Der Sternenzähler

Millionen Lichtjahre hatte er bereits auf dem Buckel – wobei man fairerweise erwähnen muss, dass der Buckel des Sternenzählers freilich nicht der allergrößte war. Ganz im Gegenteil. Es gab wohl nicht viele auf zwei Beinen laufende Lebewesen im Universum, die von solch geringer Größe, aber dermaßen enormer Intelligenz ausgestattet waren. Skurril trifft es als Wort wohl am ehesten, um den kleinen, blassen Lockenkopf mit den langgliedrigen Fingern zu beschreiben. Sein violettes Haar und seine zierliche Erscheinung ließen den Sternenzähler kindlicher und unbeholfener erscheinen, als er es tatsächlich war. Sein Verstand war geradezu grandios – aber wer alle Gesteinsbrocken, alle Planten und alle schwarzen Löcher in Milchstraße und Umgebung beziffern, benennen und katalogisieren musste, musste das auch sein: klug, rational und durchstrukturiert – vom kleinsten der jeweils vier Zehen bis hin zur obersten abstehenden Locke.

Die Landung auf dem Planeten Erde war nicht ganz so glimpflich verlaufen, wie es sich der Sternenzähler erhofft hatte. Im Grunde wollte er gar nicht hierher fliegen. Man erzählte sich im All viel Schlechtes über die Erde. Es waren wohl Kreaturen zugegen, die es mit ihrem eigenen Zuhause nicht sonderlich gut meinten. „Idioten“, murmelte der Sternenzähler vor sich hin, als er sein bescheidenes, aber seit Jahrtausenden voll funktionstüchtiges Raumschiff mitten in einem Friedhof an abgesägten Bäumen zerschmettert hatte. Welche Lebewesen rodeten ihre eigenen Wälder dermaßen ab? Die Gerüchte schienen wahr zu sein. Er hätte es besser wissen und eine andere Möglichkeit suchen sollen, die Sterne zu zählen. Aber – so sagte man ihm – auf dem Erdplaneten gäbe es die allerbeste Aussicht auf den Sternenhimmel und von hier aus fiele das Zählen um einiges leichter. Aber der einfachste Weg war nicht immer auch der richtige, fand der Sternenzähler und während er sein kaputtes Flugobjekt untersuchte, wünschte er sich, dass es anders gelaufen wäre. Einfach würde das hier definitiv nicht werden … Es würde Tage dauern, das Ding zu reparieren! Und dann noch gleichzeitig zählen! Wie sollte er das nur schaffen? Seine bisherigen Aufträge waren allesamt simpel und vor allem unkompliziert verlaufen. Es gab jedoch nichts, was in ihrer Menge umfangreicher war, als die funkelnden Gaskörper – schließlich gab es nicht nur ein paar hunderte von ihnen. Dass es irgendwann zu dieser Herausforderung kam, wusste der Sternenzähler jedoch – nicht umsonst trug er diesen Namen. Es sollte seine letzte Aufgabe sein, bevor er sich zur Ruhe setzte.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit dauerte es noch einige Stunden und so hatte der Sternenzähler genügend Zeit, um sich umzusehen und vor allem zuzusehen, den Motor seines Flugobjektes wieder zum Laufen zu bringen. Es schien nicht wirklich etwas Brauchbares in der Nähe zu sein, was er zur Reparatur hätte verwenden können. Also kramte er in seinen eigenen Sachen, um dann –  mehr oder weniger erfolgreich – mit einem alten, verrosteten Schraubenschlüssel herumzuhantieren. Plötzlich machte der Motor ein lautes Geräusch und dicke Rauchschwaden schossen heraus, was unseren Sternenzähler abrupt zum Keuchen und Husten und Fluchen brachte.

Lautes Gelächter ertönte auf einmal neben ihm. Der Sternenzähler hatte große Schwierigkeiten, durch den Rauch hindurch die Gestalt zu erkennen, die ihn dermaßen hämisch auslachte. Er erspähte lange Arme und Beine und einen scheinbar endlosen Schwanz, der sich ununterbrochen hin und her bewegte. „Wer bist du?“, fragte der Sternenzähler röchelnd. „Ich kann dich nicht sehen durch den vielen Rauch.“ Erst als dieser etwas verpufft war, konnte er ihn erkennen: Den schadenfrohen, gelbgrauen Affen, der sich nun endlich beruhigte, sich auf einen der abgesägten Baumstämme hinhockte und den Fremden mit dem eigenartigen Fortbewegungsmittel neugierig observierte.

„Ich weiß zwar nicht, was das für ein Ding da ist, aber es scheint Schrott zu sein, würde ich sagen. Definitiv“, kicherte der Affe und kratzte sich dabei am Arm. „Ich bin ein Spinnenaffe und wohne da hinten mit den anderen, wo die Bäume noch ganz sind. Wir arbeiten für die Menschen, die unseren Wald roden, damit sie uns ein paar Quadratmeter Wald übrig lassen, das haben sie uns versprochen. Wir arbeiten an ihren Maschinen, mit denen sie die Bäume abholzen. Aber sind nicht mehr so viele. Von meiner Art, meine ich. Und von den Bäumen. Alles wird weniger und weniger.“ Der Spinnenaffe machte ein betrübtes Gesicht. „Aber du bist jetzt ja dazugekommen“, lachte er nach einer kurzen Pause. Der Sternenzähler war etwas verwirrt von dem seltsamen Tier, das offensichtlich sehr erfreut war, ihn zu sehen. Na ja, war auch nicht verwunderlich. Wenn die Welt um einen herum verschwindet, schenkt eine neue Begegnung Hoffnung. Also versuchte der Sternenzähler freundlich zu sein, auch wenn er gerade nicht in der Stimmung dazu war. „Nun, womöglich bräuchte ich deine Hilfe. Weißt du, ich bin der Sternenzähler und mein Raumschiff hat die Landung auf deinem Planeten nicht gut überstanden. Vielleicht kannst du mir helfen, es zu reparieren. Ich bin nämlich hier, um die Sterne zu zählen und beides gleichzeitig schaffe ich wohl nicht.“ „Zählen kannst du?“, fragte der Spinnenaffe erstaunt. „Und auch noch so weit, wie es Sterne gibt? Das kann ich nicht glauben! Ich kann nicht mal bis … ähm bis …“ Das Tier hielt drei seiner Finger hoch.„Drei zählen?“, führte der Sternenzähler den Satz des Spinnenaffen zu Ende. Das Tier lächelte und bestaunte den merkwürdigen kleinen Mann mit dem ungewöhnlichen Aussehen, der irgendwann vorschlug: „Weißt du was, ich helfe dir dabei, zählen zu lernen und du hilfst mir dabei, das Ding hier wieder zum Fliegen zu bringen. So profitiert ein jeder vom Können des anderen!“ Der Spinnenaffe war so aufgeregt und begeistert von besagter Idee, dass er seinen schlaksigen Affenkörper erst mal eine Runde auf den noch vorhandenen Bäumen schwang und er wie wild herumschrie. Der Sternenzähler zweifelte an der Vereinbarung, die das Tier und er sich eben gegeben hatten, aber es war vermutlich die einzige Möglichkeit, von diesem schrecklichen Planeten mit seinen verrückten Bewohnern wieder wegzukommen. Und er konnte sich aufs Sternenzählen konzentrieren, sofern der naive Affe nicht völlig seine Aufmerksamkeit einforderte.

