Der Schustermeister oder: Die Freuden des Augenblicks

Für manch einen war es der See mit seinen morgendlichen Nebelschwaden im Sommer und der kristallenen Oberfläche in den kalten Monaten. Oder die Burg am Hügel, die frühmorgens in mystisches Sonnenlicht getaucht wird und über besagten See wacht. Für viele war es das rege Treiben am Platz vor der Kirche und der tägliche Schwatz – für wiederum andere war es das Sein in den Weinbergen, das Philosophieren über die kostbaren Tropfen, die sie aus den Trauben gewannen, weshalb sie jede einzelne mit ihren von Arbeit gezeichneten Händen berührten, als wären sie pures Gold.

Der 24-jährige Josef, der im Jahr 1949 nach Kaltern gezogen war, um die dunklen Tage des Krieges endgültig hinter sich zu lassen, flanierte lieber durch die verwinkelten, engen Gassen in dem kleinen Ortsteil Mitterdorf, fernab des dörflichen Trubels. Die Gegend rund um Schloss Campan hatte es ihm sehr angetan – zudem er bei dortigem Grafen für die Pflege der Weinberge und der Tiere angestellt wurde. Weil ihn seine Arbeit körperlich aber sehr ertüchtigte und er erst spät nach Sonnenuntergang einige freie Stunden genoss, versäumte er so manche Gelegenheit, sich mit anderen Leuten im Dorf auszutauschen.

Eines Tages – Josef war gerade dabei, die Pferde in den Stall zu treiben – kam der Graf auf ihn zu, in der Hand ein Paar ausgemergelte Schuhe. „Bring sie zum Schuster und lass sie neu besohlen. Der linke muss außerdem geflickt werden.“ Noch am selben Tag begab sich Josef mit den Schuhen zum Schustermeister. Josef kannte das kleine Lädchen vom Vorbeispazieren schon: Eine versteckte, dunkle Schusterei, die man über zwei nach unten führenden Treppen betrat. Josef stieß sich den Kopf, als er durch die knarzende Tür trat. „Obacht, junger Mann, manch einer ist hier schon mit großen Kopfschmerzen zur Tür hinaus.“ Eine rauchige, aber freundliche Stimme erklang aus der hinteren Ecke des Ladens. „Ich merke schon, ein Mann von meiner Größe, tut sich in diesen vier Wänden etwas schwer“, erwiderte der hochgewachsene Josef lächelnd und begrüßte den Schuster, der gerade dabei war, Ahle und Nagelbohrer von der Werkzeugwand zu holen und sich den Schusterfuß zu richten. Ein brauner Damenschuh lag vor ihm auf dem Tisch, der auf einen neuen Stöckel wartete. Der Schuster aber inspizierte den fremden Mann. „Ich kenn dich nicht“, brummte er, „kommst du von auswärts?“ „Ja, aus dem hinteren Pustertal, ich lebe aber seit ein paar Monaten hier in Mitterdorf.“ „Komm her mein Junge, setz dich zu mir“, forderte ihn der alte Schuster auf und zog einen klapprigen Hocker unter dem Arbeitstisch hervor. „Wie heißt du?“ „Josef. Ich bringe für meinen Arbeitgeber, den Grafen, diese Schuhe. Sie sind neu zu …“ „Trink mit mir einen Schluck“, unterbrach ihn der Schuster und verschwand für einen Moment in eine kleine, dunkle Kammer. Dann kehrte er mit einer Flasche Wein und zwei Weingläsern zurück. Josef setzte sich folgsam und inspizierte die Flasche. „Das ist der Wein meines Grafen“, stellte er fest, „aber ich hab ihn noch nie gekostet.“ Der Schuster lachte: „Wie kannst du etwas tun, von dem du nicht mal weißt, warum und wofür du es tust?“ Josef musste zugeben, dass er die Arbeit beim Grafen nur deshalb verrichtete, um sein täglich Brot zu verdienen – sehr viel über sie nachgedacht hatte er bisher nicht. Der Schuster betrachtete den grübelnden Josef, trank genussvoll ein Schluck Wein, strich sich seine grauen, zerzausten Haare aus dem Gesicht und fing an zu plaudern: von dem Winzer-Grafen und dem Weingut, das schon über mehrere Generationen bewirtschaftet wurde. Von seinem eigenen Entschluss, Schuster zu werden, der Gabe, ein seltenes Handwerk zu beherrschen und den Menschen im Dorf damit einen wichtigen Dienst zu erweisen: „Ich helfe den Menschen dabei, leichter durchs Leben zu gehen – der Weg ist ohnehin steinig genug, nicht wahr?“
Und so saßen sie da, Josef und der Schuster, und draußen ging der Tag in den Abend über, die Menschen zogen sich in ihre Häuser zurück und plötzlich war die Flasche Wein leer und der Kopf voll mit Trank und Geschichten des Schusters.

