Die Melodie, die ich (fast) vergaß

Ich bin jemand, dem unzählige Details oder Situationen auffallen, die ich später fürs Schreiben verwende. Ich fotografiere sie, notiere oder halte sie einfach als Erinnerung fest. Wie auch folgende kurze „Begegnung“ in Venedig. Sekundenbegegnungen nenne ich solche Aufeinandertreffen, die, ja eben nur einige Sekunden dauern, aber in mir einen starken Eindruck hinterlassen. Als ich damals durch die Gassen schlenderte, konnte ich ein leises Singen vernehmen und entdeckte ein blondes Mädchen an einem Fenster über mir. Leider hörte sie zu singen auf, als sie sich von mir beobachtet fühlte. Und ich dachte: Was geht in dem Kopf eines Mädchens vor, die so verträumt und so wunderbar melancholisch vor sich hersingt? Welche Geschichte hätte sie wohl zu erzählen?

Der Himmel ist voller Wolken. Wann fängt es denn endlich an zu regnen? Schon seit ein paar Minuten stehe ich am Fenster und warte darauf, dass die ersten Tropfen fallen. Frischer Regen riecht so gut, ja, das ist mein Lieblingsduft. Papa ist in der Küche und kocht. Er ist wieder sehr müde heute, das merke ich. Wahrscheinlich gibt es Suppe aus der Tüte, die geht schnell und schmeckt lecker, sagt er immer. Dann hat er auch wieder Zeit, schnell zur Arbeit zu fahren. Was ich heute mache, weiß ich noch nicht. Hausaufgaben machen. Ganz schön viele habe ich heute zu erledigen. Und dann könnte ich mir die Bilder aus der Zeitung ausschneiden, die mir Tante Jo gebracht hat. Mein Zimmer ist fast ganz zugeklebt mit Bildern, aber ich finde es schön, wenn ich alles an den Wänden hängen habe, was mir gefällt. Und wenn ich sie nicht mehr mag, dann nehme ich sie wieder runter. Papa schimpft manchmal mit mir, weil die Farbe etwas abblättert, aber was soll’s. Mich fragt ja auch nie jemand danach, was mir passt und was nicht. Warum muss man als Kind eigentlich ständig das tun, was einem die Großen sagen? Unfair. War das ein Regentropfen? Nein, hab mich getäuscht. Ich atme meinen Ärger hinaus und beobachte die Leute unten auf der Straße. Sie gehen an unserem hellblauen Haus vorbei und bewundern die weißen, abblätternden Fenster mit den violetten Jalousien und den kitschigen Blumen, um die sich Tante Jo immer kümmert. „Man soll ja auch sehen, dass eine junge Frau hier wohnt“, sagt sie dann mit keckem Lächeln, während sie mir zuzwinkert. Manche schießen Fotos von unserem Haus. Meistens die Touristen. Ich stehe oft hier am Fenster und schaue mir die vielen Menschen an. Junge, alte, Lärm-Machende, Verliebte, schreiende Babys, verrückte Landstreicher und Touristengruppen, die einer lauten Frau mit Schirm hinterherrennen. Ich kenne sie alle. Niemand hat Augen für mich, dem kleinen Mädchen am Fenster, das auch gerne öfters das Haus von außen sehen würde. Ich beginne die Melodie zu singen, von der ich nicht mehr weiß, welches Lied es ist. Nur eine Strophe kann ich noch auswendig. Papa sagt, dass Mama das Lied immer vor sich hingeträllert hat. Aber er kennt den Text nicht, weil er fast nie zuhause war und das Lied habe ihn eh bloß jedes Mal traurig gemacht. Ich summe die Melodie so lange bis der Teil kommt, den ich kenne.

Denn selten, aber manchmal, hab ich noch deine Lieder im Ohr,
wenn ich »selten« sage, mach ich mir manchmal wohl was vor.

Den Satz singe ich also lauter, immerhin hört mir keiner zu. Ich liebe es zu singen und stelle mir vor, wie ich auf einer kleinen Bühne stehe und im Publikum haufenweise Feuerzeuge angehen, um sich bei meinem Lied hin und her zu wiegen. Trotzdem halte ich mich zurück, ich will ja nicht, dass mich jemand hört. Zu spät. Die Frau, die da unten vorbeispaziert, schaut zu mir hoch und lächelt mich an. Hat sie mich gehört? Ich verstumme und beobachte sie. Lacht sie mich aus? Hmm … Sie scheint sich über mein Lied gefreut zu haben. Hat sie mich deshalb angelächelt? Das kann nicht sein. Papa unterbricht meine Musik fast immer. Er brauche Ruhe und dann verdreht er immer genervt die Augen. Ich glaube allerdings, dass mein Gesang ihn traurig macht und ihn an Mama erinnert. Ich denke gerne an sie, darum singe ich, auch wenn ich nicht mehr alles von dem Lied weiß. Nur den einen Satz. Die Frau auf der Straße lächelt mir noch immer zu und winkt ganz heimlich. Als ob das ein Geheimnis wäre zwischen ihr und mir. Ich winke nicht zurück, aber folge ihr in Gedanken um die Kurve. Sie biegt rechts ab, sodass ich sie nicht mehr sehen kann. Ich hätte zurückwinken sollen. Papa hat mir beigebracht, freundlich zu den Menschen zu sein, auch zu denen, die ich nicht mag. Weil es sich so gehört. Und weil man dann auch gut behandelt wird, meistens jedenfalls. Ich weiß nicht, warum ich auf den Gruß dieser Frau nicht reagiert habe. Vielleicht weil mir zum ersten Mal seit Mamas Tod jemand beim Singen zugehört hat. Und ich mich geschämt habe und gefreut zugleich. Keine Ahnung, wie ich manche Gefühle benennen soll. Wenn man so viel gleichzeitig spürt, ist das auch wirklich schwierig. Jedenfalls ist die Frau nun fort und ich stehe wieder hier für mich alleine am Fenster und summe die Melodie zu Ende, von der ich nicht mehr genau jeden Ton weiß. Ich habe Angst, sie mehr und mehr zu vergessen. Genau an dieser Stelle zum Beispiel … Wie geht es da gleich nochmal weiter? Ich summe ein paar Versuche, die sich alle nicht richtig anhören. Mist. Papa ruft mich. Das Essen ist fertig. Ich schließe das Fenster, schlucke die letzten Töne runter und gehe zu ihm in die Küche. Und natürlich hatte ich Recht, es gibt wieder einmal Fertigsuppe.

Anmerkung:

Die original Liedzeile stammt übrigens aus dem Song „Selten aber manchmal“ von Dota. 😉


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Reisetatsachen oder: Was das reisen mit mir macht

Einsteigen.

           Losfahren.

Wegfahren und Meter für Meter werden Sorgen, Gedanken und negative Gefühle kleiner. Sie werden weniger und so vieles wird mehr.

Die Freiheit, Unbekümmertheit, die Offenheit. Durchatmen. Mein Herz blüht, weil es neue Gerüche aufnimmt. Bisher völlig unbekannte Bilder. Neue Emotionen.

Mein Herz wird ruhiger, wo es vorher dermaßen unbeholfen war. Schlägt gleichmäßiger.

Entspannter.

Eine jede Pore meines Körpers öffnet sich und saugt das Drumherum auf. Oh ja, wie ich alles aufsauge! Geräusche, Postkarten- und Fotomotive, kleine Details an den entlegensten Winkeln, „Sekundenbegegnungen“.

Die Finger an Hauswänden entlang gleiten lassen, die ich noch nie gespürt habe, und Sand auf meine Haut rieseln lassen , weil es sich einfach gut anfühlt. Einen jeden Stein drehe ich um und begutachte ihn. Eine jede Haustür, einen jeden Bewohner, menschlicher und tierischer Natur, und vor allem den Horizont, der überall auf der Welt anders aussieht. Aber meistens unbeschreiblich.

Die Sonne scheint wärmer, der Regen schwemmt die Überbleibsel an Ballast fort und der Wind erweckt mich zu neuem Leben.

Und ich denk mir:

             Endlich wieder eine neue Welt dieser Welt kennengelernt!
Wie unglaublich du bist, Erde!

Einen Ort Kennenlernen –

                              Liebenlernen –

                                               um ihn dann wieder loszulassen.

Ein kurzer Schmerz, der manchmal etwas länger anhält, aber niemals die schöne, die wunderschöne, tiefgehende Erinnerung an die Reise überdauert. Denn diese ist eine der wenigen Unendlichkeiten im Leben.

Tatsache.


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Das andere Leben (Teil 3)

Niemand in der Ferienanlage, gar niemand schien sich zu wundern, dass Danny mit der falschen Familie dort war. Als wäre alles ganz normal, als wäre nichts geschehen. Um ihn herum hatte sich nichts verändert. Die Leute waren dieselben und ihr Umgang mit ihm war derselbe. Außer der Tatsache, dass er die Tageszeitung an den Tisch gebracht bekam, er mit Herr Sorokin angesprochen wurde, und er nicht seine eigene Familie an der Hand hielt. Die lächerlich hohe Rechnung später an der Rezeption ließ ihn überrascht losprusten, aber Oksana stieß sofort ihren Ellenbogen in seine Rippengegend. Stillschweigend bezahlte Danny die enorme Summe mit einer Karte, die nicht seine war und einem Namen, den er vor ein paar Tagen zum ersten Mal gehört hatte. Er dachte an die Begegnung mit Nikolaj am Pool zurück und dass es besser gewesen wäre, hätte er den Mojito dankend abgelehnt. Noch immer stellte sich ihm die Frage, wie es überhaupt möglich war, dass er in seinem Bett einschlafen und am nächsten Morgen in einem fremden aufwachen konnte. Nikolaj musste es irgendwie geschafft haben, ihm unauffällig etwas zu verabreichen, das ihn vollkommen wegtreten ließ. Was vermutlich nicht schwierig gewesen war; er besaß Geld. Damit war alles möglich.

„Ich hoffe sehr, der Urlaub bei uns war wieder zufriedenstellend für Sie und ihre bezaubernde Frau, Herr Sorokin?“, erkundigte sich der Hotelmanager persönlich. „Schön zu sehen, wie Ivan von Jahr zu Jahr größer wird. Und hoffentlich hat es dem jungen Mann auch gefallen?“
„Ja, es alles gewesen in bester Ordnung, wie immer. Vielen Dan“, Danny hatte große Schwierigkeiten so gebrochen zu sprechen und noch viel größere, nicht laut loszuschreien. Wie viel Geld hatte dieser russische Mistkerl den Leuten hier bezahlt, damit sie das Theater mitspielten? Damit sie ihr schlechtes Gewissen verdrängen konnten? Immerhin hatten sie alle seine Frau und seinen Sohn mit einem fremden, offensichtlich gefährlichen Mann hier rausgehen sehen- und es zugelassen! Am liebsten hätte Danny dem schnöseligen Hotelmanager eine mitten ins Gesicht geboxt. Korruptes Pack, dachte er wütend und schluckte seine gefühlsbeladenen Worte hinunter.

„Es war wirklich schön“, fügte er stattdessen noch hinzu und verabschiedete sich. Er nahm seinen „Sohn“ Huckepack auf die Schultern und spazierte mit ihm und Oksana hinaus, wo bereits ihr Privatauto samt Fahrer auf sie wartete. Als dieser die Koffer vom Gepäckwagen in den Kofferraum lud, bemerkte Danny einen ihn musternden, aber sehr kurzen Blick desjenigen. Was hatte das zu bedeuten? Wohin er die Sorokins bringen würde, wusste Danny ebenso wenig, und er wagte es auch nicht zu fragen. Er tat das, wie ihm geheißen und war ansonsten still. Sie fuhren etwa eine halbe Stunde und Danny überlegte, wie er sich aus dieser Situation retten und er herausfinden konnte, wo seine Familie war. Wen er ins Vertrauen ziehen konnte. Oksana und Ivan sollte er auf jeden Fall streichen. Die Leute vom Hotel nochmal kontaktieren in einem unbeobachteten Moment? Konnte schwierig werden und war vermutlich umsonst, immerhin haben die Leute mit dazu beigetragen, dass er als jemand anderes aus dem Urlaub zurückkehrte. Was war mit dem Fahrer? Was konnte er dem Blick vorhin entnehmen? Der Mann schien sich den falschen Nikolaj Sorokin jedenfalls gut anzuschauen. Aber er war nicht verwundert. Es war eher ein „Wer ist das arme Schwein“- Gaffen.

In seiner Hosentasche erfühlte Danny den Hotelbeleg und in dem teuren Jackett von Armani war in der Innentasche ein goldener Kugelschreiber, der Danny beim Anziehen vorhin aufgefallen war, weil er die Initialen N.S. eingraviert hatte. Sein Herz pumpte schneller. Sollte er oder sollte er nicht? Er musste sich schnell entscheiden, Ivan war gerade auf seinem Tablet beschäftigt und Oksana nickte vor ein paar Minuten ein. Beide saßen ihm gegenüber. So geräuschlos wie möglich, holte Danny den Zettel heraus und legte ihn auf seinen Oberschenkel. Mit dem Kugelschreiber schrieb er die Worte „Bin nicht Nicolaj, er hat meine Familie. Hilfe“ auf den Zahlungsbeleg. In diesem Moment hielt der Wagen an. Danny ließ den Zettel unter dem Jackett verschwinden, der Kugelschreiber fiel zwischen seine Füße. Oksana wachte auf und ermahnte Ivan, er solle endlich das Tablet in seinen Rucksack packen.

„Sind wir da?“ fragte sie und lehnte sich nach vorne, um Danny einen Kuss zu geben.

„Sag du es mir“, erwiderte Danny patzig.

„Na, da ist heute aber einer launisch, gut dass wir in ein paar Stunden wieder zuhause sind.“

„Wir fliegen also nicht nach Miami?“

„Wir fliegen heim Darling. Komm schon, unsere Maschine wartet. Ivan, pack das Tablet weg. Sofort!“

Die drei stiegen aus und warteten darauf, dass der Fahrer ihre Koffer auf den Gepäckwagen umlud. Danny holte hundert Euro aus seinem Portemonnaie, ging zu ihm hin und drückte ihm das Geld und gleichzeitig unbemerkt den Hotelbeleg in die Hand.

„Vielen Dank“, sprach er mit seinem neuen russischen Dialekt und drehte sich um. „Weiter geht`s“, rief er.

Am Aéroport Nice Côte d’Azur wartete auf die Sorokins ein Privatjet- natürlich, das überraschte Danny nicht. Die knapp dreieinhalb Stunden Flug vergingen schnell und in Dannys Bauchgegend hatte sich ein mulmiges Gefühl breitgemacht. Gut, sie waren nun in Petersburg gelandet und offensichtlich auf dem Weg ins Haus der Sorokins. Und dann? Was erwartete ihn dort? Doch bevor Danny weitergrübeln und sich weitersorgen konnte, noch bevor er das Flugzeug verlassen konnte, kamen drei Männer hereingestürmt, warfen ihn auf den Boden und hielten ihn fest. Er bekam eine Faust mitten ins Gesicht geschmettert. Ein schmerzhaftes Dröhnen durchzuckte seinen Kopf, warmes Blut rann aus seiner Nase und über den Mund. Er sah noch, wie Ivan von seiner Mutter aus dem Flieger geschoben wurde und Danny einen besorgten Blick rüber warf, dann bekam er schon die nächste verpasst. Alles um ihn wurde schwarz.

Das Pochen, das von seiner Nase ausging und ihm das Gefühl gab, jemand hämmerte kontinuierlich auf seinen Schädel, bereitete Danny beim Öffnen der Augen Schwierigkeiten. Sofort füllten sich diese mit Tränen, als er es versuchte. Er sah nur verschwommen den Raum, in dem er wieder zur Besinnung kam. Es musste ein Café oder eine Bar sein, Danny glaubte irgendwoher das Geräusch einer Kaffeemaschine zu vernehmen und das Geklirr von Geschirr. Stimmen… Zeitungsrascheln. Langsam erkannte er, dass er an einem Tisch saß, und spürte, dass seine Hände hinter dem Stuhl, auf dem er saß, zusammengebunden waren. Plötzlich tauchten die drei Männer auf, die Danny im Flugzeug niedergestreckt hatten, und ein vierter Mann. Es war Nikolaj, der sich rechts von ihm an den Tisch setzte und ihn lächelnd anschaute.

