So lange ich kann

Nein, diese Geschichte erzählt von keinem großen Abenteuer bei Klippen und Leuchttürmen, wie wir es auf meinem Titelbild erlebt haben, damals im Sommer auf Sizilien. Sie handelt lediglich davon, wie mein Sohn Ben und ich eines Abends beim Essen sitzen, damals im Januar in der Wohnküche.

Es gibt Kraftbrühe mit kleinen Sternchennudeln. „Weißt du, diese Mahlzeit gab es früher jedes Jahr an Weihnachten bei meiner Oma. Darum ist Fleischsuppe eine meiner Lieblingsspeisen“, erzähle ich ihm, während ich die heiße Flüssigkeit genüsslich in mich reinlöffle. Sofort fühle ich mich wie die 6-jährige Version meines Selbst und hocke für einen kurzen Moment wieder mit all meinen Cousins, Tanten und Onkel in Omas Stube. Nichtsdestotrotz entgeht es mir nicht, wie sich der Grübel-Motor meines Sohnes eingeschaltet hat.

„Mami? Haben die, die gestorben sind, im Himmel ein Haus zum Wohnen?“, fragt er mich. Er weiß natürlich, dass meine Oma schon lange tot ist und mein „Früher“ weit zurück liegt. „Ich weiß nicht … Aber ja, vielleicht haben sie das“, antworte ich und mir wird klar, dass ich nie darüber nachgedacht habe, WIE die Menschen danach weiterleben. Ob in Häusern oder einfach nur auf rosa Wolken mit goldenen Betten. Mit dem bärtigen Petrus an der Pforte, wie man es aus den Zeichentrickserien kennt. „Können sie alles hören, was wir sagen?“, hakt Ben nach. Okaaay, die Toten sitzen also heute mit am Tisch. „Ja, bestimmt“, sage ich und bin mir nicht sicher, ob ich hoffen soll, dass dem wirklich so ist. Ben probiert es gleich mal aus und ruft: „Hallo Uroma!“ Keine Antwort zurück – Enttäuschung groß. „Keine Sorge, sie hört dich schon, sie kann nur nicht antworten“, versuche ich zu erklären. „Die, die in den Himmel kommen, werden zu Engeln und passen auf uns auf. Und sie sehen und hören alles, was wir so reden und tun.“ Zugegeben: Dieser Satz klingt auch in meinen eigenen Ohren ein kleines bisschen gruselig und ich bin mir keineswegs sicher, ob ich es genauso meine, wie ich es sage. Aber Ben scheint beruhigt.


„Wenn ich mal sterbe, werde ich auch ein Engel, gell?“ Okay, JETZT wird es gruselig, denke ich, versuche aber ganz sachlich zu bleiben – Ben hat ja auch sehr nüchtern nachgefragt. „Ja, natürlich.“ „Sterben wir beide mal zusammen, Mami?“ Verdammt, UND WAS JETZT? Auf die Frage bin ich nicht vorbereitet. Steht die denn irgendwo in einem Erziehungsratgeber? Vielleicht unter der Kategorie „Skurrile Kinderfragen und wie Sie am besten darauf antworten“? Gibt es die Kategorie überhaupt? IRGENDWO? Mir kullert eine Träne über die Wange, während ich versuche, eine möglichst simple Antwort herauszupressen: „Ich hoffe, dass du viel viel länger auf der Erde bleibst als ich.“ „Aber Mami!“ Ben fängt jetzt auch an zu weinen. „Ich brauche dich ja. Auch oben im Himmel!“ Ich, die mittlerweile Rotz und Wasser heult und die Kraftbrühe auf dem Tisch spätestens nach diesem Satz vergessen hat und sie nun kalt werden lässt (soll sie doch kalt werden, die blöde Suppe!), nehme meinen kleinen, großen Jungen in den Arm. In ein paar Wochen wird er vier – herrje, er soll mit seinen vier Jahren doch noch nicht solche Fragen stellen. Ich halte ihn fest und flüstere ihm ins Ohr: „Keine Sorge, wir zwei sind noch ganz ganz lange auf der Erde und ich noch laaange bei dir. Versprochen. Und du musst dir über diese Dinge noch überhaupt keine Sorgen machen, ok?“ „Okay, Mami“, lächelt er und widmet sich wieder seinem Abendessen. Emotion und Thema abgehakt. Wow … irgendwie bewundernswert, diese Fähigkeit! Ich setze mich wieder hin, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und versuche, meine eigenen Emotionen wegzuatmen. Und ich frage mich, ob ich mir mit diesem Versprechen womöglich zu viel vorgenommen habe – immerhin kann man ja nie wissen, was das Leben mit einem vor hat. Trotzdem … eines kann ich sehr wohl: Ich nehme mir vor, mein Versprechen so gut es geht einzuhalten – egal was kommt: Ich bleibe so lange ich kann.

Genug Vorsätze für ein Abendessen. Geredet wird nun auch nicht mehr. Nur noch gegrinst und ordentlich Kraftsuppe gelöffelt.


Face to Face

Das Gesicht. Es ist die Landkarte eines Lebens, DEINES Lebens, mit all seinen feinen Linien, Fältchen und Verästelungen. Dein Gesicht – es ist wunderschön. Ich habe eine Frage an dich: Wann hast du es dir zuletzt angeschaut? Also ich meine so richtig … Wann warst du das letzte Mal Face to Face mit dir selbst? Vielleicht fragst du dich, warum du das tun solltest. Nun …
Jeder einzelne Zentimeter deines Gesichtes erzählt immerhin deine Geschichte!

Sieh hier! Die Grübchen an den Mundwinkeln und die Lachfalten um deine Augen, sie erzählen von all den heiteren Momenten. Weißt du noch, wie du vor Glück hättest Bäume ausreißen können? Und da! Erinnerst du dich an den Kummer und die vielen Veränderungen, die dafür gesorgt haben, dass sich deine Stirn in Falten legt?


Wie oft hast du schon gemerkt, wie nah Glück und Unglück, Freude und Schmerz, Licht und Dunkelheit beieinander liegen und wie oft das eine mit dem anderen konkurriert? Erinnerst du dich an die Geburt deiner Kinder? An den Verlust eines geliebten Menschen? An einzigartige Abenteuer und Erlebnisse, die dir jetzt noch dieses ganz besondere Leuchten in die Augen zaubern? An falsche oder mutige Entscheidungen, die du getroffen und an all die steinigen Wege, die du mit erstaunlicher Bravour gemeistert hast? Wie oft hast du dir eine Maske aufgesetzt und dich verändert, um am Ende doch wieder du selbst zu sein? Wie oft hast du andere aus deinem Gesicht lesen lassen und in welchen Situationen hast du gute Miene zum bösen Spiel gemacht?
Erinnerst du dich, wie oft du jemanden angelächelt hast und wie viele ehrliche Tränen über deine Wangen gelaufen sind? Wie oft hat sich dein Gesicht zu lustigen Grimassen verzogen und wie oft haben dein Blick und deine Lippen wütende Funken versprüht? Wie oft haben sich Angst und Unsicherheit ganz leise über dein Gesicht gelegt?
Wie oft bist du errötet, weil dir jemand tief in die Augen geblickt und dich dadurch im Herzen berührt hat? Oder aber deswegen, weil du dich aus irgendeinem Grund geschämt hast? Weißt du noch, wie oft du andere mit deinem Lachen angesteckt und wie oft du die Augen geschlossen hast … einfach nur, um einen bestimmten Moment zu genießen? Wie oft hast Ausschau nach etwas gehalten? Wie viele Millionen Eindrücke mögen sich in der Vergangenheit durch deine Pupillen geschoben haben?


Darum, ja tu es doch wieder mal: Schau dir dein Gesicht an … Es hält all die Straßen fest, die du gehst, die Abzweigungen, die du auf deinem Weg wählst. Es teilt dir mit, was du in all den Jahren über diese Welt gelernt und worüber du dir womöglich zu viele Gedanken gemacht hast. Worüber du gelächelt, gelacht, geschimpft oder geweint hast. Jede einzelne Falte, jedes Grübchen, jede kleine Narbe, eine jede feine Schattierung … Sie zeigen dir nicht wie alt du bist, sondern erinnern dich wieder an all das, was war, an all die Schritte, die du getan hast. Daran, was du bis zum heutigen Tag erlebt und überlebt hast. Tut das nicht gut?