Sie arbeiteten nachts. Der Sternenzähler setzte sich mit seinem dicken, schwarzen Notizbuch und seinem goldenen Füller auf einen großen, fein säuberlich abgesägten Baumstumpf und ging seiner eigentlichen Bestimmung nach, während der Spinnenaffe weiter hinten am Flugobjekt herumwerkelte, ohne seinen neuen Freund beim Zählen und Festhalten der glitzernden Himmelspunkte zu stören. Nichtsdestotrotz ließ er es sich nicht nehmen, immer wieder mal zu lauschen und fasziniert hinzusehen, wie der kleine Mann aus dem fernen All seine Arbeit verrichtete. Konzentriert und eifrig sprang dessen Zeigefinger in der Luft von einem Stern zum nächsten – so sah es zumindest aus der Perspektive des Affen aus. Der Sternenzähler wisperte dabei unverständlich vor sich her, nur zwischendurch konnte der Spinnenaffe seltsame Zahlen vernehmen, von denen er noch nie gehört hatte. Gebannt vom meditativen Zählen vergaß das Tier immer wieder mal das zu reparierende Raumschiff. Sobald sich der Himmel erhellte und die Sterne in ihm verblassten, legten die zwei sich bis vor kurzem noch Fremden für einige Stunden zum Schlafen hin. Tagsüber erteilte der Sternenzähler dem Affen mathematische Lektionen und sie stärkten sich mit Früchten, die dieser aus dem tiefen Dschungel besorgte. Fünf Tage und fünf Nächte lang zog sich ihre Übereinkunft hin und in der sechsten Nacht wurde der Spinnenaffe mit dem Raumschiff schließlich fertig. Der Sternenzähler, der noch völlig vertieft seine Arbeit zu Ende führte, merkte nicht, dass der Affe sich zu ihm setzte und ihn wieder einmal beim Sternenzählen beobachtete. Zutiefst beeindruckt war der Spinnenaffe vom Können seines neuen Freundes und er lächelte ihm zu, als dieser endlich den Blick von seinem schweren Notizbuch löste. Die Aufgabe der letzten Tage schien dem Tier gut zu tun und überraschenderweise spürte auch der Sternenfänger in sich selbst eine Veränderung. Eine Gelassenheit, die er – wie er nun bemerkte – schon lange nicht mehr in sich trug, legte sich wohlwollend, wie ein Seidentuch, über ihn. Wie konnte es passieren, dass sich Dringlichkeit und Arbeit ihn dermaßen vom Wesentlichen ablenkten?

„Es stimmt, was man sich erzählt“, sagte der Sternenzähler schließlich mit ruhiger Stimme. „Das Firmament ist von diesem Planeten aus tatsächlich am allerschönsten. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe schon viele Orte bereist in meinem langen, langen Leben.“ Der Spinnenaffe, überrascht und erfreut über diese Worte, entgegnete: „Vielleicht haben wir es uns verdient, ihn auch mal zu genießen. Komm, lass uns einfach die Beine hochlegen und lassen den Himmel auf uns wirken.“ Der Sternenfänger hatte seine Lebensaufgabe beendet, alle Sterne waren gezählt. Warum also nicht? Die beiden ungleichen Freunde legten sich nebeneinander ins kühle Gras und schauten nach oben. Auf diese riesige schwarze Fläche mit den weiß leuchtenden Punkten. Keiner gleich wie der andere. Ein jeder für sich und doch einer von vielen. Der Spinnenaffe begann eine Melodie zu summen und der Sternenzähler merkte, wie dankbar das Tier für diesen Moment war, einen Augenblick, der ihn – wenn auch flüchtig – aus seiner ausweglosen Situation rausholte. Auch wenn die Welt um sie herum zu erlischen drohte: Der Anblick des gewaltigen Sternenzeltes ließ all ihr Sorgen schrumpfen. Auch der Sternenfänger spürte sie, diese Zufriedenheit, von der alle immerzu sprachen und die der Augenblick ihm nun schenkte. Oft schon war er den Himmel auf und ab geflogen, hatte in ihm gewohnt und so oft hatte er ihn schon betrachtet, und doch sah der Sternenfänger ihn nun zum ersten Mal wirklich. Fühlte ihn. Nach abertausenden von Jahren.


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Wo die Welt einkehrte

Geschichten sind Farbkasten-bunt.

Sie haben ihren Klang und ihre Melodie.

Sie riechen nach Freiheit, nach süßer Freiheit.

Geschichten blühen und verwelken nie.

Geschichten nehmen dich überall mit,

denn sie verwandeln jeden Ort in ein Universum.


In einem abgeschiedenen Tal, irgendwo im Süden, gab es einen Ort, über dem die Wolken an fast allen Tagen im Jahr schwer hingen und das Grau schien sich nicht nur in den Häuserfassaden, sondern auch in die Natur, ihrem Gras, ihren Blumen und Sträuchern eingenistet zu haben. Die Gassen des Dorfes waren menschenleer, nur selten konnte man seine Bewohner antreffen. Es wirkte beinahe so, als hätten sich alle in ihren kleinen Häusern verbarrikadiert, als wolle niemand mit dem anderen etwas zu tun haben. Eine jede Tür und ein jedes Fenster waren verschlossen. Ab und an verirrten sich wieder Besucher in das verschlafene Dorf und ergötzten sich an der ungewöhnlichen Stille, der melancholischen Monotonie und den bejahrten, aber schmucken Häuschen. Die Leute, die hierher kamen waren erstaunt, niemandem zu begegnen, aber es störte sie nicht, ganz im Gegenteil. Sie genossen es, das nackte und unbewegliche Umfeld zu erleben und die einzige Kraft zu sein, die in den verwinkelten Straßen wirkte. Tatsächlich war es also so, dass der Ort wie abgekapselt war von all den Geräuschen, den Farben, der Ruhelosigkeit, den Bewegungen, vom Rest der Welt.

Eines Tages aber, als der Sommer seine drückend heiße Luft ins Tal schickte, zog die Welt ein ins besagte Dorf – in Form einer alten, aber kecken Frau, die nichts weiter bei sich trug als einen weiß-violett gepunkteten Sonnenschirm und einen zerfledderten, braunen Koffer, der wohl gleich viele Jahre auf dem Buckel hatte wie seine Besitzerin. Frohen Mutes schlenderte sie durchs Dörflein, in das sie sich innerhalb der ersten zwei Minuten verliebt hatte, und begutachtete einen jeden Stein, eine jede Pflanze, ein jedes Straßenschild und eine jede Abzweigung.  Sie atmete die fast unverbrauchte Luft ein und sah sich an den Dächern satt, die nach den schützenden, über sie wachenden Händen des Nebels lechzten. Ihr war bewusst, dass der Ort hier ein besonderer war, aber es war schwierig zu erklären, in welcher Form er es war. Besonders in seiner Schönheit, aber auch in einer herzbewegenden, etwas traurigen Schwere, die seine Verlassenheit heraufbeschwor.

Nach einer Weile des Herumflanierens beschloss die Alte, ihren schweren Koffer und ihren Sonnenschirm abzulegen und sich auf eine Steinmauer hinzusetzen. Die alte Frau wollte diesen wunderbaren Ort beschenken, so beschloss sie das zu tun, was sie am besten konnte: Geschichten erzählen und Magie verbreiten. Also öffnete sie ihren verschlissenen Koffer und ließ die bunten Farben ihrer Geschichten heraus, die darin eingepackt waren. Die Farben zogen ihre Kreise im Dorf, das knallige Rot klopfte an die Haustüren der Menschen, das berauschende Blau färbte die tief hängenden Wolken ein und das belebende Gelb setzte sich in die Gassen, um diese zu beleuchten. Und da rüttelte es unverhofft an den einen, dann an den anderen Fensterläden, und das Knirschen in den Türen war der Beginn einer neuen Melodie dieses verstummten Ortes. Plötzlich setzten seine Bewohner ihre Füße auf die Straße und alle, wie sie in ihrer Anzahl doch recht viele waren, folgten dem unverhofften Ruf. Sie vernahmen flüsternde Worte, die mehr versprachen zu sein als nur das. Sie waren verzaubert von dem Bunt, das in ihrem Zuhause plötzlich Einzug gehalten hatte und waren neugierig auf mehr.