„Ich denke, Oksana dir hat gut erklärt, was du hast zu tun, nicht wahr Danny? Du musst Spielregeln einhalten, sonst es geht nicht gut aus für dich, mein Freund.“ Er legte den Beleg vom Hotel auf den Tisch. „Bin nicht Nicolaj, er hat meine Familie. Hilfe“, las Danny.

Danny krächzte unter Schmerzen hervor: „Wo ist meine Familie? Bitte, Nicolaj, ich will doch nur, dass Rose und Sam nichts passiert…“

„Dann du hast nicht verstanden. Du keine Fragen stellen, keine Hilfe holen, du das machen, was wir verlangen. Dann alles ist gut. Dieses Mal es hat erwischt nur dich. Nicht schlimm. Nächstes Mal deine Nase bleibt ganz.“ Nicolaj zündete sich eine Zigarre an und blies Danny den Qualm ins Gesicht.

„Was wollen Sie von mir?“

Ganz nahe kam Nicolaj an Danny heran und flüsterte langsam: „Keine Fragen mehr. Sonst ich bringe zuerst deinen Sohn um, dann Rose. Aber sie ich behalte noch ein wenig. Gefällt mir gut. Gefällt mir sehr gut sogar.“

Ein selbstgefälliges Grinsen lag in Nikolajs Gesicht, sodass Danny am liebsten aufgesprungen und ihn verprügelt hätte.

„Fass sie bloß nicht an…“

„Wer sagt, Rose würde es nicht gefallen?“ lachte Nicolaj und entfernte sich vom Tisch.

„Du Mistkerl“, Danny versuchte sich hysterisch vom Stuhl zu befreien, was ihm natürlich nicht gelang. Was er erreichte, war, dass Nicolajs Begleiter ihm zweimal in den Bauch schlugen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Die Leute im Café ignorierten den Tumult, offensichtlich kannten sie solche Szenarien hier schon. Halb weggetreten kriegte Danny es gerade noch so mit, wie er hinaus und in ein Auto verfrachtet wurde. Dann gab er sich seinen Schmerzen, seinem Kummer und der Wut hin.

Er wurde von sanften Klängen der klassischen Musik und dem angenehmen Duft von Kuchen geweckt, dieses Mal war es Danny allerdings sofort klar, wo er sich befand: Im Hause der Sorokins. In seinem Arm lag die wunderschöne Oksana, bekleidet mit einem weißen Negligé, die gleichzeitig aufwachte.

„Guten Morgen mein Schatz, ich habe mich nochmal zu dir ins Bett gelegt. Ivan ist schon zur Schule gebracht worden, und du hast so schön geschlafen, dass ich mich noch kurz an dich kuscheln wollte“, schwärmte sie noch schlaftrunken. „Dabei bin ich wohl selbst noch mal eingenickt…“

Danny setzte sich auf und schaute aus dem großen Fenster, das das riesige helle Schlafzimmer mit Sonnenlicht regelrecht durchflutete.

„Wir haben es wirklich schön hier“, sagte er leise und wünschte sich weit weg. In diesem Moment brachen die Tränen aus ihm heraus- er erinnerte sich nicht mehr, wann er das letzte Mal geweint hatte. Er hatte alles verloren. Alles was ihm wichtig war. Er hatte sein Leben verloren. Und er wusste nicht einmal, warum.

Oksana umarmte ihn von hinten und schien aufrichtig Mitleid mit Danny zu haben. Es überraschte ihn, dass er sie nicht wegstieß, im Gegenteil, er nahm den ehrlich gemeinten Trost an.

„Sei nicht auf die falschen Menschen wütend“, flüsterte sie kaum hörbar in sein Ohr. Dann stand sie auf und ging aus dem Zimmer. „Carina, unsere neue Hausfee, hat uns Kaffee gekocht und uns einen Kuchen im Backofen gelassen, komm nach, wenn du soweit bist.“

Schweren Schrittes schleppte sich Danny ins anliegende Badezimmer um sich das Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen. Oksana war kein schlechter Mensch. Sie war vielleicht nur an den falschen geraten. Und irgendwie stand sie unter Nikolajs Fuchtel. Als Frau, Marionette, als was auch immer. Sie hatte keine Wahl. Vielleicht brachte Danny auch sie in Gefahr, wenn er das Ganze nicht mitspielte. Vermutlich sollte er einfach auf sie hören und abwarten. Früher oder später würde er den Grund herausfinden, warum er hier war und er würde seine Familie unversehrt wiederbekommen. Er sah sich sein zerschundetes, blutunterlaufenes Auge und seine zerschmetterte Nase an, die in allen Blau- und Violett- Tönen leuchtete. Welche andere Option hatte er denn?

Die Wochen vergingen und Danny lebte das Leben des russischen Millionärs. Er ging zu Nicolajs Arbeit, die seiner eigenen in England sehr ähnlich war, nämlich der Koordination für verschiedene Bauprojekte- nur hier spielte er in einer ganz anderen Liga. Es ging um Summen, von denen er noch nie zu träumen gewagt hätte. Außerdem wurde Danny dermaßen viel von der Arbeit abgenommen, dass er nicht sonderlich zu tun hatte. Alle wussten, dass er nicht Nicolaj war, daher muteten ihm seine Kollegen nicht viel zu. Aber alle spielten das Spiel mit.

Genauso war es, als er heimkam. Die Bediensteten in dem großen Anwesen waren Teil des großen Ganzen, von dem Danny auch nach knapp vier Wochen noch nicht den Kern gefunden hatte. Im Grunde wartete er darauf, dass er eine Lösegeldforderung oder etwas in der Art erhielt. Doch es passierte nichts. Manchmal ertappte sich Danny dabei, wie er gewisse Annehmlichkeiten als plötzlich wohlhabender Mann als schön empfand und er bestrafte sich mit schlaflosen Nachtstunden, in denen er sich immer und immer wieder dieselben Vorwürfe machte. Er vermisste seinen Sohn und seine Frau in jeder einzelnen Minute, aber oft tat es zu sehr weh, also versuchte er nicht an sie zu denken. Oksana und Ivan waren alles andere als schlechte Menschen, im Gegenteil, sie machten seinen unfreiwilligen Aufenthalt annehmbar und trösteten Danny insgeheim. Vor allem akzeptierten sie, wenn Danny alleine in seinem Zimmer sein wollte, um seinen Gedanken nachzugehen. Es war die merkwürdigste Situation, die er sich jemals vorstellen konnte: Er glaubte in einem Alptraum zu landen und dann war irgendwie alles ganz okay, obwohl es das nicht sein sollte. Aber alle waren freundlich zu ihm und machten es ihm damit umso schwieriger; er war hin und her gerissen vom schlechten Gewissen und der unheimlichen Natürlichkeit, täglich in einem fremden Haus aufzuwachen und das Leben eines anderen zu leben.

Danny versuchte Tag für Tag hinter sich zu bringen, in der Hoffnung, dass er eines Morgens wieder zuhause in seinem Bett aufwachen würde. Dass alles beim Alten sein würde. Aber es passierte nicht. Und irgendwann zählte Danny bereits die siebte anbrechende Woche als Nikolaj Sorokin.

Eines späten Abends schließlich ein Anruf.

„Danny, ich bin`s…“, weinte eine Stimme in den Hörer.

„Rose? Schatz, alles in Ordnung? Es ist alles gut, bitte hör auf zu weinen! Es wird alles wieder gut, versprochen! Wo seid ihr?“

„Wir sind zuhause… Aber nein, nein, das wird es nicht. Danny, wir sollen uns verabschieden. Du kommst nicht wieder, hat er gesagt.“ Er vernahm dem Schluchzen einen vorwurfsvollen Unterton.

„Natürlich komme ich wieder. Ich weiß nur nicht, was er von mir verlangt, Rose. Ich weiß es nicht.“

„Was meinst du damit? Du bist doch bei ihr, stimmt`s? Mit diesem russischen Model.“

„Ich bin in deren Haus, ja, aber das doch nicht freiwillig. Wie geht es Sam? Ist er bei dir?“

„Nicht freiwillig? Du hast mich in Frankreich schon angelogen, du sagtest, es sei nicht von Belang, was geschehen ist… Ich habe die Fotos gesehen, Danny. Wie ihr euch geküsst habt. Nikolaj hat mir von dem Deal erzählt. Du hast uns eingetauscht. Mich und Sam, gegen ein russisches Supermodel und 250.000 Euro.“

Was hatte dieser Mistkerl seiner Frau da nur eingebläut?

„Nein, nein, nein, was erzählst du da? Ich habe gar nichts. Ich habe den Deal abgelehnt. Ich liebe euch und würde niemals… Ich haue hier ab und komme nach Hause. Irgendwie… “

„Du kommst nirgendwo hin, mein Freund“, plötzlich ertönte Nicolajs Stimme. „Du hast keine Identität mehr als Daniel Westwood. Dein Gesicht ist nicht mehr dein Name. Versuch erst gar nicht bei Polizei…. Alle sind auf meiner Seite. Das was du hast jetzt, du kannst nicht darüber bestimmen. Du bist nichts.“

Danny konnte es nicht glauben. „Warum? Warum bin ich hier und Sie sind dort… Wieso haben Sie mir meine Identität gestohlen? Was haben Sie meiner Frau erzählt? Wo ist Sam… Bitte ich…“

Wie ein Hund ließ Nicolaj ihn betteln, aber Danny war es egal. Seine Hoffnung, dass er sein Leben zurückbekam, erstarb gänzlich. Er redete auf den Telefonhörer ein, obwohl das Freizeichen schon längst ertönt war.

Daher merkte er nicht, dass Carina einen Mann ins Haus ließ, der eine Eiseskälte verbreitete. Man musste kein Genie sein, um zu verstehen, dass dieser Mann im heruntergekommenen Aufzug und dem zornigen Funkeln in den Augen nicht gekommen war, um eine Tasse Tee zu trinken. Danny war so fertig von dem Telefongespräch, dass er nicht den geringsten Anflug von Angst oder Unruhe verspürte.

„Und sie sind jetzt wohl mein Todesengel, oder wie“, sagte er schon beinahe verächtlich und wartete nur darauf, dass er eine Kugel in die Brust gejagt bekam.

Der Fremde fing an, hektisch auf Russisch zu reden, sodass Danny kein Wort kapierte. Aber dem wütenden Gesichtsausdruck zufolge und dem wild gestikulierenden Körper nach war der Mann auf Danny nicht gut zu sprechen. Oder besser gesagt auf Nicolaj.

„Hören Sie, ich bin nicht Nicolaj“, Danny war es plötzlich völlig egal, dass er gegen die Regeln verstieß, „und ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen.“

Der Fremde war völlig außer sich, stürzte auf ihn los, schubste ihn grob nach hinten und drückte ihn gegen die Wand, die Hände umklammerten fest seinen Hals. Der schmächtige Mann war kräftiger als er aussah und Danny ihm hilflos ausgeliefert. Es ging dermaßen schnell, und die Würgattacke raubte ihm so abrupt den Atem, dass es beinahe zu spät für ihn gewesen wäre. Aus dem Nichts tauchte Oksana mit einer Messingstatue in der Hand auf und schlug den Angreifer damit zu Boden. Regungslos blieb der Kerl liegen und das saubere Weiß des Teppichs wich einem dunklen Rot.

„Ich habe ihn getötet…“, stotterte Oksana kaum hörbar und brach in Tränen aus.

„Du hast mir das Leben gerettet.“ Danny nahm sie in den Arm und da standen sie nun. Der Mann, der um seine Existenz betrogen wurde tröstete die Frau, die wesentlich dazu beigetragen hatte. Nach einigen Minuten beruhigte sich Oksana wieder etwas und schaute Danny an:

„Es tut mir ja alles so leid!“

„Erzähl mir alles. Wer war der Kerl?“

Leise, aber mit klarer Stimme erzählte die junge Frau.

„Nicolaj hat nicht nur aufgrund seines Jobs das viele Geld. Er lebt von Erpressungen und dem Identitätsklau anderer Leute. Das, was er mit dir abgezogen hat… du bist einer von vielen. Und der Kerl da…“ Sie warf einen kurzen Blick zu dem Toten auf dem Boden „er war auch einer von ihnen. Und er dachte, du seist Nicolaj, weil er ihn nie persönlich getroffen hat. Es ist nie die gleiche Masche, die er abzieht, er überlegt sich ständig was Neues. Das Prinzip ist allerdings immer dasselbe: Er bietet einen Tausch, lebt eine Zeit lang das Leben desjenigen und verlangt anschließend eine Stange Lösegeld. Viele wollen sich an ihm rächen und meistens geht es nicht gut aus für sie. Es ist auch nicht nur des Geldes wegen, Nicolaj macht es auch einfach als Zeitvertreib. Es macht ihm Spaß, Leute auf ihr Verhalten zu testen. Wie sie auf sein Angebot reagieren, ob und wie sie seine Person anschließend verkörpern… Es ist sein kleines Hobby sozusagen.“ Sie schnaubte verächtlich.

„Ist jemand schon mal auf einen Deal, wie er ihn mir angeboten hat, eingegangen?“

Oksana wandte ihren Blick beschämt ab. „Einmal. Mein Mann Ed war ein gewalttätiges und geldgeiles Arschloch. Wir haben ihm nichts bedeutet. Im Grunde hat Nicolaj Ivan und mich aus der Hölle gerettet. Und dafür bin ich ihm dankbar.“

Danny war sprachlos. Nicolaj besaß eine Familie, die er im Grunde gestohlen hatte und nutzte diese für seine schamlosen und kriminellen Absichten aus. Wer weiß, was Oksana für den Mistkerl alles tun musste! Und wie hatte er nur den armen Jungen dazu gebracht, einen jeden fremden Mann „Papa“ zu nennen?

„Deswegen spiele ich seine Femme Fatale, wenn man es so will. In Wirklichkeit bin ich eine ganz normale, junge Mutter, die einfach an die falschen Leute geraten ist. Bis jetzt.“ Oksana fixierte Danny. An ihrem Verhalten hatte Danny ihre Zuneigung schon längst bemerkt, nun spürte er auch ihre Ehrlichkeit und Verletzlichkeit. Er konnte es nicht leugnen, dass er Oksana mochte und sich zu ihr hingezogen fühlte, aber er würde seiner Frau niemals wehtun. Das was sie hatten… Wie sehr wünschte er sich genau das zurück. Aber er würde Oksana hier raus helfen.

„Ich verspreche dir, dass wir drei von hier wegkommen. Du hast ein besseres Leben verdient. Nicht nur eines, in der du eine Rolle spielen musst. Und ich kehre zurück zu meiner Familie. Wir schaffen das.“

„Aber dieses Mal ist es anders.“

„Was meinst du?“

„Das ganze dauert schon viel zu lange… Normalerweise ist nach zwei Wochen Schluss… und dass wir jetzt so offen darüber reden… Er überwacht uns doch.“

Ohne lange zu überlegen bestimmte Danny, dass sie abhauen würden. „Wir fahren jetzt los. Hol Ivan und das Wichtigste, was wir die nächsten Tage brauchen. Und Bargeld. Jede Menge davon.“

So fuhren die drei fort von dem Anwesen, das etwas außerhalb von St. Petersburg auf einer kleinen Anhöhe lag, runter in die Stadt. Die Nacht war angebrochen und Danny fand es am besten, in keinem Hotel einzuchecken, wo man nach ihren Personalien fragen würde.

„Wir schlafen heute Nacht im Auto, morgen sehen wir weiter.“

Der Morgen kam schnell und Danny hatte keine Ahnung, ob sein Vorhaben, zurück nach England zu fliegen, umsetzbar war, in Anbetracht der Tatsache, dass er identitätslos herumlief. Wenn Nicolaj Wind davon bekommen hatte, dass sie abgehauen waren- und davon hatte er sicherlich Wind bekommen, dann hatte er bestimmt schon dafür gesorgt, dass er auch den Namen Nicolaj Sorokin verloren hatte.

„Ich gehe zum Tabakladen und kaufe uns etwas zum Essen“, sagte er zu Oksana und stieg aus dem Auto. Der Parkplatz war schon recht belegt und auch auf den umliegenden Straßen war der morgendliche Frühverkehr schon im Gange. Danny ging in den kleinen Tabakladen, kaufte etwas Brot, Crossaints und Saft und schaute sich alle Leute hier genau an. Wo waren Nicolajs Männer? Es war doch seltsam, dass nicht schon längst etwas passiert war… Das mit dem Zettel, dem er dem Fahrer zugesteckt hatte… Nach kürzester Zeit wurde er dafür verprügelt und jetzt, wo er alle Regeln brach, die er nur brechen konnte, passierte gar nichts? Etwas war doch faul an der Sache…

„Wollen Sie heute noch bezahlen, oder was?“ unterbrach der Kassierer seine Gedankengänge.

