Der Schustermeister oder: Die Freuden des Augenblicks

Für manch einen war es der See mit seinen morgendlichen Nebelschwaden im Sommer und der kristallenen Oberfläche in den kalten Monaten. Oder die Burg am Hügel, die frühmorgens in mystisches Sonnenlicht getaucht wird und über besagten See wacht. Für viele war es das rege Treiben am Platz vor der Kirche und der tägliche Schwatz – für wiederum andere war es das Sein in den Weinbergen, das Philosophieren über die kostbaren Tropfen, die sie aus den Trauben gewannen, weshalb sie jede einzelne mit ihren von Arbeit gezeichneten Händen berührten, als wären sie pures Gold.

Der 24-jährige Josef, der im Jahr 1949 nach Kaltern gezogen war, um die dunklen Tage des Krieges endgültig hinter sich zu lassen, flanierte lieber durch die verwinkelten, engen Gassen in dem kleinen Ortsteil Mitterdorf, fernab des dörflichen Trubels. Die Gegend rund um Schloss Campan hatte es ihm sehr angetan – zudem er bei dortigem Grafen für die Pflege der Weinberge und der Tiere angestellt wurde. Weil ihn seine Arbeit körperlich aber sehr ertüchtigte und er erst spät nach Sonnenuntergang einige freie Stunden genoss, versäumte er so manche Gelegenheit, sich mit anderen Leuten im Dorf auszutauschen.

Eines Tages – Josef war gerade dabei, die Pferde in den Stall zu treiben – kam der Graf auf ihn zu, in der Hand ein Paar ausgemergelte Schuhe. „Bring sie zum Schuster und lass sie neu besohlen. Der linke muss außerdem geflickt werden.“ Noch am selben Tag begab sich Josef mit den Schuhen zum Schustermeister. Josef kannte das kleine Lädchen vom Vorbeispazieren schon: Eine versteckte, dunkle Schusterei, die man über zwei nach unten führenden Treppen betrat. Josef stieß sich den Kopf, als er durch die knarzende Tür trat. „Obacht, junger Mann, manch einer ist hier schon mit großen Kopfschmerzen zur Tür hinaus.“ Eine rauchige, aber freundliche Stimme erklang aus der hinteren Ecke des Ladens. „Ich merke schon, ein Mann von meiner Größe, tut sich in diesen vier Wänden etwas schwer“, erwiderte der hochgewachsene Josef lächelnd und begrüßte den Schuster, der gerade dabei war, Ahle und Nagelbohrer von der Werkzeugwand zu holen und sich den Schusterfuß zu richten. Ein brauner Damenschuh lag vor ihm auf dem Tisch, der auf einen neuen Stöckel wartete. Der Schuster aber inspizierte den fremden Mann. „Ich kenn dich nicht“, brummte er, „kommst du von auswärts?“ „Ja, aus dem hinteren Pustertal, ich lebe aber seit ein paar Monaten hier in Mitterdorf.“ „Komm her mein Junge, setz dich zu mir“, forderte ihn der alte Schuster auf und zog einen klapprigen Hocker unter dem Arbeitstisch hervor. „Wie heißt du?“ „Josef. Ich bringe für meinen Arbeitgeber, den Grafen, diese Schuhe. Sie sind neu zu …“ „Trink mit mir einen Schluck“, unterbrach ihn der Schuster und verschwand für einen Moment in eine kleine, dunkle Kammer. Dann kehrte er mit einer Flasche Wein und zwei Weingläsern zurück. Josef setzte sich folgsam und inspizierte die Flasche. „Das ist der Wein meines Grafen“, stellte er fest, „aber ich hab ihn noch nie gekostet.“ Der Schuster lachte: „Wie kannst du etwas tun, von dem du nicht mal weißt, warum und wofür du es tust?“ Josef musste zugeben, dass er die Arbeit beim Grafen nur deshalb verrichtete, um sein täglich Brot zu verdienen – sehr viel über sie nachgedacht hatte er bisher nicht. Der Schuster betrachtete den grübelnden Josef, trank genussvoll ein Schluck Wein, strich sich seine grauen, zerzausten Haare aus dem Gesicht und fing an zu plaudern: von dem Winzer-Grafen und dem Weingut, das schon über mehrere Generationen bewirtschaftet wurde. Von seinem eigenen Entschluss, Schuster zu werden, der Gabe, ein seltenes Handwerk zu beherrschen und den Menschen im Dorf damit einen wichtigen Dienst zu erweisen: „Ich helfe den Menschen dabei, leichter durchs Leben zu gehen – der Weg ist ohnehin steinig genug, nicht wahr?“
Und so saßen sie da, Josef und der Schuster, und draußen ging der Tag in den Abend über, die Menschen zogen sich in ihre Häuser zurück und plötzlich war die Flasche Wein leer und der Kopf voll mit Trank und Geschichten des Schusters.

Als Josef ein paar Tage später wieder kam, um die Schuhe des Grafen abzuholen, taten die beiden es gleich. Nach diesen beiden Nachmittagen überbrachte Josef seinem Grafen nicht nur dessen neu besohlten Schuhe, sondern äußerte auch die überraschende Bitte, mehr über dessen Weinbau zu erfahren, was diesen sehr erfreute. So kam es, dass der Graf den jungen Josef in die Kunst und die Philosophie der Winzerei einführte. Josefs Leidenschaft war geweckt – und er verstand immer mehr, warum sich die Bauern um ihre Weinreben kümmerten, wie Mütter und Väter um ihre Kinder: Es ging nicht nur um den Rebensaft, sondern auch um das anschließende Zusammenkommen. Um die Geselligkeit, das Geschichten-Erzählen und: die Freuden des Augenblicks.

Die Freundschaft zwischen Josef und dem Schustermeister hielt übrigens ein Leben lang.


Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Tourismusverein Kaltern am See entstanden und im März 2022 in der 30. Ausgabe des wein.kaltern MAGAZINS erschienen.

So lange ich kann

Nein, diese Geschichte erzählt von keinem großen Abenteuer bei Klippen und Leuchttürmen, wie wir es auf meinem Titelbild erlebt haben, damals im Sommer auf Sizilien. Sie handelt lediglich davon, wie mein Sohn Ben und ich eines Abends beim Essen sitzen, damals im Januar in der Wohnküche.

Es gibt Kraftbrühe mit kleinen Sternchennudeln. „Weißt du, diese Mahlzeit gab es früher jedes Jahr an Weihnachten bei meiner Oma. Darum ist Fleischsuppe eine meiner Lieblingsspeisen“, erzähle ich ihm, während ich die heiße Flüssigkeit genüsslich in mich reinlöffle. Sofort fühle ich mich wie die 6-jährige Version meines Selbst und hocke für einen kurzen Moment wieder mit all meinen Cousins, Tanten und Onkel in Omas Stube. Nichtsdestotrotz entgeht es mir nicht, wie sich der Grübel-Motor meines Sohnes eingeschaltet hat.

„Mami? Haben die, die gestorben sind, im Himmel ein Haus zum Wohnen?“, fragt er mich. Er weiß natürlich, dass meine Oma schon lange tot ist und mein „Früher“ weit zurück liegt. „Ich weiß nicht … Aber ja, vielleicht haben sie das“, antworte ich und mir wird klar, dass ich nie darüber nachgedacht habe, WIE die Menschen danach weiterleben. Ob in Häusern oder einfach nur auf rosa Wolken mit goldenen Betten. Mit dem bärtigen Petrus an der Pforte, wie man es aus den Zeichentrickserien kennt. „Können sie alles hören, was wir sagen?“, hakt Ben nach. Okaaay, die Toten sitzen also heute mit am Tisch. „Ja, bestimmt“, sage ich und bin mir nicht sicher, ob ich hoffen soll, dass dem wirklich so ist. Ben probiert es gleich mal aus und ruft: „Hallo Uroma!“ Keine Antwort zurück – Enttäuschung groß. „Keine Sorge, sie hört dich schon, sie kann nur nicht antworten“, versuche ich zu erklären. „Die, die in den Himmel kommen, werden zu Engeln und passen auf uns auf. Und sie sehen und hören alles, was wir so reden und tun.“ Zugegeben: Dieser Satz klingt auch in meinen eigenen Ohren ein kleines bisschen gruselig und ich bin mir keineswegs sicher, ob ich es genauso meine, wie ich es sage. Aber Ben scheint beruhigt.


