Schneewittchen oder: Lila Revolution

Dies ist der Text meines ersten Poetry Slams. Ein Text, über den Mut aus der Gesellschafts-Seifenblase auszubrechen und über eine Märchenfigur, die besser mal etwas gewagt hätte …

Schon mal überlegt, was passiert wäre, wenn Schneewittchen sich dazu entschlossen hätte, ihre Haare zu färben? Das mit dem „Schwarz wie Ebenholz“ hätte nicht mehr funktioniert und die Grimms sich die Haare gerauft, weil sich ihre verrückte Hauptakteurin plötzlich dazu entschloss, eigene Entscheidungen zu treffen. Was wäre also passiert – wenn der völlig unrealistische Fall eingetreten wäre und ihre Märchen-Marionette ein mentales Eigenleben entwickelt hätte? Hätte, hätte, Fahrradkette. Und doch: Schneewittchen wäre um einiges glücklicher gewesen – Jede Wette!

Ich glaube, wir sind alle wie Märchenfiguren, Geschichtengestalten, aber nur simple. Wir werden von anderen – vermeintlich Großen – geschrieben, getrieben.  Doch was können wir tun, um uns selbst zu lieben? Wir werden nicht gefragt, uns werden Dinge auferlegt, gesagt. Wer wagt, der gewinnt? Der Spruch mag stimmen, aber nicht an Bedeutung gewinnen, denn wir sollen nicht wagen, wir sollen nicht fragen, es wird uns angetragen – and that’s it. Wir werden also von anderen hingesudelt und bekommen Rollen, von denen wir nicht alle wollen, aber sehr wohl tragen sollen. Weil es sich so ziemt. Ein Beispiel: Die Frau. Eine Mutter ist eine Mutter! Da ist kein Platz für Zweifel, Wünsche oder gar Sehnsucht. Auch wenn sie sucht. Nach mehr, denn ist das alles? Brust raus, aber bloß nicht zu weit, denn das hat keinen Stil. Streng erziehen, aber bloß nicht zu viel. Schwäche zeigen? Wofür, du bist doch bloß Mama. Sei bloß leise, mach‘ deinen Job und schwimm‘ in die Richtung, die dir befohlen. Und wie sie dich schreiben, so wirst du bestohlen. Denn die Geschichte ist fix, vorgefertigt. Köpfen entsprungen, in den Köpfen wurde um Zeile für Zeile gerungen. Nichts zu verändern und schon gar nicht Protagonisten. Ein Beispiel: Ein erwachsener Mann mit unerfüllten Wünschen? Sollt‘ es nicht geben, doch er hat alles so zu erleben, wie es der Plan vorsieht. Wie er es vielleicht nicht sieht, aber sich nicht traut – und alles in ihm versiegt. Hineingeboren in die perfekt  geplante Welt. Darin verloren und der Plan – ob der gefällt?

Ich stelle es mir vor, darf ich hier Bilder malen? Ich stelle mir die großen Schreiber vor, über den Zetteln. Mit Fäden in der Hand, sie ziehen sie auf und ab, schreiben unsere Farben, beschreiben unsere Narben, für die wir nichts können und doch selber Schuld sind. Je nachdem, wie gewünscht. Je nachdem ob sie uns verwünschen oder uns alles Gute wünschen. „Alles Gute zum Geburtstag, Schneewittchen, du bist gut so wie du bist“, sagen sie, „mit deiner Haut so weiß wie Schnee, deinen Lippen so rot wie Blut und ja – deinem Haar so schwarz wie Ebenholz. Aber wehe, du entwickelst dich.“ Es ist so viel, was sie sagen und so wenig, das sie wagen. Denn wer wagt schon, außer den großen Helden?

Vielleicht also – und ich spekuliere nur – vielleicht hätte Snow White ja wirklich Farbe bekennen sollen, um ihrem faden Dasein etwas Spannung zu geben. Spannung zu leben und sich in ein selbst gewähltes Abenteuer einzuweben. Denn wir brauchen Herausforderung und all die guten Geschichten. Wir sehnen sie herbei, die Veränderungen und fürchten sie zugleich. Und es ist ganz gleich, was wir wollen, denn was wir wollen, ist meist nicht das, was die anderen wollen. Und sie reden und hacken drauf, spucken drauf, verurteilen laut und um uns wird’s lauter und wir wollen‘s doch leis‘ und nicht den ganzen verfluchten Scheiß. Drum bleiben wir in unserer sicheren Geschichtenblase, Seifenblase, und überwinden unsere „Phase“.

Ach, wir sollten sie einfach zerstechen von innen heraus und endlich hinaus. Machen wir dem Ich-Trau-Mich-Nicht den Garaus. Pfeifen wir auf diese scheinbar Großen, die Famosen, die uns nur nach unten stoßen. Vergessen wir ihr Gelaber, schalten wir auf Durchzug und nehmen wir den Zug in eine neue Welt. Eine Welt, in der nur zählt, was auch gefällt. Egal, was es ist. Hauptsache es ist, was du bist. Es ist nicht egal für dich und nicht für dich und auch nicht für mich. Wir sind uns nicht egal. Die alten Erzählungen, sie sind nichtig, weil es nicht die unseren sind, und das alles nicht unseren Vorstellungen entspricht. Und erpicht drauf, endlich die Buchsegel zu setzen, den eigenen Stift abzuwetzen und ihn zu führen. Vielleicht ist es ein lila Stift. Dann malen wir doch auch gleich dem armen Schneewittchen die Haare um und schreiben eine neue Story drum rum, die alte ist eh ausgelutscht. Es war einmal. Ja, hoffentlich war es einmal.


