Brief an die Veränderung

Hallo Veränderung,

meine Freundin, meine Feindin,

du Botin des Zweifels und der Unsicherheit, du hoffnungsgebender Funken.

Ob dies ein Liebesbrief an dich ist oder eine Abrechnung, das kann ich gar nicht so genau sagen. Wie auch, ich weiß ja nicht einmal, ob ich dich mag oder nicht. Das Leben ist eine Waage, die ihre Gewichte mal auf der einen Schale, mal auf der anderen trägt. Ab und zu, wenn alles gut läuft, dann hält sie die Balance, weil alles genau richtig ist. Und dann kommst du ins Spiel, Veränderung. Wirfst plötzlich ein Gewicht dazu oder nimmst eines weg. Bringst die Waage ins Wanken. Manchmal da erscheinst du gar als Welle und nimmst ihr völlig den Halt. Spülst sie fort und alles muss von vorne beginnen.

Ich weiß, du kommst manchmal unvorhersehbar. Dann bist du mir meist nicht willkommen und ich verabscheue dich. Weil du alles in mir zerreißt und mich aus meiner gut funktionierenden Bahn wirfst. Dann scheuchst du mich ins Bett und lässt mich die Decke über den Kopf ziehen. Dann möchte ich nichts hören und nichts sehen und ich warte, bis du wieder fort bist. Aber … du gehst nicht weg. So ist das nun mal mit dir. Wenn du da bist, bist du da, einen Rückwärtsgang besitzt du nicht. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als dir mitten ins Gesicht zu blicken. Du bist meine immer wiederkehrende Gegnerin. Aber geschlagen hast du mich noch nie.

Nicht immer spielst du auf der anderen Seite des Spielfeldes, nein, gelegentlich sind wir auch in einem Team, du und ich. Manchmal bin ich  deine Schülerin. Deine Lektionen? Hart. Überraschend. Lehrreich. Schön. Und stärkend. Du faszinierst mich. Weil du nicht nur gut und nicht nur schlecht bist. Du bist beides, gar oft zur gleichen Zeit. Und in welcher Form du kommst – das fasziniert mich erst recht! Kommst du als Mensch, als Ereignis, als Entscheidung? Tauchst du in der Welt auf, die mich umgibt oder aber tief in mir drin? Es ist immer anders, DU bist immer anders. Du bist beeindruckend. Erschreckend beeindruckend.

Ab und zu, ja, da sehn ich dich sogar herbei. Ich gebe zu, dass ich dich auch brauche. Weil mich die Herausforderung reizt, die du wie eine kleine rote Gießkanne in der Hand hältst und die meine Wurzeln tränkt. Dann wachse ich an dir. Und du verzauberst mich, weil dich ungeatmete, funkelnde Luft umgibt, die ich tief einsauge. Ich sauge sie ein, ganz tief, und es kribbelt in mir, vor Stärke.

Ich weiß, du bist unvermeidbar und du gehörst dazu. Jeden Tag. Du bringst den Morgen und die Nacht, wirfst die Blätter von den Bäumen und treibst Knospen. Du malst mir Falten ins Gesicht und sorgst dafür, dass ich die vielen kleinen Geschichten meines Lebens erzählen kann. Nicht immer verstehe ich den Grund für dein wankelmütiges Dasein, aber ich weiß, dass du am Ende immer deinen Sinn hast. Irgendwie hast du den tatsächlich.


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Die rote Leine

Oft passiert etwas in uns und dieses Etwas – ganz gleich, was das sein mag – ändert alles. So wie beim Protagonisten meiner neuen Kurzgeschichte, auf die ich gekommen bin, als ich irgendwo folgenden Satz gelesen habe: „Seine Welt veränderte sich an einem Dienstagnachmittag.“ Ein fantastischer Satz um eine Geschichte darum zu weben.

Seine Welt veränderte sich an einem Dienstagnachmittag. Eigentlich hatte sich seine Welt ja schon oft verändert, aber dieses Mal hob sich von den anderen Malen ab. Es fühlte sich anders an. Er musste schmunzeln, weil er es absurd fand. Immerhin hatte er einen Krieg hinter sich, hatte seine Frau bereits vor 27 Jahren zu Grabe getragen und seinen Zwillingsbruder vor fünf Jahren. Mit seiner Frau bekam er niemals Kinder, obwohl sie es sich immer gewünscht hatten. Das alles waren einschneidende Erlebnisse. Erlebnisse, die ihn auf kurze oder längere Sicht einknicken, doch niemals aufgeben ließen. Jedoch hatte er sich niemals so einsam gefühlt wie in diesem Augenblick, als er auf dieser Bank saß, in einem Park nur eine Ecke weit von der Tierarztpraxis entfernt, in der er gerade seinen Hund einschläfern lassen musste. In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten war er sein treuer Weggefährte gewesen, aber Himmel nochmal, es war ein Tier. Sein Tod konnte doch niemals schlimmer sein, als das, was er schon alles durchgestanden hatte!

Und doch. Er saß auf dieser Parkbank zwischen einer hageren Birke und einem von Eisbechern und Papiertüten überfüllten Mülleimer und war wie gelähmt. Starrte durch seine dünne Brille geradeaus auf den Schotterweg, an dem Radfahrer und Rollschuhfahrer vorbeizogen. Leute, die Gassi gingen mit ihren Hunden. Weinende Kinder, die keine Lust auf Spaziergänge im Park hatten, mit ihren Müttern, die die ersten sommerlichen Tage draußen eigentlich genießen wollten. Verliebte, junge Leute, die turtelnd kicherten. Geschäftige Anzugträger, die mit Handys am Ohr hektischen Schrittes voranschritten. Einige Senioren, wie er es war, die ihren Tag herumzukriegen versuchten. Sie alle gingen an ihm vorüber und hatten keine Augen für den alten Mann in der braunen Cordhose, dem Leinenhemd und der Weste. Den Mann, der eine rote Hundeleine in seinen Händen festhielt und dessen Welt gerade zusammenbrach. Von den Büschen hinter ihm flatterten kleine weiße Blüten durch die Luft, einige verfingen sich in seinem ebenso weißen Haar. Er bemerkte es nicht. Er bemerkte auch nicht die zwei kleinen Spatzen, die neben seinen Füßen nach Krümel pickten. Den Eiswagen, der an der Hauptstraße weiter hinten stehengeblieben war und mit seiner schrillen Glocke Kunden anlocken wollte, vernahm er auch nicht. Er hörte weder den Wind noch die Hintergrundgeräusche der Stadt. Das einzige, was bis in sein Ohr drang, war das gleichmäßige Aneinanderschlagen der Hundeleine auf die Parkbank.
Der Köter war das einzige, was ihm in seinen alten Tagen noch Freude bereitete und ihm eine Aufgabe gab. Er musste sich um das Tier kümmern und das fand er wundervoll. Morgens raus, füttern, mittags nochmal raus, füttern, Mittagsschläfchen, nachmittags ein langer Spaziergang oder Erledigungen nachgehen. Abends heim. Baden. Alle zwei Tage. Jack war ein lebendiger Hund, sogar am Ende seiner Tage, ließ er es sich nicht nehmen, sich in Pfützen zu suhlen. „Mein kleines Schweinchen“, lachte sein Herrchen dann. Jetzt war das Schweinchen tot. Starb, während er gestreichelt und beruhigt wurde. Eigentlich schön. So wünscht es sich doch jeder zu sterben.

