Der Sternenzähler

Millionen Lichtjahre hatte er bereits auf dem Buckel – wobei man fairerweise erwähnen muss, dass der Buckel des Sternenzählers freilich nicht der allergrößte war. Ganz im Gegenteil. Es gab wohl nicht viele auf zwei Beinen laufende Lebewesen im Universum, die von solch geringer Größe, aber dermaßen enormer Intelligenz ausgestattet waren. Skurril trifft es als Wort wohl am ehesten, um den kleinen, blassen Lockenkopf mit den langgliedrigen Fingern zu beschreiben. Sein violettes Haar und seine zierliche Erscheinung ließen den Sternenzähler kindlicher und unbeholfener erscheinen, als er es tatsächlich war. Sein Verstand war geradezu grandios – aber wer alle Gesteinsbrocken, alle Planten und alle schwarzen Löcher in Milchstraße und Umgebung beziffern, benennen und katalogisieren musste, musste das auch sein: klug, rational und durchstrukturiert – vom kleinsten der jeweils vier Zehen bis hin zur obersten abstehenden Locke.

Die Landung auf dem Planeten Erde war nicht ganz so glimpflich verlaufen, wie es sich der Sternenzähler erhofft hatte. Im Grunde wollte er gar nicht hierher fliegen. Man erzählte sich im All viel Schlechtes über die Erde. Es waren wohl Kreaturen zugegen, die es mit ihrem eigenen Zuhause nicht sonderlich gut meinten. „Idioten“, murmelte der Sternenzähler vor sich hin, als er sein bescheidenes, aber seit Jahrtausenden voll funktionstüchtiges Raumschiff mitten in einem Friedhof an abgesägten Bäumen zerschmettert hatte. Welche Lebewesen rodeten ihre eigenen Wälder dermaßen ab? Die Gerüchte schienen wahr zu sein. Er hätte es besser wissen und eine andere Möglichkeit suchen sollen, die Sterne zu zählen. Aber – so sagte man ihm – auf dem Erdplaneten gäbe es die allerbeste Aussicht auf den Sternenhimmel und von hier aus fiele das Zählen um einiges leichter. Aber der einfachste Weg war nicht immer auch der richtige, fand der Sternenzähler und während er sein kaputtes Flugobjekt untersuchte, wünschte er sich, dass es anders gelaufen wäre. Einfach würde das hier definitiv nicht werden … Es würde Tage dauern, das Ding zu reparieren! Und dann noch gleichzeitig zählen! Wie sollte er das nur schaffen? Seine bisherigen Aufträge waren allesamt simpel und vor allem unkompliziert verlaufen. Es gab jedoch nichts, was in ihrer Menge umfangreicher war, als die funkelnden Gaskörper – schließlich gab es nicht nur ein paar hunderte von ihnen. Dass es irgendwann zu dieser Herausforderung kam, wusste der Sternenzähler jedoch – nicht umsonst trug er diesen Namen. Es sollte seine letzte Aufgabe sein, bevor er sich zur Ruhe setzte.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit dauerte es noch einige Stunden und so hatte der Sternenzähler genügend Zeit, um sich umzusehen und vor allem zuzusehen, den Motor seines Flugobjektes wieder zum Laufen zu bringen. Es schien nicht wirklich etwas Brauchbares in der Nähe zu sein, was er zur Reparatur hätte verwenden können. Also kramte er in seinen eigenen Sachen, um dann –  mehr oder weniger erfolgreich – mit einem alten, verrosteten Schraubenschlüssel herumzuhantieren. Plötzlich machte der Motor ein lautes Geräusch und dicke Rauchschwaden schossen heraus, was unseren Sternenzähler abrupt zum Keuchen und Husten und Fluchen brachte.

Lautes Gelächter ertönte auf einmal neben ihm. Der Sternenzähler hatte große Schwierigkeiten, durch den Rauch hindurch die Gestalt zu erkennen, die ihn dermaßen hämisch auslachte. Er erspähte lange Arme und Beine und einen scheinbar endlosen Schwanz, der sich ununterbrochen hin und her bewegte. „Wer bist du?“, fragte der Sternenzähler röchelnd. „Ich kann dich nicht sehen durch den vielen Rauch.“ Erst als dieser etwas verpufft war, konnte er ihn erkennen: Den schadenfrohen, gelbgrauen Affen, der sich nun endlich beruhigte, sich auf einen der abgesägten Baumstämme hinhockte und den Fremden mit dem eigenartigen Fortbewegungsmittel neugierig observierte.

„Ich weiß zwar nicht, was das für ein Ding da ist, aber es scheint Schrott zu sein, würde ich sagen. Definitiv“, kicherte der Affe und kratzte sich dabei am Arm. „Ich bin ein Spinnenaffe und wohne da hinten mit den anderen, wo die Bäume noch ganz sind. Wir arbeiten für die Menschen, die unseren Wald roden, damit sie uns ein paar Quadratmeter Wald übrig lassen, das haben sie uns versprochen. Wir arbeiten an ihren Maschinen, mit denen sie die Bäume abholzen. Aber sind nicht mehr so viele. Von meiner Art, meine ich. Und von den Bäumen. Alles wird weniger und weniger.“ Der Spinnenaffe machte ein betrübtes Gesicht. „Aber du bist jetzt ja dazugekommen“, lachte er nach einer kurzen Pause. Der Sternenzähler war etwas verwirrt von dem seltsamen Tier, das offensichtlich sehr erfreut war, ihn zu sehen. Na ja, war auch nicht verwunderlich. Wenn die Welt um einen herum verschwindet, schenkt eine neue Begegnung Hoffnung. Also versuchte der Sternenzähler freundlich zu sein, auch wenn er gerade nicht in der Stimmung dazu war. „Nun, womöglich bräuchte ich deine Hilfe. Weißt du, ich bin der Sternenzähler und mein Raumschiff hat die Landung auf deinem Planeten nicht gut überstanden. Vielleicht kannst du mir helfen, es zu reparieren. Ich bin nämlich hier, um die Sterne zu zählen und beides gleichzeitig schaffe ich wohl nicht.“ „Zählen kannst du?“, fragte der Spinnenaffe erstaunt. „Und auch noch so weit, wie es Sterne gibt? Das kann ich nicht glauben! Ich kann nicht mal bis … ähm bis …“ Das Tier hielt drei seiner Finger hoch.„Drei zählen?“, führte der Sternenzähler den Satz des Spinnenaffen zu Ende. Das Tier lächelte und bestaunte den merkwürdigen kleinen Mann mit dem ungewöhnlichen Aussehen, der irgendwann vorschlug: „Weißt du was, ich helfe dir dabei, zählen zu lernen und du hilfst mir dabei, das Ding hier wieder zum Fliegen zu bringen. So profitiert ein jeder vom Können des anderen!“ Der Spinnenaffe war so aufgeregt und begeistert von besagter Idee, dass er seinen schlaksigen Affenkörper erst mal eine Runde auf den noch vorhandenen Bäumen schwang und er wie wild herumschrie. Der Sternenzähler zweifelte an der Vereinbarung, die das Tier und er sich eben gegeben hatten, aber es war vermutlich die einzige Möglichkeit, von diesem schrecklichen Planeten mit seinen verrückten Bewohnern wieder wegzukommen. Und er konnte sich aufs Sternenzählen konzentrieren, sofern der naive Affe nicht völlig seine Aufmerksamkeit einforderte.