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Von Papierbooten, Gewissensbissen und Umarmungen mit dem Glück

Das was ganz spontan kommt, sind die ehrlichsten Zeilen. Ja, das ist wohl so. Somit dürften dies die ehrlichsten Zeilen sein, die ich in diesem Jahr schreibe. Ich sitze auf meinem Sofa, eingemümmelt in meine Kuscheldecke und tippe Wort für Wort, ohne großartig darüber nachzudenken. Ohne Schnickschnack-Wörtern, ohne schlechtem Gewissen. Ein wenig ist es mir aber schon unangenehm. Wie gesagt – es sind ziemlich ehrliche Zeilen, aber ich brauche sie. Für mich. Um sie schlicht und ergreifend los zu werden. „Sich etwas von der Seele schreiben“ nennt man das. Und das habe ich schon mein Leben lang getan. Immer dann, wenn sich etwas Überwältigendes abgespielt hat, habe ich den Laptop in die Hand genommen oder eines meiner Millionen Notizbücher, Tagebücher, sonstige Zettel oder Blöcke. Die Zahl Million ist natürlich übertrieben, aber ich habe und hatte in der Tat schon immer einen Fabel für Papeteriekram. Wie auch immer… jedenfalls habe ich schon immer meine Gedanken und Gefühle zu Papier gebracht, und seeehr lange Zeit habe ich das nur für mich alleine gemacht. Selbsttherapie sozusagen. Oder zumindest eine Art Selbstreflexion. Ja, dieses Wort trifft es sehr sehr gut. Ich kann von mir behaupten, dass ich ein sehr reflektierter Mensch bin – und wahrscheinlich übertreibe ich es manchmal mit der Analyse meiner Umgebung, meiner Mitmenschen und meinem eigenen Seelenleben. Aber irgendwie muss ich einfach über das nachdenken, was mich beschäftigt. Eigentlich ist es – zumindest für mich selbst – ein gutes Zeichen, wenn ich das tue, denn dann weiß ich, dass ich das, was mir so durch den Kopf spukt, auch angenommen habe und ich dabei bin, es zu verarbeiten. Was wohl auch der Grund ist, warum ich das schreiben kann, was ich jetzt eben schreibe. Weil ich mich mit dem Gedanken angefreundet habe, dass dieses Jahr alles andere als einfach war. Und doch war es notwendig, um genau dort zu stehen, wo ich jetzt stehe. Jetzt muss ich doch ganz kurz etwas gefühlsduselig werden, aber um den metaphorischen Ort zu beschreiben, an dem ich mich gerade befinde, benötigt es ein oder zwei kitschige Bilder: Ich treibe in einem weißen, kleinen Papierboot und habe alle an Bord, die ich zum glücklich sein brauche. Das sind ganz schön viele Menschen und eigentlich ist es erstaunlich, dass sie alle in meinem kleinen Leben… ähm Boot Platz haben. Jedenfalls tun sie das tatsächlich und es geht mir richtig gut hier. Klar, es gibt die ein oder andere Welle, die sich an meiner schwimmenden Nussschale mal bricht, aber das macht im Grunde nichts. Einige Menschen, waren nicht mutig genug, um mit mir die Weltmeere zu durchqueren, harte Lektionen waren es, große Wellen, die sie aus meinem Boot geworfen haben. Und einige Zeit war ich auch sehr traurig darüber. Aber wisst ihr was? Das Gefühl alleine weiter zu segeln hatte ich nie. Nicht eine kleine Sekunde lang. Denn die allerwichtigsten sind bei mir geblieben. Und neue, unglaubliche Menschen habe ich mit an Bord geholt. Und als ich von Neuem erkannt habe, wie wunderbar meine Besatzung ist, umso glücklicher und gestärkter ging ich aus dem Sturm dieses Jahres hervor. So, Stopp! Das war mehr als genug an kitschig-emotionalen Bildüberschuss.

Eigentlich möchte ich euch von dem einen Moment erzählen, an dem ich ganz bewusst das Glück wieder in die Arme schloss. Also, es gab viele schöne Augenblicke, die dazu beigetragen haben, aber es gab irgendwie diesen einen Moment, wo all das Alte von mir abgefallen ist. Und lustigerweise war das ein Moment, in dem ich ganz alleine war – ohne meine Besatzung. Aber von vorne:

Es geschah an einem Tag im Außendienst in meinem neuen Job, ein Tag, über den ich anschließend einen Erlebnisbericht schreiben sollte. Ihr könnt euch vorstellen, dass der Text aufgrund meiner Euphorie nach diesen für mich geschichtsträchtigen Stunden, wirklich gut geworden ist :D. Wie auch immer… ich durfte einen Tag in einem Hotel in Kaltern verbringen und sollte anschließend noch eine kurze Herbstwanderung machen. Ich beschloss auf die Leuchtenburg zu wandern – dieses Ziel hatte ich schon lange lange Zeit vorher im Visier, habe es aber irgendwie nie geschafft, den Marsch anzugehen. Da ich etwas unter Zeitdruck war, weil ich später meinen Sohn abholen musste, ging ich ziemlich schnellen Schrittes los.