Als Danny mit zwei vollbepackten Tüten in den Armen vom Tabakladen hinausging, fiel ihm eine Frau in dem Restaurant gegenüber auf. Sie trug einen schwarzen Trenchcoat, eine große, goldene Sonnenbrille, einen pinken Lippenstift und hatte die dunkelbraunen Haare streng nach hinten gebunden. Gerade stellte sie ihre Kaffeetasse auf den Tisch und fuhr sich mit einer ihm sehr vertrauten Geste hinter das Ohr. Das machte Rose immer, wenn sie zufrieden war oder sich über etwas freute. Sie lächelte und stand auf, um jemanden zu begrüßen. Es durchzog Danny wie ein heranrasender Pfeil. Danny konnte den Mann nicht erkennen, aber Rose umarmte und küsste ihn liebevoll auf die Lippen.

Danny stellte die Tüten auf den Boden und ging wie ferngesteuert auf das Lokal zu. Dabei achtete er darauf, dass sie ihn nicht sah. Er hörte ihr Lachen und wie sie in einem perfekten Russisch mit dem Mann plauderte, von dem Danny genau wusste, dass es sich um Nicolaj handelte. Am Eingang des Restaurants blieb Danny stehen und wartete ab. Er beobachtete die beiden, wie sie vertraut miteinander waren und spürte, wie jede einzelne Zelle in seinem Körper von unsagbarer Wut zerfressen wurde. Rose stand vom Tisch auf und wollte wohl auf die Toilette. Danny wandte sich schnell von ihr ab, um nicht erkannt zu werden und folgte ihr dann unauffällig auf das Damen- WC. Er schubste sie hinein und sperrte die Tür zu. Rose, die ihn nicht hatte kommen sehen, war völlig perplex. Aber ihre Verwunderung verwandelte sich schnell in ein schadenfrohes Grinsen.

„Ich dachte eigentlich, dass du schon längst am Flughafen sitzt und dort auf deine Festnahme wartest. Leute ohne Namen und ohne identifizierbaren Gesicht, die sieht man heutzutage nicht gerne.“

„Wie lange hast du das schon geplant? Seit wann hasst du mich so sehr?“

„Hassen ist ein hartes Wort, Danny. Aber ich habe mir wirklich Mühe gegeben, dass wir dich für unsere „Deals“ bis zum Schluss aufheben.“

„Bei den anderen Männern war es das Geld, das ihr ihnen abgezockt hat, schon klar, und was war es bei mir? War ich von Anfang an Teil des Plans?“

„Ach Danny… unsere ersten zwei Jahre waren echt, das schwöre ich. Aber als ich Nicolaj kennengelernt hatte, wollte ich auf ihn und ehrlich gesagt auch auf seinen Reichtum nicht mehr verzichten. Deswegen haben wir gemeinsame Sache gemacht. Aber wir wussten, dass wir irgendwann aufhören müssen, damit wir nicht in Gefahr laufen, aufzufliegen. Und damit wir dich los wurden, warst du sozusagen… unser Finale. Aber mein Gott, Oksana und Ivan haben dich jetzt auch nicht gerade schlecht behandelt. Die Schlampe ist doch schon seit Frankreich verschossen in dich. Also so schlecht erging es euch nun wirklich nicht.“

Danny konnte nicht glauben, was er da hörte. Es stand eine Fremde vor ihm. Und eine verdammt gute Schauspielerin.

„Du hast mich einfach in ein anderes Leben gesteckt und mich von Sam ferngehalten“, er fuhr sich verzweifelt durch die Haare und flüsterte: „Er ist Nicolajs Sohn, oder?“

„Das wollte ich dir ersparen, Danny. Wirklich, glaube mir.“

„Was kann ich dir schon noch glauben… Ihr beide… ihr kommt nicht durch damit, das schwöre ich.“

Danny stürmte aus dem WC, stieß aus Versehen zwei verwunderte Frauen an, die vor der Tür warteten und rannte aus dem Restaurant zum Wagen, in dem Oksana und Ivan auf ihr Frühstück warteten.

„Was ist los Danny?“ fragte Oksana besorgt, weil sie den Unmut in seinem Gesicht und das Zittern seiner Hände bemerkte. Hektisch, aber entschlossen setzte dieser sich ans Steuer und drehte den Schlüssel um.

„Wir holen uns unser Leben zurück. Auch, wenn sich darin nun einiges geändert hat.“

Das andere Leben (Teil 2)

Natürlich sah Danny die Sorokins beim Abendessen wieder. So gut es ging, versuchte Danny nicht an den Vorfall zu denken und auch nicht zu ihnen rüber zu schauen. Als der Kellner eine teure Weinflasche brachte, die die russische Familie ihnen hat rüberbringen lassen, bestand Rose darauf, sich zu bedanken und wollte schon aufstehen.

„Ich mach das schon“, intervenierte Danny. Unter keinen Umständen sollte seine Frau mit den Beiden sprechen. Wer weiß, was sie ihr erzählen würden! Also ging er selbst hinüber.

„Danny, mein Freund,“ lächelte Nikolaj freundlich, „Ich hoffe sehr, mein Wein kann ein wenig besänftigen. Haben Sie geredet mit Rose, was ist mit meinem Angebot?“

„Ich habe mit Rose nicht gesprochen, kann Ihnen jedoch versichern, dass ich meine Meinung nicht ändern werde. Und ich möchte Ihnen sagen, dass Sie uns von jetzt an bitte in Ruhe lassen sollen. Sie beide.“ Er schaute auch Oksana mit ernstem Blick an. „Kommen Sie uns nicht mehr zu nahe.“

Auf einmal tauchte Rose auf und bedankte sich doch noch persönlich. „Möchten Sie sich nachher noch mit uns auf ein Digestif an die Bar setzen?“ fragte sie herzlich.

Danny unterbrach sie, indem er sagte, dass die Sorokins schon anderweitige Pläne hätten. „Geh doch schon mal mit Sam voraus und suche uns einen schönen Platz auf der Terrasse, ich komme gleich nach.“

„Aber…“

„Geh Rose, ich komme nach!“

Nachdem Rose weg war, flüsterte Nikolaj mit ernster Miene: „Danny, Danny, Danny… Sie haben eine schlechte Entscheidung getroffen, eine sehr schlechte.“ Finster war sein Gesichtsausdruck, vom freundlichen und geselligen Mann war nicht mehr viel übrig. Es war eindeutig etwas Böses in seinem Blut.

„Jedenfalls ist es meine, ob schlecht oder nicht. Schönen Abend noch.“

Danny konnte sein Zittern nicht länger verbergen, darum drehte er sich schnell um und entfernte sich vom Tisch der russischen Familie. Er glaubte, seine Angst und sein ungutes Gefühl halbwegs abgeschüttelt zu haben, als er in die Bar zu Rose und Sam kam.

„Schätzchen, frag doch mal den Mann an der Bar, ob er noch eine Scheibe Zitrone für mein Getränk hat, machst du das bitte?“ fragte Rose den Kleinen, der hellauf begeistert war, etwas so Wichtiges erledigen zu dürfen. Danny setzte sich ohne ein Wort zu sagen hin.

„So, erzähle mir jetzt was los ist, Danny! Das war doch komisch gerade, die Situation bei den Sorokins. Ist etwas passiert?“

„Es ist alles in bester Ordnung, ich wollte nur, dass sie uns etwas mehr Ruhe als Familie gönnen.“ Was ja an sich nicht gelogen war.

„Auf einmal…? Wir sind seit neun Jahren zusammen und du bist bleicher als die Wand, vor der du sitzt. Da ist doch irgendwas vorgefallen… Du musst wirklich mit mir darüber reden, es ist absolut wichtig, dass wir uns die Wahrheit sagen!“

Danny kratzte sich nervös am Handrücken. Er konnte es ihr nicht sagen.

„Hör zu, ja, es ist etwas vorgefallen. Aber es ist nichts, was dich beunruhigen sollte oder sonst was. Ich bin auch dafür, ehrlich zu sein. Aber in dieser einen Sache, Rose, bitte ich dich, dass du nicht weiterhakst, weil es absolut nicht von Belang für uns ist. Aber es würde deine Laune wahrscheinlich trüben und ich wünsche mir so sehr, dass wir die restliche Zeit hier in Frankreich gut verbringen. Bitte vertrau mir einfach, dass es nicht die Wichtigkeit hat, um uns den Urlaub verderben zu lassen, in Ordnung?“

Eigentlich hätte Danny nun ein: „Lass mich entscheiden, was von Belang ist!“ oder ein „Was hast du nur wieder angestellt?“ von seiner Frau erwartet, stattdessen sagte sie:

„Okay!“

Sam kam mit der Zitrone für seine Mama zurück und Rose sprach darüber, dass es schön wäre, am nächsten Tag eine der nahe gelegenen Städte zu besichtigen.

„Wenn wir schon mal hier sind“, meinte sie.

Die letzten Tage verliefen erstaunlich ruhig und Dannys Befürchtungen, dass die Geschichte mit seinem Abgang im Restaurant noch nicht gegessen war, schienen sich langsam in Rauch aufzulösen. Es lief gut zwischen ihm und Rose und Sam und sie konnten die Zeit tatsächlich noch genießen. Am letzten Abend ihrer Ferien saßen sie noch lange auf dem Balkon des Hotelzimmers und gönnten sich zu zweit eine Flasche Rotwein, während Sam schon lange schlief. Später genoss es Danny, seiner Frau beim Schlafen zuzusehen, bevor er selbst mit einer Glückseligkeit einschlief, die er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Ja, er war glücklich, nur hatte er es vergessen. Das wollte er nie mehr zulassen.

Am nächsten Morgen wurde Danny von Zärtlichkeiten seiner Frau geweckt, die sie ihm schon lange nicht mehr geschenkt hatte. Er spürte ihre Hände unter seiner Bettdecke und genoss es, so aus dem Schlaf geholt zu werden. Sie setzte sich auf ihn. „Ein einfaches Guten Morgen hätte auch genügt, aber das ist auch nicht schlecht“, flüsterte er.

„Das ist die beste Art aufzuwachen,“ wisperte eine Stimme zurück, die nicht die von Rose war. Er schreckte hoch und riss die Augen weit auf. Es war Oksana, die auf ihm saß, in einem Bett, das nicht seines war. Wie konnte das sein? Wie war Danny hier gelandet? Im Bett der Sorokins, in deren Zimmer, mit der falschen Frau? Oksana war nur mit dem Hemd bekleidet, das er selbst am Abend vorher noch getragen und neben seinem Bett auf den Stuhl geworfen hatte.

„Oh Scheiße, was mache ich hier?? Wie bin ich hierhergekommen?“ Er warf Oksana von sich runter und zog sich seine Hose an. „Herrgott nochmal, was soll das? Wo sind mein Sohn und meine Frau?“ Oksana lachte und meinte trocken: „Jetzt können wir es auch beenden, wir waren ja schon mittendrin.“

„Ich. Will. Nicht. Sie. Ich will meine Frau. Wo ist sie?“ schrie er nun.

„Da hatte ich vor ein paar Tagen aber noch einen ganz anderen Eindruck. Außerdem würde ich dir raten, nicht zu viel Aufsehen zu erregen,“ sprach Oksana ruhig und mit einwandfreiem Englisch, wie Danny nun auffiel. Oksana war keine Russin.

„Wer sind Sie? Und was wollen Sie und ihr Mann von mir? Haben sie diese reiche Russen- Nummer nur gespielt?“

„Mein Mann Nikolaj ist sehr wohl Russe, ich nicht wirklich, aber das tut auch nichts zur Sache. Ich bin ab heute deine Frau, und Ivan dein Sohn. Nikolaj ist mit deiner Familie abgereist. Schon vorhin, vor Sonnenaufgang.“

„Was… was heißt, sie sind abgereist? Wo ist er hin…?“

„Du erinnerst dich an den Deal, den du nicht eingehen wolltest? Die 250.000 kriegst du wohl nicht mehr. Wenn du Glück hast, kriegst du Rose und Sam zurück. Und ab diesem Moment bist du Nikolaj Sorokin und wir sind deine Familie. Keine Fragen, kein Auffallen, kein Hilfe holen. Dir wird sowieso keiner glauben, dafür hat mein Mann… Danny hat dafür gesorgt.“

Danny schossen die Tränen in die Augen, vor Wut, vor Verzweiflung, vor Angst um seine Familie. Er stürmte auf Oksana zu und packte sie grob am Hals.

„Miststück, wo ist meine Familie? Rede!!!“

Oksana, die Mühe hatte zu sprechen, keuchte hervor: „Er… er wird sie umbringen, wenn du nicht nach Plan handelst.“

Sofort ließ Danny von ihr ab. „Keine Fragen ab diesem Augenblick“ erklärte sie weiter und rieb sich ihren Hals. „Hast du mich verstanden? Schauspielere so gut du kannst, je besser du deine Rolle als Nikolaj spielst, desto größer stehen die Chancen, deine richtige Familie lebend wieder zu sehen. Und bis dahin…“ Oksana gab ihm einen Kuss auf die Wange, als wäre es das Normalste auf der Welt, wandte sich ab, zog sich ein Kleid an und fing an, die Koffer zu packen.

„Dein Koffer ist so gut wie fertig, Schatz. Nur dein Badeetui fehlt noch, bringst du es mir bitte?“

Danny setzte sich aufs Bett und vergrub sein Gesicht in seine Hände. Das war ein Alptraum, ein schlechter Witz. Wie war er nur da reingeraten? Warum er? Warum seine Familie? Ivan kam ins Schlafzimmer und brachte seinem „Vater“ das Modellauto, das er einige Tage zuvor bekommen hatte. „Kannst du es mir reparieren, Papa? Der Reifen ist abgegangen.“

Ungläubig starrte Danny den Jungen an. Was haben Sie dem Kleinen erzählt, dass er das Ganze derart mitspielte? War es überhaupt ihr richtiger Sohn? Er wollte fragen, traute sich aber nicht. Wahrscheinlich wurde er beobachtet von Kameras oder er wurde verwanzt. Oder Oksana war die, die auf ihn aufpassen sollte. Die, die Situation unter Kontrolle halten sollte. Auf jeden Fall musste er irgendwie beobachtet werden, damit  Nikolaj sichergehen konnte, dass Danny den Zirkus auch wirklich mitspielte. Keine Fragen mehr. Er wird sie umbringen

Danny schluckte seinen Zorn und seine Tränen hinunter, atmete tief durch und versicherte dem Kleinen:

„Das bekommen wir schon wieder hin, Ivan. Komm her, gib mir dein Auto.“ Es dauerte nur zwei Minuten, bis der Reifen wieder am Wagen war. „Super, danke Papa!“ rief der Junge fröhlich und drückte ihn. Sollte Danny ihn doch fragen?

Er sah zu Oksana, die ihrem Sohn den Rucksack brachte. Allem Anschein nach bemerkte sie seine Unsicherheit und sein Vorhaben, fixierte ihn mit festem Blick und hielt den Zeigefinger vor ihre vollen, roten Lippen.

Keine Fragen mehr.

Fortsetzung folgt…

Das andere Leben (Teil 1)

Der Urlaub an der französischen Còte d´Azur war für Danny eigentlich zu teuer. Mit Müh und Not hatte er das Geld dafür zusammengekratzt, um seiner Frau Rose und seinem fünfjährigen Sohn Sam zumindest eine Woche im Paradies zu gönnen. Wenn Danny ganz ehrlich war, wäre er gar nicht erst hier, hätte gar nicht erst Urlaub genommen und säße stattdessen in seinem Büro um die Akten abzuarbeiten, die sich auf seinem Schreibtisch sicherlich schon gesammelt hatten. Seit zwei Tagen waren die Westwoods erst hier und schon jetzt hatte Danny keine große Lust mehr drauf. Er war nicht der Urlaubstyp und das tatenlose Rumliegen in der prallen Sonne war nicht seines.

