die bösen Menschen, die großen, bösen Menschen kommen sie holen. Und die sind wirklich schlecht, von ganz innen heraus. Mit denen hat man nichts mehr zu lachen.“ Danny schluchzte und rieb sich seine Nase. „Wieso, was machen die bösen Menschen denn?“ „Ha! Sie machen dir Angst, den ganzen langen Tag lang und prügeln dich windelweich. Deine Mama war früher auch ein böses Kind. Auch sie haben sie geholt. Und jetzt ist sie verrückt geworden und lebt nur noch in ihrem Zimmer…. Willst du auch so enden wie deine Mutter, willst du, dass sie dich holen kommen Danny? Willst du das?“ „Nein, Oma, ich will bei dir und Opa bleiben“, wimmerte der Junge und zupfte unsicher an den Bettlaken herum. „Na siehst du“, flüsterte Ms .Connor mit plötzlich ganz sanfter Stimme.

„Und genau deswegen musst du jetzt in deinem Zimmer bleiben, deswegen machen wir es dunkel hier drin, damit du von nichts abgelenkt wirst und du darüber nachdenken kannst, was du heute getan hast. Und wenn du wieder brav bist, hole ich dich.“

„Ich mag nicht hier im dunklen Zimmer sein, Oma! Ich bin schon brav versprochen!“ Aber diese stand schon auf, zog die Rollläden herunter, verließ die Kammer und zog die alte Holztür hinter sich zu.

„Oma! Oma! Ich bin brav! Oma!“ hörte man Danny noch dahinter rufen, aber Ms. Connor setzte sich neben ihren Mann auf die Terrasse, zündete sich eine Zigarette an und genoss ihr alltägliches und ruhiges Nachmittagspäuschen.

In der Kammer war es zappenduster. Nur ein hauchdünner Lichtstreif fiel durch die etwas verfallenen Rollläden auf den modrig riechenden Teppichboden. Es war totenstill, Danny hörte nur seinen eigenen Atem, der langsam wieder regelmäßiger wurde. Zwei Zimmer weiter hörte er das monotone Keuchen und Aufheulen seiner gestörten Mutter.

„Hörst du sie?“ flüsterte seine eigene Stimme auf einmal. „Du willst doch nicht so verrückt werden wie sie. Sie ist Abschaum, hörst du. Darum hasst du sie. Sie ist nicht deine Mama.“

„Ich weiß“, antwortete Danny. „Die bösen Menschen haben sie geholt.“

„Richtig, und sie werden auch dich holen kommen, wenn du dich nicht wehrst. Du hast das Mädchen heute nur an den Haaren gezogen, weil sie dich ausgelacht hat. Sie gehört zu DENEN.“

„Ich darf aber niemanden mehr an den Haaren ziehen, das war böse.“, widersprach Danny.

„Nein, nicht doch, deine Oma lügt dich nur an, merkst du das nicht? Das war mutig, das Mädchen zu bestrafen, denn sie gehört zu denen. Du musst sie beseitigen wie dreckigen Müll. Du weißt doch, was mit Müll passiert nicht wahr? Du bist doch ein kluger Junge.“

„Er kommt in die Müllverbrennungsanlage!“

„Richtig, Danny, wie schlau du bist! Und was machst du morgen mit dem bösen Mädchen, das dich ausgelacht hat?“

„Ich weiß es nicht…“

„Na klar weißt du das. Du steckst sie in die Müllverbrennungsanlage. Denn sie ist Müll, Abschaum. Und den muss man wegmachen. Verstehst du das, Danny?“

„Mhm, ich glaube schon. Ich muss mich vor den bösen Menschen wehren. Und sie wegmachen.“

„Gutes Kind“, wisperte seine Stimme lächelnd, „du bist wirklich ein gutes Kind!“

Die Stimme wurde still, sie flüsterte nicht mehr. Danny saß auf seinem Bett in der Dunkelheit, lauschte der Stille und dachte über die Stimme nach. Er spürte, wie sie in ihm war und sein Kopf von ihr erfüllt. Er spürte auch ein anderes Gefühl, das er schon kannte, es war die Wut. Sie stieg in ihm hoch, tief aus dem Herzen. Sie kam ungezügelt. Weil die Alte ihn hier in der Kammer eingesperrt hatte, weil die Kindergärtnerin ihn geschimpft hatte, weil das Mädchen über ihn gelacht hatte. Weil seine Mutter zu verrückt war, um ihn vor den bösen Menschen zu beschützen. Die Wut in seinem Körper und die Stimme in seinem Kopf flossen ineinander, und eine neue Kraft und Sicherheit baute sich in ihm auf. Die Angst vor der Dunkelheit und den bösen Menschen verschwand.

Als seine Großmutter die Kammer wieder aufsperrte, begann es draußen schon zu dämmern und Danny erwachte aus seinem bösen Alptraum.