„Wenn ich mal sterbe, werde ich auch ein Engel, gell?“ Okay, JETZT wird es gruselig, denke ich, versuche aber ganz sachlich zu bleiben – Ben hat ja auch sehr nüchtern nachgefragt. „Ja, natürlich.“ „Sterben wir beide mal zusammen, Mami?“ Verdammt, UND WAS JETZT? Auf die Frage bin ich nicht vorbereitet. Steht die denn irgendwo in einem Erziehungsratgeber? Vielleicht unter der Kategorie „Skurrile Kinderfragen und wie Sie am besten darauf antworten“? Gibt es die Kategorie überhaupt? IRGENDWO? Mir kullert eine Träne über die Wange, während ich versuche, eine möglichst simple Antwort herauszupressen: „Ich hoffe, dass du viel viel länger auf der Erde bleibst als ich.“ „Aber Mami!“ Ben fängt jetzt auch an zu weinen. „Ich brauche dich ja. Auch oben im Himmel!“ Ich, die mittlerweile Rotz und Wasser heult und die Kraftbrühe auf dem Tisch spätestens nach diesem Satz vergessen hat und sie nun kalt werden lässt (soll sie doch kalt werden, die blöde Suppe!), nehme meinen kleinen, großen Jungen in den Arm. In ein paar Wochen wird er vier – herrje, er soll mit seinen vier Jahren doch noch nicht solche Fragen stellen. Ich halte ihn fest und flüstere ihm ins Ohr: „Keine Sorge, wir zwei sind noch ganz ganz lange auf der Erde und ich noch laaange bei dir. Versprochen. Und du musst dir über diese Dinge noch überhaupt keine Sorgen machen, ok?“ „Okay, Mami“, lächelt er und widmet sich wieder seinem Abendessen. Emotion und Thema abgehakt. Wow … irgendwie bewundernswert, diese Fähigkeit! Ich setze mich wieder hin, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und versuche, meine eigenen Emotionen wegzuatmen. Und ich frage mich, ob ich mir mit diesem Versprechen womöglich zu viel vorgenommen habe – immerhin kann man ja nie wissen, was das Leben mit einem vor hat. Trotzdem … eines kann ich sehr wohl: Ich nehme mir vor, mein Versprechen so gut es geht einzuhalten – egal was kommt: Ich bleibe so lange ich kann.

Genug Vorsätze für ein Abendessen. Geredet wird nun auch nicht mehr. Nur noch gegrinst und ordentlich Kraftsuppe gelöffelt.


Face to Face

Das Gesicht. Es ist die Landkarte eines Lebens, DEINES Lebens, mit all seinen feinen Linien, Fältchen und Verästelungen. Dein Gesicht – es ist wunderschön. Ich habe eine Frage an dich: Wann hast du es dir zuletzt angeschaut? Also ich meine so richtig … Wann warst du das letzte Mal Face to Face mit dir selbst? Vielleicht fragst du dich, warum du das tun solltest. Nun …
Jeder einzelne Zentimeter deines Gesichtes erzählt immerhin deine Geschichte!

Sieh hier! Die Grübchen an den Mundwinkeln und die Lachfalten um deine Augen, sie erzählen von all den heiteren Momenten. Weißt du noch, wie du vor Glück hättest Bäume ausreißen können? Und da! Erinnerst du dich an den Kummer und die vielen Veränderungen, die dafür gesorgt haben, dass sich deine Stirn in Falten legt?


Wie oft hast du schon gemerkt, wie nah Glück und Unglück, Freude und Schmerz, Licht und Dunkelheit beieinander liegen und wie oft das eine mit dem anderen konkurriert? Erinnerst du dich an die Geburt deiner Kinder? An den Verlust eines geliebten Menschen? An einzigartige Abenteuer und Erlebnisse, die dir jetzt noch dieses ganz besondere Leuchten in die Augen zaubern? An falsche oder mutige Entscheidungen, die du getroffen und an all die steinigen Wege, die du mit erstaunlicher Bravour gemeistert hast? Wie oft hast du dir eine Maske aufgesetzt und dich verändert, um am Ende doch wieder du selbst zu sein? Wie oft hast du andere aus deinem Gesicht lesen lassen und in welchen Situationen hast du gute Miene zum bösen Spiel gemacht?
Erinnerst du dich, wie oft du jemanden angelächelt hast und wie viele ehrliche Tränen über deine Wangen gelaufen sind? Wie oft hat sich dein Gesicht zu lustigen Grimassen verzogen und wie oft haben dein Blick und deine Lippen wütende Funken versprüht? Wie oft haben sich Angst und Unsicherheit ganz leise über dein Gesicht gelegt?
Wie oft bist du errötet, weil dir jemand tief in die Augen geblickt und dich dadurch im Herzen berührt hat? Oder aber deswegen, weil du dich aus irgendeinem Grund geschämt hast? Weißt du noch, wie oft du andere mit deinem Lachen angesteckt und wie oft du die Augen geschlossen hast … einfach nur, um einen bestimmten Moment zu genießen? Wie oft hast Ausschau nach etwas gehalten? Wie viele Millionen Eindrücke mögen sich in der Vergangenheit durch deine Pupillen geschoben haben?


Darum, ja tu es doch wieder mal: Schau dir dein Gesicht an … Es hält all die Straßen fest, die du gehst, die Abzweigungen, die du auf deinem Weg wählst. Es teilt dir mit, was du in all den Jahren über diese Welt gelernt und worüber du dir womöglich zu viele Gedanken gemacht hast. Worüber du gelächelt, gelacht, geschimpft oder geweint hast. Jede einzelne Falte, jedes Grübchen, jede kleine Narbe, eine jede feine Schattierung … Sie zeigen dir nicht wie alt du bist, sondern erinnern dich wieder an all das, was war, an all die Schritte, die du getan hast. Daran, was du bis zum heutigen Tag erlebt und überlebt hast. Tut das nicht gut?


Dein Gesicht. Es zeigt dir: Du warst, du bist – und es hat noch jede Menge Platz für das, was kommt. Dein Gesicht – es ist wunderschön. Ich habe also eine Frage an dich: Wann hast du es dir zuletzt angeschaut?


Tief

Ein Text über Hochsensibilität
und ihre Höhen und Tiefen.

Mir kommt es vor, als wäre mein Herz aus Seidenpapier. Ich wünschte, die Welt würde vorsichtiger mit ihm umgehen.

(Richelle E. Goodrich)

In der Bar dröhnt die Musik in ihren Ohren, Matilda hat die Nacht auserkoren, um sich frei zu fühlen, sich gehen zu lassen, allen Alltagstrott, den Alltagsschrott dort stehen zu lassen, wo sie ihn am nächsten Tag wieder abholen kann. Sie trinkt ein paar Gläser Wein und kann sich selbst endlich wieder reinen Wein einschenken, denn angetrunken ist man doch immer am Ehrlichsten. Ihr Herz tanzt zum Beat und wie immer schafft sie es alle anzuspornen, weil ihr Enthusiasmus Wellen schlägt und ihr Lachen auf andere überschwappt und etwas übergeschnappt sein, das brauchen in dieser verrückten Welt doch alle. Es rauscht in ihren Ohren, sie tanzt gedankenverloren, betrunken, ist in der Musik versunken. Leben vom Feinsten, der Moment ist alles. Der Moment ist genug.

Durch Kunst hält sie die Welt in Bildern fest und fester, die Welt – ihr bester Freund und Feind, weil es den einen ohne den anderen nicht gibt und so schließt sie nichts für sich aus, lässt alles auf sich zukommen. Durch ihre Finger strömt das raus, was sie bewegt, was ihr Herz in Teile zerlegt und so fügt sie es immer wieder zusammen und lässt es noch mehr erblühen. Ja, dann kann Matilda überschäumen vor Freude, reißt Bäume aus, schafft es gar, den Sorgen ihrer Freunde den Garaus zu machen, weil sie versteht wie kein anderer und weiß, was man braucht, vom anderen. Und sie wandert durch das Gute und das Schlechte und verliert sich in beiden Ozeanen und lässt sich treiben in ihnen.

Mit Matilda geht es tief. Eine jede Berührung, ein jedes Wort. Ein jeder Gedanke, ein jeder Wunsch, eine jede Sorge. Eine jede Erwartung, eine jede Enttäuschung. Ein jeder Schmerz, eine jede Freude. Ein jeder Kuss, ein jeder Blick, ein jedes Schweigen. Mit Matilda geht es tief. Und tiefer.