Sie arbeiteten nachts. Der Sternenzähler setzte sich mit seinem dicken, schwarzen Notizbuch und seinem goldenen Füller auf einen großen, fein säuberlich abgesägten Baumstumpf und ging seiner eigentlichen Bestimmung nach, während der Spinnenaffe weiter hinten am Flugobjekt herumwerkelte, ohne seinen neuen Freund beim Zählen und Festhalten der glitzernden Himmelspunkte zu stören. Nichtsdestotrotz ließ er es sich nicht nehmen, immer wieder mal zu lauschen und fasziniert hinzusehen, wie der kleine Mann aus dem fernen All seine Arbeit verrichtete. Konzentriert und eifrig sprang dessen Zeigefinger in der Luft von einem Stern zum nächsten – so sah es zumindest aus der Perspektive des Affen aus. Der Sternenzähler wisperte dabei unverständlich vor sich her, nur zwischendurch konnte der Spinnenaffe seltsame Zahlen vernehmen, von denen er noch nie gehört hatte. Gebannt vom meditativen Zählen vergaß das Tier immer wieder mal das zu reparierende Raumschiff. Sobald sich der Himmel erhellte und die Sterne in ihm verblassten, legten die zwei sich bis vor kurzem noch Fremden für einige Stunden zum Schlafen hin. Tagsüber erteilte der Sternenzähler dem Affen mathematische Lektionen und sie stärkten sich mit Früchten, die dieser aus dem tiefen Dschungel besorgte. Fünf Tage und fünf Nächte lang zog sich ihre Übereinkunft hin und in der sechsten Nacht wurde der Spinnenaffe mit dem Raumschiff schließlich fertig. Der Sternenzähler, der noch völlig vertieft seine Arbeit zu Ende führte, merkte nicht, dass der Affe sich zu ihm setzte und ihn wieder einmal beim Sternenzählen beobachtete. Zutiefst beeindruckt war der Spinnenaffe vom Können seines neuen Freundes und er lächelte ihm zu, als dieser endlich den Blick von seinem schweren Notizbuch löste. Die Aufgabe der letzten Tage schien dem Tier gut zu tun und überraschenderweise spürte auch der Sternenfänger in sich selbst eine Veränderung. Eine Gelassenheit, die er – wie er nun bemerkte – schon lange nicht mehr in sich trug, legte sich wohlwollend, wie ein Seidentuch, über ihn. Wie konnte es passieren, dass sich Dringlichkeit und Arbeit ihn dermaßen vom Wesentlichen ablenkten?

„Es stimmt, was man sich erzählt“, sagte der Sternenzähler schließlich mit ruhiger Stimme. „Das Firmament ist von diesem Planeten aus tatsächlich am allerschönsten. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe schon viele Orte bereist in meinem langen, langen Leben.“ Der Spinnenaffe, überrascht und erfreut über diese Worte, entgegnete: „Vielleicht haben wir es uns verdient, ihn auch mal zu genießen. Komm, lass uns einfach die Beine hochlegen und lassen den Himmel auf uns wirken.“ Der Sternenfänger hatte seine Lebensaufgabe beendet, alle Sterne waren gezählt. Warum also nicht? Die beiden ungleichen Freunde legten sich nebeneinander ins kühle Gras und schauten nach oben. Auf diese riesige schwarze Fläche mit den weiß leuchtenden Punkten. Keiner gleich wie der andere. Ein jeder für sich und doch einer von vielen. Der Spinnenaffe begann eine Melodie zu summen und der Sternenzähler merkte, wie dankbar das Tier für diesen Moment war, einen Augenblick, der ihn – wenn auch flüchtig – aus seiner ausweglosen Situation rausholte. Auch wenn die Welt um sie herum zu erlischen drohte: Der Anblick des gewaltigen Sternenzeltes ließ all ihr Sorgen schrumpfen. Auch der Sternenfänger spürte sie, diese Zufriedenheit, von der alle immerzu sprachen und die der Augenblick ihm nun schenkte. Oft schon war er den Himmel auf und ab geflogen, hatte in ihm gewohnt und so oft hatte er ihn schon betrachtet, und doch sah der Sternenfänger ihn nun zum ersten Mal wirklich. Fühlte ihn. Nach abertausenden von Jahren.


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Wo die Welt einkehrte

Geschichten sind Farbkasten-bunt.

Sie haben ihren Klang und ihre Melodie.

Sie riechen nach Freiheit, nach süßer Freiheit.

Geschichten blühen und verwelken nie.

Geschichten nehmen dich überall mit,

denn sie verwandeln jeden Ort in ein Universum.


In einem abgeschiedenen Tal, irgendwo im Süden, gab es einen Ort, über dem die Wolken an fast allen Tagen im Jahr schwer hingen und das Grau schien sich nicht nur in den Häuserfassaden, sondern auch in die Natur, ihrem Gras, ihren Blumen und Sträuchern eingenistet zu haben. Die Gassen des Dorfes waren menschenleer, nur selten konnte man seine Bewohner antreffen. Es wirkte beinahe so, als hätten sich alle in ihren kleinen Häusern verbarrikadiert, als wolle niemand mit dem anderen etwas zu tun haben. Eine jede Tür und ein jedes Fenster waren verschlossen. Ab und an verirrten sich wieder Besucher in das verschlafene Dorf und ergötzten sich an der ungewöhnlichen Stille, der melancholischen Monotonie und den bejahrten, aber schmucken Häuschen. Die Leute, die hierher kamen waren erstaunt, niemandem zu begegnen, aber es störte sie nicht, ganz im Gegenteil. Sie genossen es, das nackte und unbewegliche Umfeld zu erleben und die einzige Kraft zu sein, die in den verwinkelten Straßen wirkte. Tatsächlich war es also so, dass der Ort wie abgekapselt war von all den Geräuschen, den Farben, der Ruhelosigkeit, den Bewegungen, vom Rest der Welt.