Dein Gesicht. Es zeigt dir: Du warst, du bist – und es hat noch jede Menge Platz für das, was kommt. Dein Gesicht – es ist wunderschön. Ich habe also eine Frage an dich: Wann hast du es dir zuletzt angeschaut?


Schattenrisse

Eines Abends, ich glaube, es war am 5. Montag oder Dienstag in der Quarantäne, wälzte ich mich im Bett hin und her und wartete, dass der Schlaf endlich seine beschützenden Hände über mich legen würde. Ich starrte noch eine Weile vor mich hin, in die Dunkelheit des Zimmers. „Ob das andere wohl auch machen“, überlegte ich, „mit offenen Augen im Dunkeln liegen?“ Man könne die Augen genauso gut zu machen – denn das Dunkel bleibt ja immer dunkel – ob mit geöffneten oder geschlossenen Lidern. Ich stellte mir die Frage, was – wenn ich nur lange genug in die Dunkelheit schaute – wohl passieren würde? Würde ich eins werden mit ihr? Oder würden sich allmählich Konturen im Raum abzeichnen, an denen ich mich orientieren könnte?

Zumindest weiß ich mit Sicherheit, dass wir im Moment alle im Dunkeln tappen. Millionen von Menschen in zig Ländern und ich bin eine von ihnen. Wir alle wissen nicht viel, außer, dass außerhalb unserer vier Wände, für die wir zwar dankbar sind, die wir aber liebend gerne durchbrechen würden, etwas geschieht, was uns aus unserer bisherigen, zugegebenermaßen Seifenblasen-artigen Bahn geworfen hat. Flashback, Anfang Februar: „Ach das, was auf der anderen Seite der Erde passiert? Weit genug weg! Das, was man dauernd im Fernsehen sieht? Kann uns nicht passieren.“ Und jetzt? Sind wir mittendrin, im Kann-uns-nicht-Passieren.

Tausende Eindrücke, tausende Gedanken und keine für mich passenden Worte. Dabei hab ich sie doch beinah’ immer. Doch dieses Mal ist es anders. Seit fünf Wochen bin ich zuhause und seit fünf Wochen starre ich auf ein leeres Blatt auf meinem Monitor. Beginne einen Satz, bevor ich ihn wieder lösche. Eigentlich möchte ich nicht über C. schreiben, doch etwas anderes rast mir im Augenblick leider nicht durch den Kopf. Also mache ich meinen Laptop zu und schaue mir im Fernsehen an, was mich nicht interessiert, scrolle mich durch Facebook, um mir meine tägliche Dosis Wahnsinn zuzuführen und komme nicht zur Ruhe. Ich hetze zwischen meiner Unsicherheit und meinen Schuldgefühlen hin und her – denn eigentlich dürfte ich mich ja nicht beschweren. Immerhin geht es mir gut. Immerhin habe ich niemanden in meiner Familie oder in meinem Freundeskreis, der erkrankt ist (und dass es doch passieren könnte, daran will ich gar nicht erst denken). Ich muss nicht dort arbeiten, wo viele andere gerade an ihr Limit kommen und lebe in einer Wohnung mit einer kleinen Terrasse, auf die jeden Morgen die Sonne scheint. Ich kann mich zwischen Weinreben gleich nebenan verziehen, ohne Gefahr zu laufen, anderen Leuten „zu nahe zu kommen.“ Nein, eigentlich darf ich mich nicht beschweren. Und so habe ich Schuldgefühle, weil ich mich trotz alldem komplett überfordert fühle.

Ich bin traurig und wütend und verzweifelt, dann wieder relativ gut gelaunt und spreche mir mein tägliches Mantra vor: „Geht schon irgendwie.“ Dann fühle ich mich wieder niedergeschlagen, bevor ich wieder traurig oder wütend werde. Denn die tausend Eindrücke, die momentan auf mich einprasseln, überrumpeln mich. Aus diesem Grund schreibe ich jetzt also doch darüber, obwohl ich das böse C-Wort sicher nicht ausschreiben werde. Mach’ ich nicht. Und ich lass jetzt mal ein kleines bisschen Mimimi los, weil wir das, verdammt noch mal, alle ab und zu dürfen:

Ich vermisse meine Lieben, ich vermisse es, einfach los zu gehen ohne nachdenken zu müssen, ob ich mich wohl nicht zu weit von meiner Wohnung entfernt habe. Ich vermisse meinen Arbeitsplatz und meine wirklich coolen KollegInnen, meine verrückten Freunde und meine chaotische Familie sowieso. Im mir rast der kindische Gedanke: „Ich möchte das alles nicht so haben“ und ich könnte unkontrolliert losschreien, wenn jemand zu mir sagt: „Es ist nun halt mal so – und damit müssen wir jetzt leben.“ Als ob ich das nicht wüsste. Als ob ich nicht wüsste, dass man immer versuchen sollte, das beste aus jeder Situation zu machen. Als ob ich nicht wüsste, dass es vielen anderen viel schlechter geht. Ich weiß das, verflucht nochmal, und wie ich das weiß! Und wie sehr ich meinen inneren Hut vor all den Menschen ziehe, die in dieser unheimlichen Zeit dermaßen Großartiges leisten. Trotzdem … Gewöhnen kann ich mich an das alles nicht und irgendwie will ich das auch nicht. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass Menschen wie ein verängstigter Fischschwarm auseinanderstieben, wenn sie einander auf der Straße oder vor dem Supermarkt kreuzen. Ich will auf die Menschen zu-, nicht weggehen. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass ich meinem Vierjährigen erklären muss, nicht zu nah an den Zaun zu gehen, an dessen gegenüberliegenden Seite der Nachbarsjunge steht – ein Freund aus dem Kindergarten, den er seit Wochen nicht gesehen hat. Ich kann mich nicht an das Video-Telefonieren gewöhnen – es bedrückt mich, wenn ich meinen Gesprächspartner nicht „live“ erlebe. Oder daran, dass die Verkäuferin im Geschäft hinter einer Plexiglasscheibe steht und jeden Tag mit der Angst leben muss, infiziert zu werden. Daran, dass sich alles, einfach alles, nur noch um dieses EINE Thema dreht. Ich kann mich nicht an die Angst gewöhnen, dass es vielleicht doch jemanden trifft, den ich mag. Und diese Masken (ja, ich weiß: Sie sind absolut notwendig und sie werden für lange Zeit Realität sein) … Sie verabscheue ich am Allermeisten, denn sie bedecken nicht nur Mund und Nase, sondern auch meine naiv-kindliche Sehnsucht danach, dass alles gut ist. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass alles so surreal ist, im Moment. Denn auch, wenn alle sagen: Es wird schon wieder. Alles wird gut. Im Moment ist es das halt nicht: Da draußen sterben Menschen und unzählige andere kommen an ihre psychischen und körperlichen Grenzen. Wie rette ich meine Seele, in all diesem Tumult, also?

Nun, ich spaziere mit meinem Sohn in die Weinberge und staune dort über Elefantenrüssel- und Konfettibäume, zähle Feuerwanzen und versuche Eidechsen zu fangen, die ich natürlich nie erwischen werde. Wir üben im neu auserkorenen Hof, der eigentlich ein Parkplatz ist, Fußballspielen und schießen unsere überschüssige Energie in den Ball. Wir suchen nach Schätzen und wundersamen, beeindruckenden Details des Hier und Jetzt. Wir machen Lese-Picknicke vor der Haustür und auf dem Sofa und bauen stundenlang Lego, um dann wieder alles ab- und neu zu bauen. Wir vermissen zusammen all „unsere“ Menschen, basteln Kram aus Papprollen, für die wir eigentlich weder Platz noch Verwendung haben und ziehen in einer Salatschüssel eine wachsende Spielzeug-Schildkröte groß. Zwischendurch versuche ich für mich allein eine halbe Stunde rauszuschlagen, zum Lesen oder Malen, aber so ganz ohne Freunde bin ich, die Mama, halt noch wichtiger. Ist ok. Und es ist auch ok, wenn ich abends dann ab und zu mal weine. Zwischen den wie weißes Konfetti vom Baum fallenden Blüten und den erheiternden Terrassen-Nachbarschaftsgesprächen, komme ich abends nämlich tatsächlich mal dazu, über diese unwirkliche Situation nachzudenken.