Welch ein einzigartiges Bild bot sich da den glückseligen Vögeln, die gerade über das Dorf zogen! Ein Kreis von Menschen, die viel zu lange in ihren Häusern gehockt hatten, versammelte sich nun um die Frau, die die ganze Welt in einem einzigen Koffer bei sich trug, und lauschte gespannt ihrer Stimme. Eine Flut an Buchstaben, Wörtern und Sätzen strömte aus ihrem Mund, ja ein Meer an vielgestaltigen Bildern:

Süße Regentropfen. Feuriges Chili. Sandige Berührungen. Rhythmische Trommelmusik. Sich an steil abfallenden Klippen brechende Wellen. Bunte, selbstgeschnitzte Ketten. Romantische Bergkulissen. Bibbernde Nächte im Auto. Drinks im Iglu. Kreischende Papageien. Blinkende Lichter vom Dunkel des Ozeans. Leere Popcorntüten. Gänsehautverursachendes Pianogeklimper. Sehnsüchte nach Ländern, nach Menschen. Nie versendete Briefe. Fotos an Wänden. Fische, die an den Füßen kitzelten. Der Blick nach oben. Der Blick nach unten. Grenzenlose Freiheit. Rosa Wolken. Heiße Sonnenstrahlen, die das Salz auf der Haut eintrockneten.

Wie es nun mal so war, schuf auch dieser Schatz an Geschichten wiederum neue Bilder, Erinnerungen und Erzählungen; in diesem Falle waren es die lauschenden Menschen inmitten eines Dorfes, die bisher ihre Ohren verschlossen hielten. Aber die Türen waren jetzt offen und die Fenster nicht mehr verdunkelt und die karge Umgebung wich etwas Prächtigem – fast so, als sprühte jemand mit einer Farbdose ein Graffiti auf die Gemäuer, Häuser und Straßen. Fast so, als streute jemand bunten Glitzer in die Luft, der genau dort liegen blieb, wo es ihn brauchte. Fast so, als wuchsen aus jedem Riss des Asphaltes kleine bunte Blümchen. Fast so, als hätte ein großer, in Wasserfarben getauchter Pinsel über das Stadtbild gewischt und einen Regenbogen darauf hinterlassen. Und jede Geschichte, die die alte Frau aus ihrem Koffer packte, bewirkte dieses Wunder ein kleines bisschen mehr. Sie freute sich darüber, dass die Menschen, die ihr Gehör schenkten, nun bis über beide Ohren strahlten und schon alleine deshalb veränderte sich der Ort. Es wurde heller und – weil das Geschichten nun mal mit der Welt so machen – bunter. Viel viel bunter.


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Die Bestie, ihr Begleiter

Es schien, als ob lautlose Schritte über den Asphalt huschten. In Wirklichkeit waren es insgesamt sechs Beine, die die breite, menschenleere Straße entlang liefen. Zwei von ihnen allerdings, es waren die Kinderbeine eines Mädchens, glaubten, alleine ihren Weg zu gehen. Unangestrengt, leichtfüßig. Sie bemerkten die anderen gar nicht und darum gingen sie in ihrem eigenen Tempo. Fröhlich, unbeirrt, erwartungsvoll.

Viele, viele Jahre war der Weg der Leichtfüßigen der selbe. Mal hatten sie laute Menschen an ihrer Seite, mal leise, mal welche, die viele Kilometer mit ihr gingen. Manche blieben nur kurz bei ihr, andere blieben. Aber wie es nun mal so ist, auf diesem langen Weg des Lebens, hat man ihn am Ende doch irgendwie alleine zu bewältigen. Auch der des Mädchens war manchmal anstrengend, steinig und steil und umständlich zu begehen, aber sie meisterte ihn mit Bravour, Optimismus und kindlicher Unbekümmertheit. Jeden einzelnen Meter davon. Und so war sie immer schwebend und es war tatsächlich so, dass man sie kaum vernehmen konnte, diese leichtfüßigen Kinderbeine jenes Mädchens, das noch nicht ahnen konnte, wie stark sie war.

Die vier anderen, unbemerkten Beine gehörten einem wilden Tier, das mal zahm und umgänglich, aber auch ungestüm und grausam sein konnte. Es zerfleischte und riss einen in tausend Stücke, bevor es dann zum besten Freund werden konnte. So kann man sagen, dass dieses Tier auch der einzige treue Begleiter unserer Leichtfüßigen war. Ihr war der beharrliche Weggefährte lange Zeit egal, da es das Vieh nie so richtig bemerkte. Aber irgendwann fletschte es dann doch seine Zähne. Und die Leichtfüßige erschrak sich vor dem blutrünstigen Maul, das ihren Weg, den sie so lange ja beinahe schwebend beschritten hatte, in tausend Stücke riss. Der Asphalt brach auf, verschlang alles Grüne und Blühende, das am Wegesrand aus der Erde sprießte und die Straße glich mehr und mehr einem Trümmerhaufen, von dem unsere leichtfüßigen Kinderbeine nicht mehr herauskommen vermochten. Plötzlich knirschte und knackste es unter ihren Fußsohlen und die Leichtfüßige wusste gar nicht mehr wohin mit den vielen Eindrücken. Mit dem Chaos vor ihren Augen, dem Lärm unter ihren Beinen und dem Schmerz in ihrem Inneren. Sie weinte und die Menschen um sie herum, die ihr Leben lang nichts anders versuchten, als das Mädchen zu beschützen, hatten Mühe, es in diesem Durcheinander zu tragen. Leider waren manch ihrer Versuche vergebens und Kämpfe umsonst gefochten. Dann blieb der Leichtfüßigen nichts anderes übrig, als in das blutrünstige Maul hinein zu starren und ihm zu trotzen. Die um sich schlagenden Pfoten der Kreatur abzuwehren, so gut es eben ging. So lange, bis sich das Maul wieder schloss und seine Beine den Boden wieder feste berührten. Sie sich wieder dem Tempo des Mädchens anpassten und ihre Beschützer fast genauso beruhigt loslassen konnten. Und siehe da, die Leichtfüßige zog weiter. Sie hatte einige Schrammen abbekommen und ja, womöglich auch tiefere Narben, aber sie war noch da. Und sie schritt voran.

Nein, die Geschichte ist mit diesem plötzlich auftretenden Ereignis und dessen Ende selbst nicht zu Ende, und es gibt auch kein Happy End im herkömmlichen Sinne. Denn das Ende dieses einen Ereignisses bedeutete nicht, dass das launische Tier nun seine Ruhe gab, bei weitem nicht. Je weiter die Leichtfüßige voranschritt, desto öfter und desto brutaler schlug die Bestie zu. Biss sie hier, zerrte an ihr und versuchte sie in das Loch zu reißen, das sich immer von Neuem auftat. Aber irgendwie schaffte es das Mädchen, das irgendwann kein Kind mehr war, dem immer wieder zu entkommen. Und so kam es, dass die Leichtfüßige zu ihrem zwielichtigen Begleiter eine seltsame Beziehung aufbaute. Sie verabscheute das Tier an ihrer Seite und liebte es zugleich. Sie hielt Ausschau nach ihm und fürchtete sich gleichzeitig vor seiner Rückkehr. Sie verachtete es und verehrte es zur gleichen Zeit. Es war ihr schlimmster Feind und doch ihr verlässlichster Freund.

