Der Schustermeister oder: Die Freuden des Augenblicks

Für manch einen war es der See mit seinen morgendlichen Nebelschwaden im Sommer und der kristallenen Oberfläche in den kalten Monaten. Oder die Burg am Hügel, die frühmorgens in mystisches Sonnenlicht getaucht wird und über besagten See wacht. Für viele war es das rege Treiben am Platz vor der Kirche und der tägliche Schwatz – für wiederum andere war es das Sein in den Weinbergen, das Philosophieren über die kostbaren Tropfen, die sie aus den Trauben gewannen, weshalb sie jede einzelne mit ihren von Arbeit gezeichneten Händen berührten, als wären sie pures Gold.

Der 24-jährige Josef, der im Jahr 1949 nach Kaltern gezogen war, um die dunklen Tage des Krieges endgültig hinter sich zu lassen, flanierte lieber durch die verwinkelten, engen Gassen in dem kleinen Ortsteil Mitterdorf, fernab des dörflichen Trubels. Die Gegend rund um Schloss Campan hatte es ihm sehr angetan – zudem er bei dortigem Grafen für die Pflege der Weinberge und der Tiere angestellt wurde. Weil ihn seine Arbeit körperlich aber sehr ertüchtigte und er erst spät nach Sonnenuntergang einige freie Stunden genoss, versäumte er so manche Gelegenheit, sich mit anderen Leuten im Dorf auszutauschen.

Eines Tages – Josef war gerade dabei, die Pferde in den Stall zu treiben – kam der Graf auf ihn zu, in der Hand ein Paar ausgemergelte Schuhe. „Bring sie zum Schuster und lass sie neu besohlen. Der linke muss außerdem geflickt werden.“ Noch am selben Tag begab sich Josef mit den Schuhen zum Schustermeister. Josef kannte das kleine Lädchen vom Vorbeispazieren schon: Eine versteckte, dunkle Schusterei, die man über zwei nach unten führenden Treppen betrat. Josef stieß sich den Kopf, als er durch die knarzende Tür trat. „Obacht, junger Mann, manch einer ist hier schon mit großen Kopfschmerzen zur Tür hinaus.“ Eine rauchige, aber freundliche Stimme erklang aus der hinteren Ecke des Ladens. „Ich merke schon, ein Mann von meiner Größe, tut sich in diesen vier Wänden etwas schwer“, erwiderte der hochgewachsene Josef lächelnd und begrüßte den Schuster, der gerade dabei war, Ahle und Nagelbohrer von der Werkzeugwand zu holen und sich den Schusterfuß zu richten. Ein brauner Damenschuh lag vor ihm auf dem Tisch, der auf einen neuen Stöckel wartete. Der Schuster aber inspizierte den fremden Mann. „Ich kenn dich nicht“, brummte er, „kommst du von auswärts?“ „Ja, aus dem hinteren Pustertal, ich lebe aber seit ein paar Monaten hier in Mitterdorf.“ „Komm her mein Junge, setz dich zu mir“, forderte ihn der alte Schuster auf und zog einen klapprigen Hocker unter dem Arbeitstisch hervor. „Wie heißt du?“ „Josef. Ich bringe für meinen Arbeitgeber, den Grafen, diese Schuhe. Sie sind neu zu …“ „Trink mit mir einen Schluck“, unterbrach ihn der Schuster und verschwand für einen Moment in eine kleine, dunkle Kammer. Dann kehrte er mit einer Flasche Wein und zwei Weingläsern zurück. Josef setzte sich folgsam und inspizierte die Flasche. „Das ist der Wein meines Grafen“, stellte er fest, „aber ich hab ihn noch nie gekostet.“ Der Schuster lachte: „Wie kannst du etwas tun, von dem du nicht mal weißt, warum und wofür du es tust?“ Josef musste zugeben, dass er die Arbeit beim Grafen nur deshalb verrichtete, um sein täglich Brot zu verdienen – sehr viel über sie nachgedacht hatte er bisher nicht. Der Schuster betrachtete den grübelnden Josef, trank genussvoll ein Schluck Wein, strich sich seine grauen, zerzausten Haare aus dem Gesicht und fing an zu plaudern: von dem Winzer-Grafen und dem Weingut, das schon über mehrere Generationen bewirtschaftet wurde. Von seinem eigenen Entschluss, Schuster zu werden, der Gabe, ein seltenes Handwerk zu beherrschen und den Menschen im Dorf damit einen wichtigen Dienst zu erweisen: „Ich helfe den Menschen dabei, leichter durchs Leben zu gehen – der Weg ist ohnehin steinig genug, nicht wahr?“
Und so saßen sie da, Josef und der Schuster, und draußen ging der Tag in den Abend über, die Menschen zogen sich in ihre Häuser zurück und plötzlich war die Flasche Wein leer und der Kopf voll mit Trank und Geschichten des Schusters.

