Matilda

Neue Orte beflügeln mich und meine Fantasie. So hat das auch Venedig geschafft. Dieses Mal gibt es wieder mal eine etwas düstere Geschichte … 😉

Die heiße Dusche tat gut. Nicht, dass sie den Geruch nicht mochte, der nach der dritten Liebesnacht mit Adam an ihr haftete. Ganz im Gegenteil. Es war dermaßen gut gewesen, dass sie befürchtete, ohne eine Dusche, die sie aus diesem Traum rausholte, gar nicht mehr einschlafen zu können. Irgendwie wusste sie schon bei ihrer ersten Begegnung hier in Venedig, dass sie zusammen im Hotelzimmer landen würden. Vielleicht war es die Romantik, die die Stadt versprühte, vielleicht war es der Reiz des Neuen und Unbekannten, vermutlich war es beides. Sie mochte diesen Kerl wirklich, aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, was nach dieser Woche in Italien passieren würde. Nichts desto trotz genoss sie es, ihren Kopf auf Stand-by zu schalten, die heißen Wassertropfen das Gesicht runterlaufen und das Rauschen auf sie einprasseln zu lassen.

War das Adam? Matilda öffnete die Augen, hielt inne. Plötzlich war etwas seltsam. Sie drehte das Duschwasser ab. Da. Ein Rumpeln, ein dumpfes Stöhnen. Was war hier los? In dem Moment, als sie den Duschvorhang zurückzog, kamen zwei Männer ins Bad gestürmt. Alles ging so schnell, der Glücksmoment von eben verwandelte sich in lähmende Panik. Matilda spürte, wie ihr einer der Unbekannten ins Gesicht schlug, packte und aus der Dusche zog. Der andere drehte das Wasser wieder voll auf, damit niemand im Nachbarzimmer die unangenehmen Geräusche vernahm. Sie wurde bäuchlings zu Boden gedrückt, ihr Kopf zuerst gegen die Fließen geschlagen und dann unsanft in Richtung des Schlafzimmers gedreht. Adam lag im Bett, unbekleidet, geknebelt, gefesselt und mit blauen Flecken übersät. Hätte sie nicht gewusst, dass er es war, sie hätte ihn nicht wiedererkannt, dermaßen hatten sie ihn zugerichtet. Er schaute verzweifelt zu ihr und versuchte sich loszureißen, zu schreien. Doch es half alles nichts. Matilda spürte, wie die Tränen ihr über die Wangen liefen, während die zwei Männer sie nacheinander vergewaltigten und immer wieder auf sie einschlugen, wenn sie eine Bewegung der Gegenwehr machte. Sie roch Alkohol und ihre stinkenden schwitzenden Körper auf ihr; sie sah die Hilflosigkeit in Adams zerschundenem Gesicht. Dann schloss sie die Augen und sah sich neben Adam liegen, die Hand schützend auf seinen Kopf gelegt. „Psst, psst, psst … Alles wird gut“, hörte sie sich selbst sagen. Alles drehte sich und zuckte.

Irgendwann ließen sie von ihr ab. Ließen ihren nackten, blutüberströmten Körper halbtot auf dem kalten Badezimmerboden liegen. Völlig benommen musste sie mit ansehen, wie die unbekannten Männer mit einem Messer auf Adam losgingen und auf ihn einstachen. So lange, bis sein durchdringendes Klagen verstummte und er regungslos liegen blieb. Sie sah, wie sich die weißen Laken, in denen sie sich noch vor einer Stunde geliebt hatten, rot färbten. Dann verschwanden die fremden Männer, ohne Matildas leises Flehen gehört zu haben, sie mögen doch auch ihre Schmerzen beenden. Durch die Fensterläden drang von draußen das erste morgendliche Licht ins Hotelzimmer, bevor alles vor Matildas Augen verschwamm.

Sie fror, als sie zu sich kam und spürte jeden einzelnen wunden Zentimeter ihres Körpers. Ihr rechtes Auge ließ sich kaum öffnen und die Nase fühlte sich zehnmal so groß an. Es dauerte einige Minuten, bis Matilda realisierte, dass sie tatsächlich noch am Leben war und sie es schaffte, aufzusitzen. Ihre Innenschenkel waren blutüberströmt und eine jede noch so kleine Bewegung tat ihr weh. Mit Mühe schaffte sie es in die Dusche und sie wusch sich, bis sie das Gefühl hatte, sie schrubbte die Haut von sich runter. Ihr Spiegelbild war nicht mehr das ihre und Matilda fühlte sich so leer, dass sie glaubte, die Männer hatten nur ihre kaputte Hülle in diesem Zimmer zurückgelassen.

Das Schwierigste war, sich ihm zu nähern. Adam tot zu sehen. Diesen wunderschönen, lieben Mann, den sie vor einigen Tagen noch gar nicht kannte. Und nun lag er ermordet im Bett ihres Hotelzimmers. Sie musste ihn anstarren, sich das widerliche Bild einprägen, das die zwei Mistkerle geschaffen hatten. Ihr Kopf war leer. Sie rief an der Rezeption an, bat um Hilfe und legte sich dann, nur mit dem Handtuch bekleidet, zu dem Toten ins Bett. „Psst, psst, psst“, flüsterte sie. „Alles wird gut.“

Eine Woche später

Die Geschichte, die Matilda ihrer Mutter auftischen musste, warum sie später nach München zurückkehren würde, war nicht die beste, aber sie hatte sie geschluckt. Noch wusste sie nicht, ob sie ihr die Wahrheit sagen würde. Dass sie vergewaltigt und der fremde Mann, den sie mit in ihr Hotel genommen hatte, eiskalt abgeschlachtet wurde. Nicht die beste Story, die man von seiner eigenen Tochter hören möchte.

Man sah ihr das Ereignis noch an, nicht nur wegen der Verletzungen. Matilda spürte den fetten, roten Stempel, der ihr auf der Stirn brannte: Raped. Es war in ihren Augen zu sehen, man erkannte es an der plötzlichen Angst vor Männern, die an ihr vorbeigingen und ihr Blicke zuwarfen. Ihre zitternden Hände verrieten es und ihre hagere Gestalt, weil sie kaum mehr essen konnte. An Schlaf war in den vergangenen sieben Tagen im Krankenhaus ebenfalls nicht zu denken. Sobald ihre Augen zufielen, lag sie wieder im Badezimmer auf dem Boden und hörte Adam wimmern. Die Ärzte des Venediger Krankenhauses rieten ihr noch da zu bleiben, aber die junge Frau wollte die Lagunenstadt nur noch verlassen. Trotzdem wollte sie noch nicht nach Hause – ihrer Familie in die Augen zu schauen war für Matilda völlig undenkbar. Stattdessen buchte sie ein Zugticket in die Schweiz und wartete nun an den Bahngleisen. Der Bahnhof machte sie melancholisch. Obwohl sie es nicht wollte, musste sie an Adam denken und daran, dass sie womöglich zu zweit weitergereist wären. Die Tränen schossen ihr in die Augen. Wenn er sie nicht getroffen hätte, wäre er noch am Leben. Dann wäre er nicht in diesem Hotel gewesen. Matilda schluckte die Tränen mit dem Brot runter, das sie sich zwang zu essen. Es war kühl an dem Morgen und Matilda hatte sich ihren Schal um den Kopf gewickelt. Immer mehr Leute kamen zum Bahnsteig. Der Zug musste jeden Moment …

Das waren sie! Da kamen die Männer in Begleitung zweier Frauen und einem Kind. Matildas Atem begann zu rasen und ihr Körper zitterte. Wie war das möglich? Die Polizei fahndete seit jenem Morgen nach den beiden und hier waren sie, vor ihren Augen, nur einen Steinwurf von ihr entfernt. Lachten, hielten ihre Frauen im Arm. Eines der Schweine hatte sogar eine Tochter. Ob er mit ihr auch so sanft umging wie mit wildfremden Frauen? Matilda konnte das Essen gerade so unten behalten. Tränen schossen ihr in die Augen. Vergewaltiger. Mörder. Matilda atmete einige Male tief durch und schmiss ihr restliches Mittagessen in den Müll. Die beiden konnten die junge Frau unter all den Reisenden nicht erkennen. Sie hatten in ihre Richtung geschaut und hatten sie nicht registriert. Matilda schloss einen Moment die Augen. Sah Adam vor sich. Spürte den kalten Boden unter ihrem Bauch und ihren Brüsten.

Was nun? Sollte sie die Polizei rufen? Der Zug war da. Es war keine Zeit mehr. Die Mistkerle stiegen ein. Matilda wusste nicht, was sie da tat, aber sie folgte ihnen in den Wagon. Ihr Herz raste, aber es war plötzlich keine Angst mehr, die sie empfand. Nein, da war sie endlich, die Wut, auf die sie die letzten Tage gewartet hatte. Am liebsten wäre sie losgestürzt und hätte auf die Mistkerle eingeschlagen, so lange, bis sie nicht mehr konnte. Stattdessen wurde Matilda ganz ruhig und setzte sich in das selbe Zugabteil, nur einige Reihen weiter hinten. Sie schob sich ihre Sonnenbrille ins Gesicht, zog sich die Kapuze ihres Pullis tiefer ins Gesicht und beobachtete sie. Die Mistkerle unterhielten sich auf Französisch miteinander. Waren ganz normale Passagiere in diesem Zug. Zum ersten Mal hatte Matilda die Gelegenheit, sie genau zu betrachten. Sie sahen nicht aus wie Kriminelle, die sich in ihrem Familienurlaub nachts herumtrieben, Leute töteten und missbrauchten. Der eine war hochgewachsen, hatte braunes Haar und eine laute Stimme, der andere war etwas kleiner, rothaarig und wohl der ruhigere der beiden. An ihn konnte Matilda sich besonders gut erinnern. Er war es, der ihr einen Büschel Haare ausgerissen und mitgenommen hatte. Wohl als Andenken. Alle beide waren stämmig. Markant. Kräftig. Hätte Matilda die Mistkerle unter anderen Umständen kennengelernt, sie hätten wohl einen sympathischen Eindruck auf sie gemacht. Wie sie miteinander scherzten, ihren Frauen sanft die Wange küssten. Dem Kind aus dem Buch vorlasen. Matilda hätte am liebsten laut losgelacht, so absurd und surreal war diese Situation. Unweigerlich legte sich ein Schalter in Matilda um. Sie nahm ihr Telefon zur Hand, meldete sich bei der Venediger Polizei, die ihren Fall behandelte, gab ihre Informationen bezüglich der Männer und des Zuges weiter, stand auf und setzte sich auf einen Sitz neben ihren Peinigern.

„Noch knapp zwanzig Minuten bis zur nächsten Haltestelle“, sagte Matilda laut auf Englisch und blickte direkt in die Gesichter der Zwei. Die Mistkerle schienen – wie auch ihre Frauen – verwirrt zu sein. Matilda lächelte. „Das ist doch verrückt, oder? Das mit dem Sprichwort meine ich … Man sieht sich tatsächlich immer zwei Mal im Leben!“ Sie legte ihre Sonnenbrille und ihr Tuch ab. Na also. Der verwunderte Blick der Männer wich purem Entsetzen. Kreidebleich beschrieb nicht annähernd die Gesichtsfarbe, die die Arschlöcher infolgedessen bekamen. „Oh entschuldigen Sie bitte, ich bin unhöflich“, sagte Matilda lachend und stand auf, um den zwei nichts ahnenden Frauen die Hand zu schütteln. „Ich bin Matilda, wahrscheinlich haben ihre Männer noch nichts von mir erzählt, kann ich mir vorstellen. Eine süße Tochter haben Sie da. Wirklich bezaubernd.“ Flüsternd wandte sie ihr Gesicht den Männern zu. „Matilda ist mein Name, habt ihr gehört? Falls es euch interessiert, ihr Schweine.“

Matilda hatte mit ihrer lauten Ansprache bereits die Aufmerksamkeit einiger Passagiere auf sich gelenkt. Es war die Mutter des Mädchens, die das Schweigen und die Peinlichkeit schließlich unterbrach. Sie war blond, hatte ein hübsches Gesicht und sie sprach ein für Franzosen perfektes Englisch. „Das ist Franck und Alix wohl entfallen, Sie zu erwähnen.“ Ganz offensichtlich waren die Frauen nicht besonders erfreut die Bekanntschaft mit Matilda zu machen, aber sie war sich nicht sicher, ob es bloß die Tatsache an sich war, dass ihre Partner von einer Wildfremden in einem Zug angesprochen wurden, ober ob vielmehr Matildas in Mitleidenschaft gezogene Gesicht die Anspannung zwischen allen Beteiligten schürte. „Also, woher kennen Sie drei sich?“, fragte nun die zweite Frau, ebenfalls blond, aber viel unscheinbarer in ihrem Auftreten, als ihre Freundin.

„Das lasse ich sehr gerne Franck und Alix erzählen“, erwiderte Matilda nüchtern, in die sich soeben die Namen ihrer Vergewaltiger eingebrannt haben.

Die Frauen schauten ihre Männer eine Erklärung abwartend an, als der Rothaarige, offensichtlich Alix, endlich den Mund aufmachte und offensichtlich versuchte, auf Französisch seine Situation zu erklären. Matildas Französischkenntnisse waren spärlich. Er faselte irgendetwas von: „In der Bar kennengelernt … Zusammen etwas getrunken …“, woraufhin seine Frau ihm ein französisches Fluchwort an den Kopf warf. Ihr treusorgender Mann und Vater ihres Kindes schien wohl öfters mit fremden Frauen zu verkehren.

„Nun eigentlich“, unterbrach Matilda den sich anbahnenden Streit, „müssen Sie wissen, dass es nicht exakt so war. Eigentlich wollte ich die zwei Arschlöcher hier gar nicht kennenlernen … Entschuldigen Sie, dass ich hier fluche, aber ihre Tochter versteht mich ja nicht, oder? Nun, wie auch immer. Sehen Sie mein Gesicht? Das haben die zwei so zugerichtet, müssen Sie wissen.“

„Sie sind ja völlig verrückt! Würden Sie bitte das Abteil verlassen und uns in Ruhe lassen?“, zischte die erste blonde Frau sie an.

„Ich verstehe, dass Sie mir nicht glauben wollen.“ Matilda zog sich ihren Pulli aus, ihre Jeans und stand auf einmal nur in Unterwäsche bekleidet da und war nun endgültig Mittelpunkt aller Anwesenden des Zugabteils. Noch immer sah man ihrem Körper die Schändung an. „Aber ich weiß, dass ihre Männer Donnerstagnacht vor acht Tagen nicht bei Ihnen im Hotel waren. Sie sind nämlich in mein Hotelzimmer gestürmt, haben meinen Freund abgeschlachtet und mich vergewaltigt, einer nach dem anderen.“ „Jetzt reicht es aber!“ Franck stand auf und stellte sich vor Matilda, während den anderen vieren das Grauen im Gesicht abzulesen war. Das Mädchen fing an zu weinen und versteckte ihr Gesicht im Pulli ihrer Mama. „Verschwinde aus diesem Zugabteil oder ich rufe die Polizei!“, drohte Franck. „Musst du nicht, das habe ich schon erledigt. Genießt eure letzten …“ Matilda warf einen Blick auf die Uhr, „fünf Minuten in Freiheit.“

Die nächste Haltestelle wurde durch die Lautsprecher durchgegeben. Endlich kamen Zugbeamte ins Abteil, um die Ausgänge abzusichern. Franck wich zurück und seine Begleiter blieben wie gelähmt auf ihren Sitzen, die zwei Frauen und das Mädchen blickten verständnislos hin und her. Der Zug hielt an. Eine Patrouille von Polizisten wartete am Bahngleis und Matilda brach in Tränen aus. Einer von ihnen schaute Adam zum Verwechseln ähnlich, aber vielleicht täuschte sie sich auch.


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Das Haus – Teil Zwei

„Ich weiß nicht, wer bescheuerter ist“, hörte Luke plötzlich jemanden hinter sich sagen, „derjenige, der an Türen fremde Gespräche belauscht, die ihn nichts angehen oder die Vollpfosten, die sich belauschen lassen.“

Victor kam gerade die Treppen hinauf, fixierte Luke und kam näher. Selbst als er vor ihm stand und an die Tür des jungen Paares klopfte, wandte er sich nicht ab. Luke hatte endgültig verstanden, dass die letzten Tage reiner Bluff waren. Aber weshalb?

„Kommt nach unten ins Wohnzimmer, ihr habt mir mein Spielchen verdorben. Und du… kommst augenblicklich mit.“

Luke trotzte Victors Blick: „Warum sollte ich das tun?“

„Jetzt bist du noch mutig. Aber dein oberschlaues Getue wird dir schon noch vergehen. Nach unten hab ich gesagt!“ Unter seiner Jacke zog Victor eine Pistole hervor und die Kamera, über die Luke vorhin noch nachgegrübelt hatte. „Hier die abrupte Gesichtsveränderung eines vorlauten jungen Mannes, dem unverhofft  eine Pistole vorgehalten wird. Die ursprünglichen Pläne haben sich leider etwas verändert, aber ich bin überzeugt: Es wird nicht weniger unterhaltsam.“

„Was zum Geier…“

„Ich sage es noch ein einziges Mal: Geh. Nach. Unten. Ich puste dir das Gesicht weg, wenn du nicht tust, was ich dir sage!“

„Lucas, geh nach unten, bitte! Er meint es ernst“, hörte er Cara schluchzen.

Einige Augenblicke später saß Luke auf dem Sofa, Simon und Cara standen daneben. Victor stellte seine Kamera auf ein Stativ und positionierte es so, dass seine drei Hausbewohner im Bild zu sehen waren.

„Nun ist es erstmal Zeit für eine kleine Fragerunde. Unser Freund hier weiß gerade nicht, was im Moment vor sich geht, warum sich aus einem netten kleinen Aufenthalt im  traumhaften Ferienhaus, plötzlich ein Alptraum entwickelt. Aber die Frage, die ihm wohl am meisten auf der Zunge brennt ist die: Was haben meine Freunde mit der ganzen Sache zu tun? Also los, Lucas: Frag deine Freunde.“

Luke lachte verächtlich: „Die Frage, die mir am allermeisten auf der Zunge liegt, ist wohl eher die: Was für ein geistesgestörter Kerl  bist du eigentlich?“

Die patzige Antwort brachte ihm prompt einen Schlag mit der Pistole mitten ins Gesicht ein. Er brüllte vor Schmerzen und spürte, wie das warme Blut aus der wahrscheinlich gebrochenen Nase lief. Die Tränen schossen infolgedessen aus seinen Augen und er hatte größte Mühe unter dieser grausamen Mixtur aus Schmerz und Wasser, die Situation wieder halbwegs unter Kontrolle zu bekommen.

„Frag deine Freunde. Mach schon“, drohte Victor.

„Was…“, keuchte Luke hervor, „was ist hier los? Was habt ihr damit zu tun?“

Cara, die immer noch weinte, drehte ihren Kopf weg und machte die Augen zu, als würde sie so der Frage ihres Freundes entfliehen können. Es war Simon, der leise antwortete:

„Als erstes musst du wissen, dass wir nicht ohne mein Wissen hier sind. Ich wusste, was Victor vor hatte und habe Cara nichts davon gesagt. Er hat darauf bestanden, dass sie dabei ist, ich weiß aber selbst nicht warum, vermutlich, um noch ein weiteres Druckmittel gegen mich in der Hand zu haben. Und ich… ich hatte keine Wahl. Er hat mich gezwungen. Er hat mich gezwungen die paar Tage hier so zu tun, als wäre alles in Ordnung und als ob wir hier wirklich nur Urlaub machen würden. Es war der letzte Abend, an dem wir Cara eingeweiht haben in… seinen Plan.“

„Und was ist sein Plan? Bin ich zufällig ausgewählt für diesen „Plan“?“

„Ich habe Victor nach fünfzehn Jahren wiedergetroffen. Er hat mich angerufen und wollte mit mir einige Dinge klären, für die ich in der Vergangenheit verantwortlich war. Dabei haben wir über dich gesprochen und er meinte, der beste Freund und die eigene Freundin wären die ideale Reisebegleitung. Ich habe damals Scheiße gebaut, wirklich große Scheiße. Und er will mich dafür bezahlen lassen. Indem er die leiden lässt, die mir wichtig sind. Ansonsten bringt er mich um. Und Cara.“

Luke schaute verständnislos zwischen den dreien hin und her und sah, wie Victor hintertückisch grinste. Dieser fuhr fort:

„Wir verwirren ja unseren ahnungslosen Couchhocker. Immerhin hat ein Opfer das Recht dazu zu erfahren, warum es leiden muss. Und das auch noch für jemand anderen. Also jetzt mal alles von vorne: Wir schreiben das Jahr 2003″, begann Victor theatralisch zu erzählen, „Simon und ich waren die besten Freunde. Waren wir schon immer. Unsere Mütter waren bereits Freundinnen und wir erlebten einiges zusammen. Wir waren ungefähr 15, da probierten wir einige Dinge aus, Mädchen, Partys, Alkohol, aber vor allem Drogen. Es war eine hammermäßige Zeit. Aber Simon begann zu übertreiben und nahm wirklich alles, was er zwischen die Finger bekam. Ich nicht. Ich begann irgendwann, mich vermehrt auf die Schule zu konzentrieren und mich akribisch auf die Uni vorzubereiten, während Simon immer tiefer in die Szene rutschte. Eines Abends war ich ziemlich am Boden, ich stand vor so etwas wie einem Burn- Out und es kam dazu, dass er mich und meinen Bruder Kevin bequatschte, auf eine Party mitzukommen. Um den ganzen Stress und den Druck zu vergessen, unter dem ich damals gestanden hatte, ließen Kevin und ich uns auf den Trip ein, zu dem er uns überredete. Ich kann mich an kaum etwas zu erinnern. Das Zeug, das wir uns reingezogen haben, hat uns dermaßen weggebeamt, seit jenem Abend habe ich immense Konzentrationsschwierigkeiten, aber das ist nicht der Punkt. Das, warum wir heute hier sind und was unser lieber Ex-Junkie Simon heute verbüßen muss- oder besser gesagt, was Luke für ihn verbüßen muss- ist der Tod meines Bruders! Simon ist ein Mörder, nicht wahr?“

Luke blickte ungläubig zu seinem besten Freund. Ex-Junkie? Mörder? Wie gut kannte er seinen besten Freund wirklich? Anscheinend gar nicht. Nie hatte Simon auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verloren, dass er früher Probleme mit Drogen gehabt, geschweige denn ein Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Und war es wirklich wahr, dass er ihn dermaßen in die ganze Sache mit reinzog?

Simon flüsterte: „Es stimmt. Ich habe seinen Bruder umgebracht. Ich… ich habe ihn und Victor überredet zu mir ins Auto zu steigen. Ich hätte nicht mehr fahren dürfen. Er wurde aus dem Auto geschleudert, als wir den Aufprall hatten.“

„So genug geredet“, unterbrach Victor ihn, „ich habe eine Kleinigkeit für euch mitgebracht. Simon müsste sofort erkennen, was es ist, immerhin waren solche Dinger eine Zeit lang seine treusten Begleiter. Mach dir nichts draus, Lucas, das war noch vor deiner Zeit. Jetzt bist du sein Liebling. Obwohl nicht mehr lange… Genießt den Trip. Das was dann kommt, wird schlimmer, glaub mir.“

Victor legte den drei Freunden jeweils 2 Pillen in die Hand.