Ich fragte mich also, als ich letztens im Bett lag: Wenn ich nur lange genug in die Dunkelheit starre, werde ich dann eins mit ihr? Zeichnen sich irgendwann Konturen im Raum ab? Die Frage könnte auch lauten: Wenn ich dem bösen C-Wort nur lange genug ins Gesicht schaue, frisst es mich dann auf? Nein, ich suche nach Schattenrissen. Nach Elefantenrüssel-Bäumen und Eidechsen, die ich nie fangen werde, nach dem blauen Himmel ohne Kondensstreifen, ich tauche Pinsel in Farben, kuschle mich in warme Sonnenstrahlen ein und schreibe nieder, worüber ich eigentlich gar nicht nachdenken möchte.

Und dann, hoffentlich, wird irgendwann tatsächlich wieder alles gut.


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Tief

Ein Text über Hochsensibilität
und ihre Höhen und Tiefen.

Mir kommt es vor, als wäre mein Herz aus Seidenpapier. Ich wünschte, die Welt würde vorsichtiger mit ihm umgehen.

(Richelle E. Goodrich)

In der Bar dröhnt die Musik in ihren Ohren, Matilda hat die Nacht auserkoren, um sich frei zu fühlen, sich gehen zu lassen, allen Alltagstrott, den Alltagsschrott dort stehen zu lassen, wo sie ihn am nächsten Tag wieder abholen kann. Sie trinkt ein paar Gläser Wein und kann sich selbst endlich wieder reinen Wein einschenken, denn angetrunken ist man doch immer am Ehrlichsten. Ihr Herz tanzt zum Beat und wie immer schafft sie es alle anzuspornen, weil ihr Enthusiasmus Wellen schlägt und ihr Lachen auf andere überschwappt und etwas übergeschnappt sein, das brauchen in dieser verrückten Welt doch alle. Es rauscht in ihren Ohren, sie tanzt gedankenverloren, betrunken, ist in der Musik versunken. Leben vom Feinsten, der Moment ist alles. Der Moment ist genug.

Durch Kunst hält sie die Welt in Bildern fest und fester, die Welt – ihr bester Freund und Feind, weil es den einen ohne den anderen nicht gibt und so schließt sie nichts für sich aus, lässt alles auf sich zukommen. Durch ihre Finger strömt das raus, was sie bewegt, was ihr Herz in Teile zerlegt und so fügt sie es immer wieder zusammen und lässt es noch mehr erblühen. Ja, dann kann Matilda überschäumen vor Freude, reißt Bäume aus, schafft es gar, den Sorgen ihrer Freunde den Garaus zu machen, weil sie versteht wie kein anderer und weiß, was man braucht, vom anderen. Und sie wandert durch das Gute und das Schlechte und verliert sich in beiden Ozeanen und lässt sich treiben in ihnen.

Mit Matilda geht es tief. Eine jede Berührung, ein jedes Wort. Ein jeder Gedanke, ein jeder Wunsch, eine jede Sorge. Eine jede Erwartung, eine jede Enttäuschung. Ein jeder Schmerz, eine jede Freude. Ein jeder Kuss, ein jeder Blick, ein jedes Schweigen. Mit Matilda geht es tief. Und tiefer.

Der Raum dreht sich, in dem Matilda sich bewegt, sie lauscht den Worten ihres Freundes, saugt jedes einzelne in sich auf, ist drauf und dran aufzustehen und wegzugehen, weil gehen, das nun mal so einfach ist, für sie. Sie packt es einfach nicht, kriegt das mit den Beziehungen einfach nicht gebacken, so meint sie, weil vermeintlich alles was sie anfasst, zerbricht. Das grelle Licht der Deckenlampe bohrt sich durch ihre Pupille, sie rauft sich durchs Haar mit den Händen, will sich abwenden von seinen Pfeilen, den Worten, wegdrehen vom hellen Licht, sich wegbeamen an fremde Orte, von allem, was gegen ihre Schläfen pocht und gegen die Mitte ihrer Stirn. Sie widersteht der Versuchung die verkrampften Fäuste auf die Küchenplatte zu schlagen, um vom Licht und den schmerzenden Worten ihres Gegenübers abzulenken – und um aufzuhören, über all das nachzudenken. Und er sagt: Weißt du … Du bist viel. Im Guten wie im Schlechten. Du bist oft zu viel.
Ein Zuviel an Gefühl, ja das ist Matilda. Matilda liebt so tief, sie weiß, dass kaum jemand so liebt oder so viel gibt, wie sie es tut und sie ruht nie, sie gibt alles.

Und dann ist sie wie ein Messer, weil alles, was sie fühlt, wie sie sie es fühlt und warum sie es fühlt, tief geht, so tief, dass es sie von innen fast auffrisst und sie fast am Rad dreht und weil es sie auffrisst, will sie, dass es rausgeht, raus aus ihrem tiefsten Ich, ihrem Herzen, ihrer Seele, ihren Gedanken, ihrem Körper – ihrem Mund. Und: Es ist, als ob ihre Worte wilde Purzelbäume über ihre Geschmacksknospen schlagen und sich zwischen Ober- und Unterlippe zwängen, um sich raus zu drängen und diejenigen zu verletzen, die ihr mit ehrlicher Liebe am meisten zusetzen.

Matilda hat die feinsten Sensoren, irgendwer in diesem Universum hat sie auserkoren, dass sie mit dieser Gabe, diesem Fluch geboren wird. Sie weiß nicht, wie man drüber spricht, aber sie weiß, warum das so ist, warum alles tief geht bei ihr, warum es sie auffrisst. Sie schmeckt ihnen, ihren Gefühlen, die sie so sehr aufwühlen, sie schmeckt ihnen so sehr. Mit ihrer rauen Zunge lecken die kleinen Biester an Matildas Innenwänden, immer an der gleichen Stelle, bis sie abgewetzt ist von der Reibung und es unangenehm wird und sie sich innerlich auflöst, an genau jener Stelle und wie sich die Zunge ihrer Gefühle durchbohrt und links und rechts und von allen Seiten beginnt sie auszulutschen, um von ihrem Seelenfutter zu kosten. Egal, in welche Richtung sie rennt, nach Norden oder Südosten. Matilda fühlt, wie sie sich auflöst und alles tiefer geht, weil in ihr drin alles porös wird und alles sickert weiter und tiefer und tiefer und hört nicht auf nach unten zu tropfen. Und so steht sie mal jubelnd am höchsten Gipfel dieser Erde und mal liegt sie am Boden, wie eine Scherbe – zerbrochen.

Mit Matilda geht es tief. Eine jede Berührung, ein jedes Wort. Ein jeder Gedanke, ein jeder Wunsch, eine jede Sorge. Eine jede Erwartung, eine jede Enttäuschung. Ein jeder Schmerz, eine jede Freude. Ein jeder Kuss, ein jeder Blick, ein jedes Schweigen. Mit Matilda geht es tief. Und tiefer.

Als wäre sie ein Riesen-Karussell, sehr langsam oder auch schnell, von dem aus man von ganz oben hinunter blickt und dieser Blick nach unten ist nicht ohne, – Matilda dreht sich schließlich jeden Tag, ob sie mag oder nicht. Aber wenn sie nicht nach unten blickt, sondern ihr Blick von ganz oben in die Ferne rückt, dann erscheint ihr eine ganze Welt, in der alles viel intensiver ist und alles andere erhellt. Dort sind die Farben bunter, wenn Glück in ihr wohnt und grauer, wenn Traurigkeit sie durchzieht. Dort ist das Licht glänzender und das Dunkel schwärzer. Die Musik tönender, der Beat eindringlicher, ihre Tränen nasser. Ihr Lachen echter. Egal wie sich das Karussell dreht, es ist viel Glück, viel Traurigkeit, viel Wut, viel Hoffnung, viel Verzweiflung, viel Mut, viel von alldem, was das Leben ausmacht.

Es ist viel Matilda und es geht so wahnsinnig tief. Und nicht jeder ist schwindelfrei.