Der Raum dreht sich, in dem Matilda sich bewegt, sie lauscht den Worten ihres Freundes, saugt jedes einzelne in sich auf, ist drauf und dran aufzustehen und wegzugehen, weil gehen, das nun mal so einfach ist, für sie. Sie packt es einfach nicht, kriegt das mit den Beziehungen einfach nicht gebacken, so meint sie, weil vermeintlich alles was sie anfasst, zerbricht. Das grelle Licht der Deckenlampe bohrt sich durch ihre Pupille, sie rauft sich durchs Haar mit den Händen, will sich abwenden von seinen Pfeilen, den Worten, wegdrehen vom hellen Licht, sich wegbeamen an fremde Orte, von allem, was gegen ihre Schläfen pocht und gegen die Mitte ihrer Stirn. Sie widersteht der Versuchung die verkrampften Fäuste auf die Küchenplatte zu schlagen, um vom Licht und den schmerzenden Worten ihres Gegenübers abzulenken – und um aufzuhören, über all das nachzudenken. Und er sagt: Weißt du … Du bist viel. Im Guten wie im Schlechten. Du bist oft zu viel.
Ein Zuviel an Gefühl, ja das ist Matilda. Matilda liebt so tief, sie weiß, dass kaum jemand so liebt oder so viel gibt, wie sie es tut und sie ruht nie, sie gibt alles.

Und dann ist sie wie ein Messer, weil alles, was sie fühlt, wie sie sie es fühlt und warum sie es fühlt, tief geht, so tief, dass es sie von innen fast auffrisst und sie fast am Rad dreht und weil es sie auffrisst, will sie, dass es rausgeht, raus aus ihrem tiefsten Ich, ihrem Herzen, ihrer Seele, ihren Gedanken, ihrem Körper – ihrem Mund. Und: Es ist, als ob ihre Worte wilde Purzelbäume über ihre Geschmacksknospen schlagen und sich zwischen Ober- und Unterlippe zwängen, um sich raus zu drängen und diejenigen zu verletzen, die ihr mit ehrlicher Liebe am meisten zusetzen.

Matilda hat die feinsten Sensoren, irgendwer in diesem Universum hat sie auserkoren, dass sie mit dieser Gabe, diesem Fluch geboren wird. Sie weiß nicht, wie man drüber spricht, aber sie weiß, warum das so ist, warum alles tief geht bei ihr, warum es sie auffrisst. Sie schmeckt ihnen, ihren Gefühlen, die sie so sehr aufwühlen, sie schmeckt ihnen so sehr. Mit ihrer rauen Zunge lecken die kleinen Biester an Matildas Innenwänden, immer an der gleichen Stelle, bis sie abgewetzt ist von der Reibung und es unangenehm wird und sie sich innerlich auflöst, an genau jener Stelle und wie sich die Zunge ihrer Gefühle durchbohrt und links und rechts und von allen Seiten beginnt sie auszulutschen, um von ihrem Seelenfutter zu kosten. Egal, in welche Richtung sie rennt, nach Norden oder Südosten. Matilda fühlt, wie sie sich auflöst und alles tiefer geht, weil in ihr drin alles porös wird und alles sickert weiter und tiefer und tiefer und hört nicht auf nach unten zu tropfen. Und so steht sie mal jubelnd am höchsten Gipfel dieser Erde und mal liegt sie am Boden, wie eine Scherbe – zerbrochen.

Mit Matilda geht es tief. Eine jede Berührung, ein jedes Wort. Ein jeder Gedanke, ein jeder Wunsch, eine jede Sorge. Eine jede Erwartung, eine jede Enttäuschung. Ein jeder Schmerz, eine jede Freude. Ein jeder Kuss, ein jeder Blick, ein jedes Schweigen. Mit Matilda geht es tief. Und tiefer.

Als wäre sie ein Riesen-Karussell, sehr langsam oder auch schnell, von dem aus man von ganz oben hinunter blickt und dieser Blick nach unten ist nicht ohne, – Matilda dreht sich schließlich jeden Tag, ob sie mag oder nicht. Aber wenn sie nicht nach unten blickt, sondern ihr Blick von ganz oben in die Ferne rückt, dann erscheint ihr eine ganze Welt, in der alles viel intensiver ist und alles andere erhellt. Dort sind die Farben bunter, wenn Glück in ihr wohnt und grauer, wenn Traurigkeit sie durchzieht. Dort ist das Licht glänzender und das Dunkel schwärzer. Die Musik tönender, der Beat eindringlicher, ihre Tränen nasser. Ihr Lachen echter. Egal wie sich das Karussell dreht, es ist viel Glück, viel Traurigkeit, viel Wut, viel Hoffnung, viel Verzweiflung, viel Mut, viel von alldem, was das Leben ausmacht.

Es ist viel Matilda und es geht so wahnsinnig tief. Und nicht jeder ist schwindelfrei.

Seine Gedanken

„Möchten Sie heute Mohn oder doch lieber ein leeres Croissant?“, fragte die freundliche, junge Dame hinter der Theke und ich wunderte mich sehr darüber, dass sie über meine Take-Away-Frühstücksambitionen dermaßen gut Bescheid wusste. Ich kam erst seit zwei Wochen hierher, aber es stimmte: Die Wahl meines Sieben-Uhr-Croissants traf ich immer zwischen dem einen oder anderen. Meistens – wenn ich später an dem Tag noch ein Meeting hatte – wählte ich das ohne Mohn. Die Gefahr, dass die schwarzen Kügelchen sich irgendwo zwischen meinen Schneidezähnen einnisteten, war zu groß. Nicht, dass mich jemals jemand so genau inspiziert hätte, der mir das erste Mal begegnete. Ich war ein unscheinbarer Durchschnittstyp. Nicht besonders schön oder der Typ Mann, nach dem sich Frauen lüsternd verzehren oder der, zu dem andere Männer aufsahen. Ich war das typische 0-8-15–Strichmännchen, das aussah, wie jedes andere Strichmännchen auf der Welt auch – und so war ich auch nicht der Typ, der in seinem Job als Projektentwickler sonderlich viel Erfolgschancen zugeschrieben bekam.
„Sir? Mohn oder leer?“ Die hübsche Dame durchbrach meinen Gedankengang. Und ich überlegte weiter: Wenn sie in meinen Kopf rein- und meine abstrusen, sich ständig wiederholenden Gedanken anschauen konnte, dann würde sie schnellstens Reißaus nehmen, mit allen Croissants dieser Welt.
„Ein leeres bitte! Und einen …“ „… großen Latte mit extra viel Milchschaum, kommt sofort!“, unterbrach mich die fröhliche Dame fast singend, holte mein Frühstück aus der Vitrine und drehte sich wie eine Primaballerina schwebend zur Kaffeemaschine um. Sie wusste sogar, was ich trank, unglaublich. Wobei – und dann erinnerte ich mich wieder daran, wie seltsam ich manchmal war – ich war wohl der einzige Mann auf der Welt, der extra viel Milchschaum in seinem Kaffee bestellte. Scheißegal. Was zählte war, dass mich tatsächlich jemand registrierte, obwohl mich derjenige – oder in diesem Fall besser diejenige – nicht wirklich kannte. Das tat wirklich gut. Und wie nett sie mich anlächelte! Geil, dieser Dienstag fühlte sich beinah‘ an wie ein Freitagmorgen, an dem man sich aufs anbahnende Wochenende freute, um sich dann endlich daheim verkriechen zu können.

„So bitte. Das macht dann drei Euro zehn“, lächelte die brünette Bedienung, während sie mir mein Croissant in eine Tüte zum Mitnehmen packte. Ich legte ihr einen Fünf-Euro-Schein hin und lächelte zurück: „Der Rest ist natürlich für Sie!“ Wow, so geflirtet habe ich seit gefühlt 100 Jahren nicht mehr. Ich schob mir meine Brille zurück auf die Nase, die mir wie immer viel zu weit nach vorne rutschte und machte mich so selbstsicher unterwegs ins Büro, wie ich es seit Ewigkeiten nicht mehr tat. Im Gehen ließ ich mir mein Frühstück schmecken – und bildete mir ein, dass es heute besonders gut war. Ich kam fünf Minuten vor der heutigen Besprechung mit dem Chef einer großen Immobilien-Agentur in der Arbeit an und hängte gerade meine Jacke an die Garderobe, als mein Kollege Sam Willow an mir vorbeirauschte und mich – gewohnt unverschämt – auf den Puderzucker auf meiner schwarzen, ungebügelten Hose aufmerksam machte. „Sieh zu, dass du deine Hose und den Mund sauber hast, Ronny. Mr. Friedman ist jeden Moment da.“ Ich hasste es, wenn er mich so nannte. Mein Name ist Ronald, du Arschloch, dachte ich, sprach es aber – natürlich – nicht aus. Für Willow und die anderen Wichtigtuer dieser Agentur, war ich mal Ronny, mal Mc Null, oder wenn sie so richtig in Fahrt waren: Ronald Mc Donald.