Der Alte fragte sich: „Welche Aufgabe in meinem Leben habe ich jetzt noch? Nichts ist mir mehr geblieben. Alle, die mir jemals etwas bedeutet haben, sind nun fort. Ist es wirklich schon so lange her, dass ich Maria das letzte Mal im Arm hielt? Wie schön sie war. Wie gut sie zu mir war. Mein Gott, was habe ich sie geliebt! Sie hat mich gerettet, damals. Hat mich aus meinen Alpträumen rausgeholt, die nicht einmal dann zu Ende waren, als ich aufgewacht bin. Maria hat mir den Glauben an das Gute zurückgegeben, nachdem ich monatelang Händchen haltend mit der Angst durchs Kriegsgebiet gezogen bin. Wie viele Menschen habe ich sterben sehen? Dutzende. Hunderte.“ Ihm wurde bewusst, dass er all diese Menschen heute noch einmal sterben sah, in dem Moment, als Jack die Augen für immer zugemacht hatte. Er sah seine Kameraden verrecken, sah seine Frau, wie der Krebs sie nach kurzem, aber qualvollen Kampf mit sich riss, spürte die dahinschwindende Hand seines Zwillingsbruders Pete. Mit ihm hatte der Alte damals den kleinen Border Terrier im Tierheim abgeholt. Er erinnerte sich daran, als ob es gestern gewesen wäre. „Nimm den da hinten, der hat dieselben gutmütigen Augen, wie sie Maria hatte“, schmunzelte Pete neckisch. Und ja, er hatte Recht gehabt. Jacks Wesen war dem seiner verstorbenen Ehefrau ähnlich, und so hatte er seit jenem Tag das Gefühl, ein Stück von Maria wieder bei sich zu haben. Und das war wundervoll.

Eine Träne lief ihm über die Wange und malte anschließend einen kleinen Fleck auf seine Hose. Er stand auf, nahm seine Brille kurz ab und wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Seit dem Krieg hatte er nicht mehr geweint. Aber dieser Dienstagnachmittag veränderte alles in seinem Leben. Nicht bloß, weil sein Hund gestorben war, nein. Weil sich in ihm alles veränderte. Weil er zum ersten Mal sein langes Leben in dem einen treuen Lebewesen sah, das heute auf dem OP- Tisch seinen letzten Atemzug getan hatte. Nun wusste er, dass genau das, was er sein Leben lang als Fluch angesehen hatte, nämlich, dass er allen ihm wichtigen Personen im Moment der Stille beistand, seine Aufgabe auf der Welt war. Und ja, er war stark genug dafür gewesen. Hatte immer weitergemacht, nach vorne geblickt. Mit dem heutigen Tag, so beschloss er, war allerdings genug. Er hatte alle, die er jemals in sein Herz schloss, bis an ihr Ende begleitet.

Die Sonne schien. Die Vögel zwitscherten. Die Welt drehte sich weiter. Auch ohne die, die sie verlassen hatten. Und ohne die, die sie bald verlassen würden. Der alte Mann legte die rote Leine über die Parkbank, glitt mit seinem Daumen noch einmal darüber und nahm Abschied. Ging langsamen Schrittes Richtung Hauptstraße. Sein Name war übrigens Kai und er war – wie die Bedeutung seines Namens erahnen ließ – ein Kämpfer. Bis zum Schluss.


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Die Melodie, die ich (fast) vergaß

Ich bin jemand, dem unzählige Details oder Situationen auffallen, die ich später fürs Schreiben verwende. Ich fotografiere sie, notiere oder halte sie einfach als Erinnerung fest. Wie auch folgende kurze „Begegnung“ in Venedig. Sekundenbegegnungen nenne ich solche Aufeinandertreffen, die, ja eben nur einige Sekunden dauern, aber in mir einen starken Eindruck hinterlassen. Als ich damals durch die Gassen schlenderte, konnte ich ein leises Singen vernehmen und entdeckte ein blondes Mädchen an einem Fenster über mir. Leider hörte sie zu singen auf, als sie sich von mir beobachtet fühlte. Und ich dachte: Was geht in dem Kopf eines Mädchens vor, die so verträumt und so wunderbar melancholisch vor sich hersingt? Welche Geschichte hätte sie wohl zu erzählen?

Der Himmel ist voller Wolken. Wann fängt es denn endlich an zu regnen? Schon seit ein paar Minuten stehe ich am Fenster und warte darauf, dass die ersten Tropfen fallen. Frischer Regen riecht so gut, ja, das ist mein Lieblingsduft. Papa ist in der Küche und kocht. Er ist wieder sehr müde heute, das merke ich. Wahrscheinlich gibt es Suppe aus der Tüte, die geht schnell und schmeckt lecker, sagt er immer. Dann hat er auch wieder Zeit, schnell zur Arbeit zu fahren. Was ich heute mache, weiß ich noch nicht. Hausaufgaben machen. Ganz schön viele habe ich heute zu erledigen. Und dann könnte ich mir die Bilder aus der Zeitung ausschneiden, die mir Tante Jo gebracht hat. Mein Zimmer ist fast ganz zugeklebt mit Bildern, aber ich finde es schön, wenn ich alles an den Wänden hängen habe, was mir gefällt. Und wenn ich sie nicht mehr mag, dann nehme ich sie wieder runter. Papa schimpft manchmal mit mir, weil die Farbe etwas abblättert, aber was soll’s. Mich fragt ja auch nie jemand danach, was mir passt und was nicht. Warum muss man als Kind eigentlich ständig das tun, was einem die Großen sagen? Unfair. War das ein Regentropfen? Nein, hab mich getäuscht. Ich atme meinen Ärger hinaus und beobachte die Leute unten auf der Straße. Sie gehen an unserem hellblauen Haus vorbei und bewundern die weißen, abblätternden Fenster mit den violetten Jalousien und den kitschigen Blumen, um die sich Tante Jo immer kümmert. „Man soll ja auch sehen, dass eine junge Frau hier wohnt“, sagt sie dann mit keckem Lächeln, während sie mir zuzwinkert. Manche schießen Fotos von unserem Haus. Meistens die Touristen. Ich stehe oft hier am Fenster und schaue mir die vielen Menschen an. Junge, alte, Lärm-Machende, Verliebte, schreiende Babys, verrückte Landstreicher und Touristengruppen, die einer lauten Frau mit Schirm hinterherrennen. Ich kenne sie alle. Niemand hat Augen für mich, dem kleinen Mädchen am Fenster, das auch gerne öfters das Haus von außen sehen würde. Ich beginne die Melodie zu singen, von der ich nicht mehr weiß, welches Lied es ist. Nur eine Strophe kann ich noch auswendig. Papa sagt, dass Mama das Lied immer vor sich hingeträllert hat. Aber er kennt den Text nicht, weil er fast nie zuhause war und das Lied habe ihn eh bloß jedes Mal traurig gemacht. Ich summe die Melodie so lange bis der Teil kommt, den ich kenne.

Denn selten, aber manchmal, hab ich noch deine Lieder im Ohr,
wenn ich »selten« sage, mach ich mir manchmal wohl was vor.

Den Satz singe ich also lauter, immerhin hört mir keiner zu. Ich liebe es zu singen und stelle mir vor, wie ich auf einer kleinen Bühne stehe und im Publikum haufenweise Feuerzeuge angehen, um sich bei meinem Lied hin und her zu wiegen. Trotzdem halte ich mich zurück, ich will ja nicht, dass mich jemand hört. Zu spät. Die Frau, die da unten vorbeispaziert, schaut zu mir hoch und lächelt mich an. Hat sie mich gehört? Ich verstumme und beobachte sie. Lacht sie mich aus? Hmm … Sie scheint sich über mein Lied gefreut zu haben. Hat sie mich deshalb angelächelt? Das kann nicht sein. Papa unterbricht meine Musik fast immer. Er brauche Ruhe und dann verdreht er immer genervt die Augen. Ich glaube allerdings, dass mein Gesang ihn traurig macht und ihn an Mama erinnert. Ich denke gerne an sie, darum singe ich, auch wenn ich nicht mehr alles von dem Lied weiß. Nur den einen Satz. Die Frau auf der Straße lächelt mir noch immer zu und winkt ganz heimlich. Als ob das ein Geheimnis wäre zwischen ihr und mir. Ich winke nicht zurück, aber folge ihr in Gedanken um die Kurve. Sie biegt rechts ab, sodass ich sie nicht mehr sehen kann. Ich hätte zurückwinken sollen. Papa hat mir beigebracht, freundlich zu den Menschen zu sein, auch zu denen, die ich nicht mag. Weil es sich so gehört. Und weil man dann auch gut behandelt wird, meistens jedenfalls. Ich weiß nicht, warum ich auf den Gruß dieser Frau nicht reagiert habe. Vielleicht weil mir zum ersten Mal seit Mamas Tod jemand beim Singen zugehört hat. Und ich mich geschämt habe und gefreut zugleich. Keine Ahnung, wie ich manche Gefühle benennen soll. Wenn man so viel gleichzeitig spürt, ist das auch wirklich schwierig. Jedenfalls ist die Frau nun fort und ich stehe wieder hier für mich alleine am Fenster und summe die Melodie zu Ende, von der ich nicht mehr genau jeden Ton weiß. Ich habe Angst, sie mehr und mehr zu vergessen. Genau an dieser Stelle zum Beispiel … Wie geht es da gleich nochmal weiter? Ich summe ein paar Versuche, die sich alle nicht richtig anhören. Mist. Papa ruft mich. Das Essen ist fertig. Ich schließe das Fenster, schlucke die letzten Töne runter und gehe zu ihm in die Küche. Und natürlich hatte ich Recht, es gibt wieder einmal Fertigsuppe.