Eines Tages aber, als der Sommer seine drückend heiße Luft ins Tal schickte, zog die Welt ein ins besagte Dorf – in Form einer alten, aber kecken Frau, die nichts weiter bei sich trug als einen weiß-violett gepunkteten Sonnenschirm und einen zerfledderten, braunen Koffer, der wohl gleich viele Jahre auf dem Buckel hatte wie seine Besitzerin. Frohen Mutes schlenderte sie durchs Dörflein, in das sie sich innerhalb der ersten zwei Minuten verliebt hatte, und begutachtete einen jeden Stein, eine jede Pflanze, ein jedes Straßenschild und eine jede Abzweigung.  Sie atmete die fast unverbrauchte Luft ein und sah sich an den Dächern satt, die nach den schützenden, über sie wachenden Händen des Nebels lechzten. Ihr war bewusst, dass der Ort hier ein besonderer war, aber es war schwierig zu erklären, in welcher Form er es war. Besonders in seiner Schönheit, aber auch in einer herzbewegenden, etwas traurigen Schwere, die seine Verlassenheit heraufbeschwor.

Nach einer Weile des Herumflanierens beschloss die Alte, ihren schweren Koffer und ihren Sonnenschirm abzulegen und sich auf eine Steinmauer hinzusetzen. Die alte Frau wollte diesen wunderbaren Ort beschenken, so beschloss sie das zu tun, was sie am besten konnte: Geschichten erzählen und Magie verbreiten. Also öffnete sie ihren verschlissenen Koffer und ließ die bunten Farben ihrer Geschichten heraus, die darin eingepackt waren. Die Farben zogen ihre Kreise im Dorf, das knallige Rot klopfte an die Haustüren der Menschen, das berauschende Blau färbte die tief hängenden Wolken ein und das belebende Gelb setzte sich in die Gassen, um diese zu beleuchten. Und da rüttelte es unverhofft an den einen, dann an den anderen Fensterläden, und das Knirschen in den Türen war der Beginn einer neuen Melodie dieses verstummten Ortes. Plötzlich setzten seine Bewohner ihre Füße auf die Straße und alle, wie sie in ihrer Anzahl doch recht viele waren, folgten dem unverhofften Ruf. Sie vernahmen flüsternde Worte, die mehr versprachen zu sein als nur das. Sie waren verzaubert von dem Bunt, das in ihrem Zuhause plötzlich Einzug gehalten hatte und waren neugierig auf mehr.

Welch ein einzigartiges Bild bot sich da den glückseligen Vögeln, die gerade über das Dorf zogen! Ein Kreis von Menschen, die viel zu lange in ihren Häusern gehockt hatten, versammelte sich nun um die Frau, die die ganze Welt in einem einzigen Koffer bei sich trug, und lauschte gespannt ihrer Stimme. Eine Flut an Buchstaben, Wörtern und Sätzen strömte aus ihrem Mund, ja ein Meer an vielgestaltigen Bildern:

Süße Regentropfen. Feuriges Chili. Sandige Berührungen. Rhythmische Trommelmusik. Sich an steil abfallenden Klippen brechende Wellen. Bunte, selbstgeschnitzte Ketten. Romantische Bergkulissen. Bibbernde Nächte im Auto. Drinks im Iglu. Kreischende Papageien. Blinkende Lichter vom Dunkel des Ozeans. Leere Popcorntüten. Gänsehautverursachendes Pianogeklimper. Sehnsüchte nach Ländern, nach Menschen. Nie versendete Briefe. Fotos an Wänden. Fische, die an den Füßen kitzelten. Der Blick nach oben. Der Blick nach unten. Grenzenlose Freiheit. Rosa Wolken. Heiße Sonnenstrahlen, die das Salz auf der Haut eintrockneten.

Wie es nun mal so war, schuf auch dieser Schatz an Geschichten wiederum neue Bilder, Erinnerungen und Erzählungen; in diesem Falle waren es die lauschenden Menschen inmitten eines Dorfes, die bisher ihre Ohren verschlossen hielten. Aber die Türen waren jetzt offen und die Fenster nicht mehr verdunkelt und die karge Umgebung wich etwas Prächtigem – fast so, als sprühte jemand mit einer Farbdose ein Graffiti auf die Gemäuer, Häuser und Straßen. Fast so, als streute jemand bunten Glitzer in die Luft, der genau dort liegen blieb, wo es ihn brauchte. Fast so, als wuchsen aus jedem Riss des Asphaltes kleine bunte Blümchen. Fast so, als hätte ein großer, in Wasserfarben getauchter Pinsel über das Stadtbild gewischt und einen Regenbogen darauf hinterlassen. Und jede Geschichte, die die alte Frau aus ihrem Koffer packte, bewirkte dieses Wunder ein kleines bisschen mehr. Sie freute sich darüber, dass die Menschen, die ihr Gehör schenkten, nun bis über beide Ohren strahlten und schon alleine deshalb veränderte sich der Ort. Es wurde heller und – weil das Geschichten nun mal mit der Welt so machen – bunter. Viel viel bunter.


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Der Leuchtturmwärter

Vorausgeschickt: Ich habe ein Faible für Leuchttürme. Ich mag die Orte, an denen sie stehen, ich mag das, wofür sie stehen und ich mag ihr hoffnungsvolles Leuchten. Als ich im Reiseführer „Atlas Obscura“ von dem Schicksal des Leuchtturmes Rubjerg Knude Fyr in Dänemark gelesen habe, musste ich einfach eine Geschichte über ihn schreiben.

Weiters muss ich sagen, dass ich nicht besonders religiös bin, aber das Gelassenheitsgebet ist ein Satz, der einem Kraft gibt und den ich mit in meine Geschichte mit einfließen ließ.

„Gott, gib uns
die GELASSENHEIT Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können,
den MUT Dinge zu ändern, die wir ändern können
und die WEISHEIT, das eine vom anderen unterscheiden zu können“

Hier meine Symbiose dieses besonderen Leuchtturmes und den wundervollen Worten – viel Vergnügen damit!