So schnell, wie mein Selbstbewusstsein eben noch aufgeschäumt war, so abrupt bitter schmeckte nun der letzte Schluck meines Latte. Demoralisiert ging ich zuerst ins Bad, um den Fleck auf meiner Hose mit Wasser und Toilettenpapier so gut es ging zu entfernen und begab mich dann in den Meeting-Raum. Willow setzte sich neben mich und flüsterte mir noch schnell zu, dass „mein Höschen wohl noch etwas feucht sei“ und begrüßte dann super-professionell und heuchlerisch-freundlich Mr. Friedman, einen der mächtigsten Immobilienhaie der Stadt.

Natürlich lief das Meeting für alle gut – mich ausgeschlossen, weil ich meine eigentlich ziemlich genialen Ideen wieder mal nicht vermitteln konnte und unter dem Redeschwall von Samuel und seinen Gefolgen komplett unterging. So brachte ich den restlichen Arbeitstag mehr schlecht als recht über die Bühne, um dann – geknickt und enttäuscht von mir selbst – zu beschließen mir vor dem Nachhause gehen noch zwei Bierchen in der Bar nebenan zu gönnen. Aus den geplanten zwei Bierchen wurden vier – oder waren es fünf? Jedenfalls ging es mir dann besser. Für den Augenblick.

Zuhause angekommen wünschte ich mich sofort wieder zurück in die Bar – meine Zweijährige machte wie jeden Abend Theater, weil sie sich den Pyjama anziehen und ins Bett gehen sollte, und brüllte sich die Seele aus ihrem winzigen, nackten Leib, der gerade unter der Dusche gewaschen wurde. Toni sah mit ihrem verwuschelten Dutt und der verschmierten Wimperntusche fertig aus und hätte selbst eine Dusche vertragen. Ich fragte mich ernsthaft, warum sie es nicht einmal hinbekam, nur ein einziges Mal, die Kleine vor 8 Uhr ins Bett zu kriegen und sich für mich etwas zurecht zu machen. War das wirklich so schwierig? Und ich konnte nicht anders, als an die hübsche Bedienung heute Morgen zu denken, die sich solche Mühe gab, mir mein Croissant mit dem charmantesten Lächeln zu überreichen.
„Hast du Lust, Annie die Zähne zu putzen? Ich muss dringend mal eine rauchen.“ Dazu hatte ich absolut keine Lust und antwortete ihr kühl: „Du weißt, ich mag es nicht, wenn du nach Zigaretten stinkst. Du riechst so schon nicht besonders gut. Am besten, du gehst auch gleich in die Dusche.“ Dann holte ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank, setzte mich aufs Sofa und schaltete den Fernseher an. Nach gefühlten zwei Minuten schlief ich ein. Es war halb 10, als ich wieder aufwachte und hörte, wie Toni die Spülmaschine ausräumte. Ich nahm noch ein Schluck meines Bieres, das ich noch immer in der Hand hielt. Als ich zu Toni in die Küche kam, um sie zu fragen, warum sie um diese Zeit noch Lärm machen musste, sah ich, dass sie weinte. „Meine Güte, echt jetzt? Schon wieder? Gehört das jetzt zum allabendlichen Ritual? Hier rumzuheulen?“ „Ich bin wirklich erledigt, Ronald. Ich brauche etwas Hilfe hier im Haushalt, mit Annie. Weißt du, ich möchte ab und zu einfach mal raus. Luft schnappen. Einen Kaffee trinken mit meinen Freundinnen … Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen.“ „Du hast sie ja nicht alle. Es geht dir gut. Andere Frauen wären froh, wenn sie die Möglichkeit hätten bei ihrer Familie zuhause zu bleiben. Du bist unzufrieden und undankbar! Immerhin bin ich derjenige, der den ganzen Tag auf der Arbeit ist!“ „Undankbar? Wofür soll ich denn dankbar sein? Dass du jeden Tag angetrunken nach Hause kommst und eigentlich DU unzufrieden bist, weil du einfach keinen Erfolg hast?“ Instinktiv ohrfeigte ich sie, damit sie verstummte. Aber heute verstummte sie nicht. „Du bist ein Feigling, der sich um nichts schert, außer sich selbst. Ich kann nicht mehr. Ich WILL nicht mehr. Ich verlasse dich, Ronald. Sieh zu, bei wem du deinen Frust auslassen kannst!“ Toni wollte aus der Küche gehen. Ich erwischte ihre dunkelblonden, ungewaschenen Haare, zog sie nah an mein Gesicht heran und brüllte sie an: „Ich hab gesagt, du sollst duschen gehen. Geh! Duschen!“ Dann warf ich sie zu Boden. Tritt mit meinen Füßen ein paarmal in ihren Bauch und gegen ihre Brüste, bis sie endlich den Mund hielt und zu flennen aufhörte. Die Tassen, Teller und Gläser, die Toni eben aus der Spülmaschine geholt hatte, fegte ich schwungvoll vom Esstisch. Es klirrte und klapperte in allen Ecken. Dann kniete ich mich zu meiner Frau runter. „Tu, was ich dir sage“, flüsterte ich ihr nochmal mit Nachdruck zu, „und hör endlich auf mit diesem Theater.“
„Daddy.“ Annie stand unsicher in der Tür, schaute mich emotionslos an und hielt ihr Mickey Mouse-Plüschtier fest umklammert. „Bring Annie vorher nochmal ins Bett. Sie hat Angst bekommen, weil du so einen unnötigen Lärm veranstaltet hast.“ Toni gehorchte mir, stand zitternd auf, hielt sich ihren Bauch, wischte sich die Tränen von den Wangen und nahm unsere Tochter an die Hand. „Na, komm, Süße, es ist alles ok. Mama ist bloß hingefallen.“
Ich setzte mich wieder aufs Sofa und schaltete den Ton lauter. Es lief eine Reportage über einen alten Kerl, der eine immense Sammlung an Kuckucksuhren besaß. So ein Idiot, lachte ich leise und zappte mich durchs nervtötende TV-Programm. Ein paar Minuten später hörte ich im Hintergrund das Wasser in der Dusche laufen.



Am 25. November war internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen, also vor fast genau einem Monat. Aber: Es sollte nicht nur einen Tag im Jahr geben, an dem darüber gesprochen wird.

Warum diese Geschichte?

Weil wir diejenigen meist nicht erkennen, die betroffen sind und auch die nicht, die Gewalt ausüben.

Weil wir diese Geschichten viel stärker thematisieren und offener darüber reden müssen.

Weil uns diese Frauen und Männer oft sehr viel näher sind, als wir glauben.



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Schneewittchen oder: Lila Revolution

Dies ist der Text meines ersten Poetry Slams. Ein Text, über den Mut aus der Gesellschafts-Seifenblase auszubrechen und über eine Märchenfigur, die besser mal etwas gewagt hätte …

Schon mal überlegt, was passiert wäre, wenn Schneewittchen sich dazu entschlossen hätte, ihre Haare zu färben? Das mit dem „Schwarz wie Ebenholz“ hätte nicht mehr funktioniert und die Grimms sich die Haare gerauft, weil sich ihre verrückte Hauptakteurin plötzlich dazu entschloss, eigene Entscheidungen zu treffen. Was wäre also passiert – wenn der völlig unrealistische Fall eingetreten wäre und ihre Märchen-Marionette ein mentales Eigenleben entwickelt hätte? Hätte, hätte, Fahrradkette. Und doch: Schneewittchen wäre um einiges glücklicher gewesen – Jede Wette!