Anmerkung:

Die original Liedzeile stammt übrigens aus dem Song „Selten aber manchmal“ von Dota. 😉


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Der Blick

Oft fehlt uns einfach der Blick dafür, weil es um uns herum zu hektisch ist, weil die Zeit regelrecht rast. Weil sie fehlt. Weil wir müde des Tages sind. Und dann sehen wir es nicht.

Das, was uns ausmacht.

Das, was wir lieben,

und brauchen.

Das, was uns stärker macht,

und uns tröstet.

Das, was uns lebendig fühlen lässt,

und das Beste aus uns rausholt.

Das, was uns so tief bewegt, dass es schon beinah‘ Angst macht,

aber am Ende so wahnsinnig schön ist.

Das, was uns ein gutes Gefühl gibt

und uns strahlen lässt –

von ganz tief innen heraus.

Das, was uns antreibt

und unsere Lust entfacht, die Welt wieder zu bestaunen.

Vielleicht, wenn wir unseren Schritt verlangsamen, wir uns zurücklehnen, und einmal tief durchatmen, wenn wir ganz genau hinsehen – ja, vielleicht erkennen wir all das auch wieder.


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Der Leuchtturmwärter

Vorausgeschickt: Ich habe ein Faible für Leuchttürme. Ich mag die Orte, an denen sie stehen, ich mag das, wofür sie stehen und ich mag ihr hoffnungsvolles Leuchten. Als ich im Reiseführer „Atlas Obscura“ von dem Schicksal des Leuchtturmes Rubjerg Knude Fyr in Dänemark gelesen habe, musste ich einfach eine Geschichte über ihn schreiben.

Weiters muss ich sagen, dass ich nicht besonders religiös bin, aber das Gelassenheitsgebet ist ein Satz, der einem Kraft gibt und den ich mit in meine Geschichte mit einfließen ließ.

„Gott, gib uns
die GELASSENHEIT Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können,
den MUT Dinge zu ändern, die wir ändern können
und die WEISHEIT, das eine vom anderen unterscheiden zu können“

Hier meine Symbiose dieses besonderen Leuchtturmes und den wundervollen Worten – viel Vergnügen damit!

Im Leuchtturm der Insel Fürton hoch oben im Norden hauste ein einsamer Mann. Er wurde hier geboren, lebte und arbeitete hier und war sich sicher, auch seinen Lebensabend hier zu verbringen, doch dafür hatte er ordentlich zu schuften. Aber erstmal von vorne.

Der Leuchtturmwärter war nicht immer einsam gewesen. Die Sandinsel war einst sehr belebt und beliebt bei Touristen aus fernen Ländern. Es herrschte reges Treiben, die Menschen liebten die rauhe, malerische Vegetation und die Abgeschiedenheit an diesem beinahe traumhaften Ort. Der gesellige und freundliche Leuchtturmwärter konnte das gut verstehen, er selbst war dermaßen glücklich hier, dass er sich nie hätte vorstellen können, irgendwo anders zu leben. So wie er waren alle Menschen hier zufrieden mit ihrem bescheidenen Leben fernab des Trubels auf dem Rest der Welt.

Leider gewann der Sand auf Fürton irgendwann Überhand und die Insel schien sich selbst zu verschlingen. Wind und Wasser trieben immer mehr Sand ins Landesinnere und die beschaulichen Häuser rund um den Leuchtturm waren nach nur wenigen Monaten verschwunden- und mit ihnen die Menschen, die darin lebten. Die meisten verließen ihre Häuser und Fürton, bevor es zu spät war, aber einige weigerten sich der Insel den Rücken zu kehren und wurden eins mit ihr. Entsetzt und ungläubig musste der alte Leuchtturmwärter mit ansehen, wie die Leute weniger und weniger wurden. Touristen kamen schon lange nicht mehr und von seinem geliebten Zuhause war kaum mehr übrig als eine Sanddüne, die sich an die nächste reihte. Und mittendrin ragte der Leuchtturm aus dem Meeressand, stolz, einsam und widerspenstig. Mehrere Stunden am Tag verbrachten die noch Verbliebenen damit, sich gegen die sandige Flut zur Wehr zu setzen. Sie schaufelten die Massen aus dem Inneren des Turmes und versuchten mit Bäumen, die sie um den Turm gepflanzt hatten, diesen vor dem „Ertrinken“ zu retten. Aber es half alles nichts.

„Wir müssen Fürton verlassen, bevor uns das gleiche Schicksal ereilt wie den Narren, die sich in ihren Häusern verschanzt haben. Wir können nichts mehr tun.“

„Nein!“, schrie der Leuchtturmwärter entsetzt. „Der Sand hat alles um uns aufgefressen, wir können nicht zulassen, dass dasselbe mit dem Herz dieser Insel passiert. Damit würden wir unsere Heimat aufgeben!“

Doch die anderen hörten nicht auf den Leuchtturmwärter.

„Manches kann man leider nicht ändern. Und irgendwann muss man es akzeptieren“, sagten sie traurig und so kam es, dass auch die letzten Widersacher den Kampf aufgaben und nur noch der Leuchtturmwärter selbst zurückblieb, als letzter Bewohner Fürtons.

Seit diesem Tage hatte er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Turm als einziges Übrigbleibsel seiner Heimat zu retten, ihn vor dem Verschwinden zu bewahren. Montag bis Sonntag schaffte er rund um die Uhr so viel Sand weg, wie er nur konnte und versuchte mit den wenigen Resten der verschütteten Häuser eine Art Schutzmauer an der Seite des Turmes zu bauen, von der am meisten Sand herbeigetragen wurde. Doch jeden Morgen, als der Leuchtturmwärter erwachte und von seiner einzigartigen Behausung hinunterblickte, stellte er immer wieder enttäuscht fest, dass seine Bemühungen vom Vortag umsonst gewesen waren. Die Arbeit wurde so von Tag zu Tag mehr und die Kraft des Leuchtturmwärters immer geringer. Es war zu viel für einen Mann. Zu viel Arbeit, zu viel Enttäuschung, zu viel vom Gefühl, umsonst hier zu sein und vor allem: zu viel Einsamkeit. Ja, dem alten Leuchtturmwärter fehlten die Menschen, ihre Gespräche vor den Haustüren, das Kamerablitzen der Ruhesuchenden und die Genügsamkeit. All das war fort und von dem, was noch übrig war, wurde immer weniger und weniger. Es war die siebente Woche, als in der Nacht ein heftiger Wind aufkam, ein Sturm, der den Leuchtturmwächter erst zur Mittagsstunde erlaubte, aus seinem Badezimmer zu kriechen, in dem er sich schutzsuchend verschanzt hatte.

„Oh nein, oh nein!“, rief er verängstigt und eilte mit rasendem Herzen zum Ausguck des Turmes, als er das Erahnte vor sich sah: Der Sand war die letzten Stunden meterhoch herangetragen worden und der Leuchtturmwärter konnte von hier aus mit seinen Händen nach ihm greifen. Was bedeutete, dass er den Leuchtturm nicht mehr auf gewohntem Wege verlassen konnte, sondern durch den Ausguck hinausklettern musste. Er stapfte einige Meter Richtung Westen, um das zu erblicken, was er schon längst wusste: Nur noch die Spitze seines heißgeliebten Leuchtturmes ragte aus der plötzlich entstandenen Sanddüne. Barfuß und nur mit seinem Schlafanzug bekleidet, kniete er nieder und fing an bitterlich zu weinen, betrauerte sein verlorenes Zuhause, die Einsamkeit und das Schlamassel, in das er sich am Ende selbst gebracht hatte. Doch in diesem Augenblick, als die Situation verloren schien, hörte er einen Hubschrauber heranfliegen. In ihm saßen die Männer, die mit dem Leuchtturmwärter so lange gegen den Sand gekämpft hatten. Sie hatten von dem Sturm gehört, der hier wütete und wollten ihrem Freund zu Hilfe eilen. Der Sand wirbelte wie wild herum, als die Maschine tiefer geflogen kam. Einer der Piloten ließ sich mit dem Seil herab und holte den aufgelösten Leuchtturmwärter ab.