Seine Gedanken

„Möchten Sie heute Mohn oder doch lieber ein leeres Croissant?“, fragte die freundliche, junge Dame hinter der Theke und ich wunderte mich sehr darüber, dass sie über meine Take-Away-Frühstücksambitionen dermaßen gut Bescheid wusste. Ich kam erst seit zwei Wochen hierher, aber es stimmte: Die Wahl meines Sieben-Uhr-Croissants traf ich immer zwischen dem einen oder anderen. Meistens – wenn ich später an dem Tag noch ein Meeting hatte – wählte ich das ohne Mohn. Die Gefahr, dass die schwarzen Kügelchen sich irgendwo zwischen meinen Schneidezähnen einnisteten, war zu groß. Nicht, dass mich jemals jemand so genau inspiziert hätte, der mir das erste Mal begegnete. Ich war ein unscheinbarer Durchschnittstyp. Nicht besonders schön oder der Typ Mann, nach dem sich Frauen lüsternd verzehren oder der, zu dem andere Männer aufsahen. Ich war das typische 0-8-15–Strichmännchen, das aussah, wie jedes andere Strichmännchen auf der Welt auch – und so war ich auch nicht der Typ, der in seinem Job als Projektentwickler sonderlich viel Erfolgschancen zugeschrieben bekam.
„Sir? Mohn oder leer?“ Die hübsche Dame durchbrach meinen Gedankengang. Und ich überlegte weiter: Wenn sie in meinen Kopf rein- und meine abstrusen, sich ständig wiederholenden Gedanken anschauen konnte, dann würde sie schnellstens Reißaus nehmen, mit allen Croissants dieser Welt.
„Ein leeres bitte! Und einen …“ „… großen Latte mit extra viel Milchschaum, kommt sofort!“, unterbrach mich die fröhliche Dame fast singend, holte mein Frühstück aus der Vitrine und drehte sich wie eine Primaballerina schwebend zur Kaffeemaschine um. Sie wusste sogar, was ich trank, unglaublich. Wobei – und dann erinnerte ich mich wieder daran, wie seltsam ich manchmal war – ich war wohl der einzige Mann auf der Welt, der extra viel Milchschaum in seinem Kaffee bestellte. Scheißegal. Was zählte war, dass mich tatsächlich jemand registrierte, obwohl mich derjenige – oder in diesem Fall besser diejenige – nicht wirklich kannte. Das tat wirklich gut. Und wie nett sie mich anlächelte! Geil, dieser Dienstag fühlte sich beinah‘ an wie ein Freitagmorgen, an dem man sich aufs anbahnende Wochenende freute, um sich dann endlich daheim verkriechen zu können.

„So bitte. Das macht dann drei Euro zehn“, lächelte die brünette Bedienung, während sie mir mein Croissant in eine Tüte zum Mitnehmen packte. Ich legte ihr einen Fünf-Euro-Schein hin und lächelte zurück: „Der Rest ist natürlich für Sie!“ Wow, so geflirtet habe ich seit gefühlt 100 Jahren nicht mehr. Ich schob mir meine Brille zurück auf die Nase, die mir wie immer viel zu weit nach vorne rutschte und machte mich so selbstsicher unterwegs ins Büro, wie ich es seit Ewigkeiten nicht mehr tat. Im Gehen ließ ich mir mein Frühstück schmecken – und bildete mir ein, dass es heute besonders gut war. Ich kam fünf Minuten vor der heutigen Besprechung mit dem Chef einer großen Immobilien-Agentur in der Arbeit an und hängte gerade meine Jacke an die Garderobe, als mein Kollege Sam Willow an mir vorbeirauschte und mich – gewohnt unverschämt – auf den Puderzucker auf meiner schwarzen, ungebügelten Hose aufmerksam machte. „Sieh zu, dass du deine Hose und den Mund sauber hast, Ronny. Mr. Friedman ist jeden Moment da.“ Ich hasste es, wenn er mich so nannte. Mein Name ist Ronald, du Arschloch, dachte ich, sprach es aber – natürlich – nicht aus. Für Willow und die anderen Wichtigtuer dieser Agentur, war ich mal Ronny, mal Mc Null, oder wenn sie so richtig in Fahrt waren: Ronald Mc Donald.

So schnell, wie mein Selbstbewusstsein eben noch aufgeschäumt war, so abrupt bitter schmeckte nun der letzte Schluck meines Latte. Demoralisiert ging ich zuerst ins Bad, um den Fleck auf meiner Hose mit Wasser und Toilettenpapier so gut es ging zu entfernen und begab mich dann in den Meeting-Raum. Willow setzte sich neben mich und flüsterte mir noch schnell zu, dass „mein Höschen wohl noch etwas feucht sei“ und begrüßte dann super-professionell und heuchlerisch-freundlich Mr. Friedman, einen der mächtigsten Immobilienhaie der Stadt.

Natürlich lief das Meeting für alle gut – mich ausgeschlossen, weil ich meine eigentlich ziemlich genialen Ideen wieder mal nicht vermitteln konnte und unter dem Redeschwall von Samuel und seinen Gefolgen komplett unterging. So brachte ich den restlichen Arbeitstag mehr schlecht als recht über die Bühne, um dann – geknickt und enttäuscht von mir selbst – zu beschließen mir vor dem Nachhause gehen noch zwei Bierchen in der Bar nebenan zu gönnen. Aus den geplanten zwei Bierchen wurden vier – oder waren es fünf? Jedenfalls ging es mir dann besser. Für den Augenblick.

Zuhause angekommen wünschte ich mich sofort wieder zurück in die Bar – meine Zweijährige machte wie jeden Abend Theater, weil sie sich den Pyjama anziehen und ins Bett gehen sollte, und brüllte sich die Seele aus ihrem winzigen, nackten Leib, der gerade unter der Dusche gewaschen wurde. Toni sah mit ihrem verwuschelten Dutt und der verschmierten Wimperntusche fertig aus und hätte selbst eine Dusche vertragen. Ich fragte mich ernsthaft, warum sie es nicht einmal hinbekam, nur ein einziges Mal, die Kleine vor 8 Uhr ins Bett zu kriegen und sich für mich etwas zurecht zu machen. War das wirklich so schwierig? Und ich konnte nicht anders, als an die hübsche Bedienung heute Morgen zu denken, die sich solche Mühe gab, mir mein Croissant mit dem charmantesten Lächeln zu überreichen.
„Hast du Lust, Annie die Zähne zu putzen? Ich muss dringend mal eine rauchen.“ Dazu hatte ich absolut keine Lust und antwortete ihr kühl: „Du weißt, ich mag es nicht, wenn du nach Zigaretten stinkst. Du riechst so schon nicht besonders gut. Am besten, du gehst auch gleich in die Dusche.“ Dann holte ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank, setzte mich aufs Sofa und schaltete den Fernseher an. Nach gefühlten zwei Minuten schlief ich ein. Es war halb 10, als ich wieder aufwachte und hörte, wie Toni die Spülmaschine ausräumte. Ich nahm noch ein Schluck meines Bieres, das ich noch immer in der Hand hielt. Als ich zu Toni in die Küche kam, um sie zu fragen, warum sie um diese Zeit noch Lärm machen musste, sah ich, dass sie weinte. „Meine Güte, echt jetzt? Schon wieder? Gehört das jetzt zum allabendlichen Ritual? Hier rumzuheulen?“ „Ich bin wirklich erledigt, Ronald. Ich brauche etwas Hilfe hier im Haushalt, mit Annie. Weißt du, ich möchte ab und zu einfach mal raus. Luft schnappen. Einen Kaffee trinken mit meinen Freundinnen … Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen.“ „Du hast sie ja nicht alle. Es geht dir gut. Andere Frauen wären froh, wenn sie die Möglichkeit hätten bei ihrer Familie zuhause zu bleiben. Du bist unzufrieden und undankbar! Immerhin bin ich derjenige, der den ganzen Tag auf der Arbeit ist!“ „Undankbar? Wofür soll ich denn dankbar sein? Dass du jeden Tag angetrunken nach Hause kommst und eigentlich DU unzufrieden bist, weil du einfach keinen Erfolg hast?“ Instinktiv ohrfeigte ich sie, damit sie verstummte. Aber heute verstummte sie nicht. „Du bist ein Feigling, der sich um nichts schert, außer sich selbst. Ich kann nicht mehr. Ich WILL nicht mehr. Ich verlasse dich, Ronald. Sieh zu, bei wem du deinen Frust auslassen kannst!“ Toni wollte aus der Küche gehen. Ich erwischte ihre dunkelblonden, ungewaschenen Haare, zog sie nah an mein Gesicht heran und brüllte sie an: „Ich hab gesagt, du sollst duschen gehen. Geh! Duschen!“ Dann warf ich sie zu Boden. Tritt mit meinen Füßen ein paarmal in ihren Bauch und gegen ihre Brüste, bis sie endlich den Mund hielt und zu flennen aufhörte. Die Tassen, Teller und Gläser, die Toni eben aus der Spülmaschine geholt hatte, fegte ich schwungvoll vom Esstisch. Es klirrte und klapperte in allen Ecken. Dann kniete ich mich zu meiner Frau runter. „Tu, was ich dir sage“, flüsterte ich ihr nochmal mit Nachdruck zu, „und hör endlich auf mit diesem Theater.“
„Daddy.“ Annie stand unsicher in der Tür, schaute mich emotionslos an und hielt ihr Mickey Mouse-Plüschtier fest umklammert. „Bring Annie vorher nochmal ins Bett. Sie hat Angst bekommen, weil du so einen unnötigen Lärm veranstaltet hast.“ Toni gehorchte mir, stand zitternd auf, hielt sich ihren Bauch, wischte sich die Tränen von den Wangen und nahm unsere Tochter an die Hand. „Na, komm, Süße, es ist alles ok. Mama ist bloß hingefallen.“
Ich setzte mich wieder aufs Sofa und schaltete den Ton lauter. Es lief eine Reportage über einen alten Kerl, der eine immense Sammlung an Kuckucksuhren besaß. So ein Idiot, lachte ich leise und zappte mich durchs nervtötende TV-Programm. Ein paar Minuten später hörte ich im Hintergrund das Wasser in der Dusche laufen.