Am Abend des zweiten Tages saßen die Westwoods im Restaurant, als am Nebentisch ein großgewachsener, kräftiger Mann mit seiner Familie Platz nahm. Danny schätzte, dass er in etwa fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt sein mochte. Er trug ein hellrosanes Hemd, dessen Kragen nach oben stand, eine riesige Rolex an seinem Arm und sprach mit seiner Frau auf Russisch. Diese war unglaublich schön: Jung, groß, schlank und ein Gesicht wie eine Porzellanpuppe. Die konnte doch nicht älter als sechs- oder siebenundzwanzig sein, dachte Danny und ertappte sich dabei wie er sie anstarrte. Ein enges rotes Kleid ließ erahnen, welch ein astreiner Körper sich darunter verbarg und ihre langen, dunkelblonden Haare saßen perfekt, ihr glänzender Lippenstift war fein säuberlich aufgetragen.

„Na“ unterbrach Rose sein Gaffen, „können wir jetzt bestellen oder brauchst du noch ein bisschen, um der Frau ein Loch in den Bauch zu starren?“

„Ich habe doch nur geschaut, wer unsere neuen Tischnachbarn sind“, antwortete Danny schnell.

„Ja klar, wenn ich auch mal so angeschaut werden würde von dir, dann hätten wir es zuhause auch mal wieder spannender.“

„Rose, lass gut sein!“

„Wie immer.“

Den restlichen Abend schwiegen sich die Beiden an, nur Sam schien nicht genug davon zu bekommen, von seinen neuen Freunden hier in der Hotelanlage zu schwärmen. Es ging nicht anders, aber Danny musste immer wieder zu der russischen Familie hinüberblicken. Das war doch eindeutig eine Heirat aufgrund seines Reichtums. So ein hübsches Ding hätte sich der Kerl sonst doch nie geangelt. Warum machte Rose sich nie so schick? Ja, sie war ganz hübsch anzusehen, aber seit einiger Zeit putzte sie sich nie mehr so wirklich heraus. Und deren Sohn schien sehr wohlerzogen zu sein. Hatte richtige Tischmanieren. Davon konnte sich Sam eine Scheibe abschneiden. Womit der Russe wohl sein Geld verdiente? Womit verdienten generell die reichen Russen ihr vieles Geld?

Sie schaute ihn an, die hübsche Frau. Während sie ihre Riemchensandalen zurechtrückte, blickte sie ihn direkt an, lächelte und zog mit der Hand, die eben noch am Schuh war, ihr Bein nach, bis sie sie auf dem Tisch wieder hinlegte und ihren Blick abwandte. Danny spürte, wie er von dieser kleinen Handlung sehr angetan war und hatte Mühe sich wieder auf seinen Sohn zu konzentrieren. Und Rose? Rose suchte gerade ihr Handy in der Handtasche und hatte nichts mitbekommen.

„Meine Mutter hat gesagt, sie ruft mich an und gibt mir Bescheid, wie es im Krankenhaus gelaufen ist. Es ist bald halb 10 und sie hat noch immer nichts von sich hören lassen.“ Murmelte sie vor sich hin, aber Danny war mit seinen Gedanken abwesend. Dann plagte ihn sein Gewissen und er versuchte sich auf seine Frau zu konzentrieren. Es ging ihr im Moment nicht besonders, weil ihre Mutter erkrankt war. Der Urlaub sollte sie auch davon etwas ablenken. Danny sollte sie ablenken und stattdessen schaut er irgendwelchen jungen Frauen hinterher.

„Lass uns noch am Strand spazieren gehen“ sagte er versöhnlich zu seiner Frau.

Am nächsten Tag lag Danny am Pool und las seine Zeitung, Rose wollte mit Sam in den Kinderclub. Die Sonne schien schon in diesen Morgenstunden besonders stark vom Himmel, sodass es am Strand nicht auszuhalten wäre. Während er Seite für Seite umblätterte, sah er im Augenwinkel die hübsche junge Russin mit ihrem Sohn um die Ecke kommen. Wieder konnte Danny seinen Blick nicht abwenden. Sie trug eine große, teure Sonnenbrille, einen schwarzen Bikini und hatte um die Hüfte ein schwarzes, transparentes Strandtuch gebunden. Ihre Haare trug sie zu einem hohen Rossschwanz. Sie war eindeutig ein Model, da war sich Danny sicher. Ein paar Meter dahinter tauchte auch ihr schwerreicher Ehemann auf, mit zwei Cocktails in der Hand. Die drei besetzen die Liegen direkt neben den Westwoods. Der Russe hielt seiner Frau einen Cocktail hin, woraufhin diese irgendetwas sagte.  Um nicht zu neugierig zu wirken, versuchte sich Danny auf seine Lektüre zu konzentrieren.

„Wollen sie Mojito, Kumpel?“ fragte ihn der Russe plötzlich, mit einer tiefen, aber doch laut Stimme.

Etwas überrascht antwortete Danny: „Wie bitte? Den Mojito?“

„Ja, Frau will ihn nicht, und zwei Cocktails so früh am Morgen schaffe ich nicht! Obwohl bin ich Russe!“ lachte er laut.

„Ja… ja, warum nicht. Vielen Dank.“

„Nikolaj Sorokin ist mein Name, und hier… das ist meine Frau Oksana und das mein Sohn Ivan.“

„Freut mich, freut mich sehr. Ich bin Daniel Westwood.“ Danny war etwas überrumpelt, schüttelte aber allen die Hand und lächelte freundlich. Die junge Frau sah aus der Nähe noch viel besser aus. Oksana.

„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, Nikolaj. Sie sind gestern angereist, richtig? Sie sitzen im Restaurant neben uns.“

„Jaja, gestern sind wir angekommen. Flug war zu spät, weil Privatjet konnte nicht landen, aber naja. Man glaubt, mit Geld ist alles einfacher, ist es nicht immer. Wenn Mann im Tower sagt: Nicht landen, dann dürfen auch 100 Millionen nicht landen. Aber für Rückreise passiert nicht mehr… habe schon dafür gesorgt.“

Was er genau damit meinte, wusste Danny zwar nicht, aber er wollte nicht nachhaken. „Na dann ist gut… Wie lange bleiben Sie?“

„Bis Sonntag, dann wir fliegen weiter, das ist nur Zwischenstopp.“ Mit drei Schlucken war Nikolajs Mojito leer. Oksana hatte sich fertig eingecremt, als sie aufstand und zum Pool ging. Danny kam nicht umhin, ihren makellosen Körper von oben bis unten anzusehen. Trotz seiner Sonnenbrillen schien der Russe es zu merken, denn er sagte mit lauter Stimme:

„Hübsches Ding meine Frau, nicht wahr? Jung, attraktiv und sagt nicht viel. Perfekt, nicht wahr.“ Und lachte wieder.

Danny war etwas überfordert mit der ganzen Situation, und spürte wie sein Gesicht rot wurde. Der Mojito um halb zehn morgens hatte es zudem in sich.

„Alles gut Kumpel, alles gut. Wir bestellen noch Mojito und lassen es uns gut gehen, in Ordnung?“

Als Rose mit Bobby zurückkam, saß Danny bei seinem dritten Getränk und unterhielt sich mittlerweile sehr lebhaft mit dem Russen. Sie schien über die Situation nicht besonders erfreut zu sein.

„Na da hat uns jemand aber nicht sonderlich vermisst“, sagte Rose aneckend, jedoch mit einem sehr freundlichen Lächeln. Das konnte sie gut. Danny machte sie bekannt und erstaunlicherweise war Nikolaji so charmant zu Rose, dass sie ganz ehrlich verlegen wurde von seiner höflichen Begrüßung. Danny kam es beinahe so vor, als hätte sie ihre Eifersucht Oksana gegenüber vergessen. Konnte sie im Grunde auch. Auch wenn Danny das Model attraktiv fand, so hatte Rose nichts zu befürchten. Und das wusste Rose in ihrem Inneren. So kam es, dass die beiden Familien den ganzen Tag miteinander am Pool verbrachten, um am Ende des Tages mit einer Portion Geselligkeit, Neugierde und Neid ins Zimmer zurückzukehren, um sich dort für den Abend zurecht zu machen.

„Das ist doch Wahnsinn, was manche für ein Schwein haben oder? Ich meine, wir leben nicht gerade schlecht, aber was diese Leute Geld zum Fenster rauspfeffern können, das ist doch verrückt.“

Auch Sam war ganz beeindruckt von der wohlhabenden Familie: „Mama, Ivan hat zuhause einen eigenen Spielplatz im Garten. Der gehört ihm ganz allein. Und ein Pferd. Und er ist erst sechs! Darf ich mal zu ihm spielen, Mama?“

„Nein Schätzchen, Sankt Petersburg ist definitiv eine Nummer zu groß für uns. Außerdem: Geld ist nicht alles. Wer weiß, ob die Leute auch wirklich glücklich sind mit so einem Leben“ meinte Rose, während sie sich ihren Bikini auszog und in die Dusche stieg.

„Soll das ein Witz sein, Rose? Heute sind sie noch hier in Frankreich, und nächste Woche in Miami Beach. Der Kerl besitzt einen Rolls Royce, `nen Privatjet, eine Yacht, eine Privatvilla am Bodensee, eine Modelfrau und eine fette Rolex am Arm. Und muss dafür anscheinend nicht mal sonderlich viel arbeiten. Nikolaj hat definitiv alles, was man sich so wünscht.“

Einige Minuten war bis auf das Plätschern in der Dusche nichts zu hören. Nach einer Weile machte Rose das Wasser aus und kam mit einem weißen Handtuch bedeckt heraus.

„Ok Danny… Und was hast du?“ Rose war von seiner Aussage definitiv gekränkt.

„Mein Gott, Schatz, du weißt doch genau wie ich das meine…“

„Ja klar. Wir sind heute in Frankreich, das wir uns gerade so leisten können, und nächste Woche schon wieder zu Hause in unserem Alltag. Du besitzt einen Kleinwagen und mietest eine Dreizimmerwohnung in der wohl unspektakulärsten Stadt Englands. Du hast eine alte Armbanduhr, die du von deinem Vater vererbt hast und die du grottenhässlich findest. Und… du hast bloß mich. Hoffentlich freust du dich zumindest über deinen Sohn.“

Bevor Danny irgendetwas erwidern konnte, war Rose aus dem Bad gestürmt. Er konnte sehen, dass sie Tränen in den Augen hatte. Es lief nicht besonders gut zwischen den Zweien, schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Danny wusste nicht, woran es lag und Rose wusste es auch nicht. Aber diese strohdumme Aussage von gerade eben, hat ihre Situation definitiv nicht verbessert.

Um den Abend halbwegs zu retten, schlug Danny die Einladung von Nikolaj aus, sich zu seiner Familie an den Tisch zu setzen. Danny wandte sich nicht einmal von Rose oder Sam ab, seine Aufmerksamkeit galt nur ihnen.

Auch am nächsten Tag mied Danny den Kontakt mit den Sorokins bewusst. Er wollte nicht noch mehr Unmut in den Urlaub bringen und wollte Rose vergessen lassen, was er von sich gegeben hatte. Er liebte sie und wollte nichts riskieren. Er sollte den Urlaub genießen, er sollte ihn mit seiner Frau und seinem Kind genießen, er sollte glücklich sein, mit dem, was er hatte. Denn das, was er hatte, war eigentlich wunderschön, nur vergaß er es ab und an. Rose schien sich auch beruhigt zu haben und so konnten sie sich wieder friedvoll miteinander unterhalten. Sogar den Kuss, den er ihr gab, erwiderte sie, als er sich kurz verabschiedete.

„Ich hole schnell Sams Sandspielzeug im Zimmer, bin gleich wieder da.“

„Ist gut.“

Danny war guter Dinge, dass die restlichen Urlaubstage noch schön wurden. Jedenfalls würde er alles dafür tun. Auf dem Weg durch die große Parkanlage hörte er Nikolaj Sorokin hinter sich rufen.

„Danny! Mein Freund! Warten Sie.“ Der Mann kam, bis er mit Danny Schritt hielt. „Alles gut? Haben wir etwas falsch gemacht?“

„Nein, nein, es ist alles in Ordnung… Sie müssen nur verstehen, meine Frau wünscht sich etwas Zeit mit mir. Alleine sozusagen, als Familie. Aber es ist nichts gegen Sie persönlich. Wir finden Sie, Oksana und Ivan wirklich sehr nett.“

„Aaaah, das ich gut verstehen. Da sind Frauen alle gleich. Aber ich schon gemerkt, dass Sie uns finden nett. Besonders Oksana, nicht wahr?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen…“

Nikolaj lachte und gab Danny einen kräftigen Klaps auf die Schulter. „Kommen Sie, haben sie Zeit, nur fünf Minuten? Ich möchte Ihnen zeigen etwas.“

„Eigentlich wollte ich nur schnell Sams Spielzeug….“
„Kommen Sie, ich halte Sie nicht lange auf.“ Nikolajs Hand lag immer noch auf Dannys Schulter und schob ihn in die Richtung eines der Luxus Bungalows. Wahrscheinlich war es seiner. „Kommen Sie rein, einen Moment!“

Danny wusste nicht, warum er in Nikolajs Zimmer gehen sollte, was er hier… Da sah er Oksana auf dem Bett liegen. Verführerisch in einem schwarzen Spitzendessous und offensichtlich auf ihn wartend.

„Was zum…“ Danny drehte sich zu Nikolaj und schaute ihn fragend an.

„Wir sind Freunde, Danny, oder? Freund macht dem anderen Freund Gefallen. Oksana ist meiner. Ich teile gerne…“

„Ich will nicht mit ihrer Frau schlafen, was denken Sie…“ Danny wurde wütend, allerdings wusste er nicht genau worüber. Dass ihm der Russe ein solches unmoralisches Angebot unterbreitete oder darüber, dass er dem Angebot irgendwie doch gerne nachgekommen wäre. Aber nein, das konnte er nicht tun. Und würde er auch nicht. Er fand Oksana mehr als anziehend, das gab er zu, aber er wollte seiner Frau auf keinen Fall wehtun.
„Ihre Frau wird es nicht erfahren, wie auch? Ich erzähle sicher nicht!“ grinste Nikolaj, als ob er Dannys Gedanken lesen konnte. Oksana stand vom Bett auf und ging auf Danny zu. Sie strich ihm sanft über den Arm und wanderte hoch an seinen Nacken, kam mit ihrem Gesicht nahe an seines. Er wich zurück. „Lassen Sie das! Was soll das hier, was wollen Sie von mir?“

„Ah Sie nicht blöd. Sie sind auch Geschäftsmann, ich auch. Oksana wäre Geschenk gewesen, aber wenn sie wissen wollen, was mein richtiges Angebot ist, dann auch gut!“ Nikolaj zuckte mit den Schultern und sagte zu Oksana auf Russisch, dass sie sich verziehen sollte. Jedenfalls ging sie aus dem Raum und ließ die Männer zurück.

„Ich habe ein Angebot. Sie tauschen Leben mit mir. Eine Zeit lang. Sie fragen nicht wieso, Sie machen einfach.“

Danny lachte auf. „Bitte was soll ich?“

„Wir tauschen Identitäten. Sie sind ich, ich bin Sie. Sie gehen mit meiner Familie, ich mit Ihrer.“

„Sie spinnen doch, warum sollte ich das tun?“

„Ich habe gesagt, keine Fragen. Sie machen einfach. Ist gut, dann können Sie mein Leben leben. Yacht, Villa, Sex mit schöner Frau, alles was Sie sich immer gewünscht haben, nicht wahr?“ Nikolaj grinste. In seinen Augen funkelte etwas auf, dass Danny zuvor nicht aufgefallen war. Der Kerl war nicht sauber. Der machte krumme Dinger und nun wollte er ihn mit hineinziehen.

„Das ist völlig verrückt, ich mache da auf keinen Fall mit!“

„Ich gebe 250.000 Euro für einen Monat Tausch! Sie können Leben leben, das sie schon immer wollten und ich behandle ihre Frau gut. Ihr Sohn wird es gut haben. Sie können mit Rose sprechen, alles wird kein Problem. Ein Monat. 250.000 und keine weiteren Fragen.“

Danny fehlten die Worte, so perplex war er.

„Nein, nein, das kann ich nicht tun, das ist unmoralisch und falsch.“

„Sie haben Moral, Danny. Sie haben Oksana abgelehnt. Aber das, dieses Angebot können Sie nicht ablehnen. Gewinnen beide, Sie und ich. Also?“

Danny gab zu, dass eine viertel Million mehr als verführerisch war, aber dieses Angebot war so fern jeglicher Realität, so unwirklich, dass er niemals darauf eingestiegen wäre.