Als dieser nur wenige Minuten später im Rettungshubschrauber saß, blickte er ein letztes Mal hinunter auf den Turm, der von seiner eigenen Heimatinsel verschluckt wurde. Vom einstigen kleinen Paradies blieb nichts weiter übrig als ein riesiger Sandhaufen mitten im Ozean. Der Leuchtturmwärter nahm Abschied und atmete tief durch. Die anderen Männer hatten von vornherein Recht gehabt. Manchmal muss man die Dinge einfach akzeptieren, wie sie sind. Nichtsdestotrotz war er froh und auch stolz darauf, dass er bis zuletzt für das gekämpft hatte, was er so sehr liebte.


Anmerkung von Geschichten im Kopf:

Im Norden des dänischen Festlandes wird der Leuchtturm Rubjerg Knude Fyr von seiner Umgebung im wahrsten Sinne des Wortes verschlungen. „Als der Turm im Jahr 1900 direkt an der Nordseeküste gebaut wurde, maß er 23 Meter- heute ist er durch Küstenerosion, Wind und Wanderdünen zur Hälfte im Sand begraben. Erst setzten sich die Leuchtturmwärter noch gegen den sandigen Übergriff zur Wehr. Sie pflanzten Bäume um den Turm und schaufelten Sand aus dem Innenhof – ein aussichtsloser Kampf […] Alle Nebengebäude sind heute komplett verschüttet, und auch der Turm selbst wird den Naturgewalten nicht mehr lange standhalten können. […] (Quelle: Atlas Obscura – Joshua Foer, Dylan Thuras und Ella Morton – Erstauflage Oktober 2017 – Seite 126)


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Matilda

Neue Orte beflügeln mich und meine Fantasie. So hat das auch Venedig geschafft. Dieses Mal gibt es wieder mal eine etwas düstere Geschichte … 😉

Die heiße Dusche tat gut. Nicht, dass sie den Geruch nicht mochte, der nach der dritten Liebesnacht mit Adam an ihr haftete. Ganz im Gegenteil. Es war dermaßen gut gewesen, dass sie befürchtete, ohne eine Dusche, die sie aus diesem Traum rausholte, gar nicht mehr einschlafen zu können. Irgendwie wusste sie schon bei ihrer ersten Begegnung hier in Venedig, dass sie zusammen im Hotelzimmer landen würden. Vielleicht war es die Romantik, die die Stadt versprühte, vielleicht war es der Reiz des Neuen und Unbekannten, vermutlich war es beides. Sie mochte diesen Kerl wirklich, aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, was nach dieser Woche in Italien passieren würde. Nichts desto trotz genoss sie es, ihren Kopf auf Stand-by zu schalten, die heißen Wassertropfen das Gesicht runterlaufen und das Rauschen auf sie einprasseln zu lassen.

War das Adam? Matilda öffnete die Augen, hielt inne. Plötzlich war etwas seltsam. Sie drehte das Duschwasser ab. Da. Ein Rumpeln, ein dumpfes Stöhnen. Was war hier los? In dem Moment, als sie den Duschvorhang zurückzog, kamen zwei Männer ins Bad gestürmt. Alles ging so schnell, der Glücksmoment von eben verwandelte sich in lähmende Panik. Matilda spürte, wie ihr einer der Unbekannten ins Gesicht schlug, packte und aus der Dusche zog. Der andere drehte das Wasser wieder voll auf, damit niemand im Nachbarzimmer die unangenehmen Geräusche vernahm. Sie wurde bäuchlings zu Boden gedrückt, ihr Kopf zuerst gegen die Fließen geschlagen und dann unsanft in Richtung des Schlafzimmers gedreht. Adam lag im Bett, unbekleidet, geknebelt, gefesselt und mit blauen Flecken übersät. Hätte sie nicht gewusst, dass er es war, sie hätte ihn nicht wiedererkannt, dermaßen hatten sie ihn zugerichtet. Er schaute verzweifelt zu ihr und versuchte sich loszureißen, zu schreien. Doch es half alles nichts. Matilda spürte, wie die Tränen ihr über die Wangen liefen, während die zwei Männer sie nacheinander vergewaltigten und immer wieder auf sie einschlugen, wenn sie eine Bewegung der Gegenwehr machte. Sie roch Alkohol und ihre stinkenden schwitzenden Körper auf ihr; sie sah die Hilflosigkeit in Adams zerschundenem Gesicht. Dann schloss sie die Augen und sah sich neben Adam liegen, die Hand schützend auf seinen Kopf gelegt. „Psst, psst, psst … Alles wird gut“, hörte sie sich selbst sagen. Alles drehte sich und zuckte.

Irgendwann ließen sie von ihr ab. Ließen ihren nackten, blutüberströmten Körper halbtot auf dem kalten Badezimmerboden liegen. Völlig benommen musste sie mit ansehen, wie die unbekannten Männer mit einem Messer auf Adam losgingen und auf ihn einstachen. So lange, bis sein durchdringendes Klagen verstummte und er regungslos liegen blieb. Sie sah, wie sich die weißen Laken, in denen sie sich noch vor einer Stunde geliebt hatten, rot färbten. Dann verschwanden die fremden Männer, ohne Matildas leises Flehen gehört zu haben, sie mögen doch auch ihre Schmerzen beenden. Durch die Fensterläden drang von draußen das erste morgendliche Licht ins Hotelzimmer, bevor alles vor Matildas Augen verschwamm.

Sie fror, als sie zu sich kam und spürte jeden einzelnen wunden Zentimeter ihres Körpers. Ihr rechtes Auge ließ sich kaum öffnen und die Nase fühlte sich zehnmal so groß an. Es dauerte einige Minuten, bis Matilda realisierte, dass sie tatsächlich noch am Leben war und sie es schaffte, aufzusitzen. Ihre Innenschenkel waren blutüberströmt und eine jede noch so kleine Bewegung tat ihr weh. Mit Mühe schaffte sie es in die Dusche und sie wusch sich, bis sie das Gefühl hatte, sie schrubbte die Haut von sich runter. Ihr Spiegelbild war nicht mehr das ihre und Matilda fühlte sich so leer, dass sie glaubte, die Männer hatten nur ihre kaputte Hülle in diesem Zimmer zurückgelassen.

Das Schwierigste war, sich ihm zu nähern. Adam tot zu sehen. Diesen wunderschönen, lieben Mann, den sie vor einigen Tagen noch gar nicht kannte. Und nun lag er ermordet im Bett ihres Hotelzimmers. Sie musste ihn anstarren, sich das widerliche Bild einprägen, das die zwei Mistkerle geschaffen hatten. Ihr Kopf war leer. Sie rief an der Rezeption an, bat um Hilfe und legte sich dann, nur mit dem Handtuch bekleidet, zu dem Toten ins Bett. „Psst, psst, psst“, flüsterte sie. „Alles wird gut.“

Eine Woche später

Die Geschichte, die Matilda ihrer Mutter auftischen musste, warum sie später nach München zurückkehren würde, war nicht die beste, aber sie hatte sie geschluckt. Noch wusste sie nicht, ob sie ihr die Wahrheit sagen würde. Dass sie vergewaltigt und der fremde Mann, den sie mit in ihr Hotel genommen hatte, eiskalt abgeschlachtet wurde. Nicht die beste Story, die man von seiner eigenen Tochter hören möchte.