Ich glaube, wir sind alle wie Märchenfiguren, Geschichtengestalten, aber nur simple. Wir werden von anderen – vermeintlich Großen – geschrieben, getrieben.  Doch was können wir tun, um uns selbst zu lieben? Wir werden nicht gefragt, uns werden Dinge auferlegt, gesagt. Wer wagt, der gewinnt? Der Spruch mag stimmen, aber nicht an Bedeutung gewinnen, denn wir sollen nicht wagen, wir sollen nicht fragen, es wird uns angetragen – and that’s it. Wir werden also von anderen hingesudelt und bekommen Rollen, von denen wir nicht alle wollen, aber sehr wohl tragen sollen. Weil es sich so ziemt. Ein Beispiel: Die Frau. Eine Mutter ist eine Mutter! Da ist kein Platz für Zweifel, Wünsche oder gar Sehnsucht. Auch wenn sie sucht. Nach mehr, denn ist das alles? Brust raus, aber bloß nicht zu weit, denn das hat keinen Stil. Streng erziehen, aber bloß nicht zu viel. Schwäche zeigen? Wofür, du bist doch bloß Mama. Sei bloß leise, mach‘ deinen Job und schwimm‘ in die Richtung, die dir befohlen. Und wie sie dich schreiben, so wirst du bestohlen. Denn die Geschichte ist fix, vorgefertigt. Köpfen entsprungen, in den Köpfen wurde um Zeile für Zeile gerungen. Nichts zu verändern und schon gar nicht Protagonisten. Ein Beispiel: Ein erwachsener Mann mit unerfüllten Wünschen? Sollt‘ es nicht geben, doch er hat alles so zu erleben, wie es der Plan vorsieht. Wie er es vielleicht nicht sieht, aber sich nicht traut – und alles in ihm versiegt. Hineingeboren in die perfekt  geplante Welt. Darin verloren und der Plan – ob der gefällt?

Ich stelle es mir vor, darf ich hier Bilder malen? Ich stelle mir die großen Schreiber vor, über den Zetteln. Mit Fäden in der Hand, sie ziehen sie auf und ab, schreiben unsere Farben, beschreiben unsere Narben, für die wir nichts können und doch selber Schuld sind. Je nachdem, wie gewünscht. Je nachdem ob sie uns verwünschen oder uns alles Gute wünschen. „Alles Gute zum Geburtstag, Schneewittchen, du bist gut so wie du bist“, sagen sie, „mit deiner Haut so weiß wie Schnee, deinen Lippen so rot wie Blut und ja – deinem Haar so schwarz wie Ebenholz. Aber wehe, du entwickelst dich.“ Es ist so viel, was sie sagen und so wenig, das sie wagen. Denn wer wagt schon, außer den großen Helden?

Vielleicht also – und ich spekuliere nur – vielleicht hätte Snow White ja wirklich Farbe bekennen sollen, um ihrem faden Dasein etwas Spannung zu geben. Spannung zu leben und sich in ein selbst gewähltes Abenteuer einzuweben. Denn wir brauchen Herausforderung und all die guten Geschichten. Wir sehnen sie herbei, die Veränderungen und fürchten sie zugleich. Und es ist ganz gleich, was wir wollen, denn was wir wollen, ist meist nicht das, was die anderen wollen. Und sie reden und hacken drauf, spucken drauf, verurteilen laut und um uns wird’s lauter und wir wollen‘s doch leis‘ und nicht den ganzen verfluchten Scheiß. Drum bleiben wir in unserer sicheren Geschichtenblase, Seifenblase, und überwinden unsere „Phase“.

Ach, wir sollten sie einfach zerstechen von innen heraus und endlich hinaus. Machen wir dem Ich-Trau-Mich-Nicht den Garaus. Pfeifen wir auf diese scheinbar Großen, die Famosen, die uns nur nach unten stoßen. Vergessen wir ihr Gelaber, schalten wir auf Durchzug und nehmen wir den Zug in eine neue Welt. Eine Welt, in der nur zählt, was auch gefällt. Egal, was es ist. Hauptsache es ist, was du bist. Es ist nicht egal für dich und nicht für dich und auch nicht für mich. Wir sind uns nicht egal. Die alten Erzählungen, sie sind nichtig, weil es nicht die unseren sind, und das alles nicht unseren Vorstellungen entspricht. Und erpicht drauf, endlich die Buchsegel zu setzen, den eigenen Stift abzuwetzen und ihn zu führen. Vielleicht ist es ein lila Stift. Dann malen wir doch auch gleich dem armen Schneewittchen die Haare um und schreiben eine neue Story drum rum, die alte ist eh ausgelutscht. Es war einmal. Ja, hoffentlich war es einmal.


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Wo wohnt die Liebe?

Nicht alle Liebesgeschichten sind gleich. Die einen entsprechen der ultimativen Vorstellung einer solchen, andere wiederum stehen unter keinem guten Stern. Und nicht alle Liebesgeschichten sind ultra-romantisch. Ein Happy End gibt es bei vielen, aber nicht bei allen. Aber alle beginnen mit ganz großem Bauchkribbeln. Wenn die Beziehung den ersten großen Problemen und Hürden gegenübersteht, zeigt sich, ob sie die Schwierigkeiten meistert oder an ihnen zerbricht. Wächst oder vergeht. Aber ich erzähle euch heute eine etwas andere Liebesgeschichte. Eine, die noch vor dem Anfang beginnt, nämlich die Geschichte eines siebenjährigen Kindes, das versucht, die Liebe zu verstehen. Denn eine der schwierigsten Fragen, die es auf dieser Welt zu beantworten gibt, ist wohl diese: Wo finde ich Liebe? Oder – um es mit den Worten des kleinen Sam auszudrücken: Wo wohnt die Liebe?

Sams Suche begann an einem bitterkalten, Flocken-verzauberten Dezembertag, als er seine Mama, die gerade am Tisch abräumen war, genau das fragte: „Mama, wo wohnt die Liebe?“ Sie lächelte etwas gezwungen und antwortete so ehrlich sie konnte: „Im Herzen, mein Liebling, da wohnt die Liebe.“ Sam, der noch zu klein dafür war zu verstehen, dass seine Mutter selbst schon lange wieder nach der Liebe suchte, merkte nur, dass sie betrübt war. „Macht die Liebe denn nicht froh, Mama?“ „Doch, Liebe macht überglücklich! Sie macht, dass dein Herz schneller klopft und du ganz viel Farbe bekommst“, schwärmte seine Mama – die so gar nicht bunt, sondern eher etwas fahl im Gesicht aussah – auf einmal sehr überschwänglich. Hm, dachte Sam da bei sich, anscheinend kann Liebe aber auch sehr sehr traurig machen. Seine Mama war nach dieser Frage dermaßen in Gedanken versunken, dass sie gar nicht bemerkte, wie ihr Junge, dem seine Frage bei Weitem noch nicht beantwortet wurde, sich leise anzog und nach draußen in den Hof ging. Es hatte schon wieder aufgehört zu schneien und es hatte sich gerade so viel Schnee auf den Asphalt gelegt, dass sein Grau nicht mehr hervorlugte. Sam malte mit seinem Zeigefinger ein Herz in den weichen Schnee. So sah sie aus, die Liebe. Aber mehr wusste er nicht.

Der Postbote kam mit seinem kleinen weiß-gelben Auto angefahren. „Hallo Sammy, na, alles okay? Für dich habe ich heute leider keinen Brief, bloß die Zeitung kann ich dir geben. Darf ich?“ Er bemerkte, dass den Kleinen offensichtlich etwas beschäftigte, als er ihm die Zeitung durch das Eisentor hindurchreichte. „Geht es dir gut, junger Mann?“ „Ja, ich denke schon. Oder auch nicht, ich weiß es nicht so genau. Weißt du, das mit der Liebe ist ganz schön kompliziert“, murmelte Sam, während er weiter im Schnee herumstocherte. „Ach ja, die Liebe“, seufzte der Postbote, „die kann man nur schwer verstehen. Die redet manchmal eine fremde Sprache mit uns, die wir nur mit unserem Herzen verstehen können. Aber mach dir keine Sorgen: Gut Ding braucht bekanntlich Weil – und du hast noch jede Menge Zeit vor dir, junger Mann!“ Der Postbote lachte, zwinkerte Sam zu und machte sich dann wieder auf und davon, um den anderen Leuten in der Straße Zeitung und Post zuzustellen – und vielleicht den ein oder anderen Ratschlag.