Am 25. November war internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen, also vor fast genau einem Monat. Aber: Es sollte nicht nur einen Tag im Jahr geben, an dem darüber gesprochen wird.

Warum diese Geschichte?

Weil wir diejenigen meist nicht erkennen, die betroffen sind und auch die nicht, die Gewalt ausüben.

Weil wir diese Geschichten viel stärker thematisieren und offener darüber reden müssen.

Weil uns diese Frauen und Männer oft sehr viel näher sind, als wir glauben.



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Es ist.

Dieser Poetry Slam-Text ist für einen Vortrag der Südtiroler Landesrätin für Chancengleichheit entstanden.


Ihr Name war Marie und sie war eine Frohnatur,

herzensgut, optimistisch, motiviert. Sie wollte nur

und man kanns ihr schließlich nicht verdenken

ihr Leben in die gewollt/gewünschte Richtung lenken.

Sie hatte `nen Traum, wollt dafür alles geben.

Doch wie es so oft passiert, ging einiges daneben.

Ein neuer Job, neue Kollegen,

und sie, die talentierte Neue wollte hier endlich was bewegen.

Aber da war er. Ein Irgendwie-Normalo, wie man ihn sich vorstellt und doch einer der sich verstellt, und sich niemals hinten anstellt. Er bestellt, was er will und bekommt was er will,

in ganz großem Macho-Stil.

Sie merkte schnell, er peilte sie an mit seinen Pfeilen aus Worten, unpassend gemeine.

„Das ist nichts für dich Schätzchen, das verstehen nur Große.“ „Na Kleine,

du Süße, du Dummchen,“ – das war nur der Anfang.  

Irgendwann fing es dann an

Der Druck, den er machte, war ein geübter. Die Macht, die er ausübte routiniert. Und ungeniert machte er sie kleiner als sie war,

und ihr war klar,

dass sie nichts mehr richtig machen konnte

und während er sich in seiner Position sonnte,

wurde sie kleiner und kleiner.

Und ein jeder seiner 

„Ich-schaue-dich-nicht-an-Gesichter“ machten sie wütend, und am liebsten hätte sie sein Gesicht hergedreht zu ihrem und ihn gebeten, dass er sie ansähe. Aber Sehen hätte ihn verstehen lassen

und er wollte sie nicht gehen lassen.

Weil er sie brauchte um sich abzureagieren

und über jemanden zu triumphieren.

Ein böses Wort hier, eine Stichelei dort, und mit der Zeit war ein jedes Wort wie ein Dolch

und machte ihren neuen Job zu einem unerträglichen Ort.

Jeder Tag war für sie eine Qual,

das lockere „Ist mir so egal

und die Wut irgendwann leise fortgeschwemmt.

Ihre ungehemmte Art wich der Angst zu versagen und ihr Gedanke war nur:

Was nützt es jetzt noch, etwas zu wagen?

Wochen vergingen, die Tränen vergingen, die Freude verging, ihr Selbstvertrauen ging – und sie ging … nicht.

Sie sagte nichts, bat nicht um Hilfe. Sie schwand dahin, verschwand in ihm, in seinem großen, mächtigen Schatten.

In ihrem Bauch knoteten sich Angst und Verzagen zu einem Knäuel,

und sie fühlte auch, wie sie sich immer mehr geschlagen gab.

Ihren Traum? Den gab es nicht mehr.

Sie setzte sich nicht mehr zur Wehr, es fiel ihr zu schwer, eine Träne zu weinen

oder das was er sagte, auch nur einmal zu verneinen.

Ein jedes Wort schluckte sie runter, hat ihren eigenen Namen längst vergessen.

„Schätzchen“ hat am Tisch mit den anderen – seit Monaten nicht gegessen. Sie zog sich zurück, es ging ihr nicht gut. Bei dem was sie tat, war sie plötzlich nicht mehr gut,

denn er sagte, sie mache Fehler und für alles andre fehlte der Mut. Er nahm ihr alles, was sie war.

Ihr Kopf pochte wild, ihr Magen war flau und sie wusste genau:

Wie kann ein Mensch das sein, was er ist,

wenn er plötzlich all die Sätze frisst,

die ihm vorgekaut werden, wenn er das verbaut bekommt,

wenn ihm all das um ihn nicht mehr bekommt?

Und wie kann ein Mensch das werden, was er werden will,

wenn still sein als Einziges übrig bleibt?

Wie eine jede Geschichte, könnte auch diese mit einem „Vor langer, langer Zeit“ beginnen, aber wisst ihr was? Nichts davon ist so weit weg, wie es sollte. Denn es ist das Heute, das Jetzt und hier.

Und es kann jedem passieren, auch dir und mir.

Ich beobachte die Menschen, ihre Mäuler sind aufgerissen.

Ich sehe die Menschen, sie sind innerlich zerrissen.

Weil Respekt ein Fremdwort ist, weil  die einen die anderen nicht mehr sehen und nur ihren eigenen Kram sehen

und sie verstehen nichts vom anderen.

Und es scherte sie schon damals nicht,

und heute hat das alles noch weniger Gewicht.

Weil sich unsere Werte verändert haben und was uns heute mehr wert ist, als der Selbstwert unseres Gegenübers, ist das eigene Ich.

Als Menschen geboren,

haben wir die Menschlichkeit schon bald verloren.

Die Säulen der Gesellschaft wanken und wir danken uns auch noch selbst dafür.

Wir stehen uns nur noch selbst gegenüber

und sind überdrüber und stellen unsere eigenen Ziele über alles und zielen die falsche Zielscheibe an:

Es soll uns immer besser gehen,

Anstand aus.

der Job muss über allem stehen, und wir müssen immer besser sein und besser werden.

Und mit diesem Messer am Hals, steigt in uns der Druck. Wir müssen uns durchboxen, Ellebogen raus,

Moral? Egal.

Darum kann und soll diese Geschichte nicht beginnen mit einem „Es war einmal“.

Sie beginnt mit einem „Es ist.“


Kompliment an Mr. Oldman

Manchmal trifft man Menschen, die einen auf besondere Art und Weise beeindrucken. Über so einen Menschen habe ich in diesem Poetry Slam-Text geschrieben. Viel Spaß dabei 🙂

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

wie es dazu kam, dass Sie ganz alleine da waren.

Ein zierlicher Greis mit weißen Haaren und stolzen Falten – sein Leben besaß sicher Momente, für die es sich lohnte, anzuhalten. Momente, in denen er liebte, träumte, Hoffnung trug und die ihn jubeln und springen ließen, und auch sicherlich solche zum Verdrießen. Sein Gesicht – eine Landkarte mit Wegeslinien so tief, und das so manche Fragen in mir wachrief.

Zu gerne würde ich für einen Moment durch seine Augen sehen und all das um mich besser verstehen. Warum ist das Schwere oft so schwer und die Liebe noch viel mehr? Warum schenkt das Meer uns so große Kraft und wie kommt’s, dass man doch irgendwie alles schafft? Warum ist Glück so zerbrechlich und warum liegen wir ganz oft falsch? Ist es nicht so? In solch‘ hohem Alter, da ist man klüger, ja weise. Denn sie war lang, schön und beschwerlich, die einundneunzigjährige Lebensreise.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

was Ihre Hände so rau und abgenutzt machte.