„Wissen Sie was, Danny! Danny, mein Freund. Das zu viel alles jetzt. Sie überlegen noch. Reden mit Rose. Dann Sie entscheiden. In Ordnung?“

„Ich glaube nicht, dass ich mich um entscheide, Nikolaj. Das Ganze ist mehr als verrückt. Und ich würde jetzt wirklich gerne gehen.“

„Nur weil verrückt, muss nicht heißen, dass schlecht… Wir sehen uns heute Abend beim Essen. Und falls sie mein Geschenk doch wollen haben… Bitte immer gerne.“

Oksana kam wieder zurück ins Zimmer und erneut auf Danny zu. Das war das erste Mal, dass er sie auf Englisch reden hörte.

„Ich finde Sie sehr attraktiv, Danny, Sie haben Abenteuer verdient. Sie haben Geld verdient und sie haben Nacht mit mir verdient. Entscheiden Sie gut.“ Ihre Lippen berührten fast seine, als sie die Worte flüsterte. Danny tat sich schwer, der Versuchung zu widerstehen, und als er sich schon wegdrehen wollte, packte sie ihn am Kopf und küsste ihn heftig. Erst nach einigen Sekunden riss er sich los und stürmte aus dem Bungalow. Er fühlte sich, als ob er aus einem Traum erwachte. Eben war er noch in dem verdunkelten, prunkvollen Zimmer und fand sich in dieser völlig wahnwitzigen Situation wieder und nun stand er in der prallen Sonne mitten in der Clubanlage und Urlauber, die auf dem Weg zum Strand waren, spazierten mit Poolnudel und Sonnenhut an ihm vorbei. Schnellen Schrittes machte er sich zurück zum Strand, als ihm einfiel, dass er die Spielsachen seines Sohnes holen wollte. Erst nachdem er diese geholt hatte ging er zu seiner Familie zurück. Warum war er mit in dieses Zimmer? Warum ist er nicht sofort wieder hinaus, als er Oksana da liegen sah? Warum hatte er gezögert? Bei allem? Wieso hatte er sich dem Kuss nicht gleich entzogen?

„Alles in Ordnung mit dir?“ erkundigte sich Rose, die ihrem Mann anmerkte, dass etwas nicht stimmte. Sollte er es ihr erzählen?

„Es ist alles ok, mir macht nur die Hitze zu schaffen. Ich liebe dich, Rose.“

„Es tut mir Leid wegen der letzten Tage, ich denke, ich bin im Moment einfach überempfindlich.“ Flüsterte Rose und gab ihm einen weichen Kuss auf die Wange. „Wir kriegen das wieder hin! Ich liebe dich auch.“

Definitiv nicht würde Danny Rose erzählen, was ihm gerade widerfahren war. Es würde den Urlaub ruinieren. Es würde alles ruinieren. Einfach alles.

Fortsetzung folgt…

Einer unter Tausenden oder: wenn Träume nicht (so richtig) wahr werden

In der New Yorker U- Bahn sah ich vor sieben Jahren einen Mann, der sang um seine Existenz. Er war gewiss nicht der Einzige, der mit Straßenmusik sein Geld verdiente, aber dieser schon etwas ältere Afroamerikaner mit dem hellbraunen Trenchcoat brachte so viel Gefühl in die hektische, abgedroschene und unpersönliche Bahn, dass er mir in Erinnerung blieb. Ich hoffe, es gibt ihn auch heute noch und er erfüllt mit seiner Black- Soul- Stimme die U- Bahnen und Herzen des Big Apples.

 

Victor sang „Stand by me“ gerade zu Ende, als ein paar junge Leute ihm applaudierten. Das erste Mal heute und in den letzten drei Tagen. So oft bekam  man nicht Applaus hier unten, hier war die Luft zu heiß, der Bahnverkehr zu hektisch, die Leute zu reserviert und müde. Er kannte die New Yorker Menschen zu gut und er teilte sie gerne in zwei Kategorien für sich ein: Auf der einen Seite waren da die begeisterungsfähigen, offenen und ungezwungenen Großstädter und auf der anderen Seite die Stadtmenschen, die in der Anonymität New Yorks ihr Dasein drucksten, die von der Frau in der Nachbarswohnung oder dem unbekannten, schwarzen Sänger in der U- Bahn nichts wissen wollten.

Als er vor zweiunddreißig Jahren von Philadelphia in die Ostküstenmetropole gezogen war, um hier sein Glück mit der Musik zu machen, war Victor einer von Tausenden. Die jungen Leute strömten in den 70ern von überall her: Europa, Kanada, Mexiko und –so wie Victor- aus anderen Teilen des Landes. Amerika, insbesondere Los Angeles und New York hatten den Ruf, Träume wahr werden zu lassen und vielleicht fanden einige auch ihr Glück. Aber Victor lernte damals unzählige Leute kennen, die die bittere Wahrheit, die Überbewertung des „American way of life“ irgendwann erkannten und damit nicht umgehen konnten. Die abstürzten, dem Alkohol oder Drogen verfielen, kriminell wurden oder die sogar Selbstmord begingen.  Oder- und diejenigen wählten die für sie vielleicht einfachste, aber wahrscheinlich demütigendste Lösung- die nach Hause zurückkehrten und sich somit nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Familien und Freunden die Niederlage eingestehen mussten. Victor gehörte weder zu den Gewinnern noch zu den Verlierern, wurde weder erfolgreich mit seiner Musik, noch verfiel er dem Rausch, noch kehrte er in seine Heimat zurück. Er kam mit dem Singen auf der Straße und in den U-Bahn Stationen grade so über die Runden, aber was war das schon? Was war er in den Augen der anderen Menschen? Ein begnadeter Sänger? Einer der seinen amerikanischen Traum lebte? Sicherlich nicht. So sah er sich nicht einmal selbst. Ein Bettler war er, der Glück hatte, eine gute Stimme zu haben und somit nicht ganz das Gefühl haben musste, um Geld zu bitten. Vielleicht gaben ihm trotzdem viele Leute nur aus Mitleid etwas und nicht deswegen, weil er talentiert war. Am Ende des Tages lief es auf dasselbe hinaus. Er konnte in seine kleine Wohnung in Harlem und hatte warmes Essen auf dem Tisch. Die Bestätigung, die Anerkennung für seinen Gesang, die fehlte meist. Aber Victor konnte es sich nicht leisten, daran zu verzweifeln. Eine andere Arbeit gab es für ihn nicht, wegen seiner Invalidität stellte ihn niemand ein. Zudem war er schwarz. Victor hatte schlechte Karten. Sein einziges Ass war seine Stimme und die hörte leider nie die richtige Person. Victor dachte immer: Wenn Gott es für mich vorgesehen hat, dann spaziert irgendwann ein Musikproduzent an mir vorbei und erkennt mein Potenzial!

Mittlerweile, fast dreißig Jahre später dachte Victor, dass Gott ein Arschloch sei. Über acht Millionen Leute in dieser verdammten Stadt und keiner, aber auch gar keiner, der ihm das Gegenteil beweisen konnte. Aber was soll`s, Victor hatte sich damit abgefunden. Er war auch nicht wirklich unzufrieden, das konnte er nun wirklich nicht behaupten. Immerhin verdiente er mit dem, was er liebte, seinen Lebensunterhalt. Wie viele Menschen können das von sich behaupten? Das war es auch, was seine Frau immer zu ihm sagte. Die Tatsache, dass sie selbst sechs Tage die Woche fast zehn Stunden täglich in der Wäscherei zubrachte, damit das Geld auch für sie beide reichte, erwähnte sie nie. Und dafür liebte er seine Brianne. Weil sie alles so nahm, wie es war, zufrieden damit war und Victor nahm wie er war, und auch damit zufrieden war. Genügsamkeit. Das war Briannes Stärke und Victors Anker im hektischen Alltag. Das wiederum machte ihn dankbar. Dass auch sie ihn genügsam machte und nicht vergessen ließ, wie wertvoll das ist, was man besitzt. Träumen hinterherjagen kann sehr anstrengend sein… Wie schön war es da, einen sicheren Hafen zu besitzen, der Victor runterkommen ließ, auch wenn der Tag noch so anstrengend, niederschmetternd oder belanglos gewesen war!

Es waren die ersten kühlen Herbsttage in New York, und Victor hatte seit Wochen das erste Mal wieder das Gefühl, im Underground nicht zu ersticken. Der Sommer war fast unerträglich da unten, aber die U-Bahn rentierte sich für ihn am meisten. Da konnten die Leute sich nicht so schnell abwenden oder gar weglaufen.  Also biss er sich durch, von Wagon zu Wagon. Einige Dollar wanderten an diesem Morgen in Victors Mütze, mit der er nach seiner Performance durch das Abteil ging. Viele New Yorker kannten den Soulsänger schon seit den Anfängen seiner Musik hier in der Stadt der Städte. Und fast alle liebten ihn und seine Musik. Seine Fans. Manche fanden ihn toll, vor allem die Touristen, weil sie überrascht vom plötzlichen Gesang in einem öffentlichen Transportmittel waren. Andere wiederum würdigten ihn nicht mal eines Blickes und verzogen eher entnervt das Gesicht, wenn er in der Bahn zu singen anfing. Es gab eben diese und jene Menschen. Gute Tage und weniger gute Tage. Das eine reihte sich an das andere; so war das Leben in New York.

Aber immerhin hatte Victor eine Konstante. Es war die Liebe und war es am Ende nicht das, worauf es ankam?

Die glückliche Wendung im Leben des Jesper Moeller

Habt ihr schon mal von Christiania gehört? Nein? Christiania ist in Kopenhagen eine Art Wohnsiedlung für Aussteiger, Hippies, Freidenker und alle anderen, die das „Außerhalb“ meiden, um in ihrer Freistadt ein alternatives Leben zu führen. Sie leben und arbeiten dort nach ihren eigenen Regeln und werden trotz umstrittenen Haschischkonsums innerhalb dieser ehemaligen Militärzone von der Hauptstadt geduldet. Bis 2016 gab es auch die sogenannte „Pusherstreet“, in der mehr oder weniger legal Cannabis verkauft wurde. Letztes Jahr im Sommer machten die Stände dicht, nachdem es zwischen einem Dealer und Polizisten zu einer tödlichen Schießerei kam.

Als wir vor zwei Jahren in Kopenhagen waren, stand Christiania, wie bei tausenden anderen Stadtbesuchern, auch auf unserer To- do- Liste. Ich erzähle euch, wie mein Eindruck von der umstrittenen Freistadt war. Am Eingang: Haufenweise Touristen vermischen sich mit dem Aussteigervolk. Ein Gewimmel von Leuten, bunten Farben und schräger Hippie- Straßenmusik von solchen Christianiten, die schon fast ihr ganzes Leben dort verbracht hatten und ganz offensichtlich den ein oder anderen Joint über den gelegentlichen Genuss geraucht hatten. Dann kommen die selbstgemalten Verbotsschilder (alles handgemacht in dieser autonomen Gemeinde): Fotografieren verboten. Denn dann betritt man die Pusherstreet. Links und rechts Haschischstände mit Tarnnetzen, die den Dealern Anonymität geben. Daneben weitere Männer mit Strumpfmasken über dem Kopf. (Unser Kopenhagener Gastgeber Tammy erzählte uns, dass die Pusherstreet  mit den Jahren gefährlicher wurde, darum die Tarnungen der Männer. Er sagte, Kameras und neugierige Blicke mögen sie nicht. Zu viele Polizisten.) Wir für unseren Teil durchquerten zügig und mit mulmigem Gefühl die Straße, um dann den anderen, für mich ziemlich gegenteiligen Teil Christianias zu betreten. Hier fühlte man die Freiheit ihrer Bewohner. Gelassenheit, entspannte Leute auf der Wiese (allesamt rauchend wohlbemerkt), kreative Werkstätte, in denen sie auf ganz ordentliche Art und Weise ihr Geld verdienten (mit Schmuck, Dekoartikeln, die berühmten Kopenhagener Fahrräder werden hier hergestellt und einiges mehr), ein See, haufenweise Bäume, verwinkelte Wege und bunte Bilder auf den ehemaligen Stadtmauern und Militärgebäuden. Und jetzt komme ich endlich auf den Punkt, nämlich auf den Mann, um dem es in meiner Geschichte geht, denn genau hier, an einer Kreuzung nahe dem Wäldchen, mitten in Christiania, da sah ich ihn:

Er sah aus, wie ein Woodstockveterane oder ein Überbleibsel einer Hippiekommune: Langes, blond gewelltes Haar, eine dünne Brille im Gesicht, das schon einige Falten hatte und eine helle, legere Kleidung bedeckte seinen sehr schlanken Körper. Und er war barfuß.

Ich nenne ihn Jesper. Jesper saß im Schneidersitz vor einem Laternenmast, bemalte diesen mit bunten Farben und verwandelte einen nicht erwähnenswerten Gegenstand in ein Kunstwerk, das dadurch mit Christiania eins wurde. Wie bei vielen anderen Christianiten fragte ich mich auch bei ihm, wie er wohl hierhergekommen war, wann er mit der Außenwelt gebrochen und sich für diese Alternative entschieden hatte.

Leider erinnere ich mich nicht mehr daran, was er malte, ich habe nur diesen malenden Hippie im Kopf, denn nicht oft trifft man auf Menschen, die so augenscheinlich zufrieden sind und so leidenschaftlich und glücklich im Moment leben, wie es dieser Mann getan hat. Und genau darum habe ich Jesper nicht vergessen.

Nachdem Jesper Moeller gekündigt wurde, stand er an der Ampel der Kreuzung neben seiner Schule. Ehemaligen Schule besser gesagt. Neun Jahre hatte er hier Kinder der Mittelschicht Kopenhagens in Mathematik unterrichtet und er sah es lange Zeit nicht nur als eine Arbeit, sondern als Berufung. Jesper konnte von sich selbst behaupten, dass er Lehrer mit Leidenschaft war und war überzeugt, etwas mit wirklichem Sinn zu tun. Die letzten Monate hatte sich an dieser Einstellung allerdings etwas geändert. Das positive Gefühl war irgendwie verschwunden. Vielleicht lag es daran, dass die Anforderungen immer größer wurden, die Kinder schwieriger zu begeistern von Zahlen und dem Addieren oder der bürokratischen Kram mehr und mehr wurde. Es genügte ihm schon alles irgendwie, aber war er auch wirklich glücklich? Er war sich nicht mehr sicher. Er wusste lediglich, dass das morgendliche Aufstehen und der Gang zur Arbeit reine Routine geworden war. Gekündigt wurde ihm an dem heutigen Tag mit der nüchternen Begründung der Sparmaßnahmen und dem daraus resultierenden Stellenabbau. Warum gerade er? Weil es noch zwei andere Mathematiklehrer an der Schule gab, die noch dazu jünger und motivierter waren als Jesper. Also musste der 49- Jährige seine Sachen packen.