Im Leuchtturm der Insel Fürton hoch oben im Norden hauste ein einsamer Mann. Er wurde hier geboren, lebte und arbeitete hier und war sich sicher, auch seinen Lebensabend hier zu verbringen, doch dafür hatte er ordentlich zu schuften. Aber erstmal von vorne.

Der Leuchtturmwärter war nicht immer einsam gewesen. Die Sandinsel war einst sehr belebt und beliebt bei Touristen aus fernen Ländern. Es herrschte reges Treiben, die Menschen liebten die rauhe, malerische Vegetation und die Abgeschiedenheit an diesem beinahe traumhaften Ort. Der gesellige und freundliche Leuchtturmwärter konnte das gut verstehen, er selbst war dermaßen glücklich hier, dass er sich nie hätte vorstellen können, irgendwo anders zu leben. So wie er waren alle Menschen hier zufrieden mit ihrem bescheidenen Leben fernab des Trubels auf dem Rest der Welt.

Leider gewann der Sand auf Fürton irgendwann Überhand und die Insel schien sich selbst zu verschlingen. Wind und Wasser trieben immer mehr Sand ins Landesinnere und die beschaulichen Häuser rund um den Leuchtturm waren nach nur wenigen Monaten verschwunden- und mit ihnen die Menschen, die darin lebten. Die meisten verließen ihre Häuser und Fürton, bevor es zu spät war, aber einige weigerten sich der Insel den Rücken zu kehren und wurden eins mit ihr. Entsetzt und ungläubig musste der alte Leuchtturmwärter mit ansehen, wie die Leute weniger und weniger wurden. Touristen kamen schon lange nicht mehr und von seinem geliebten Zuhause war kaum mehr übrig als eine Sanddüne, die sich an die nächste reihte. Und mittendrin ragte der Leuchtturm aus dem Meeressand, stolz, einsam und widerspenstig. Mehrere Stunden am Tag verbrachten die noch Verbliebenen damit, sich gegen die sandige Flut zur Wehr zu setzen. Sie schaufelten die Massen aus dem Inneren des Turmes und versuchten mit Bäumen, die sie um den Turm gepflanzt hatten, diesen vor dem „Ertrinken“ zu retten. Aber es half alles nichts.

„Wir müssen Fürton verlassen, bevor uns das gleiche Schicksal ereilt wie den Narren, die sich in ihren Häusern verschanzt haben. Wir können nichts mehr tun.“

„Nein!“, schrie der Leuchtturmwärter entsetzt. „Der Sand hat alles um uns aufgefressen, wir können nicht zulassen, dass dasselbe mit dem Herz dieser Insel passiert. Damit würden wir unsere Heimat aufgeben!“

Doch die anderen hörten nicht auf den Leuchtturmwärter.

„Manches kann man leider nicht ändern. Und irgendwann muss man es akzeptieren“, sagten sie traurig und so kam es, dass auch die letzten Widersacher den Kampf aufgaben und nur noch der Leuchtturmwärter selbst zurückblieb, als letzter Bewohner Fürtons.

Seit diesem Tage hatte er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Turm als einziges Übrigbleibsel seiner Heimat zu retten, ihn vor dem Verschwinden zu bewahren. Montag bis Sonntag schaffte er rund um die Uhr so viel Sand weg, wie er nur konnte und versuchte mit den wenigen Resten der verschütteten Häuser eine Art Schutzmauer an der Seite des Turmes zu bauen, von der am meisten Sand herbeigetragen wurde. Doch jeden Morgen, als der Leuchtturmwärter erwachte und von seiner einzigartigen Behausung hinunterblickte, stellte er immer wieder enttäuscht fest, dass seine Bemühungen vom Vortag umsonst gewesen waren. Die Arbeit wurde so von Tag zu Tag mehr und die Kraft des Leuchtturmwärters immer geringer. Es war zu viel für einen Mann. Zu viel Arbeit, zu viel Enttäuschung, zu viel vom Gefühl, umsonst hier zu sein und vor allem: zu viel Einsamkeit. Ja, dem alten Leuchtturmwärter fehlten die Menschen, ihre Gespräche vor den Haustüren, das Kamerablitzen der Ruhesuchenden und die Genügsamkeit. All das war fort und von dem, was noch übrig war, wurde immer weniger und weniger. Es war die siebente Woche, als in der Nacht ein heftiger Wind aufkam, ein Sturm, der den Leuchtturmwächter erst zur Mittagsstunde erlaubte, aus seinem Badezimmer zu kriechen, in dem er sich schutzsuchend verschanzt hatte.

„Oh nein, oh nein!“, rief er verängstigt und eilte mit rasendem Herzen zum Ausguck des Turmes, als er das Erahnte vor sich sah: Der Sand war die letzten Stunden meterhoch herangetragen worden und der Leuchtturmwärter konnte von hier aus mit seinen Händen nach ihm greifen. Was bedeutete, dass er den Leuchtturm nicht mehr auf gewohntem Wege verlassen konnte, sondern durch den Ausguck hinausklettern musste. Er stapfte einige Meter Richtung Westen, um das zu erblicken, was er schon längst wusste: Nur noch die Spitze seines heißgeliebten Leuchtturmes ragte aus der plötzlich entstandenen Sanddüne. Barfuß und nur mit seinem Schlafanzug bekleidet, kniete er nieder und fing an bitterlich zu weinen, betrauerte sein verlorenes Zuhause, die Einsamkeit und das Schlamassel, in das er sich am Ende selbst gebracht hatte. Doch in diesem Augenblick, als die Situation verloren schien, hörte er einen Hubschrauber heranfliegen. In ihm saßen die Männer, die mit dem Leuchtturmwärter so lange gegen den Sand gekämpft hatten. Sie hatten von dem Sturm gehört, der hier wütete und wollten ihrem Freund zu Hilfe eilen. Der Sand wirbelte wie wild herum, als die Maschine tiefer geflogen kam. Einer der Piloten ließ sich mit dem Seil herab und holte den aufgelösten Leuchtturmwärter ab.

Als dieser nur wenige Minuten später im Rettungshubschrauber saß, blickte er ein letztes Mal hinunter auf den Turm, der von seiner eigenen Heimatinsel verschluckt wurde. Vom einstigen kleinen Paradies blieb nichts weiter übrig als ein riesiger Sandhaufen mitten im Ozean. Der Leuchtturmwärter nahm Abschied und atmete tief durch. Die anderen Männer hatten von vornherein Recht gehabt. Manchmal muss man die Dinge einfach akzeptieren, wie sie sind. Nichtsdestotrotz war er froh und auch stolz darauf, dass er bis zuletzt für das gekämpft hatte, was er so sehr liebte.