Man sah ihr das Ereignis noch an, nicht nur wegen der Verletzungen. Matilda spürte den fetten, roten Stempel, der ihr auf der Stirn brannte: Raped. Es war in ihren Augen zu sehen, man erkannte es an der plötzlichen Angst vor Männern, die an ihr vorbeigingen und ihr Blicke zuwarfen. Ihre zitternden Hände verrieten es und ihre hagere Gestalt, weil sie kaum mehr essen konnte. An Schlaf war in den vergangenen sieben Tagen im Krankenhaus ebenfalls nicht zu denken. Sobald ihre Augen zufielen, lag sie wieder im Badezimmer auf dem Boden und hörte Adam wimmern. Die Ärzte des Venediger Krankenhauses rieten ihr noch da zu bleiben, aber die junge Frau wollte die Lagunenstadt nur noch verlassen. Trotzdem wollte sie noch nicht nach Hause – ihrer Familie in die Augen zu schauen war für Matilda völlig undenkbar. Stattdessen buchte sie ein Zugticket in die Schweiz und wartete nun an den Bahngleisen. Der Bahnhof machte sie melancholisch. Obwohl sie es nicht wollte, musste sie an Adam denken und daran, dass sie womöglich zu zweit weitergereist wären. Die Tränen schossen ihr in die Augen. Wenn er sie nicht getroffen hätte, wäre er noch am Leben. Dann wäre er nicht in diesem Hotel gewesen. Matilda schluckte die Tränen mit dem Brot runter, das sie sich zwang zu essen. Es war kühl an dem Morgen und Matilda hatte sich ihren Schal um den Kopf gewickelt. Immer mehr Leute kamen zum Bahnsteig. Der Zug musste jeden Moment …

Das waren sie! Da kamen die Männer in Begleitung zweier Frauen und einem Kind. Matildas Atem begann zu rasen und ihr Körper zitterte. Wie war das möglich? Die Polizei fahndete seit jenem Morgen nach den beiden und hier waren sie, vor ihren Augen, nur einen Steinwurf von ihr entfernt. Lachten, hielten ihre Frauen im Arm. Eines der Schweine hatte sogar eine Tochter. Ob er mit ihr auch so sanft umging wie mit wildfremden Frauen? Matilda konnte das Essen gerade so unten behalten. Tränen schossen ihr in die Augen. Vergewaltiger. Mörder. Matilda atmete einige Male tief durch und schmiss ihr restliches Mittagessen in den Müll. Die beiden konnten die junge Frau unter all den Reisenden nicht erkennen. Sie hatten in ihre Richtung geschaut und hatten sie nicht registriert. Matilda schloss einen Moment die Augen. Sah Adam vor sich. Spürte den kalten Boden unter ihrem Bauch und ihren Brüsten.

Was nun? Sollte sie die Polizei rufen? Der Zug war da. Es war keine Zeit mehr. Die Mistkerle stiegen ein. Matilda wusste nicht, was sie da tat, aber sie folgte ihnen in den Wagon. Ihr Herz raste, aber es war plötzlich keine Angst mehr, die sie empfand. Nein, da war sie endlich, die Wut, auf die sie die letzten Tage gewartet hatte. Am liebsten wäre sie losgestürzt und hätte auf die Mistkerle eingeschlagen, so lange, bis sie nicht mehr konnte. Stattdessen wurde Matilda ganz ruhig und setzte sich in das selbe Zugabteil, nur einige Reihen weiter hinten. Sie schob sich ihre Sonnenbrille ins Gesicht, zog sich die Kapuze ihres Pullis tiefer ins Gesicht und beobachtete sie. Die Mistkerle unterhielten sich auf Französisch miteinander. Waren ganz normale Passagiere in diesem Zug. Zum ersten Mal hatte Matilda die Gelegenheit, sie genau zu betrachten. Sie sahen nicht aus wie Kriminelle, die sich in ihrem Familienurlaub nachts herumtrieben, Leute töteten und missbrauchten. Der eine war hochgewachsen, hatte braunes Haar und eine laute Stimme, der andere war etwas kleiner, rothaarig und wohl der ruhigere der beiden. An ihn konnte Matilda sich besonders gut erinnern. Er war es, der ihr einen Büschel Haare ausgerissen und mitgenommen hatte. Wohl als Andenken. Alle beide waren stämmig. Markant. Kräftig. Hätte Matilda die Mistkerle unter anderen Umständen kennengelernt, sie hätten wohl einen sympathischen Eindruck auf sie gemacht. Wie sie miteinander scherzten, ihren Frauen sanft die Wange küssten. Dem Kind aus dem Buch vorlasen. Matilda hätte am liebsten laut losgelacht, so absurd und surreal war diese Situation. Unweigerlich legte sich ein Schalter in Matilda um. Sie nahm ihr Telefon zur Hand, meldete sich bei der Venediger Polizei, die ihren Fall behandelte, gab ihre Informationen bezüglich der Männer und des Zuges weiter, stand auf und setzte sich auf einen Sitz neben ihren Peinigern.

„Noch knapp zwanzig Minuten bis zur nächsten Haltestelle“, sagte Matilda laut auf Englisch und blickte direkt in die Gesichter der Zwei. Die Mistkerle schienen – wie auch ihre Frauen – verwirrt zu sein. Matilda lächelte. „Das ist doch verrückt, oder? Das mit dem Sprichwort meine ich … Man sieht sich tatsächlich immer zwei Mal im Leben!“ Sie legte ihre Sonnenbrille und ihr Tuch ab. Na also. Der verwunderte Blick der Männer wich purem Entsetzen. Kreidebleich beschrieb nicht annähernd die Gesichtsfarbe, die die Arschlöcher infolgedessen bekamen. „Oh entschuldigen Sie bitte, ich bin unhöflich“, sagte Matilda lachend und stand auf, um den zwei nichts ahnenden Frauen die Hand zu schütteln. „Ich bin Matilda, wahrscheinlich haben ihre Männer noch nichts von mir erzählt, kann ich mir vorstellen. Eine süße Tochter haben Sie da. Wirklich bezaubernd.“ Flüsternd wandte sie ihr Gesicht den Männern zu. „Matilda ist mein Name, habt ihr gehört? Falls es euch interessiert, ihr Schweine.“

Matilda hatte mit ihrer lauten Ansprache bereits die Aufmerksamkeit einiger Passagiere auf sich gelenkt. Es war die Mutter des Mädchens, die das Schweigen und die Peinlichkeit schließlich unterbrach. Sie war blond, hatte ein hübsches Gesicht und sie sprach ein für Franzosen perfektes Englisch. „Das ist Franck und Alix wohl entfallen, Sie zu erwähnen.“ Ganz offensichtlich waren die Frauen nicht besonders erfreut die Bekanntschaft mit Matilda zu machen, aber sie war sich nicht sicher, ob es bloß die Tatsache an sich war, dass ihre Partner von einer Wildfremden in einem Zug angesprochen wurden, ober ob vielmehr Matildas in Mitleidenschaft gezogene Gesicht die Anspannung zwischen allen Beteiligten schürte. „Also, woher kennen Sie drei sich?“, fragte nun die zweite Frau, ebenfalls blond, aber viel unscheinbarer in ihrem Auftreten, als ihre Freundin.

„Das lasse ich sehr gerne Franck und Alix erzählen“, erwiderte Matilda nüchtern, in die sich soeben die Namen ihrer Vergewaltiger eingebrannt haben.

Die Frauen schauten ihre Männer eine Erklärung abwartend an, als der Rothaarige, offensichtlich Alix, endlich den Mund aufmachte und offensichtlich versuchte, auf Französisch seine Situation zu erklären. Matildas Französischkenntnisse waren spärlich. Er faselte irgendetwas von: „In der Bar kennengelernt … Zusammen etwas getrunken …“, woraufhin seine Frau ihm ein französisches Fluchwort an den Kopf warf. Ihr treusorgender Mann und Vater ihres Kindes schien wohl öfters mit fremden Frauen zu verkehren.

„Nun eigentlich“, unterbrach Matilda den sich anbahnenden Streit, „müssen Sie wissen, dass es nicht exakt so war. Eigentlich wollte ich die zwei Arschlöcher hier gar nicht kennenlernen … Entschuldigen Sie, dass ich hier fluche, aber ihre Tochter versteht mich ja nicht, oder? Nun, wie auch immer. Sehen Sie mein Gesicht? Das haben die zwei so zugerichtet, müssen Sie wissen.“

„Sie sind ja völlig verrückt! Würden Sie bitte das Abteil verlassen und uns in Ruhe lassen?“, zischte die erste blonde Frau sie an.