Einmal, als der Weg der Leichtfüßigen sie auf einen wiesenbehangenen Hügel führte und es ein dunkler Tag voller Wolken und Regen war, kam es zu einem heftigen Kampf zwischen ihr und dem Vieh. Noch nie zuvor hatte die Leichtfüßige dermaßen Widerstand leisten müssen. Aber  auch dieses Mal ließ sie sich nicht unterkriegen. Als sich die Bestie endlich wieder beruhigt hatte und selbst müde war von dem Unfrieden, den es wieder einmal gestiftet hatte, suchte es Schutz unter einer Baumkrone. Irgendetwas war nach diesem letzten Angriff anders und aus irgendeinem Grund konnte die Leichtfüßige ihn zum ersten Mal richtig sehen. Sie wusste nicht ganz, was sie von der erschöpften Bestie halten sollte, die sich wieder einmal die Zähne an ihr ausgebissen hatte und wusste auch nicht, ob sie etwas zu ihr sagen sollte. Also setzte sich die Leichtfüßige unter einen zweiten Baum und wartete. Beobachtete ihren langjährigen Begleiter, der sie so oft verletzt, aber gleichzeitig dermaßen stark gemacht hatte. Sie starrten sich an, die Leichtfüßige und ihr Begleiter und es geschah in diesem Moment nichts weiter, als dass die Erde um sie herum sich weiterdrehte, der Regen vom Himmel fiel und das Gras auf dem Hügel nass und nasser wurde. Nach einigen Minuten erhob sich die Leichtfüßige, ging zum anderen Baum und legte ihre Hand behutsam auf die Wange des Tieres. „Jetzt geh ich meinen Weg einmal ohne dich“, flüsterte sie ihm zu und seine erschöpften, aber treuen Augen verrieten ihr, dass ihr Begleiter sie für eine Zeit lang ziehen lassen, aber eines Tages ganz bestimmt wieder an ihrer Seite laufen würde. Weil er in ihrem Schatten wohnte.


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Der Tränensee

Vor vielen hundert Jahren, da war der große Montiggler See und der ihn umgebende Wald ein magischer Ort. Unter den Wurzeln der Bäume lebten tüchtige Gnome, im Wind die scheuen Waldgeister und im Gewässer die schönen, aber unberechenbaren Seenixen. Sie alle lebten im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten und sie waren zufrieden und friedvoll miteinander. Eines frühen Sommertages jedoch kamen Menschen in den Wald. Keines der fantastischen Wesen wusste, woher sie kamen und was ihre Absicht war, aber ihre Ruhe wurde durch sie bitter gestört. Das malerische Fleckchen Erde, das bisher nur ihnen vorbehalten war, wurde durch das Betreten der Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht. So sahen es zumindest die Nixen, die tief leider nicht immer gute Absichten hatten. Die böse Verlockung, den Eindringlingen eine Lektion zu erteilen, war dermaßen groß, dass sie nicht anders konnten, als die Menschen mit ihrer Schönheit und vermeintlichen Freundlichkeit zu täuschen. Die Seenixen setzten sich verheißungsvoll auf große Steinen am Seeufer und zogen die Menschen in ihren Bann. Die fanden die betörenden Frauen mit der Fischflosse so fesselnd und verführerisch, dass sie sich ihrer Anziehungskraft nicht entziehen konnten und sich von ihnen ins Wasser führen ließen. Dort aber zogen die Seenixen die Menschen in die Tiefe, um sie so für immer loszuwerden. Als die Seenixen ihre Arbeit getan hatten, schwammen sie ans Ufer, um sich auszuruhen und in der Sonne zu liegen. Sie lachten und sangen und waren heiter, als wäre nichts geschehen.
Die Älteste der Seenixen aber war auf der anderen Seite des Sees hinter einem Felsen geblieben und weinte bitterlich. Sie hatte ein gutes Herz, voller Liebe und Gutmütigkeit. Mit Bedauern hatte sie mitangesehen, was ihre Schwestern den armen Menschen angetan hatten. „Das haben sie nicht verdient“, dachte die gute Seenixe, „und ich habe tatenlos zugesehen. Das macht mich bei Weitem nicht besser.“ Sie schwamm zu den anderen ans Ufer, erpicht darauf, ihren Schwestern ins Gewissen zu reden. Doch sie erntete nur Spott und gehässiges Lachen. „Und wenn sich noch eine Menschenseele hierherwagt, dann erleidet sie dasselbe Schicksal“, riefen die anderen Seenixen boshaft. Die gute Nixe war enttäuscht und wurde von Schuldgefühlen regelrecht zerfressen. Sie beschloss, einzuschreiten und den Menschen zu helfen, falls es noch einmal dazu kommen. Aber lange Zeit geschah nichts, und im Wald war alles wie früher. Die Vögel zwitscherten, die Sonne schenkte immerzu ihr wärmstes Licht und die Bewohner des Waldes schienen den Vorfall vergessen zu haben. Für die gute Nixe allerdings, war die Idylle trügerisch, denn sie wusste um das Böse in ihren Schwestern und dass dieses nur so lange im Verborgenen bleiben würde, wie sie es für richtig hielten.

Ihre Vermutung bewahrheitete sich, denn im schwül-heißen Sommer kamen erneut Menschen in den Wald und suchten nach Abkühlung im kühlen Nass. Wie beim ersten Mal setzten sich die Seenixen in all ihrer Pracht auf die Felsen und lockten die Menschen heran, führten sie hinaus in den See und rissen sie in die Dunkelheit. Die gute Seenixe, die dieses Mal einschreiten wollte, wurde von zwei ihrer Schwestern festgehalten. So waren auch diese Menschen verloren.
Bei Nacht, als ihre Schwestern schliefen, suchte sie im dunklen Wasser nach den ertrunkenen Menschen und barg sie. Über einen schmalen, fast schon ausgetrockneten Wasserlauf trug die gute Nixe die Toten zu einem mit dem See verbundenen Tümpel, beweinte sie und streute Seerosen ins flache Wasser, um ihnen zumindest einen würdigen Abschied zu schenken. Seit jener Nacht kamen jedoch täglich Menschen an den See und nicht ein einziges Mal konnte die gute Seenixe auch nur einen von ihnen retten. Ihre Schwestern wurden vom Bösen in ihrem Inneren getrieben, verfielen in einen Todesrausch und ließen einen Menschen nach dem anderen im Wasser verschwinden.
Irgendwann verließen die Gnome ihre Behausungen und zogen weiter, denn sie fühlten sich in ihrem einstig beschaulichen Walde nicht mehr wohl. Die Geister waren ebenso verschwunden und die gute Seenixe schien ganz alleine zu sein mit ihrem wohlgesinnten Herz und ihrer unbändigen Traurigkeit. Nacht für Nacht musste sie nun Menschen in den Tümpel bringen und jedes Mal benetzte die Seenixe die Toten mit ihren ehrlichen Tränen. Sie weinte so viel, dass der Tümpel von Mondenschein zu Mondenschein größer und größer und schließlich zu einem kleinen See wurde.

Es waren schon beinah alle Blätter von den Bäumen gefallen, da passierte eines Nachts etwas Seltsames. Die Nacht war schlimmer und trauriger als alle Nächte zuvor. Die gute Seenixe vermochte mit dem Tränen-Vergießen gar nicht mehr aufzuhören, da leuchtete der kleine See plötzlich grün und funkelte und dutzende von Geistern erhoben sich aus dem Wasser und flogen über dem Kopf der Seenixe hinweg. Sie bekam es mit der Angst zu tun. „Wir sind die Waldgeister aller Wälder dieser Erde. Wir schauen in die Herzen ihrer Bewohner, um Frieden in der Natur zu schaffen. Deinen Schwestern wird das Schicksal der Starre und Unveränderlichkeit zuteil, denn sie bringen Tod und Verderben in diesen Wald.“ „Ich wollte es verhindern, ich wollte es wirklich …“, wimmerte die gute Seenixe. „Wir wissen, dass dein Inneres edel und gutmütig ist, aber die erste Probe hast auch du nicht bestanden. Darum können wir dich nicht ganz verschonen, jedoch soll es dir nicht schlecht ergehen. Wir wollen deinen Geist verschonen und ihm die Freiheit gewähren, die ihm gebührt, aber dein Dasein wird nicht mehr das selbe sein. Darum weine noch so lange du kannst, dein Wandel wird bald passieren!“ Mit diesen Worten verschwanden die Geister als grüne Lichtpunkte zwischen den Bäumen in der Dunkelheit. Die gute Seenixe blieb alleine am kleinen See zurück und weinte und weinte und konnte gar nicht mehr damit aufhören. Sie weinte so lange, bis der See wunderbar mit Wasser gefüllt, sie selbst aber erstarrt war. Ihr Körper war zu weißem Stein geworden, aber ihre Gedanken, ihre Gefühle und ihr Wesen waren noch frei. Und so blickte die Seenixe auf den kleinen See, der ihren Tränen und ihrer Gutherzigkeit entsprungen war und beobachtete, wie er lebendig wurde und Tiere Einzug hielten. Das machte sie glücklich und half ihr dabei, ihr Schicksal anzunehmen. Ihre Schwestern aber waren gänzlich hinfort, sie wurden zu belanglosen kleinen Steinen in der düsteren Tiefe des großen Sees.