Als Josef ein paar Tage später wieder kam, um die Schuhe des Grafen abzuholen, taten die beiden es gleich. Nach diesen beiden Nachmittagen überbrachte Josef seinem Grafen nicht nur dessen neu besohlten Schuhe, sondern äußerte auch die überraschende Bitte, mehr über dessen Weinbau zu erfahren, was diesen sehr erfreute. So kam es, dass der Graf den jungen Josef in die Kunst und die Philosophie der Winzerei einführte. Josefs Leidenschaft war geweckt – und er verstand immer mehr, warum sich die Bauern um ihre Weinreben kümmerten, wie Mütter und Väter um ihre Kinder: Es ging nicht nur um den Rebensaft, sondern auch um das anschließende Zusammenkommen. Um die Geselligkeit, das Geschichten-Erzählen und: die Freuden des Augenblicks.

Die Freundschaft zwischen Josef und dem Schustermeister hielt übrigens ein Leben lang.


Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Tourismusverein Kaltern am See entstanden und im März 2022 in der 30. Ausgabe des wein.kaltern MAGAZINS erschienen.

Der Tränensee

Vor vielen hundert Jahren, da war der große Montiggler See und der ihn umgebende Wald ein magischer Ort. Unter den Wurzeln der Bäume lebten tüchtige Gnome, im Wind die scheuen Waldgeister und im Gewässer die schönen, aber unberechenbaren Seenixen. Sie alle lebten im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten und sie waren zufrieden und friedvoll miteinander. Eines frühen Sommertages jedoch kamen Menschen in den Wald. Keines der fantastischen Wesen wusste, woher sie kamen und was ihre Absicht war, aber ihre Ruhe wurde durch sie bitter gestört. Das malerische Fleckchen Erde, das bisher nur ihnen vorbehalten war, wurde durch das Betreten der Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht. So sahen es zumindest die Nixen, die tief leider nicht immer gute Absichten hatten. Die böse Verlockung, den Eindringlingen eine Lektion zu erteilen, war dermaßen groß, dass sie nicht anders konnten, als die Menschen mit ihrer Schönheit und vermeintlichen Freundlichkeit zu täuschen. Die Seenixen setzten sich verheißungsvoll auf große Steinen am Seeufer und zogen die Menschen in ihren Bann. Die fanden die betörenden Frauen mit der Fischflosse so fesselnd und verführerisch, dass sie sich ihrer Anziehungskraft nicht entziehen konnten und sich von ihnen ins Wasser führen ließen. Dort aber zogen die Seenixen die Menschen in die Tiefe, um sie so für immer loszuwerden. Als die Seenixen ihre Arbeit getan hatten, schwammen sie ans Ufer, um sich auszuruhen und in der Sonne zu liegen. Sie lachten und sangen und waren heiter, als wäre nichts geschehen.
Die Älteste der Seenixen aber war auf der anderen Seite des Sees hinter einem Felsen geblieben und weinte bitterlich. Sie hatte ein gutes Herz, voller Liebe und Gutmütigkeit. Mit Bedauern hatte sie mitangesehen, was ihre Schwestern den armen Menschen angetan hatten. „Das haben sie nicht verdient“, dachte die gute Seenixe, „und ich habe tatenlos zugesehen. Das macht mich bei Weitem nicht besser.“ Sie schwamm zu den anderen ans Ufer, erpicht darauf, ihren Schwestern ins Gewissen zu reden. Doch sie erntete nur Spott und gehässiges Lachen. „Und wenn sich noch eine Menschenseele hierherwagt, dann erleidet sie dasselbe Schicksal“, riefen die anderen Seenixen boshaft. Die gute Nixe war enttäuscht und wurde von Schuldgefühlen regelrecht zerfressen. Sie beschloss, einzuschreiten und den Menschen zu helfen, falls es noch einmal dazu kommen. Aber lange Zeit geschah nichts, und im Wald war alles wie früher. Die Vögel zwitscherten, die Sonne schenkte immerzu ihr wärmstes Licht und die Bewohner des Waldes schienen den Vorfall vergessen zu haben. Für die gute Nixe allerdings, war die Idylle trügerisch, denn sie wusste um das Böse in ihren Schwestern und dass dieses nur so lange im Verborgenen bleiben würde, wie sie es für richtig hielten.