„Selbstgemacht. Vermutlich etwas besser, als das billige Zeug, das du uns damals untergejubelt hast, Simon. Schlucken“, befahl er.

„Ich bin seit dem Entzug damals clean, wenn ich das jetzt schlucke, war alles umsonst“, flüsterte Simon.

Luke sah, wie seine Hände zitterten und sagte: „Wir nehmen das Zeug nicht, wir wissen ja nicht mal, was du da zusammengepantscht hast.

Victor lächelte nur und meinte: „Pillen oder Pistole. Eure Entscheidung.“

Cara war die erste, die die Drogen runterschluckte. Dann Luke. Auf Simons Stirn bildeten sich Schweißtropfen und man sah ihm den Kampf an, den er mit sich selbst führte. Schon die Tatsache alleine erfüllte Victor mit großer Genugtuung. Aber schließlich schluckte auch Simon die Pillen, von denen niemand so genau wusste, was genau sie enthielten.

Schon nach kürzester Zeit merkte Luke einer Veränderung seiner Sinne. Zunächst fühlte er eine wohlige, warme Welle, die seinen Körper vom Kopf aus durchströmte und er begann sich ungewöhnlich leicht zu fühlen. Noch nie hatte er etwas Derartiges zu sich genommen, dafür war er viel zu sehr abgehärtet worden von seiner alkohol- und medikamentenabhängigen Mutter.

„Weißt du Lucas, eigentlich war es nie unser Plan heute nach Hause zu fahren. Allerdings solltest du nicht dermaßen abrupt mit der Situation konfrontiert werden, aber da die zwei Pfeifen sich bei ihrem Streit nicht sonderlich in Griff hatten, machen wir nun kurzen Prozess. Du wirst in wenigen Minuten die Kontrolle über deinen Körper verlieren, das Wohlgefühl, das sich jetzt ausbreitet, wird gleich wieder verschwinden. Zuerst machst du einen gedanklichen, kurzen und bunten Trip durch, vermute ich, und dann wirst du von Panik übermannt werden, wenn du merkst, dass du deinen Körper nicht mehr koordinieren kannst.“

Victors Worte prallten an Luke seltsamerweise ab, und die Sorgen, die er sich nun eigentlich machen sollte, schäumten nicht in ihm hoch. Er merkte, wie zufrieden er war und ließ sich ins Sofa zurücksinken. Der Raum entfernte sich von ihm, Simon, Cara und Victor waren plötzlich ganz weit weg. Er nahm die Geräusche nur noch fern wahr und spürte, wie sich farbige Punkte auf seiner Haut festsetzten. Grüne, rote und violette Tupfen zuerst in seinen Handflächen, dann kamen noch einige auf seinen Unter- und Oberarmen dazu. Er roch den süßen Duft von Karamell und gezuckertem Popcorn. Was war das? Etwas kitzelte ihn an seinem Nacken und er dachte daran, wie Cara ihn vor ein paar Tagen geweckt hatte und sah sie ganz nah vor sich. Sie kam näher, öffnete ihre Lippen und dutzende Spinnen kamen aus ihrem Mund über sein Gesicht gekrabbelt.

Ein Schrei aus Caras Richtung. Sein unerträglich juckendes Gesicht. Luke wollte das Ungeziefer von seinem Kopf verscheuchen, aber seine von Zigaretten schmerzenden und gebrandmarkten Arme blieben regungslos auf dem Sofa liegen. Durch das rauschende Nichts der eiskalten Luft hörte er Victors Stimme, die Cara anfauchte, die Klappe zu halten und sah wie dieser einen letzten Zug seiner Kippe machte und sie in Caras Gesicht ausdrückte.

Simon schrie: „Du hast versprochen, sie in Ruhe zu lassen!“ und stürmte auf Victor los. Warum wirkten die Pillen bei ihm nicht? Luke konnte nur untätig mit ansehen, wie sich die beiden jungen Männer um die Pistole stritten und wie Cara zusammengekauert auf dem Boden lag, die Hände schützend vor ihr Gesicht haltend. Noch immer spürte Luke wie die Achtbeiner in seinem Gesicht Tango tanzten und seine Gliedmaßen bleiern dalagen. Panik machte sich in ihm breit. Dann ein Schuss. Im Augenwinkel sah Luke, wie Victor in sich zusammensackte. Simon näherte sich Luke, die Waffe hielt er fest umschlossen in seiner Hand.

„Es tut mir so leid. Niemals hätte ich mich darauf einlassen sollen. Es war meine alleinige Schuld und ich hätte alleine die Konsequenzen tragen müssen. Ich hab dich mit reingezogen, um meine eigene Haut zu retten. Ich bin nicht der Freund, den du verdient hast“, sagte er mit zitternder Stimme.

Luke wusste nicht ob er es dem Rausch oder der nachlassenden Wirkung dieses Rausches zuschreiben sollte, aber erst jetzt hatte er das Ausmaß der Situation und das Ausmaß von Simons Fehlentscheidung verstanden. Um den Tod eines Menschen zu büßen, hätte er mit einem weiteren Leben bezahlt. Das seines besten Freundes. Um das eigene zu retten. Nein, er war wahrhaftig nicht der Freund, für den ihn Luke gehalten hatte.

Luke war nicht imstande zu antworten und sah noch, wie Simon zu Cara hinüberging, ihr einen Kuss auf den Kopf gab, bevor er sich dann eine Kugel in den Kopf jagte.

Wieviel Zeit seit dem Einwurf der Tabletten und den tödlichen Schüssen vergangen war, konnte Luke nicht einschätzen. Er taumelte zwischen Schlaf, Bewusstsein und dem andauernden Versuch, zu sprechen und seine Hände nach Cara auszustrecken, die wimmernd am Boden kauerte und ihren eigenen Höllentrip durchlebte, nur einen Steinwurf ihres toten Verlobten entfernt.

Als sie später im Auto saßen, waren wohl insgesamt elf oder zwölf Stunden verstrichen. Wortlos und völlig benommen hatten Cara und Luke ihre Sachen ins Auto geladen und fuhren mit dem Auto, das natürlich sofort angesprungen war, fort von dem Haus, das noch vor ein paar Tagen ihre Ruheoase gewesen war.

„Warum konnte Simon noch so handeln? Er hat die Tabletten doch genauso geschluckt wie wir“, fragte Cara mit ausdrucksloser Stimme. Luke schwieg. Vermutlich wirkten Drogen einfach bei jedem anders. Und Simons Körper war es schon gewohnt. Oder aber hatte er sie nicht wirklich geschluckt? Aber Luke antwortete nicht und hielt seinen Blick auf die Schotterstraße gerichtet.

„Ich kannte die Geschichte mit Victors Bruder. Und ich wusste, wie sehr sie ihn auffraß. Aber ich hätte nie erwartet, dass er derartige Entscheidungen treffen würde. Ich habe versucht, ihm die Sache auszureden…“

„Du hättest sofort zu mir kommen müssen! Ich dachte, so viel würde ich dir nach all den Jahren bedeuten. Wer weiß, was sie alles mit mir angestellt hätten. Mit uns… Du wirst der Polizei alles erzählen, ist das klar“, fauchte sie Luke forscher an, als beabsichtigt. Cara war genauso in diese unerwartete Extremsituation gekommen wie er, aber sie hatte mehr Zeit darüber nachzudenken, wie sie sich verhalten konnte. Sie hätte ihn warnen können, sie hätten abhauen können. Sie… Ach was sollte das? Es war zu spät. Für alles.

Keiner der beiden sagte auch nur ein Wort während der Fahrt zurück nach Hause. Die Gegend war noch trostloser, als bei der Hinfahrt. Das konnten auch die langersehnten Schneeflocken nicht ändern, die sich nun endlich aus der schweren Nebelkuppel befreiten.


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Das Haus

„Wie es hier wohl im Sommer aussah?“, fragte sich Luke. Im Moment war die Gegend, die sie seit Stunden durchquerten, einfach nur trostlos. Die weiten, flachen Felder zogen sich hin, während die tiefen Wolken sie unter ihrer Last beinahe erdrückten. Wenn es im Winter nicht schneite, dann zerstörte die kahle Jahreszeit die Wirkung eines jeden Ortes. Oder wenn es aufhörte zu schneien, und die weiße Pracht in matschigen Dreck zerfahren und zertreten wurde. Luke war im Winter viel herumgereist, und jedes Mal machte er die Erkenntnis, dass Frühling, Sommer und Herbst der Welt mehr schmeichelten als der Winter. Er erinnerte sich daran, wie grau und unfreundlich er das verschneite Berlin angesichts abgasverschmutzter Straßen und des Dauernebels empfand, dabei war die deutsche Hauptstadt eine wirklich attraktive Metropole, wie er Jahre später bei einem zweiten Besuch im Mai heraus fand. Seither versuchte er vermehrt im Frühjahr und Sommer zu verreisen, aber wenn Luke ehrlich war, war es eben im Winter besonders reizvoll von zu Hause fortzugehen, weil die eigene Heimat noch um einiges farbloser erschien, als alle anderen Orte. Aber irgendwo auf der Welt war immer Sommer.

Schlafen war nicht drin, Victor und Simon hatten so viel einander zu erzählen, dass sie, seit die vier Freunde losgefahren waren, ununterbrochen am Reden waren. Verstohlen warf Luke einen Blick nach vorne auf den Beifahrersitz und beobachtete einen Moment Cara, die es erstaunlicherweise geschafft hatte, wegzunicken und den alten Schulgeschichten ihres Verlobten und dessen Kumpel Victor zu entfliehen. Schlief wie Dornröschen und war genauso schön. Dann starrte er wieder in die Einöde, die vor ihnen lag, hinter ihnen und sie ringsum völlig umgab. Genau hierhin wollten sie schließlich, was hatte er also anderes erwartet? Monumentale Gebäude, Menschenmassen, Shoppingmalls? Der Plan der vier im Autohockenden war der, den nach-weihnachtlichen Familienfeiern zu entfliehen. Heilig Abend hatten sie noch zu Hause verbracht, aber die Koffer standen quasi unter dem Christbaum bereit. Luke für seinen Teil, ließ sogar die Bescherung sausen und verabschiedete sich von seiner Mutter und seiner Schwester direkt nach dem Essen.

„Lucas, öffne doch zumindest noch dein Geschenk“, hatte ihn seine Mutter getadelt, als er sich die Mütze über den Kopf zog und zur Tür ging. Er hatte das Geschenk nicht geöffnet und seine fluchende Mutter leerte die für sie bereits zweite Flasche Wein des Abends, während es sich seine Schwester schon längst vor dem Fernseher gemütlich gemacht hatte. Ein Haus am Arsch der Welt mit seinen Freunden und einem alten Bekannten war die deutlich bessere Alternative.

Es war nicht zu übersehen. Victor hatte nicht zu viel versprochen, als er seinem besten Freund aus Kindheitstagen von dem Ferienhaus mitten im Nirgendwo erzählt hatte. Das Haus war gigantisch, wirkte von außen sehr modern und passte so gar nicht in das Bild der bräunlich-kahlen Landschaft. Sein Chef, zu dem Victor eine fast väterliche Beziehung pflegte, hatte ihm angeboten, ihm das Haus nach den Feiertagen zu überlassen. Als dieser Simon dazu einlud, hatte er auch nichts dagegen, Luke und Cara mitzunehmen. Sie alle kannten sich von früher, aber Simon war der einzige, der mit Victor im Kontakt geblieben war.

„Wow“, unterbrach Luke das Gespräch der Zwei, „hier können wir ja noch die gesamte Fußballmannschaft zum Silvesterfeiern einladen!“

„Nur schade, dass wir nicht so lange bleiben können, was“, lachte Victor. „Aber vermutlich besser. Eure Jungs würden wahrscheinlich die ganze Hütte auseinandernehmen!“

„Hütte ist ja bescheiden ausgedrückt!“ Cara erwachte aus ihrem Nickerchen und war von dem Anwesen sichtlich beeindruckt. „War das hier mal ein Hotel oder so was?“

„Ja anfangs, aber die Besitzer haben sich verkalkuliert und mussten es ziemlich schnell wieder loswerden“, erzählte Victor, während sie die letzten holprigen hundert Meter zum Haus befuhren. „Tja, und mein Chef, der hat nicht lange gezögert, hat es als Hotel allerdings nie weitergeführt. Er hat es zu seinem Ferienhaus umfunktioniert, wenn man so will.“

„Wenn man es sich leisten kann…“ Simon grinste, während er mit seinem alten Renault die Einfahrt einbog. „Außerdem: Wer macht hier schon regelmäßig Ferien? Hier gibt es ja nichts und niemanden in der Nähe. Man fühlt sich wie irgendwo mitten in Australien…“

„Na, so verrückte Leute wie wir“, lächelte Cara kokett und küsste ihren Überlebenskünstler auf die Backe.

„Ich finde es hier auch genial! Gerade, weil es total abgeschieden liegt. Hier kommt man zur Ruhe“, schwärmte Victor, von dem man, als sie allesamt vor dem geparkten Auto standen, den Wunsch nach Einsamkeit am allerwenigsten abgekauft hätte. Er war ein typischer Businessmann, der hier draußen in seinem dunkelgrauen Anzug und den streng zurück gegelten Haaren in der trockenen und kahlen Natur genauso wenig her passte, wie das Haus, vor dem sie standen und in dem sie die nächsten fünf Tage verbringen würden.

Wenige Stunden später hatte Victor seine Büroklamotten gegen einen Jogginganzug eingetauscht, Cara hatte es sich mit ihrem Zeichenblock und einer Tasse Tee in einer Fensternische, einer Art kleinem Erker mit Lesecouch oben in der Galerie gemütlich gemacht und Simon stimmte am Küchentisch seine Gitarre, nachdem er am offenen Kamin Feuer gemacht hatte. Luke, der noch immer das Haus auskundschaftete, war vom Wohnzimmer mächtig beeindruckt, es war riesengroß (einst immerhin die Eingangshalle des Hotels) und eindeutig das Herz des Hauses. In der Mitte stand ein braunes Ledersofa, das so groß war, dass sein eigenes von zuhause locker viermal darin Platz gefunden hätte. Davor der offene Kamin, der von einer Natursteinmauer eingerahmt wurde. Eine Fensterfront an der Südseite, die vom Boden bis nach oben zum abgeschrägten Dach reichte, durchflutete das gesamte untere und einen großen Teil des oberen Stockwerkes mit Licht und Sonne, sofern diese sich blicken ließ. Auch der Rest des Hauses, die Bade- und unheimlich vielen Schlafzimmer, die Küche, sogar die Flure, einfach alles war geschmackvoll, modern und trotzdem wahnsinnig gemütlich eingerichtet. Hier ließ es sich aushalten! Luke atmete tief durch und ließ sich zurück auf sein King Size Bett fallen und schloss die Augen. Mit nichts ließ sich ein Kurzurlaub fernab der Realität besser beginnen, als mit einem kleinen Nickerchen. Und nichts, so war er sich sicher, nichts anderes würde ihn aufwecken, als der sanfte Gitarrenklang seines Freundes. Aber er irrte sich, es war etwas anderes, etwas besseres.

„Wach auf Luke“, flüsterte eine liebliche Stimme, „wach auf, es ist schon fast neunzehn Uhr!“

Er war sich nicht sicher, aber er glaubte, dass er von einem sanften Streicheln am Nacken geweckt wurde, und nicht von ihrer Stimme.

Cara lächelte ihn an. „Du willst doch nicht unseren ersten gemeinsamen Abend im Nimmerland verschlafen, oder?“

Luke setzte sich auf und fuhr sich mit den Händen schlaftrunken durch die Haare. „Nimmerland?“

„Du kennst die Geschichte von Peter Pan? Keine Ahnung, warum ich darauf gekommen bin, aber als ich heute Nachmittag angefangen habe zu malen, ist mir der Gedanke so in den Kopf geschossen. Vielleicht weil es hier keinen Fernseher gibt, keine Uhren an der Wand, von Handyempfang oder Internet ganz zu schweigen. Was ich sagen will… Irgendwie scheint die Zeit hier still zu stehen, wie in Peter Pans Nimmerland.“ Cara drehte sich verlegen weg. „Naja, und wir sind irgendwo im Nirgendwo. Ich fand Nimmerland einfach passend.“

Luke musste schmunzeln und erinnerte sich wieder mal daran, dass man Chancen ergreifen muss, wenn sie sich einem bieten. Bei Cara hatte er das nicht getan. Und nun würde sie seinen besten Freund heiraten.

„Du bist verrückt“, lachte er und schüttelte damit die kurz aufschäumende Emotion wieder ab. „Was gibt es zu essen?“

„Wir haben Spaghetti gekocht. Victor hat darauf bestanden, uns die Carbonara seiner italienischen „mamma“ aufzutischen.“

Cara ging zur Tür: „Er ist so gut wie fertig, kommst du?“

„Ich ziehe mich nur mal eben um. Cara?“

„Ja?“

„Zeigst du mir nachher noch dein Peter Pan- Bild?“

Sie lächelte: „Klar doch.“

Die Tage waren perfekt zum Runterkommen. Perfekt zum Rumhängen mit netten Leuten. Perfekt, um nichts zu tun, außer Musik zu hören, in Zeitschriften zu blättern oder in Büchern und die gefühlten hundert Zimmer des Hauses zu erkunden (wobei sie noch ein Zimmer mit einer Werkbank und einen Saunaraum entdeckten, ja sogar ein Fitnesszimmer und einen Whirlpool an der Hinterseite des Anwesens). Leckeres Essen, das mit wenig Lebensmittel, dafür mit viel Freude und Spaß gezaubert wurde, viel Wein und Gin und herzerwärmend heitere Gespräche, die bis tief in die Nacht gingen, wobei Luke immer als erster schlapp gemacht hatte.

Am Tag ihrer Abreise aber war die Stimmung irgendwie seltsam. Womöglich waren allesamt nicht besonders glücklich darüber nach Hause zu fahren, aber zumindest Victor schien richtig übellaunig zu sein und Simon und Cara wandten ihren Blick andauernd  ab, sobald Luke oder Victor versuchten mit ihnen zu reden. Klar, Luke war auch nicht davon begeistert, dass die Ferientage vorbei waren, aber nichts desto trotz musste die Laune der anderen nun den Aufenthalt dermaßen negativ beenden. Auf seinen Versuch hin, mit einem kleinen Scherz die Stimmung etwas aufzulockern, erntete er nichts weiter als ein verächtliches Schnauben von der einen und ein beklemmendes Schweigen von der anderen Seite und so entschied Luke, einfach seine Klappe zu halten. Als er seine Koffer vor die Tür stellen wollte, sah er, wie Victor eine kleine Kamera in seine Reisetasche packte. Wozu hatte er die Kamera dabei? Luke hatte die Tage jedenfalls nicht bemerkt, dass dieser Aufnahmen gemacht hätte. Wovon auch, hier draußen war es sterbenslangweilig.

Simon hatte die ersten Sachen in seine Klapperkiste geladen. „Ich starte schon mal den Motor, um die Heizung etwas vorlaufen zu lassen.“

„Verdammt noch mal!“ hörten ihn die anderen fluchen, als sie im Haus noch die Müllsäcke und leeren Flaschen zusammensuchten. „Mistkarre!“

„Was ist denn jetzt schon wieder“, schnaufte Cara genervt. Simon kam ins Wohnzimmer herein und bestätigte, was alle schon vermuteten: Das Auto sprang nicht an. Und natürlich hatte er nichts dabei, um den Motor wieder zum Laufen zu bringen.

„Das kann doch jetzt nicht wahr sein“, rief Victor und stürmte hinaus, um es selbst zu versuchen. Die anderen drei standen auf der Terrasse und sahen ihm beim erfolglosen Versuch wortlos zu.

„Packt wieder aus, sieht so aus, als würden wir hier festsitzen!“ Victor stürmte an den drei Freunden vorbei. Die Freundlichkeit der letzten Tage war –zumindest für den Augenblick- aufgebraucht. Cara und Simon gingen wortlos zurück ins Haus.

„Ich versuche, irgendwo Empfang zu bekommen“, versuchte Luke die Situation zu retten, aber Victor riss ihm das Handy aus der Hand:

„Vergiss es! Es gibt hier nirgendwo Empfang oder sonst irgendeine Möglichkeit jemanden zu erreichen.“ Victor überlegte. „Vielleicht… halt, warte… Das alte Faxgerät unten im Keller! Ich hole es nachher rauf.“

Luke atmete tief durch, um nicht unfreundlich zu werden. Stattdessen sagte er nur: „Alles klar, ich bringe meinen Koffer wieder ins Zimmer. Und mein Handy würde ich gerne mitnehmen, wenn ich darf.“

Er schaute Victor direkt an. Etwas war anders an ihm, aber Luke wusste nicht was es war. Der Stress wahrscheinlich. Stress holte nicht unbedingt das Beste aus einem raus.

Als Luke nach oben ging, um seinen Koffer wieder ins Zimmer zu stellen, hörte er, wie Cara und Simon in ihrem Zimmer miteinander stritten. Sie flüsterten, schienen aber eindeutig eine Auseinandersetzung zu haben.

„Ich dachte, wir kommen aus der ganzen Geschichte raus, und er vergisst die schreckliche Idee einfach“, wisperte Cara, die ein lautes Schluchzen zu unterdrücken schien.

„Du weißt genau, wie er ist. Victor lässt die Dinge nicht auf sich beruhen. Und wir ziehen es durch, weil wir keine andere Wahl haben. Fertig.“

„Aber… Er ist dein Freund!“

„Was sollen wir deiner Meinung nach tun? Er hat uns in der Hand und je weniger wir uns dagegen sträuben, desto besser kommen wir aus der ganzen Sache raus!“

Cara lachte. „Ach ja, glaubst du das wirklich! Wirst du damit leben können? Ich nicht. Ich hätte es wissen sollen… Dass du mich angelogen hast, verzeihe ich dir nie. Dass du mir verschwiegen hast, wer Victor ist! Nie im Leben wäre ich mitgekommen, wenn ich es von vornherein gewusst hätte.“

„Doch das wärst du Cara. Er hätte dir keine andere Wahl gelassen. Und er wird uns nicht nach Hause gehen lassen, bevor wir nicht das getan haben, was er von uns verlangt.“

„Herrgott nochmal, Simon… Lucas ist dein Freund…“

Luke entfernte sich lautlos von der Tür und er hörte sein Herz dermaßen laut pochen, dass er fürchtete, man würde es durch die Tür schlagen hören. Mit einem Mal war es so, als würde ihm jemand die Luft zuschnüren. Was ging hier vor sich?


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Waldläufer und Blitzgiganten

Vor ungefähr zwei Monaten habe ich mit meinem Patenkind ein Wochenende verbracht, an dem zusammen mit anderen Familien verschiedene Spiele usw. veranstaltet wurden. Eines davon war das „Fähnchen stehlen“ mitten im Wald, bei dem zwei Mannschaften das gegnerische Fähnchen in einem bestimmten Waldabschnitt suchen mussten. Ein bisschen kam ich mir dabei vor wie in „Die Tribute von Panem“, aber mehr habe ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedacht- außer, dass ich erstaunlich viel Spaß dabei hatte. Vor kurzem allerdings hatte ich einen Traum, der dieses Spiel von einer anderen Seite beleuchtete, einer düsteren Seite. Morgens wachte ich auf und notierte mir den Traum sofort.