Als der Winter über den Montiggler Wald hereinbrach, die zwei Seen zufrieren ließ, und die Seerosenblätter und die versteinerte Seenixe mit weichem Schnee bedeckte, da setzte ein Mensch seinen Fuß in den Wald. Er ging Schritt für Schritt, sog die saubere Waldluft ein und war verzaubert von der Schönheit und der Stille des winterlichen Sees. Am kleinen See entdeckte der Mensch etwas Ungewöhnliches am Ufer. Vorsichtig klopfte er den pulvrigen Schnee ab und sah eine herrliche und makellos weiße Figur aus Stein vor sich. Sie war halb Frau, halb Fisch und versprühte eine unbeschreibliche Magie. Der Mensch ahnte es: Diese zauberhafte Seenixe hätte eine Geschichte zu erzählen, wenn sie es nur könnte.

Anmerkung der Autorin:

Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Gartenhotel Moser****s Wellness- und Lifestyleresort im Rahmen eines Geschichtenbüchleins entstanden.


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Die Schlosszwerge

Eine Heimatsage

Wer kennt es nicht, das märchenhafte Schloss am Ufer des großen Montiggler Sees? Den Ort am See, an dem man glaubt, der Welt kurz zu entfliehen und man in eine wunderbare Idylle taucht? An dem Stille mit einem traumhaften Ausblick aufs Wasser einhergeht? Ja, dort in Montiggl am Schlösschen ist ein wundervolles Plätzchen, doch ihr müsst wissen, dass das Schlösschen beinahe nicht dort gestanden hätte, wo es eben heute steht. Und vielleicht wäre es auf keinen anderen Platz dieser Welt gestanden, wenn nicht… Ach, aber erstmal von vorne. Denn um die sagenumwobene Geschichte des Seeschlosses zu verstehen, müsst ihr als allererstes wissen, dass es früher im Montiggler Wald vor Zwergen nur so wimmelte. Jaja, Zwerge, ihr habt schon richtig verstanden. Diese kleinen, gnomartigen Wesen mit den filigranen Körperchen und den Zipfelmützen auf dem Kopf. Die Moore und Weiher des Purzelmoos und Langmoos nannten sie für viele hundert Jahre ihr zuhause. Sie lebten friedlich und harmonisch, aber wie ihr es euch schon denken könnt, blieb das nicht immer so. Es gab nämlich ein paar Zwerge, denen das feine Zusammenleben mit den anderen Zwergen nicht genügte. Sie hatten es satt, alles in ihrem Zwergendasein mit den anderen zu teilen und wollten ebenso wenig bis ans Ende ihrer Tage in diesem Abschnitt des Waldes verharren. Aus diesem Grund verkündeten Polor, Kumi und Agumar eines Tages ihren Plan, die Moore zu verlassen und sich irgendwo anders anzusiedeln.

„Ihr könnt doch nicht einfach von hier fortgehen und uns im Stich lassen! Das hat noch kein Zwerg je zuvor gemacht“, rief der Zwergenälteste empört.

„Wir sind auch keine so dummen Zwerge, wie ihr es seid oder wie es unsere Vorfahren waren. Wir wollen nicht mehr mit euch teilen, was uns gehört und außerdem…  können wir den langweiligen Tümpel hier nicht mehr sehen“, schimpfte Polor mit wild rumfuchtelnden Händen.

„Aber gerade jetzt, seid doch nicht töricht! Der große Regenfall wird bald kommen und wir brauchen jede fleißige Hand, um unser Schlösslein zu erbauen, von dem wir schon so lange sprechen.“

Kumi johlte: „Baut euch eure Unterschlupf doch selber,  wir machen uns unser eigenes Schloss!“

„Genau“, stimmte Agumar seinem Zwergenfreund zu, „und unseres wird noch viel größer und schöner als eures werden!“

Die drei Zwerge lachten hämisch, machten sich auf und davon und ließen die anderen Zwerge mit offenen Mündern zurück.

Man würde meinen, dass so viele Zwerge, die auf einen Haufen lebten, und die sich ein Schlösschen als sicheren Unterschlupf bauen wollten, dass es da auf drei  Zwerge mehr oder weniger nicht mehr ankommen würde. Doch ihr irrt euch, es kam genau auf diese fehlenden sechs Händchen an, man glaubt es kaum. Sobald Polor, Kumi und Agumar fort waren, begannen die verbliebenen Zwerge sofort mit dem Aufbau des Schlösschens. Sie trugen schwere Steine herbei, setzten einen auf den anderen und schufteten und schufteten tagein, tagaus. Es war nicht mehr lange hin, bis dass der große Regenfall kommen sollte und bis dahin, sollte ihre Festung fertig sein. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr sich die Zwerge bemühten und beeilten, aber als die dicken, grauen Gewitterwolken den Himmel verdunkelten und die ersten Tropfen fielen, fehlten am Dach noch die wichtigen Ziegel. Um nach oben zu gelangen, kletterte ein Zwerg auf die Schultern, einer über den anderen, sodass eine hohe Zwergenleiter entstand. Doch ganz oben auf der Spitze, da fehlte ihnen noch ein halber Meter, um den letzten Ziegel hinaufzusetzen. Genau hier brauchte es nun die drei Zwerge, die jedoch fortgegangen waren. Die Zwerge verzweifelten und überlegten hin und her, um eine Lösung für ihr Problem zu finden. Ob sie eines fanden, dazu kommen wir später, lasst uns zuerst einen Blick auf die drei Ausreißer werfen.

Polor, Kumi und Agumar waren nach ihrem Aufbruch frohen Mutes und auch ein wenig schadenfroh. Sie lachten über die verzweifelten Gesichter der zurückgelassenen Zwerge und waren sich sicher, dass diese vor Neid platzten. Niemand von ihnen hatte je den Mut aufgebracht, wie sie es taten. Darum fühlten sich die drei Zwerge groß und besonders. Sie wanderten durch den grünen Montigglerwald, entdeckten neue Bäume, neue Gräser und Steine und waren einfach nur froh, das tun zu können, was ihnen gerade in den Sinn kam. Irgendwann lichtete sich der Wald und sie kamen an einen wunderschönen Platz. Noch nie zuvor hatten sie etwas Vergleichbares gesehen (wie auch?). Es war ein See, riesengroß, mit Farben der Gräser und des Himmels und Harmonie lag in der Luft, da blieb selbst den frechen Zwergen kurz die Spucke weg.

„Hier wollen wir bleiben“, sprach Polor überzeugt.

„Gut, dann machen wir uns an die Arbeit, lasst uns hier unser Schlösschen bauen! Bevor der große Regen kommt“, rief Kumi voller Enthusiasmus.

Die drei wollten schon loslegen, da fiel ihnen auf, dass sie gar nicht loslegen konnten. Schon beim Versuch, den ersten Stein hochzuheben, scheiterten sie kläglich.