Ihre Vermutung bewahrheitete sich, denn im schwül-heißen Sommer kamen erneut Menschen in den Wald und suchten nach Abkühlung im kühlen Nass. Wie beim ersten Mal setzten sich die Seenixen in all ihrer Pracht auf die Felsen und lockten die Menschen heran, führten sie hinaus in den See und rissen sie in die Dunkelheit. Die gute Seenixe, die dieses Mal einschreiten wollte, wurde von zwei ihrer Schwestern festgehalten. So waren auch diese Menschen verloren.
Bei Nacht, als ihre Schwestern schliefen, suchte sie im dunklen Wasser nach den ertrunkenen Menschen und barg sie. Über einen schmalen, fast schon ausgetrockneten Wasserlauf trug die gute Nixe die Toten zu einem mit dem See verbundenen Tümpel, beweinte sie und streute Seerosen ins flache Wasser, um ihnen zumindest einen würdigen Abschied zu schenken. Seit jener Nacht kamen jedoch täglich Menschen an den See und nicht ein einziges Mal konnte die gute Seenixe auch nur einen von ihnen retten. Ihre Schwestern wurden vom Bösen in ihrem Inneren getrieben, verfielen in einen Todesrausch und ließen einen Menschen nach dem anderen im Wasser verschwinden.
Irgendwann verließen die Gnome ihre Behausungen und zogen weiter, denn sie fühlten sich in ihrem einstig beschaulichen Walde nicht mehr wohl. Die Geister waren ebenso verschwunden und die gute Seenixe schien ganz alleine zu sein mit ihrem wohlgesinnten Herz und ihrer unbändigen Traurigkeit. Nacht für Nacht musste sie nun Menschen in den Tümpel bringen und jedes Mal benetzte die Seenixe die Toten mit ihren ehrlichen Tränen. Sie weinte so viel, dass der Tümpel von Mondenschein zu Mondenschein größer und größer und schließlich zu einem kleinen See wurde.