„Ich verstehe, dass Sie mir nicht glauben wollen.“ Matilda zog sich ihren Pulli aus, ihre Jeans und stand auf einmal nur in Unterwäsche bekleidet da und war nun endgültig Mittelpunkt aller Anwesenden des Zugabteils. Noch immer sah man ihrem Körper die Schändung an. „Aber ich weiß, dass ihre Männer Donnerstagnacht vor acht Tagen nicht bei Ihnen im Hotel waren. Sie sind nämlich in mein Hotelzimmer gestürmt, haben meinen Freund abgeschlachtet und mich vergewaltigt, einer nach dem anderen.“ „Jetzt reicht es aber!“ Franck stand auf und stellte sich vor Matilda, während den anderen vieren das Grauen im Gesicht abzulesen war. Das Mädchen fing an zu weinen und versteckte ihr Gesicht im Pulli ihrer Mama. „Verschwinde aus diesem Zugabteil oder ich rufe die Polizei!“, drohte Franck. „Musst du nicht, das habe ich schon erledigt. Genießt eure letzten …“ Matilda warf einen Blick auf die Uhr, „fünf Minuten in Freiheit.“

Die nächste Haltestelle wurde durch die Lautsprecher durchgegeben. Endlich kamen Zugbeamte ins Abteil, um die Ausgänge abzusichern. Franck wich zurück und seine Begleiter blieben wie gelähmt auf ihren Sitzen, die zwei Frauen und das Mädchen blickten verständnislos hin und her. Der Zug hielt an. Eine Patrouille von Polizisten wartete am Bahngleis und Matilda brach in Tränen aus. Einer von ihnen schaute Adam zum Verwechseln ähnlich, aber vielleicht täuschte sie sich auch.


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Reisetatsachen oder: Was das reisen mit mir macht

Einsteigen.

           Losfahren.

Wegfahren und Meter für Meter werden Sorgen, Gedanken und negative Gefühle kleiner. Sie werden weniger und so vieles wird mehr.

Die Freiheit, Unbekümmertheit, die Offenheit. Durchatmen. Mein Herz blüht, weil es neue Gerüche aufnimmt. Bisher völlig unbekannte Bilder. Neue Emotionen.

Mein Herz wird ruhiger, wo es vorher dermaßen unbeholfen war. Schlägt gleichmäßiger.

Entspannter.

Eine jede Pore meines Körpers öffnet sich und saugt das Drumherum auf. Oh ja, wie ich alles aufsauge! Geräusche, Postkarten- und Fotomotive, kleine Details an den entlegensten Winkeln, „Sekundenbegegnungen“.

Die Finger an Hauswänden entlang gleiten lassen, die ich noch nie gespürt habe, und Sand auf meine Haut rieseln lassen , weil es sich einfach gut anfühlt. Einen jeden Stein drehe ich um und begutachte ihn. Eine jede Haustür, einen jeden Bewohner, menschlicher und tierischer Natur, und vor allem den Horizont, der überall auf der Welt anders aussieht. Aber meistens unbeschreiblich.

Die Sonne scheint wärmer, der Regen schwemmt die Überbleibsel an Ballast fort und der Wind erweckt mich zu neuem Leben.

Und ich denk mir:

             Endlich wieder eine neue Welt dieser Welt kennengelernt!
Wie unglaublich du bist, Erde!

Einen Ort Kennenlernen –

                              Liebenlernen –

                                               um ihn dann wieder loszulassen.

Ein kurzer Schmerz, der manchmal etwas länger anhält, aber niemals die schöne, die wunderschöne, tiefgehende Erinnerung an die Reise überdauert. Denn diese ist eine der wenigen Unendlichkeiten im Leben.

Tatsache.


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Die Suche der Zeit

Die Protagonistin dieser Geschichte ist eine ganz besondere – sie besitzt kein Aussehen, kein Geruch und berühren kann man sie auch nicht. Trotzdem ist sie präsent, auf der ganzen Welt, rund um die Uhr. Womit wir eigentlich schon bei meiner Figur dieser Geschichte wären: der Zeit.


In jener berühmten Stadt, in der die Häuser bis in die Wolken ragten und der Tag niemals endete, wollte sich die Zeit ein Zuhause suchen. Weil sie auf der ganzen Welt ununterbrochen unterwegs war, war die Zeit müde geworden. Sie wünschte sich nicht sehnlicher, als einfach mal irgendwo anzukommen. „Hier“, so dachte sie, „in einer Stadt, die für so viele Millionen Menschen Platz hat, findet sich bestimmt auch ein hübsches Plätzchen für mich.“ Darum machte sich die Zeit auf die Suche nach Menschen, die ihr einen Ort oder das Gefühl der Heimat schenken konnten. In einem Café an der Straße saßen ein junger Mann und eine Frau. Die Zeit gesellte sich heiter zu ihnen. Aber die Frau war nicht erfreut, sie zu sehen und schluchzte: „Nein, es geht nicht. Im Augenblick ist es mir zu viel.“ „Aber ich bin hier, und ich bin bei dir. Willst du es denn nicht zumindest versuchen?“, fragte sie der
Mann und nahm ihre Hand, die die Frau abrupt wegzog. Das Herz der Frau war gebrochen, das spürte die Zeit. Und sie merkte, dass sie auf dem falschen Stuhl Platz genommen hatte. Die junge Frau blickte der Zeit ernst ins Gesicht und sagte: „Siehst du denn nicht, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist? Vielleicht wenn du vor ein paar Monaten zurückgekommen wärst … Aber jetzt? Du bist hier falsch. Verschwinde!“ Unglücklich und etwas beschämt darüber, der falsche Moment für
diese Liebenden gewesen zu sein, verließ die Zeit das Café und
setzte ihre Suche fort.
Einige Straßen weiter wartete ein älterer Mann an einer Bushaltestelle und las in einer Zeitung. Frohen Mutes gesellte sich die Zeit dazu und versuchte den Mann mit ihrer Anwesenheit zu erfreuen. Aber der Mann war versunken in den Schlagzeilen des
Tages und machte ein verdrießliches Gesicht. „In was für einer Zeit leben wir nur? Früher war alles besser.“ Er senkte die Zeitung und wandte sich der Zeit zu. „Weißt du, nicht alles, was du mitbringst, ist gut, ganz im Gegenteil – es wird alles schlimmer und schlimmer. Am besten wäre es gewesen, du wärst damals einfach stehen
geblieben. Da war die Welt noch in Ordnung.“ Der Mann warf die Zeitung in den Müll und stieg in die Linie 28, die gerade angefahren kam. Mit einem schlechten Gewissen blieb die Zeit an der Haltestelle zurück. Sie musste erst ein paar tiefe Atemzüge machen, bevor sie weitergehen konnte.
An der nächsten Ecke fand sie eine Arztpraxis vor, in die die Zeit hineinschauen wollte. In einem freundlich eingerichteten Zimmer wartete eine Familie. Vater und Mutter starrten betrübt auf ihre Handys, während die Kinder am Boden mit kleinen Autos spielten. Das Mädchen trug ein Tuch um ihre Glatze gebunden und war sehr blass. Die Zeit setzte sich hin und sah den beiden Kindern beim Spielen zu. Auch sie nahm sich ein Auto und fuhr damit über den hellgrünen Teppich mit den aufgemalten Straßen, Wiesen und Schildern. „Nein, nein, nein“, protestierte die
Mutter, als sie es bemerkte. „Lass meiner Tochter doch ein bisschen Vorsprung. Du rast an ihr vorbei. Das ist einfach nicht fair! Sei bitte langsamer, wir haben dich schon genug verschwendet. Das macht uns traurig, verstehst du das?“ Die Zeit verstand, erhob sich leise und verließ das Krankenzimmer in der Hoffnung, das kleine Mädchen noch nicht überholt zu haben.
Sie brauchte einige Minuten, um sich von dieser Begegnung zu erholen und zweifelte daran, ob sie denn überhaupt irgendwo erwünscht war in dieser Stadt. Auf dieser Welt. Bis jetzt hatte sie niemand mit offenen Armen empfangen – und wenn sie ehrlich war, konnte sie das sogar nachvollziehen. Mit ihr Freundschaft zu schließen war nicht einfach – die Zeit war eben, was sie war. Sie schlenderte eine Weile hin und her, beobachtete hier und dort die Menschen, an denen sie vorüberzog und merkte, dass die meisten ihr aus dem Weg gingen und sich vor ihr fürchteten. Davor, dass die schönen Tage zu schnell vergingen oder quälende Minuten zu langsam, dass sie der falsche Augenblick war, man sie verschwendet hatte oder dass sie jemandem gestohlen wurde. Die Zeit hatte einen dermaßen schlechten Ruf, dass es sie natürlich verstimmte. Betrübt beschloss sie, eine Fähre zu nehmen und hinaus aufs Wasser zu fahren, weg von all dem Trubel, den beklemmenden Gedanken und all den Zweiflern. Als sie an Deck dabei zusehen konnte, wie die Hochhäuser der Stadt zu kleinen Spielsteinen schrumpften, je weiter sich das dampfende Boot entfernte, gesellte sich eine schon ziemlich betagte, elegante Dame zu ihr an die Reling. Gedankenverloren schaute die Frau hinunter auf die Wellen, die sich an der Fähre brachen, sog die feuchte, kühle Luft ein und verzog ihr Gesicht zu einem breiten Lippenstiftgrinsen. „Ist das nicht schön? Mag sein, dass ich nicht mehr viel von dir übrig habe, aber das, was mir noch bleibt ist dermaßen kostbar. Du hast keine
Ahnung, wie sehr ich dich genieße. Ich bin wirklich dankbar, dass ich dich habe.“ Ungläubig starrte die Zeit die Frau an und glaubte, sich verhört zu haben. „Ist das wirklich wahr?“, wollte sie wissen. „Sie fürchten mich nicht?“ Die Dame lachte herzlich und legte ihre große Sonnenbrille ab. Sanft strich sie der Zeit über ihr Antlitz und sagte mit sanfter Stimme: „Aber, aber! Durch dich wird alles einfacher. Du gibst den Menschen in einer Welt voller Chaos Orientierung. Sie können sich mit der Tatsache trösten, dass mit dir alles besser wird, sobald genug von dir vergangen ist. Die Vergänglichkeit und deine Begrenztheit für unsere Augenblicke machen dich außerdem wahnsinnig kostbar. Nichts, was ewig währt, wird geschätzt, weißt du? Viele fürchten sich davor, zu wenig von dir zu haben, was aber nicht heißen muss, dass das schlecht ist – dafür nutzen sie dich umso besser.“ Die Zeit konnte der Frau ansehen, dass sie durch sie so Einiges erlebt hatte. Eine jede Falte in ihrem Gesicht schien eine Geschichte zu erzählen und der verträumte, aber kluge Blick ließ erahnen, was sie über die Jahre alles gesehen, geträumt und gelernt hatte. „Dein Los ist nun mal nicht das Einfachste“, sprach die Dame weiter, „du bist, was du bist. So wie … Leben und Tod. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Du bist notwendig, unausweichlich, richtungsweisend. In all deinen Facetten bist du weder gut noch schlecht. So was verstehen die Menschen nicht und alles, was sie nicht wirklich definieren können, macht ihnen Angst. Aber weißt du was, Zeit? Menschen sind eben nur Menschen. Wir müssen alle akzeptieren, was der andere ist, denn nur so dreht sich diese verrückte Erde weiter, ohne dass sie dabei aus ihrer Umlaufbahn gerät.“
Die Zeit und die alte Dame standen nebeneinander an der Reling und blickten auf die Stadt, die mittlerweile aussah, wie ein Gemälde mit flackernden Lichtern. Der Abstand half der Zeit, die Dinge besser zu verstehen. Und sie sah ein, dass sie nie das eine Zuhause finden würde, das sie sich wünschte, denn sie wurde immer und überall gebraucht. Ihre Heimat, so wurde ihr nun bewusst, war die große Welt. Und das war vermutlich gut so.