„Na? Wirst du wieder ein braver Junge sein?“

„Ja Oma, das werde ich“, murmelte er verschlafen. Sie nahm Danny an die Hand und ging mit ihm nach draußen.  Es stand bereits das Abendessen auf dem Küchentisch. Er war artig während des Essens und half seinem Opa anschließend beim Abwasch. Er brachte seiner Mutter einen Teller Suppe und etwas Brot in ihr Zimmer und räumte ihren Müll weg, den sie dort herumliegen hatte. Und weil er so fleißig gewesen war, durfte Danny mit seinen Großeltern vor dem Zubettgehen noch die Nachrichten im Fernsehen schauen. Es gefiel ihm, was in den Nachrichten zu sehen war. Großmutter erklärte ihm, das seien die bösen Menschen, von denen sie gesprochen hatte, die, die da andere niederschossen und den kleinen Jungen aus Indiana verschleppt hatten. Danny war plötzlich beeindruckt und fürchtete sich kein kleines bisschen mehr.

„Warum lächelst du, du Idiot?“, herrschte Ms. Connor ihn von der Seite an. „Das ist doch nichts Tolles, sondern ganz ganz schlimm, kapierst du das nicht?“

„Doch Oma!“

„Ich denke, das ist genug für heute.“ Sie hob ihren Enkel vom Sofa und brachte ihn zum Zähneputzen ins Bad. Dann begleitete sie ihn in zurück in die Kammer, schaltete dieses Mal das Nachtlicht, einen kleinen, flackernden Mond, ein.

„Nein, Oma, den brauch ich nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr!“

Ms. Connor schaute ihn etwas verdutzt drein, machte das Licht wieder aus und schüttelte den Kopf.

„Du wirst noch genauso verrückt, wie deine Mutter. Soll euch irgendjemand auf der Welt verstehen. Schlaf jetzt. Ich will dich nicht mehr sehen heute.“

Sie machte die Tür hinter sich zu. Danny wartete einige Minuten, ehe er aus dem Bett kroch und auf den alten, klapprigen Stuhl kletterte, der unter dem kleinen Fenster stand. Die Rollläden waren nur zur Hälfte verschlossen, sodass er hinaus auf die Straße blicken konnte. Irgendwo da draußen waren sie. Und er wartete ab jetzt sehnsüchtig auf den Moment, in dem sie ihn holen kommen wollten. Denen würde er es schon zeigen. Jedem einzelnen…

Kalter Sand

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Die Küstenlandschaft auf dem Bild habe ich an einem windigen und recht kühlen Julitag von einem grasbewachsenen Hügel aus, auf Sylt geschossen. Wir liehen uns an jenem Tag Fahrräder von unserem Hotel im verschlafenen Örtchen Hörnum aus und erkundeten die Südseite der Insel aus. Wir, das waren mein Freund, meine beste Freundin, deren Freund und ich nebenbei bemerkt. Eine kleine feine Truppe in einem kleinen feinen Örtchen auf einer kleinen feinen Insel- ein Urlaubswochenende definitiv mal anders, aber durchaus empfehlenswert.

Zurück zu dem Foto, zur rauen See und der Unendlichkeit, die ein Horizont am Meer mit sich bringt. (Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber am Meer spüre ich immer einen Hauch von Freiheit in mir. Das liebe ich) Aber weiter im Text…  Alles ist ein wenig in dieses düstere, jedoch harmonische Grau getaucht, die der Himmel an diesem Tag herbeigetragen hatte. Das Meer, dazu diese wilde, unberührte Natur, vom Nordwind nach unten gebogene Grasbüschel und der menschenleere Strand… Einfach ein herrlicher Anblick. Menschenleer? Nicht ganz. Beim genaueren Hinsehen entdecken wir zwei einsame Gestalten, nebeneinander gehend, auf diesem weiß-beigen Strandabschnitt. Damals, als ich auf diesem Hügel stand und hinunterblickte, beneidete ich die zwei um diesen einzigartigen Moment, denn wann hat man denn schon einen ganzen Strand für sich alleine? Es war zweifelsohne wunderschön dieses Bild, das sich uns bot und trotzdem barg der Anblick der zwei Menschen ein Krümelchen von Melancholie in sich. Worüber mochten die Beiden reden? Was hat die zwei dazu bewogen, diesen einsamen Spaziergang anzutreten?