Es war der letzte Herbsttag des Jahres und ziemlich schwül. Ich hatte angesichts dieser drückenden Temperaturen zu viel an und war zu schnell unterwegs. Eigentlich wollte ich diese Wanderung genießen, aber die Zeit erlaubte es mir schlichtweg nicht. Und es ging steiler auf diesen verdammten Hügel hinauf, als ich erwartet hatte. Als meine Puste ziemlich schnell ausging, erinnerte ich mich wieder mal daran, dass ich viel zu wenig Sport machte – aber ganz ehrlich: Mir fehlt als alleinerziehende und wieder arbeitende Mama schlichtweg die Zeit dafür. Mir fehlt die Zeit, endlich mal wieder in der frischen Morgenluft joggen zu gehen. Mir fehlt die Zeit zum Reisen, mir fehlt die Zeit zum Schreiben (ich würde nämlich viel mehr schreiben, wenn ich denn könnte), zum Malen (ja, ich male, bzw. würde ich es gern wieder mal) und endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen oder einfach mal nichts zu tun. Die Zeit für mich selbst. Aber mein Leben ist beinah minutiös verplant. Das ist oft hart und ganz ehrlich: Manchmal möchte man halt einfach die Zeit haben, die einem zusteht. Und die habe ich nicht und ich fragte mich, als ich da diesen Hügel erklomm – der mir in jenem Moment wie ein 2000er vorkam – ob es mich zu einer schlechteren Mutter macht, wenn ich manchmal den Wunsch habe, für mich zu sein. Und ich fragte mich, keuchend und schwitzend, ob ich verrückt sei, dass ich deshalb ein schlechtes Gewissen hatte. Ich ärgerte mich etwas über mich selbst und darüber, meine Gedanken – die ich schließlich doch für ganz okay befand – verurteilt zu haben. Und ich ärgerte mich, dass ich an diesem Nachmittag nicht früher aufgebrochen war, und die eigentlich schon lang geplante Wanderung zu unternehmen, um mit mehr Gemütlichkeit und mehr Genuss diesen Solo-Pfad zu begehen… wenn ich denn schon endlich mal alleine war!!

Stattdessen fuhren meine Gedanken wieder mal ihre Lieblings-Achterbahn und an all dem Guten und Schlechten der letzten Monate vorbei. Rauf und runter. Spielten alle Szenen immer und immer wieder durch. Machten mich traurig und wütend und stolz und überglücklich. Ich wunderte mich, wie viel emotiongeballtes Leben in einer kleinen Welt wie der meinen doch Platz hat. Wahnsinn, oder? Whatever. Jedenfalls sprintete ich beinahe den Waldweg hinauf, schwitzte wie ein Schwein und war froh, irgendwann doch angekommen zu sein.

Die Hitze hatte sich gelegt und die Leuchtenburg warf ihren riesigen Schatten auf mich. Und dann war es plötzlich still. Um mich herum waren keine anderen Wanderer mehr. Keine Geräusche aus dem Tal konnte ich vernehmen und das Erstaunlichste: In meinem Kopf wurde es auch leise. Endlich. Dieses majestätische Steindings, das auch aus der Nähe betrachtet wirklich hübsch anzusehen war, erhob sich vor mir, hieß mich Willkommen und verbot mir jeglichen weiteren Gedanken. Mir wurde klar, dass ich gerade eine ganze Burg und einen ganzen Miniatur-Berg für mich alleine hatte. Das war zugegebenermaßen ziemlich cool und ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen auf abenteuerlicher Entdeckungstour.

In die Burg rein, in jede Tür hineingespäht, nach oben geblickt und ringsum. Um die Burg herum und Aussichtsfetzen erhascht. Eine Fahne, die im Wind über meinem Kopf herum wehte. Und dann war da mehr als nur ein Fetzen. Da war eine wundervolle Aussicht, die ganz allein mir gehörte. Mir alleine. Ich kletterte auf die Burgmauer, von der aus ich diese Errungenschaft vollends genießen wollte und blendete meine zitternden Knie und meine Höhenangst aus. Ich wollte mir ein Andenken schaffen und hey: Sollte ich nicht meinen Kopf ausschalten? So hatte es mir die Leuchtenburg angetragen und ich tat es dann auch.

So saß ich da, mit zitternden Beinen, zufrieden und etwas andächtig und spürte, wie eine Welle des Glücks mein Papierboot anstupste. Wie ich tatsächlich (!) mal ganz für mich war. Ich spürte, wie schön es war, dass – wenn ich gleich von meinem persönlichen, symbolischen 2000er Berg hinunterstieg – ich nicht alleine war, sondern ich all jene Menschen um mich haben würde, die ich liebte. Die mich liebten. Denen ich jede stürmische Welle wert war und die ich niemals aus meinem kleinen Boot fort gehen lassen würde. Tief im Inneren nahm ich Abschied. Nicht nur vom Sommer, nein, auch von diesem großen Jahr der Veränderung – es endete für mich an diesem letzten Herbsttag, Ende September. Ich fand, das war ein guter Zeitpunkt ein neues Jahr einzuläuten. Dazu muss nicht unbedingt Silvester sein. Ein viel zu heißer Herbsttag und eine kleine Burg reichen da schon völlig aus.