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Suchende wie wir

Ein autobiografischer Geschichtenschnipsel

Meine Mama spülte gerade das Geschirr, als ich vom Wohnzimmer im Hopserlauf hinüber in die Küche sprang. Es war dunkel hier drin, stiller als in der gesamten Wohnung und dem Rest der Welt und Tränen liefen über Mamas Wangen.

„Was ist los, Mami?“, fragte ich sie vorsichtig und wünschte kurz darauf, ich hätte nicht danach gefragt. Vielleicht, so dachte ich später, vielleicht wäre unsere Familie länger eine Familie gewesen. Vielleicht, wenn sie es nicht ausgesprochen hätte, dann wäre es nicht dazu gekommen.

„Papa und ich verstehen uns nicht mehr“, schluchzte sie, während sie ein nasses Glas abstellte und Wasser und Schaum an ihren Händen hinuntertropfte. Ich kann den Moment heute nur schwer beschreiben, das Gefühl, das in einem neunjährigen Mädchen vorgeht, wenn ihm bewusst wird, dass sich von diesem Augenblick an alles ändern wird. Alles Gewohnte, alles Vertraute, bröckelt an ein einem ab, wie die alte Fassade eines Hauses. Die Sicherheit, die man bis dahin im Herzen trug – fortgeschwemmt.

Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich hilflos. Und seit diesem Moment war ich auf der Suche. Nie offensichtlich oder bewusst, aber ich rang nach etwas. Nach einem Pfeiler, an dem ich mich stützen und nach Liebe, in die ich mich vollends fallen lassen konnte. Nach Endlosigkeit und warmen Worten. Nach Nähe und Berührungen. Und gleichzeitig nach Ruhe und Abstand. Nach warmen Decken, die man sich über den Kopf ziehen kann, um das Ende des Gewitters abzuwarten. Diese Minute der Veränderung hatte keine Decke für mich parat. Es war das Ende. Das Ende meiner Familie und das meiner Kindheit.

Wahrscheinlich war die Suche meines Bruders noch viel schwieriger als die meine und so war ich auf mich gestellt. Denn auch in der Schule erzählte ich niemandem davon, was zuhause passiert war. Ich schämte mich dafür, ein Scheidungskind zu sein und fühlte mich wie ein Produkt von etwas, das nicht funktioniert hatte. Ich suchte nach Gründen, nach Antworten und wusste noch nicht, dass ich, um all das zu verstehen, schlichtweg noch zu jung war. Eine der größten Lehren, die ich in meinem bisherigen Leben erfuhr, war genau diese: dass alles seine Zeit hat. Manches findet man früher, anderes erst viel später, manches ist leicht zu finden, bei anderen Dingen muss man sich ordentlich abmühen. Aber alles hat seine Zeit, gefunden zu werden.

Szenen haben sich in meinem Kopf eingebrannt, Situationen, die ich hinnehmen musste, aber eigentlich nicht akzeptieren wollte. Worte, die ich hören musste, obwohl ich sie nicht hören wollte. Ich sollte Gefühle annehmen, die mir bis dahin völlig fremd waren und die ich nicht besonders mochte. Ein jedes Kind, das die Trennung seiner Eltern durchleben musste, kennt diese Szenen. Ich erinnere mich an sie als eine Art surrealen Traum, als ein verworrenes Konstrukt an Aneinanderreihungen, von dem ich vieles wieder beiseite schob. Es gibt nun mal Geschichten, die man nicht gerne erzählt.

Oft blicke ich auf das Danach zurück. Es gab nämlich die Zeit davor und danach. Die Zeit vor und nach dem Satz meiner Mama. Und ja, heute verstehe ich einiges besser. Ich habe gelernt damit umzugehen und Kraft daraus zu schöpfen, weiß jedoch auch, dass mich die Erfahrung geprägt hat. Aber es ist okay. Denn alles, was ich erlebt habe, alles was ich in meinem Leben gemeistert habe, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. Auch wenn ich heute, 21 Jahre später, oft noch auf der Suche bin, und vermutlich auch mein Bruder noch nicht aufgehört hat zu suchen, so weiß ich, dass wir damit nicht alleine sind. Alle Menschen, die sich um uns bewegen, tragen ihre Geschichten mit sich rum und spähen hinter ein jedes Gebüsch, um ihr Happy End zu finden, im allerbesten Wissen, dass das Leben mehr ist als das. Aber es ist tröstlich, dass alle Menschen so sind:

Sie sind Suchende.

Suchende wie wir.