Folgende Geschichte habe ich aus diesen zwei Erlebnissen gesponnen und habe mir dabei folgende Frage gestellt: Wie moralisch handeln wir, wenn es um unseren eigenen Kopf geht?

„Das Revier der ersten Mannschaft reicht von dieser Tanne hier bis ganz nach unten zur Forststraße“, erklärte Clive seinen Freunden. „Das Revier der zweiten hat dieselbe Startlinie und endet oben am Weiher. Ziel ist es, den versteckten Schatz der gegnerischen Mannschaft in deren Revier zu finden und sicher ins eigene zu verfrachten- ohne von seinen Gegnern erwischt zu werden versteht sich.“

Tom rieb sich vor Vorfreude die Hände aneinander: „Alles klar, und wer sucht im feindlichen Gebiet nach dem Schatz und wer verteidigt das eigene?“

„Jede Gruppe überlegt das selbst und teilt ein“, erwiderte Clive knapp. „Die, die erwischt werden, werden in unser imaginäres Gefängnis hier zwischen den Büschen gebracht und müssen dort fünf Minuten lang bleiben. Was für die Gegner natürlich ein Riesenvorteil ist. Jetzt können sich die Mannschaften eine Taktik überlegen, einen Kapitän wählen und einen Gruppennamen.“

Die Gruppen bildeten jeweils einen Kreis. Die eine bestand sowohl aus Clive, der die Idee für den Spielenachmittag der etwas anderen Art hatte und somit automatisch Boss seiner Mannschaft wurde, als auch aus Spencer, Melanie, Conny und Hannah. Sie entschieden, dass die drei letzteren auf Schatzsuche gehen und die beiden Männer für die Verteidigung im eigenen Revier zuständig sein sollten.

„Ich finde den Namen Blitzgiganten ja super“, schlug Spencer vor, der wie immer übertreiben musste.

Melanie putzte ihre Brille am Ärmel und verdrehte die Augen: „Sehr bodenständig… Aber meinetwegen. Hauptsache wir beginnen mit dem Blödsinn endlich, bevor ich es mir endgültig anders überlege.“

„Ach komm schon, das wird bestimmt witzig, sonst hängen wir eh nur rum. Das ist mal was anderes“, ermunterte die selbstsichere Conny ihre langjährige Freundin. „Sind die anderen schon soweit?“

„Noch nicht!“ rief Sammy, der Kapitän der anderen Mannschaft herüber. „Also gut, dann bleiben wir dabei? Jackie, Florence und ich suchen nach dem Schatz und ihr zwei bleibt hier und bewacht unseren.“ Tom und Pete nickten. „Wobei ich nicht glaube, dass ihn die anderen finden werden, unser Versteck ist einfach genial. Schnell, noch einen Namen!“

„Was haltet ihr von Waldläufer?“, fragte Florence, die erst vor kurzem zur Clique dazukam.

„Einfach und zutreffend, klasse! Also los, gehen wir zu den anderen.“

Das Erkennungszeichen der Waldläufer waren grüne Bänder am Armgelenk, das der Blitzgiganten ein weißes, um die Stirn gebundenes Band.

„In den ersten zwei Minuten darf niemand gefangen werden, nur die Schatzsucher der Mannschaften dürfen los. So hat jeder einen Vorsprung und es wird spannender“, grinste Clive.

„Aber die Reviere sind riesig, wir sind bestimmt den ganzen Nachmittag im Wald unterwegs“, jammerte Melanie.

Clive kam nahe an Melanies Ohr heran und zischte ihr ins Ohr: „Na dann sieh zu, dass du läufst und den Schatz schnell findest.“

Der Anführer der Blitzgiganten gab das Startzeichen und alle verteilten sich in den Revieren.

Im Revier der Waldläufer

Conny und Hannah waren höchst motiviert und liefen los, so schnell sie konnten.

Conny schnaufte: „Wir teilen  uns da vorne auf, ich laufe nach oben und du bis nach unten an die Forststraße und suchst dort alles ab. Wo bleibt unsere Skeptikerin?“

„Ist gut“, antwortete Hannah und huschte durch die dichten Büsche Richtung Osten.

„Ich bin hier!“ Langsam kam auch Melanie angelaufen, die noch immer nicht überzeugt von der ganzen Sache war. „Ich bleibe am besten hinten, von wo wir gestartet sind, verstecke mich irgendwo und warte bis die Waldläufer weg sind. Dann kann ich mich dort in Ruhe umsehen.“

Sie ging ein Stück zurück und versteckte sich hinter einem dichten Gebüsch, das vom Weg aus nicht besonders gut zu sehen war. Warum war sie nicht einfach zu Hause geblieben? Sie hätte sich ins Bett legen können mit einem schönen Buch, ihre Musik laut aufdrehen und die Rollläden tief hinunterlassen, um der Spätsommerhitze zu entfliehen. Eigentlich war es schon September, aber es war drückend heiß. Clive und seine verrückten Einfälle. Und die Clique war noch um einiges verrückter, weil sie sich immer auf diese Absurditäten einließ! Heute war wieder einer jener Tage, an denen Melanie das starke Gefühl hatte, nicht wirklich in diesen Freundeskreis zu passen. Sie war irgendwie anders als der Rest. Ruhiger, nachdenklicher, erwachsener wenn man so will. Aber wenn sie nicht mit den anderen mitzog, wen hatte sie dann noch? Ihren schusseligen Vater zuhause, der nichts alleine auf die Reihe bekam. Dann doch lieber hier draußen in den Wäldern wie eine Bekloppte rumlaufen. Hoffentlich findet bald jemand die Truhe. Tom hatte die Kisten gefüllt, also waren entweder Zigaretten oder Alkohol drin oder beides. Vielleicht auch ein bisschen Gras. Na super, und dafür zerkratzte sich Melanie hier im Gebüsch ihre Beine. Da kam Tom auch schon angelaufen, der Waldläufer mit dem grünen Band am Handgelenk. Pete kam schnurstracks hinterher, die beiden redeten leise miteinander und trennten sich dann.  Tom grinste breit, während er schnellen Schrittes eine Anhöhe erklomm und dachte dabei, wie geil er die Idee von Clive fand und dass er jetzt noch etwas mehr Spannung in die Schatzsuche bringen wollte. Wie ein Tier witterte er ein noch so kleines Geräusch. Er hatte keine Bedenken, dass er die Mädchen der Blitzgiganten bald finden würde. Allerdings hatte er nicht vor, sie schnell zu fangen und ins „Gefängnis“ zu stecken, nein. Er wollte zuerst das Spiel ein bisschen „aufpeppen“. In der Stofftasche, die er bei sich trug, war die Pistole, die er aus dem Schrank seines Vaters geklaut hatte und ein Tonbandgerät mit Schreien aus einem Horrorfilm. Natürlich wollte er auf niemanden schießen, aber ein paar Schüsse in die Luft oder in die Nähe der anderen, das konnte definitiv witzig werden, meinte er. Ganz zu schweigen von den grausigen Aufnahmen. Die Mädels würden bei dem kleinen Alptraum, den er ihnen verpassen würde, ausrasten! Im Moment waren zwei von ihnen gerade dabei, sich anzukeifen und ahnten nicht im Geringsten, was ihr Freund mit ihnen vor hatte.

„Ich dachte, du läufst nach unten?“, herrschte Conny die vierzehnjährige Hannah an.

„Vergiss es, da unten ist alles voller Stechmücken, ich habe keine Lust drauf so auszusehen, als hätte ich Pickel.“

„Na gut, dann suchen wir eben erstmal gemeinsam. Aber wenn Tom oder Pete auftauchen, teilen wir uns auf, hörst du?“

Hannah schlich neben ihrer Freundin her, die immer gerne das Kommando über hatte. Eigentlich konnte sie Conny nicht besonders leiden, vielleicht aber nur deshalb, weil sie einmal mit Pete zusammen gewesen war. Hannah war schon längere Zeit in ihn verliebt, aber Pete war achtzehn, und sie selbst in seinen Augen wohl noch ein Baby, obwohl sie sich immer große Mühe gab, weiblich und erwachsen auszuschauen. Was hatte Conny, was sie nicht hatte? Außer ein paar Jahre mehr Lebenserfahrung? Sie war hübsch ja, aber nicht hübscher als andere. Große Brüste. Und eine noch größere Klappe. Das Selbstbewusstsein war es, was Conny für die Jungs attraktiv machte. Definitiv.

„Da hinten kommt Pete! Los los los, lauf nach unten und vergiss die scheiß Mücken einfach!“ wisperte Conny befehlerisch.

Hannah rannte los, war sich aber sicher, dass Pete sie beide entdeckt hatte. „Hoffentlich fängt er mich und nicht Conny“, murmelte die Vierzehnjährige. Aber dieser entschied sich, Conny hinterher zu rennen, weil Hannah in die entgegengesetzte Richtung lief und das verdammt schnell. Obwohl er sie bevorzugt hätte; vielleicht hätten sie sich etwas unterhalten können. Er mochte Hannah wirklich sehr, hatte aber seine Gefühle für sie bisher in Zaum gehalten. Sie war zu jung und er wollte vermeiden, dass die anderen große Sprüche klopften darüber.

„Ich glaube, du hast die Spielregeln nicht ganz verstanden, du sollst vor mir weglaufen“, rief er Conny zu, die seltsamerweise auf ihn zukam.

„Was interessiert mich dieser blöde Schatz“, lachte seine Exfreundin trotzig. „Ich habe eine viel bessere Idee, und die macht definitiv mehr Spaß als dieses Herumgeistern im Wald.“ Sie kam auf Pete zu und küsste ihn zart.

„Wie früher“, hauchte sie. Pete, der eigentlich mit seinen Gedanken bei Hannah war, hatte nicht die Kraft „Nein“ zu sagen. Man widersprach Conny nicht. Man schlief mit ihr.

Im Revier der Blitzgiganten

„Dass wir euch gleich mal fangen würden, war ja klar, aber dass du so langsam bist… Florence, Florence, Florence…“ Clive fand es herrlich, als erster eine der Waldläufer gefangen zu haben.

„Ich wollte dir und deinem Ego ja nicht im Wege stehen“, erwiderte Florence trocken. Clive schnaubte verächtlich, er wusste, wie gut er war. Er war ein Athlet und zumindest im Sport ein absolutes Ass. Schnelligkeit und Geschick waren seine Talente beim Football. Nicht umsonst war er Quarterback seiner Schulmannschaft. Es war das einzige, worauf er bauen konnte und wodurch er zu einem Stipendium gelangen würde. Andere nannten ihn egoistisch, aber damit konnte Clive gut leben. Dafür war er ein Anführer. Beim Football, bei seinen Freunden, bei seinem kleinem Nebenjob. Überall eben- außer zuhause. Er brachte Florence ins „Gefängnis“, die witzelte:

„Na los, such und schnapp dir die anderen“, als ob sie mit einem Hund sprechen würde. Clive konnte sich ein Grinsen nicht unterdrücken.

„Alles klar, du Früchtchen!“ Schneller als ein Reh auf der Flucht vor einem Jäger, sprintete er davon. Florence war sich sicher, dass Clive die Situation eben unangenehm wurde, immerhin zeigte er einen Anflug von Menschlichkeit ihr gegenüber. Er war kein übler Kerl, da war sie sich sicher. Aber eben ein harter Brocken, genau das richtige Projekt für Florence, die immer an das Gute im Menschen glaubte. Sonst könnte sie auch nie in dieser Gruppe bestehen, denn wirklich jeder einzelne darin hatte ein Rad ab. Sie liebte diese schrägen Vögel. Gott sei Dank war ihre Familie hierher gezogen. Und Gott sei Dank musste sie gleich in der ersten Woche nachsitzen und war auf Spencer gestoßen, der in diesem Moment auch schon mit der zweiten „Gefangenen“ um die Ecke kam.

„Oh Mist, du bist auch schon erwischt, Jackie? Ich wollte grade wieder los!“ beschwerte sich Florence.

Spencer war völlig außer Puste, als er Jackie ins Gefängnis schubste: „Ich bleib jetzt erstmal hier und bewache euch, soll doch Clive nach Sammy suchen. Ich bin fix und fertig!“

Jackie keuchte genauso: „Nanana, was ist denn los mit dem Blitzgiganten? Ist wohl die Batterie ausgegangen, was?“

„Halt die Klappe. Du bist schlimmer als ein Hase, der Haken schlägt. Ich glaube sowieso, das Sammy den Schatz bald finden wird. Er ist jedenfalls in der richtigen Gegend.“ Spencer lehnte sich schwer atmend an einen Baumstamm. „Wagt es ja nicht, auch nur einen Fuß aus dem Gefängnis zu setzen, ich erwische euch, auch wenn ich noch so fertig bin!“

Jackie trank einen Schluck Wasser und kicherte: „Keine Sorge, wir sind nicht so scharf drauf, uns nochmal von deinen schwitzenden Händen anfassen zu lassen!“

Der ansonsten so große Sprücheklopfer war zu fertig, um ihr Kontra zu geben. Ein paar Minuten war es still in der Runde, als plötzlich seltsame Geräusche aus dem Revier der Waldläufer zu hören waren.

„Was war denn das?“ Florence schaute nach hinten.

„Waren das Schüsse?“ Auch Jackie wurde unruhig und blickte sich um und bemerkte dabei, wie sich Spencer ein Grinsen verkniff. „Spencer? Was ist da los?“

„Ach gar nichts ist los… Tom hat… naja, er hat ein paar Spielsachen dabei, um die Schatzsuche auf seiner Seite dort ein bisschen aufzumotzen“, antwortete dieser.

„Eine Pistole? Ihr seid Idioten, wisst ihr das? Die arme Hannah, die weiß sich ja so schon nie zu helfen, und Melanie wird ausrasten, sag ich euch!“

„Reg dich ab, Sammy wird den Schatz gleich gefunden haben, dann ist der Spaß hier sowieso vorbei.“

Spencer behielt Recht. Nach nur kurzer Zeit kam der Älteste der Clique mit dem Schatz ins Ziel gestürmt.

„Wohooooo, geschafft“, jubelte dieser enthusiastisch und mit voller Lautstärke und war eigentlich begeisterter davon, schneller als Clive gewesen zu sein. Nachdem er den Schatz unter einer riesigen Wurzel gefunden hatte, hechtete Sammy mit dem Bewusstsein los, dass sein Kumpel im Grunde der schnellere Läufer war. Aber das Glück war auf seiner Seite und ohne zu stolpern oder an einem Ast hängen zu bleiben, schaffte er es vor ihm zu den anderen. Gut, dass er nicht gleich in die Kiste hineingespäht hatte, sonst hätte er nicht den Vorsprung gehabt, der ihm schließlich zum Sieg verhalf- obwohl die Versuchung groß war, aber Sammy dachte ans Team und wollte die Truhe gemeinsam mit den anderen öffnen. Clive war die miese Laune im Gesicht regelrecht abzulesen. Er war ein schlechter Verlierer. Aber Sammy ein fairer Gewinner.

„Lasst uns die anderen zusammentrommeln, dann können wir die Kiste öffnen und ein Bierchen trinken gehen. Ich zahle!“

„Nicht nötig, wir sind da.“ Pete und Tom kamen mit Melanie und Conny, um diese ins „Gefängnis“ zu stecken. „Aber ihr seid ja alle da, ist es schon vorbei?“ erkundigte sich Tom enttäuscht.

„Ja, Sammy hat die Kiste gefunden, während du mit deiner Waffe rumgeböllert hast“, erwiderte Jackie provokant und starrte dann auf Connys Oberweite, die sich unter dem weißen T- Shirt in voller Pracht zeigte. „Und du, hast du deinen BH im Wald drüben liegen lassen?“

„Ich hatte sicher mehr Spaß, als ihr alle zusammen“, antwortete diese unbeeindruckt. Pete wandte seinen Blick beschämt ab. Hannah fehlte noch, aber er wollte nichts sagen. Alle wussten, dass er völlig verschossen in die Kleine war und jetzt bekamen alle mit, dass er es mit Conny getrieben hatte. Mitten im Wald, vielleicht nur hundert Meter entfernt von Hannah.

Sammy öffnete die Schatztruhe und sie fanden darin, was sie schon alle vermuteten:  Nämlich eine Flasche Wodka und einen Joint für jeden Gewinner. Melanie verdrehte die Augen, war schließlich aber die erste, die einen kräftigen Schluck von dem Wodka nahm. „Igitt, ist das Zeug eklig. Hoffentlich wirkt es schnell, sodass ich den restlichen Abend mit euch verkrafte.“

Alle lachten und keiner schien zu bemerken, dass jemand aus der Gruppe fehlte. Der einzige, der es merkte, traute sich nicht den Mund auf zu machen. Also saßen die neun Freunde auf dem Waldboden und genossen einen Joint nach dem anderen und gaben sich der Mixtur aus Alkohol und Gras hin. Es war eine heitere Runde und sogar Melanie schien endlich ihre negative Stimmung abgelegt zu haben.

Ausgerechnet Conny war es, die irgendwann Hannahs Fehlen bemerkte: „Hey Leute, wo ist denn unser Baby eigentlich?“

„Stimmt, Hannah ist nicht da. Ups, gar nicht gemerkt“ lachte Spencer berauscht und alle kicherten mit.

„Vielleicht sollten wir sie suchen gehen. Die ist ganz schön lange alleine im Wald unterwegs“, warf nun Pete endlich ein.

„Ooooh, vermisst du deine kleine Hannah- Maus schon?“, spottete Conny und fuhr ihm durch die Haare. Pete wich ihr genervt aus.

„Wir rauchen noch gemütlich diese letzte, kleine Graszigarette und dann gehen wir sie suchen, falls sie inzwischen nicht alleine hergefunden hat“, bestimmte Sammy und inhalierte einen tiefen Zug.

Pete begann unruhig zu werden. Nachdem auch der letzte Joint geraucht war und die Wodkaflasche ausgetrunken, war Hannah noch immer nicht zurück. Also machten sich alle auf die Suche nach ihr. Es begann schon leicht zu dämmern und ein kühler Wind begann durch die Bäume zu pfeifen, was die Suche nach Hannah nicht besonders angenehm gestaltete. Die Clique teilte sich in drei Gruppen auf und vereinbarte, sich nach spätestens 20 Minuten wieder am Ausgangspunkt zu treffen.

„Hannah! Hannah, wo bist du?“

„Wir wollen nach Hause, komm schon!“

Die Vierzehnjährige schien wie vom Erdboden verschluckt. Es war Melanie, die Hannah schließlich regungslos unter einem Baum liegend entdeckte.

„Oh nein, oh nein… Leute!!! Hierher! Sofort!“ schrie sie hysterisch und beugte sich zu ihrer Freundin runter, um zu sehen, ob sie noch atmete.

Innerhalb kürzester Zeit kamen alle hergelaufen und blieben wie gelähmt auf der Stelle stehen, als sie sahen, wie Melanie versuchte, Hannah aufzuwecken. Das Marihuana und der Alkohol dröhnten in ihren Köpfen, und ein Gefühl der Hilflosigkeit mischte sich dazu. Melanie rüttelte Hannah, versuchte eine Herzmassage, obwohl sie nicht die geringste Ahnung von Wiederbelebung hatte und redete weinend auf sie ein.

„Komm schon, Kleine! Mach die Augen auf, mach sie auf. Bitte, bitte…“ Melanies Stimme war kaum noch zu vernehmen, die Tränen verschluckten ihre Worte. Die anderen waren wie eingefroren. Florence und Jacky begannen schließlich zu schluchzen, Conny vergrub ihr Gesicht in Spencers Armen und Clive flüsterte ein „Verdammt“ nach dem anderen. Pete sank zu Boden und wendete seinen Blick von der toten Hannah ab. Er ertrug ihren Anblick nicht. Wie sie dalag mit ihren langen aschblonden Haaren, das weiße Band der Blitzgiganten verklebt und rot gefärbt vom Blut, das aus ihrer Kopfwunde getreten war, die grünen Augen und den puppenhaften Mund geöffnet. Das Bein, das unnatürlich in die falsche Richtung gebeugt war. Pete schmeckte den  Alkohol in seinem Rachen hochsteigen und verharrte in der Hocke und hielt die Hände vors Gesicht. Es vergingen einige Minuten, in denen man nichts weiter hörte als das Weinen der Mädchen.

„Wir sollten sie verschwinden lassen“, sagte Tom plötzlich mit fester Stimme.

Alle Augen richteten sich auf ihn. „Was hast du da gesagt?“

„Oben im Weiher vielleicht, wenn wir alle mit anpacken, dann ist es in einer halben Stunde erledigt.“

Alle starrten ihn ungläubig an, während Melanie sich erhob, zu Tom hinging und ihm eine Ohrfeige verpasste: „Mit diesem Tag ist unsere Freundschaft beendet, du Arschloch. Wie kannst du es nur wagen, so etwas zu sagen? Warum sollten wir so etwas tun?“

Tom senkte sein Gesicht und schwieg.

„Tom? Was ist los?“, wollte Sammy wissen und kam ebenfalls näher.

„Womöglich verliert ihr heute zwei Freunde. Kann sein, dass ich ein bisschen Schuld daran trage, dass… naja, dass Hannah…“

„Was? Wie meinst du das?“

„Ich… ich habe die Pistole meines Vaters dabei gehabt und die Aufnahmen mit den Schreien aus den Horrorfilmen. Ich schwöre, dass ich nur Schüsse in die Luft abgefeuert habe! Ich wollte Hannah lediglich ein wenig Angst machen damit. Sie ist dann auf den Baum geklettert, wohl, um sich zu verstecken. Was anschließend passiert ist, weiß ich nicht, ich habe mich ja versteckt, als ich geschossen habe und bin dann in die andere Richtung gelaufen, um auch Conny und Melanie zu erschrecken. Ich habe schon ein dumpfes Geräusch gehört, habe mir aber nichts weiter dabei gedacht…“

Pete erhob sich und streckte Tom zu Boden: „Du verrückter Psychopath! Deinetwegen ist Hannah vom Baum gefallen, deinetwegen hat sie sich ihren Kopf an dem Stein da zerschmettert. Deinetwegen hat sie Todesängste durchlitten… Du hast sie umgebracht und bist ihr nicht mal zu Hilfe geeilt.“ Er spuckte auf seinen Freund.  „Wir alle haben sie umgebracht, weil wir sie nicht früher gesucht haben.“

Und eigentlich wollte er noch weiter schreien: „Ich habe sie umgebracht. Ich habe ihr Fehlen als erster bemerkt und war zu feige, etwas zu sagen. Ich hätte zu ihr laufen sollen, schon während des Spieles!“ Stattdessen brach Pete in Tränen aus.

„Wir sollten die Polizei rufen“, meinte Jackie, als niemand sonst es wagte zu reden. Auch jetzt antwortete keiner der neun Freunde. Alle schauten bedrückt zu Boden.