Sam dachte einige Minuten über die Worte des klugen Postboten nach: Wie war das also? Auf die Liebe muss man manchmal warten und wenn sie dann kommt, dann kapiert man sie nicht auf Anhieb. Na toll. Und woher kommt sie denn dann überhaupt? Aus Spanien oder Russland? China vielleicht, denn Chinesisch ist echt schwer zu verstehen – behaupten viele Erwachsene jedenfalls.  Aber wenn das Herz Liebisch versteht – sagt man das so? – dann kann Chinesisch wohl auch nicht so schwer sein.

Das Herz. Es schien der gemeinsame Nenner zu sein in der ganzen Liebesangelegenheit. Sam hielt die Zeitung in der Hand und las ganz unten rechts: „Du brauchst nur zu lieben, und alles ist Freude.“  Leo Tolsto… Tolstoooi. Tolstoi. Komischer Name. Wahrscheinlich war es ein berühmter Sänger oder Fernsehstar. Die bringen immer so schlaue Sprüche. Dieser Satz hier klang jedenfalls sehr schlau. Fast wie der des Postboten. Wenn ich liebe, ist alles Freude? Wie ist das gemeint? Dass alles mehr Spaß macht? Sam überlegte hin und her, wurde aber sogleich in seinem Gedankengang unterbrochen.

Das Nachbarsmädchen kam vorbei und lugte durch das Tor. Ihr Name war Fiona, sie war schon neun und sehr hübsch. Sie hatte wuschelige, braune Haare und die selben Knopfaugen wie das Detektivmädchen aus Sams Lieblingssendung. Er freute sich immer, Fiona zu sehen. „Hey Sam, darf ich zu dir in den Hof kommen und mit dir im Schnee herumkritzeln?“ Der Junge spürte, wie sein Herz schneller klopfte. „Ja, klar!“, entgegnete der Junge, der mit einem Mal alle ziependen und kratzenden Gedanken beiseite legen konnte, und öffnete dem schönsten Mädchen der Welt das Tor. Es machte ihm großen Spaß, mit Fiona Handabdrücke, Figuren, Formen und Buchstaben in den Schnee zu malen – auch wenn die Hände der beiden sich irgendwann ganz schön kalt anfühlten. Aber das war egal. Wie schön der Schnee doch war! Und wie mutig die Sonne versuchte durch die dichten Schneewolken zu scheinen! Alles sah plötzlich anders aus als noch vor einer Stunde – und das, obwohl sich im Grunde nichts verändert hatte. Sam freute sich über den Nachmittag, an dem er bis jetzt nur gegrübelt hatte. Er riss die Augen weit auf. Ja: Er freute sich so! Und sein Herz klopfte dermaßen fest. Und wenn Fiona ihn anlächelte, dann …  Der Junge verstand im ersten Moment nicht, was er da spürte. War das etwa … „Warte Fiona, ich bin gleich wieder da.“ Sam rannte ins Haus, beachtete die Worte seiner Mutter nicht, die über die nassen und schmutzigen Stiefel im Haus tadelte und lief ins Badezimmer, geradewegs auf den Spiegel zu. Da! Seine Wangen waren ganz gerötet und fühlten sich warm an. „Fiona macht mich bunt!“ Sam lächelte und lief schnurstracks wieder aus dem Badezimmer. „Sam, Schatz, ist alles in Ordnung mit dir?“ „Mama, Mama, ich hab sie gefunden, ich weiß jetzt, wo die Liebe wohnt! Bei Fiona Zuhause und sie hat sie mir mitgebracht. Sieh doch Mama, ich bin bunt geworden.“

Als Sam wieder nach draußen in den Hof lief, schaute seine Mutter etwas verwundert aus dem Fenster und beobachtete ihren Sohn dabei, wie er und seine Freundin unbeschwert miteinander scherzten. Dann holte sie ein Tuch zum Aufwischen aus dem Schrank. Noch nie hatte sie beim Boden-Schrubben dermaßen gelächelt, wie an diesem Nachmittag.


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Von Papierbooten, Gewissensbissen und Umarmungen mit dem Glück

Das was ganz spontan kommt, sind die ehrlichsten Zeilen. Ja, das ist wohl so. Somit dürften dies die ehrlichsten Zeilen sein, die ich in diesem Jahr schreibe. Ich sitze auf meinem Sofa, eingemümmelt in meine Kuscheldecke und tippe Wort für Wort, ohne großartig darüber nachzudenken. Ohne Schnickschnack-Wörtern, ohne schlechtem Gewissen. Ein wenig ist es mir aber schon unangenehm. Wie gesagt – es sind ziemlich ehrliche Zeilen, aber ich brauche sie. Für mich. Um sie schlicht und ergreifend los zu werden. „Sich etwas von der Seele schreiben“ nennt man das. Und das habe ich schon mein Leben lang getan. Immer dann, wenn sich etwas Überwältigendes abgespielt hat, habe ich den Laptop in die Hand genommen oder eines meiner Millionen Notizbücher, Tagebücher, sonstige Zettel oder Blöcke. Die Zahl Million ist natürlich übertrieben, aber ich habe und hatte in der Tat schon immer einen Fabel für Papeteriekram. Wie auch immer… jedenfalls habe ich schon immer meine Gedanken und Gefühle zu Papier gebracht, und seeehr lange Zeit habe ich das nur für mich alleine gemacht. Selbsttherapie sozusagen. Oder zumindest eine Art Selbstreflexion. Ja, dieses Wort trifft es sehr sehr gut. Ich kann von mir behaupten, dass ich ein sehr reflektierter Mensch bin – und wahrscheinlich übertreibe ich es manchmal mit der Analyse meiner Umgebung, meiner Mitmenschen und meinem eigenen Seelenleben. Aber irgendwie muss ich einfach über das nachdenken, was mich beschäftigt. Eigentlich ist es – zumindest für mich selbst – ein gutes Zeichen, wenn ich das tue, denn dann weiß ich, dass ich das, was mir so durch den Kopf spukt, auch angenommen habe und ich dabei bin, es zu verarbeiten. Was wohl auch der Grund ist, warum ich das schreiben kann, was ich jetzt eben schreibe. Weil ich mich mit dem Gedanken angefreundet habe, dass dieses Jahr alles andere als einfach war. Und doch war es notwendig, um genau dort zu stehen, wo ich jetzt stehe. Jetzt muss ich doch ganz kurz etwas gefühlsduselig werden, aber um den metaphorischen Ort zu beschreiben, an dem ich mich gerade befinde, benötigt es ein oder zwei kitschige Bilder: Ich treibe in einem weißen, kleinen Papierboot und habe alle an Bord, die ich zum glücklich sein brauche. Das sind ganz schön viele Menschen und eigentlich ist es erstaunlich, dass sie alle in meinem kleinen Leben… ähm Boot Platz haben. Jedenfalls tun sie das tatsächlich und es geht mir richtig gut hier. Klar, es gibt die ein oder andere Welle, die sich an meiner schwimmenden Nussschale mal bricht, aber das macht im Grunde nichts. Einige Menschen, waren nicht mutig genug, um mit mir die Weltmeere zu durchqueren, harte Lektionen waren es, große Wellen, die sie aus meinem Boot geworfen haben. Und einige Zeit war ich auch sehr traurig darüber. Aber wisst ihr was? Das Gefühl alleine weiter zu segeln hatte ich nie. Nicht eine kleine Sekunde lang. Denn die allerwichtigsten sind bei mir geblieben. Und neue, unglaubliche Menschen habe ich mit an Bord geholt. Und als ich von Neuem erkannt habe, wie wunderbar meine Besatzung ist, umso glücklicher und gestärkter ging ich aus dem Sturm dieses Jahres hervor. So, Stopp! Das war mehr als genug an kitschig-emotionalen Bildüberschuss.