Hey Sommer…

Eigentlich bist du schon seit einer ganzen Weile weg, aber trotzdem möchte ich dir noch was sagen… Du hast mir in den letzten Monaten so viel geschenkt: Zuversicht, den Glauben daran, dass nach jedem Tief auch wieder ein Hoch kommt. Ein neues Zuhause. Eine Riesenchance mich beruflich weiter zu entwickeln, meine Leidenschaft zum Schreiben auszuschöpfen und neu zu erfinden. Du hast mir die Liebe zurückgegeben und mich immer wieder dran erinnert, dass Familie und wahre Freundschaft alles überdauert. Du hast mich ebenso daran erinnert, wie stark ich bin und hast deine kräftigen Farben auf mich übertragen. Ich habe endlich wieder das Gefühl, MICH zu sehen, wenn ich in den Spiegel schaue. Endlich leuchte ich wieder. Dafür möchte ich dir danken, Sommer. ❤️


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Bucket List

Jede/r von uns hat insgeheim eine To-do Liste in seinem Kopf von Dingen, die er irgendwann mal gerne tun würde oder wiederholen möchte. Das ist gut so. Denn uns ist nur ein Leben geschenkt, also sollten wir das Beste rausholen. Und ein Abenteuer daraus machen.

Will auf anmutigen Bergen meine Höhenangst bezwingen,

Und auf lauten Konzerten meine Seele raussingen.

Möcht‘ im einsamen Haus lesen und malen sowieso,

Was Herz und Hand schaffen, macht mich dermaßen froh.

Will in Leuchttürmen schlafen und draußen im Freien,

Und all unsere Sorgen ins Meer hinausschreien.

Möchte tief tauchen und Delfine anfassen,

Und Fotografieren in den verwinkelten Gassen.

Möchte meine Füße gern vergraben im Sand,

und hollywoodreif tragen ein funkelnd` Gewand.

Ich liebe die Lichter, so bunt, dieser Stadt,

und an Blumen und Bäumen seh‘ ich mich nicht satt.

Möchte fremde Kulturen bestaunen und ihre Menschen versteh`n,

denn nur was man fühlt, kann man auch richtig sehen.

Möcht‘ etwas lernen, was ich bei Weitem nicht kann,

und noch so viel probieren, was ich noch nie getan.

Möcht‘ an reißenden Klippen den Wind im Haar spüren,

und mit dem was ich tue, die Menschen berühren.

Will im Wasserfall duschen und im Heißluftballon fliegen,

beim Anblick von was Großem Schnappatmung kriegen.

Unglaubliche Wege gehen mit denen, die ich mag,

Und die Dinge so meinen, wie ich sie sag.

Mag an Büchern riechen und Geschichten schreiben,

um alle Gedanken dorthin zu vertreiben.

Der Regen soll begießen meine Haare patschnass,

und das Herz soll tanzen nach genau jenem Bass.

Will neues entdecken, ob hier oder dort,

es gibt überall Magisches – an egal welchem Ort.


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Brief an die Veränderung

Hallo Veränderung,

meine Freundin, meine Feindin,

du Botin des Zweifels und der Unsicherheit, du hoffnungsgebender Funken.

Ob dies ein Liebesbrief an dich ist oder eine Abrechnung, das kann ich gar nicht so genau sagen. Wie auch, ich weiß ja nicht einmal, ob ich dich mag oder nicht. Das Leben ist eine Waage, die ihre Gewichte mal auf der einen Schale, mal auf der anderen trägt. Ab und zu, wenn alles gut läuft, dann hält sie die Balance, weil alles genau richtig ist. Und dann kommst du ins Spiel, Veränderung. Wirfst plötzlich ein Gewicht dazu oder nimmst eines weg. Bringst die Waage ins Wanken. Manchmal da erscheinst du gar als Welle und nimmst ihr völlig den Halt. Spülst sie fort und alles muss von vorne beginnen.

Ich weiß, du kommst manchmal unvorhersehbar. Dann bist du mir meist nicht willkommen und ich verabscheue dich. Weil du alles in mir zerreißt und mich aus meiner gut funktionierenden Bahn wirfst. Dann scheuchst du mich ins Bett und lässt mich die Decke über den Kopf ziehen. Dann möchte ich nichts hören und nichts sehen und ich warte, bis du wieder fort bist. Aber … du gehst nicht weg. So ist das nun mal mit dir. Wenn du da bist, bist du da, einen Rückwärtsgang besitzt du nicht. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als dir mitten ins Gesicht zu blicken. Du bist meine immer wiederkehrende Gegnerin. Aber geschlagen hast du mich noch nie.

Nicht immer spielst du auf der anderen Seite des Spielfeldes, nein, gelegentlich sind wir auch in einem Team, du und ich. Manchmal bin ich  deine Schülerin. Deine Lektionen? Hart. Überraschend. Lehrreich. Schön. Und stärkend. Du faszinierst mich. Weil du nicht nur gut und nicht nur schlecht bist. Du bist beides, gar oft zur gleichen Zeit. Und in welcher Form du kommst – das fasziniert mich erst recht! Kommst du als Mensch, als Ereignis, als Entscheidung? Tauchst du in der Welt auf, die mich umgibt oder aber tief in mir drin? Es ist immer anders, DU bist immer anders. Du bist beeindruckend. Erschreckend beeindruckend.