„Leute?“

„Pete hat Recht, wir sind alle schuld. Wir haben alle nicht sofort nach ihr gesucht, obwohl wir es hätten tun sollen. Vielleicht wäre Hannah noch am Leben, wenn wir ihr früher zu Hilfe geeilt wären“, sagte Florence still. „Wir bekommen alle Schwierigkeiten, wenn wir die Polizei rufen…“

„Ganz zu schweigen davon, was mit Tom passieren würde“, fuhr Spencer fort. „Er mag ein Arschloch sein und einen Fehler gemacht haben, aber das war sicher nicht seine Absicht. Wir können ihn nicht auflaufen lassen, das wäre nicht fair!“

„Nicht fair?“, rief Melanie bestürzt und zeigte auf Hannah. „Nicht fair? Findest du das hier fair?“

„Beruhigt euch, ok? Ich denke, wir sind uns alle einig, dass der Tag nicht so hätte verlaufen dürfen. Es ist furchtbar, was mit Hannah passiert ist. Es nützt nichts, wenn wir uns hier jetzt gegenseitig Vorwürfe machen und uns zoffen“, versuchte Sammy zu schlichten. „Versuchen wir, klar zu denken und die Fakten zu verstehen. Tom hat mit seiner kleinen Aktion Scheiße gebaut. Hannah… ist tot. Wir anderen haben zu spät reagiert. Es könnte für uns alle Konsequenzen haben, das sollte uns klar sein. Nichts desto trotz haben wie eine Verantwortung, oder nicht? Wir stimmen ab.“

Sammy schaute in die Runde schuldzerfressener und trauernder Gesichter. Er erkannte, wie einige von ihnen mit ihrer Entscheidung haderten, ein paar andere hatten sie schon getroffen.

„Also gut… Wer ist dafür, dass wir Hilfe holen?“

Melanie hob die Hand. Ebenso Jackie. Sammy selbst hob sie. Florence drehte sich mit Tränen in den Augen um und ging ein paar Schritte zur Seite, Spencer schüttelte bestimmt den Kopf, ebenso Clive, der sich bis jetzt gar nicht geäußert hatte. Conny starrte zu dem schweigenden, plötzlich in sich gekehrten Tom und meldete sich auch nicht.

„Pete?“ Melanie starrte ihn fassungslos an, denn auch er hob nicht seine Hand.

„Wir rufen niemanden“, flüsterte er, während er seine Knie fest umklammerte.

Sammy schluckte sein Unbehagen hinunter und fasste zusammen: „Drei sind dafür, sechs dagegen.“ Er konnte es nicht glauben, dass seine Freunde entschieden, das offensichtlich Falsche zu tun.

Melanie schrie: „Was ist nur los mit euch? Hannah war unsere Freundin! Es war ein Unfall, den niemand gewollt hat. Man würde uns glauben. Toms Strafe würde nicht so hart ausfallen!“

„Woher willst du das wissen?“, keifte Conny sie von der Seite an. „Wir landen wahrscheinlich alle in Teufels Küche! Melanie, schalt doch endlich dein Gehirn ein! Wir würden uns alle unsere Zukunft verbauen! Vergiss deine Moral!“

„Was seid ihr für Freunde… Herrgott nochmal. Hannahs Mutter wartet vermutlich schon darauf, dass ihre Tochter jeden Moment zur Tür hereinkommt“, weinte Melanie leise. „Was… was wollt ihr jetzt also tun?“

Wieder herrschte Stille im Wald. Es war die qualvollste, die die neun Freunde je erlebt hatten. Und die Nacht, die vor ihnen lag, war noch um einiges qualvoller.

Das andere Leben (Teil 3)

Niemand in der Ferienanlage, gar niemand schien sich zu wundern, dass Danny mit der falschen Familie dort war. Als wäre alles ganz normal, als wäre nichts geschehen. Um ihn herum hatte sich nichts verändert. Die Leute waren dieselben und ihr Umgang mit ihm war derselbe. Außer der Tatsache, dass er die Tageszeitung an den Tisch gebracht bekam, er mit Herr Sorokin angesprochen wurde, und er nicht seine eigene Familie an der Hand hielt. Die lächerlich hohe Rechnung später an der Rezeption ließ ihn überrascht losprusten, aber Oksana stieß sofort ihren Ellenbogen in seine Rippengegend. Stillschweigend bezahlte Danny die enorme Summe mit einer Karte, die nicht seine war und einem Namen, den er vor ein paar Tagen zum ersten Mal gehört hatte. Er dachte an die Begegnung mit Nikolaj am Pool zurück und dass es besser gewesen wäre, hätte er den Mojito dankend abgelehnt. Noch immer stellte sich ihm die Frage, wie es überhaupt möglich war, dass er in seinem Bett einschlafen und am nächsten Morgen in einem fremden aufwachen konnte. Nikolaj musste es irgendwie geschafft haben, ihm unauffällig etwas zu verabreichen, das ihn vollkommen wegtreten ließ. Was vermutlich nicht schwierig gewesen war; er besaß Geld. Damit war alles möglich.

„Ich hoffe sehr, der Urlaub bei uns war wieder zufriedenstellend für Sie und ihre bezaubernde Frau, Herr Sorokin?“, erkundigte sich der Hotelmanager persönlich. „Schön zu sehen, wie Ivan von Jahr zu Jahr größer wird. Und hoffentlich hat es dem jungen Mann auch gefallen?“
„Ja, es alles gewesen in bester Ordnung, wie immer. Vielen Dan“, Danny hatte große Schwierigkeiten so gebrochen zu sprechen und noch viel größere, nicht laut loszuschreien. Wie viel Geld hatte dieser russische Mistkerl den Leuten hier bezahlt, damit sie das Theater mitspielten? Damit sie ihr schlechtes Gewissen verdrängen konnten? Immerhin hatten sie alle seine Frau und seinen Sohn mit einem fremden, offensichtlich gefährlichen Mann hier rausgehen sehen- und es zugelassen! Am liebsten hätte Danny dem schnöseligen Hotelmanager eine mitten ins Gesicht geboxt. Korruptes Pack, dachte er wütend und schluckte seine gefühlsbeladenen Worte hinunter.

„Es war wirklich schön“, fügte er stattdessen noch hinzu und verabschiedete sich. Er nahm seinen „Sohn“ Huckepack auf die Schultern und spazierte mit ihm und Oksana hinaus, wo bereits ihr Privatauto samt Fahrer auf sie wartete. Als dieser die Koffer vom Gepäckwagen in den Kofferraum lud, bemerkte Danny einen ihn musternden, aber sehr kurzen Blick desjenigen. Was hatte das zu bedeuten? Wohin er die Sorokins bringen würde, wusste Danny ebenso wenig, und er wagte es auch nicht zu fragen. Er tat das, wie ihm geheißen und war ansonsten still. Sie fuhren etwa eine halbe Stunde und Danny überlegte, wie er sich aus dieser Situation retten und er herausfinden konnte, wo seine Familie war. Wen er ins Vertrauen ziehen konnte. Oksana und Ivan sollte er auf jeden Fall streichen. Die Leute vom Hotel nochmal kontaktieren in einem unbeobachteten Moment? Konnte schwierig werden und war vermutlich umsonst, immerhin haben die Leute mit dazu beigetragen, dass er als jemand anderes aus dem Urlaub zurückkehrte. Was war mit dem Fahrer? Was konnte er dem Blick vorhin entnehmen? Der Mann schien sich den falschen Nikolaj Sorokin jedenfalls gut anzuschauen. Aber er war nicht verwundert. Es war eher ein „Wer ist das arme Schwein“- Gaffen.

In seiner Hosentasche erfühlte Danny den Hotelbeleg und in dem teuren Jackett von Armani war in der Innentasche ein goldener Kugelschreiber, der Danny beim Anziehen vorhin aufgefallen war, weil er die Initialen N.S. eingraviert hatte. Sein Herz pumpte schneller. Sollte er oder sollte er nicht? Er musste sich schnell entscheiden, Ivan war gerade auf seinem Tablet beschäftigt und Oksana nickte vor ein paar Minuten ein. Beide saßen ihm gegenüber. So geräuschlos wie möglich, holte Danny den Zettel heraus und legte ihn auf seinen Oberschenkel. Mit dem Kugelschreiber schrieb er die Worte „Bin nicht Nicolaj, er hat meine Familie. Hilfe“ auf den Zahlungsbeleg. In diesem Moment hielt der Wagen an. Danny ließ den Zettel unter dem Jackett verschwinden, der Kugelschreiber fiel zwischen seine Füße. Oksana wachte auf und ermahnte Ivan, er solle endlich das Tablet in seinen Rucksack packen.

„Sind wir da?“ fragte sie und lehnte sich nach vorne, um Danny einen Kuss zu geben.

„Sag du es mir“, erwiderte Danny patzig.

„Na, da ist heute aber einer launisch, gut dass wir in ein paar Stunden wieder zuhause sind.“

„Wir fliegen also nicht nach Miami?“

„Wir fliegen heim Darling. Komm schon, unsere Maschine wartet. Ivan, pack das Tablet weg. Sofort!“

Die drei stiegen aus und warteten darauf, dass der Fahrer ihre Koffer auf den Gepäckwagen umlud. Danny holte hundert Euro aus seinem Portemonnaie, ging zu ihm hin und drückte ihm das Geld und gleichzeitig unbemerkt den Hotelbeleg in die Hand.

„Vielen Dank“, sprach er mit seinem neuen russischen Dialekt und drehte sich um. „Weiter geht`s“, rief er.

Am Aéroport Nice Côte d’Azur wartete auf die Sorokins ein Privatjet- natürlich, das überraschte Danny nicht. Die knapp dreieinhalb Stunden Flug vergingen schnell und in Dannys Bauchgegend hatte sich ein mulmiges Gefühl breitgemacht. Gut, sie waren nun in Petersburg gelandet und offensichtlich auf dem Weg ins Haus der Sorokins. Und dann? Was erwartete ihn dort? Doch bevor Danny weitergrübeln und sich weitersorgen konnte, noch bevor er das Flugzeug verlassen konnte, kamen drei Männer hereingestürmt, warfen ihn auf den Boden und hielten ihn fest. Er bekam eine Faust mitten ins Gesicht geschmettert. Ein schmerzhaftes Dröhnen durchzuckte seinen Kopf, warmes Blut rann aus seiner Nase und über den Mund. Er sah noch, wie Ivan von seiner Mutter aus dem Flieger geschoben wurde und Danny einen besorgten Blick rüber warf, dann bekam er schon die nächste verpasst. Alles um ihn wurde schwarz.

Das Pochen, das von seiner Nase ausging und ihm das Gefühl gab, jemand hämmerte kontinuierlich auf seinen Schädel, bereitete Danny beim Öffnen der Augen Schwierigkeiten. Sofort füllten sich diese mit Tränen, als er es versuchte. Er sah nur verschwommen den Raum, in dem er wieder zur Besinnung kam. Es musste ein Café oder eine Bar sein, Danny glaubte irgendwoher das Geräusch einer Kaffeemaschine zu vernehmen und das Geklirr von Geschirr. Stimmen… Zeitungsrascheln. Langsam erkannte er, dass er an einem Tisch saß, und spürte, dass seine Hände hinter dem Stuhl, auf dem er saß, zusammengebunden waren. Plötzlich tauchten die drei Männer auf, die Danny im Flugzeug niedergestreckt hatten, und ein vierter Mann. Es war Nikolaj, der sich rechts von ihm an den Tisch setzte und ihn lächelnd anschaute.

„Ich denke, Oksana dir hat gut erklärt, was du hast zu tun, nicht wahr Danny? Du musst Spielregeln einhalten, sonst es geht nicht gut aus für dich, mein Freund.“ Er legte den Beleg vom Hotel auf den Tisch. „Bin nicht Nicolaj, er hat meine Familie. Hilfe“, las Danny.

Danny krächzte unter Schmerzen hervor: „Wo ist meine Familie? Bitte, Nicolaj, ich will doch nur, dass Rose und Sam nichts passiert…“

„Dann du hast nicht verstanden. Du keine Fragen stellen, keine Hilfe holen, du das machen, was wir verlangen. Dann alles ist gut. Dieses Mal es hat erwischt nur dich. Nicht schlimm. Nächstes Mal deine Nase bleibt ganz.“ Nicolaj zündete sich eine Zigarre an und blies Danny den Qualm ins Gesicht.

„Was wollen Sie von mir?“

Ganz nahe kam Nicolaj an Danny heran und flüsterte langsam: „Keine Fragen mehr. Sonst ich bringe zuerst deinen Sohn um, dann Rose. Aber sie ich behalte noch ein wenig. Gefällt mir gut. Gefällt mir sehr gut sogar.“

Ein selbstgefälliges Grinsen lag in Nikolajs Gesicht, sodass Danny am liebsten aufgesprungen und ihn verprügelt hätte.

„Fass sie bloß nicht an…“

„Wer sagt, Rose würde es nicht gefallen?“ lachte Nicolaj und entfernte sich vom Tisch.

„Du Mistkerl“, Danny versuchte sich hysterisch vom Stuhl zu befreien, was ihm natürlich nicht gelang. Was er erreichte, war, dass Nicolajs Begleiter ihm zweimal in den Bauch schlugen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Die Leute im Café ignorierten den Tumult, offensichtlich kannten sie solche Szenarien hier schon. Halb weggetreten kriegte Danny es gerade noch so mit, wie er hinaus und in ein Auto verfrachtet wurde. Dann gab er sich seinen Schmerzen, seinem Kummer und der Wut hin.

Er wurde von sanften Klängen der klassischen Musik und dem angenehmen Duft von Kuchen geweckt, dieses Mal war es Danny allerdings sofort klar, wo er sich befand: Im Hause der Sorokins. In seinem Arm lag die wunderschöne Oksana, bekleidet mit einem weißen Negligé, die gleichzeitig aufwachte.

„Guten Morgen mein Schatz, ich habe mich nochmal zu dir ins Bett gelegt. Ivan ist schon zur Schule gebracht worden, und du hast so schön geschlafen, dass ich mich noch kurz an dich kuscheln wollte“, schwärmte sie noch schlaftrunken. „Dabei bin ich wohl selbst noch mal eingenickt…“

Danny setzte sich auf und schaute aus dem großen Fenster, das das riesige helle Schlafzimmer mit Sonnenlicht regelrecht durchflutete.

„Wir haben es wirklich schön hier“, sagte er leise und wünschte sich weit weg. In diesem Moment brachen die Tränen aus ihm heraus- er erinnerte sich nicht mehr, wann er das letzte Mal geweint hatte. Er hatte alles verloren. Alles was ihm wichtig war. Er hatte sein Leben verloren. Und er wusste nicht einmal, warum.

Oksana umarmte ihn von hinten und schien aufrichtig Mitleid mit Danny zu haben. Es überraschte ihn, dass er sie nicht wegstieß, im Gegenteil, er nahm den ehrlich gemeinten Trost an.

„Sei nicht auf die falschen Menschen wütend“, flüsterte sie kaum hörbar in sein Ohr. Dann stand sie auf und ging aus dem Zimmer. „Carina, unsere neue Hausfee, hat uns Kaffee gekocht und uns einen Kuchen im Backofen gelassen, komm nach, wenn du soweit bist.“

Schweren Schrittes schleppte sich Danny ins anliegende Badezimmer um sich das Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen. Oksana war kein schlechter Mensch. Sie war vielleicht nur an den falschen geraten. Und irgendwie stand sie unter Nikolajs Fuchtel. Als Frau, Marionette, als was auch immer. Sie hatte keine Wahl. Vielleicht brachte Danny auch sie in Gefahr, wenn er das Ganze nicht mitspielte. Vermutlich sollte er einfach auf sie hören und abwarten. Früher oder später würde er den Grund herausfinden, warum er hier war und er würde seine Familie unversehrt wiederbekommen. Er sah sich sein zerschundetes, blutunterlaufenes Auge und seine zerschmetterte Nase an, die in allen Blau- und Violett- Tönen leuchtete. Welche andere Option hatte er denn?

Die Wochen vergingen und Danny lebte das Leben des russischen Millionärs. Er ging zu Nicolajs Arbeit, die seiner eigenen in England sehr ähnlich war, nämlich der Koordination für verschiedene Bauprojekte- nur hier spielte er in einer ganz anderen Liga. Es ging um Summen, von denen er noch nie zu träumen gewagt hätte. Außerdem wurde Danny dermaßen viel von der Arbeit abgenommen, dass er nicht sonderlich zu tun hatte. Alle wussten, dass er nicht Nicolaj war, daher muteten ihm seine Kollegen nicht viel zu. Aber alle spielten das Spiel mit.

Genauso war es, als er heimkam. Die Bediensteten in dem großen Anwesen waren Teil des großen Ganzen, von dem Danny auch nach knapp vier Wochen noch nicht den Kern gefunden hatte. Im Grunde wartete er darauf, dass er eine Lösegeldforderung oder etwas in der Art erhielt. Doch es passierte nichts. Manchmal ertappte sich Danny dabei, wie er gewisse Annehmlichkeiten als plötzlich wohlhabender Mann als schön empfand und er bestrafte sich mit schlaflosen Nachtstunden, in denen er sich immer und immer wieder dieselben Vorwürfe machte. Er vermisste seinen Sohn und seine Frau in jeder einzelnen Minute, aber oft tat es zu sehr weh, also versuchte er nicht an sie zu denken. Oksana und Ivan waren alles andere als schlechte Menschen, im Gegenteil, sie machten seinen unfreiwilligen Aufenthalt annehmbar und trösteten Danny insgeheim. Vor allem akzeptierten sie, wenn Danny alleine in seinem Zimmer sein wollte, um seinen Gedanken nachzugehen. Es war die merkwürdigste Situation, die er sich jemals vorstellen konnte: Er glaubte in einem Alptraum zu landen und dann war irgendwie alles ganz okay, obwohl es das nicht sein sollte. Aber alle waren freundlich zu ihm und machten es ihm damit umso schwieriger; er war hin und her gerissen vom schlechten Gewissen und der unheimlichen Natürlichkeit, täglich in einem fremden Haus aufzuwachen und das Leben eines anderen zu leben.

Danny versuchte Tag für Tag hinter sich zu bringen, in der Hoffnung, dass er eines Morgens wieder zuhause in seinem Bett aufwachen würde. Dass alles beim Alten sein würde. Aber es passierte nicht. Und irgendwann zählte Danny bereits die siebte anbrechende Woche als Nikolaj Sorokin.

Eines späten Abends schließlich ein Anruf.

„Danny, ich bin`s…“, weinte eine Stimme in den Hörer.

„Rose? Schatz, alles in Ordnung? Es ist alles gut, bitte hör auf zu weinen! Es wird alles wieder gut, versprochen! Wo seid ihr?“

„Wir sind zuhause… Aber nein, nein, das wird es nicht. Danny, wir sollen uns verabschieden. Du kommst nicht wieder, hat er gesagt.“ Er vernahm dem Schluchzen einen vorwurfsvollen Unterton.

„Natürlich komme ich wieder. Ich weiß nur nicht, was er von mir verlangt, Rose. Ich weiß es nicht.“

„Was meinst du damit? Du bist doch bei ihr, stimmt`s? Mit diesem russischen Model.“

„Ich bin in deren Haus, ja, aber das doch nicht freiwillig. Wie geht es Sam? Ist er bei dir?“

„Nicht freiwillig? Du hast mich in Frankreich schon angelogen, du sagtest, es sei nicht von Belang, was geschehen ist… Ich habe die Fotos gesehen, Danny. Wie ihr euch geküsst habt. Nikolaj hat mir von dem Deal erzählt. Du hast uns eingetauscht. Mich und Sam, gegen ein russisches Supermodel und 250.000 Euro.“

Was hatte dieser Mistkerl seiner Frau da nur eingebläut?

„Nein, nein, nein, was erzählst du da? Ich habe gar nichts. Ich habe den Deal abgelehnt. Ich liebe euch und würde niemals… Ich haue hier ab und komme nach Hause. Irgendwie… “

„Du kommst nirgendwo hin, mein Freund“, plötzlich ertönte Nicolajs Stimme. „Du hast keine Identität mehr als Daniel Westwood. Dein Gesicht ist nicht mehr dein Name. Versuch erst gar nicht bei Polizei…. Alle sind auf meiner Seite. Das was du hast jetzt, du kannst nicht darüber bestimmen. Du bist nichts.“

Danny konnte es nicht glauben. „Warum? Warum bin ich hier und Sie sind dort… Wieso haben Sie mir meine Identität gestohlen? Was haben Sie meiner Frau erzählt? Wo ist Sam… Bitte ich…“

Wie ein Hund ließ Nicolaj ihn betteln, aber Danny war es egal. Seine Hoffnung, dass er sein Leben zurückbekam, erstarb gänzlich. Er redete auf den Telefonhörer ein, obwohl das Freizeichen schon längst ertönt war.

Daher merkte er nicht, dass Carina einen Mann ins Haus ließ, der eine Eiseskälte verbreitete. Man musste kein Genie sein, um zu verstehen, dass dieser Mann im heruntergekommenen Aufzug und dem zornigen Funkeln in den Augen nicht gekommen war, um eine Tasse Tee zu trinken. Danny war so fertig von dem Telefongespräch, dass er nicht den geringsten Anflug von Angst oder Unruhe verspürte.

„Und sie sind jetzt wohl mein Todesengel, oder wie“, sagte er schon beinahe verächtlich und wartete nur darauf, dass er eine Kugel in die Brust gejagt bekam.

Der Fremde fing an, hektisch auf Russisch zu reden, sodass Danny kein Wort kapierte. Aber dem wütenden Gesichtsausdruck zufolge und dem wild gestikulierenden Körper nach war der Mann auf Danny nicht gut zu sprechen. Oder besser gesagt auf Nicolaj.

„Hören Sie, ich bin nicht Nicolaj“, Danny war es plötzlich völlig egal, dass er gegen die Regeln verstieß, „und ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen.“

Der Fremde war völlig außer sich, stürzte auf ihn los, schubste ihn grob nach hinten und drückte ihn gegen die Wand, die Hände umklammerten fest seinen Hals. Der schmächtige Mann war kräftiger als er aussah und Danny ihm hilflos ausgeliefert. Es ging dermaßen schnell, und die Würgattacke raubte ihm so abrupt den Atem, dass es beinahe zu spät für ihn gewesen wäre. Aus dem Nichts tauchte Oksana mit einer Messingstatue in der Hand auf und schlug den Angreifer damit zu Boden. Regungslos blieb der Kerl liegen und das saubere Weiß des Teppichs wich einem dunklen Rot.

„Ich habe ihn getötet…“, stotterte Oksana kaum hörbar und brach in Tränen aus.

„Du hast mir das Leben gerettet.“ Danny nahm sie in den Arm und da standen sie nun. Der Mann, der um seine Existenz betrogen wurde tröstete die Frau, die wesentlich dazu beigetragen hatte. Nach einigen Minuten beruhigte sich Oksana wieder etwas und schaute Danny an:

„Es tut mir ja alles so leid!“

„Erzähl mir alles. Wer war der Kerl?“

Leise, aber mit klarer Stimme erzählte die junge Frau.

„Nicolaj hat nicht nur aufgrund seines Jobs das viele Geld. Er lebt von Erpressungen und dem Identitätsklau anderer Leute. Das, was er mit dir abgezogen hat… du bist einer von vielen. Und der Kerl da…“ Sie warf einen kurzen Blick zu dem Toten auf dem Boden „er war auch einer von ihnen. Und er dachte, du seist Nicolaj, weil er ihn nie persönlich getroffen hat. Es ist nie die gleiche Masche, die er abzieht, er überlegt sich ständig was Neues. Das Prinzip ist allerdings immer dasselbe: Er bietet einen Tausch, lebt eine Zeit lang das Leben desjenigen und verlangt anschließend eine Stange Lösegeld. Viele wollen sich an ihm rächen und meistens geht es nicht gut aus für sie. Es ist auch nicht nur des Geldes wegen, Nicolaj macht es auch einfach als Zeitvertreib. Es macht ihm Spaß, Leute auf ihr Verhalten zu testen. Wie sie auf sein Angebot reagieren, ob und wie sie seine Person anschließend verkörpern… Es ist sein kleines Hobby sozusagen.“ Sie schnaubte verächtlich.