Die Ampel schaltete auf Grün. Aber Jesper, der mit seiner Ledertasche und einem Karton seiner schulischen Habseligkeiten an der Straße stand, blieb stehen und ließ die anderen Passanten, die neben und hinter ihm warteten, an sich vorbeigehen. Interessanterweise, das wurde ihm in dem Moment klar, war ihm die Kündigung völlig egal. Er war beinahe… ja, erleichtert. Ganz unverhofft fühlte sich Jesper Moeller wieder frei. Er lächelte und überquerte die Straße nicht, sondern stellte seinen Karton neben die überquellende Mülltonne, die dort stand, drehte sich einfach nach links und ging los. Wohin, wusste er selbst nicht so genau, aber er hatte das Bedürfnis zu gehen. Schlendern, Kopenhagen auf sich wirken lassen. So lange hatte er das nicht mehr getan. Wäre sein Tag wie gewöhnlich abgelaufen, dann wäre er nach der Arbeit direkt nach Hause gegangen, um Hausaufgaben zu korrigieren und die nächsten Unterrichtseinheiten zu planen. Dann hätte er sich vermutlich aufs Ohr gelegt, um dann noch mal raus zu gehen, kurz in den Lebensmittelladen und dann wieder nach Hause zum Kochen. Jesper lebte seit drei Jahren alleine, seit seine letzte Beziehung in die Brüche gegangen war. Dieser weinte er nicht besonders hinterher und er suchte auch nicht aktiv nach einer neuen Frau, warum auch? Alleine lebte es sich auch ganz gut und um einiges unkomplizierter. Er war ein Einzelgänger, das war er schon immer gewesen, ein wenig eigenbrötlerisch und introvertiert. Manche hielten ihn für eine Art Mathematik- Nerd, aber in Wahrheit war die Welt der Logik nur sein Job, den er liebte und mit Fleiß ausübte, aber dennoch sein Job. In seinen vier Wänden, da malte er. Das wusste keiner, weil es wahrscheinlich auch niemanden richtig interessierte, aber er malte leidenschaftlich gern und zumindest Jesper selbst fand seine Werke gar nicht so schlecht. Er malte, nur für sich selbst, abends vor dem zu Bett gehen. Fernseher besaß Jesper keinen und er hatte auch nicht die Intension sich einen zuzulegen. Er hantierte lieber mit seinen Acrylfarben und Pinseln auf den Leinwänden herum, das entspannte ihn und war der perfekte Kontrast zu seiner Arbeit. Von seinem Hobby hatte er nie wirklich jemandem erzählt. Außer Marta, dieser Frau, der er vor einem Jahr zufällig in einer Bäckerei in Christianshavn, ganz in der Nähe der Erlöserkirche begegnet war. Normalerweise hatte er es nicht so mit fremden Leuten, aber diese Powerfrau mit den kurzgeschnittenen dunkelbraunen Haaren und der fröhlichen und natürlichen Ausstrahlung hatte ihn von der ersten Minute an in ihren Bann gezogen. Ihm blieb auch fast keine andere Wahl, denn sie plauderte einfach darauf los, als sie zufällig nebeneinander an der Brottheke gestanden hatten. Dass er sich auf diese Direktheit so einlassen konnte, war für ihn überraschend, denn normalerweise war so was gar nicht seine Art. Aber bei Marta war das anders. Drei oder vier Stunden hatten sie sich an dem kleinen Tisch in der Bäckerei noch unterhalten. Jesper erzählte ihr von seinem Dasein als Lehrer und wie er seine Kindheit auf einem Bauernhof in einem kleinen dänischen Dorf in der Nähe der Hauptstadt mit drei Geschwistern verbracht und wie er schon bald mit der Familie gebrochen hatte, um in die Stadt zu ziehen. Dass sie ihn finanziell dabei nicht unterstützten, weil er planmäßig den Hof des Vaters übernehmen sollte. Dass er das Abenteuer Großstadtleben und die Suche nach dem Glück der Verantwortung  vorgezogen hatte und später- die Ruhe vom Land doch vermisste. Dass er die Stille nur beim Malen finden konnte. Und Marta erzählte, dass sie aus der Ukraine vor fünfzehn Jahren nach Kopenhagen gekommen war, um zu arbeiten und vielleicht mal zu studieren, dann aber in Christiania sozusagen hängengeblieben war, weil sie dort, so formulierte sie es, „ihre Freiheit und absolute Selbstbestimmung in einer wunderbaren Gemeinschaft leben kann“. Damals war sie gerade dabei, ihre Wohnung aufzulösen und ihre Habseligkeiten allesamt zu verkaufen, um ganz nach Christiania zu ziehen. Er müsse sie unbedingt mal besuchen kommen in ein paar Wochen, hatte sie ihn aufgefordert, es würde ihm da auch gefallen.

Jesper sah Marta seit jenem Tag nicht wieder. Er besuchte sie nie, und ehrlich gesagt, hatte er auch nicht oft an sie gedacht, ab und zu mal, wenn der Tag so mühsam war, dass er sogar zum Malen zu müde war. Als er nun durch die Stadt schlenderte, erinnerte er sich aber an die Begegnung mit Marta mit Herzklopfen.  Nicht, weil er verliebt war, das war es nicht, aber Marta stand für etwas. Mut vielleicht. Freiheit? Er wusste lediglich, dass er in einer halben Stunde oder weniger die alten Gemäuer der Freistadt Christiania betreten würde. Bisher war er nur zwei oder dreimal dort gewesen und er konnte nie wirklich sagen, mit welchem Gefühl er dort verweilte. Außer dass er angenehm high gewesen war und gemütlich in der Sonne gelegen hatte, war nicht sonderlich viel von dieser Welt an ihm hängengeblieben.

Heute waren die Emotionen schon beim Hineingehen anders. Der Tag war anders, die Umstände waren andere, Jesper war anders. Er hoffte, auf Marta zu treffen, aber es war nicht sie alleine, die er finden wollte.

Er durchquerte den Eingang und die Pusherstreet, ohne sonderlich auf seine Umgebung zu achten. Er blendete all die Schaulustigen aus, die Haschischtouristen und die Dealer mit ihren bedeckten Gesichtern. Er erinnerte sich daran, dass Marta von einer Künstlerwerkstatt gesprochen hatte, in der sie vielleicht arbeiten konnte, aber davon gab es hier nicht bloß eine. Überall suchte und fragte er nach ihr. Aber seltsamerweise schien niemand die Frau zu kennen oder gar von ihr gehört zu haben. Nach anstrengenden zwei Stunden ergebnislosem Suchen setzte er sich ans Wasser und zweifelte kurz an seinem Unterfangen, von dem er eigentlich gar nicht so recht wusste, was er sich davon erhoffte. Selbst, wenn er Marta finden würde: Was wäre dann? Was genau erwartete sich Jesper von seinem Ausflug hierher?

Ein blonder, junger Mann  im adretten Anzug, hockte neben ihm, und ließ seinen Feierabend hier bei einem gemütlichen Joint ausklingen. Er schien zu Jespers Verzweiflung zu merken und ließ ihn ein paar Mal ziehen. Dieser bedankte sich und legte sich für einige Minuten mit dem Rücken ins Gras und schloss die Augen. Ließ das Cannabis auf sich wirken. Seine Zweifel und die Unruhe lösten sich im behaglichen Rausch auf.

Als er etwas später den See verließ und durch das Wäldchen zurückspazierte, sah er dort zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen, die mit ihren Wachsmalstiften die größeren Steine und Felsen des Weges bemalten. Das Herz ging ihm auf, als er sah, mit welcher Intensität die Kleinen ihre Tätigkeit ausführten. Instinktiv setzte er sich zu dazu, lächelte sie an und griff nach ein paar Malstiften. Die Kinder lächelten zurück und beobachteten fasziniert, wie Jesper mit den Farben eine Landschaft auf einen wuchtigen, runden Stein zauberte. Mit Ruhe und Besonnenheit verwandelte er den gewöhnlichen Stein in ein Kunstwerk, das sich ins Bild Christianias einbettete und dort auf dem Weg liegen blieb und schlief, eben so lange, wie die Farben auf dem Stein hafteten. Jetzt spürte Jesper den Geist von Christiania, von dem Marta vor einem Jahr gesprochen hatte und er merkte auch, und zwar zum ersten Mal in seinem Leben, das sich etwas zu 100% richtig anfühlte. Er hatte etwas gefunden, wonach er eigentlich gar nicht gesucht hatte. Und das auch noch an einem Ort, den er nie wirklich gesucht hatte. Äußerst skurril, dieses Glück. Und wo es manchmal versteckt auf einen wartet, schon komisch. Jespers schien es hier, auf den kleinen Wegen und in der Natur Christianias zu finden.

Als er an diesem Tag nach Hause ging, hatte er Marta zwar nicht gefunden, dafür aber etwas für ihn weitaus Größeres. Auch wenn er Marta nicht wiedersehen würde, sie war sein Pfeil, der ihn in die richtige Richtung geleitet hatte. Er wusste, dass er wiederkehren würde, dann aber nicht als Gast für einen Tag. Er würde bleiben, denn er empfand diese Stadt als Gesamtkunstwerk und Jesper Moeller, der keine größere Leidenschaft als das Malen besaß, wollte das Kunstwerk erweitern, um einen jeden Stein, eine jede trostlose Mauer und eine jede kahle Straßenlaterne.

Willkommen auf Long Key!

Folgende Kurzgeschichte bringt ziemliche Klischees für einen Psychohorror mit, aber was soll ich sagen? Bis zu dem Moment auf dem Parkplatz, in dem die Nacht für meine Protagonisten zur Horrornacht wird, ist die Geschichte wahr: Wir waren zu viert in den Florida Keys unterwegs, wir sind nachts nach einem Unwetter auf jenem Parkplatz gelandet und es war so herrlich unheimlich, dass wir damals schon in unserem geliehenen Mustang witzelten, in welch einer schablonenhaften Situation für Mord und Horror wir uns doch befinden. Und es wäre doch eine Verschwendung dieser erstklassigen Voraussetzungen, daraus keine kleine Geschichte zu zaubern 😉 …

„Lasst uns doch bitte endlich weiterfahren“, beschwerte sich Sandy auf dem Lederrücksitz des weinroten Mustangs.

„Aber echt Jungs, ihr könnt die Bilder doch wirklich woanders schießen, das muss nicht ausgerechnet hier sein“, pflichtete ihr ihre Freundin Victoria bei.

Die Backpacker waren nach einem Tagesausflug nach Key West auf dem Rückweg ins Hotel und nach einem Tankstopp auf einem leeren, schwach beleuchteten Parkplatz in Long Key mitten im Nirgendwo gelandet. Es war schon fast  1 Uhr nachts und die Dunkelheit hatte sich schon vor Stunden über die Keys und ihrem atemberaubenden Overseas- Highway gelegt. Die Rückfahrt hatte sich verzögert, weil Samuel, Joshua und die beiden jungen Frauen, die sich während ihrer USA- Reise in einem Hostel in Miami Beach zufällig kennenlernten, mitten in einen monsumartigen Regen geraten waren, während sie den Highway entlang gefahren waren. Mit einem Mal brachen die plötzlich auftretenden, schwarzen Wolken auf und ergossen sich über Floridas Inselchen. Joshua, der den Wagen gefahren hatte, hatte mitten auf dem Highway stehen bleiben müssen, genauso wie alle anderen Autos, denn von der Straße konnte man gar nichts mehr sehen. Nur literweise Regenwasser. Nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit dort auf dem Highway verbracht und darauf gewartet hatten, dass sich das Unwetter verzog, konnten sie irgendwann endlich wieder weiterfahren, um wenig später festzustellen, dass das Benzin bis South Beach wohl nicht mehr reichen würde. Also waren sie immerhin bis Long Key gekommen. Jedoch, so paradiesisch die Inseln am Tage auch sein mochten, so unheimlich wurde es zumindest Sandy und Victoria nachts. Und dass die zwei jungen Männer, die sich zwischenzeitlich als ziemlich selbstverliebte Machos herausgestellt hatten, nun auf diesem Parkplatz stehen geblieben waren, um Fotos von sich zu machen, „weil unter dem Laternenlicht auf dem leeren Gelände, sieht der Mustang einfach nur Hammer aus“,  machte ihre Angst nicht unbedingt kleiner. Während Samuel und Joshua auf der Motorhaube des geliehenen Wagens abwechselnd für ein Foto posierten, hockten die Frauen im Inneren des Autos und warteten genervt auf das hoffentlich baldige Ende des Fotoshootings.

„Auf was haben wir uns da nur eingelassen… Es wird höchste Zeit ins Hostel zu fahren, das andauernde Gepose der beiden hält doch kein Mensch aus. Die sind ja schlimmer wie pubertierende Mädchen: Warte, das Bild ist nicht gut, ich mach die Hand lieber unters Kinn!“ äffte Sandy die Jungs nach.

„Na der Ausflug war ja ganz ok, immerhin haben wir uns die Kosten für den Leihwagen mit ihnen teilen können, dann haben wir zumindest etwas Geld gespart… Aber ich bin jetzt auch echt müde und möchte eigentlich nur noch ins Bett… Außerdem ist es hier wirklich gruselig… Hier wartet man ja direkt darauf, dass der Kettensägen Mörder zwischen den Bäumen da vorne springt. Jungs, wie sieht`s aus?“ Victoria versuchte erneut ihr Glück, aber Simon und Joshua begutachteten konzentriert ihre Fotos auf der Kamera. „Ein bisschen dunkel, oder was meinst du?“ murmelte einer der beiden.

„Jetzt reichts aber“, herrschte Victoria sie an. „Steigt jetzt endlich in den scheiß Wagen, wir wollen los. Genug Fotos für heute!“

„Alles cool, wir sind schon fertig“, versuchte Samuel sie zu beruhigen, als er und sein Kumpel endlich einstiegen. „Also ab ins Hostel!“ Joshua wollte den Wagen starten, aber der Mustang gab nur gluckernde Stottergeräusche von sich.

„Na spitze, auch das noch… Dann geh ich eben jetzt aufs Klo und lass mir von ein paar Viechern in den Hintern beißen… Aber vielleicht besser für euch, wenn ich mal kurz aussteige, sonst reiße ich noch einem von euch den Kopf ab. Seht zu, dass ihr das hinkriegt!“ Sandy stieg wütend aus dem Auto und ging Richtung Wald, der an den verlassenen Parkplatz angrenzte. Sie hörte Joshua noch sagen: „Als ob das jetzt unsere Schuld wäre, wenn der Mustang den Geist aufgibt…“, bevor sie durchs kniehohe Gras zwischen den Bäumen verschwand.

„Ist es eine gute Idee, sie alleine aufs Klo gehen zu lassen? Ganz schön düsteres Wäldchen!“ meinte Samuel.

„Das merkt ihr jetzt? Nachdem ihr eine halbe Stunde lang hier, in dieser gottverlassenen Gegend  Fotos habt machen müssen?“

„Alles klar, wir haben`s kapiert, jetzt ist aber auch gut! Ich finde es trotzdem nicht ok, dass Sandy alleine in den Wald geht.“

„Sie ist ein großes Mädchen, das schafft sie schon“. Victoria hatte die Schnauze so was von voll. Sie war hungrig und wollte einfach nur ins Bett. Und vor allem weg von hier.

Joshua hatte indessen den Motor unter die Lupe genommen, aber ehrlich gesagt, wusste er nicht, was er damit bezwecken wollte, er hatte null Ahnung von Motoren, Zündkabeln und Kerzen. Aber irgendeine Flüssigkeit schien auszulaufen und das, das kapierte sogar er, sollte nicht so sein. Was er allerdings nicht verstehen konnte, war, wie der stämmige Kerl von der Tankstelle das hatte übersehen können, nachdem er doch alles sorgfältig kontrolliert hatte. In der Ölwanne entdeckte er einen sauberen Schnitt, daraus kam also die Flüssigkeit und das nicht zu knapp. „Was zum Teufel…“ Er konnte seinen Gedanken nicht mehr zu Ende führen, da spürte er einen kräftigen Schlag auf seinen Hinterkopf und alles um ihn wurde dunkel. Der Mann, der ihn aus dem Hinterhalt niederstreckte, kam unbemerkt und schnell. So schnell, dass ihn Samuel und Victoria zunächst gar nicht bemerkten, erst der dumpfe Schlag hinter der Motorhaube ließ die zwei hochfahren.

„Was war das? Joshua, alles in Ordnung? Samuel wollte gerade die Wagentür öffnen, da wurde sie mit einem Ruck aufgerissen, sodass Simon aus dem Auto herausfiel und vor den dreckigen Stiefeln des Mannes auf dem Kieselboden landete. Es war nur eine Sekunde oder zwei, in der Simon den Mann von unten unter Schock ansehen konnte. Er erkannte den Tankwart mit den braunen, fettigen Haaren, dem Bart und den kräftigen Armen, der schon vorhin übelst nach Zigaretten und Schweiß gestunken hatte, wieder, und in ihm kam die späte Erkenntnis, dass der Typ gar kein Tankwart war. Wer arbeitete schon so spät nachts auf einer abgeschiedenen Tankstelle auf einer ebenso abgeschiedenen Insel? Er blickte ins abscheuliche Gesicht des Mannes und das letzte, was er sah, war die grobe,  verdreckte Schuhsohle über seinem eigenem Gesicht, bevor diese mit voller Wucht mehrmals auf ihn niederging,

Victoria musste mit Entsetzen mit ansehen, wie der mächtige Kerl mit hochrotem Kopf, schnaubend und schwitzend, auf Samuel voller Inbrunst eintrat. Sein Blick war grässlich funkelnd und sie konnte hören, wie es knackste und krachte, wie Samuel zuerst lauthals aufstöhnte und dann von Tritt zu Tritt immer leiser keuchte, während sie, gelähmt vor Entsetzen und Angst noch immer auf dem Rücksitz saß und dem Grauen entgegenstarrte. Erst als der Mann von seinem Opfer abließ, erwachte Victoria aus ihrer Starre und stürzte panisch aus dem Wagen. Sie kam nicht weit, da wurde sie an den Haaren nach hinten gerissen und zu Boden geworfen. Er setzte sich auf ihren Oberkörper, sodass sein schweres Gewicht Victoria nach unten drückte und sie keine Chance mehr hatte, zu entkommen. Er fasste ihre Arme, die ihn wegdrücken wollten und brach ihr zuerst die eine, dann die andere Hand. Das war das erste Mal in diesen Minuten,  dass Victoria aufschrie. Höllische Schmerzen durchfuhren ihren Körper und sie wünschte, sie würde ohnmächtig werden, um dem Ende so zu entgehen.