Hände – etwas. Worauf ich ganz besonders achte, denn:

Was mögen sie schon alles repariert haben und welche Art von Gaben haben sie verschenkt? Welche Autos haben sie gelenkt und gab es eine Hand, um die die seine angehalten haben? Wie viele Seiten haben diese Finger umgeblättert, wie viele Seiten zerrissen, wie oft ein Über-die-Worte-Gleiten? War es unverhofft oft? Und wie oft haben sie als Kind einen Blätterstrauß geflochten? Wie oft mochten sie gezittert haben, mit welchen Aufgaben haben sie sich rumgeschlagen? Und – haben sie sich schon mal geschlagen?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

warum Sie sich all die Leute so genau angesehen haben.

Abertausende von Menschen sind schon an ihm vorübergezogen, manche ganz schnell, vielleicht machten manche einen Bogen um ihn, aber es war ihm egal – oder nicht? Vermutlich hat er jemanden angehimmelt aus der Ferne, das machen wir doch alle gerne, und hat sich nie getraut, den Schritt zu wagen. Vielleicht war er der belesenste unter seinen Freunden, vielleicht der Faxenmacher, beliebt wegen seiner großen Lacher. Wurde er genug geliebt, gebraucht oder haben sich andere an ihm verbraucht? War er ein Pessimist, ein Narzisst oder gar ein Faschist seiner Zeit? Vielleicht – die Option gefällt mir besser – vielleicht war er einer von diesen Regen, die immer was bewegen und ein kleiner Revolutionär. Einer der aufstand und verstand, was er tat. Oder war er ein Unscheinbarer, dieser berühmte eine unter vielen, der eine Figur war von den Spielen anderer?  Was er wohl bereut hat in all den Jahren? Ist er überallhin gefahren, wohin er wollte oder tat er immer nur das, was er tun sollte? Gibt es heut‘ etwas, dass er lieber vergäße und eine ganz besondere Person, zu der er sich immer wieder säße?

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman

Und ich möchte wirklich gern verstehen,

ob alle Leben in die gleiche Richtung gehen.

Ich frage mich insgeheim: Wie wird es wohl sein? Wie viele Falten werden mein Gesicht zieren? Ich fürchte mich vor dem Moment, geliebte Menschen zu verlieren. Wenn das Meiste vorbei ist, bekomm‘ ich da Angst? Und: kommt endlich die Ruhe, nach der ich gesucht und die ich verflucht hab‘ in der hoffentlich einundneunzigjährigen Lebensreise? Und löst sich alles auf, auf ganz eigene Weise? Werde ich vergessen, wen ich liebe oder eine wütende Alte sein? Werde ich Frieden finden oder mich ans Leben binden und dem nachtrauern, was hinter mir liegt? Und ich frage mich, wann wir alle sterben werden und wem der Tod näher ist von uns allen. Ich tue mir einen Gefallen, lege den Gedanken beiseite und lebe lieber weiter.

Ich habe Sie in einem Café gesehen, Mr. Oldman,

Und ich möchte wirklich gern verstehen.

Doch ich stand nicht auf, um kurz mal rüber zu gehen.

Ich hab‘ Sie einfach nur betrachtet,

Sie für ihr bloßes Dort-Sitzen geachtet,

denn einen Mann in diesem stolzen Alter sieht man nicht oft und unverhofft, haben Sie sich ein riesiges Stück Käsekuchen und eine passend große Tasse Cappuccino bestellt – und ich sah, dass Ihnen an nichts fehlt –  zumindest nicht in diesem Moment. Nach ihrem langen, langen Marsch haben Sie es sich verdient – bestimmt.  Und das ist ein Kompliment.


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Von Papierbooten, Gewissensbissen und Umarmungen mit dem Glück

Das was ganz spontan kommt, sind die ehrlichsten Zeilen. Ja, das ist wohl so. Somit dürften dies die ehrlichsten Zeilen sein, die ich in diesem Jahr schreibe. Ich sitze auf meinem Sofa, eingemümmelt in meine Kuscheldecke und tippe Wort für Wort, ohne großartig darüber nachzudenken. Ohne Schnickschnack-Wörtern, ohne schlechtem Gewissen. Ein wenig ist es mir aber schon unangenehm. Wie gesagt – es sind ziemlich ehrliche Zeilen, aber ich brauche sie. Für mich. Um sie schlicht und ergreifend los zu werden. „Sich etwas von der Seele schreiben“ nennt man das. Und das habe ich schon mein Leben lang getan. Immer dann, wenn sich etwas Überwältigendes abgespielt hat, habe ich den Laptop in die Hand genommen oder eines meiner Millionen Notizbücher, Tagebücher, sonstige Zettel oder Blöcke. Die Zahl Million ist natürlich übertrieben, aber ich habe und hatte in der Tat schon immer einen Fabel für Papeteriekram. Wie auch immer… jedenfalls habe ich schon immer meine Gedanken und Gefühle zu Papier gebracht, und seeehr lange Zeit habe ich das nur für mich alleine gemacht. Selbsttherapie sozusagen. Oder zumindest eine Art Selbstreflexion. Ja, dieses Wort trifft es sehr sehr gut. Ich kann von mir behaupten, dass ich ein sehr reflektierter Mensch bin – und wahrscheinlich übertreibe ich es manchmal mit der Analyse meiner Umgebung, meiner Mitmenschen und meinem eigenen Seelenleben. Aber irgendwie muss ich einfach über das nachdenken, was mich beschäftigt. Eigentlich ist es – zumindest für mich selbst – ein gutes Zeichen, wenn ich das tue, denn dann weiß ich, dass ich das, was mir so durch den Kopf spukt, auch angenommen habe und ich dabei bin, es zu verarbeiten. Was wohl auch der Grund ist, warum ich das schreiben kann, was ich jetzt eben schreibe. Weil ich mich mit dem Gedanken angefreundet habe, dass dieses Jahr alles andere als einfach war. Und doch war es notwendig, um genau dort zu stehen, wo ich jetzt stehe. Jetzt muss ich doch ganz kurz etwas gefühlsduselig werden, aber um den metaphorischen Ort zu beschreiben, an dem ich mich gerade befinde, benötigt es ein oder zwei kitschige Bilder: Ich treibe in einem weißen, kleinen Papierboot und habe alle an Bord, die ich zum glücklich sein brauche. Das sind ganz schön viele Menschen und eigentlich ist es erstaunlich, dass sie alle in meinem kleinen Leben… ähm Boot Platz haben. Jedenfalls tun sie das tatsächlich und es geht mir richtig gut hier. Klar, es gibt die ein oder andere Welle, die sich an meiner schwimmenden Nussschale mal bricht, aber das macht im Grunde nichts. Einige Menschen, waren nicht mutig genug, um mit mir die Weltmeere zu durchqueren, harte Lektionen waren es, große Wellen, die sie aus meinem Boot geworfen haben. Und einige Zeit war ich auch sehr traurig darüber. Aber wisst ihr was? Das Gefühl alleine weiter zu segeln hatte ich nie. Nicht eine kleine Sekunde lang. Denn die allerwichtigsten sind bei mir geblieben. Und neue, unglaubliche Menschen habe ich mit an Bord geholt. Und als ich von Neuem erkannt habe, wie wunderbar meine Besatzung ist, umso glücklicher und gestärkter ging ich aus dem Sturm dieses Jahres hervor. So, Stopp! Das war mehr als genug an kitschig-emotionalen Bildüberschuss.

Eigentlich möchte ich euch von dem einen Moment erzählen, an dem ich ganz bewusst das Glück wieder in die Arme schloss. Also, es gab viele schöne Augenblicke, die dazu beigetragen haben, aber es gab irgendwie diesen einen Moment, wo all das Alte von mir abgefallen ist. Und lustigerweise war das ein Moment, in dem ich ganz alleine war – ohne meine Besatzung. Aber von vorne:

Es geschah an einem Tag im Außendienst in meinem neuen Job, ein Tag, über den ich anschließend einen Erlebnisbericht schreiben sollte. Ihr könnt euch vorstellen, dass der Text aufgrund meiner Euphorie nach diesen für mich geschichtsträchtigen Stunden, wirklich gut geworden ist :D. Wie auch immer… ich durfte einen Tag in einem Hotel in Kaltern verbringen und sollte anschließend noch eine kurze Herbstwanderung machen. Ich beschloss auf die Leuchtenburg zu wandern – dieses Ziel hatte ich schon lange lange Zeit vorher im Visier, habe es aber irgendwie nie geschafft, den Marsch anzugehen. Da ich etwas unter Zeitdruck war, weil ich später meinen Sohn abholen musste, ging ich ziemlich schnellen Schrittes los.