Anmerkung von Geschichten im Kopf:

Im Norden des dänischen Festlandes wird der Leuchtturm Rubjerg Knude Fyr von seiner Umgebung im wahrsten Sinne des Wortes verschlungen. „Als der Turm im Jahr 1900 direkt an der Nordseeküste gebaut wurde, maß er 23 Meter- heute ist er durch Küstenerosion, Wind und Wanderdünen zur Hälfte im Sand begraben. Erst setzten sich die Leuchtturmwärter noch gegen den sandigen Übergriff zur Wehr. Sie pflanzten Bäume um den Turm und schaufelten Sand aus dem Innenhof – ein aussichtsloser Kampf […] Alle Nebengebäude sind heute komplett verschüttet, und auch der Turm selbst wird den Naturgewalten nicht mehr lange standhalten können. […] (Quelle: Atlas Obscura – Joshua Foer, Dylan Thuras und Ella Morton – Erstauflage Oktober 2017 – Seite 126)


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Die Schlosszwerge

Eine Heimatsage

Wer kennt es nicht, das märchenhafte Schloss am Ufer des großen Montiggler Sees? Den Ort am See, an dem man glaubt, der Welt kurz zu entfliehen und man in eine wunderbare Idylle taucht? An dem Stille mit einem traumhaften Ausblick aufs Wasser einhergeht? Ja, dort in Montiggl am Schlösschen ist ein wundervolles Plätzchen, doch ihr müsst wissen, dass das Schlösschen beinahe nicht dort gestanden hätte, wo es eben heute steht. Und vielleicht wäre es auf keinen anderen Platz dieser Welt gestanden, wenn nicht… Ach, aber erstmal von vorne. Denn um die sagenumwobene Geschichte des Seeschlosses zu verstehen, müsst ihr als allererstes wissen, dass es früher im Montiggler Wald vor Zwergen nur so wimmelte. Jaja, Zwerge, ihr habt schon richtig verstanden. Diese kleinen, gnomartigen Wesen mit den filigranen Körperchen und den Zipfelmützen auf dem Kopf. Die Moore und Weiher des Purzelmoos und Langmoos nannten sie für viele hundert Jahre ihr zuhause. Sie lebten friedlich und harmonisch, aber wie ihr es euch schon denken könnt, blieb das nicht immer so. Es gab nämlich ein paar Zwerge, denen das feine Zusammenleben mit den anderen Zwergen nicht genügte. Sie hatten es satt, alles in ihrem Zwergendasein mit den anderen zu teilen und wollten ebenso wenig bis ans Ende ihrer Tage in diesem Abschnitt des Waldes verharren. Aus diesem Grund verkündeten Polor, Kumi und Agumar eines Tages ihren Plan, die Moore zu verlassen und sich irgendwo anders anzusiedeln.

„Ihr könnt doch nicht einfach von hier fortgehen und uns im Stich lassen! Das hat noch kein Zwerg je zuvor gemacht“, rief der Zwergenälteste empört.

„Wir sind auch keine so dummen Zwerge, wie ihr es seid oder wie es unsere Vorfahren waren. Wir wollen nicht mehr mit euch teilen, was uns gehört und außerdem…  können wir den langweiligen Tümpel hier nicht mehr sehen“, schimpfte Polor mit wild rumfuchtelnden Händen.

„Aber gerade jetzt, seid doch nicht töricht! Der große Regenfall wird bald kommen und wir brauchen jede fleißige Hand, um unser Schlösslein zu erbauen, von dem wir schon so lange sprechen.“

Kumi johlte: „Baut euch eure Unterschlupf doch selber,  wir machen uns unser eigenes Schloss!“

„Genau“, stimmte Agumar seinem Zwergenfreund zu, „und unseres wird noch viel größer und schöner als eures werden!“

Die drei Zwerge lachten hämisch, machten sich auf und davon und ließen die anderen Zwerge mit offenen Mündern zurück.

Man würde meinen, dass so viele Zwerge, die auf einen Haufen lebten, und die sich ein Schlösschen als sicheren Unterschlupf bauen wollten, dass es da auf drei  Zwerge mehr oder weniger nicht mehr ankommen würde. Doch ihr irrt euch, es kam genau auf diese fehlenden sechs Händchen an, man glaubt es kaum. Sobald Polor, Kumi und Agumar fort waren, begannen die verbliebenen Zwerge sofort mit dem Aufbau des Schlösschens. Sie trugen schwere Steine herbei, setzten einen auf den anderen und schufteten und schufteten tagein, tagaus. Es war nicht mehr lange hin, bis dass der große Regenfall kommen sollte und bis dahin, sollte ihre Festung fertig sein. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr sich die Zwerge bemühten und beeilten, aber als die dicken, grauen Gewitterwolken den Himmel verdunkelten und die ersten Tropfen fielen, fehlten am Dach noch die wichtigen Ziegel. Um nach oben zu gelangen, kletterte ein Zwerg auf die Schultern, einer über den anderen, sodass eine hohe Zwergenleiter entstand. Doch ganz oben auf der Spitze, da fehlte ihnen noch ein halber Meter, um den letzten Ziegel hinaufzusetzen. Genau hier brauchte es nun die drei Zwerge, die jedoch fortgegangen waren. Die Zwerge verzweifelten und überlegten hin und her, um eine Lösung für ihr Problem zu finden. Ob sie eines fanden, dazu kommen wir später, lasst uns zuerst einen Blick auf die drei Ausreißer werfen.

Polor, Kumi und Agumar waren nach ihrem Aufbruch frohen Mutes und auch ein wenig schadenfroh. Sie lachten über die verzweifelten Gesichter der zurückgelassenen Zwerge und waren sich sicher, dass diese vor Neid platzten. Niemand von ihnen hatte je den Mut aufgebracht, wie sie es taten. Darum fühlten sich die drei Zwerge groß und besonders. Sie wanderten durch den grünen Montigglerwald, entdeckten neue Bäume, neue Gräser und Steine und waren einfach nur froh, das tun zu können, was ihnen gerade in den Sinn kam. Irgendwann lichtete sich der Wald und sie kamen an einen wunderschönen Platz. Noch nie zuvor hatten sie etwas Vergleichbares gesehen (wie auch?). Es war ein See, riesengroß, mit Farben der Gräser und des Himmels und Harmonie lag in der Luft, da blieb selbst den frechen Zwergen kurz die Spucke weg.