„Bitte, bitte nicht!! Lassen Sie mich gehen“, wimmerte sie, doch sie war sich nicht sicher, ob sie es wirklich hörbar aussprach. Ihr war qualvoll bewusst, dass sie sterben würde und hoffte lediglich noch auf einen schnellen Tod.  Das Atmen fiel ihr unter dem Gewicht immer schwerer. Ein letztes Mal öffnete Victoria ihre Augen und sah in das Gesicht eines Mannes, der sich seiner Mordlust gerade völlig hingab. Sie erkannte einen Mann, der sich regelrecht daran erquickte, anderen auf entsetzlichste Art und Weise das Leben zu nehmen. Sie hatte ein Monster vor sich, das ihr mit kaltem Blick unentwegt in die Augen schaute und sich daran ergötzte zu beobachten, wie sein Opfer unter seinen Bedingungen starb. Victoria spürte, wie seine Pranken ihren Kopf umfassten und bereits nach dem ersten Schlag gegen den Boden das warme Blut ihren Nacken hinunterlief.

Einige Meter entfernt musste Sandy beobachten, wie ihre Freundin von dem Fremden erschlagen wurde. Er schlug ihren Kopf solange gegen den Boden, bis sie leblos dort liegen blieb. Sandy war instinktiv auf den Baum geklettert, hinter dem sie vor nicht mal zehn Minuten aufs Klo gegangen war und hoffte nun, zwischen den Blättern, Ästen und der Dunkelheit unsichtbar zu sein. Als sie zu den anderen zurückkehren wollte, sah sie, wie jemand, sie vermutete, es war Joshua, vor dem Wagen lag und ein Mann auf Samuel mit voller Wucht eintrat. Sie konnte beobachten wie Victoria  viel zu spät aus dem Auto stieg und vergeblich versucht hatte, zu fliehen. Dann erkannte sie den Tankwart von vorhin und Sandy begriff sofort ihre Lage. Der Kerl wusste, dass sie zu viert gewesen waren und würde ohne zu zögern nach ihr suchen, um auch sie umzubringen.

Nun saß sie hier, wartete und versuchte ihr Weinen so gut es ging zu unterdrücken. Am liebsten hätte sie laut geschrien, am liebsten wäre sie wieder hinuntergeklettert und davongelaufen, aber dafür war es nun zu spät. Sie hoffte, dass ihre erste Eingebung, hier hinaufzuklettern nicht ihr Todesurteil bedeuten würde. Die Tränen liefen ihr über die Wangen, aus Angst, entdeckt zu werden und weil ihre Freundin und die anderen getötet wurden. GETÖTET. Wo war sie nur gelandet? Das war wie in einem Horrorfilm… Das konnte doch nicht wirklich echt sein. Das konnte doch nicht gerade ihr passieren. Noch nie in ihrem Leben hatte sie solch eine Angst. Die Übelkeit stieg in ihr hoch und sie hatte alle Mühe, sich nicht zu übergeben. Zwischen den Ästen konnte sie erkennen, wie der Mann sich von Victoria entfernte und sich mit der Hand übers Gesicht fuhr. Er schaute sich um. Sandys Magen verknotete sich und die Angst schien aus ihren Poren regelrecht hinauszuschießen. Bloß nicht bewegen…  Schluck deine Tränen… Für einen Moment schloss sie ihre Augen, um dann tief durchzuatmen und ihren Gedanken und Gefühlen auf eine ruhige Schiene zu bringen. Nur nicht durchdrehen, er wird dich nicht finden…

Als sie die Augen wieder aufmachte, war er weg. Sandy verkniff sich ein lautes „Scheiße“ und schaute in alle Richtungen, oder so weit es ihr hier oben eben möglich war zu blicken. Warum hast du nur die Augen zugemacht, du Idiotin? Wo ist er bloß hin? Mist, verfluchter… Und jetzt? Was soll ich jetzt tun? Warten… ich warte einfach. Worauf soll ich warten? Einfach darauf, dass es vorbei ist… Auf den Sonnenaufgang und darauf, dass Leute kommen. Und die anderen finden… Ja, dann bin ich in Sicherheit.

Sandy hatte keine Ahnung wie spät es war, sie hatte ihr Handy und natürlich auch restlichen Sachen im Mustang liegen. Vielleicht lag es noch darin, dann konnte sie die Polizei rufen. Der Gedanke war zu verlockend, aber sie konnte den Baum nicht hinunterklettern. Was, wenn der verrückte Kerl noch hier war und nur darauf wartete, dass sie aus ihrem Versteck kam? Außerdem brachte es sie nicht übers Herz Samuel, Joshua und vor allem Victoria zu nahe zu kommen und ihren Anblick ihrer leblosen und malträtierten Körper zu ertragen. Nein, sie blieb einfach hier oben. Und wartete darauf, dass die Sonne endlich aufging. Schon jetzt tat ihr die unbequeme Position auf dem Ast weh, aber auch damit musste sie leben. Und es war nichts im Vergleich mit ihren Gefühlen, die sich nicht mehr richtig ordnen ließen… In die Verzweiflung, Trauer, immense Furcht und dem Selbstmitleid mischte sich Wut auf den Mann, der den Tod so gewaltsam und plötzlich in ihr Leben gebracht hatte. Bitte lass diese Nacht schnell vorbeigehen, dachte Sandy bei sich. Die qualvolle Stille legte sich über den Parkplatz und dem kleinen Wäldchen, nur von weitem konnte sie das sanfte Rauschen des Meeres vernehmen.

Wie sie da oben auf dem Ast tatsächlich einnicken konnte, konnte sich Sandy wenige Stunden später nicht erklären, aber als sie im Morgengrauen aufwachte, schmerzten ihre Beine und ihr Nacken sehr und es brauchte einige Sekunden, bis sie sich die Ereignisse der Nacht wieder herbeirufen konnte. Ich muss Hilfe holen, dachte sie. Aber bevor sie es wagte, den Stamm hinunterzusteigen, schaute sie sich nochmals um, um sicherzugehen, dass der Kerl weg war. Und um sich halbwegs zu orientieren. Zur Tankstelle wollte sie auf keinen Fall zurück und mehr hatte sie gestern ja nicht gesehen von Long Key. Sie erinnerte sich, dass ein Stückchen weiter hinten, von der Straße, von der sie gekommen waren, eine Bar gewesen war, an der waren sie vorbeigefahren. Mehr schien hier nicht zu sein, zumindest nicht in unmittelbarer Nähe.

Sandy kletterte vorsichtig den Baum hinunter und ging leise die paar Meter bis zum Parkplatz, bis sie vor Schreck  erstarrte. Die Leichen ihrer Freunde waren allesamt verschwunden. Weg.  Das war ihr vorhin noch nicht aufgefallen. Das Auto stand mit geschlossener Motorhaube und geschlossen Türen einfach da, als wären seine Inhaber nur mal kurz die Gegend erkunden gegangen. „Was zum Teufel…“ Sandy drehte sich in alle Richtungen, aber es war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Mit einem Mal kam die Panik der Nacht wieder in ihr hoch… Sie wusste nicht, was ihr mehr zu schaffen machte. Dass die Leichen entsorgt wurden, oder dass sie entsorgt wurden und somit jemand noch die halbe Nacht auf dem Parkplatz beschäftigt gewesen war, ohne dass sie es mitbekommen hatte und sie somit die ganze Zeit noch in Gefahr gewesen war. Jetzt übergab sie sich und als sie fertig war, war sie irgendwie gelöster, als ob sie ihre unterdrückte Anspannung endlich ausgekotzt hätte. Sie lief zum Wagen, der zugesperrt war, spähte hinein und ohne große Überraschung stellte sie fest, dass all ihre Sachen weg waren. Dann rannte Sandy los. Sie rannte weg vom Parkplatz, die lange Straße entlang und spürte, wie heiß dieser Tag werden würde. Der Schweiß lief ihr hinunter. Erst jetzt merkte sie, wie durstig sie war. Der Weg zu der Bar kam ihr wie eine Ewigkeit vor, und als sie endlich ankam, dachte sie, die alte Bude hätte geschlossen. Aber tatsächlich klang von drinnen leise Radiomusik. Der knirschende Holzboden machte die Besitzerin auf den frühen Gast aufmerksam.

„Na, so früh kommen hier normalerweise keine Leute her. Was darf es denn sein, Schätzchen?“ fragte die magere, eingefallene Frau, die kaum noch Zähne im Mund hatte. Ihre schlecht blondierten Haare waren zerzaust, aber unpassender Weise waren ihre Fingernägel fein säuberlich rot lackiert.

„Ich brauche Hilfe, ma´am, und Wasser! Ich bin so durstig.“

„Hast du Geld dabei?“

„Nein, meine Sachen wurden gestohlen! Und meine Freunde, mit denen ich letzte Nacht hier war, die wurden alle umgebracht, vom Kerl von der Tankstelle da unten! Bitte, ich brauche  ihre Hilfe…“

„Ohne Geld gibt’s nichts zum Trinken. So einfach ist das!“

Sandy war verwirrt. Hatte die Frau nicht gehört, was sie ihr eben erzählt hatte? „Meine Freunde wurden ermordet, wen interessiert es in diesem Augenblick, ob ich Geld für ein verfluchtes Wasser dabei habe?“ Auf einmal wurde Sandy rasend wütend und hätte diese hohle Hinterwäldlerfrau am liebsten durchgeschüttelt. „Geben Sie mir ihr Telefon, ich muss die Polizei rufen!“

„Ach, jetzt werden wir auch noch unhöflich? Mach, dass du rauskommst, du kleines Miststück, sonst vergess ich mich noch.“

Sandy vergaß all ihre Manieren und eilte zum Telefon, das hinter der Bar an der Kasse stand. Die schmächtige Frau war stärker als sie aussah und hielt Sandys Hand fest, noch bevor sie zum Hörer greifen konnte, kam ganz nah an ihr Gesicht und sagte mit eindringlicher, flüsternder Stimme: „Du glaubst, die Polizei wird dich beschützen, aber sie wird dich nicht beschützen!“

In diesem Schockmoment sah Sandy aus dem Blickwinkel den roten Mustang  an die geöffnete Tür heranfahren. Und die schmächtige Hinterwäldlerfrau sagte grinsend:

„Willkommen auf den Inseln, Schätzchen, willkommen auf Long Key!“

 

Die Geschichte vom kleinen gelben Sonnenschirm, der auf eine ungewollte Reise ging

 Die letzte Woche verbrachte ich mit meinem Freund und unserem Sohn in Kalabrien entspannt am Meer. Nichts tuend und eigentlich nicht groß an Ideen suchend, passierte eines Nachmittages doch etwas, was mich zu einer neuen Geschichte inspiriert hat. Es toste ein recht starker Wind über unseren Strand und wir waren gerade am Mittagessen, da blies es einen unserer Sonnenschirme hinaus aufs offene Meer. Zuerst dachte ich: Oh nein, was das Meer alles an Müll abkriegt und dann im zweiten Moment fand ich den Anblick von dem quietschgelben Sonnenschirm auf dem herrlich blauen Wasser irgendwie erquicklich. Ich sagte: Wohin der Schirm jetzt wohl getrieben wird? Und mein Freund scherzte noch: Du wirst dir jetzt schon die Geschichte von „Schirmi“, dem Sonnenschirm im Kopf ausmalen und tatsächlich bastelte ich mir schon was zusammen…  Nur den bescheuerten Namen ließ ich dann doch beiseite 😉

Heute also mal eine Geschichte für kleine Leute, aber auch für die Großen, die uns zeigt, dass man aus unerwarteten, scheinbar unglückseligen Situationen viel Gutes schöpfen kann. Eine Geschichte, die unsere Reiselust ein wenig anfächert und uns auch zeigt, dass man nicht so schnell das Handtuch werfen soll. Ich wünsche euch viel Spaß! 🙂

An einem goldenen Strand, weit weit weg von hier, irgendwo am azurblauen Meer, da gab es einen kleinen Sonnenschirm, der war gelb und einer von ganz vielen. Es gab Dutzende dieser gelben Sonnenschirme, die in Reih und Glied ihren Platz im Sand hatten und den Menschen Schatten spendeten, denen die Sonne zu heiß wurde. Das war ihre Aufgabe: Schatten zu geben, wo ansonsten keiner war. Es war eine gute Aufgabe und die vielen Sonnenschirme waren damit sehr zufrieden. Auch dem kleinen gelben Sonnenschirm genügte sein Dasein und er war stolz, solch gute Arbeit zu leisten.

Aber wie es im Leben manchmal so ist, kam eines Tages ein Sturm auf. Er kam unvorhergesehen und alle Schirme erschraken fürchterlich, denn der starke Wind bog sie hin und her und hob ihren schönen gelben Stoff nach links und rechts und oben und unten. So schnell sie konnten schlossen sie sich, um dem Sturm Widerstand zu leisten, aber beim kleinen gelben Sonnenschirm wollte etwas nicht so recht funktionieren. Seine Speichen klemmten und ehe er sich versah, spürte er, wie er von einem Luftstrom erfasst und aus dem Sand gerissen wurde. Er wurde quer über den Sandstrand geschleudert, traf dabei ein paar seiner Schirmgenossen, bevor ihn ein weiterer Windstoß ein paar hundert Meter hinaus aufs wild schunkelnde Wasser katapultierte. Da schwamm er nun,  unser kleine gelbe Sonnenschirm, kopfüber und ging auf eine ungewollte Reise.

Sehnsüchtig und mit Tränen in den Augen blickte er zu seinem Strand zurück, von der er Welle für Welle immer weiter weggetragen wurde, dem Horizont entgegen. Was würde nun mit ihm passieren? Er hatte schreckliche Angst und wusste nicht, was er gegen diese missliche Lage unternehmen könnte. Aber er konnte nichts tun. Der kleine gelbe Sonnenschirm konnte einfach nur warten und hoffen, dass sich alles zum Guten wenden würde.

Der kleine gelbe Sonnenschirm trieb schon eine ganze Weile auf dem Wasser, als er einem Fischerboot begegnete. Es war schon ziemlich alt und abgenutzt und es sah nicht so aus, als ob es noch eine Besatzung mit sich führte. Die Tür zur Koje hing kaum noch im Rahmen, die vielen leeren Kübel und Eimer, die einst wahrscheinlich gut mit Heringen und Makrelen gefüllt waren, rollten von Backbord nach Steuerbord quer über das Deck. Die Fischernetze waren zerrissen und lagen zusammengepfercht in den Ecken oder hingen über die Reling. Aber die Augen des Fischerbootes leuchteten.

„Hallo du kleiner Sonnenschirm! Warum schaust du denn so traurig?“

„Weil der Wind mich von zuhause, von meinem Strand fortgerissen hat“, antwortete dieser schluchzend. „Bist du auch alleine hier?“

„Das tut mir sehr leid, dass du deswegen betrübt bist. Ich bin schon seit Monaten alleine unterwegs, aber glaub mir: So übel ist es hier draußen gar nicht. Im Gegenteil, es ist wirklich schön hier auf dem Wasser. Alleine kannst du tun und lassen, was du willst. Weißt du, früher musste ich immer dorthin steuern, wohin die Fischer wollten, da konnte ich gar nicht mitreden. Außerdem habe ich es gehasst, dass auf meinem Deck tagtäglich so viele Fische sterben mussten. Das hat mich traurig gemacht. Jetzt bin ich frei und ich kann entscheiden, wohin meine Reise gehen soll.“

Der kleine gelbe Sonnenschirm dachte nach. Er musste auch jeden Tag seiner Arbeit nachgehen, wie die anderen Schirme auf dem Strand. Niemand hat je gefragt, ob er denn mal gerne etwas anderes machen würde. Wenn er es recht bedachte, wäre ein wenig Abwechslung schon mal ganz nett gewesen.

„Ich schwimme jetzt weiter“, rief das alte Fischerboot laut, „Aber lass dir gesagt sein: Sei nicht allzu traurig. Hör auf zurück ans Ufer zu blicken und schau nach vorne. Manche Dinge muss man hinter sich lassen, um vorwärts zu kommen!“

Mit diesen Worten schwamm es davon, bis es irgendwann nur noch als winzig kleiner Punkt am Horizont zu sehen war.