„Ist jemand schon mal auf einen Deal, wie er ihn mir angeboten hat, eingegangen?“

Oksana wandte ihren Blick beschämt ab. „Einmal. Mein Mann Ed war ein gewalttätiges und geldgeiles Arschloch. Wir haben ihm nichts bedeutet. Im Grunde hat Nicolaj Ivan und mich aus der Hölle gerettet. Und dafür bin ich ihm dankbar.“

Danny war sprachlos. Nicolaj besaß eine Familie, die er im Grunde gestohlen hatte und nutzte diese für seine schamlosen und kriminellen Absichten aus. Wer weiß, was Oksana für den Mistkerl alles tun musste! Und wie hatte er nur den armen Jungen dazu gebracht, einen jeden fremden Mann „Papa“ zu nennen?

„Deswegen spiele ich seine Femme Fatale, wenn man es so will. In Wirklichkeit bin ich eine ganz normale, junge Mutter, die einfach an die falschen Leute geraten ist. Bis jetzt.“ Oksana fixierte Danny. An ihrem Verhalten hatte Danny ihre Zuneigung schon längst bemerkt, nun spürte er auch ihre Ehrlichkeit und Verletzlichkeit. Er konnte es nicht leugnen, dass er Oksana mochte und sich zu ihr hingezogen fühlte, aber er würde seiner Frau niemals wehtun. Das was sie hatten… Wie sehr wünschte er sich genau das zurück. Aber er würde Oksana hier raus helfen.

„Ich verspreche dir, dass wir drei von hier wegkommen. Du hast ein besseres Leben verdient. Nicht nur eines, in der du eine Rolle spielen musst. Und ich kehre zurück zu meiner Familie. Wir schaffen das.“

„Aber dieses Mal ist es anders.“

„Was meinst du?“

„Das ganze dauert schon viel zu lange… Normalerweise ist nach zwei Wochen Schluss… und dass wir jetzt so offen darüber reden… Er überwacht uns doch.“

Ohne lange zu überlegen bestimmte Danny, dass sie abhauen würden. „Wir fahren jetzt los. Hol Ivan und das Wichtigste, was wir die nächsten Tage brauchen. Und Bargeld. Jede Menge davon.“

So fuhren die drei fort von dem Anwesen, das etwas außerhalb von St. Petersburg auf einer kleinen Anhöhe lag, runter in die Stadt. Die Nacht war angebrochen und Danny fand es am besten, in keinem Hotel einzuchecken, wo man nach ihren Personalien fragen würde.

„Wir schlafen heute Nacht im Auto, morgen sehen wir weiter.“

Der Morgen kam schnell und Danny hatte keine Ahnung, ob sein Vorhaben, zurück nach England zu fliegen, umsetzbar war, in Anbetracht der Tatsache, dass er identitätslos herumlief. Wenn Nicolaj Wind davon bekommen hatte, dass sie abgehauen waren- und davon hatte er sicherlich Wind bekommen, dann hatte er bestimmt schon dafür gesorgt, dass er auch den Namen Nicolaj Sorokin verloren hatte.

„Ich gehe zum Tabakladen und kaufe uns etwas zum Essen“, sagte er zu Oksana und stieg aus dem Auto. Der Parkplatz war schon recht belegt und auch auf den umliegenden Straßen war der morgendliche Frühverkehr schon im Gange. Danny ging in den kleinen Tabakladen, kaufte etwas Brot, Crossaints und Saft und schaute sich alle Leute hier genau an. Wo waren Nicolajs Männer? Es war doch seltsam, dass nicht schon längst etwas passiert war… Das mit dem Zettel, dem er dem Fahrer zugesteckt hatte… Nach kürzester Zeit wurde er dafür verprügelt und jetzt, wo er alle Regeln brach, die er nur brechen konnte, passierte gar nichts? Etwas war doch faul an der Sache…

„Wollen Sie heute noch bezahlen, oder was?“ unterbrach der Kassierer seine Gedankengänge.

Als Danny mit zwei vollbepackten Tüten in den Armen vom Tabakladen hinausging, fiel ihm eine Frau in dem Restaurant gegenüber auf. Sie trug einen schwarzen Trenchcoat, eine große, goldene Sonnenbrille, einen pinken Lippenstift und hatte die dunkelbraunen Haare streng nach hinten gebunden. Gerade stellte sie ihre Kaffeetasse auf den Tisch und fuhr sich mit einer ihm sehr vertrauten Geste hinter das Ohr. Das machte Rose immer, wenn sie zufrieden war oder sich über etwas freute. Sie lächelte und stand auf, um jemanden zu begrüßen. Es durchzog Danny wie ein heranrasender Pfeil. Danny konnte den Mann nicht erkennen, aber Rose umarmte und küsste ihn liebevoll auf die Lippen.

Danny stellte die Tüten auf den Boden und ging wie ferngesteuert auf das Lokal zu. Dabei achtete er darauf, dass sie ihn nicht sah. Er hörte ihr Lachen und wie sie in einem perfekten Russisch mit dem Mann plauderte, von dem Danny genau wusste, dass es sich um Nicolaj handelte. Am Eingang des Restaurants blieb Danny stehen und wartete ab. Er beobachtete die beiden, wie sie vertraut miteinander waren und spürte, wie jede einzelne Zelle in seinem Körper von unsagbarer Wut zerfressen wurde. Rose stand vom Tisch auf und wollte wohl auf die Toilette. Danny wandte sich schnell von ihr ab, um nicht erkannt zu werden und folgte ihr dann unauffällig auf das Damen- WC. Er schubste sie hinein und sperrte die Tür zu. Rose, die ihn nicht hatte kommen sehen, war völlig perplex. Aber ihre Verwunderung verwandelte sich schnell in ein schadenfrohes Grinsen.

„Ich dachte eigentlich, dass du schon längst am Flughafen sitzt und dort auf deine Festnahme wartest. Leute ohne Namen und ohne identifizierbaren Gesicht, die sieht man heutzutage nicht gerne.“

„Wie lange hast du das schon geplant? Seit wann hasst du mich so sehr?“

„Hassen ist ein hartes Wort, Danny. Aber ich habe mir wirklich Mühe gegeben, dass wir dich für unsere „Deals“ bis zum Schluss aufheben.“

„Bei den anderen Männern war es das Geld, das ihr ihnen abgezockt hat, schon klar, und was war es bei mir? War ich von Anfang an Teil des Plans?“

„Ach Danny… unsere ersten zwei Jahre waren echt, das schwöre ich. Aber als ich Nicolaj kennengelernt hatte, wollte ich auf ihn und ehrlich gesagt auch auf seinen Reichtum nicht mehr verzichten. Deswegen haben wir gemeinsame Sache gemacht. Aber wir wussten, dass wir irgendwann aufhören müssen, damit wir nicht in Gefahr laufen, aufzufliegen. Und damit wir dich los wurden, warst du sozusagen… unser Finale. Aber mein Gott, Oksana und Ivan haben dich jetzt auch nicht gerade schlecht behandelt. Die Schlampe ist doch schon seit Frankreich verschossen in dich. Also so schlecht erging es euch nun wirklich nicht.“

Danny konnte nicht glauben, was er da hörte. Es stand eine Fremde vor ihm. Und eine verdammt gute Schauspielerin.

„Du hast mich einfach in ein anderes Leben gesteckt und mich von Sam ferngehalten“, er fuhr sich verzweifelt durch die Haare und flüsterte: „Er ist Nicolajs Sohn, oder?“

„Das wollte ich dir ersparen, Danny. Wirklich, glaube mir.“

„Was kann ich dir schon noch glauben… Ihr beide… ihr kommt nicht durch damit, das schwöre ich.“

Danny stürmte aus dem WC, stieß aus Versehen zwei verwunderte Frauen an, die vor der Tür warteten und rannte aus dem Restaurant zum Wagen, in dem Oksana und Ivan auf ihr Frühstück warteten.

„Was ist los Danny?“ fragte Oksana besorgt, weil sie den Unmut in seinem Gesicht und das Zittern seiner Hände bemerkte. Hektisch, aber entschlossen setzte dieser sich ans Steuer und drehte den Schlüssel um.

„Wir holen uns unser Leben zurück. Auch, wenn sich darin nun einiges geändert hat.“

Das andere Leben (Teil 2)

Natürlich sah Danny die Sorokins beim Abendessen wieder. So gut es ging, versuchte Danny nicht an den Vorfall zu denken und auch nicht zu ihnen rüber zu schauen. Als der Kellner eine teure Weinflasche brachte, die die russische Familie ihnen hat rüberbringen lassen, bestand Rose darauf, sich zu bedanken und wollte schon aufstehen.

„Ich mach das schon“, intervenierte Danny. Unter keinen Umständen sollte seine Frau mit den Beiden sprechen. Wer weiß, was sie ihr erzählen würden! Also ging er selbst hinüber.

„Danny, mein Freund,“ lächelte Nikolaj freundlich, „Ich hoffe sehr, mein Wein kann ein wenig besänftigen. Haben Sie geredet mit Rose, was ist mit meinem Angebot?“

„Ich habe mit Rose nicht gesprochen, kann Ihnen jedoch versichern, dass ich meine Meinung nicht ändern werde. Und ich möchte Ihnen sagen, dass Sie uns von jetzt an bitte in Ruhe lassen sollen. Sie beide.“ Er schaute auch Oksana mit ernstem Blick an. „Kommen Sie uns nicht mehr zu nahe.“

Auf einmal tauchte Rose auf und bedankte sich doch noch persönlich. „Möchten Sie sich nachher noch mit uns auf ein Digestif an die Bar setzen?“ fragte sie herzlich.

Danny unterbrach sie, indem er sagte, dass die Sorokins schon anderweitige Pläne hätten. „Geh doch schon mal mit Sam voraus und suche uns einen schönen Platz auf der Terrasse, ich komme gleich nach.“

„Aber…“

„Geh Rose, ich komme nach!“

Nachdem Rose weg war, flüsterte Nikolaj mit ernster Miene: „Danny, Danny, Danny… Sie haben eine schlechte Entscheidung getroffen, eine sehr schlechte.“ Finster war sein Gesichtsausdruck, vom freundlichen und geselligen Mann war nicht mehr viel übrig. Es war eindeutig etwas Böses in seinem Blut.

„Jedenfalls ist es meine, ob schlecht oder nicht. Schönen Abend noch.“

Danny konnte sein Zittern nicht länger verbergen, darum drehte er sich schnell um und entfernte sich vom Tisch der russischen Familie. Er glaubte, seine Angst und sein ungutes Gefühl halbwegs abgeschüttelt zu haben, als er in die Bar zu Rose und Sam kam.

„Schätzchen, frag doch mal den Mann an der Bar, ob er noch eine Scheibe Zitrone für mein Getränk hat, machst du das bitte?“ fragte Rose den Kleinen, der hellauf begeistert war, etwas so Wichtiges erledigen zu dürfen. Danny setzte sich ohne ein Wort zu sagen hin.

„So, erzähle mir jetzt was los ist, Danny! Das war doch komisch gerade, die Situation bei den Sorokins. Ist etwas passiert?“

„Es ist alles in bester Ordnung, ich wollte nur, dass sie uns etwas mehr Ruhe als Familie gönnen.“ Was ja an sich nicht gelogen war.

„Auf einmal…? Wir sind seit neun Jahren zusammen und du bist bleicher als die Wand, vor der du sitzt. Da ist doch irgendwas vorgefallen… Du musst wirklich mit mir darüber reden, es ist absolut wichtig, dass wir uns die Wahrheit sagen!“

Danny kratzte sich nervös am Handrücken. Er konnte es ihr nicht sagen.

„Hör zu, ja, es ist etwas vorgefallen. Aber es ist nichts, was dich beunruhigen sollte oder sonst was. Ich bin auch dafür, ehrlich zu sein. Aber in dieser einen Sache, Rose, bitte ich dich, dass du nicht weiterhakst, weil es absolut nicht von Belang für uns ist. Aber es würde deine Laune wahrscheinlich trüben und ich wünsche mir so sehr, dass wir die restliche Zeit hier in Frankreich gut verbringen. Bitte vertrau mir einfach, dass es nicht die Wichtigkeit hat, um uns den Urlaub verderben zu lassen, in Ordnung?“

Eigentlich hätte Danny nun ein: „Lass mich entscheiden, was von Belang ist!“ oder ein „Was hast du nur wieder angestellt?“ von seiner Frau erwartet, stattdessen sagte sie:

„Okay!“

Sam kam mit der Zitrone für seine Mama zurück und Rose sprach darüber, dass es schön wäre, am nächsten Tag eine der nahe gelegenen Städte zu besichtigen.

„Wenn wir schon mal hier sind“, meinte sie.

Die letzten Tage verliefen erstaunlich ruhig und Dannys Befürchtungen, dass die Geschichte mit seinem Abgang im Restaurant noch nicht gegessen war, schienen sich langsam in Rauch aufzulösen. Es lief gut zwischen ihm und Rose und Sam und sie konnten die Zeit tatsächlich noch genießen. Am letzten Abend ihrer Ferien saßen sie noch lange auf dem Balkon des Hotelzimmers und gönnten sich zu zweit eine Flasche Rotwein, während Sam schon lange schlief. Später genoss es Danny, seiner Frau beim Schlafen zuzusehen, bevor er selbst mit einer Glückseligkeit einschlief, die er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Ja, er war glücklich, nur hatte er es vergessen. Das wollte er nie mehr zulassen.

Am nächsten Morgen wurde Danny von Zärtlichkeiten seiner Frau geweckt, die sie ihm schon lange nicht mehr geschenkt hatte. Er spürte ihre Hände unter seiner Bettdecke und genoss es, so aus dem Schlaf geholt zu werden. Sie setzte sich auf ihn. „Ein einfaches Guten Morgen hätte auch genügt, aber das ist auch nicht schlecht“, flüsterte er.

„Das ist die beste Art aufzuwachen,“ wisperte eine Stimme zurück, die nicht die von Rose war. Er schreckte hoch und riss die Augen weit auf. Es war Oksana, die auf ihm saß, in einem Bett, das nicht seines war. Wie konnte das sein? Wie war Danny hier gelandet? Im Bett der Sorokins, in deren Zimmer, mit der falschen Frau? Oksana war nur mit dem Hemd bekleidet, das er selbst am Abend vorher noch getragen und neben seinem Bett auf den Stuhl geworfen hatte.

„Oh Scheiße, was mache ich hier?? Wie bin ich hierhergekommen?“ Er warf Oksana von sich runter und zog sich seine Hose an. „Herrgott nochmal, was soll das? Wo sind mein Sohn und meine Frau?“ Oksana lachte und meinte trocken: „Jetzt können wir es auch beenden, wir waren ja schon mittendrin.“

„Ich. Will. Nicht. Sie. Ich will meine Frau. Wo ist sie?“ schrie er nun.

„Da hatte ich vor ein paar Tagen aber noch einen ganz anderen Eindruck. Außerdem würde ich dir raten, nicht zu viel Aufsehen zu erregen,“ sprach Oksana ruhig und mit einwandfreiem Englisch, wie Danny nun auffiel. Oksana war keine Russin.

„Wer sind Sie? Und was wollen Sie und ihr Mann von mir? Haben sie diese reiche Russen- Nummer nur gespielt?“

„Mein Mann Nikolaj ist sehr wohl Russe, ich nicht wirklich, aber das tut auch nichts zur Sache. Ich bin ab heute deine Frau, und Ivan dein Sohn. Nikolaj ist mit deiner Familie abgereist. Schon vorhin, vor Sonnenaufgang.“

„Was… was heißt, sie sind abgereist? Wo ist er hin…?“

„Du erinnerst dich an den Deal, den du nicht eingehen wolltest? Die 250.000 kriegst du wohl nicht mehr. Wenn du Glück hast, kriegst du Rose und Sam zurück. Und ab diesem Moment bist du Nikolaj Sorokin und wir sind deine Familie. Keine Fragen, kein Auffallen, kein Hilfe holen. Dir wird sowieso keiner glauben, dafür hat mein Mann… Danny hat dafür gesorgt.“

Danny schossen die Tränen in die Augen, vor Wut, vor Verzweiflung, vor Angst um seine Familie. Er stürmte auf Oksana zu und packte sie grob am Hals.

„Miststück, wo ist meine Familie? Rede!!!“

Oksana, die Mühe hatte zu sprechen, keuchte hervor: „Er… er wird sie umbringen, wenn du nicht nach Plan handelst.“

Sofort ließ Danny von ihr ab. „Keine Fragen ab diesem Augenblick“ erklärte sie weiter und rieb sich ihren Hals. „Hast du mich verstanden? Schauspielere so gut du kannst, je besser du deine Rolle als Nikolaj spielst, desto größer stehen die Chancen, deine richtige Familie lebend wieder zu sehen. Und bis dahin…“ Oksana gab ihm einen Kuss auf die Wange, als wäre es das Normalste auf der Welt, wandte sich ab, zog sich ein Kleid an und fing an, die Koffer zu packen.

„Dein Koffer ist so gut wie fertig, Schatz. Nur dein Badeetui fehlt noch, bringst du es mir bitte?“

Danny setzte sich aufs Bett und vergrub sein Gesicht in seine Hände. Das war ein Alptraum, ein schlechter Witz. Wie war er nur da reingeraten? Warum er? Warum seine Familie? Ivan kam ins Schlafzimmer und brachte seinem „Vater“ das Modellauto, das er einige Tage zuvor bekommen hatte. „Kannst du es mir reparieren, Papa? Der Reifen ist abgegangen.“

Ungläubig starrte Danny den Jungen an. Was haben Sie dem Kleinen erzählt, dass er das Ganze derart mitspielte? War es überhaupt ihr richtiger Sohn? Er wollte fragen, traute sich aber nicht. Wahrscheinlich wurde er beobachtet von Kameras oder er wurde verwanzt. Oder Oksana war die, die auf ihn aufpassen sollte. Die, die Situation unter Kontrolle halten sollte. Auf jeden Fall musste er irgendwie beobachtet werden, damit  Nikolaj sichergehen konnte, dass Danny den Zirkus auch wirklich mitspielte. Keine Fragen mehr. Er wird sie umbringen

Danny schluckte seinen Zorn und seine Tränen hinunter, atmete tief durch und versicherte dem Kleinen:

„Das bekommen wir schon wieder hin, Ivan. Komm her, gib mir dein Auto.“ Es dauerte nur zwei Minuten, bis der Reifen wieder am Wagen war. „Super, danke Papa!“ rief der Junge fröhlich und drückte ihn. Sollte Danny ihn doch fragen?

Er sah zu Oksana, die ihrem Sohn den Rucksack brachte. Allem Anschein nach bemerkte sie seine Unsicherheit und sein Vorhaben, fixierte ihn mit festem Blick und hielt den Zeigefinger vor ihre vollen, roten Lippen.

Keine Fragen mehr.

Fortsetzung folgt…

Das andere Leben (Teil 1)

Der Urlaub an der französischen Còte d´Azur war für Danny eigentlich zu teuer. Mit Müh und Not hatte er das Geld dafür zusammengekratzt, um seiner Frau Rose und seinem fünfjährigen Sohn Sam zumindest eine Woche im Paradies zu gönnen. Wenn Danny ganz ehrlich war, wäre er gar nicht erst hier, hätte gar nicht erst Urlaub genommen und säße stattdessen in seinem Büro um die Akten abzuarbeiten, die sich auf seinem Schreibtisch sicherlich schon gesammelt hatten. Seit zwei Tagen waren die Westwoods erst hier und schon jetzt hatte Danny keine große Lust mehr drauf. Er war nicht der Urlaubstyp und das tatenlose Rumliegen in der prallen Sonne war nicht seines.

Am Abend des zweiten Tages saßen die Westwoods im Restaurant, als am Nebentisch ein großgewachsener, kräftiger Mann mit seiner Familie Platz nahm. Danny schätzte, dass er in etwa fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt sein mochte. Er trug ein hellrosanes Hemd, dessen Kragen nach oben stand, eine riesige Rolex an seinem Arm und sprach mit seiner Frau auf Russisch. Diese war unglaublich schön: Jung, groß, schlank und ein Gesicht wie eine Porzellanpuppe. Die konnte doch nicht älter als sechs- oder siebenundzwanzig sein, dachte Danny und ertappte sich dabei wie er sie anstarrte. Ein enges rotes Kleid ließ erahnen, welch ein astreiner Körper sich darunter verbarg und ihre langen, dunkelblonden Haare saßen perfekt, ihr glänzender Lippenstift war fein säuberlich aufgetragen.

„Na“ unterbrach Rose sein Gaffen, „können wir jetzt bestellen oder brauchst du noch ein bisschen, um der Frau ein Loch in den Bauch zu starren?“

„Ich habe doch nur geschaut, wer unsere neuen Tischnachbarn sind“, antwortete Danny schnell.

„Ja klar, wenn ich auch mal so angeschaut werden würde von dir, dann hätten wir es zuhause auch mal wieder spannender.“

„Rose, lass gut sein!“

„Wie immer.“

Den restlichen Abend schwiegen sich die Beiden an, nur Sam schien nicht genug davon zu bekommen, von seinen neuen Freunden hier in der Hotelanlage zu schwärmen. Es ging nicht anders, aber Danny musste immer wieder zu der russischen Familie hinüberblicken. Das war doch eindeutig eine Heirat aufgrund seines Reichtums. So ein hübsches Ding hätte sich der Kerl sonst doch nie geangelt. Warum machte Rose sich nie so schick? Ja, sie war ganz hübsch anzusehen, aber seit einiger Zeit putzte sie sich nie mehr so wirklich heraus. Und deren Sohn schien sehr wohlerzogen zu sein. Hatte richtige Tischmanieren. Davon konnte sich Sam eine Scheibe abschneiden. Womit der Russe wohl sein Geld verdiente? Womit verdienten generell die reichen Russen ihr vieles Geld?

Sie schaute ihn an, die hübsche Frau. Während sie ihre Riemchensandalen zurechtrückte, blickte sie ihn direkt an, lächelte und zog mit der Hand, die eben noch am Schuh war, ihr Bein nach, bis sie sie auf dem Tisch wieder hinlegte und ihren Blick abwandte. Danny spürte, wie er von dieser kleinen Handlung sehr angetan war und hatte Mühe sich wieder auf seinen Sohn zu konzentrieren. Und Rose? Rose suchte gerade ihr Handy in der Handtasche und hatte nichts mitbekommen.

„Meine Mutter hat gesagt, sie ruft mich an und gibt mir Bescheid, wie es im Krankenhaus gelaufen ist. Es ist bald halb 10 und sie hat noch immer nichts von sich hören lassen.“ Murmelte sie vor sich hin, aber Danny war mit seinen Gedanken abwesend. Dann plagte ihn sein Gewissen und er versuchte sich auf seine Frau zu konzentrieren. Es ging ihr im Moment nicht besonders, weil ihre Mutter erkrankt war. Der Urlaub sollte sie auch davon etwas ablenken. Danny sollte sie ablenken und stattdessen schaut er irgendwelchen jungen Frauen hinterher.

„Lass uns noch am Strand spazieren gehen“ sagte er versöhnlich zu seiner Frau.