„Hier wollen wir bleiben“, sprach Polor überzeugt.

„Gut, dann machen wir uns an die Arbeit, lasst uns hier unser Schlösschen bauen! Bevor der große Regen kommt“, rief Kumi voller Enthusiasmus.

Die drei wollten schon loslegen, da fiel ihnen auf, dass sie gar nicht loslegen konnten. Schon beim Versuch, den ersten Stein hochzuheben, scheiterten sie kläglich.

„So weit haben wir gar nicht gedacht… zu dritt schaffen wir es ja nicht mal einen Stein zu legen“, keuchte Agumar und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Ach was soll`s… Dann legen wir uns eben ein bisschen ans Ufer und machen gar nichts. Wenn der Regen kommt verstecken wir uns eben unter einem kräftigen Baum… So schlimm wird’s schon nicht werden“, meinte Polor, legte sich gemütlich ans Ufer, steckte seine Zehen ins kühle Nass und kaute genüsslich an einem Grashalm herum. Die zwei anderen taten es ihm gleich.

Kumi schwärmte: „Hach, wie gut das tut, einfach mal nichts zu tun!“

„Wirklich schön, wirklich schön ist das“, pflichtete ihm auch Agumar bei und deutete zum Himmel. „Seht ihr, die Wolken vom großen Regen? Sie ziehen über uns hinüber.“

Einige Minuten lagen sie dort und sahen den grauen Wolken am Himmel zu, wie sie eine dichte und düstere Decke bildeten über den Ort, den Polor, Kumi und Agumar noch bis vor Kurzem ihr zuhause nannten.

„Hmm“, murmelte einer von ihnen irgendwann leise, „da oben scheint es bald richtig los zu gehen. Mit dem Regen meine ich… Glaubt ihr, die anderen haben das Schlösschen fertig gebaut?“

„Bestimmt, sie sind ja so viele. Obwohl… Vielleicht sollten wir doch mal nach ihnen sehen, was meint ihr?“

Die drei Ausreißer diskutierten eine Weile, aber es war tatsächlich so, dass ihr anfänglicher Übermut vom Gewissen gebremst und dem Familiensinn und Pflichtbewusstsein wich. Darum zogen sie sich wieder ihre Schuhe an und machten sich auf dem kürzesten Weg zurück in die Moore. Sie liefen so schnell sie ihre kleinen Füßlein trugen, während sich die Wolken immer mehr über ihnen verdichteten.

„Wir müssen uns beeilen“, rief Agumar. „Nicht, dass wir noch zu spät kommen!“

Die ersten Tropfen fielen schon vom Himmel, als die drei Zwerge am Schloss der anderen Zwerge ankamen, die gerade eine große Leiter machten, um den letzten Ziegel aufs Dach zu setzen. Was ihnen nicht gelang, denn es fehlte noch ein halber Meter. Es fehlten Polor, Kumi und Agumar. Die drei sausten wie der Blitz über die Zwergenleiter hinauf, wurden von allen bejubelt und begrüßt, und bildeten am Ende der Leiter die oberste Spitze. Es war Kumi, der schließlich den letzten Ziegel aufs Dach setzte.

„Hurra“, riefen alle Zwerge. „Wir haben es geschafft!“

„Jetzt schnell hinein ins Schloss“, rief einer der Zwerge und so huschte ein Zwerg nach dem anderen ins Innere ihrer Festung. Keine Sekunde zu früh, das könnt ihr mir glauben, denn sobald der letzte Zwerg im Schlösschen war und das Tor hinter sich zumachte, begann es wie aus Kübeln zu schütten.

„Danke, dass ihr zurückgekehrt seid! Ihr habt uns gerettet“, sprach der Zwergenälteste im Namen aller.

„Wir gehören doch zusammen“, antwortete Polor lächelnd, „und es tut uns leid, dass wir dachten, wir wären besser als ihr. Solch einen bösen Gedanken wollen wir nie wieder in unsere Köpfe lassen!“

Die Zwerge nahmen sich alle an die Hand und warteten bis der große Regen zu Ende war. Sie lauschten dem Donner und dem Prasseln der Millionen Wassertropfen und warteten und warteten. Erst nach drei Tagen und drei Nächten war es vorüber und die ersten Sonnenstrahlen lockten die Zwerge wieder aus dem Schloss. Da sahen sie, dass der Boden so nass und matschig war, dass es eine Last gewesen wäre, hier weiterhin zu leben und zu arbeiten. Bevor die Zwerge jedoch in tiefe Verzweiflung stürzten, schlugen die drei Rückkehrer vor, zu dem Ort zu gehen, an dem sie noch vor einigen Tagen die Füße ins Wasser gehalten hatten.

„Es wird euch dort sicher gefallen“, rief Polor enthusiastisch.

„Von hier weggehen? Also ich weiß nicht…“, grübelte der Älteste.

Da riefen einige Zwerge aus der Menge: „Warum eigentlich nicht? Hier ist es im Moment nicht schön zum Leben mit dem vielen Matsch und dem nassen Gras! Das dauert doch Monate, bis der Boden wieder einigermaßen begehbar sein wird!“

Das konnte der Älteste nicht abstreiten, aber er hatte noch Sorge wegen des Schlosses: „Wir haben Blut und Wasser geschwitzt, um es zu erbauen“, sagte er, „es sei denn… wir nehmen es einfach mit!“

Gesagt getan. Die Zwerge knüpften lange, dicke Seile um das Schloss und zogen es mit vereinten Kräften durch den Wald, Zentimeter für Zentimeter. Es dauerte einige Sonnenuntergänge, bis sie es schließlich geschafft hatten. Die Zwerge waren alle sprachlos, als sie am traumhaften Platz angekommen waren.

„Wie schön es hier ist“, rief der eine.

„Es ist wie in einem Traum! Und unser Schloss sieht hier am See einfach bezaubernd aus“, stellte ein anderer fest.

„Hier will ich nie wieder weg“, hörte man einen anderen Zwerg noch sagen.