„Willst du nicht lieber auf dem trockenen Sand laufen?“ fragte Marleen ihren jüngeren Bruder. „Du wirst dir noch zusätzlich eine Erkältung holen!“ „Was macht das schon. Vielleicht beschleunige ich die ganze Angelegenheit, dann hat sich die Sache bald gegessen.“, erwiderte Paul schroffer als beabsichtigt. Dabei ging es dem 32-Jährigen nur darum, den nassen, kalten Sand unter seinen Fußsohlen zu spüren. Weil es das letzte Mal sein könnte. Das war alles, was er in den letzten Wochen denken konnte: Das ist wahrscheinlich mein letztes Mal. Ein letztes Mal am Strand spazieren, ein letztes Mal einen Familienurlaub genießen… selbst bei banalen Sachen war die Frage immer dieselbe: Ist das meine letzte Fahrt mit dem Bus, ist das mein letzter Einkauf im Supermarkt, ist das meine letzte Dusche? Es war schrecklich und Paul wusste nicht, ob es normal war, einer jeden Handlung solch eine große Bedeutung zu legen, aber er tat es. Taten das alle sterbenden Menschen? Er hatte für sich die Theorie aufgestellt, dass es nur diejenigen taten, die noch nicht bereit waren zu sterben. Leute wie er, die eigentlich noch zu jung waren, die, die ihre Kinder noch nicht aufwachsen haben sehen, die, die noch ihr Motorrad nach Jahren aus der Garage holen und aufmotzen und diese klebrig süßen Makronen in Paris essen wollten, die noch die unzähligen Geschenksgutscheine für alle möglichen Aktivitäten  einlösen wollten. Die Leute, die noch leben wollten. Aber das Schicksal meint es nicht gut mit manchen Menschen. Paul traf es gleich doppelt hart. Vor zwei Jahren hatte ein besoffener Autofahrer seine Frau niedergefahren, und dann musste man noch von Glück reden, wenn man bedenkt, dass sein damals  drei Monate alter Sohn in dem Kinderwagen völlig unversehrt geblieben war. Wie er es geschafft hatte, seinen Kleinen durch diese 24 Monate zu bringen ohne ernstere Zwischenfälle, wusste er bis heute nicht. Klar, Marleen und seine Mutter halfen ihm durch die schwere Zeit und gaben ihm Sicherheit, wo sie nur konnten, aber all die Nächte, in denen der Kleine zahnte oder fieberte, all die zehrenden Tage, in denen es Tränen und Geschrei gab, und Paul nicht wusste, warum, all diese schwierigen Momente hatte er alleine gemeistert. Das machte ihn irgendwie stolz und er genoss es, Papa zu sein von einem schlauen, kleinen Kerl. Nun aber stand ihm die schwierigste Prüfung bevor: Wie sollte er seinem Sohn sagen, dass sein Papa auch bald nicht mehr da sein würde, um mit ihm zu spielen, ihn zu füttern und ihm zu helfen, wenn es beim Jacke anziehen mal wieder zu schwierig wird? Wie sollte er ihm sagen, dass er ganz bald nicht mehr zuhause leben würde, sondern bei seiner Tante und seinen zwei Cousins? Das war nicht fair. Paul hatte zwei Jahre alles gegeben, und nun würde er sein Kind nicht mehr durchs Leben begleiten können. Der aggressive Tumor in seiner Bauchspeicheldrüse ließ das nicht mehr zu. Noch maximal zwei Monate, sagte man ihm vor vier Wochen. Halbzeit. Wenn überhaupt. Kurz nach der ernüchternden Diagnose hatte Paul mit seiner Familie samt Kind und Kegel diese letzten Ferien auf Sylt gebucht, er wollte sich, aber vor allem dem Kleinen noch ein Stückchen Unbeschwertheit schenken. Außerdem wollte er mit Marleen alles klären. Für den schlimmsten Fall, der nun mal unweigerlich eintreten würde.

Und hier waren sie nun, an diesem kühlen, verwehten Tag. Sie vereinbarten, dass Paul mit dem Kleinen auf jeden Fall nach ihrem Aufenthalt hier auf der Insel schon zu Marleen, ihrem Mann und deren Kinder ziehen würde, damit sich für den Kleinen nach Pauls Tod nicht alles auf einmal veränderte und er sich schon einleben kann. Damit sich alle aneinander gewöhnen können, damit jeder den anderen noch mal intensiver kennenlernt. Es war für Paul ein Trost zu wissen, dass sein Sohn bei Marleen aufwachsen werden würde. Sie war ihm immer eine tolle Schwester gewesen  und war eine gute Mutter für ihre Kinder. Gleichzeitig tat es ihm im Herzen weh, den Kleinen irgendwo „abzugeben“. Der Junge konnte das doch nicht verstehen. Er war zu klein. Paul stellte sich außerdem die Frage, ob sich der Kleine später an ihn erinnern würde? Auch das wird nicht der realistische Fall sein. Die Ereignisse, die sich so früh in der Kindheit abspielen, waren später nicht mehr in den Köpfen der Menschen, sondern lediglich auf Erinnerungsfotos Teil ihrer Geschichte. Dieses Wissen, dass sein eigenes Kind ihn vergessen würde, tat ihm dermaßen einen Stich ins Herz, dass Paul beschloss, zumindest noch eine Handvoll Erinnerungen zu schaffen und festzuhalten, die Marleen später dem Kleinen immer wieder zeigen und von denen sie ihm erzählen konnte.

„Ich habe Briefe, die ich Nils geschrieben habe, ich möchte, dass du ihm jedes Jahr an seinem Geburtstag einen gibst. Ich habe sie beschriftet, sie reichen bis zu seinem 18. Geburtstag, dann sind mir die Ideen ausgegangen, was ich denn schreiben könnte“, sagte Paul mit einem unsicheren, ein wenig gekünstelten Lachen, „außerdem habe ich mir immer ausgemalt, wie aufregend es wäre, wenn wir zusammen mal ins Legoland fahren, wenn er endlich alt genug dafür ist. Daraus wird ja leider nichts mehr… Übernehmt ihr das für mich bitte?“