Eigentlich möchte ich euch von dem einen Moment erzählen, an dem ich ganz bewusst das Glück wieder in die Arme schloss. Also, es gab viele schöne Augenblicke, die dazu beigetragen haben, aber es gab irgendwie diesen einen Moment, wo all das Alte von mir abgefallen ist. Und lustigerweise war das ein Moment, in dem ich ganz alleine war – ohne meine Besatzung. Aber von vorne:

Es geschah an einem Tag im Außendienst in meinem neuen Job, ein Tag, über den ich anschließend einen Erlebnisbericht schreiben sollte. Ihr könnt euch vorstellen, dass der Text aufgrund meiner Euphorie nach diesen für mich geschichtsträchtigen Stunden, wirklich gut geworden ist :D. Wie auch immer… ich durfte einen Tag in einem Hotel in Kaltern verbringen und sollte anschließend noch eine kurze Herbstwanderung machen. Ich beschloss auf die Leuchtenburg zu wandern – dieses Ziel hatte ich schon lange lange Zeit vorher im Visier, habe es aber irgendwie nie geschafft, den Marsch anzugehen. Da ich etwas unter Zeitdruck war, weil ich später meinen Sohn abholen musste, ging ich ziemlich schnellen Schrittes los.

Es war der letzte Herbsttag des Jahres und ziemlich schwül. Ich hatte angesichts dieser drückenden Temperaturen zu viel an und war zu schnell unterwegs. Eigentlich wollte ich diese Wanderung genießen, aber die Zeit erlaubte es mir schlichtweg nicht. Und es ging steiler auf diesen verdammten Hügel hinauf, als ich erwartet hatte. Als meine Puste ziemlich schnell ausging, erinnerte ich mich wieder mal daran, dass ich viel zu wenig Sport machte – aber ganz ehrlich: Mir fehlt als alleinerziehende und wieder arbeitende Mama schlichtweg die Zeit dafür. Mir fehlt die Zeit, endlich mal wieder in der frischen Morgenluft joggen zu gehen. Mir fehlt die Zeit zum Reisen, mir fehlt die Zeit zum Schreiben (ich würde nämlich viel mehr schreiben, wenn ich denn könnte), zum Malen (ja, ich male, bzw. würde ich es gern wieder mal) und endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen oder einfach mal nichts zu tun. Die Zeit für mich selbst. Aber mein Leben ist beinah minutiös verplant. Das ist oft hart und ganz ehrlich: Manchmal möchte man halt einfach die Zeit haben, die einem zusteht. Und die habe ich nicht und ich fragte mich, als ich da diesen Hügel erklomm – der mir in jenem Moment wie ein 2000er vorkam – ob es mich zu einer schlechteren Mutter macht, wenn ich manchmal den Wunsch habe, für mich zu sein. Und ich fragte mich, keuchend und schwitzend, ob ich verrückt sei, dass ich deshalb ein schlechtes Gewissen hatte. Ich ärgerte mich etwas über mich selbst und darüber, meine Gedanken – die ich schließlich doch für ganz okay befand – verurteilt zu haben. Und ich ärgerte mich, dass ich an diesem Nachmittag nicht früher aufgebrochen war, und die eigentlich schon lang geplante Wanderung zu unternehmen, um mit mehr Gemütlichkeit und mehr Genuss diesen Solo-Pfad zu begehen… wenn ich denn schon endlich mal alleine war!!

Stattdessen fuhren meine Gedanken wieder mal ihre Lieblings-Achterbahn und an all dem Guten und Schlechten der letzten Monate vorbei. Rauf und runter. Spielten alle Szenen immer und immer wieder durch. Machten mich traurig und wütend und stolz und überglücklich. Ich wunderte mich, wie viel emotiongeballtes Leben in einer kleinen Welt wie der meinen doch Platz hat. Wahnsinn, oder? Whatever. Jedenfalls sprintete ich beinahe den Waldweg hinauf, schwitzte wie ein Schwein und war froh, irgendwann doch angekommen zu sein.

Die Hitze hatte sich gelegt und die Leuchtenburg warf ihren riesigen Schatten auf mich. Und dann war es plötzlich still. Um mich herum waren keine anderen Wanderer mehr. Keine Geräusche aus dem Tal konnte ich vernehmen und das Erstaunlichste: In meinem Kopf wurde es auch leise. Endlich. Dieses majestätische Steindings, das auch aus der Nähe betrachtet wirklich hübsch anzusehen war, erhob sich vor mir, hieß mich Willkommen und verbot mir jeglichen weiteren Gedanken. Mir wurde klar, dass ich gerade eine ganze Burg und einen ganzen Miniatur-Berg für mich alleine hatte. Das war zugegebenermaßen ziemlich cool und ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen auf abenteuerlicher Entdeckungstour.

In die Burg rein, in jede Tür hineingespäht, nach oben geblickt und ringsum. Um die Burg herum und Aussichtsfetzen erhascht. Eine Fahne, die im Wind über meinem Kopf herum wehte. Und dann war da mehr als nur ein Fetzen. Da war eine wundervolle Aussicht, die ganz allein mir gehörte. Mir alleine. Ich kletterte auf die Burgmauer, von der aus ich diese Errungenschaft vollends genießen wollte und blendete meine zitternden Knie und meine Höhenangst aus. Ich wollte mir ein Andenken schaffen und hey: Sollte ich nicht meinen Kopf ausschalten? So hatte es mir die Leuchtenburg angetragen und ich tat es dann auch.

So saß ich da, mit zitternden Beinen, zufrieden und etwas andächtig und spürte, wie eine Welle des Glücks mein Papierboot anstupste. Wie ich tatsächlich (!) mal ganz für mich war. Ich spürte, wie schön es war, dass – wenn ich gleich von meinem persönlichen, symbolischen 2000er Berg hinunterstieg – ich nicht alleine war, sondern ich all jene Menschen um mich haben würde, die ich liebte. Die mich liebten. Denen ich jede stürmische Welle wert war und die ich niemals aus meinem kleinen Boot fort gehen lassen würde. Tief im Inneren nahm ich Abschied. Nicht nur vom Sommer, nein, auch von diesem großen Jahr der Veränderung – es endete für mich an diesem letzten Herbsttag, Ende September. Ich fand, das war ein guter Zeitpunkt ein neues Jahr einzuläuten. Dazu muss nicht unbedingt Silvester sein. Ein viel zu heißer Herbsttag und eine kleine Burg reichen da schon völlig aus.

Hey Sommer…

Eigentlich bist du schon seit einer ganzen Weile weg, aber trotzdem möchte ich dir noch was sagen… Du hast mir in den letzten Monaten so viel geschenkt: Zuversicht, den Glauben daran, dass nach jedem Tief auch wieder ein Hoch kommt. Ein neues Zuhause. Eine Riesenchance mich beruflich weiter zu entwickeln, meine Leidenschaft zum Schreiben auszuschöpfen und neu zu erfinden. Du hast mir die Liebe zurückgegeben und mich immer wieder dran erinnert, dass Familie und wahre Freundschaft alles überdauert. Du hast mich ebenso daran erinnert, wie stark ich bin und hast deine kräftigen Farben auf mich übertragen. Ich habe endlich wieder das Gefühl, MICH zu sehen, wenn ich in den Spiegel schaue. Endlich leuchte ich wieder. Dafür möchte ich dir danken, Sommer. ❤️


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Die Bestie, ihr Begleiter

Es schien, als ob lautlose Schritte über den Asphalt huschten. In Wirklichkeit waren es insgesamt sechs Beine, die die breite, menschenleere Straße entlang liefen. Zwei von ihnen allerdings, es waren die Kinderbeine eines Mädchens, glaubten, alleine ihren Weg zu gehen. Unangestrengt, leichtfüßig. Sie bemerkten die anderen gar nicht und darum gingen sie in ihrem eigenen Tempo. Fröhlich, unbeirrt, erwartungsvoll.

Viele, viele Jahre war der Weg der Leichtfüßigen der selbe. Mal hatten sie laute Menschen an ihrer Seite, mal leise, mal welche, die viele Kilometer mit ihr gingen. Manche blieben nur kurz bei ihr, andere blieben. Aber wie es nun mal so ist, auf diesem langen Weg des Lebens, hat man ihn am Ende doch irgendwie alleine zu bewältigen. Auch der des Mädchens war manchmal anstrengend, steinig und steil und umständlich zu begehen, aber sie meisterte ihn mit Bravour, Optimismus und kindlicher Unbekümmertheit. Jeden einzelnen Meter davon. Und so war sie immer schwebend und es war tatsächlich so, dass man sie kaum vernehmen konnte, diese leichtfüßigen Kinderbeine jenes Mädchens, das noch nicht ahnen konnte, wie stark sie war.