Es waren schon beinah alle Blätter von den Bäumen gefallen, da passierte eines Nachts etwas Seltsames. Die Nacht war schlimmer und trauriger als alle Nächte zuvor. Die gute Seenixe vermochte mit dem Tränen-Vergießen gar nicht mehr aufzuhören, da leuchtete der kleine See plötzlich grün und funkelte und dutzende von Geistern erhoben sich aus dem Wasser und flogen über dem Kopf der Seenixe hinweg. Sie bekam es mit der Angst zu tun. „Wir sind die Waldgeister aller Wälder dieser Erde. Wir schauen in die Herzen ihrer Bewohner, um Frieden in der Natur zu schaffen. Deinen Schwestern wird das Schicksal der Starre und Unveränderlichkeit zuteil, denn sie bringen Tod und Verderben in diesen Wald.“ „Ich wollte es verhindern, ich wollte es wirklich …“, wimmerte die gute Seenixe. „Wir wissen, dass dein Inneres edel und gutmütig ist, aber die erste Probe hast auch du nicht bestanden. Darum können wir dich nicht ganz verschonen, jedoch soll es dir nicht schlecht ergehen. Wir wollen deinen Geist verschonen und ihm die Freiheit gewähren, die ihm gebührt, aber dein Dasein wird nicht mehr das selbe sein. Darum weine noch so lange du kannst, dein Wandel wird bald passieren!“ Mit diesen Worten verschwanden die Geister als grüne Lichtpunkte zwischen den Bäumen in der Dunkelheit. Die gute Seenixe blieb alleine am kleinen See zurück und weinte und weinte und konnte gar nicht mehr damit aufhören. Sie weinte so lange, bis der See wunderbar mit Wasser gefüllt, sie selbst aber erstarrt war. Ihr Körper war zu weißem Stein geworden, aber ihre Gedanken, ihre Gefühle und ihr Wesen waren noch frei. Und so blickte die Seenixe auf den kleinen See, der ihren Tränen und ihrer Gutherzigkeit entsprungen war und beobachtete, wie er lebendig wurde und Tiere Einzug hielten. Das machte sie glücklich und half ihr dabei, ihr Schicksal anzunehmen. Ihre Schwestern aber waren gänzlich hinfort, sie wurden zu belanglosen kleinen Steinen in der düsteren Tiefe des großen Sees.

Als der Winter über den Montiggler Wald hereinbrach, die zwei Seen zufrieren ließ, und die Seerosenblätter und die versteinerte Seenixe mit weichem Schnee bedeckte, da setzte ein Mensch seinen Fuß in den Wald. Er ging Schritt für Schritt, sog die saubere Waldluft ein und war verzaubert von der Schönheit und der Stille des winterlichen Sees. Am kleinen See entdeckte der Mensch etwas Ungewöhnliches am Ufer. Vorsichtig klopfte er den pulvrigen Schnee ab und sah eine herrliche und makellos weiße Figur aus Stein vor sich. Sie war halb Frau, halb Fisch und versprühte eine unbeschreibliche Magie. Der Mensch ahnte es: Diese zauberhafte Seenixe hätte eine Geschichte zu erzählen, wenn sie es nur könnte.

Anmerkung der Autorin:

Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Gartenhotel Moser****s Wellness- und Lifestyleresort im Rahmen eines Geschichtenbüchleins entstanden.


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Die Schlosszwerge

Eine Heimatsage

Wer kennt es nicht, das märchenhafte Schloss am Ufer des großen Montiggler Sees? Den Ort am See, an dem man glaubt, der Welt kurz zu entfliehen und man in eine wunderbare Idylle taucht? An dem Stille mit einem traumhaften Ausblick aufs Wasser einhergeht? Ja, dort in Montiggl am Schlösschen ist ein wundervolles Plätzchen, doch ihr müsst wissen, dass das Schlösschen beinahe nicht dort gestanden hätte, wo es eben heute steht. Und vielleicht wäre es auf keinen anderen Platz dieser Welt gestanden, wenn nicht… Ach, aber erstmal von vorne. Denn um die sagenumwobene Geschichte des Seeschlosses zu verstehen, müsst ihr als allererstes wissen, dass es früher im Montiggler Wald vor Zwergen nur so wimmelte. Jaja, Zwerge, ihr habt schon richtig verstanden. Diese kleinen, gnomartigen Wesen mit den filigranen Körperchen und den Zipfelmützen auf dem Kopf. Die Moore und Weiher des Purzelmoos und Langmoos nannten sie für viele hundert Jahre ihr zuhause. Sie lebten friedlich und harmonisch, aber wie ihr es euch schon denken könnt, blieb das nicht immer so. Es gab nämlich ein paar Zwerge, denen das feine Zusammenleben mit den anderen Zwergen nicht genügte. Sie hatten es satt, alles in ihrem Zwergendasein mit den anderen zu teilen und wollten ebenso wenig bis ans Ende ihrer Tage in diesem Abschnitt des Waldes verharren. Aus diesem Grund verkündeten Polor, Kumi und Agumar eines Tages ihren Plan, die Moore zu verlassen und sich irgendwo anders anzusiedeln.