„So weit haben wir gar nicht gedacht… zu dritt schaffen wir es ja nicht mal einen Stein zu legen“, keuchte Agumar und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Ach was soll`s… Dann legen wir uns eben ein bisschen ans Ufer und machen gar nichts. Wenn der Regen kommt verstecken wir uns eben unter einem kräftigen Baum… So schlimm wird’s schon nicht werden“, meinte Polor, legte sich gemütlich ans Ufer, steckte seine Zehen ins kühle Nass und kaute genüsslich an einem Grashalm herum. Die zwei anderen taten es ihm gleich.

Kumi schwärmte: „Hach, wie gut das tut, einfach mal nichts zu tun!“

„Wirklich schön, wirklich schön ist das“, pflichtete ihm auch Agumar bei und deutete zum Himmel. „Seht ihr, die Wolken vom großen Regen? Sie ziehen über uns hinüber.“

Einige Minuten lagen sie dort und sahen den grauen Wolken am Himmel zu, wie sie eine dichte und düstere Decke bildeten über den Ort, den Polor, Kumi und Agumar noch bis vor Kurzem ihr zuhause nannten.

„Hmm“, murmelte einer von ihnen irgendwann leise, „da oben scheint es bald richtig los zu gehen. Mit dem Regen meine ich… Glaubt ihr, die anderen haben das Schlösschen fertig gebaut?“

„Bestimmt, sie sind ja so viele. Obwohl… Vielleicht sollten wir doch mal nach ihnen sehen, was meint ihr?“

Die drei Ausreißer diskutierten eine Weile, aber es war tatsächlich so, dass ihr anfänglicher Übermut vom Gewissen gebremst und dem Familiensinn und Pflichtbewusstsein wich. Darum zogen sie sich wieder ihre Schuhe an und machten sich auf dem kürzesten Weg zurück in die Moore. Sie liefen so schnell sie ihre kleinen Füßlein trugen, während sich die Wolken immer mehr über ihnen verdichteten.

„Wir müssen uns beeilen“, rief Agumar. „Nicht, dass wir noch zu spät kommen!“

Die ersten Tropfen fielen schon vom Himmel, als die drei Zwerge am Schloss der anderen Zwerge ankamen, die gerade eine große Leiter machten, um den letzten Ziegel aufs Dach zu setzen. Was ihnen nicht gelang, denn es fehlte noch ein halber Meter. Es fehlten Polor, Kumi und Agumar. Die drei sausten wie der Blitz über die Zwergenleiter hinauf, wurden von allen bejubelt und begrüßt, und bildeten am Ende der Leiter die oberste Spitze. Es war Kumi, der schließlich den letzten Ziegel aufs Dach setzte.

„Hurra“, riefen alle Zwerge. „Wir haben es geschafft!“

„Jetzt schnell hinein ins Schloss“, rief einer der Zwerge und so huschte ein Zwerg nach dem anderen ins Innere ihrer Festung. Keine Sekunde zu früh, das könnt ihr mir glauben, denn sobald der letzte Zwerg im Schlösschen war und das Tor hinter sich zumachte, begann es wie aus Kübeln zu schütten.

„Danke, dass ihr zurückgekehrt seid! Ihr habt uns gerettet“, sprach der Zwergenälteste im Namen aller.

„Wir gehören doch zusammen“, antwortete Polor lächelnd, „und es tut uns leid, dass wir dachten, wir wären besser als ihr. Solch einen bösen Gedanken wollen wir nie wieder in unsere Köpfe lassen!“

Die Zwerge nahmen sich alle an die Hand und warteten bis der große Regen zu Ende war. Sie lauschten dem Donner und dem Prasseln der Millionen Wassertropfen und warteten und warteten. Erst nach drei Tagen und drei Nächten war es vorüber und die ersten Sonnenstrahlen lockten die Zwerge wieder aus dem Schloss. Da sahen sie, dass der Boden so nass und matschig war, dass es eine Last gewesen wäre, hier weiterhin zu leben und zu arbeiten. Bevor die Zwerge jedoch in tiefe Verzweiflung stürzten, schlugen die drei Rückkehrer vor, zu dem Ort zu gehen, an dem sie noch vor einigen Tagen die Füße ins Wasser gehalten hatten.

„Es wird euch dort sicher gefallen“, rief Polor enthusiastisch.

„Von hier weggehen? Also ich weiß nicht…“, grübelte der Älteste.

Da riefen einige Zwerge aus der Menge: „Warum eigentlich nicht? Hier ist es im Moment nicht schön zum Leben mit dem vielen Matsch und dem nassen Gras! Das dauert doch Monate, bis der Boden wieder einigermaßen begehbar sein wird!“

Das konnte der Älteste nicht abstreiten, aber er hatte noch Sorge wegen des Schlosses: „Wir haben Blut und Wasser geschwitzt, um es zu erbauen“, sagte er, „es sei denn… wir nehmen es einfach mit!“

Gesagt getan. Die Zwerge knüpften lange, dicke Seile um das Schloss und zogen es mit vereinten Kräften durch den Wald, Zentimeter für Zentimeter. Es dauerte einige Sonnenuntergänge, bis sie es schließlich geschafft hatten. Die Zwerge waren alle sprachlos, als sie am traumhaften Platz angekommen waren.

„Wie schön es hier ist“, rief der eine.

„Es ist wie in einem Traum! Und unser Schloss sieht hier am See einfach bezaubernd aus“, stellte ein anderer fest.

„Hier will ich nie wieder weg“, hörte man einen anderen Zwerg noch sagen.

Und wisst ihr was? Die Zwerge verließen den einzigartigen Ort am Montiggler See auch nicht mehr. Sie blieben, lebten, arbeiteten und träumten hier, denn das konnte man hier wirklich gut. Jeder, der schon mal an diesem Ort war, wird das bestätigen können, nicht wahr? So wurden aus den Zwergen die Seezwerge und das Schlösschen zum Seeschlösschen. Jetzt wisst ihr auch, wieso es da steht, wo es eben steht- bis zum heutigen Tage. Und wir lernen daraus, dass der Zusammenhalt in einer Gemeinschaft das Allerallerwichtigste ist, und dass nach einem Fehler durch Einsicht, Wiedergutmachung und Vergebung am Ende doch noch alles wieder gut werden kann.

Anmerkung von Geschichten im Kopf:

Das Montiggler Seeschlössl wurde in Wirklichkeit im Jahre 1888 von Josef von Zastrow erbaut und ist seit 1992 im Besitz der Gemeinde Eppan. Der berühmte Traminer Künstler Max Sparer hatte hier seinen Wohnsitz.

(Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Gartenhotel Moser****s Life-& Wellnessresort im Rahmen eines Geschichtenbüchleins entstanden.)

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Die Eulenfängerin

Folgende Kurzgeschichte ist ein Märchen. Für Erwachsene, um genau zu sein. Die Idee dazu kam mir schon vor längerer Zeit, als ich meine beiden Nichten beim Spielen beobachtete. Die Mädchen lieben Rollenspiele über alles und an jenem Nachmittag war die Rolle der Großen eine ganz besondere: „Ich bin die Eulenfängerin!“, rief sie, „Kommt zu mir ihr Eulen!“ Und bam, da ging das Kopfkino schon los bei mir. Bilder und Ideen wirbelten in meinen Hirnwindungen herum und ich wusste: Eines meiner Entwürfe in naher oder ferner Zukunft wird diesen Titel tragen. Inhaltlich muss ich dazusagen, habe ich mich von einem Gefühl leiten lassen, das sich die letzten Monate immer weiter in mir hochgearbeitet hat. Ein Gefühl der Enttäuschung und der Hilflosigkeit darüber, dass die meisten Menschen der Gegenwart aus unserer Vergangenheit wohl gar nichts gelernt haben. Unzufriedenheit im eigenen Land scheint immer noch Dummheit und Menschenhass zu produzieren. Aber ich möchte hier auf keinen Fall politisch ausholen, vielleicht nur ein klein wenig gesellschaftskritisch ankratzen. Aber: Einen Funken Hoffnung gibt es ja bekanntlich in jedem düsteren Märchen. Und dies ist das Märchen der Eulenfängerin…