Ab und zu, ja, da sehn ich dich sogar herbei. Ich gebe zu, dass ich dich auch brauche. Weil mich die Herausforderung reizt, die du wie eine kleine rote Gießkanne in der Hand hältst und die meine Wurzeln tränkt. Dann wachse ich an dir. Und du verzauberst mich, weil dich ungeatmete, funkelnde Luft umgibt, die ich tief einsauge. Ich sauge sie ein, ganz tief, und es kribbelt in mir, vor Stärke.

Ich weiß, du bist unvermeidbar und du gehörst dazu. Jeden Tag. Du bringst den Morgen und die Nacht, wirfst die Blätter von den Bäumen und treibst Knospen. Du malst mir Falten ins Gesicht und sorgst dafür, dass ich die vielen kleinen Geschichten meines Lebens erzählen kann. Nicht immer verstehe ich den Grund für dein wankelmütiges Dasein, aber ich weiß, dass du am Ende immer deinen Sinn hast. Irgendwie hast du den tatsächlich.


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Suchende wie wir

Ein autobiografischer Geschichtenschnipsel

Meine Mama spülte gerade das Geschirr, als ich vom Wohnzimmer im Hopserlauf hinüber in die Küche sprang. Es war dunkel hier drin, stiller als in der gesamten Wohnung und dem Rest der Welt und Tränen liefen über Mamas Wangen.

„Was ist los, Mami?“, fragte ich sie vorsichtig und wünschte kurz darauf, ich hätte nicht danach gefragt. Vielleicht, so dachte ich später, vielleicht wäre unsere Familie länger eine Familie gewesen. Vielleicht, wenn sie es nicht ausgesprochen hätte, dann wäre es nicht dazu gekommen.

„Papa und ich verstehen uns nicht mehr“, schluchzte sie, während sie ein nasses Glas abstellte und Wasser und Schaum an ihren Händen hinuntertropfte. Ich kann den Moment heute nur schwer beschreiben, das Gefühl, das in einem neunjährigen Mädchen vorgeht, wenn ihm bewusst wird, dass sich von diesem Augenblick an alles ändern wird. Alles Gewohnte, alles Vertraute, bröckelt an ein einem ab, wie die alte Fassade eines Hauses. Die Sicherheit, die man bis dahin im Herzen trug – fortgeschwemmt.

Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich hilflos. Und seit diesem Moment war ich auf der Suche. Nie offensichtlich oder bewusst, aber ich rang nach etwas. Nach einem Pfeiler, an dem ich mich stützen und nach Liebe, in die ich mich vollends fallen lassen konnte. Nach Endlosigkeit und warmen Worten. Nach Nähe und Berührungen. Und gleichzeitig nach Ruhe und Abstand. Nach warmen Decken, die man sich über den Kopf ziehen kann, um das Ende des Gewitters abzuwarten. Diese Minute der Veränderung hatte keine Decke für mich parat. Es war das Ende. Das Ende meiner Familie und das meiner Kindheit.

Wahrscheinlich war die Suche meines Bruders noch viel schwieriger als die meine und so war ich auf mich gestellt. Denn auch in der Schule erzählte ich niemandem davon, was zuhause passiert war. Ich schämte mich dafür, ein Scheidungskind zu sein und fühlte mich wie ein Produkt von etwas, das nicht funktioniert hatte. Ich suchte nach Gründen, nach Antworten und wusste noch nicht, dass ich, um all das zu verstehen, schlichtweg noch zu jung war. Eine der größten Lehren, die ich in meinem bisherigen Leben erfuhr, war genau diese: dass alles seine Zeit hat. Manches findet man früher, anderes erst viel später, manches ist leicht zu finden, bei anderen Dingen muss man sich ordentlich abmühen. Aber alles hat seine Zeit, gefunden zu werden.

Szenen haben sich in meinem Kopf eingebrannt, Situationen, die ich hinnehmen musste, aber eigentlich nicht akzeptieren wollte. Worte, die ich hören musste, obwohl ich sie nicht hören wollte. Ich sollte Gefühle annehmen, die mir bis dahin völlig fremd waren und die ich nicht besonders mochte. Ein jedes Kind, das die Trennung seiner Eltern durchleben musste, kennt diese Szenen. Ich erinnere mich an sie als eine Art surrealen Traum, als ein verworrenes Konstrukt an Aneinanderreihungen, von dem ich vieles wieder beiseite schob. Es gibt nun mal Geschichten, die man nicht gerne erzählt.

Oft blicke ich auf das Danach zurück. Es gab nämlich die Zeit davor und danach. Die Zeit vor und nach dem Satz meiner Mama. Und ja, heute verstehe ich einiges besser. Ich habe gelernt damit umzugehen und Kraft daraus zu schöpfen, weiß jedoch auch, dass mich die Erfahrung geprägt hat. Aber es ist okay. Denn alles, was ich erlebt habe, alles was ich in meinem Leben gemeistert habe, hat mich zu der gemacht, die ich heute bin. Auch wenn ich heute, 21 Jahre später, oft noch auf der Suche bin, und vermutlich auch mein Bruder noch nicht aufgehört hat zu suchen, so weiß ich, dass wir damit nicht alleine sind. Alle Menschen, die sich um uns bewegen, tragen ihre Geschichten mit sich rum und spähen hinter ein jedes Gebüsch, um ihr Happy End zu finden, im allerbesten Wissen, dass das Leben mehr ist als das. Aber es ist tröstlich, dass alle Menschen so sind:

Sie sind Suchende.