Es war der letzte Herbsttag des Jahres und ziemlich schwül. Ich hatte angesichts dieser drückenden Temperaturen zu viel an und war zu schnell unterwegs. Eigentlich wollte ich diese Wanderung genießen, aber die Zeit erlaubte es mir schlichtweg nicht. Und es ging steiler auf diesen verdammten Hügel hinauf, als ich erwartet hatte. Als meine Puste ziemlich schnell ausging, erinnerte ich mich wieder mal daran, dass ich viel zu wenig Sport machte – aber ganz ehrlich: Mir fehlt als alleinerziehende und wieder arbeitende Mama schlichtweg die Zeit dafür. Mir fehlt die Zeit, endlich mal wieder in der frischen Morgenluft joggen zu gehen. Mir fehlt die Zeit zum Reisen, mir fehlt die Zeit zum Schreiben (ich würde nämlich viel mehr schreiben, wenn ich denn könnte), zum Malen (ja, ich male, bzw. würde ich es gern wieder mal) und endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen oder einfach mal nichts zu tun. Die Zeit für mich selbst. Aber mein Leben ist beinah minutiös verplant. Das ist oft hart und ganz ehrlich: Manchmal möchte man halt einfach die Zeit haben, die einem zusteht. Und die habe ich nicht und ich fragte mich, als ich da diesen Hügel erklomm – der mir in jenem Moment wie ein 2000er vorkam – ob es mich zu einer schlechteren Mutter macht, wenn ich manchmal den Wunsch habe, für mich zu sein. Und ich fragte mich, keuchend und schwitzend, ob ich verrückt sei, dass ich deshalb ein schlechtes Gewissen hatte. Ich ärgerte mich etwas über mich selbst und darüber, meine Gedanken – die ich schließlich doch für ganz okay befand – verurteilt zu haben. Und ich ärgerte mich, dass ich an diesem Nachmittag nicht früher aufgebrochen war, und die eigentlich schon lang geplante Wanderung zu unternehmen, um mit mehr Gemütlichkeit und mehr Genuss diesen Solo-Pfad zu begehen… wenn ich denn schon endlich mal alleine war!!

Stattdessen fuhren meine Gedanken wieder mal ihre Lieblings-Achterbahn und an all dem Guten und Schlechten der letzten Monate vorbei. Rauf und runter. Spielten alle Szenen immer und immer wieder durch. Machten mich traurig und wütend und stolz und überglücklich. Ich wunderte mich, wie viel emotiongeballtes Leben in einer kleinen Welt wie der meinen doch Platz hat. Wahnsinn, oder? Whatever. Jedenfalls sprintete ich beinahe den Waldweg hinauf, schwitzte wie ein Schwein und war froh, irgendwann doch angekommen zu sein.

Die Hitze hatte sich gelegt und die Leuchtenburg warf ihren riesigen Schatten auf mich. Und dann war es plötzlich still. Um mich herum waren keine anderen Wanderer mehr. Keine Geräusche aus dem Tal konnte ich vernehmen und das Erstaunlichste: In meinem Kopf wurde es auch leise. Endlich. Dieses majestätische Steindings, das auch aus der Nähe betrachtet wirklich hübsch anzusehen war, erhob sich vor mir, hieß mich Willkommen und verbot mir jeglichen weiteren Gedanken. Mir wurde klar, dass ich gerade eine ganze Burg und einen ganzen Miniatur-Berg für mich alleine hatte. Das war zugegebenermaßen ziemlich cool und ich fühlte mich wie ein kleines Mädchen auf abenteuerlicher Entdeckungstour.

In die Burg rein, in jede Tür hineingespäht, nach oben geblickt und ringsum. Um die Burg herum und Aussichtsfetzen erhascht. Eine Fahne, die im Wind über meinem Kopf herum wehte. Und dann war da mehr als nur ein Fetzen. Da war eine wundervolle Aussicht, die ganz allein mir gehörte. Mir alleine. Ich kletterte auf die Burgmauer, von der aus ich diese Errungenschaft vollends genießen wollte und blendete meine zitternden Knie und meine Höhenangst aus. Ich wollte mir ein Andenken schaffen und hey: Sollte ich nicht meinen Kopf ausschalten? So hatte es mir die Leuchtenburg angetragen und ich tat es dann auch.

So saß ich da, mit zitternden Beinen, zufrieden und etwas andächtig und spürte, wie eine Welle des Glücks mein Papierboot anstupste. Wie ich tatsächlich (!) mal ganz für mich war. Ich spürte, wie schön es war, dass – wenn ich gleich von meinem persönlichen, symbolischen 2000er Berg hinunterstieg – ich nicht alleine war, sondern ich all jene Menschen um mich haben würde, die ich liebte. Die mich liebten. Denen ich jede stürmische Welle wert war und die ich niemals aus meinem kleinen Boot fort gehen lassen würde. Tief im Inneren nahm ich Abschied. Nicht nur vom Sommer, nein, auch von diesem großen Jahr der Veränderung – es endete für mich an diesem letzten Herbsttag, Ende September. Ich fand, das war ein guter Zeitpunkt ein neues Jahr einzuläuten. Dazu muss nicht unbedingt Silvester sein. Ein viel zu heißer Herbsttag und eine kleine Burg reichen da schon völlig aus.

Hey Sommer…

Eigentlich bist du schon seit einer ganzen Weile weg, aber trotzdem möchte ich dir noch was sagen… Du hast mir in den letzten Monaten so viel geschenkt: Zuversicht, den Glauben daran, dass nach jedem Tief auch wieder ein Hoch kommt. Ein neues Zuhause. Eine Riesenchance mich beruflich weiter zu entwickeln, meine Leidenschaft zum Schreiben auszuschöpfen und neu zu erfinden. Du hast mir die Liebe zurückgegeben und mich immer wieder dran erinnert, dass Familie und wahre Freundschaft alles überdauert. Du hast mich ebenso daran erinnert, wie stark ich bin und hast deine kräftigen Farben auf mich übertragen. Ich habe endlich wieder das Gefühl, MICH zu sehen, wenn ich in den Spiegel schaue. Endlich leuchte ich wieder. Dafür möchte ich dir danken, Sommer. ❤️


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Die Bestie, ihr Begleiter

Es schien, als ob lautlose Schritte über den Asphalt huschten. In Wirklichkeit waren es insgesamt sechs Beine, die die breite, menschenleere Straße entlang liefen. Zwei von ihnen allerdings, es waren die Kinderbeine eines Mädchens, glaubten, alleine ihren Weg zu gehen. Unangestrengt, leichtfüßig. Sie bemerkten die anderen gar nicht und darum gingen sie in ihrem eigenen Tempo. Fröhlich, unbeirrt, erwartungsvoll.

Viele, viele Jahre war der Weg der Leichtfüßigen der selbe. Mal hatten sie laute Menschen an ihrer Seite, mal leise, mal welche, die viele Kilometer mit ihr gingen. Manche blieben nur kurz bei ihr, andere blieben. Aber wie es nun mal so ist, auf diesem langen Weg des Lebens, hat man ihn am Ende doch irgendwie alleine zu bewältigen. Auch der des Mädchens war manchmal anstrengend, steinig und steil und umständlich zu begehen, aber sie meisterte ihn mit Bravour, Optimismus und kindlicher Unbekümmertheit. Jeden einzelnen Meter davon. Und so war sie immer schwebend und es war tatsächlich so, dass man sie kaum vernehmen konnte, diese leichtfüßigen Kinderbeine jenes Mädchens, das noch nicht ahnen konnte, wie stark sie war.