Am nächsten Tag lag Danny am Pool und las seine Zeitung, Rose wollte mit Sam in den Kinderclub. Die Sonne schien schon in diesen Morgenstunden besonders stark vom Himmel, sodass es am Strand nicht auszuhalten wäre. Während er Seite für Seite umblätterte, sah er im Augenwinkel die hübsche junge Russin mit ihrem Sohn um die Ecke kommen. Wieder konnte Danny seinen Blick nicht abwenden. Sie trug eine große, teure Sonnenbrille, einen schwarzen Bikini und hatte um die Hüfte ein schwarzes, transparentes Strandtuch gebunden. Ihre Haare trug sie zu einem hohen Rossschwanz. Sie war eindeutig ein Model, da war sich Danny sicher. Ein paar Meter dahinter tauchte auch ihr schwerreicher Ehemann auf, mit zwei Cocktails in der Hand. Die drei besetzen die Liegen direkt neben den Westwoods. Der Russe hielt seiner Frau einen Cocktail hin, woraufhin diese irgendetwas sagte.  Um nicht zu neugierig zu wirken, versuchte sich Danny auf seine Lektüre zu konzentrieren.

„Wollen sie Mojito, Kumpel?“ fragte ihn der Russe plötzlich, mit einer tiefen, aber doch laut Stimme.

Etwas überrascht antwortete Danny: „Wie bitte? Den Mojito?“

„Ja, Frau will ihn nicht, und zwei Cocktails so früh am Morgen schaffe ich nicht! Obwohl bin ich Russe!“ lachte er laut.

„Ja… ja, warum nicht. Vielen Dank.“

„Nikolaj Sorokin ist mein Name, und hier… das ist meine Frau Oksana und das mein Sohn Ivan.“

„Freut mich, freut mich sehr. Ich bin Daniel Westwood.“ Danny war etwas überrumpelt, schüttelte aber allen die Hand und lächelte freundlich. Die junge Frau sah aus der Nähe noch viel besser aus. Oksana.

„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, Nikolaj. Sie sind gestern angereist, richtig? Sie sitzen im Restaurant neben uns.“

„Jaja, gestern sind wir angekommen. Flug war zu spät, weil Privatjet konnte nicht landen, aber naja. Man glaubt, mit Geld ist alles einfacher, ist es nicht immer. Wenn Mann im Tower sagt: Nicht landen, dann dürfen auch 100 Millionen nicht landen. Aber für Rückreise passiert nicht mehr… habe schon dafür gesorgt.“

Was er genau damit meinte, wusste Danny zwar nicht, aber er wollte nicht nachhaken. „Na dann ist gut… Wie lange bleiben Sie?“

„Bis Sonntag, dann wir fliegen weiter, das ist nur Zwischenstopp.“ Mit drei Schlucken war Nikolajs Mojito leer. Oksana hatte sich fertig eingecremt, als sie aufstand und zum Pool ging. Danny kam nicht umhin, ihren makellosen Körper von oben bis unten anzusehen. Trotz seiner Sonnenbrillen schien der Russe es zu merken, denn er sagte mit lauter Stimme:

„Hübsches Ding meine Frau, nicht wahr? Jung, attraktiv und sagt nicht viel. Perfekt, nicht wahr.“ Und lachte wieder.

Danny war etwas überfordert mit der ganzen Situation, und spürte wie sein Gesicht rot wurde. Der Mojito um halb zehn morgens hatte es zudem in sich.

„Alles gut Kumpel, alles gut. Wir bestellen noch Mojito und lassen es uns gut gehen, in Ordnung?“

Als Rose mit Bobby zurückkam, saß Danny bei seinem dritten Getränk und unterhielt sich mittlerweile sehr lebhaft mit dem Russen. Sie schien über die Situation nicht besonders erfreut zu sein.

„Na da hat uns jemand aber nicht sonderlich vermisst“, sagte Rose aneckend, jedoch mit einem sehr freundlichen Lächeln. Das konnte sie gut. Danny machte sie bekannt und erstaunlicherweise war Nikolaji so charmant zu Rose, dass sie ganz ehrlich verlegen wurde von seiner höflichen Begrüßung. Danny kam es beinahe so vor, als hätte sie ihre Eifersucht Oksana gegenüber vergessen. Konnte sie im Grunde auch. Auch wenn Danny das Model attraktiv fand, so hatte Rose nichts zu befürchten. Und das wusste Rose in ihrem Inneren. So kam es, dass die beiden Familien den ganzen Tag miteinander am Pool verbrachten, um am Ende des Tages mit einer Portion Geselligkeit, Neugierde und Neid ins Zimmer zurückzukehren, um sich dort für den Abend zurecht zu machen.

„Das ist doch Wahnsinn, was manche für ein Schwein haben oder? Ich meine, wir leben nicht gerade schlecht, aber was diese Leute Geld zum Fenster rauspfeffern können, das ist doch verrückt.“

Auch Sam war ganz beeindruckt von der wohlhabenden Familie: „Mama, Ivan hat zuhause einen eigenen Spielplatz im Garten. Der gehört ihm ganz allein. Und ein Pferd. Und er ist erst sechs! Darf ich mal zu ihm spielen, Mama?“

„Nein Schätzchen, Sankt Petersburg ist definitiv eine Nummer zu groß für uns. Außerdem: Geld ist nicht alles. Wer weiß, ob die Leute auch wirklich glücklich sind mit so einem Leben“ meinte Rose, während sie sich ihren Bikini auszog und in die Dusche stieg.

„Soll das ein Witz sein, Rose? Heute sind sie noch hier in Frankreich, und nächste Woche in Miami Beach. Der Kerl besitzt einen Rolls Royce, `nen Privatjet, eine Yacht, eine Privatvilla am Bodensee, eine Modelfrau und eine fette Rolex am Arm. Und muss dafür anscheinend nicht mal sonderlich viel arbeiten. Nikolaj hat definitiv alles, was man sich so wünscht.“

Einige Minuten war bis auf das Plätschern in der Dusche nichts zu hören. Nach einer Weile machte Rose das Wasser aus und kam mit einem weißen Handtuch bedeckt heraus.

„Ok Danny… Und was hast du?“ Rose war von seiner Aussage definitiv gekränkt.

„Mein Gott, Schatz, du weißt doch genau wie ich das meine…“

„Ja klar. Wir sind heute in Frankreich, das wir uns gerade so leisten können, und nächste Woche schon wieder zu Hause in unserem Alltag. Du besitzt einen Kleinwagen und mietest eine Dreizimmerwohnung in der wohl unspektakulärsten Stadt Englands. Du hast eine alte Armbanduhr, die du von deinem Vater vererbt hast und die du grottenhässlich findest. Und… du hast bloß mich. Hoffentlich freust du dich zumindest über deinen Sohn.“

Bevor Danny irgendetwas erwidern konnte, war Rose aus dem Bad gestürmt. Er konnte sehen, dass sie Tränen in den Augen hatte. Es lief nicht besonders gut zwischen den Zweien, schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Danny wusste nicht, woran es lag und Rose wusste es auch nicht. Aber diese strohdumme Aussage von gerade eben, hat ihre Situation definitiv nicht verbessert.

Um den Abend halbwegs zu retten, schlug Danny die Einladung von Nikolaj aus, sich zu seiner Familie an den Tisch zu setzen. Danny wandte sich nicht einmal von Rose oder Sam ab, seine Aufmerksamkeit galt nur ihnen.

Auch am nächsten Tag mied Danny den Kontakt mit den Sorokins bewusst. Er wollte nicht noch mehr Unmut in den Urlaub bringen und wollte Rose vergessen lassen, was er von sich gegeben hatte. Er liebte sie und wollte nichts riskieren. Er sollte den Urlaub genießen, er sollte ihn mit seiner Frau und seinem Kind genießen, er sollte glücklich sein, mit dem, was er hatte. Denn das, was er hatte, war eigentlich wunderschön, nur vergaß er es ab und an. Rose schien sich auch beruhigt zu haben und so konnten sie sich wieder friedvoll miteinander unterhalten. Sogar den Kuss, den er ihr gab, erwiderte sie, als er sich kurz verabschiedete.

„Ich hole schnell Sams Sandspielzeug im Zimmer, bin gleich wieder da.“

„Ist gut.“

Danny war guter Dinge, dass die restlichen Urlaubstage noch schön wurden. Jedenfalls würde er alles dafür tun. Auf dem Weg durch die große Parkanlage hörte er Nikolaj Sorokin hinter sich rufen.

„Danny! Mein Freund! Warten Sie.“ Der Mann kam, bis er mit Danny Schritt hielt. „Alles gut? Haben wir etwas falsch gemacht?“

„Nein, nein, es ist alles in Ordnung… Sie müssen nur verstehen, meine Frau wünscht sich etwas Zeit mit mir. Alleine sozusagen, als Familie. Aber es ist nichts gegen Sie persönlich. Wir finden Sie, Oksana und Ivan wirklich sehr nett.“

„Aaaah, das ich gut verstehen. Da sind Frauen alle gleich. Aber ich schon gemerkt, dass Sie uns finden nett. Besonders Oksana, nicht wahr?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen…“

Nikolaj lachte und gab Danny einen kräftigen Klaps auf die Schulter. „Kommen Sie, haben sie Zeit, nur fünf Minuten? Ich möchte Ihnen zeigen etwas.“

„Eigentlich wollte ich nur schnell Sams Spielzeug….“
„Kommen Sie, ich halte Sie nicht lange auf.“ Nikolajs Hand lag immer noch auf Dannys Schulter und schob ihn in die Richtung eines der Luxus Bungalows. Wahrscheinlich war es seiner. „Kommen Sie rein, einen Moment!“

Danny wusste nicht, warum er in Nikolajs Zimmer gehen sollte, was er hier… Da sah er Oksana auf dem Bett liegen. Verführerisch in einem schwarzen Spitzendessous und offensichtlich auf ihn wartend.

„Was zum…“ Danny drehte sich zu Nikolaj und schaute ihn fragend an.

„Wir sind Freunde, Danny, oder? Freund macht dem anderen Freund Gefallen. Oksana ist meiner. Ich teile gerne…“

„Ich will nicht mit ihrer Frau schlafen, was denken Sie…“ Danny wurde wütend, allerdings wusste er nicht genau worüber. Dass ihm der Russe ein solches unmoralisches Angebot unterbreitete oder darüber, dass er dem Angebot irgendwie doch gerne nachgekommen wäre. Aber nein, das konnte er nicht tun. Und würde er auch nicht. Er fand Oksana mehr als anziehend, das gab er zu, aber er wollte seiner Frau auf keinen Fall wehtun.
„Ihre Frau wird es nicht erfahren, wie auch? Ich erzähle sicher nicht!“ grinste Nikolaj, als ob er Dannys Gedanken lesen konnte. Oksana stand vom Bett auf und ging auf Danny zu. Sie strich ihm sanft über den Arm und wanderte hoch an seinen Nacken, kam mit ihrem Gesicht nahe an seines. Er wich zurück. „Lassen Sie das! Was soll das hier, was wollen Sie von mir?“

„Ah Sie nicht blöd. Sie sind auch Geschäftsmann, ich auch. Oksana wäre Geschenk gewesen, aber wenn sie wissen wollen, was mein richtiges Angebot ist, dann auch gut!“ Nikolaj zuckte mit den Schultern und sagte zu Oksana auf Russisch, dass sie sich verziehen sollte. Jedenfalls ging sie aus dem Raum und ließ die Männer zurück.

„Ich habe ein Angebot. Sie tauschen Leben mit mir. Eine Zeit lang. Sie fragen nicht wieso, Sie machen einfach.“

Danny lachte auf. „Bitte was soll ich?“

„Wir tauschen Identitäten. Sie sind ich, ich bin Sie. Sie gehen mit meiner Familie, ich mit Ihrer.“

„Sie spinnen doch, warum sollte ich das tun?“

„Ich habe gesagt, keine Fragen. Sie machen einfach. Ist gut, dann können Sie mein Leben leben. Yacht, Villa, Sex mit schöner Frau, alles was Sie sich immer gewünscht haben, nicht wahr?“ Nikolaj grinste. In seinen Augen funkelte etwas auf, dass Danny zuvor nicht aufgefallen war. Der Kerl war nicht sauber. Der machte krumme Dinger und nun wollte er ihn mit hineinziehen.

„Das ist völlig verrückt, ich mache da auf keinen Fall mit!“

„Ich gebe 250.000 Euro für einen Monat Tausch! Sie können Leben leben, das sie schon immer wollten und ich behandle ihre Frau gut. Ihr Sohn wird es gut haben. Sie können mit Rose sprechen, alles wird kein Problem. Ein Monat. 250.000 und keine weiteren Fragen.“

Danny fehlten die Worte, so perplex war er.

„Nein, nein, das kann ich nicht tun, das ist unmoralisch und falsch.“

„Sie haben Moral, Danny. Sie haben Oksana abgelehnt. Aber das, dieses Angebot können Sie nicht ablehnen. Gewinnen beide, Sie und ich. Also?“

Danny gab zu, dass eine viertel Million mehr als verführerisch war, aber dieses Angebot war so fern jeglicher Realität, so unwirklich, dass er niemals darauf eingestiegen wäre.

„Wissen Sie was, Danny! Danny, mein Freund. Das zu viel alles jetzt. Sie überlegen noch. Reden mit Rose. Dann Sie entscheiden. In Ordnung?“

„Ich glaube nicht, dass ich mich um entscheide, Nikolaj. Das Ganze ist mehr als verrückt. Und ich würde jetzt wirklich gerne gehen.“

„Nur weil verrückt, muss nicht heißen, dass schlecht… Wir sehen uns heute Abend beim Essen. Und falls sie mein Geschenk doch wollen haben… Bitte immer gerne.“

Oksana kam wieder zurück ins Zimmer und erneut auf Danny zu. Das war das erste Mal, dass er sie auf Englisch reden hörte.

„Ich finde Sie sehr attraktiv, Danny, Sie haben Abenteuer verdient. Sie haben Geld verdient und sie haben Nacht mit mir verdient. Entscheiden Sie gut.“ Ihre Lippen berührten fast seine, als sie die Worte flüsterte. Danny tat sich schwer, der Versuchung zu widerstehen, und als er sich schon wegdrehen wollte, packte sie ihn am Kopf und küsste ihn heftig. Erst nach einigen Sekunden riss er sich los und stürmte aus dem Bungalow. Er fühlte sich, als ob er aus einem Traum erwachte. Eben war er noch in dem verdunkelten, prunkvollen Zimmer und fand sich in dieser völlig wahnwitzigen Situation wieder und nun stand er in der prallen Sonne mitten in der Clubanlage und Urlauber, die auf dem Weg zum Strand waren, spazierten mit Poolnudel und Sonnenhut an ihm vorbei. Schnellen Schrittes machte er sich zurück zum Strand, als ihm einfiel, dass er die Spielsachen seines Sohnes holen wollte. Erst nachdem er diese geholt hatte ging er zu seiner Familie zurück. Warum war er mit in dieses Zimmer? Warum ist er nicht sofort wieder hinaus, als er Oksana da liegen sah? Warum hatte er gezögert? Bei allem? Wieso hatte er sich dem Kuss nicht gleich entzogen?

„Alles in Ordnung mit dir?“ erkundigte sich Rose, die ihrem Mann anmerkte, dass etwas nicht stimmte. Sollte er es ihr erzählen?

„Es ist alles ok, mir macht nur die Hitze zu schaffen. Ich liebe dich, Rose.“

„Es tut mir Leid wegen der letzten Tage, ich denke, ich bin im Moment einfach überempfindlich.“ Flüsterte Rose und gab ihm einen weichen Kuss auf die Wange. „Wir kriegen das wieder hin! Ich liebe dich auch.“

Definitiv nicht würde Danny Rose erzählen, was ihm gerade widerfahren war. Es würde den Urlaub ruinieren. Es würde alles ruinieren. Einfach alles.

Fortsetzung folgt…

Adrenalin

Extremsituationen. Wart ihr schon einmal in einer solchen? Ich wünsche euch, dass eure Antwort Nein ist. Ich, Klopf auf Holz, zum Glück auch noch nie. Oft frage ich mich, wenn ich von Extremsituationen lese oder höre, wie ich wohl reagieren würde. Als Außenstehender ist es oft leicht Urteile oder potenzielle „Was wäre wenn“- Entscheidungen zu fällen, doch wie verhält man sich tatsächlich in einem alles verändernden Moment? Wir kennen alle den Unterschied zwischen richtig und falsch, aber letztendlich sind wir alle Menschen. Und Menschen machen Fehler, vor allem dann, wenn der Überlebensinstinkt, bzw. der Ich-rette-meine-eigene-Haut Impuls erwacht. Der Mann in meiner folgenden Kurzgeschichte hat einen schwerwiegenden Fehler gemacht. Und läuft vor ihm davon. Verknüpft habe ich meinen Protagonisten mit einem Mann, den meine Freundinnen und ich vor vielen vielen Jahren an der Haltestelle gesehen haben. Er hatte Blut an den Händen und wurde beinahe von einem Bus angefahren. Wer er war, woher er kam und was mit ihm geschah, weiß ich bis heute nicht. Eine perfekte Ausgangslage für mich und mein Kopfkino… 😉

Die Autos rasten mit 130 km/h und mehr an ihm vorbei, aber es störte Norman Fisher nicht. Im Gegenteil, die Schnelligkeit der Autos spornte ihn an, sein eigenes Tempo beizubehalten. Er wusste nicht, wie lange er schon unterwegs war, aber mittlerweile musste es schon nach Mitternacht sein. Jegliches Zeitgefühl war ihm abhanden gekommen. Das Adrenalin schoss seit Stunden durch seine Venen und trieb ihn voran. Nie zuvor hatte er eine solch gewaltige körperliche Leistung erbracht. Norman Fisher war nicht übergewichtig oder faul, aber besonders sportlich oder gar athletisch nicht im Geringsten. Ein normaler Kerl eben. Der nachts an einer Autobahn entlanglief mit einer Ausdauer, die er nie für möglich gehalten hatte. Aber Extremsituationen scheinen die Kräfte des eigenen Körpers bis aufs Äußerste zu treiben.

Norman Fisher lief Meter um Meter ohne zu wissen, wohin eigentlich. Aber eine jede Straße führt an ein Ziel, und das war es, wohin er wollte. Einfach irgendwohin. Er spürte, wie der Schweiß an seiner Stirn über das Gesicht hinunterrann, er konnte das Salz auf seinen ansonsten ausgetrockneten Lippen schmecken. Sein schwarzes T- Shirt war vollkommen durchgeschwitzt und seine patschnassen Locken klebten an Haupt und Gesicht. Es war Nacht, aber die Temperaturen schienen seit Sonnenuntergang kaum gefallen zu sein. Ihm war heiß und sein unter Strom arbeitender Organismus verlangte nach Wasser. Doch er nahm es nicht wahr.

Lauf, Norman, lauf! Hatte seine innere Stimme in ihm geschrien. Lauf weg! Also rannte er los und drehte sich nicht mehr um. Die Dunkelheit und die Unwissenheit darüber, wo genau er sich im Moment befand, waren im egal. Er hielt sich an die Leitplanken der Autobahn und folgte dieser, wohin sie auch führen mochte. Was sich links von ihm befand, konnte Norman Fisher nicht ausmachen. Es mussten Felder sein oder unberührte Wiesen, jedenfalls konnte er nirgendwo Lichter erkennen oder Geräusche vernehmen, die auf eine Stadt oder zumindest auf irgendwelche Leute, die zufällig in der gleichen Gegend waren, schließen ließen. Nur das rauschende Vorbeiziehen der Autos und LKWs.

Es verging erneut eine gewisse Zeit – waren es wieder Stunden? Norman Fisher kam es so vor, da verlangsamte er seinen Schritt. Er verstand zunächst nicht, was ihn bremste, erst als er auf einer Stelle stehen blieb, merkte er, wie Übelkeit in ihm aufkeimte. Die Anspannung, das Durcheinander in seinem Kopf und seinem Körper, die Gefühle darüber, was wenige Stunden zuvor geschehen war, sein Kreislauf, der sich nun endlich doch bemerkbar machte, all das ließ ihn schwer atmen. Adrenalin adieu. Er konnte nicht mehr. Norman Fisher setzte sich ins Gras, lehnte seinen Kopf an die Leitplanke hinter ihm. Mit Mühe versuchte er seine Atmung gleichmäßig werden zu lassen. Er schloss seine Augen für einen Moment, doch das grauenhafte Bild, das kurz in ihm aufblitzte, ließ ihn hochfahren. Er sah den kleinen Arm mit dem rosa Armreif, der aus dem hinteren Fenster des grauen PKWs hing, regungslos. „Verfluchte Scheiße!“ schrie er und erhob sich wieder. Die Übelkeit dankte es ihm, indem sie Norman Fisher ordentlich zum Kotzen brachte. Erstaunlicherweise ging es ihm anschließend besser. Das Gefühl wieder regelmäßig zu atmen kam zurück und er ging weiter, dieses Mal langsamen Schrittes.

Die Sonne ging auf. War er eben doch länger weggenickt? Er war nicht mehr Herr seiner Sinne, seine Fußsohlen brannten, ihm war elendig heiß und schwindelig zumute. Er war durstig. So durstig. Jetzt spürte er auch, dass er am Kopf verletzt war und geblutet hatte. Aber das Schlimmste war, dass die Bilder der vergangenen Nacht zurückkamen. Eines nach dem anderen. Der zarte Kinderarm mit dem rosa Armreif. Das Kuscheltier auf dem Asphalt, es war ein Schäfchen, Norman Fisher war sich da ganz sicher. Der Anblick hatte sich eingebrannt. Denn neben dem Schäfchen lag der Oberkörper der Frau, die den Wagen gefahren hatte. Ihre Beine waren im oder unter dem Wagen. Als er zu ihr hingegangen war, um zu sehen, ob sie noch atmet, war er in der Blutlache ausgerutscht, die sich um den Körper der jungen Frau gebildet hatte. Er hatte das Blut im Dunkeln nicht gesehen und war hineingefallen. Er hatte gespürt, dass es warm war und hatte gesehen, dass sich der Plüsch des Schafes sich schon rot gefärbt hatte. Er war ausgerutscht und hatte dann er den kleinen Arm im Fenster der Rückbank gesehen und er spürte das warme Blut auf seinen Armen und seinen Händen und dann hatte die Stimme in ihm geschrien: „Lauf, Norman, lauf! Lauf weg!“ Und er hatte sich entfernt von dem grauen PKW, der sich beim heftigen Zusammenprall überschlagen hatte und auf der Seite liegen geblieben war und war fortgerannt. Er hatte sein Auto gelassen wo es war, sein kaputtes Auto und das andere kaputte Auto und die kaputten Leute und war von der einsamen Landstraße hinuntergelaufen, in den Wald hinein und war irgendwo auf der anderen Seite wieder herausgekommen. Er hatte in der Nähe den Autobahnverkehr vernommen und war in eben diese Richtung gelaufen.