„Aber natürlich“, erwiderte Marleen leise, „das macht ihm sicher riesigen Spaß.“

„Ansonsten haben wir im Großen und Ganzen alles besprochen, wegen Kita, Schule usw. Und den Rest… ach ihr werdet das schon schaukeln.“ Kurz herrschte eine Stille zwischen den Beiden, als sie nebeneinander am Strand entlangliefen. Marleen blickte auf die hohen Grashügel links von ihnen, Paul schaute aufs Meer hinaus. Wie gut dieser Anblick tut, dachte er und wandte sich wieder Marleen zu. „Ich bin noch nicht dazugekommen, aber du sollst wissen, dass ich dir wirklich wirklich dankbar bin, dass du das für uns tust. Es lässt mich zumindest ein bisschen leichter von dieser Welt gehen. Ich weiß, Nils wird es gut bei euch haben. Danke.“

Marleen war die letzten Wochen immer sehr stark gewesen, jetzt flossen die Tränen nur so über ihre Wangen. „Wir versuchen unser Bestes, und wir werden die Erinnerung an dich wahren“, schluchzte sie, „du warst ein super Papa und hast das alles alleine so gut gemeistert… Du bist der beste Bruder, den man sich wünschen kann!“

„Ach komm her, du…“ Paul nahm seine weinende Schwester in den Arm und so standen sie da. Minutenlang. Minuten, in denen Paul in Gedanken und emotional seinen Sohn seiner Schwester gewissermaßen schon überreichte. Von einer Seele zur anderen. Mit dem Rauschen der Wellen und dem Wind um ihre Köpfe nahmen sie schon Abschied voneinander, denn vielleicht war es ja das letzte Mal, dass sie nur zu zweit miteinander verweilen konnten.

„Noch um einen kleinen Gefallen möchte ich dich bitten, bevor wir zu den anderen zurückspazieren.“

„Alles was du willst, Paul!“

Dieser zog sein Handy aus der Jackentasche und drückte es Marleen in die Hand.

„Ich möchte für den Kleinen noch ein Video machen. Es soll kein Abschiedsvideo sein oder so, ich möchte ihm einfach nur noch ein paar Sachen sagen und mitgeben, die er jetzt noch nicht verstehen kann, aber irgendwann.“

„Alles klar, einfach hier vor dem Meer? So richtig kitschig?“ scherzte Marleen und wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht.

„Wenn schon, denn schon!“  schmunzelte nun auch Paul.

„Und wann soll ich ihm das Video zeigen?“ Marleen schaltete auf Kamerafunktion, suchte die günstigste Position und richtete das Handy auf ihren Bruder.

„Wenn du es für den richtigen Moment hältst“, Paul schloss die Augen und atmete tief durch. „Also los…“

Die Eulenfängerin

Folgende Kurzgeschichte ist ein Märchen. Für Erwachsene, um genau zu sein. Die Idee dazu kam mir schon vor längerer Zeit, als ich meine beiden Nichten beim Spielen beobachtete. Die Mädchen lieben Rollenspiele über alles und an jenem Nachmittag war die Rolle der Großen eine ganz besondere: „Ich bin die Eulenfängerin!“, rief sie, „Kommt zu mir ihr Eulen!“ Und bam, da ging das Kopfkino schon los bei mir. Bilder und Ideen wirbelten in meinen Hirnwindungen herum und ich wusste: Eines meiner Entwürfe in naher oder ferner Zukunft wird diesen Titel tragen. Inhaltlich muss ich dazusagen, habe ich mich von einem Gefühl leiten lassen, das sich die letzten Monate immer weiter in mir hochgearbeitet hat. Ein Gefühl der Enttäuschung und der Hilflosigkeit darüber, dass die meisten Menschen der Gegenwart aus unserer Vergangenheit wohl gar nichts gelernt haben. Unzufriedenheit im eigenen Land scheint immer noch Dummheit und Menschenhass zu produzieren. Aber ich möchte hier auf keinen Fall politisch ausholen, vielleicht nur ein klein wenig gesellschaftskritisch ankratzen. Aber: Einen Funken Hoffnung gibt es ja bekanntlich in jedem düsteren Märchen. Und dies ist das Märchen der Eulenfängerin…

 

Dass die Welt manchmal dunkel und kalt ist, voller gefährlicher Orte, an denen der eine dem anderen nichts gönnt, Orte an denen unheimliche und hässliche Wesen lauern, solche die einander anschreien und zerfleischen, die einander regelrecht auflauern, um sich gegenseitig zu bekämpfen und zu besiegen, ja, dass es so eine Welt ist, in der sie lebte, das wusste die Eulenfängerin nur zu gut. Sie kannte sie alle, diese besagten Länder, die ständig mehr und mehr wurden auf dem Erdenball, denn sie hatte sie schon fast alle gesehen auf ihren Reisen. Schon viele hatte die Eulenfängerin angetreten, immerhin kann man in 183 Jahren Lebenszeit so einiges schaffen, wenn man die Mühen auf sich nehmen mag. In den letzten Jahren hatte es sich die Alte nicht mehr angetan, oder nur noch selten, wenn sie fürchtete, die Eulen gingen ihr aus. Zuviel graute sie sich vor  den Wesen und ihren Abarten, und zu viel fürchtete sie, diese Abarten könnten irgendwann auch sie befallen. Die anderen wenigen, die wie sie einen Unterschlupf fanden in dieser dunklen und kalten Welt, weil sie noch ein gutes und reines Herz besaßen- und es waren nur eine Hand voll solcher- sprachen von einer Seuche, die jeden einzelnen Ort, jede Stadt, jedes Land und deren Bewohner auffraß, und nur die weisesten und tugendhaftesten aller Geschöpfe waren vor ihr sicher. Deswegen kümmerten sich genau diese um die treuen und tüchtigen Tiere der Erde, sie fingen sie ein, um sie zu beschützen und Kraft aus ihnen zu schöpfen, die die Tage einem abverlangten.