Die vier anderen, unbemerkten Beine gehörten einem wilden Tier, das mal zahm und umgänglich, aber auch ungestüm und grausam sein konnte. Es zerfleischte und riss einen in tausend Stücke, bevor es dann zum besten Freund werden konnte. So kann man sagen, dass dieses Tier auch der einzige treue Begleiter unserer Leichtfüßigen war. Ihr war der beharrliche Weggefährte lange Zeit egal, da es das Vieh nie so richtig bemerkte. Aber irgendwann fletschte es dann doch seine Zähne. Und die Leichtfüßige erschrak sich vor dem blutrünstigen Maul, das ihren Weg, den sie so lange ja beinahe schwebend beschritten hatte, in tausend Stücke riss. Der Asphalt brach auf, verschlang alles Grüne und Blühende, das am Wegesrand aus der Erde sprießte und die Straße glich mehr und mehr einem Trümmerhaufen, von dem unsere leichtfüßigen Kinderbeine nicht mehr herauskommen vermochten. Plötzlich knirschte und knackste es unter ihren Fußsohlen und die Leichtfüßige wusste gar nicht mehr wohin mit den vielen Eindrücken. Mit dem Chaos vor ihren Augen, dem Lärm unter ihren Beinen und dem Schmerz in ihrem Inneren. Sie weinte und die Menschen um sie herum, die ihr Leben lang nichts anders versuchten, als das Mädchen zu beschützen, hatten Mühe, es in diesem Durcheinander zu tragen. Leider waren manch ihrer Versuche vergebens und Kämpfe umsonst gefochten. Dann blieb der Leichtfüßigen nichts anderes übrig, als in das blutrünstige Maul hinein zu starren und ihm zu trotzen. Die um sich schlagenden Pfoten der Kreatur abzuwehren, so gut es eben ging. So lange, bis sich das Maul wieder schloss und seine Beine den Boden wieder feste berührten. Sie sich wieder dem Tempo des Mädchens anpassten und ihre Beschützer fast genauso beruhigt loslassen konnten. Und siehe da, die Leichtfüßige zog weiter. Sie hatte einige Schrammen abbekommen und ja, womöglich auch tiefere Narben, aber sie war noch da. Und sie schritt voran.

Nein, die Geschichte ist mit diesem plötzlich auftretenden Ereignis und dessen Ende selbst nicht zu Ende, und es gibt auch kein Happy End im herkömmlichen Sinne. Denn das Ende dieses einen Ereignisses bedeutete nicht, dass das launische Tier nun seine Ruhe gab, bei weitem nicht. Je weiter die Leichtfüßige voranschritt, desto öfter und desto brutaler schlug die Bestie zu. Biss sie hier, zerrte an ihr und versuchte sie in das Loch zu reißen, das sich immer von Neuem auftat. Aber irgendwie schaffte es das Mädchen, das irgendwann kein Kind mehr war, dem immer wieder zu entkommen. Und so kam es, dass die Leichtfüßige zu ihrem zwielichtigen Begleiter eine seltsame Beziehung aufbaute. Sie verabscheute das Tier an ihrer Seite und liebte es zugleich. Sie hielt Ausschau nach ihm und fürchtete sich gleichzeitig vor seiner Rückkehr. Sie verachtete es und verehrte es zur gleichen Zeit. Es war ihr schlimmster Feind und doch ihr verlässlichster Freund.

Einmal, als der Weg der Leichtfüßigen sie auf einen wiesenbehangenen Hügel führte und es ein dunkler Tag voller Wolken und Regen war, kam es zu einem heftigen Kampf zwischen ihr und dem Vieh. Noch nie zuvor hatte die Leichtfüßige dermaßen Widerstand leisten müssen. Aber  auch dieses Mal ließ sie sich nicht unterkriegen. Als sich die Bestie endlich wieder beruhigt hatte und selbst müde war von dem Unfrieden, den es wieder einmal gestiftet hatte, suchte es Schutz unter einer Baumkrone. Irgendetwas war nach diesem letzten Angriff anders und aus irgendeinem Grund konnte die Leichtfüßige ihn zum ersten Mal richtig sehen. Sie wusste nicht ganz, was sie von der erschöpften Bestie halten sollte, die sich wieder einmal die Zähne an ihr ausgebissen hatte und wusste auch nicht, ob sie etwas zu ihr sagen sollte. Also setzte sich die Leichtfüßige unter einen zweiten Baum und wartete. Beobachtete ihren langjährigen Begleiter, der sie so oft verletzt, aber gleichzeitig dermaßen stark gemacht hatte. Sie starrten sich an, die Leichtfüßige und ihr Begleiter und es geschah in diesem Moment nichts weiter, als dass die Erde um sie herum sich weiterdrehte, der Regen vom Himmel fiel und das Gras auf dem Hügel nass und nasser wurde. Nach einigen Minuten erhob sich die Leichtfüßige, ging zum anderen Baum und legte ihre Hand behutsam auf die Wange des Tieres. „Jetzt geh ich meinen Weg einmal ohne dich“, flüsterte sie ihm zu und seine erschöpften, aber treuen Augen verrieten ihr, dass ihr Begleiter sie für eine Zeit lang ziehen lassen, aber eines Tages ganz bestimmt wieder an ihrer Seite laufen würde. Weil er in ihrem Schatten wohnte.


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Brief an die Veränderung

Hallo Veränderung,

meine Freundin, meine Feindin,

du Botin des Zweifels und der Unsicherheit, du hoffnungsgebender Funken.

Ob dies ein Liebesbrief an dich ist oder eine Abrechnung, das kann ich gar nicht so genau sagen. Wie auch, ich weiß ja nicht einmal, ob ich dich mag oder nicht. Das Leben ist eine Waage, die ihre Gewichte mal auf der einen Schale, mal auf der anderen trägt. Ab und zu, wenn alles gut läuft, dann hält sie die Balance, weil alles genau richtig ist. Und dann kommst du ins Spiel, Veränderung. Wirfst plötzlich ein Gewicht dazu oder nimmst eines weg. Bringst die Waage ins Wanken. Manchmal da erscheinst du gar als Welle und nimmst ihr völlig den Halt. Spülst sie fort und alles muss von vorne beginnen.

Ich weiß, du kommst manchmal unvorhersehbar. Dann bist du mir meist nicht willkommen und ich verabscheue dich. Weil du alles in mir zerreißt und mich aus meiner gut funktionierenden Bahn wirfst. Dann scheuchst du mich ins Bett und lässt mich die Decke über den Kopf ziehen. Dann möchte ich nichts hören und nichts sehen und ich warte, bis du wieder fort bist. Aber … du gehst nicht weg. So ist das nun mal mit dir. Wenn du da bist, bist du da, einen Rückwärtsgang besitzt du nicht. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als dir mitten ins Gesicht zu blicken. Du bist meine immer wiederkehrende Gegnerin. Aber geschlagen hast du mich noch nie.

Nicht immer spielst du auf der anderen Seite des Spielfeldes, nein, gelegentlich sind wir auch in einem Team, du und ich. Manchmal bin ich  deine Schülerin. Deine Lektionen? Hart. Überraschend. Lehrreich. Schön. Und stärkend. Du faszinierst mich. Weil du nicht nur gut und nicht nur schlecht bist. Du bist beides, gar oft zur gleichen Zeit. Und in welcher Form du kommst – das fasziniert mich erst recht! Kommst du als Mensch, als Ereignis, als Entscheidung? Tauchst du in der Welt auf, die mich umgibt oder aber tief in mir drin? Es ist immer anders, DU bist immer anders. Du bist beeindruckend. Erschreckend beeindruckend.

Ab und zu, ja, da sehn ich dich sogar herbei. Ich gebe zu, dass ich dich auch brauche. Weil mich die Herausforderung reizt, die du wie eine kleine rote Gießkanne in der Hand hältst und die meine Wurzeln tränkt. Dann wachse ich an dir. Und du verzauberst mich, weil dich ungeatmete, funkelnde Luft umgibt, die ich tief einsauge. Ich sauge sie ein, ganz tief, und es kribbelt in mir, vor Stärke.

Ich weiß, du bist unvermeidbar und du gehörst dazu. Jeden Tag. Du bringst den Morgen und die Nacht, wirfst die Blätter von den Bäumen und treibst Knospen. Du malst mir Falten ins Gesicht und sorgst dafür, dass ich die vielen kleinen Geschichten meines Lebens erzählen kann. Nicht immer verstehe ich den Grund für dein wankelmütiges Dasein, aber ich weiß, dass du am Ende immer deinen Sinn hast. Irgendwie hast du den tatsächlich.


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