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Der Tränensee

Vor vielen hundert Jahren, da war der große Montiggler See und der ihn umgebende Wald ein magischer Ort. Unter den Wurzeln der Bäume lebten tüchtige Gnome, im Wind die scheuen Waldgeister und im Gewässer die schönen, aber unberechenbaren Seenixen. Sie alle lebten im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten und sie waren zufrieden und friedvoll miteinander. Eines frühen Sommertages jedoch kamen Menschen in den Wald. Keines der fantastischen Wesen wusste, woher sie kamen und was ihre Absicht war, aber ihre Ruhe wurde durch sie bitter gestört. Das malerische Fleckchen Erde, das bisher nur ihnen vorbehalten war, wurde durch das Betreten der Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht. So sahen es zumindest die Nixen, die tief leider nicht immer gute Absichten hatten. Die böse Verlockung, den Eindringlingen eine Lektion zu erteilen, war dermaßen groß, dass sie nicht anders konnten, als die Menschen mit ihrer Schönheit und vermeintlichen Freundlichkeit zu täuschen. Die Seenixen setzten sich verheißungsvoll auf große Steinen am Seeufer und zogen die Menschen in ihren Bann. Die fanden die betörenden Frauen mit der Fischflosse so fesselnd und verführerisch, dass sie sich ihrer Anziehungskraft nicht entziehen konnten und sich von ihnen ins Wasser führen ließen. Dort aber zogen die Seenixen die Menschen in die Tiefe, um sie so für immer loszuwerden. Als die Seenixen ihre Arbeit getan hatten, schwammen sie ans Ufer, um sich auszuruhen und in der Sonne zu liegen. Sie lachten und sangen und waren heiter, als wäre nichts geschehen.
Die Älteste der Seenixen aber war auf der anderen Seite des Sees hinter einem Felsen geblieben und weinte bitterlich. Sie hatte ein gutes Herz, voller Liebe und Gutmütigkeit. Mit Bedauern hatte sie mitangesehen, was ihre Schwestern den armen Menschen angetan hatten. „Das haben sie nicht verdient“, dachte die gute Seenixe, „und ich habe tatenlos zugesehen. Das macht mich bei Weitem nicht besser.“ Sie schwamm zu den anderen ans Ufer, erpicht darauf, ihren Schwestern ins Gewissen zu reden. Doch sie erntete nur Spott und gehässiges Lachen. „Und wenn sich noch eine Menschenseele hierherwagt, dann erleidet sie dasselbe Schicksal“, riefen die anderen Seenixen boshaft. Die gute Nixe war enttäuscht und wurde von Schuldgefühlen regelrecht zerfressen. Sie beschloss, einzuschreiten und den Menschen zu helfen, falls es noch einmal dazu kommen. Aber lange Zeit geschah nichts, und im Wald war alles wie früher. Die Vögel zwitscherten, die Sonne schenkte immerzu ihr wärmstes Licht und die Bewohner des Waldes schienen den Vorfall vergessen zu haben. Für die gute Nixe allerdings, war die Idylle trügerisch, denn sie wusste um das Böse in ihren Schwestern und dass dieses nur so lange im Verborgenen bleiben würde, wie sie es für richtig hielten.

Ihre Vermutung bewahrheitete sich, denn im schwül-heißen Sommer kamen erneut Menschen in den Wald und suchten nach Abkühlung im kühlen Nass. Wie beim ersten Mal setzten sich die Seenixen in all ihrer Pracht auf die Felsen und lockten die Menschen heran, führten sie hinaus in den See und rissen sie in die Dunkelheit. Die gute Seenixe, die dieses Mal einschreiten wollte, wurde von zwei ihrer Schwestern festgehalten. So waren auch diese Menschen verloren.
Bei Nacht, als ihre Schwestern schliefen, suchte sie im dunklen Wasser nach den ertrunkenen Menschen und barg sie. Über einen schmalen, fast schon ausgetrockneten Wasserlauf trug die gute Nixe die Toten zu einem mit dem See verbundenen Tümpel, beweinte sie und streute Seerosen ins flache Wasser, um ihnen zumindest einen würdigen Abschied zu schenken. Seit jener Nacht kamen jedoch täglich Menschen an den See und nicht ein einziges Mal konnte die gute Seenixe auch nur einen von ihnen retten. Ihre Schwestern wurden vom Bösen in ihrem Inneren getrieben, verfielen in einen Todesrausch und ließen einen Menschen nach dem anderen im Wasser verschwinden.
Irgendwann verließen die Gnome ihre Behausungen und zogen weiter, denn sie fühlten sich in ihrem einstig beschaulichen Walde nicht mehr wohl. Die Geister waren ebenso verschwunden und die gute Seenixe schien ganz alleine zu sein mit ihrem wohlgesinnten Herz und ihrer unbändigen Traurigkeit. Nacht für Nacht musste sie nun Menschen in den Tümpel bringen und jedes Mal benetzte die Seenixe die Toten mit ihren ehrlichen Tränen. Sie weinte so viel, dass der Tümpel von Mondenschein zu Mondenschein größer und größer und schließlich zu einem kleinen See wurde.

Es waren schon beinah alle Blätter von den Bäumen gefallen, da passierte eines Nachts etwas Seltsames. Die Nacht war schlimmer und trauriger als alle Nächte zuvor. Die gute Seenixe vermochte mit dem Tränen-Vergießen gar nicht mehr aufzuhören, da leuchtete der kleine See plötzlich grün und funkelte und dutzende von Geistern erhoben sich aus dem Wasser und flogen über dem Kopf der Seenixe hinweg. Sie bekam es mit der Angst zu tun. „Wir sind die Waldgeister aller Wälder dieser Erde. Wir schauen in die Herzen ihrer Bewohner, um Frieden in der Natur zu schaffen. Deinen Schwestern wird das Schicksal der Starre und Unveränderlichkeit zuteil, denn sie bringen Tod und Verderben in diesen Wald.“ „Ich wollte es verhindern, ich wollte es wirklich …“, wimmerte die gute Seenixe. „Wir wissen, dass dein Inneres edel und gutmütig ist, aber die erste Probe hast auch du nicht bestanden. Darum können wir dich nicht ganz verschonen, jedoch soll es dir nicht schlecht ergehen. Wir wollen deinen Geist verschonen und ihm die Freiheit gewähren, die ihm gebührt, aber dein Dasein wird nicht mehr das selbe sein. Darum weine noch so lange du kannst, dein Wandel wird bald passieren!“ Mit diesen Worten verschwanden die Geister als grüne Lichtpunkte zwischen den Bäumen in der Dunkelheit. Die gute Seenixe blieb alleine am kleinen See zurück und weinte und weinte und konnte gar nicht mehr damit aufhören. Sie weinte so lange, bis der See wunderbar mit Wasser gefüllt, sie selbst aber erstarrt war. Ihr Körper war zu weißem Stein geworden, aber ihre Gedanken, ihre Gefühle und ihr Wesen waren noch frei. Und so blickte die Seenixe auf den kleinen See, der ihren Tränen und ihrer Gutherzigkeit entsprungen war und beobachtete, wie er lebendig wurde und Tiere Einzug hielten. Das machte sie glücklich und half ihr dabei, ihr Schicksal anzunehmen. Ihre Schwestern aber waren gänzlich hinfort, sie wurden zu belanglosen kleinen Steinen in der düsteren Tiefe des großen Sees.

Als der Winter über den Montiggler Wald hereinbrach, die zwei Seen zufrieren ließ, und die Seerosenblätter und die versteinerte Seenixe mit weichem Schnee bedeckte, da setzte ein Mensch seinen Fuß in den Wald. Er ging Schritt für Schritt, sog die saubere Waldluft ein und war verzaubert von der Schönheit und der Stille des winterlichen Sees. Am kleinen See entdeckte der Mensch etwas Ungewöhnliches am Ufer. Vorsichtig klopfte er den pulvrigen Schnee ab und sah eine herrliche und makellos weiße Figur aus Stein vor sich. Sie war halb Frau, halb Fisch und versprühte eine unbeschreibliche Magie. Der Mensch ahnte es: Diese zauberhafte Seenixe hätte eine Geschichte zu erzählen, wenn sie es nur könnte.

Anmerkung der Autorin:

Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Gartenhotel Moser****s Wellness- und Lifestyleresort im Rahmen eines Geschichtenbüchleins entstanden.


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