Als Josef ein paar Tage später wieder kam, um die Schuhe des Grafen abzuholen, taten die beiden es gleich. Nach diesen beiden Nachmittagen überbrachte Josef seinem Grafen nicht nur dessen neu besohlten Schuhe, sondern äußerte auch die überraschende Bitte, mehr über dessen Weinbau zu erfahren, was diesen sehr erfreute. So kam es, dass der Graf den jungen Josef in die Kunst und die Philosophie der Winzerei einführte. Josefs Leidenschaft war geweckt – und er verstand immer mehr, warum sich die Bauern um ihre Weinreben kümmerten, wie Mütter und Väter um ihre Kinder: Es ging nicht nur um den Rebensaft, sondern auch um das anschließende Zusammenkommen. Um die Geselligkeit, das Geschichten-Erzählen und: die Freuden des Augenblicks.

Die Freundschaft zwischen Josef und dem Schustermeister hielt übrigens ein Leben lang.


Diese Kurzgeschichte ist in freundlicher Zusammenarbeit mit dem Tourismusverein Kaltern am See entstanden und im März 2022 in der 30. Ausgabe des wein.kaltern MAGAZINS erschienen.

Nur für den Augenblick

Vergangenheit, klopfst uns unverschämt auf die Schulter. Hauchst uns alte Geschichten ins Ohr, die wir doch vergessen wollten.

Zukunft, stehst unbeschrieben vor uns.
Stellst uns Fragen, deren Antwort wir noch nicht kennen.

Vergangenheit, klopfst uns unverschämt auf die Schulter. Zeichnest uns Bilder auf den Rücken, die wir doch verdrängen wollten.

Zukunft, stehst unbeschrieben vor uns.
Ebnest uns hunderte Wege, von denen wir noch nicht wissen, wohin sie führen.

Vergangenheit, klopfst uns unverschämt auf die Schulter. Pflanzst uns Gedanken in den Kopf, die wir doch loswerden wollten.

Zukunft, stehst unbeschrieben vor uns.
Schürst Hoffnungen in uns, deren Beständigkeit doch so zerbrechlich ist.

Und so irren wir zwischen dem Gestern und Morgen. Sagt, habt ihr auch schon mal den Gedanken gedacht: „Vielleicht, ja vielleicht, sind wir nur für diesen Augenblick gemacht.“


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Mensch im Tante-Facebook Laden

Mensch: Guten Tag, guten Tag!
Ich hab einen Fehler gemacht.

Verkäufer: No problem, lösen wir gleich –
wär doch gelacht.
Was darf’s denn sein?
Spott oder lieber Drauf-Spucken?

M: Ich weiß nicht genau –
muss ich mich dabei ducken?

V: Kommt darauf an …
Ist ihr Fell denn schön dick?
Sonst wär‘ Ignoranz
auch ein ganz nettes Stück!

M: Ich bin mir nicht sicher …
Tut das denn nicht weh?

V: Nein, nein,
Dummheit ist eine gute Idee!
Seien Sie unbesorgt:
Idiotische Comments gibt’s bei uns pur!

M: Ok, das könnte es sein, nur:
Sind die auch richtig gemein?

V: Natürlich! Vom Feinsten,
gemein und halb wahr
und reichen hinein – wenn Sie wollen –
bis ins nächste Jahr!

M: DIE Garantie klingt doch gut.
Dann nehme ich das!

V: Super, DAS ist Community-Spaß!
Ah, ein kleiner Haken (nicht der Rede wert):
Perfekt klappt’s nur online –
hat die Erfahrung gelehrt.

M: Moment! Kann ich das da hinten nicht haben?
Die Wahrheit? Und die ins Gesicht?

V: Sorry! Wir schließen.
Die haben wir hier nicht.


So lange ich kann

Nein, diese Geschichte erzählt von keinem großen Abenteuer bei Klippen und Leuchttürmen, wie wir es auf meinem Titelbild erlebt haben, damals im Sommer auf Sizilien. Sie handelt lediglich davon, wie mein Sohn Ben und ich eines Abends beim Essen sitzen, damals im Januar in der Wohnküche.