 

Dass die Welt manchmal dunkel und kalt ist, voller gefährlicher Orte, an denen der eine dem anderen nichts gönnt, Orte an denen unheimliche und hässliche Wesen lauern, solche die einander anschreien und zerfleischen, die einander regelrecht auflauern, um sich gegenseitig zu bekämpfen und zu besiegen, ja, dass es so eine Welt ist, in der sie lebte, das wusste die Eulenfängerin nur zu gut. Sie kannte sie alle, diese besagten Länder, die ständig mehr und mehr wurden auf dem Erdenball, denn sie hatte sie schon fast alle gesehen auf ihren Reisen. Schon viele hatte die Eulenfängerin angetreten, immerhin kann man in 183 Jahren Lebenszeit so einiges schaffen, wenn man die Mühen auf sich nehmen mag. In den letzten Jahren hatte es sich die Alte nicht mehr angetan, oder nur noch selten, wenn sie fürchtete, die Eulen gingen ihr aus. Zuviel graute sie sich vor  den Wesen und ihren Abarten, und zu viel fürchtete sie, diese Abarten könnten irgendwann auch sie befallen. Die anderen wenigen, die wie sie einen Unterschlupf fanden in dieser dunklen und kalten Welt, weil sie noch ein gutes und reines Herz besaßen- und es waren nur eine Hand voll solcher- sprachen von einer Seuche, die jeden einzelnen Ort, jede Stadt, jedes Land und deren Bewohner auffraß, und nur die weisesten und tugendhaftesten aller Geschöpfe waren vor ihr sicher. Deswegen kümmerten sich genau diese um die treuen und tüchtigen Tiere der Erde, sie fingen sie ein, um sie zu beschützen und Kraft aus ihnen zu schöpfen, die die Tage einem abverlangten.

Doch waren sie wirklich sicher vor den bösen Gedanken und Taten der anderen? Die Zweifel  der Eulenfängerin wuchsen und wuchsen in all den Jahren. Aus diesem Grund verkroch sie sich mit ihren Eulen, Uhus und Kauzen in ihrem Haus in Binkerling, einem Städtchen nahe am Waldesrand und einem reißenden Fluss, den man nur über eine alte hölzerne Brücke zu überqueren vermochte. Aber die war schon seit Jahren baufällig und niemand, dem sein eigenes Leben lieb war, war so närrisch, auch nur einen Fuß auf das klapprige Gerüst zu setzen.  So kam es, dass Binkerlings einzige Bewohner die Eulenfängerin Agaleeh und der junge, etwas verrückte  Ameisenfänger Ikredus waren. Die beiden hatten nicht viel gemeinsam, die eine war alt, ständig betrübt und voller Sorge, während der andere ein optimistischer, lebensfroher Geselle war. Und während Agaleeh in dem guterhaltenen altviktorianischen Haus in der Straße eines ehemaligen Nobelviertels wohnte und sie ihre 67 Eulen in den ebenso schicken, geräumigen Zimmern des dreistöckigen Gebäudes unterbrachte, hauste Ikredus mit seinen Abermillionen Ameisen in einer heruntergekommenen Blockhütte direkt dort, wo das Städtchen endete und die Kiefern und Tannen anfingen und seine Tierchen ein herrliches Dasein in Wald und Wiesen hatten. Die vielen vielen Häuser zwischen den Beiden standen allesamt leer und man möchte meinen, dass es traurig zuging an einem so verlassenen Ort, aber tatsächlich lebten die Eulenfängerin und der Ameisenfänger ein gutes und recht frohes Leben miteinander, trotz ihrer beider Eigenheiten. Sie akzeptierten sich und das war das Geheimnis ihres friedvollen Lebens.  Nicht-Akzeptieren der ehemaligen Bewohner von Bingerling war der Grund, warum die Seuche alle anderen dahinraffte oder sie zu den grausigen Wesen machte, von denen wir schon gehört haben.

Aber nun schauen wir auf das Leben der Eulenfängerin, das sich ausschließlich um ihre gefiederten Freunde drehte. Siebenundsechzig mag vielleicht viel klingen, aber früher, als Agaleeh noch mehr gereist war, waren mindestens doppelt so viele in ihrem Besitz. Sie besaß Eulen aus allen Ländern und Kontinenten, in denen sie beheimatet waren. Wie sie das Vogelvieh wohl einfing, mag man sich vielleicht fragen. Nun, Agaleeh reiste in das Land, in das ihr Bauchgefühl sie führte und hatte nichts weiter bei sich, als einen kleinen goldenen, schwebenden Vogelkäfig. Sie wanderte und wanderte durch das Land, was oft wochen- oder sogar monatelang dauern konnte. Und wenn sie nah genug an einer Eule dran war, dann kam diese von selbst angeflogen, der Käfig schien wie ein Magnet das Tier anzuziehen, es regelrecht zu hypnotisieren.  Es flog in ihn hinein und siehe da, der Käfig wurde mit einem Mal größer. Und war die Eulenfängerin wieder nah genug an einer dran, dann kam auch diese herbei und flog in den Käfig, der dann wiederum ein Stückchen geräumiger wurde. So ging das, und es ging so lange, bis Agaleeh alle umliegenden Eulen, Kauze und Uhus des Landes eingefangen hatte und sie am Ende eine riesige Voliere über sich schweben hatte, die sie mit nach Hause nehmen konnte. Vor der schweren Elfenbeintür ihres Heims öffnete sie das Türchen des Voliere und ein tosendes Flattern rauschte über ihren Kopf hinweg ins Haus. Ein prächtiges Gefühl, ein wahrlich prächtiges Gefühl für die Eulenfängerin! Und so trug es sich zu, dass in ihrem Zuhause mal mehr, mal weniger Eulen ihre Lebtage verbrachten, bis sie eines Tages der Tod zu sich winkte.

Es waren wahrhaftig faszinierende Tiere:  Manche waren braun gefiedert oder grau oder schneeweiß und hatten ein anmutiges Gesicht, beinah könighaft, manche waren in Wesen und Aussehen verschmitzt und drollig, und einige wirkten sogar gefährlich, doch Agaleeh wusste um das Naturell ihrer Federtiere. Sie waren Jäger, natürlich, um das eigene Überleben zu sichern, das war der pure Instinkt, das jedes Tier in sich trägt. Fressen und Gefressen werden, der Lauf der Natur. Aber die wesentliche Eigenschaft, die Kraft dieser faszinierenden Tiere war ihre Klugheit und Weisheit. Besonderheiten, die auf der Welt so selten geworden waren, und Agaleeh hatte die ehrenhafte Aufgabe, sich um sie zu kümmern.

Agaleehs Haus war ein magisches Fleckchen, denn sie machte es magisch, um das Grau vor der Haustüre zu vergessen. Bunte  Bordüren zierten die goldenen Wände im Inneren, und der Boden war mit weißem, kuscheligem Fell bedeckt. Von der Decke baumelten glänzende Vogelkäfige- natürlich waren die Türchen nicht versperrt, immerhin waren die Tiere der Eulenfängerin nicht wirkliche Gefangene, sondern Gäste- und zwischen den Käfigen hingen geflochtene Weidenstränge, die den einen mit den anderen verband. Möbel gab es kaum in Agaleehs Haus, im großen Wohnzimmer stand nur ein lederner Ohrensessel und in den oberen Gemächern ein großzügiges Bett; mehr brauchte und wollte die Alte nicht, sie lebte für ihre Aufgabe, die ihr vor vielen Jahren zuteilwurde. Die Fenster mit den bronzenen Rahmen standen weit geöffnet, damit die Eulen, Kauze und Uhus ihre täglichen Runden fliegen konnten. Das Leben unserer vergreisenden Eulenfängerin  war gut und beschaulich, sie war zufrieden, aber nichts desto trotz war tief in ihr diese Angst vor der Außenwelt, der dunklen Seuche, die so viel ausgemerzt hatte. Denn auch, wenn sie verschont geblieben war und sie eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte, etwas hatte sich durch die Seuche auch in ihr geändert: Das bedingungslose Vertrauen, das Urvertrauen, das eine Gefühl, das uns in die Wiege gelegt wird, war fast zur Gänze verschwunden. Das stimmte Agaleeh unglaublich traurig.