Suchende wie wir.


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#beautyismore

Zeit für einen wichtigen Gedanken. Oder besser gesagt einen Gedanken, der MIR sehr am Herzen liegt, weil wir in einer gewaltigen Flut voller Oberflächlichkeiten leben und wir von Welle zu Welle, Tag für Tag unbemerkbar von ihr mitgetragen werden. Jeder bemüht sich schön zu sein, aber niemand weiß, wie schön er wirklich ist. Der Mensch ist mehr als das, was wir im ersten Moment von ihm erfassen. Schön ist nicht ein Gesicht, weil es irgendeinem Ideal entspricht. Schön ist nicht ein Körper, weil er den Bildern der Modezeitschriften gleichkommt. Es ist nicht das, was wir äußerlich sehen. Schönheit meint nicht die Hülle, die unser Menschsein einfasst. Wir fühlen sie. Denn Schönheit ist mehr.

Lasst mich von der Schönheit der Menschen erzählen, die mich in meinem Leben umgeben und denen ich auf meinem Weg begegnet bin, ganz ohne ihr Gesicht, ihren Körper oder das zu beschreiben, was sie tragen. Denn für mich sind sie alle wunderschön. Jeder einzelne. Jeder auf seine Weise.  Jeder einzig in seiner Art.

Ihr alle: Du, du und du. Und ich hoffe, dass DU dich in dem einen oder anderen Satz wiederfindest 💛

Warum du schön bist?

 

Weil du Güte besitzt und Freundlichkeit.

Weil du dir Fehler eingestehen und aus ihnen lernen kannst.

Du stehst zu dir, auch wenn du Mist gebaut hast.

Weil du ganz einfach menschlich bist.

Du trägst keine Maske, um anderen zu gefallen. Du bist, wie du bist.

Du bist echt.

Du stellst dich selbst auch mal hinten an und lässt andere zu Wort kommen.

Du kannst dich aus tiefstem Herzen freuen.

Weil du das Wunderbare siehst, immer und überall.

Du besitzt eine Prise Verrücktheit

und eine große Portion Selbstironie.

Du bist ein Mensch, der für etwas brennt und voller Leidenschaft ist.

Du nimmst dir Zeit für andere, anstatt sie ständig nur einzufordern.

Du schwimmst gegen den Strom, nicht weil es Spaß macht, sondern weil du überzeugt von deiner Richtung bist.

Du weißt dein Glück zu schätzen.

Weil du deine Ziele verfolgst, aber nie vergisst , woher du kommst.

Du bist genügsam,

und bist einfach schön, weil du von innen heraus strahlst.

Weil du die richtigen Dinge zur richtigen Zeit sagst

und du gar nicht erst versuchst, perfekt zu sein.

Weil du es auch gut mit dir selbst meinst

und weil du jemand bist, der Herausforderungen annimmt.

Weißt du, dass du auch dann wundervoll bist, wenn du mal einbrichst,

Und weil du daran nicht zerbrichst?

Weil du stark bist, obwohl du auch mal schwach bist?

Du bist schön, weil du insgeheim von einer Bilderbuchwelt träumst, obwohl du Realist bist.

Weil du geliebt wirst

und dein Strahlen ist noch größer, weil du selbst liebst.

Weil du oft gar nicht weißt, dass du all das bist, bist du wunderschön.

..when you just sit in silence, the wind blows through you, the sun shines in you and you realize you are not your body, you are everything.” 

(Anita Krizzan)

Was bedeutet Schönheit für dich?

Verlinke deinen Kommentar oder deinen Beitrag zu diesem Thema mit dem Hashtag #beautyismore, um zu zeigen, dass Schönheit dem Charakter entspringt und um somit gemeinsam ein kleines Zeichen zu setzen!

(Einen großen Dank an dieser Stelle an die liebe Fotokünstlerin Lisa Renner, die mich zu dem Photoshooting überredet hat und mich damit und dem Zitat von Anita Krizzan zu diesem Text inspiriert hat 🙏🏼 Werft einen Blick in ihre großartige Arbeit unter https://m.facebook.com/ZeitgeistLisaRenner/)

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Kinder und die Welt

Mein Sohn ist nun fast eineinhalb Jahre alt und ich staune jeden Tag über seine Selbstverständlichkeit der Welt zu begegnen und sie zu erobern. Und er erobert sie tatsächlich. Jeden einzelnen Menschen darin. Mit seinem Charme, seiner Fröhlichkeit und seiner Freundlichkeit. Und seinen wundervollen rotblonden Haaren. 🙂

Kinder und die Welt.

Sie winken und die Welt winkt zurück.

Sie lieben bedingungslos.

Sie fallen hin und stehen auf, bevor die Welt es gesehen hat- und wenn sie es doch gesehen hat, lassen sie sich von ihr trösten.

Sie lernen, indem sie einfach machen und der Welt spielerisch begegnen.

Sie wissen, was Bitte und Danke bedeutet.

Sie sagen Nein, zu dem, was sie von der Welt nicht mögen und zeige auf das, was sie von ihr haben möchten.

Sie sind beharrlich.