Es gibt Kraftbrühe mit kleinen Sternchennudeln. „Weißt du, diese Mahlzeit gab es früher jedes Jahr an Weihnachten bei meiner Oma. Darum ist Fleischsuppe eine meiner Lieblingsspeisen“, erzähle ich ihm, während ich die heiße Flüssigkeit genüsslich in mich reinlöffle. Sofort fühle ich mich wie die 6-jährige Version meines Selbst und hocke für einen kurzen Moment wieder mit all meinen Cousins, Tanten und Onkel in Omas Stube. Nichtsdestotrotz entgeht es mir nicht, wie sich der Grübel-Motor meines Sohnes eingeschaltet hat.

„Mami? Haben die, die gestorben sind, im Himmel ein Haus zum Wohnen?“, fragt er mich. Er weiß natürlich, dass meine Oma schon lange tot ist und mein „Früher“ weit zurück liegt. „Ich weiß nicht … Aber ja, vielleicht haben sie das“, antworte ich und mir wird klar, dass ich nie darüber nachgedacht habe, WIE die Menschen danach weiterleben. Ob in Häusern oder einfach nur auf rosa Wolken mit goldenen Betten. Mit dem bärtigen Petrus an der Pforte, wie man es aus den Zeichentrickserien kennt. „Können sie alles hören, was wir sagen?“, hakt Ben nach. Okaaay, die Toten sitzen also heute mit am Tisch. „Ja, bestimmt“, sage ich und bin mir nicht sicher, ob ich hoffen soll, dass dem wirklich so ist. Ben probiert es gleich mal aus und ruft: „Hallo Uroma!“ Keine Antwort zurück – Enttäuschung groß. „Keine Sorge, sie hört dich schon, sie kann nur nicht antworten“, versuche ich zu erklären. „Die, die in den Himmel kommen, werden zu Engeln und passen auf uns auf. Und sie sehen und hören alles, was wir so reden und tun.“ Zugegeben: Dieser Satz klingt auch in meinen eigenen Ohren ein kleines bisschen gruselig und ich bin mir keineswegs sicher, ob ich es genauso meine, wie ich es sage. Aber Ben scheint beruhigt.


„Wenn ich mal sterbe, werde ich auch ein Engel, gell?“ Okay, JETZT wird es gruselig, denke ich, versuche aber ganz sachlich zu bleiben – Ben hat ja auch sehr nüchtern nachgefragt. „Ja, natürlich.“ „Sterben wir beide mal zusammen, Mami?“ Verdammt, UND WAS JETZT? Auf die Frage bin ich nicht vorbereitet. Steht die denn irgendwo in einem Erziehungsratgeber? Vielleicht unter der Kategorie „Skurrile Kinderfragen und wie Sie am besten darauf antworten“? Gibt es die Kategorie überhaupt? IRGENDWO? Mir kullert eine Träne über die Wange, während ich versuche, eine möglichst simple Antwort herauszupressen: „Ich hoffe, dass du viel viel länger auf der Erde bleibst als ich.“ „Aber Mami!“ Ben fängt jetzt auch an zu weinen. „Ich brauche dich ja. Auch oben im Himmel!“ Ich, die mittlerweile Rotz und Wasser heult und die Kraftbrühe auf dem Tisch spätestens nach diesem Satz vergessen hat und sie nun kalt werden lässt (soll sie doch kalt werden, die blöde Suppe!), nehme meinen kleinen, großen Jungen in den Arm. In ein paar Wochen wird er vier – herrje, er soll mit seinen vier Jahren doch noch nicht solche Fragen stellen. Ich halte ihn fest und flüstere ihm ins Ohr: „Keine Sorge, wir zwei sind noch ganz ganz lange auf der Erde und ich noch laaange bei dir. Versprochen. Und du musst dir über diese Dinge noch überhaupt keine Sorgen machen, ok?“ „Okay, Mami“, lächelt er und widmet sich wieder seinem Abendessen. Emotion und Thema abgehakt. Wow … irgendwie bewundernswert, diese Fähigkeit! Ich setze mich wieder hin, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und versuche, meine eigenen Emotionen wegzuatmen. Und ich frage mich, ob ich mir mit diesem Versprechen womöglich zu viel vorgenommen habe – immerhin kann man ja nie wissen, was das Leben mit einem vor hat. Trotzdem … eines kann ich sehr wohl: Ich nehme mir vor, mein Versprechen so gut es geht einzuhalten – egal was kommt: Ich bleibe so lange ich kann.