Doch waren sie wirklich sicher vor den bösen Gedanken und Taten der anderen? Die Zweifel  der Eulenfängerin wuchsen und wuchsen in all den Jahren. Aus diesem Grund verkroch sie sich mit ihren Eulen, Uhus und Kauzen in ihrem Haus in Binkerling, einem Städtchen nahe am Waldesrand und einem reißenden Fluss, den man nur über eine alte hölzerne Brücke zu überqueren vermochte. Aber die war schon seit Jahren baufällig und niemand, dem sein eigenes Leben lieb war, war so närrisch, auch nur einen Fuß auf das klapprige Gerüst zu setzen.  So kam es, dass Binkerlings einzige Bewohner die Eulenfängerin Agaleeh und der junge, etwas verrückte  Ameisenfänger Ikredus waren. Die beiden hatten nicht viel gemeinsam, die eine war alt, ständig betrübt und voller Sorge, während der andere ein optimistischer, lebensfroher Geselle war. Und während Agaleeh in dem guterhaltenen altviktorianischen Haus in der Straße eines ehemaligen Nobelviertels wohnte und sie ihre 67 Eulen in den ebenso schicken, geräumigen Zimmern des dreistöckigen Gebäudes unterbrachte, hauste Ikredus mit seinen Abermillionen Ameisen in einer heruntergekommenen Blockhütte direkt dort, wo das Städtchen endete und die Kiefern und Tannen anfingen und seine Tierchen ein herrliches Dasein in Wald und Wiesen hatten. Die vielen vielen Häuser zwischen den Beiden standen allesamt leer und man möchte meinen, dass es traurig zuging an einem so verlassenen Ort, aber tatsächlich lebten die Eulenfängerin und der Ameisenfänger ein gutes und recht frohes Leben miteinander, trotz ihrer beider Eigenheiten. Sie akzeptierten sich und das war das Geheimnis ihres friedvollen Lebens.  Nicht-Akzeptieren der ehemaligen Bewohner von Bingerling war der Grund, warum die Seuche alle anderen dahinraffte oder sie zu den grausigen Wesen machte, von denen wir schon gehört haben.

Aber nun schauen wir auf das Leben der Eulenfängerin, das sich ausschließlich um ihre gefiederten Freunde drehte. Siebenundsechzig mag vielleicht viel klingen, aber früher, als Agaleeh noch mehr gereist war, waren mindestens doppelt so viele in ihrem Besitz. Sie besaß Eulen aus allen Ländern und Kontinenten, in denen sie beheimatet waren. Wie sie das Vogelvieh wohl einfing, mag man sich vielleicht fragen. Nun, Agaleeh reiste in das Land, in das ihr Bauchgefühl sie führte und hatte nichts weiter bei sich, als einen kleinen goldenen, schwebenden Vogelkäfig. Sie wanderte und wanderte durch das Land, was oft wochen- oder sogar monatelang dauern konnte. Und wenn sie nah genug an einer Eule dran war, dann kam diese von selbst angeflogen, der Käfig schien wie ein Magnet das Tier anzuziehen, es regelrecht zu hypnotisieren.  Es flog in ihn hinein und siehe da, der Käfig wurde mit einem Mal größer. Und war die Eulenfängerin wieder nah genug an einer dran, dann kam auch diese herbei und flog in den Käfig, der dann wiederum ein Stückchen geräumiger wurde. So ging das, und es ging so lange, bis Agaleeh alle umliegenden Eulen, Kauze und Uhus des Landes eingefangen hatte und sie am Ende eine riesige Voliere über sich schweben hatte, die sie mit nach Hause nehmen konnte. Vor der schweren Elfenbeintür ihres Heims öffnete sie das Türchen des Voliere und ein tosendes Flattern rauschte über ihren Kopf hinweg ins Haus. Ein prächtiges Gefühl, ein wahrlich prächtiges Gefühl für die Eulenfängerin! Und so trug es sich zu, dass in ihrem Zuhause mal mehr, mal weniger Eulen ihre Lebtage verbrachten, bis sie eines Tages der Tod zu sich winkte.