Sie ärgern sich kurz und intensiv und widmen sich dann etwas Neuem auf der Welt zu, denn die Welt hat viele schöne Dinge parat.

Sie lernen, weil sie lernen wollen.

Sie sind laut und lebendig, wenn es mal zu leise ist.

Sie lachen und bekommen ein Lächeln zurück.

Sie entdecken die Welt, weil es sich lohnt sie zu entdecken.

Sie lassen sich in den Arm nehmen, weil es einfach schön ist.

Sie machen keine großen Unterschiede bei den Menschen, weil es keine zu machen gibt.

Sie leben im Moment, sie leben ihn und sie leben ihn mit voller Inbrunst.

Sie vergeben und vergessen.

Es ist ihnen egal, was die Welt von ihnen denkt.

Sie sind wie sie sind.

Kinder haben die Welt genau kapiert.

Heldenerinnerungen

Ich kannte einen Mann und eine Frau, die hatten ein Herz aus Gold. Als ich sie kennenlernte, waren sie schon älter und man kann sagen, dass sie das Leben von seinen guten, aber auch weniger guten Seiten kennenlernten. Ihre Geschichte ist ein ständiger Wechsel dieser Seiten, vielleicht mehr als bei anderen. Das Leben zweier Menschen in so wenigen Zeilen hineinzupacken, ist schier unmöglich und auch gar nicht meine Absicht; deswegen werfe ich euch, liebe Leser, einfach inmitten hinein, in die Geschichte von Josef und Anna.

Josefs prägende Jahre begannen wohl, als er als junger Mann in den Krieg zog. Um zu überleben musste er – wie tausende andere Soldaten – Dinge tun und Dinge mitansehen, die man sich nicht im schlimmsten Traum vorstellen mag. Denn – und das vergisst man oft – nicht ein jeder Soldat, ist oder war ein freiwilliger Soldat. Damals hatte man keine Wahl, denn es war keine Zeit der Kompromisse. Man tötete oder wurde getötet. Man hielt seinen Mund oder wurde getötet. Man gehorchte oder wurde getötet.

Josef war ein besonders gutmütiger Mensch und diese schrecklichen Erfahrungen zerrissen ihn innerlich. Einen Teil von sich ließ er im Krieg zurück. Jahre später sagte er zu seiner Frau und seinen Kindern, wenn sie ihn nach Geschichten aus dem Krieg fragten, es gäbe nichts Schönes über ihn zu erzählen. Und er schwieg darüber, fast sein ganzes Leben lang.

Anna wuchs im Gegensatz zu Josef, der ein Einzelkind war und von seiner Mutter alleine großgezogen wurde, in einer Großfamilie mit insgesamt fünfzehn Kindern auf. Auch sie wurde früh mit dem Tod konfrontiert, denn sie verlor zwei ihrer Brüder – einer fiel im Krieg, der zweite stürzte aus einem Sessellift. Wie es früher in Großfamilien üblich gewesen war, reichte das Geld kaum aus. Ihren Wunsch Lehrerin zu werden musste Anna bald aufgeben, weil schon ihr Bruder diesen Weg einschlug, und für zwei Kinder reichte das Geld für die Ausbildung nicht aus. Lesen und Schreiben lernte sie in nur einer Katakombenschule.

Irgendwann führte das Leben Anna und Josef zusammen. Sie verliebten sich ineinander und gründeten eine Familie. Leider meinte es das Schicksal immer noch nicht gut mit den beiden. Sie verloren zwei ihrer Kinder, eines sofort nach der Geburt, das andere wurde nur zehn Tage alt. Nichts desto trotz: drei Söhne und zwei Töchter wurden ihnen dann doch geschenkt und später eine ganze Schar Enkel dazu, die sie allesamt vergötterten … aber dazu später.

Mit fünf Kindern war es nicht immer einfach. Anna hatte alle Hände voll zu tun, aber sie war eine starke Frau, hielt die Familie zusammen, schmiss den Haushalt und traf alle wichtigen Entscheidungen. Josef und sie arbeiteten hart, um sich über Wasser zu halten, doch es gab unzählige Nächte, in denen Anna sich hungrig ins Bett legte, damit ihr Mann und ihre Kinder genug zu essen hatten. „Ich habe keinen Hunger“, behauptete sie, als das Abendbrot wieder mal nicht ausreichte; sie tat eben alles für die Familie und Josef wäre ohne seine Anna wohl verloren gewesen. Er unterstützte sie, wo er nur konnte, auch an seinen freien Wochenenden half er ihr bei der Hausarbeit und in der Küche, denn er war der Meinung: „Mama hat schon genug um die Ohren.“ Josef und Anna ließen ihren Kindern viele Freiheiten, hatten Vertrauen in sie und waren offen und locker in ihrer Erziehung. Trotzdem waren manche Tage als Eltern hart, aber die Mühen der beiden zahlten sich aus.

Ihre Kinder wuchsen zu vernünftigen Erwachsenen heran, gingen zur Arbeit und bekamen eigene Kinder. In diesem neuen Lebensabschnitt kamen fast alle Familienmitglieder in den vier Wänden von Oma Anna und Opa Josef zusammen – und das fast täglich! Die Nachmittage wurden dort verbracht, Sommer wie Winter. Die Enkelkinder spielten Verstecken im Hof, rannten um die Wette oder gingen auf Schatzsuche, während Anna mit ihren Töchtern und Schwiegertöchtern Karten spielte oder einen Kaffeeklatsch hielt. Die Väter arbeiteten meist, ebenso Josef, der immer noch in der Landwirtschaft beschäftigt war. Als er abends mit seiner hellblauen Vespa in den Hof gefahren kam, begrüßten ihn seine Enkelkinder voller Freude. Manchmal brachte er ihnen ein Eis mit – dann strahlten deren Augen natürlich ganz besonders.