Genug Vorsätze für ein Abendessen. Geredet wird nun auch nicht mehr. Nur noch gegrinst und ordentlich Kraftsuppe gelöffelt.


Face to Face

Das Gesicht. Es ist die Landkarte eines Lebens, DEINES Lebens, mit all seinen feinen Linien, Fältchen und Verästelungen. Dein Gesicht – es ist wunderschön. Ich habe eine Frage an dich: Wann hast du es dir zuletzt angeschaut? Also ich meine so richtig … Wann warst du das letzte Mal Face to Face mit dir selbst? Vielleicht fragst du dich, warum du das tun solltest. Nun …
Jeder einzelne Zentimeter deines Gesichtes erzählt immerhin deine Geschichte!

Sieh hier! Die Grübchen an den Mundwinkeln und die Lachfalten um deine Augen, sie erzählen von all den heiteren Momenten. Weißt du noch, wie du vor Glück hättest Bäume ausreißen können? Und da! Erinnerst du dich an den Kummer und die vielen Veränderungen, die dafür gesorgt haben, dass sich deine Stirn in Falten legt?


Wie oft hast du schon gemerkt, wie nah Glück und Unglück, Freude und Schmerz, Licht und Dunkelheit beieinander liegen und wie oft das eine mit dem anderen konkurriert? Erinnerst du dich an die Geburt deiner Kinder? An den Verlust eines geliebten Menschen? An einzigartige Abenteuer und Erlebnisse, die dir jetzt noch dieses ganz besondere Leuchten in die Augen zaubern? An falsche oder mutige Entscheidungen, die du getroffen und an all die steinigen Wege, die du mit erstaunlicher Bravour gemeistert hast? Wie oft hast du dir eine Maske aufgesetzt und dich verändert, um am Ende doch wieder du selbst zu sein? Wie oft hast du andere aus deinem Gesicht lesen lassen und in welchen Situationen hast du gute Miene zum bösen Spiel gemacht?
Erinnerst du dich, wie oft du jemanden angelächelt hast und wie viele ehrliche Tränen über deine Wangen gelaufen sind? Wie oft hat sich dein Gesicht zu lustigen Grimassen verzogen und wie oft haben dein Blick und deine Lippen wütende Funken versprüht? Wie oft haben sich Angst und Unsicherheit ganz leise über dein Gesicht gelegt?
Wie oft bist du errötet, weil dir jemand tief in die Augen geblickt und dich dadurch im Herzen berührt hat? Oder aber deswegen, weil du dich aus irgendeinem Grund geschämt hast? Weißt du noch, wie oft du andere mit deinem Lachen angesteckt und wie oft du die Augen geschlossen hast … einfach nur, um einen bestimmten Moment zu genießen? Wie oft hast Ausschau nach etwas gehalten? Wie viele Millionen Eindrücke mögen sich in der Vergangenheit durch deine Pupillen geschoben haben?


Darum, ja tu es doch wieder mal: Schau dir dein Gesicht an … Es hält all die Straßen fest, die du gehst, die Abzweigungen, die du auf deinem Weg wählst. Es teilt dir mit, was du in all den Jahren über diese Welt gelernt und worüber du dir womöglich zu viele Gedanken gemacht hast. Worüber du gelächelt, gelacht, geschimpft oder geweint hast. Jede einzelne Falte, jedes Grübchen, jede kleine Narbe, eine jede feine Schattierung … Sie zeigen dir nicht wie alt du bist, sondern erinnern dich wieder an all das, was war, an all die Schritte, die du getan hast. Daran, was du bis zum heutigen Tag erlebt und überlebt hast. Tut das nicht gut?


Dein Gesicht. Es zeigt dir: Du warst, du bist – und es hat noch jede Menge Platz für das, was kommt. Dein Gesicht – es ist wunderschön. Ich habe also eine Frage an dich: Wann hast du es dir zuletzt angeschaut?


Schattenrisse

Eines Abends, ich glaube, es war am 5. Montag oder Dienstag in der Quarantäne, wälzte ich mich im Bett hin und her und wartete, dass der Schlaf endlich seine beschützenden Hände über mich legen würde. Ich starrte noch eine Weile vor mich hin, in die Dunkelheit des Zimmers. „Ob das andere wohl auch machen“, überlegte ich, „mit offenen Augen im Dunkeln liegen?“ Man könne die Augen genauso gut zu machen – denn das Dunkel bleibt ja immer dunkel – ob mit geöffneten oder geschlossenen Lidern. Ich stellte mir die Frage, was – wenn ich nur lange genug in die Dunkelheit schaute – wohl passieren würde? Würde ich eins werden mit ihr? Oder würden sich allmählich Konturen im Raum abzeichnen, an denen ich mich orientieren könnte?