Es waren wahrhaftig faszinierende Tiere:  Manche waren braun gefiedert oder grau oder schneeweiß und hatten ein anmutiges Gesicht, beinah könighaft, manche waren in Wesen und Aussehen verschmitzt und drollig, und einige wirkten sogar gefährlich, doch Agaleeh wusste um das Naturell ihrer Federtiere. Sie waren Jäger, natürlich, um das eigene Überleben zu sichern, das war der pure Instinkt, das jedes Tier in sich trägt. Fressen und Gefressen werden, der Lauf der Natur. Aber die wesentliche Eigenschaft, die Kraft dieser faszinierenden Tiere war ihre Klugheit und Weisheit. Besonderheiten, die auf der Welt so selten geworden waren, und Agaleeh hatte die ehrenhafte Aufgabe, sich um sie zu kümmern.

Agaleehs Haus war ein magisches Fleckchen, denn sie machte es magisch, um das Grau vor der Haustüre zu vergessen. Bunte  Bordüren zierten die goldenen Wände im Inneren, und der Boden war mit weißem, kuscheligem Fell bedeckt. Von der Decke baumelten glänzende Vogelkäfige- natürlich waren die Türchen nicht versperrt, immerhin waren die Tiere der Eulenfängerin nicht wirkliche Gefangene, sondern Gäste- und zwischen den Käfigen hingen geflochtene Weidenstränge, die den einen mit den anderen verband. Möbel gab es kaum in Agaleehs Haus, im großen Wohnzimmer stand nur ein lederner Ohrensessel und in den oberen Gemächern ein großzügiges Bett; mehr brauchte und wollte die Alte nicht, sie lebte für ihre Aufgabe, die ihr vor vielen Jahren zuteilwurde. Die Fenster mit den bronzenen Rahmen standen weit geöffnet, damit die Eulen, Kauze und Uhus ihre täglichen Runden fliegen konnten. Das Leben unserer vergreisenden Eulenfängerin  war gut und beschaulich, sie war zufrieden, aber nichts desto trotz war tief in ihr diese Angst vor der Außenwelt, der dunklen Seuche, die so viel ausgemerzt hatte. Denn auch, wenn sie verschont geblieben war und sie eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte, etwas hatte sich durch die Seuche auch in ihr geändert: Das bedingungslose Vertrauen, das Urvertrauen, das eine Gefühl, das uns in die Wiege gelegt wird, war fast zur Gänze verschwunden. Das stimmte Agaleeh unglaublich traurig.

Warum änderst du nichts an deiner Traurigkeit, fragte die Schneeeule Krim sie eines Abends, als draußen Sternschnuppen wie Regentropfen vom Himmel flogen. Agaleeh und Krim saßen am großen Fenster an der Südseite und betrachteten das Himmelsspektakel.

„Ach, meine liebe Krim“, antwortete Agaleeh tief seufzend, „was soll ich nur dagegen tun? Sie kommt von ganz innen, meine Traurigkeit, und etwas, das so tief im Herzen ist, kann man nicht ändern. Das ist wie mit der Liebe. Wenn sie da ist, ist sie da.“

Krim wurde ganz still, hob tief atmend ihre weiß gefiederte Brust und blickte in die Ferne.

„Du sprichst weise Worte, aber unterschätze nie die Macht der eigenen Träume. Denn sie sind es, die uns antreiben. Sag mir, liebste Agaleeh, sag mir, welches ist dein Traum?“

„Mein Traum? An den habe ich seit Jahren keinen Gedanken mehr verschwendet, was bringt das schon? Die Welt ist, wie sie ist.“

„Sag schon“, beharrte Krim.

Die Alte musste über die Hartnäckigkeit der Schneeeule schmunzeln. „Seit Kindertagen träume ich von einer Welt, in der alle Wesen leben können ohne überleben zu müssen, einer Welt ohne Abgestumpftheit.  Seit Kindertagen! Und was ist passiert? Es wurde von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schlimmer und heute ist es schlimmer denn je, die Bewohner dieser Erde sind dümmer und hasserfüllter als je zuvor. Also, sag mir, was bringt mir mein kindischer, naiver Traum schon?“

„Glaube an ihn und finde Gleichgesinnte. Es gibt sie da draußen. Du sitzt nur schon viel zu lange hinter verschlossenen Türen, meine liebe Agaleeh. Wer die Tür nicht öffnet, kann nicht sehen, was vor ihr geschieht. Finde Gleichgesinnte und redet. Redet miteinander, redet mit anderen. Sprecht so laut, dass euch auch jene hören, die euch nicht hören wollen. Vielleicht wird dein Traum nie die Wirklichkeit verdrängen, das mag stimmen, aber möglicherweise werden Wesen in der Wirklichkeit ein kleines bisschen von deinem Traum einfangen, weil sie wie Eulen sind. Dein Traum ist dein Käfig und wird die Erdenbewohner anziehen, die noch tief im Inneren ein gutes Herz haben, aber nur vergessen haben auf es zu hören. Vielleicht Agaleeh, vielleicht hören sie dich und deinen Traum. Geh fort und fange sie ein, wie du uns Federvieh einst gefangen und gerettet hast!