Die Großeltern brachten ihren Enkeln den achtsamen Umgang mit Pflanzen und Tieren bei, selbst den m toten Insekten, die die Kleinen immer wieder mal einsammelten, schenkten sie ihre Aufmerksamkeit. Die Kinder bastelten kleine Kruzifixe aus Zweigen und begruben zusammen mit Opa die Tierchen in der Wiese hinter dem Haus. Kelly, die Cockerspanieldame, war stets mit von der Partie und sorgte für so manch‘ lustige Momente, wenn sie wie eine Verrückte in der Wiese herumsprang oder ihren treuseligen Blick aufsetzte, wenn jemand vor ihren Augen ein Brot vertilgte.

In der Wohnung gab es einen besonderen Raum, früher das Kinderzimmer der beiden Töchter. Josef und Anna päppelten in jenem Raum verwundete und verletzte Vögel auf und sorgten sich um sie. Ging es einem Vogel wieder gut, brachten sie ihn raus ins Freie und warfen ihn hoch in die Luft, um ihm wieder die Freiheit zu schenken. Das waren besondere Momente für die Kinder, Momente für die Ewigkeit.

Im Zuhause der Großeltern verbrachten die Enkelkinder eine wunderschöne Kindheit, voller Leichtigkeit und Zauber. Es war das Zuhause der gesamten Familie. Aber weil das Leben nun mal einen Haken hat und nach Höhen auch seine Tiefen,  wurde Josef eines Tages plötzlich schwer krank und alles ging ganz schnell. Nach nur kurzer Zeit verlor er seine Kräfte, seine gutmütige Stimme und schließlich sein Leben. Seine Enkel erlebten das alles wie einen bösen Traum und seine Kinder verloren ihren vielleicht größten Halt. Vor allem seine Töchter fielen in ein tiefes Loch. Bloß Anna war wie versteinert und sie vergoss seltsamerweise nicht eine einzige Träne – zumindest nicht vor den anderen. In den Augen der Enkelkinder passte das nicht zum Bild ihrer lieben Oma. „Sie sei schon immer so stark gewesen“,erzählten Annas Töchter, „sodass es oft auch schon den Eindruck von Distanziertheit machte.“ Schwach zu sein, so glaubte Anna, könne sie sich nicht leisten. Die Enkelkinder nahmen es ihr nicht übel. Sie waren Großmutter für so Vieles dankbar, sie waren Großvater für so Vieles dankbar. Mit ihrem Dasein war das Zusammenkommen der Familie ein regelmäßiges, es war ein Zusammenhalt da, eine wunderbare Gemeinschaft.

Ich kannte zwei Menschen, die hatten ein Herz aus Gold. Sie waren meine Oma und mein Opa und ich deren damals zweitjüngstes Enkelkind. Als Opa starb, war ich noch nicht mal fünf Jahre alt und doch erinnere ich mich noch zu gut an seine feinfühlige und ruhige Art, an sein Lachen und seinen sanften Blick. Ich erinnere mich daran, wie seine Stimme plötzlich nur noch ein Flüstern war und wie meine Mama in einer Julinacht weinend vom Krankenhaus nach Hause kam. Welche Leere er in ihr und in unserer gesamten Familie hinterließ.

Meiner Oma verdanke ich so einiges. Sie hat mich Vieles gelehrt, mir reichlich Zeit geschenkt und mir das älteste Buch, das ich heute besitze, ihren Sturkopf und ihre Hände vererbt. Als sie starb war ich schon um einiges älter, aber auch mit sechzehn versteht man den Tod noch nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich ihn jetzt, in diesem Moment verstehe. Ich benutze noch heute dieselbe Handcreme, die auch Oma ständig benutzt hat und jedes Mal, wenn ich den Duft der Creme einatme, denke ich wieder einige Sekunden an sie. Omas schwarzen Saphir habe ich mir zum Ring machen lassen. So sind meine Großeltern bei mir.


Mit Wehmut und gleichzeitig großer Freude blicke ich an die Zeit zurück, in der beide, Anna und Josef, vereint am Küchentisch saßen, ihre Kinder und Enkelkinder um sie versammelt, in der wohlig warmen Küche. Drei Generationen. Ob es ihnen damals bewusst war, dass sie ihre schicksalhaften Jahre nicht umsonst gelebt hatten, dass sie Helden für uns alle, Kinder wie Enkelkinder waren, ob sie wussten, dass sie uns nicht nur das Leben, sondern uns auch die schönsten Jahre schenkten, dessen bin ich mir nicht sicher. Es war auf jeden Fall die unbeschwerteste  Zeit meines Lebens, denn sie stand für mich in dem magischen Licht der Kindheit und der Sorglosigkeit; es ist die Zeit, die mir bis heute die kostbarste Erinnerung ist.

 

Danke Oma, danke Opa, ihr bleibt unvergessen! Und diese Zeilen sind für euch ❤