Warum war er weggelaufen? Was, wenn das Mädchen noch gelebt hatte? Um Gottes Willen, was hatte er nur getan? Warum hatte er nicht einmal kurz hineingeschaut zu dem armen Kind, nicht nur eine Sekunde? Er war feige gewesen und war wegelaufen. Die Tränen brannten in seinen Augen. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte er nur wegnicken? Es waren zwei oder drei Sekunden, dann war sein Auto auf die andere Straßenseite geraten. Norman Fisher war schuld an dem Unfall und an den Tod dieser Frau. Und vermutlich auch dem des Mädchens. Wenn es kurz nach dem Unglück nicht tot gewesen war, jetzt war es das mit Sicherheit. Oder vielleicht konnte sich die Kleine aus dem Wagen befreien. Und dann? Dann sah sie ihre tote Mutter neben dem rot gefärbten Schaf und was dann? Lief sie auch in den Wald? Blieb sie dort? Kam ihr jemand zu Hilfe? Das war das einzige Szenario, das Norman Fisher sich vorstellen wollte. Dass jemand kam und sie rettete. Er hatte seine Chance um zu helfen vertan. Er war ein jämmerlicher, ein ganz abscheulicher, hundserbärmlicher Feigling. Jeden Schmerz, jedes furchtbare Gefühl, das er gerade verspürte, verdiente er aus tiefstem Herzen. Und noch mehr. Noch viel mehr.

Norman Fisher war ansonsten kein schlechter Mensch. Aber das, was er heute Nacht getan hatte, das war unverzeihlich. Es war schon schlimm genug, dass er völlig überarbeitet und erschöpft sich doch noch entschieden hatte in sein Auto zu steigen- immerhin hätte er eine weitere Nacht in dem Motel bleiben können. Aber er wollte sich das Geld sparen, weil er momentan knapp bei Kasse war. Aber dann den Unfallort einfach so zu verlassen…was hatte ihn da nur geritten?

Norman Fisher war so in Gedanken versunken, dass er den Lastwagen und den Fernfahrer in der Rettungsinsel gar nicht bemerkte, an der er gerade vorbeiging.

„Hey Mann, brauchst du Hilfe?“ rief dieser mit rauer Stimme. Der Fernfahrer lehnte an seinem Truck und vertilgte gerade ein Brot. Norman Fisher war vollkommen perplex, wusste nicht, was er dem Fremden antworten oder anvertrauen sollte. Was der sich wohl denkt? Ich sehe aus, als hätte ich jemanden umgebracht. Habe ich ja auch, dachte er.

„Du siehst so aus, als brauchst du eine Mitfahrgelegenheit.“ Er sah Norman Fisher von oben bis unten an, erwähnte aber nicht das viele Blut oder dessen verwirrtes Auftreten. „Scheiße gebaut, was? Haben wir doch alle mal. Steig ein, wenn du willst, ich fahre dich in die nächste Stadt! Du musst glaub ich in ein Krankenhaus.“ Also stieg Norman Fisher zu dem Fernfahrer in den LKW.

„Warte, lass mich ne Decke unterlegen, du saust mir noch alles voll. So, jetzt.“

Warum half ihm dieser Kerl? Er hatte doch gemerkt, dass Norman Fisher ganz offensichtlich in Schwierigkeiten war. Wahrscheinlich war der Typ selbst nicht ganz bei Trost, aber das war ihm in diesem Moment egal. Er brachte ihn in die nächste Stadt und stellte keine lästigen Fragen. Und so saßen die zwei Männer in dem LKW, schweigend, und blickten nach vorne auf die Straße.

Hätte Norman Fisher umkehren sollen an den Unglücksort? Wahrscheinlich, aber jetzt war es ohnehin zu spät. Er hatte einen Unfall verursacht, Menschenleben auf dem Gewissen und Fahrerflucht begangen. Noch tiefer in die Scheiße konnte er nur noch kommen, wenn die Polizei ihn finden würde. Früher oder später würde es sowieso passieren. Brachte es etwas, irgendwo unterzutauchen? Wie machte man das, „untertauchen“? Man sieht haufenweise Filme im Fernsehen, in denen Leute untertauchen… Machte man das im realen Leben genauso? Vermutlich funktionierte das in echt gar nicht. Sie würden ihn finden und er würde ins Gefängnis müssen. Und viel Geld bezahlen. Geld, das er gar nicht besaß. Vielleicht war das Beste, wenn er sich stellte. Vermutlich würde seine Strafe dann zumindest etwas gemindert werden.

Der Lastwagen hielt an einem größeren, belebten Parkplatz mitten einer kleinen Stadt. Norman Fisher war so in seinen Gedanken versunken, dass er nicht registriert hatte, endlich irgendwo angekommen zu sein.

„Wir sind da, Kumpel. Hier sind 30 Dollar, nimm sie. Mehr Bares habe ich nicht dabei.“

„Aber… Warum helfen Sie mir?“ Das war das erste Mal, dass Norman Fisher mit dem Fernfahrer redete.

„Wie gesagt, wir bauen alle mal Mist. Aber du wirst ganz offensichtlich von deinem Gewissen geplagt, also scheinst du mir ein guter Kerl zu sein. Glaub mir, ich kenne viele, die würden nicht einen Cent von mir bekommen. Und jetzt raus hier, bevor ich es mir anders überlege!“

„Danke!“

Norman Fisher stand noch eine Weile auf dem Parkplatz und schaute dem davonfahrenden Truck hinterher. „Sie scheinen mir ein guter Kerl zu sein“… ein guter Kerl… Der nicht nur Mist, sondern riesengroßen Mist gebaut hatte! Er hatte eine falsche Entscheidung nach der anderen gefällt. Vielleicht war es an der Zeit, die richtige zu treffen.

Er überquerte den Parkplatz und sah dabei nicht den heranfahrenden Bus. Laut hupend blieb dieser so knapp vor ihm stehen, dass Norman Fisher sich mit seinen Händen am Kühler abstoßte. Sein Herz pochte rasend schnell. Mit dieser Aktion hatte er die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen, er sah wie die Leute ihn anstarrten und über ihn redeten. Eine Gruppe junger Mädchen an der Bushaltestelle war sichtlich erschrocken. Kein Wunder, wie musste die Situation auf Außenstehende wirken! Ein völlig aufgelöster, verwirrter Kerl, mit Blut an seinen Händen und seinen Armen, der fast von einem Bus niedergefahren wurde… Er musste wie ein vollkommener Verrückter aussehen… Norman Fisher entfernte sich vom Bus und verschwand in eine Seitengasse. Lauf, Norman. Lauf!

Keine Turbulenzen

Manche Medienberichte- ungeachtet ihres Wahrheitsgehaltes- beeindrucken einen Leser bzw. Zuschauer stärker als andere. Woran das genau liegt hängt wahrscheinlich von persönlichen Interessen, Erfahrungen und auch Ängsten zusammen. Eine Story, die mich in den letzten Jahren zum Grübeln gebracht hat, war das Verschwinden der Boeing 777 in Asien. Warum genau diese Geschichte? Weil ich nicht daran glaube, dass ein Flugzeug in der heutigen Zeit einfach verschwinden und es anschließend nicht mehr aufgespürt werden kann. Ein jeder Mensch auf der Welt kann ausfindig gemacht und ein jedes Handy, ein jeder Laptop, eine jede Blackbox kann geortet werden. Wie kann also ein ganzes Flugzeug einfach so vom Radar verschwinden?

Ich bin überzeugt, dass Medienberichte frei nach Lust und Laune und vor allem nach Willen von Regierungen zusammengebastelt werden, um zu verschleiern, zu verschönern, um die Gemüter bei Laune zu halten und die Gedanken der Menschen in die gewünschte Richtung zu lenken. Es ist zudem keine überraschende Neuigkeit, dass in unserer schönen Welt unzählige, unvorstellbare Dinge getan werden, die die Würde und den Wert eines Menschenlebens für Profit untergraben. Menschen ausbeuten, egal wofür, egal wie und egal wo- Das ist die grausame Realität und der Preis für Macht und Geld. Nur muss es nicht unbedingt jeder auf dem Silbertablett serviert bekommen.

Der Flug MH370 diente mir als Inspirationsquelle für meine neue Kurzgeschichte. Weil ich glaube, dass alles möglich ist an menschlichen Grausamkeiten. Weil es immer schon so war, heute so ist und immer so sein wird.

 

Als ich aus meinem Nickerchen erwache, höre ich, wie einer der Passagiere hinter mir seinem Sitznachbar zuflüstert, dass die Flugrichtung der Boeing schon seit mehr als zwei Stunden von der eigentlichen Route abweiche.

„Das ist doch nicht normal, finden Sie nicht auch?“ höre ich den Mann leise sagen. „Normalerweise gibt der Pilot den Passagieren doch Bescheid, wenn das der Fall ist, aus welchem Grund auch immer.“

„Hmm, weiß nicht“, gibt ein zweiter, deutlich älterer Herr zurück, „ich bin in meinem Leben erst drei Mal geflogen, aber ich denke, die werden schon wissen, was sie tun. Vielleicht umfliegen sie nur Luftlöcher oder etwas in der Art.“

Der andere grummelt etwas undeutlich vor sich hin, offensichtlich nicht zufrieden mit der Reaktion des Alten. Ich für meinen Teil runzle die Stirn, schnaufe einmal tief durch und schließe wieder meine Augen. Was sich manche für einen Kopf machen wegen eines solchen Fluges… Die Medien machen die Leute völlig verrückt mit ihren Schauergeschichten. Klar, es kann immer was passieren, aber beim Autofahren kann man schließlich auch draufgehen und das mit Abstand größerer Wahrscheinlichkeit. Ebenso kann mich nachts nach dem Weggehen irgendein Verrückter verschleppen. Manche Menschen sollten sich einfach zuhause einsperren. Aber wahrscheinlich hat der Kerl hinter mir nur zu viele Bloody Marys intus, bestellt hat er jedenfalls genug und seine Fahne reicht  fast bis nach vorne in die First Class. Oh Gott, noch fast fünfeinhalb Stunden Flugzeit… Im Sitzen zu schlafen ist der Horror, mir tut jetzt schon alles weh. Gibt’s nicht bald Abendessen? Hoffentlich nicht so was furchtbar Abscheuliches wie auf dem Hinflug nach Peking. Igitt, bloß nicht daran denken… Das klebrig süße Begrüßungssäftchen von vorhin war auch nicht grad der Hammer. Regelrecht kotzen musste ich davon. Jetzt geht’s wieder, Gott sei Dank, ich dachte zuerst schon, ich hätte mir einen Magen-Darm- Virus eingefangen. Aber mein Bauch scheint Hunger zu haben, alles ok also. Und auf die Toilette muss ich auch. Gut, ich gebe zu, meine Laune ist nicht unbedingt auf dem Höhepunkt meiner Reise. Zum Glück sitze ich am Gang, dann muss ich das Mädchen und ihre Mutter, die neben mir sitzen, nicht beim UNO spielen stören. Als ich aufstehe merke ich, wie sich meine Gelenke und Muskeln bei mir bedanken. Aus der Tasche im Handgepäckfach krame ich mein Schminktäschchen, als der dicke Bloody Mary- Typ, der ein schwarzes ACDC- Shirt trägt und seine langen Haare zu einem tiefen Pferdeschwanz gebunden hat, eine Stewardess zu sich winkt. „Can you tell me, why the airplane goes this way and not the other? What`s going on? Why doesn`t say the pilot something about this change?” fragt er mit grottenschlechtem Englisch. Red doch einfach auf Deutsch, das  verstehen die genauso gut, denk ich. Schmunzelnd schaue ich mir die Reaktion der Stewardess an, deren Gesichtsausdruck irgendwie gefasst, aber freundlich lächelnd wie immer ist und dem Mann erwidert, dass sie sofort nachfragen werde. Als sie sich von ihm weg- und zu mir hindreht, spüre ich ein seltsames Unbehagen, als sie so direkt vor mir steht und mir ins Gesicht blickt. Ich weiß nicht, warum, ab er ich stelle mich blöd und frage: „Toiletten gibt es vorne und hinten oder? Gibt es irgendwo weniger Andrang? Ich muss wirklich ganz dringend!“ Ich lache vermeintlich beschämt und sie beantwortet mir höflich meine Frage, bevor sie sich an mir vorbeidrängt und schnellen Schrittes nach vorne Richtung Cockpit und First Class geht. Hmm, das war ja wirklich komisch. Aber naja. Nach dem Toilettengang wasche ich meine Hände und mein Gesicht, ziehe meinen Eyeliner nach und lege ein bisschen Puder auf, um mich zumindest äußerlich nicht mehr ganz so erschöpft und ausgekotzt zu fühlen. Meinen Zopf neu zu binden habe ich keine Lust. Wenige Minuten später bin ich wieder bei meinem Sitzplatz, der Bloody-Mary Typ aber nicht mehr auf seinem. Das kommt mir kurz sonderbar vor, aber ich mache mir keine weiteren Gedanken. Er wird vielleicht auch auf die Toilette sein. Wo denn sonst? Also ich brauche jetzt erstmal ganz dringend was zum Essen, vielleicht geht es mir dann besser. Ich verstaue mein Schminktäschchen und setze mich wieder hin. Die Mutter und ihre Tochter starren aus dem Fenster, der Geschäftsreisende rechts von mir im Mittelgang blättert bereits zum x-ten Mal das Flugmagazin durch. Endlich kommen die Stewards und Stewardessen mit den Essenswagen angerollt. Meine Vorfreude wird zunichte gemacht, als ich den ersten Bissen meines vegetarischen Reises zu mir nehme. Keine Ahnung, welches Gewürz da drin ist, aber es widersteht mir äußerst. Meine Sitznachbarinnen scheinen hingegen gar nicht genug zu bekommen, sodass sie auch noch meines verputzen, als ich es ihnen anbiete. Ich knabbere an meinen Brotstäbchen, von denen ich noch einige in meiner Tasche verstaut habe. Besser als nichts. Mir fällt auf, dass der Bloody- Mary- Typ noch immer nicht von der Toilette zurückgekommen ist. Vielleicht ist er ohnmächtig geworden? Plötzlich mache ich mir Sorgen. Ich stehe erneut auf und schaue nach vorne und hinten. Seine Platznachbarn, ein lesender, älterer Herr mit dicken Augengläsern und weißem schütteren Haar und ein Teenager, der sich Stöpsel in die Ohren gesteckt hat und bei lauter Metalmusik tief und fest schläft, scheinen den dicken Mann nicht besonders zu vermissen. Vorne bei der Toilette wartet eine Frau. Nach  nur einigen Sekunden öffnet sich die Tür und eine weitere Frau kommt heraus. Die hintere Toilette wird nach ungefähr zwei Minuten frei. Heraus kommt auch hier nicht der Bloody- Mary- Typ, sondern ein junges Mädchen. Hä? Wo ist der Kerl? Irgendetwas sagt mir, dass ich mich besser nicht an die Belegschaft wenden soll. „Entschuldigen Sie“, erkundige ich mich mit gedämpfter Stimme stattdessen beim  älteren Herr mit der Brille. „Wissen Sie zufällig, wo ihr Sitznachbar hin ist?“ Mit etwas verwirrtem Blick entgegnet mir dieser: „Jaja, er wollte nach vorne etwas fragen, den Piloten wollte er etwas fragen. Jaja!“ Der Mann schien mir etwas durcheinander. Zerstreut  irgendwie. Vorhin hatte er dem Bloody- Mary- Typen noch eine ganz klare Antwort gegeben. Jetzt hingegen… „Kann ich Ihnen helfen, Miss?“ die Stewardess von vorhin stand plötzlich hinter mir und sammelte die Reste des Abendessens ein. „Alles in Ordnung. Ich wollte nur…“ „Sie sollten sich jetzt setzen, Miss, wir geraten gleich in ein paar Gewitterwolken, dann kann es ein bisschen wackelig werden“, unterbricht mich die junge Dame lächelnd. Nette, einstudierte Worte, aber ein recht zickiger Ton für eine Flugbegleiterin. Leise grummle ich ein „Alles klar“ und setze mich wieder hin. Nach etwa zehn Minuten ist der Bloody-Mary Kerl noch immer nicht zurück. Irgendetwas ist hier merkwürdig, und nicht nur deshalb. Etwas ist an diesem Flug anders, aber ich komme einfach nicht drauf, was. Eine weitere Viertelstunde vergeht. Wo sind denn diese Gewitterwolken, von dem diese blöde Kuh vorhin gesprochen hat? Alles was ich von meinen Blickwinkel und vom Fenster aus erkennen kann, ist ein dämmernder, aber keineswegs ein sonderlich bewölkter Himmel. Hat sie mich angelogen? Damit ich mich setze und Ruhe gebe? Ruhe. Das ist das Stichwort. Es ist außergewöhnlich ruhig hier im Flugzeug. Die Frau und das Mädchen neben mir sind fast gleichzeitig eingeschlafen. Die Leute vor mir scheinen ebenso sehr tiefenentspannt zu sein und der Typ rechts von mir hat die Zeitung auch endlich weggelegt und scheint nur noch nach vorne zu starren. Es unterhält sich auch keiner. Nicht mal die junge Reisegruppe ein paar Sitzreihen weiter vorne, die vorhin beim Einsteigen noch ziemlich Krawall gemacht haben. Keiner liest oder hört Musik oder macht sonst was, zumindest nicht die, die ich von hier aus sehen kann. Ich lehne mich unauffällig ein wenig Richtung Gang. Weiter vorne dasselbe Bild: Alles untätige oder schlafende Menschen. Der Blick auf die Uhr verrät mir, dass es gerade mal kurz vor acht Uhr ist. Hier können doch unmöglich um diese frühe Abendstunde alle Passagiere so müde sein. Um die 220 Menschen sind glaub ich an Bord. Das ist doch merkwürdig. Und wo verdammt noch Mal ist der Bloody-Mary Typ?

Nach einigen Minuten kommen auf beiden Flugzeugseiten zeitgleich jeweils zwei Flugbegleiter von vorne aus der ersten Klasse. Sie gehen langsam durch den Flur und schauen sich in Ruhe alle Reisegäste an. Was machen die da nur? Mein Magen verklumpt sich und instinktiv stelle ich mich schlafend. Ich weiß nicht genau, warum ich das tue, aber dieser Flug ist definitiv nicht so, wie er sein sollte und diese Leute sind alles andere als normale Flugangestellte. Ich höre das dumpfe, monotone Surren des Fliegers und die Schritte der Stewards und Stewardessen. Ansonsten völlige Stille. Dann sind sie neben mir, ich kann ihre Körperwärme spüren und rieche das viel zu aufdringliche Parfum. Ich glaube zu spüren, dass sie neben mir länger verharren. Mein Herz klopft schneller, und ich fürchte aufzufliegen. Bemerken sie, dass ich nicht wirklich schlafe? Sie gehen weiter und ich kann mich zumindest etwas beruhigen. Dennoch traue ich mich nicht, die Augen wieder aufzumachen oder mich zu bewegen. Es ist beklemmend still. Ich versuche, Geräusche zu erfassen, die mir Auskunft geben von der Situation, von der ich selber nicht so genau weiß, welche es ist. Alles was ich weiß, ist, dass die Atmosphäre in der Maschine innerhalb einer Stunde umgeschlagen hat und zu einer Falle geworden ist für alle, die ein teures Ticket nach Hause bezahlt haben.

„Everyone is sleeping!“ sagt plötzlich einer der männlichen „Flugbegleiter“.

Eilige Schritte, unverständliche Worte, leises Lachen. Ich merke, wie sie wieder an mir vorbeigehen, nach vorne. Ich wage es, meine Augenlider ein wenig zu öffnen. Sie sind hinter dem Vorhang zur First Class verschwunden, auf der Heckseite, so scheint es mir, ist niemand mehr. Mir fallen die Worte des Bloody Mary- Kerls ein. Einen kurzen Moment zögere ich, dann betätige ich den Bordcomputer vor mir und tippe auf die Funktion „Fluginformationen“.  Der Kerl hatte Recht, die Route weicht vollkommen von unserem Zielort ab. Nicht Europa wird angepeilt, nein, wir befinden uns mitten über dem Indischen Ozean und eine kleine Inselgruppe, auf der Karte ohne Namen betitelt, wird angeflogen. Abwechselnd rast mein Blick zwischen dem Monitor und dem Vorhang zur ersten Klasse hin und her. Wohin bringt uns dieses Flugzeug? Schnell mache ich den Bildschirm aus und hoffe inständig, dass niemand etwas gemerkt hat. Es ist noch immer ruhig. Meine Sitznachbarn sind wie alle hier drin vollkommen weggetreten. Der Kopf der Frau neben mir lehnt seitlich am Kopfteil des Sitzes. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich gleichmäßig, sie schläft also tatsächlich nur. Oder ist bewusstlos. Sanft rüttle ich ihre Hand. Nichts. Ich zwicke sie in die Haut. Keine Reaktion. Warum sind alle weggetreten? Und warum ich nicht? Der Saft. Das Abendessen. Das eine habe ich nicht drin behalten und das andere habe ich erst gar nicht zu mir genommen. Und da die Frau und das Mädchen meine Sachen verputzt haben, haben die „Flugbegleiter“, es gar nicht bemerkt, dass ich darauf verzichtet habe. Sie wissen also definitiv nicht, dass ich noch wach bin. Ist das mein Vorteil oder mein Nachteil? Und in Bezug auf was? Ich habe nicht die geringste Ahnung, was hier los ist. Ok, Ruhe bewahren! Was weiß ich? Das Flugzeug steuert eine unbekannte Insel an. Alle Passagiere bis auf mich sind durch irgendetwas im Essen außer Gefecht gesetzt worden. Der Bloody Mary- Kerl, der den Braten offensichtlich gerochen hat, ist plötzlich verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Die gesamte Besatzung scheint zusammenzuarbeiten. Mein Blick konzentriert sich auf den Vorhang und mein Gehör auf das, was dahinter geschieht. Aber ich vernehme gar nichts.

Mein Handy! Langsam und möglichst geräuschlos öffne ich den Reißverschluss meiner Handtasche, die ich vor mir auf dem Boden liegen habe, mein Blick immer noch fest nach vorne gerichtet. Ich bekomme es zu fassen, als ich Stimmen und Schritte vernehme. Ich lehne mich wieder zurück, verschließe meine Augen und schiebe das Mobiltelefon unauffällig in den linken Ärmel meines Pullis. Sie kommen zurück. Ich höre das Rollen des Speisewagens. Wozu dieser? Einen kurzen Moment blinzle ich und beobachte, wie eine Frau Spritzen in die Arme der Passagiere sticht, einer der Männer bereitet die nächsten Injektionen auf dem Wagen vor, der andere notiert etwas auf einem Block. Was zur Hölle… WAS IN ALLER WELT GEHT HIER VOR SICH? Was mache ich nur? Wenn ich mich bemerkbar mache, was haben sie dann mit mir vor? Und was passiert mit mir, wenn ich die Spritze über mich ergehen lasse? Noch sind sie in den vorderen Reihen, es dauert seine Zeit, jedem eine Injektion in den Körper zu jagen. Innerlich schreiend und zitternd hole ich das Handy hervor und beginne eine SMS zu schreiben. Nichts an meinen Körper darf sich bewegen, und es ist schwierig ,nur ab und zu zu blinzeln. „Fliegr enftührt, Insel Ind Meer, Hilfe“ schreibe ich so gut es eben geht. Senden an… Daniel. Meinem Bruder. Den klügsten Menschen, den ich kenne. Er wird wissen, was zu tun ist. Wenn ihn die Mitteilung erreicht. Das zu kontrollieren, dafür fehlt mir die Zeit, denn sie sind wenige Reihen vor mir. Das Handy lasse ich völlig geräuschlos in meinen Schoß fallen.