In dieser Nacht schlief Agaleeh kaum, die Gedanken schwirrten ihr wie wild um dem Kopf, und lange,  bevor die Sonne ihre ersten Strahlen über die Dächer von Bingerling warf, war die Eulenfängerin auf und davon. Die kräftigen Flügel der Schneeeule Krim trugen sie im Traume über das kleine Städtchen hinfort, weit weg von den ihr so vertrauten Bäumen und Steinen, fort von dem Alltag und der Sicherheit, die ihr ihre Eulen und ihre vier Wände schenkten. Als Agaleeh erwachte, fand sie sich in einem zauberhaften Wäldchen wieder, voll farbenprächtiger Frühlingsblumen und sattgrünem Klee, und fröhliches Vogelgezwitscher stimmte ihre aufschäumende Unsicherheit mit einem Mal um in Erleichterung. Die alte Krim hatte ihr die Entscheidung abgenommen und sie ins kalte Wasser geworfen. Agaleeh war nun hier, weg von ihrem Zuhause, um sich ihrer wichtigsten Aufgabe zu stellen: Sie würde auf dieser Reise keine Eulen fangen wie sie es das letzte Jahrhundert getan hatte, nein, sie würde MENSCHEN suchen. Die Eulenfängerin vergaß ihre Angst und machte sich voller Hoffnung auf dem Weg. Sie sog die frische Waldesluft auf und sah sich an den bunten Farben satt, die sich ihr boten. Nach einigen Stunden wurde der Wald lichter und sie gelang auf eine große Wiese. „Agaleeh,  warte, so warte doch!“, rief eine verschnaufte Stimme hinter ihr. Es war der Ameisenfänger, der ihr gefolgt war. Ikredus tauchte zwischen den dicken Stämmen der Tannen und Kiefern auf und lächelte sie an, freundlich und optimistisch wie immer.

„Ich hatte mir überlegt“, so sagte er, langsam wieder zu Atem kommend, „dass man für eine so gewaltige und wichtige Reise, so wie du sie antrittst, auf jeden Fall einen Gefährten an seiner Seite braucht.“

Die Alte lächelte zurück und war erleichtert, dass sie nicht mehr alleine war. Sie sah, dass sie hoch auf einen Hügel standen und von dort aus ins Tal blicken konnten.  In ihrem Herzen tat es einen dumpfen Schlag. So schnell, wie ihre Hoffnung in ihr aufgeschäumt war, so schnell verpuffte sie jetzt bei diesem grauenhaften Anblick. Das Tal war in ein Grau getaucht, so düster wie man es sich kaum vorzustellen mag. Dunkler Rauch stieg in den Himmel und mit ihm ein Wimmern und Weinen von Menschen. Der herrliche Blütenduft von eben verblasste und wurde von einer stinkenden und stickigen Luft verdrängt. Willkommen in der modernen Welt, flüsterte Agaleeh leise. Was sollte sie hier? Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Warum hatte sie sich diese offensichtlich völlig verrückten Idee von dieser dummen Krim aufschwatzen lassen? Schon wollte sie Ikredus sagen, dass das alles keinen Sinn mache und sie besser kehrt machen sollten, da hörten sie von weit oben den Schrei der Schneeeule. Agaleeh richtete ihren Blick nach oben und sah Krims Flügelschlag in den Wolken aufblitzen.

„Sieh nur“, rief Ikredus.

Durch den schwarzen Nebel tauchte plötzlich ein riesengroßer Vogelkäfig auf, er besaß ein kräftiges Seil gewoben aus unzähligen Schichten Seide und er war weiß und silbern und glänzend in all seiner Pracht. Der Käfig durchbrach die Farblosigkeit des Tales und erleuchtete den Himmel bis zu Horizont. Ehe sie ihr Staunen in einen klaren Gedanken verwandeln konnte, konnte sie Gestalten erkennen, die aus dem Grau zu ihr und dem silbernen Käfig emporstiegen. Es waren Menschen, deren Augen Hoffnung und Reinheit besaßen; sie kamen zu ihr mit einem Lachen und Jubeln, so wie sie es seit Jahren und Jahrzehnten nicht mehr vernommen hatte. Die Alte spürte eine Freude in ihrem Herzen aufflammen und vergaß alles, was sie einst gehindert hatte, diese Freude zu empfinden. Die Menschen kamen und umarmten die Eulenfängerin und seilten sich an dem Seidenstrang nach oben in den Käfig und nahmen Platz. Sie waren bereit für ihre Rettung und für ein neues Leben ohne Zerstörung und sie waren bereit, gemeinsam mit Agaleeh und Ikredus weiterzuziehen und noch mehr Menschen einzusammeln. Und die Eulenfängerin war es auch.

 

 

 

Die andere Frau

Vor einigen Jahren machte ich mit einer Freundin einen Backpacker-  Urlaub in den USA. Wir statteten während unseres Abenteuers auch der Hippie- Metropole einen Besuch ab und ich kann euch sagen: San Francisco ist wunderwunderschön, but there`s a lot of crazy People… really crazy People!!!