„Ihr könnt doch nicht einfach von hier fortgehen und uns im Stich lassen! Das hat noch kein Zwerg je zuvor gemacht“, rief der Zwergenälteste empört.

„Wir sind auch keine so dummen Zwerge, wie ihr es seid oder wie es unsere Vorfahren waren. Wir wollen nicht mehr mit euch teilen, was uns gehört und außerdem…  können wir den langweiligen Tümpel hier nicht mehr sehen“, schimpfte Polor mit wild rumfuchtelnden Händen.

„Aber gerade jetzt, seid doch nicht töricht! Der große Regenfall wird bald kommen und wir brauchen jede fleißige Hand, um unser Schlösslein zu erbauen, von dem wir schon so lange sprechen.“

Kumi johlte: „Baut euch eure Unterschlupf doch selber,  wir machen uns unser eigenes Schloss!“

„Genau“, stimmte Agumar seinem Zwergenfreund zu, „und unseres wird noch viel größer und schöner als eures werden!“

Die drei Zwerge lachten hämisch, machten sich auf und davon und ließen die anderen Zwerge mit offenen Mündern zurück.

Man würde meinen, dass so viele Zwerge, die auf einen Haufen lebten, und die sich ein Schlösschen als sicheren Unterschlupf bauen wollten, dass es da auf drei  Zwerge mehr oder weniger nicht mehr ankommen würde. Doch ihr irrt euch, es kam genau auf diese fehlenden sechs Händchen an, man glaubt es kaum. Sobald Polor, Kumi und Agumar fort waren, begannen die verbliebenen Zwerge sofort mit dem Aufbau des Schlösschens. Sie trugen schwere Steine herbei, setzten einen auf den anderen und schufteten und schufteten tagein, tagaus. Es war nicht mehr lange hin, bis dass der große Regenfall kommen sollte und bis dahin, sollte ihre Festung fertig sein. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr sich die Zwerge bemühten und beeilten, aber als die dicken, grauen Gewitterwolken den Himmel verdunkelten und die ersten Tropfen fielen, fehlten am Dach noch die wichtigen Ziegel. Um nach oben zu gelangen, kletterte ein Zwerg auf die Schultern, einer über den anderen, sodass eine hohe Zwergenleiter entstand. Doch ganz oben auf der Spitze, da fehlte ihnen noch ein halber Meter, um den letzten Ziegel hinaufzusetzen. Genau hier brauchte es nun die drei Zwerge, die jedoch fortgegangen waren. Die Zwerge verzweifelten und überlegten hin und her, um eine Lösung für ihr Problem zu finden. Ob sie eines fanden, dazu kommen wir später, lasst uns zuerst einen Blick auf die drei Ausreißer werfen.