Warum änderst du nichts an deiner Traurigkeit, fragte die Schneeeule Krim sie eines Abends, als draußen Sternschnuppen wie Regentropfen vom Himmel flogen. Agaleeh und Krim saßen am großen Fenster an der Südseite und betrachteten das Himmelsspektakel.

„Ach, meine liebe Krim“, antwortete Agaleeh tief seufzend, „was soll ich nur dagegen tun? Sie kommt von ganz innen, meine Traurigkeit, und etwas, das so tief im Herzen ist, kann man nicht ändern. Das ist wie mit der Liebe. Wenn sie da ist, ist sie da.“

Krim wurde ganz still, hob tief atmend ihre weiß gefiederte Brust und blickte in die Ferne.

„Du sprichst weise Worte, aber unterschätze nie die Macht der eigenen Träume. Denn sie sind es, die uns antreiben. Sag mir, liebste Agaleeh, sag mir, welches ist dein Traum?“

„Mein Traum? An den habe ich seit Jahren keinen Gedanken mehr verschwendet, was bringt das schon? Die Welt ist, wie sie ist.“

„Sag schon“, beharrte Krim.

Die Alte musste über die Hartnäckigkeit der Schneeeule schmunzeln. „Seit Kindertagen träume ich von einer Welt, in der alle Wesen leben können ohne überleben zu müssen, einer Welt ohne Abgestumpftheit.  Seit Kindertagen! Und was ist passiert? Es wurde von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schlimmer und heute ist es schlimmer denn je, die Bewohner dieser Erde sind dümmer und hasserfüllter als je zuvor. Also, sag mir, was bringt mir mein kindischer, naiver Traum schon?“

„Glaube an ihn und finde Gleichgesinnte. Es gibt sie da draußen. Du sitzt nur schon viel zu lange hinter verschlossenen Türen, meine liebe Agaleeh. Wer die Tür nicht öffnet, kann nicht sehen, was vor ihr geschieht. Finde Gleichgesinnte und redet. Redet miteinander, redet mit anderen. Sprecht so laut, dass euch auch jene hören, die euch nicht hören wollen. Vielleicht wird dein Traum nie die Wirklichkeit verdrängen, das mag stimmen, aber möglicherweise werden Wesen in der Wirklichkeit ein kleines bisschen von deinem Traum einfangen, weil sie wie Eulen sind. Dein Traum ist dein Käfig und wird die Erdenbewohner anziehen, die noch tief im Inneren ein gutes Herz haben, aber nur vergessen haben auf es zu hören. Vielleicht Agaleeh, vielleicht hören sie dich und deinen Traum. Geh fort und fange sie ein, wie du uns Federvieh einst gefangen und gerettet hast!

In dieser Nacht schlief Agaleeh kaum, die Gedanken schwirrten ihr wie wild um dem Kopf, und lange,  bevor die Sonne ihre ersten Strahlen über die Dächer von Bingerling warf, war die Eulenfängerin auf und davon. Die kräftigen Flügel der Schneeeule Krim trugen sie im Traume über das kleine Städtchen hinfort, weit weg von den ihr so vertrauten Bäumen und Steinen, fort von dem Alltag und der Sicherheit, die ihr ihre Eulen und ihre vier Wände schenkten. Als Agaleeh erwachte, fand sie sich in einem zauberhaften Wäldchen wieder, voll farbenprächtiger Frühlingsblumen und sattgrünem Klee, und fröhliches Vogelgezwitscher stimmte ihre aufschäumende Unsicherheit mit einem Mal um in Erleichterung. Die alte Krim hatte ihr die Entscheidung abgenommen und sie ins kalte Wasser geworfen. Agaleeh war nun hier, weg von ihrem Zuhause, um sich ihrer wichtigsten Aufgabe zu stellen: Sie würde auf dieser Reise keine Eulen fangen wie sie es das letzte Jahrhundert getan hatte, nein, sie würde MENSCHEN suchen. Die Eulenfängerin vergaß ihre Angst und machte sich voller Hoffnung auf dem Weg. Sie sog die frische Waldesluft auf und sah sich an den bunten Farben satt, die sich ihr boten. Nach einigen Stunden wurde der Wald lichter und sie gelang auf eine große Wiese. „Agaleeh,  warte, so warte doch!“, rief eine verschnaufte Stimme hinter ihr. Es war der Ameisenfänger, der ihr gefolgt war. Ikredus tauchte zwischen den dicken Stämmen der Tannen und Kiefern auf und lächelte sie an, freundlich und optimistisch wie immer.

„Ich hatte mir überlegt“, so sagte er, langsam wieder zu Atem kommend, „dass man für eine so gewaltige und wichtige Reise, so wie du sie antrittst, auf jeden Fall einen Gefährten an seiner Seite braucht.“

Die Alte lächelte zurück und war erleichtert, dass sie nicht mehr alleine war. Sie sah, dass sie hoch auf einen Hügel standen und von dort aus ins Tal blicken konnten.  In ihrem Herzen tat es einen dumpfen Schlag. So schnell, wie ihre Hoffnung in ihr aufgeschäumt war, so schnell verpuffte sie jetzt bei diesem grauenhaften Anblick. Das Tal war in ein Grau getaucht, so düster wie man es sich kaum vorzustellen mag. Dunkler Rauch stieg in den Himmel und mit ihm ein Wimmern und Weinen von Menschen. Der herrliche Blütenduft von eben verblasste und wurde von einer stinkenden und stickigen Luft verdrängt. Willkommen in der modernen Welt, flüsterte Agaleeh leise. Was sollte sie hier? Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Warum hatte sie sich diese offensichtlich völlig verrückten Idee von dieser dummen Krim aufschwatzen lassen? Schon wollte sie Ikredus sagen, dass das alles keinen Sinn mache und sie besser kehrt machen sollten, da hörten sie von weit oben den Schrei der Schneeeule. Agaleeh richtete ihren Blick nach oben und sah Krims Flügelschlag in den Wolken aufblitzen.

„Sieh nur“, rief Ikredus.

Durch den schwarzen Nebel tauchte plötzlich ein riesengroßer Vogelkäfig auf, er besaß ein kräftiges Seil gewoben aus unzähligen Schichten Seide und er war weiß und silbern und glänzend in all seiner Pracht. Der Käfig durchbrach die Farblosigkeit des Tales und erleuchtete den Himmel bis zu Horizont. Ehe sie ihr Staunen in einen klaren Gedanken verwandeln konnte, konnte sie Gestalten erkennen, die aus dem Grau zu ihr und dem silbernen Käfig emporstiegen. Es waren Menschen, deren Augen Hoffnung und Reinheit besaßen; sie kamen zu ihr mit einem Lachen und Jubeln, so wie sie es seit Jahren und Jahrzehnten nicht mehr vernommen hatte. Die Alte spürte eine Freude in ihrem Herzen aufflammen und vergaß alles, was sie einst gehindert hatte, diese Freude zu empfinden. Die Menschen kamen und umarmten die Eulenfängerin und seilten sich an dem Seidenstrang nach oben in den Käfig und nahmen Platz. Sie waren bereit für ihre Rettung und für ein neues Leben ohne Zerstörung und sie waren bereit, gemeinsam mit Agaleeh und Ikredus weiterzuziehen und noch mehr Menschen einzusammeln. Und die Eulenfängerin war es auch.