Die vier anderen, unbemerkten Beine gehörten einem wilden Tier, das mal zahm und umgänglich, aber auch ungestüm und grausam sein konnte. Es zerfleischte und riss einen in tausend Stücke, bevor es dann zum besten Freund werden konnte. So kann man sagen, dass dieses Tier auch der einzige treue Begleiter unserer Leichtfüßigen war. Ihr war der beharrliche Weggefährte lange Zeit egal, da es das Vieh nie so richtig bemerkte. Aber irgendwann fletschte es dann doch seine Zähne. Und die Leichtfüßige erschrak sich vor dem blutrünstigen Maul, das ihren Weg, den sie so lange ja beinahe schwebend beschritten hatte, in tausend Stücke riss. Der Asphalt brach auf, verschlang alles Grüne und Blühende, das am Wegesrand aus der Erde sprießte und die Straße glich mehr und mehr einem Trümmerhaufen, von dem unsere leichtfüßigen Kinderbeine nicht mehr herauskommen vermochten. Plötzlich knirschte und knackste es unter ihren Fußsohlen und die Leichtfüßige wusste gar nicht mehr wohin mit den vielen Eindrücken. Mit dem Chaos vor ihren Augen, dem Lärm unter ihren Beinen und dem Schmerz in ihrem Inneren. Sie weinte und die Menschen um sie herum, die ihr Leben lang nichts anders versuchten, als das Mädchen zu beschützen, hatten Mühe, es in diesem Durcheinander zu tragen. Leider waren manch ihrer Versuche vergebens und Kämpfe umsonst gefochten. Dann blieb der Leichtfüßigen nichts anderes übrig, als in das blutrünstige Maul hinein zu starren und ihm zu trotzen. Die um sich schlagenden Pfoten der Kreatur abzuwehren, so gut es eben ging. So lange, bis sich das Maul wieder schloss und seine Beine den Boden wieder feste berührten. Sie sich wieder dem Tempo des Mädchens anpassten und ihre Beschützer fast genauso beruhigt loslassen konnten. Und siehe da, die Leichtfüßige zog weiter. Sie hatte einige Schrammen abbekommen und ja, womöglich auch tiefere Narben, aber sie war noch da. Und sie schritt voran.

Nein, die Geschichte ist mit diesem plötzlich auftretenden Ereignis und dessen Ende selbst nicht zu Ende, und es gibt auch kein Happy End im herkömmlichen Sinne. Denn das Ende dieses einen Ereignisses bedeutete nicht, dass das launische Tier nun seine Ruhe gab, bei weitem nicht. Je weiter die Leichtfüßige voranschritt, desto öfter und desto brutaler schlug die Bestie zu. Biss sie hier, zerrte an ihr und versuchte sie in das Loch zu reißen, das sich immer von Neuem auftat. Aber irgendwie schaffte es das Mädchen, das irgendwann kein Kind mehr war, dem immer wieder zu entkommen. Und so kam es, dass die Leichtfüßige zu ihrem zwielichtigen Begleiter eine seltsame Beziehung aufbaute. Sie verabscheute das Tier an ihrer Seite und liebte es zugleich. Sie hielt Ausschau nach ihm und fürchtete sich gleichzeitig vor seiner Rückkehr. Sie verachtete es und verehrte es zur gleichen Zeit. Es war ihr schlimmster Feind und doch ihr verlässlichster Freund.

Einmal, als der Weg der Leichtfüßigen sie auf einen wiesenbehangenen Hügel führte und es ein dunkler Tag voller Wolken und Regen war, kam es zu einem heftigen Kampf zwischen ihr und dem Vieh. Noch nie zuvor hatte die Leichtfüßige dermaßen Widerstand leisten müssen. Aber  auch dieses Mal ließ sie sich nicht unterkriegen. Als sich die Bestie endlich wieder beruhigt hatte und selbst müde war von dem Unfrieden, den es wieder einmal gestiftet hatte, suchte es Schutz unter einer Baumkrone. Irgendetwas war nach diesem letzten Angriff anders und aus irgendeinem Grund konnte die Leichtfüßige ihn zum ersten Mal richtig sehen. Sie wusste nicht ganz, was sie von der erschöpften Bestie halten sollte, die sich wieder einmal die Zähne an ihr ausgebissen hatte und wusste auch nicht, ob sie etwas zu ihr sagen sollte. Also setzte sich die Leichtfüßige unter einen zweiten Baum und wartete. Beobachtete ihren langjährigen Begleiter, der sie so oft verletzt, aber gleichzeitig dermaßen stark gemacht hatte. Sie starrten sich an, die Leichtfüßige und ihr Begleiter und es geschah in diesem Moment nichts weiter, als dass die Erde um sie herum sich weiterdrehte, der Regen vom Himmel fiel und das Gras auf dem Hügel nass und nasser wurde. Nach einigen Minuten erhob sich die Leichtfüßige, ging zum anderen Baum und legte ihre Hand behutsam auf die Wange des Tieres. „Jetzt geh ich meinen Weg einmal ohne dich“, flüsterte sie ihm zu und seine erschöpften, aber treuen Augen verrieten ihr, dass ihr Begleiter sie für eine Zeit lang ziehen lassen, aber eines Tages ganz bestimmt wieder an ihrer Seite laufen würde. Weil er in ihrem Schatten wohnte.


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Brief an die Veränderung

Hallo Veränderung,

meine Freundin, meine Feindin,

du Botin des Zweifels und der Unsicherheit, du hoffnungsgebender Funken.

Ob dies ein Liebesbrief an dich ist oder eine Abrechnung, das kann ich gar nicht so genau sagen. Wie auch, ich weiß ja nicht einmal, ob ich dich mag oder nicht. Das Leben ist eine Waage, die ihre Gewichte mal auf der einen Schale, mal auf der anderen trägt. Ab und zu, wenn alles gut läuft, dann hält sie die Balance, weil alles genau richtig ist. Und dann kommst du ins Spiel, Veränderung. Wirfst plötzlich ein Gewicht dazu oder nimmst eines weg. Bringst die Waage ins Wanken. Manchmal da erscheinst du gar als Welle und nimmst ihr völlig den Halt. Spülst sie fort und alles muss von vorne beginnen.

Ich weiß, du kommst manchmal unvorhersehbar. Dann bist du mir meist nicht willkommen und ich verabscheue dich. Weil du alles in mir zerreißt und mich aus meiner gut funktionierenden Bahn wirfst. Dann scheuchst du mich ins Bett und lässt mich die Decke über den Kopf ziehen. Dann möchte ich nichts hören und nichts sehen und ich warte, bis du wieder fort bist. Aber … du gehst nicht weg. So ist das nun mal mit dir. Wenn du da bist, bist du da, einen Rückwärtsgang besitzt du nicht. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als dir mitten ins Gesicht zu blicken. Du bist meine immer wiederkehrende Gegnerin. Aber geschlagen hast du mich noch nie.

Nicht immer spielst du auf der anderen Seite des Spielfeldes, nein, gelegentlich sind wir auch in einem Team, du und ich. Manchmal bin ich  deine Schülerin. Deine Lektionen? Hart. Überraschend. Lehrreich. Schön. Und stärkend. Du faszinierst mich. Weil du nicht nur gut und nicht nur schlecht bist. Du bist beides, gar oft zur gleichen Zeit. Und in welcher Form du kommst – das fasziniert mich erst recht! Kommst du als Mensch, als Ereignis, als Entscheidung? Tauchst du in der Welt auf, die mich umgibt oder aber tief in mir drin? Es ist immer anders, DU bist immer anders. Du bist beeindruckend. Erschreckend beeindruckend.

Ab und zu, ja, da sehn ich dich sogar herbei. Ich gebe zu, dass ich dich auch brauche. Weil mich die Herausforderung reizt, die du wie eine kleine rote Gießkanne in der Hand hältst und die meine Wurzeln tränkt. Dann wachse ich an dir. Und du verzauberst mich, weil dich ungeatmete, funkelnde Luft umgibt, die ich tief einsauge. Ich sauge sie ein, ganz tief, und es kribbelt in mir, vor Stärke.

Ich weiß, du bist unvermeidbar und du gehörst dazu. Jeden Tag. Du bringst den Morgen und die Nacht, wirfst die Blätter von den Bäumen und treibst Knospen. Du malst mir Falten ins Gesicht und sorgst dafür, dass ich die vielen kleinen Geschichten meines Lebens erzählen kann. Nicht immer verstehe ich den Grund für dein wankelmütiges Dasein, aber ich weiß, dass du am Ende immer deinen Sinn hast. Irgendwie hast du den tatsächlich.


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