Polor, Kumi und Agumar waren nach ihrem Aufbruch frohen Mutes und auch ein wenig schadenfroh. Sie lachten über die verzweifelten Gesichter der zurückgelassenen Zwerge und waren sich sicher, dass diese vor Neid platzten. Niemand von ihnen hatte je den Mut aufgebracht, wie sie es taten. Darum fühlten sich die drei Zwerge groß und besonders. Sie wanderten durch den grünen Montigglerwald, entdeckten neue Bäume, neue Gräser und Steine und waren einfach nur froh, das tun zu können, was ihnen gerade in den Sinn kam. Irgendwann lichtete sich der Wald und sie kamen an einen wunderschönen Platz. Noch nie zuvor hatten sie etwas Vergleichbares gesehen (wie auch?). Es war ein See, riesengroß, mit Farben der Gräser und des Himmels und Harmonie lag in der Luft, da blieb selbst den frechen Zwergen kurz die Spucke weg.

„Hier wollen wir bleiben“, sprach Polor überzeugt.

„Gut, dann machen wir uns an die Arbeit, lasst uns hier unser Schlösschen bauen! Bevor der große Regen kommt“, rief Kumi voller Enthusiasmus.

Die drei wollten schon loslegen, da fiel ihnen auf, dass sie gar nicht loslegen konnten. Schon beim Versuch, den ersten Stein hochzuheben, scheiterten sie kläglich.

„So weit haben wir gar nicht gedacht… zu dritt schaffen wir es ja nicht mal einen Stein zu legen“, keuchte Agumar und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Ach was soll`s… Dann legen wir uns eben ein bisschen ans Ufer und machen gar nichts. Wenn der Regen kommt verstecken wir uns eben unter einem kräftigen Baum… So schlimm wird’s schon nicht werden“, meinte Polor, legte sich gemütlich ans Ufer, steckte seine Zehen ins kühle Nass und kaute genüsslich an einem Grashalm herum. Die zwei anderen taten es ihm gleich.

Kumi schwärmte: „Hach, wie gut das tut, einfach mal nichts zu tun!“

„Wirklich schön, wirklich schön ist das“, pflichtete ihm auch Agumar bei und deutete zum Himmel. „Seht ihr, die Wolken vom großen Regen? Sie ziehen über uns hinüber.“

Einige Minuten lagen sie dort und sahen den grauen Wolken am Himmel zu, wie sie eine dichte und düstere Decke bildeten über den Ort, den Polor, Kumi und Agumar noch bis vor Kurzem ihr zuhause nannten.

„Hmm“, murmelte einer von ihnen irgendwann leise, „da oben scheint es bald richtig los zu gehen. Mit dem Regen meine ich… Glaubt ihr, die anderen haben das Schlösschen fertig gebaut?“

„Bestimmt, sie sind ja so viele. Obwohl… Vielleicht sollten wir doch mal nach ihnen sehen, was meint ihr?“

Die drei Ausreißer diskutierten eine Weile, aber es war tatsächlich so, dass ihr anfänglicher Übermut vom Gewissen gebremst und dem Familiensinn und Pflichtbewusstsein wich. Darum zogen sie sich wieder ihre Schuhe an und machten sich auf dem kürzesten Weg zurück in die Moore. Sie liefen so schnell sie ihre kleinen Füßlein trugen, während sich die Wolken immer mehr über ihnen verdichteten.

„Wir müssen uns beeilen“, rief Agumar. „Nicht, dass wir noch zu spät kommen!“

Die ersten Tropfen fielen schon vom Himmel, als die drei Zwerge am Schloss der anderen Zwerge ankamen, die gerade eine große Leiter machten, um den letzten Ziegel aufs Dach zu setzen. Was ihnen nicht gelang, denn es fehlte noch ein halber Meter. Es fehlten Polor, Kumi und Agumar. Die drei sausten wie der Blitz über die Zwergenleiter hinauf, wurden von allen bejubelt und begrüßt, und bildeten am Ende der Leiter die oberste Spitze. Es war Kumi, der schließlich den letzten Ziegel aufs Dach setzte.

„Hurra“, riefen alle Zwerge. „Wir haben es geschafft!“

„Jetzt schnell hinein ins Schloss“, rief einer der Zwerge und so huschte ein Zwerg nach dem anderen ins Innere ihrer Festung. Keine Sekunde zu früh, das könnt ihr mir glauben, denn sobald der letzte Zwerg im Schlösschen war und das Tor hinter sich zumachte, begann es wie aus Kübeln zu schütten.