Und wisst ihr was? Die Zwerge verließen den einzigartigen Ort am Montiggler See auch nicht mehr. Sie blieben, lebten, arbeiteten und träumten hier, denn das konnte man hier wirklich gut. Jeder, der schon mal an diesem Ort war, wird das bestätigen können, nicht wahr? So wurden aus den Zwergen die Seezwerge und das Schlösschen zum Seeschlösschen. Jetzt wisst ihr auch, wieso es da steht, wo es eben steht- bis zum heutigen Tage. Und wir lernen daraus, dass der Zusammenhalt in einer Gemeinschaft das Allerallerwichtigste ist, und dass nach einem Fehler durch Einsicht, Wiedergutmachung und Vergebung am Ende doch noch alles wieder gut werden kann.

Anmerkung von Geschichten im Kopf:

Das Montiggler Seeschlössl wurde in Wirklichkeit im Jahre 1888 von Josef von Zastrow erbaut und ist seit 1992 im Besitz der Gemeinde Eppan. Der berühmte Traminer Künstler Max Sparer hatte hier seinen Wohnsitz.

(Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Gartenhotel Moser****s Life-& Wellnessresort im Rahmen eines Geschichtenbüchleins entstanden.)

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Die Geschichte vom kleinen gelben Sonnenschirm, der auf eine ungewollte Reise ging

 Die letzte Woche verbrachte ich mit meinem Freund und unserem Sohn in Kalabrien entspannt am Meer. Nichts tuend und eigentlich nicht groß an Ideen suchend, passierte eines Nachmittages doch etwas, was mich zu einer neuen Geschichte inspiriert hat. Es toste ein recht starker Wind über unseren Strand und wir waren gerade am Mittagessen, da blies es einen unserer Sonnenschirme hinaus aufs offene Meer. Zuerst dachte ich: Oh nein, was das Meer alles an Müll abkriegt und dann im zweiten Moment fand ich den Anblick von dem quietschgelben Sonnenschirm auf dem herrlich blauen Wasser irgendwie erquicklich. Ich sagte: Wohin der Schirm jetzt wohl getrieben wird? Und mein Freund scherzte noch: Du wirst dir jetzt schon die Geschichte von „Schirmi“, dem Sonnenschirm im Kopf ausmalen und tatsächlich bastelte ich mir schon was zusammen…  Nur den bescheuerten Namen ließ ich dann doch beiseite 😉

Heute also mal eine Geschichte für kleine Leute, aber auch für die Großen, die uns zeigt, dass man aus unerwarteten, scheinbar unglückseligen Situationen viel Gutes schöpfen kann. Eine Geschichte, die unsere Reiselust ein wenig anfächert und uns auch zeigt, dass man nicht so schnell das Handtuch werfen soll. Ich wünsche euch viel Spaß! 🙂

An einem goldenen Strand, weit weit weg von hier, irgendwo am azurblauen Meer, da gab es einen kleinen Sonnenschirm, der war gelb und einer von ganz vielen. Es gab Dutzende dieser gelben Sonnenschirme, die in Reih und Glied ihren Platz im Sand hatten und den Menschen Schatten spendeten, denen die Sonne zu heiß wurde. Das war ihre Aufgabe: Schatten zu geben, wo ansonsten keiner war. Es war eine gute Aufgabe und die vielen Sonnenschirme waren damit sehr zufrieden. Auch dem kleinen gelben Sonnenschirm genügte sein Dasein und er war stolz, solch gute Arbeit zu leisten.

Aber wie es im Leben manchmal so ist, kam eines Tages ein Sturm auf. Er kam unvorhergesehen und alle Schirme erschraken fürchterlich, denn der starke Wind bog sie hin und her und hob ihren schönen gelben Stoff nach links und rechts und oben und unten. So schnell sie konnten schlossen sie sich, um dem Sturm Widerstand zu leisten, aber beim kleinen gelben Sonnenschirm wollte etwas nicht so recht funktionieren. Seine Speichen klemmten und ehe er sich versah, spürte er, wie er von einem Luftstrom erfasst und aus dem Sand gerissen wurde. Er wurde quer über den Sandstrand geschleudert, traf dabei ein paar seiner Schirmgenossen, bevor ihn ein weiterer Windstoß ein paar hundert Meter hinaus aufs wild schunkelnde Wasser katapultierte. Da schwamm er nun,  unser kleine gelbe Sonnenschirm, kopfüber und ging auf eine ungewollte Reise.

Sehnsüchtig und mit Tränen in den Augen blickte er zu seinem Strand zurück, von der er Welle für Welle immer weiter weggetragen wurde, dem Horizont entgegen. Was würde nun mit ihm passieren? Er hatte schreckliche Angst und wusste nicht, was er gegen diese missliche Lage unternehmen könnte. Aber er konnte nichts tun. Der kleine gelbe Sonnenschirm konnte einfach nur warten und hoffen, dass sich alles zum Guten wenden würde.

Der kleine gelbe Sonnenschirm trieb schon eine ganze Weile auf dem Wasser, als er einem Fischerboot begegnete. Es war schon ziemlich alt und abgenutzt und es sah nicht so aus, als ob es noch eine Besatzung mit sich führte. Die Tür zur Koje hing kaum noch im Rahmen, die vielen leeren Kübel und Eimer, die einst wahrscheinlich gut mit Heringen und Makrelen gefüllt waren, rollten von Backbord nach Steuerbord quer über das Deck. Die Fischernetze waren zerrissen und lagen zusammengepfercht in den Ecken oder hingen über die Reling. Aber die Augen des Fischerbootes leuchteten.

„Hallo du kleiner Sonnenschirm! Warum schaust du denn so traurig?“

„Weil der Wind mich von zuhause, von meinem Strand fortgerissen hat“, antwortete dieser schluchzend. „Bist du auch alleine hier?“

„Das tut mir sehr leid, dass du deswegen betrübt bist. Ich bin schon seit Monaten alleine unterwegs, aber glaub mir: So übel ist es hier draußen gar nicht. Im Gegenteil, es ist wirklich schön hier auf dem Wasser. Alleine kannst du tun und lassen, was du willst. Weißt du, früher musste ich immer dorthin steuern, wohin die Fischer wollten, da konnte ich gar nicht mitreden. Außerdem habe ich es gehasst, dass auf meinem Deck tagtäglich so viele Fische sterben mussten. Das hat mich traurig gemacht. Jetzt bin ich frei und ich kann entscheiden, wohin meine Reise gehen soll.“

Der kleine gelbe Sonnenschirm dachte nach. Er musste auch jeden Tag seiner Arbeit nachgehen, wie die anderen Schirme auf dem Strand. Niemand hat je gefragt, ob er denn mal gerne etwas anderes machen würde. Wenn er es recht bedachte, wäre ein wenig Abwechslung schon mal ganz nett gewesen.