Das Boot hat Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm, zurück komme ich eh nicht mehr, also was nützt es mir hier rumzuheulen?

Der Strand war schon längst nicht mehr in Sicht und um den kleinen gelben Sonnenschirm gab es nur noch den tiefblauen Ozean. Auf einmal spürte er unter seinem Stoff ein Kitzeln und Blubbern.

„Nanu, was ist denn…“ wollte der kleine gelbe Sonnenschirm gerade sagen, da tauchten zwei silberne Fischlein mit einem roten Rücken neben ihm aus dem Wasser.

„Ooooh was haben wir denn hier?“ „Ich weiß es nicht, nach nem Fisch sieht es jedenfalls nicht aus, vielleicht ein Oktupus? Obwohl, der hat mehrere Arme, dieses Ding hat nur einen Greifarm!“ „Komisches Ding. Sag, was bist du und woher kommst du, du eigenartiger Oktupus?“

„Ich bin kein Oktopus“, kicherte der kleine gelbe Sonnenschirm, „Ich bin ein Sonnenschirm und komme vom Strand. Aber der Wind hat mich aufs Meer geblasen.“

„Du Glückspilz!!!“ jubelten die zwei Fische. „Stell dir mal vor, die anderen Sonnenschirme haben tagtäglich immer nur dieselbe Aussicht. Du hingegen kommst jetzt ganz schön herum! Das Meer trägt dich an die schönsten und aufregendsten Orte!“

Der kleine gelbe Sonnenschirm dachte nach. Er hatte auch jeden Tag dieselbe Aussicht, wie die anderen Schirme am Strand. Wenn er es recht bedachte, wäre ein wenig Abwechslung schon mal ganz nett gewesen.

„Wir schwimmen jetzt weiter“, riefen die zwei silbernen Fischchen laut, „aber lass dir gesagt sein: Du bist ein echter Glückspilz! Hör auf, hier nur so rumzutreiben. Manchmal muss man das Ruder selbst in die Hand nehmen, um vom Fleck zu kommen und was zu erleben!“

Die Fische haben Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm, ich habe jetzt die Chance, viel Neues zu entdecken, also was nützt es mir, hier rumzutreiben?

Also entschied er sich für eine Richtung, die ihm gefiel und begann sich dorthin zubewegen. Das klappte ganz prima und Woge für Woge schwamm der kleine gelbe Sonnenschirm weiter und weiter. Nach einigen Stunden aber wurde er müde, denn es war ganz schön mühsam voranzukommen. Beinahe verließ ihn der Mut, sich auf sein Abenteuer einzulassen, da spürte er, wie das Wasser unter ihm nach oben schwappte und er mit einem Mal nach oben geschmettert wurde. Eine riesige Pottwaldame war schuld an seinem abrupten Flug in die Lüfte, aber sanft glitt der kleine gelbe Sonnenschirm zurück nach unten und blieb auf dem Rücken des Wales liegen.

„Ich habe ja schon viel Erstaunliches gesehen in meinem Alter“, sprach die Pottwaldame mit sanfter Stimme, „Aber so etwas Außergewöhnliches wie du ist mir noch nie begegnet. Wer bist du? Und warum schaust du so erschöpft aus?“

„Ich bin ein Sonnenschirm, komme vom Strand und der Wind hat mich aufs Meer geblasen. Ich bin auf dem Weg, Neues zu entdecken und zu erleben, aber ich bin ganz schön müde vom vielen Schwimmen. Ich weiß nicht, ob ich diese Reise schaffe. Vielleicht sollte ich doch besser den Weg nach Hause suchen.“

„Aber nein!!! So schnell gibt man doch nicht auf. Es ist sicherlich nicht immer einfach, aber einfach die Segel werfen, wenn man mal müde ist, das ist keine gute Idee. Lieber eine helfende Hand annehmen, und schau! Wie es das Schicksal so will, bringt es dir gleich einen Koloss von Wal, um dir zu beizustehen!“ Die Pottwaldame lachte und stieß eine Wasserfontäne aus ihrem Blasloch. „Was sagst du?“

Die Pottwaldame hat Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm. Er hatte nie gelernt, an einer schwierigen Sache dranzubleiben, denn, wie die anderen Schirme am Strand, hatte er ja nie etwas anderes gemacht, außer Schatten zu werfen, und das wirklich keine schwere Aufgabe für einen Sonnenschirm. Wenn er es recht bedachte, wäre eine Herausforderung schon mal ganz nett gewesen.

„Ich schwimme jetzt weiter“, rief die Pottwaldame laut. „Wenn du möchtest, nehme ich dich ein Stückchen mit, damit du dich ausruhen kannst und dann deine Reise fortsetzen kannst. Ich finde ja, das das eine gute Idee ist.“

Die Pottwaldame hat Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm, ich bin zwar müde, aber aufgeben lohnt sich wirklich nicht. Also was nützt es mir, hier rumzuzweifeln?

„Ich komme mit!“

„Sehr gut! Na dann mach es dir bequem auf meinem alten Rücken. Wohin soll es überhaupt gehen?“

„Hmm, wenn ich ehrlich bin, weiß ich das gar nicht so genau, ich war ja noch nie irgendwo anders als an meinem Strand…“

„Nicht verzagen, oft sind die Reisen ohne Ziel, die schönsten! Deswegen heißt es ja reisen und nicht zielen, haha!“ Die Pottwaldame lachte und stieß wieder eine Wasserfontäne aus dem Blasloch.

Die gute Laune war ansteckend und fröhlich rief der kleine gelbe Sonnenschirm: „Also los, lass uns losschwimmen! Hurra!“

Und  so machte sich der kleine gelbe Sonnenschirm auf dem Rücken der alten Pottwaldame endlich sorglos auf die Reise, die anfangs gar nicht so gewollt war. Und wisst ihr was? Der kleine gelbe Sonnenschirm verbrachte die Zeit seines Lebens.

Kalter Sand

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Die Küstenlandschaft auf dem Bild habe ich an einem windigen und recht kühlen Julitag von einem grasbewachsenen Hügel aus, auf Sylt geschossen. Wir liehen uns an jenem Tag Fahrräder von unserem Hotel im verschlafenen Örtchen Hörnum aus und erkundeten die Südseite der Insel aus. Wir, das waren mein Freund, meine beste Freundin, deren Freund und ich nebenbei bemerkt. Eine kleine feine Truppe in einem kleinen feinen Örtchen auf einer kleinen feinen Insel- ein Urlaubswochenende definitiv mal anders, aber durchaus empfehlenswert.

Zurück zu dem Foto, zur rauen See und der Unendlichkeit, die ein Horizont am Meer mit sich bringt. (Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber am Meer spüre ich immer einen Hauch von Freiheit in mir. Das liebe ich) Aber weiter im Text…  Alles ist ein wenig in dieses düstere, jedoch harmonische Grau getaucht, die der Himmel an diesem Tag herbeigetragen hatte. Das Meer, dazu diese wilde, unberührte Natur, vom Nordwind nach unten gebogene Grasbüschel und der menschenleere Strand… Einfach ein herrlicher Anblick. Menschenleer? Nicht ganz. Beim genaueren Hinsehen entdecken wir zwei einsame Gestalten, nebeneinander gehend, auf diesem weiß-beigen Strandabschnitt. Damals, als ich auf diesem Hügel stand und hinunterblickte, beneidete ich die zwei um diesen einzigartigen Moment, denn wann hat man denn schon einen ganzen Strand für sich alleine? Es war zweifelsohne wunderschön dieses Bild, das sich uns bot und trotzdem barg der Anblick der zwei Menschen ein Krümelchen von Melancholie in sich. Worüber mochten die Beiden reden? Was hat die zwei dazu bewogen, diesen einsamen Spaziergang anzutreten?

„Willst du nicht lieber auf dem trockenen Sand laufen?“ fragte Marleen ihren jüngeren Bruder. „Du wirst dir noch zusätzlich eine Erkältung holen!“ „Was macht das schon. Vielleicht beschleunige ich die ganze Angelegenheit, dann hat sich die Sache bald gegessen.“, erwiderte Paul schroffer als beabsichtigt. Dabei ging es dem 32-Jährigen nur darum, den nassen, kalten Sand unter seinen Fußsohlen zu spüren. Weil es das letzte Mal sein könnte. Das war alles, was er in den letzten Wochen denken konnte: Das ist wahrscheinlich mein letztes Mal. Ein letztes Mal am Strand spazieren, ein letztes Mal einen Familienurlaub genießen… selbst bei banalen Sachen war die Frage immer dieselbe: Ist das meine letzte Fahrt mit dem Bus, ist das mein letzter Einkauf im Supermarkt, ist das meine letzte Dusche? Es war schrecklich und Paul wusste nicht, ob es normal war, einer jeden Handlung solch eine große Bedeutung zu legen, aber er tat es. Taten das alle sterbenden Menschen? Er hatte für sich die Theorie aufgestellt, dass es nur diejenigen taten, die noch nicht bereit waren zu sterben. Leute wie er, die eigentlich noch zu jung waren, die, die ihre Kinder noch nicht aufwachsen haben sehen, die, die noch ihr Motorrad nach Jahren aus der Garage holen und aufmotzen und diese klebrig süßen Makronen in Paris essen wollten, die noch die unzähligen Geschenksgutscheine für alle möglichen Aktivitäten  einlösen wollten. Die Leute, die noch leben wollten. Aber das Schicksal meint es nicht gut mit manchen Menschen. Paul traf es gleich doppelt hart. Vor zwei Jahren hatte ein besoffener Autofahrer seine Frau niedergefahren, und dann musste man noch von Glück reden, wenn man bedenkt, dass sein damals  drei Monate alter Sohn in dem Kinderwagen völlig unversehrt geblieben war. Wie er es geschafft hatte, seinen Kleinen durch diese 24 Monate zu bringen ohne ernstere Zwischenfälle, wusste er bis heute nicht. Klar, Marleen und seine Mutter halfen ihm durch die schwere Zeit und gaben ihm Sicherheit, wo sie nur konnten, aber all die Nächte, in denen der Kleine zahnte oder fieberte, all die zehrenden Tage, in denen es Tränen und Geschrei gab, und Paul nicht wusste, warum, all diese schwierigen Momente hatte er alleine gemeistert. Das machte ihn irgendwie stolz und er genoss es, Papa zu sein von einem schlauen, kleinen Kerl. Nun aber stand ihm die schwierigste Prüfung bevor: Wie sollte er seinem Sohn sagen, dass sein Papa auch bald nicht mehr da sein würde, um mit ihm zu spielen, ihn zu füttern und ihm zu helfen, wenn es beim Jacke anziehen mal wieder zu schwierig wird? Wie sollte er ihm sagen, dass er ganz bald nicht mehr zuhause leben würde, sondern bei seiner Tante und seinen zwei Cousins? Das war nicht fair. Paul hatte zwei Jahre alles gegeben, und nun würde er sein Kind nicht mehr durchs Leben begleiten können. Der aggressive Tumor in seiner Bauchspeicheldrüse ließ das nicht mehr zu. Noch maximal zwei Monate, sagte man ihm vor vier Wochen. Halbzeit. Wenn überhaupt. Kurz nach der ernüchternden Diagnose hatte Paul mit seiner Familie samt Kind und Kegel diese letzten Ferien auf Sylt gebucht, er wollte sich, aber vor allem dem Kleinen noch ein Stückchen Unbeschwertheit schenken. Außerdem wollte er mit Marleen alles klären. Für den schlimmsten Fall, der nun mal unweigerlich eintreten würde.

Und hier waren sie nun, an diesem kühlen, verwehten Tag. Sie vereinbarten, dass Paul mit dem Kleinen auf jeden Fall nach ihrem Aufenthalt hier auf der Insel schon zu Marleen, ihrem Mann und deren Kinder ziehen würde, damit sich für den Kleinen nach Pauls Tod nicht alles auf einmal veränderte und er sich schon einleben kann. Damit sich alle aneinander gewöhnen können, damit jeder den anderen noch mal intensiver kennenlernt. Es war für Paul ein Trost zu wissen, dass sein Sohn bei Marleen aufwachsen werden würde. Sie war ihm immer eine tolle Schwester gewesen  und war eine gute Mutter für ihre Kinder. Gleichzeitig tat es ihm im Herzen weh, den Kleinen irgendwo „abzugeben“. Der Junge konnte das doch nicht verstehen. Er war zu klein. Paul stellte sich außerdem die Frage, ob sich der Kleine später an ihn erinnern würde? Auch das wird nicht der realistische Fall sein. Die Ereignisse, die sich so früh in der Kindheit abspielen, waren später nicht mehr in den Köpfen der Menschen, sondern lediglich auf Erinnerungsfotos Teil ihrer Geschichte. Dieses Wissen, dass sein eigenes Kind ihn vergessen würde, tat ihm dermaßen einen Stich ins Herz, dass Paul beschloss, zumindest noch eine Handvoll Erinnerungen zu schaffen und festzuhalten, die Marleen später dem Kleinen immer wieder zeigen und von denen sie ihm erzählen konnte.

„Ich habe Briefe, die ich Nils geschrieben habe, ich möchte, dass du ihm jedes Jahr an seinem Geburtstag einen gibst. Ich habe sie beschriftet, sie reichen bis zu seinem 18. Geburtstag, dann sind mir die Ideen ausgegangen, was ich denn schreiben könnte“, sagte Paul mit einem unsicheren, ein wenig gekünstelten Lachen, „außerdem habe ich mir immer ausgemalt, wie aufregend es wäre, wenn wir zusammen mal ins Legoland fahren, wenn er endlich alt genug dafür ist. Daraus wird ja leider nichts mehr… Übernehmt ihr das für mich bitte?“

„Aber natürlich“, erwiderte Marleen leise, „das macht ihm sicher riesigen Spaß.“

„Ansonsten haben wir im Großen und Ganzen alles besprochen, wegen Kita, Schule usw. Und den Rest… ach ihr werdet das schon schaukeln.“ Kurz herrschte eine Stille zwischen den Beiden, als sie nebeneinander am Strand entlangliefen. Marleen blickte auf die hohen Grashügel links von ihnen, Paul schaute aufs Meer hinaus. Wie gut dieser Anblick tut, dachte er und wandte sich wieder Marleen zu. „Ich bin noch nicht dazugekommen, aber du sollst wissen, dass ich dir wirklich wirklich dankbar bin, dass du das für uns tust. Es lässt mich zumindest ein bisschen leichter von dieser Welt gehen. Ich weiß, Nils wird es gut bei euch haben. Danke.“

Marleen war die letzten Wochen immer sehr stark gewesen, jetzt flossen die Tränen nur so über ihre Wangen. „Wir versuchen unser Bestes, und wir werden die Erinnerung an dich wahren“, schluchzte sie, „du warst ein super Papa und hast das alles alleine so gut gemeistert… Du bist der beste Bruder, den man sich wünschen kann!“

„Ach komm her, du…“ Paul nahm seine weinende Schwester in den Arm und so standen sie da. Minutenlang. Minuten, in denen Paul in Gedanken und emotional seinen Sohn seiner Schwester gewissermaßen schon überreichte. Von einer Seele zur anderen. Mit dem Rauschen der Wellen und dem Wind um ihre Köpfe nahmen sie schon Abschied voneinander, denn vielleicht war es ja das letzte Mal, dass sie nur zu zweit miteinander verweilen konnten.

„Noch um einen kleinen Gefallen möchte ich dich bitten, bevor wir zu den anderen zurückspazieren.“

„Alles was du willst, Paul!“

Dieser zog sein Handy aus der Jackentasche und drückte es Marleen in die Hand.

„Ich möchte für den Kleinen noch ein Video machen. Es soll kein Abschiedsvideo sein oder so, ich möchte ihm einfach nur noch ein paar Sachen sagen und mitgeben, die er jetzt noch nicht verstehen kann, aber irgendwann.“

„Alles klar, einfach hier vor dem Meer? So richtig kitschig?“ scherzte Marleen und wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht.

„Wenn schon, denn schon!“  schmunzelte nun auch Paul.

„Und wann soll ich ihm das Video zeigen?“ Marleen schaltete auf Kamerafunktion, suchte die günstigste Position und richtete das Handy auf ihren Bruder.

„Wenn du es für den richtigen Moment hältst“, Paul schloss die Augen und atmete tief durch. „Also los…“