„Danke, dass ihr zurückgekehrt seid! Ihr habt uns gerettet“, sprach der Zwergenälteste im Namen aller.

„Wir gehören doch zusammen“, antwortete Polor lächelnd, „und es tut uns leid, dass wir dachten, wir wären besser als ihr. Solch einen bösen Gedanken wollen wir nie wieder in unsere Köpfe lassen!“

Die Zwerge nahmen sich alle an die Hand und warteten bis der große Regen zu Ende war. Sie lauschten dem Donner und dem Prasseln der Millionen Wassertropfen und warteten und warteten. Erst nach drei Tagen und drei Nächten war es vorüber und die ersten Sonnenstrahlen lockten die Zwerge wieder aus dem Schloss. Da sahen sie, dass der Boden so nass und matschig war, dass es eine Last gewesen wäre, hier weiterhin zu leben und zu arbeiten. Bevor die Zwerge jedoch in tiefe Verzweiflung stürzten, schlugen die drei Rückkehrer vor, zu dem Ort zu gehen, an dem sie noch vor einigen Tagen die Füße ins Wasser gehalten hatten.

„Es wird euch dort sicher gefallen“, rief Polor enthusiastisch.

„Von hier weggehen? Also ich weiß nicht…“, grübelte der Älteste.

Da riefen einige Zwerge aus der Menge: „Warum eigentlich nicht? Hier ist es im Moment nicht schön zum Leben mit dem vielen Matsch und dem nassen Gras! Das dauert doch Monate, bis der Boden wieder einigermaßen begehbar sein wird!“

Das konnte der Älteste nicht abstreiten, aber er hatte noch Sorge wegen des Schlosses: „Wir haben Blut und Wasser geschwitzt, um es zu erbauen“, sagte er, „es sei denn… wir nehmen es einfach mit!“

Gesagt getan. Die Zwerge knüpften lange, dicke Seile um das Schloss und zogen es mit vereinten Kräften durch den Wald, Zentimeter für Zentimeter. Es dauerte einige Sonnenuntergänge, bis sie es schließlich geschafft hatten. Die Zwerge waren alle sprachlos, als sie am traumhaften Platz angekommen waren.

„Wie schön es hier ist“, rief der eine.

„Es ist wie in einem Traum! Und unser Schloss sieht hier am See einfach bezaubernd aus“, stellte ein anderer fest.

„Hier will ich nie wieder weg“, hörte man einen anderen Zwerg noch sagen.

Und wisst ihr was? Die Zwerge verließen den einzigartigen Ort am Montiggler See auch nicht mehr. Sie blieben, lebten, arbeiteten und träumten hier, denn das konnte man hier wirklich gut. Jeder, der schon mal an diesem Ort war, wird das bestätigen können, nicht wahr? So wurden aus den Zwergen die Seezwerge und das Schlösschen zum Seeschlösschen. Jetzt wisst ihr auch, wieso es da steht, wo es eben steht- bis zum heutigen Tage. Und wir lernen daraus, dass der Zusammenhalt in einer Gemeinschaft das Allerallerwichtigste ist, und dass nach einem Fehler durch Einsicht, Wiedergutmachung und Vergebung am Ende doch noch alles wieder gut werden kann.

Anmerkung von Geschichten im Kopf:

Das Montiggler Seeschlössl wurde in Wirklichkeit im Jahre 1888 von Josef von Zastrow erbaut und ist seit 1992 im Besitz der Gemeinde Eppan. Der berühmte Traminer Künstler Max Sparer hatte hier seinen Wohnsitz.

(Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Gartenhotel Moser****s Life-& Wellnessresort im Rahmen eines Geschichtenbüchleins entstanden.)

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