„Ich schwimme jetzt weiter“, rief das alte Fischerboot laut, „Aber lass dir gesagt sein: Sei nicht allzu traurig. Hör auf zurück ans Ufer zu blicken und schau nach vorne. Manche Dinge muss man hinter sich lassen, um vorwärts zu kommen!“

Mit diesen Worten schwamm es davon, bis es irgendwann nur noch als winzig kleiner Punkt am Horizont zu sehen war.

Das Boot hat Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm, zurück komme ich eh nicht mehr, also was nützt es mir hier rumzuheulen?

Der Strand war schon längst nicht mehr in Sicht und um den kleinen gelben Sonnenschirm gab es nur noch den tiefblauen Ozean. Auf einmal spürte er unter seinem Stoff ein Kitzeln und Blubbern.

„Nanu, was ist denn…“ wollte der kleine gelbe Sonnenschirm gerade sagen, da tauchten zwei silberne Fischlein mit einem roten Rücken neben ihm aus dem Wasser.

„Ooooh was haben wir denn hier?“ „Ich weiß es nicht, nach nem Fisch sieht es jedenfalls nicht aus, vielleicht ein Oktupus? Obwohl, der hat mehrere Arme, dieses Ding hat nur einen Greifarm!“ „Komisches Ding. Sag, was bist du und woher kommst du, du eigenartiger Oktupus?“

„Ich bin kein Oktopus“, kicherte der kleine gelbe Sonnenschirm, „Ich bin ein Sonnenschirm und komme vom Strand. Aber der Wind hat mich aufs Meer geblasen.“

„Du Glückspilz!!!“ jubelten die zwei Fische. „Stell dir mal vor, die anderen Sonnenschirme haben tagtäglich immer nur dieselbe Aussicht. Du hingegen kommst jetzt ganz schön herum! Das Meer trägt dich an die schönsten und aufregendsten Orte!“

Der kleine gelbe Sonnenschirm dachte nach. Er hatte auch jeden Tag dieselbe Aussicht, wie die anderen Schirme am Strand. Wenn er es recht bedachte, wäre ein wenig Abwechslung schon mal ganz nett gewesen.

„Wir schwimmen jetzt weiter“, riefen die zwei silbernen Fischchen laut, „aber lass dir gesagt sein: Du bist ein echter Glückspilz! Hör auf, hier nur so rumzutreiben. Manchmal muss man das Ruder selbst in die Hand nehmen, um vom Fleck zu kommen und was zu erleben!“

Die Fische haben Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm, ich habe jetzt die Chance, viel Neues zu entdecken, also was nützt es mir, hier rumzutreiben?

Also entschied er sich für eine Richtung, die ihm gefiel und begann sich dorthin zubewegen. Das klappte ganz prima und Woge für Woge schwamm der kleine gelbe Sonnenschirm weiter und weiter. Nach einigen Stunden aber wurde er müde, denn es war ganz schön mühsam voranzukommen. Beinahe verließ ihn der Mut, sich auf sein Abenteuer einzulassen, da spürte er, wie das Wasser unter ihm nach oben schwappte und er mit einem Mal nach oben geschmettert wurde. Eine riesige Pottwaldame war schuld an seinem abrupten Flug in die Lüfte, aber sanft glitt der kleine gelbe Sonnenschirm zurück nach unten und blieb auf dem Rücken des Wales liegen.

„Ich habe ja schon viel Erstaunliches gesehen in meinem Alter“, sprach die Pottwaldame mit sanfter Stimme, „Aber so etwas Außergewöhnliches wie du ist mir noch nie begegnet. Wer bist du? Und warum schaust du so erschöpft aus?“

„Ich bin ein Sonnenschirm, komme vom Strand und der Wind hat mich aufs Meer geblasen. Ich bin auf dem Weg, Neues zu entdecken und zu erleben, aber ich bin ganz schön müde vom vielen Schwimmen. Ich weiß nicht, ob ich diese Reise schaffe. Vielleicht sollte ich doch besser den Weg nach Hause suchen.“

„Aber nein!!! So schnell gibt man doch nicht auf. Es ist sicherlich nicht immer einfach, aber einfach die Segel werfen, wenn man mal müde ist, das ist keine gute Idee. Lieber eine helfende Hand annehmen, und schau! Wie es das Schicksal so will, bringt es dir gleich einen Koloss von Wal, um dir zu beizustehen!“ Die Pottwaldame lachte und stieß eine Wasserfontäne aus ihrem Blasloch. „Was sagst du?“

Die Pottwaldame hat Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm. Er hatte nie gelernt, an einer schwierigen Sache dranzubleiben, denn, wie die anderen Schirme am Strand, hatte er ja nie etwas anderes gemacht, außer Schatten zu werfen, und das wirklich keine schwere Aufgabe für einen Sonnenschirm. Wenn er es recht bedachte, wäre eine Herausforderung schon mal ganz nett gewesen.

„Ich schwimme jetzt weiter“, rief die Pottwaldame laut. „Wenn du möchtest, nehme ich dich ein Stückchen mit, damit du dich ausruhen kannst und dann deine Reise fortsetzen kannst. Ich finde ja, das das eine gute Idee ist.“

Die Pottwaldame hat Recht, dachte der kleine gelbe Sonnenschirm, ich bin zwar müde, aber aufgeben lohnt sich wirklich nicht. Also was nützt es mir, hier rumzuzweifeln?

„Ich komme mit!“

„Sehr gut! Na dann mach es dir bequem auf meinem alten Rücken. Wohin soll es überhaupt gehen?“

„Hmm, wenn ich ehrlich bin, weiß ich das gar nicht so genau, ich war ja noch nie irgendwo anders als an meinem Strand…“

„Nicht verzagen, oft sind die Reisen ohne Ziel, die schönsten! Deswegen heißt es ja reisen und nicht zielen, haha!“ Die Pottwaldame lachte und stieß wieder eine Wasserfontäne aus dem Blasloch.

Die gute Laune war ansteckend und fröhlich rief der kleine gelbe Sonnenschirm: „Also los, lass uns losschwimmen! Hurra!“

Und  so machte sich der kleine gelbe Sonnenschirm auf dem Rücken der alten Pottwaldame endlich sorglos auf die Reise, die anfangs gar nicht so gewollt war. Und wisst ihr was? Der kleine gelbe Sonnenschirm verbrachte die Zeit seines Lebens.