Ich erinnere mich an eine Frau- wir begegneten ihr auf dem Bürgersteig auf dem Weg zur Bushaltestelle- sie war nicht besonders alt, aber sie wirkte verbraucht, erschöpft und fern der Realität. Sie redete und schimpfte mit jemanden, der gar nicht da war und wirkte in ihrer imaginären Konversation sehr aufgelöst. „Shut up!“, rief sie, „shut the fuck up!“ Ihren wirklichen Namen kenne ich natürlich nicht, aber ich nenne sie Elli, weil  San Francisco`s Straße mit den unzähligen verrückten und bedauernswerten Gestalten eben die Ellis street ist. Und dies ist Ellis Geschichte…

Elli hatte einen harten Start in diesen Morgen, weil die Tabletten, die sie am Tag zuvor genommen hatte, wie so oft, nicht anschlugen. Sie wachte früh auf, mit einem hämmernden Kopf und schwitzend auf dem Sofa liegend. Die Stimmen hatten sie aufgeweckt. Die Stimmen, die mit ihr sprechen, wenn die Tabletten nicht ihre Wirkung zeigen. Ruckartig erhob sich die dünne Frau mit den zitternden Händen und dem für ihr Alter schon sehr eingefallenen Gesicht, zog sich an und ging ins Badezimmer um sich das Gesicht zu waschen. Das eiskalte Wasser auf der Haut fühlte sich gut an und für den Moment waren die Stimmen verschwunden. Mit Kopf und Armen ins Waschbecken gebeugt verharrte sie in der Position und ließ das Nass an sich heruntertropfen. Als sie sich anschließend im Spiegel betrachtete, sah sie auch die Person hinter sich. Sie erschrak nicht, denn diese Frau, die hinter ihr im Spiegelbild zu sehen war, kam jeden Morgen zu ihr. „Was willst du hier schon wieder?“ fuhr Elli sie fauchend an. „Dasselbe wie immer,“ antwortete die Frau, die beinahe genauso aussah wie Elli. Etwas jünger, mit einem strahlenderem Gesicht vielleicht, vitaler wenn man so will und die kastanienbraunen Haare gewaschen und gepflegt. „Ich leiste dir Gesellschaft und will dir helfen, dass du wieder du selbst wirst.“ „Dazu brauche ich dich nicht, das schaffe ich ganz gut alleine, also mach, dass du hier verschwindest!“ Elli drehte sich um und tatsächlich war die andere verschwunden. Na also, dachte sie bei sich und machte sich auf den Weg in die Küche, um Kaffee zu kochen, guter Dinge, dass der heutige Tag besser werden würde, als die letzten. Doch sie täuschte sich. Die andere Frau stand an ihrem Herd und hatte den Kaffee aufgesetzt, und den Tisch reizend für das Frühstück gedeckt. Dieser hübsche, perfekt anmutende Frühstückstisch mit den penibel gefalteten Servietten, dem guten Hochzeitsgeschirr und den orangen Tulpen passte nicht in diese Wohnung. Nicht mehr. Es war hier mal nett und ordentlich gewesen, doch das ist schon lange vorbei, Elli schaffte es ja kaum, saubere Kleidung in den Räumen zu finden,  geschweige denn, die Fenster zu putzen oder frische Blumen in eine Vase zu geben.

„Schau nur, früher hat es an deinem Tisch immer so nett ausgesehen, als du noch für deine Familie zu sorgen hattest.“ „Halt den Mund! Ich dachte, du wolltest gehen!“ „Aber nein, Elli, ich verlasse dich nicht wie dein Ehemann, immerhin hast du einen Verlust zu verarbeiten. Ich bin stark genug, um dir über den Verlust von…“ „Sei still, hab ich gesagt! Sei still und verschwinde!!“ brüllte Elli sie explosionsartig  an und schlug die Tassen und Teller vom Tisch. „Nanana, jetzt trinkst du erst mal deinen Kaffee und nimmst deine Tabletten und dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“ beruhigte sie die Andere mit ruhiger Stimme.

Jetzt wurde es Elli zu viel. Sie spürte wie sich der Raum vor ihren Augen weitete und wieder zusammenzog und wie die Stimme der anderen Frau leiser wurde und die Stimmen in ihrem Kopf wieder lauter. Sie hörte das Klopfen an der Haustür und das Rufen der besorgten Nachbarin wie so oft nicht, sondern bohrte ihre Fingernägel durch das Haar in die Kopfhaut und schloss die Augen, was aber alles noch verschlimmerte. Die Andere kam nun auf sie zu und wollte sie festhalten, aber Elli schrie, fing an zu heulen und stürmte aus ihrer eigenen Wohnung. Sie schubste Mrs. Averton aus der Nachbarwohnung, die vor der Tür wartete und helfen wollte, zur Seite und rannte den langen Flur und die Treppen hinunter auf die Straße. Die andere Frau folgte ihr und versuchte immer wieder auf sie einzureden, aber Elli war so in Rage, dass sie beinahe von einem Auto angefahren wurde. „Elli, wenn du dich nur zusammenreißen würdest.. die Leute starren dich schon an!“ hörte sie die andere sagen. Sie drehte sich um und brüllte: „Halt dein Maul, halt dein verdammtes Maul!!“

Aber die andere Frau hatte wohl recht. Alle starrten sie an. Auch wir, meine Freundin und ich konnten nicht wegschauen, wir wollten zwar, konnten aber nicht. Ich dachte nur: Was musste dieser armen Frau nur widerfahren sein, dass sie weinend und wütend auf der Straße steht und jemanden anschreit, der gar nicht vor ihr steht…