Dann bin ich an der Reihe. Ich spüre wie sie mir meinen Ärmel hochschieben, ihn nach einer kräftigen Vene absuchen und die Spritze ansetzen. In meinem Inneren breiten sich Angst und Unwissenheit aus, wie das Zeug sich ausbreitet, das sie mir in die Blutbahn jagen. Ich habe Mühe, meine Tränen und mein Zittern zurückzuhalten, als sich die Frau über mich beugt und bei meinen Sitznachbarinnen dieselbe Prozedur vornimmt. Erst als sie weiter nach hinten gehen, fließt mir dann doch eine Träne aus dem Augenwinkel. Was passiert jetzt mit mir? Ich kann nur hoffen, dass sich die Wirkung dieser Injektion, egal, welche es sein mag, in Grenzen hält. Immerhin fehlen bei mir ja die ersten beiden Mittel, vielleicht wirkt dieses nur gering. Welche Chancen habe ich? Werde ich sterben? Noch nie im Leben hatte ich solche Angst. Noch nie zuvor habe ich mich mehr nach Hause gewünscht, als in diesen Moment. Ich will zuhause auf dem Sofa liegen und mir eine langweilige Doku ansehen, die Marc so sehr liebt. Mich an ihn schmiegen. An nichts denken. Einschlafen und im Morgengrauen aufwachen und mit dem Hund spazieren gehen. Wie ich die kleine Töle auf meiner Chinareise vermisst habe… Und meiner Mutter habe ich versprochen, mit ihr ein Brautkleid kaufen zu gehen für ihre zweite Hochzeit… Sie wollte das schon vor meinen Ferien erledigen, aber ich hatte so sehr meine Reise im Kopf, dass ich sie andauernd vertröstet habe. Und jetzt? Ich werde nicht mehr heim kommen, soviel ist mir klar. Ich wünschte, ich hätte mein Versprechen schon vorher eingehalten. Nun wird es nicht mehr dazu kommen. Plötzlich hoffe ich, dass mit dem Flugzeug irgendetwas passiert, dass es abstürzt, dass es einfach nur schnell vorbei ist. Weil ich ahne, dass der Tod nicht das Schlimmste sein wird, was uns hier passieren wird. Aber das Flugzeug scheint im Landeanflug zu sein. Auf einmal merke ich, wie sich eine Schwere in mir ausbreitet, mein Körper fühlt sich bleiern an. Meine Schläfen pochen. Aber meine Gedanken von eben sind fort. Eigentlich ist es ganz egal, was jetzt kommen mag. Eigentlich möchte ich nur schlafen. Und ich schlafe.

Die anderen Passagiere und ich stehen auf dem Flur der Boeing und warten. Keiner redet. Alle schauen nach vorne. Die Türen öffnen sich. Die männlichen Stewards schleppen als erstes einen dicken Mann mit einem schwarzen Shirt nach draußen. Ein Blitz ist auf dem Shirt zu sehen. Er blutet aus den Ohren, scheint tot zu sein. Dann gehen alle nach der Reihe raus. Meine Tasche ist noch auf meinem Platz. Die brauche ich nicht mehr, haben sie zu mir gesagt. Heiße und feuchte Abendluft schlägt uns auf der kleinen Rollbahn entgegen. Von weitem höre ich das Meer rauschen und Palmen rascheln. Scheint schön hier zu sein. Unten warten Leute mit weißen Anzügen. Und Busse. Männer mit Waffen. Die Leute mit weißen Anzügen schauen sich alle Passagiere kurz an und hören sie mit einem Stethoskop ab. Sie weisen sie den Bussen zu. Ich komme in den ersten und bekomme wie die anderen Menschen in diesem Bus, eine weitere Spritze. Die alten Leute kommen in keinen Bus. Sie werden vor dem Flugzeug erschossen und auf einen Gepäckwagen geladen. Ich fühle nichts, als ich den Mann sehe, mit dem ich mich vorhin noch unterhalten habe. Er liegt leblos mit geöffneten Augen dort auf diesem Gepäckwagen und starrt mich an. Ich beneide ihn. Denn ich weiß, der Tod wird nicht das Schlimmste sein, was uns hier auf dieser Insel passieren wird.

Willkommen auf Long Key!

Folgende Kurzgeschichte bringt ziemliche Klischees für einen Psychohorror mit, aber was soll ich sagen? Bis zu dem Moment auf dem Parkplatz, in dem die Nacht für meine Protagonisten zur Horrornacht wird, ist die Geschichte wahr: Wir waren zu viert in den Florida Keys unterwegs, wir sind nachts nach einem Unwetter auf jenem Parkplatz gelandet und es war so herrlich unheimlich, dass wir damals schon in unserem geliehenen Mustang witzelten, in welch einer schablonenhaften Situation für Mord und Horror wir uns doch befinden. Und es wäre doch eine Verschwendung dieser erstklassigen Voraussetzungen, daraus keine kleine Geschichte zu zaubern 😉 …

„Lasst uns doch bitte endlich weiterfahren“, beschwerte sich Sandy auf dem Lederrücksitz des weinroten Mustangs.

„Aber echt Jungs, ihr könnt die Bilder doch wirklich woanders schießen, das muss nicht ausgerechnet hier sein“, pflichtete ihr ihre Freundin Victoria bei.

Die Backpacker waren nach einem Tagesausflug nach Key West auf dem Rückweg ins Hotel und nach einem Tankstopp auf einem leeren, schwach beleuchteten Parkplatz in Long Key mitten im Nirgendwo gelandet. Es war schon fast  1 Uhr nachts und die Dunkelheit hatte sich schon vor Stunden über die Keys und ihrem atemberaubenden Overseas- Highway gelegt. Die Rückfahrt hatte sich verzögert, weil Samuel, Joshua und die beiden jungen Frauen, die sich während ihrer USA- Reise in einem Hostel in Miami Beach zufällig kennenlernten, mitten in einen monsumartigen Regen geraten waren, während sie den Highway entlang gefahren waren. Mit einem Mal brachen die plötzlich auftretenden, schwarzen Wolken auf und ergossen sich über Floridas Inselchen. Joshua, der den Wagen gefahren hatte, hatte mitten auf dem Highway stehen bleiben müssen, genauso wie alle anderen Autos, denn von der Straße konnte man gar nichts mehr sehen. Nur literweise Regenwasser. Nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit dort auf dem Highway verbracht und darauf gewartet hatten, dass sich das Unwetter verzog, konnten sie irgendwann endlich wieder weiterfahren, um wenig später festzustellen, dass das Benzin bis South Beach wohl nicht mehr reichen würde. Also waren sie immerhin bis Long Key gekommen. Jedoch, so paradiesisch die Inseln am Tage auch sein mochten, so unheimlich wurde es zumindest Sandy und Victoria nachts. Und dass die zwei jungen Männer, die sich zwischenzeitlich als ziemlich selbstverliebte Machos herausgestellt hatten, nun auf diesem Parkplatz stehen geblieben waren, um Fotos von sich zu machen, „weil unter dem Laternenlicht auf dem leeren Gelände, sieht der Mustang einfach nur Hammer aus“,  machte ihre Angst nicht unbedingt kleiner. Während Samuel und Joshua auf der Motorhaube des geliehenen Wagens abwechselnd für ein Foto posierten, hockten die Frauen im Inneren des Autos und warteten genervt auf das hoffentlich baldige Ende des Fotoshootings.

„Auf was haben wir uns da nur eingelassen… Es wird höchste Zeit ins Hostel zu fahren, das andauernde Gepose der beiden hält doch kein Mensch aus. Die sind ja schlimmer wie pubertierende Mädchen: Warte, das Bild ist nicht gut, ich mach die Hand lieber unters Kinn!“ äffte Sandy die Jungs nach.

„Na der Ausflug war ja ganz ok, immerhin haben wir uns die Kosten für den Leihwagen mit ihnen teilen können, dann haben wir zumindest etwas Geld gespart… Aber ich bin jetzt auch echt müde und möchte eigentlich nur noch ins Bett… Außerdem ist es hier wirklich gruselig… Hier wartet man ja direkt darauf, dass der Kettensägen Mörder zwischen den Bäumen da vorne springt. Jungs, wie sieht`s aus?“ Victoria versuchte erneut ihr Glück, aber Simon und Joshua begutachteten konzentriert ihre Fotos auf der Kamera. „Ein bisschen dunkel, oder was meinst du?“ murmelte einer der beiden.

„Jetzt reichts aber“, herrschte Victoria sie an. „Steigt jetzt endlich in den scheiß Wagen, wir wollen los. Genug Fotos für heute!“

„Alles cool, wir sind schon fertig“, versuchte Samuel sie zu beruhigen, als er und sein Kumpel endlich einstiegen. „Also ab ins Hostel!“ Joshua wollte den Wagen starten, aber der Mustang gab nur gluckernde Stottergeräusche von sich.

„Na spitze, auch das noch… Dann geh ich eben jetzt aufs Klo und lass mir von ein paar Viechern in den Hintern beißen… Aber vielleicht besser für euch, wenn ich mal kurz aussteige, sonst reiße ich noch einem von euch den Kopf ab. Seht zu, dass ihr das hinkriegt!“ Sandy stieg wütend aus dem Auto und ging Richtung Wald, der an den verlassenen Parkplatz angrenzte. Sie hörte Joshua noch sagen: „Als ob das jetzt unsere Schuld wäre, wenn der Mustang den Geist aufgibt…“, bevor sie durchs kniehohe Gras zwischen den Bäumen verschwand.

„Ist es eine gute Idee, sie alleine aufs Klo gehen zu lassen? Ganz schön düsteres Wäldchen!“ meinte Samuel.

„Das merkt ihr jetzt? Nachdem ihr eine halbe Stunde lang hier, in dieser gottverlassenen Gegend  Fotos habt machen müssen?“

„Alles klar, wir haben`s kapiert, jetzt ist aber auch gut! Ich finde es trotzdem nicht ok, dass Sandy alleine in den Wald geht.“

„Sie ist ein großes Mädchen, das schafft sie schon“. Victoria hatte die Schnauze so was von voll. Sie war hungrig und wollte einfach nur ins Bett. Und vor allem weg von hier.

Joshua hatte indessen den Motor unter die Lupe genommen, aber ehrlich gesagt, wusste er nicht, was er damit bezwecken wollte, er hatte null Ahnung von Motoren, Zündkabeln und Kerzen. Aber irgendeine Flüssigkeit schien auszulaufen und das, das kapierte sogar er, sollte nicht so sein. Was er allerdings nicht verstehen konnte, war, wie der stämmige Kerl von der Tankstelle das hatte übersehen können, nachdem er doch alles sorgfältig kontrolliert hatte. In der Ölwanne entdeckte er einen sauberen Schnitt, daraus kam also die Flüssigkeit und das nicht zu knapp. „Was zum Teufel…“ Er konnte seinen Gedanken nicht mehr zu Ende führen, da spürte er einen kräftigen Schlag auf seinen Hinterkopf und alles um ihn wurde dunkel. Der Mann, der ihn aus dem Hinterhalt niederstreckte, kam unbemerkt und schnell. So schnell, dass ihn Samuel und Victoria zunächst gar nicht bemerkten, erst der dumpfe Schlag hinter der Motorhaube ließ die zwei hochfahren.

„Was war das? Joshua, alles in Ordnung? Samuel wollte gerade die Wagentür öffnen, da wurde sie mit einem Ruck aufgerissen, sodass Simon aus dem Auto herausfiel und vor den dreckigen Stiefeln des Mannes auf dem Kieselboden landete. Es war nur eine Sekunde oder zwei, in der Simon den Mann von unten unter Schock ansehen konnte. Er erkannte den Tankwart mit den braunen, fettigen Haaren, dem Bart und den kräftigen Armen, der schon vorhin übelst nach Zigaretten und Schweiß gestunken hatte, wieder, und in ihm kam die späte Erkenntnis, dass der Typ gar kein Tankwart war. Wer arbeitete schon so spät nachts auf einer abgeschiedenen Tankstelle auf einer ebenso abgeschiedenen Insel? Er blickte ins abscheuliche Gesicht des Mannes und das letzte, was er sah, war die grobe,  verdreckte Schuhsohle über seinem eigenem Gesicht, bevor diese mit voller Wucht mehrmals auf ihn niederging,

Victoria musste mit Entsetzen mit ansehen, wie der mächtige Kerl mit hochrotem Kopf, schnaubend und schwitzend, auf Samuel voller Inbrunst eintrat. Sein Blick war grässlich funkelnd und sie konnte hören, wie es knackste und krachte, wie Samuel zuerst lauthals aufstöhnte und dann von Tritt zu Tritt immer leiser keuchte, während sie, gelähmt vor Entsetzen und Angst noch immer auf dem Rücksitz saß und dem Grauen entgegenstarrte. Erst als der Mann von seinem Opfer abließ, erwachte Victoria aus ihrer Starre und stürzte panisch aus dem Wagen. Sie kam nicht weit, da wurde sie an den Haaren nach hinten gerissen und zu Boden geworfen. Er setzte sich auf ihren Oberkörper, sodass sein schweres Gewicht Victoria nach unten drückte und sie keine Chance mehr hatte, zu entkommen. Er fasste ihre Arme, die ihn wegdrücken wollten und brach ihr zuerst die eine, dann die andere Hand. Das war das erste Mal in diesen Minuten,  dass Victoria aufschrie. Höllische Schmerzen durchfuhren ihren Körper und sie wünschte, sie würde ohnmächtig werden, um dem Ende so zu entgehen.

„Bitte, bitte nicht!! Lassen Sie mich gehen“, wimmerte sie, doch sie war sich nicht sicher, ob sie es wirklich hörbar aussprach. Ihr war qualvoll bewusst, dass sie sterben würde und hoffte lediglich noch auf einen schnellen Tod.  Das Atmen fiel ihr unter dem Gewicht immer schwerer. Ein letztes Mal öffnete Victoria ihre Augen und sah in das Gesicht eines Mannes, der sich seiner Mordlust gerade völlig hingab. Sie erkannte einen Mann, der sich regelrecht daran erquickte, anderen auf entsetzlichste Art und Weise das Leben zu nehmen. Sie hatte ein Monster vor sich, das ihr mit kaltem Blick unentwegt in die Augen schaute und sich daran ergötzte zu beobachten, wie sein Opfer unter seinen Bedingungen starb. Victoria spürte, wie seine Pranken ihren Kopf umfassten und bereits nach dem ersten Schlag gegen den Boden das warme Blut ihren Nacken hinunterlief.

Einige Meter entfernt musste Sandy beobachten, wie ihre Freundin von dem Fremden erschlagen wurde. Er schlug ihren Kopf solange gegen den Boden, bis sie leblos dort liegen blieb. Sandy war instinktiv auf den Baum geklettert, hinter dem sie vor nicht mal zehn Minuten aufs Klo gegangen war und hoffte nun, zwischen den Blättern, Ästen und der Dunkelheit unsichtbar zu sein. Als sie zu den anderen zurückkehren wollte, sah sie, wie jemand, sie vermutete, es war Joshua, vor dem Wagen lag und ein Mann auf Samuel mit voller Wucht eintrat. Sie konnte beobachten wie Victoria  viel zu spät aus dem Auto stieg und vergeblich versucht hatte, zu fliehen. Dann erkannte sie den Tankwart von vorhin und Sandy begriff sofort ihre Lage. Der Kerl wusste, dass sie zu viert gewesen waren und würde ohne zu zögern nach ihr suchen, um auch sie umzubringen.

Nun saß sie hier, wartete und versuchte ihr Weinen so gut es ging zu unterdrücken. Am liebsten hätte sie laut geschrien, am liebsten wäre sie wieder hinuntergeklettert und davongelaufen, aber dafür war es nun zu spät. Sie hoffte, dass ihre erste Eingebung, hier hinaufzuklettern nicht ihr Todesurteil bedeuten würde. Die Tränen liefen ihr über die Wangen, aus Angst, entdeckt zu werden und weil ihre Freundin und die anderen getötet wurden. GETÖTET. Wo war sie nur gelandet? Das war wie in einem Horrorfilm… Das konnte doch nicht wirklich echt sein. Das konnte doch nicht gerade ihr passieren. Noch nie in ihrem Leben hatte sie solch eine Angst. Die Übelkeit stieg in ihr hoch und sie hatte alle Mühe, sich nicht zu übergeben. Zwischen den Ästen konnte sie erkennen, wie der Mann sich von Victoria entfernte und sich mit der Hand übers Gesicht fuhr. Er schaute sich um. Sandys Magen verknotete sich und die Angst schien aus ihren Poren regelrecht hinauszuschießen. Bloß nicht bewegen…  Schluck deine Tränen… Für einen Moment schloss sie ihre Augen, um dann tief durchzuatmen und ihren Gedanken und Gefühlen auf eine ruhige Schiene zu bringen. Nur nicht durchdrehen, er wird dich nicht finden…

Als sie die Augen wieder aufmachte, war er weg. Sandy verkniff sich ein lautes „Scheiße“ und schaute in alle Richtungen, oder so weit es ihr hier oben eben möglich war zu blicken. Warum hast du nur die Augen zugemacht, du Idiotin? Wo ist er bloß hin? Mist, verfluchter… Und jetzt? Was soll ich jetzt tun? Warten… ich warte einfach. Worauf soll ich warten? Einfach darauf, dass es vorbei ist… Auf den Sonnenaufgang und darauf, dass Leute kommen. Und die anderen finden… Ja, dann bin ich in Sicherheit.

Sandy hatte keine Ahnung wie spät es war, sie hatte ihr Handy und natürlich auch restlichen Sachen im Mustang liegen. Vielleicht lag es noch darin, dann konnte sie die Polizei rufen. Der Gedanke war zu verlockend, aber sie konnte den Baum nicht hinunterklettern. Was, wenn der verrückte Kerl noch hier war und nur darauf wartete, dass sie aus ihrem Versteck kam? Außerdem brachte es sie nicht übers Herz Samuel, Joshua und vor allem Victoria zu nahe zu kommen und ihren Anblick ihrer leblosen und malträtierten Körper zu ertragen. Nein, sie blieb einfach hier oben. Und wartete darauf, dass die Sonne endlich aufging. Schon jetzt tat ihr die unbequeme Position auf dem Ast weh, aber auch damit musste sie leben. Und es war nichts im Vergleich mit ihren Gefühlen, die sich nicht mehr richtig ordnen ließen… In die Verzweiflung, Trauer, immense Furcht und dem Selbstmitleid mischte sich Wut auf den Mann, der den Tod so gewaltsam und plötzlich in ihr Leben gebracht hatte. Bitte lass diese Nacht schnell vorbeigehen, dachte Sandy bei sich. Die qualvolle Stille legte sich über den Parkplatz und dem kleinen Wäldchen, nur von weitem konnte sie das sanfte Rauschen des Meeres vernehmen.

Wie sie da oben auf dem Ast tatsächlich einnicken konnte, konnte sich Sandy wenige Stunden später nicht erklären, aber als sie im Morgengrauen aufwachte, schmerzten ihre Beine und ihr Nacken sehr und es brauchte einige Sekunden, bis sie sich die Ereignisse der Nacht wieder herbeirufen konnte. Ich muss Hilfe holen, dachte sie. Aber bevor sie es wagte, den Stamm hinunterzusteigen, schaute sie sich nochmals um, um sicherzugehen, dass der Kerl weg war. Und um sich halbwegs zu orientieren. Zur Tankstelle wollte sie auf keinen Fall zurück und mehr hatte sie gestern ja nicht gesehen von Long Key. Sie erinnerte sich, dass ein Stückchen weiter hinten, von der Straße, von der sie gekommen waren, eine Bar gewesen war, an der waren sie vorbeigefahren. Mehr schien hier nicht zu sein, zumindest nicht in unmittelbarer Nähe.

Sandy kletterte vorsichtig den Baum hinunter und ging leise die paar Meter bis zum Parkplatz, bis sie vor Schreck  erstarrte. Die Leichen ihrer Freunde waren allesamt verschwunden. Weg.  Das war ihr vorhin noch nicht aufgefallen. Das Auto stand mit geschlossener Motorhaube und geschlossen Türen einfach da, als wären seine Inhaber nur mal kurz die Gegend erkunden gegangen. „Was zum Teufel…“ Sandy drehte sich in alle Richtungen, aber es war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Mit einem Mal kam die Panik der Nacht wieder in ihr hoch… Sie wusste nicht, was ihr mehr zu schaffen machte. Dass die Leichen entsorgt wurden, oder dass sie entsorgt wurden und somit jemand noch die halbe Nacht auf dem Parkplatz beschäftigt gewesen war, ohne dass sie es mitbekommen hatte und sie somit die ganze Zeit noch in Gefahr gewesen war. Jetzt übergab sie sich und als sie fertig war, war sie irgendwie gelöster, als ob sie ihre unterdrückte Anspannung endlich ausgekotzt hätte. Sie lief zum Wagen, der zugesperrt war, spähte hinein und ohne große Überraschung stellte sie fest, dass all ihre Sachen weg waren. Dann rannte Sandy los. Sie rannte weg vom Parkplatz, die lange Straße entlang und spürte, wie heiß dieser Tag werden würde. Der Schweiß lief ihr hinunter. Erst jetzt merkte sie, wie durstig sie war. Der Weg zu der Bar kam ihr wie eine Ewigkeit vor, und als sie endlich ankam, dachte sie, die alte Bude hätte geschlossen. Aber tatsächlich klang von drinnen leise Radiomusik. Der knirschende Holzboden machte die Besitzerin auf den frühen Gast aufmerksam.

„Na, so früh kommen hier normalerweise keine Leute her. Was darf es denn sein, Schätzchen?“ fragte die magere, eingefallene Frau, die kaum noch Zähne im Mund hatte. Ihre schlecht blondierten Haare waren zerzaust, aber unpassender Weise waren ihre Fingernägel fein säuberlich rot lackiert.

„Ich brauche Hilfe, ma´am, und Wasser! Ich bin so durstig.“

„Hast du Geld dabei?“

„Nein, meine Sachen wurden gestohlen! Und meine Freunde, mit denen ich letzte Nacht hier war, die wurden alle umgebracht, vom Kerl von der Tankstelle da unten! Bitte, ich brauche  ihre Hilfe…“

„Ohne Geld gibt’s nichts zum Trinken. So einfach ist das!“

Sandy war verwirrt. Hatte die Frau nicht gehört, was sie ihr eben erzählt hatte? „Meine Freunde wurden ermordet, wen interessiert es in diesem Augenblick, ob ich Geld für ein verfluchtes Wasser dabei habe?“ Auf einmal wurde Sandy rasend wütend und hätte diese hohle Hinterwäldlerfrau am liebsten durchgeschüttelt. „Geben Sie mir ihr Telefon, ich muss die Polizei rufen!“

„Ach, jetzt werden wir auch noch unhöflich? Mach, dass du rauskommst, du kleines Miststück, sonst vergess ich mich noch.“

Sandy vergaß all ihre Manieren und eilte zum Telefon, das hinter der Bar an der Kasse stand. Die schmächtige Frau war stärker als sie aussah und hielt Sandys Hand fest, noch bevor sie zum Hörer greifen konnte, kam ganz nah an ihr Gesicht und sagte mit eindringlicher, flüsternder Stimme: „Du glaubst, die Polizei wird dich beschützen, aber sie wird dich nicht beschützen!“

In diesem Schockmoment sah Sandy aus dem Blickwinkel den roten Mustang  an die geöffnete Tür heranfahren. Und die schmächtige Hinterwäldlerfrau sagte grinsend:

„Willkommen auf den Inseln, Schätzchen, willkommen auf Long Key!“