Zumindest weiß ich mit Sicherheit, dass wir im Moment alle im Dunkeln tappen. Millionen von Menschen in zig Ländern und ich bin eine von ihnen. Wir alle wissen nicht viel, außer, dass außerhalb unserer vier Wände, für die wir zwar dankbar sind, die wir aber liebend gerne durchbrechen würden, etwas geschieht, was uns aus unserer bisherigen, zugegebenermaßen Seifenblasen-artigen Bahn geworfen hat. Flashback, Anfang Februar: „Ach das, was auf der anderen Seite der Erde passiert? Weit genug weg! Das, was man dauernd im Fernsehen sieht? Kann uns nicht passieren.“ Und jetzt? Sind wir mittendrin, im Kann-uns-nicht-Passieren.

Tausende Eindrücke, tausende Gedanken und keine für mich passenden Worte. Dabei hab ich sie doch beinah’ immer. Doch dieses Mal ist es anders. Seit fünf Wochen bin ich zuhause und seit fünf Wochen starre ich auf ein leeres Blatt auf meinem Monitor. Beginne einen Satz, bevor ich ihn wieder lösche. Eigentlich möchte ich nicht über C. schreiben, doch etwas anderes rast mir im Augenblick leider nicht durch den Kopf. Also mache ich meinen Laptop zu und schaue mir im Fernsehen an, was mich nicht interessiert, scrolle mich durch Facebook, um mir meine tägliche Dosis Wahnsinn zuzuführen und komme nicht zur Ruhe. Ich hetze zwischen meiner Unsicherheit und meinen Schuldgefühlen hin und her – denn eigentlich dürfte ich mich ja nicht beschweren. Immerhin geht es mir gut. Immerhin habe ich niemanden in meiner Familie oder in meinem Freundeskreis, der erkrankt ist (und dass es doch passieren könnte, daran will ich gar nicht erst denken). Ich muss nicht dort arbeiten, wo viele andere gerade an ihr Limit kommen und lebe in einer Wohnung mit einer kleinen Terrasse, auf die jeden Morgen die Sonne scheint. Ich kann mich zwischen Weinreben gleich nebenan verziehen, ohne Gefahr zu laufen, anderen Leuten „zu nahe zu kommen.“ Nein, eigentlich darf ich mich nicht beschweren. Und so habe ich Schuldgefühle, weil ich mich trotz alldem komplett überfordert fühle.

Ich bin traurig und wütend und verzweifelt, dann wieder relativ gut gelaunt und spreche mir mein tägliches Mantra vor: „Geht schon irgendwie.“ Dann fühle ich mich wieder niedergeschlagen, bevor ich wieder traurig oder wütend werde. Denn die tausend Eindrücke, die momentan auf mich einprasseln, überrumpeln mich. Aus diesem Grund schreibe ich jetzt also doch darüber, obwohl ich das böse C-Wort sicher nicht ausschreiben werde. Mach’ ich nicht. Und ich lass jetzt mal ein kleines bisschen Mimimi los, weil wir das, verdammt noch mal, alle ab und zu dürfen:

Ich vermisse meine Lieben, ich vermisse es, einfach los zu gehen ohne nachdenken zu müssen, ob ich mich wohl nicht zu weit von meiner Wohnung entfernt habe. Ich vermisse meinen Arbeitsplatz und meine wirklich coolen KollegInnen, meine verrückten Freunde und meine chaotische Familie sowieso. Im mir rast der kindische Gedanke: „Ich möchte das alles nicht so haben“ und ich könnte unkontrolliert losschreien, wenn jemand zu mir sagt: „Es ist nun halt mal so – und damit müssen wir jetzt leben.“ Als ob ich das nicht wüsste. Als ob ich nicht wüsste, dass man immer versuchen sollte, das beste aus jeder Situation zu machen. Als ob ich nicht wüsste, dass es vielen anderen viel schlechter geht. Ich weiß das, verflucht nochmal, und wie ich das weiß! Und wie sehr ich meinen inneren Hut vor all den Menschen ziehe, die in dieser unheimlichen Zeit dermaßen Großartiges leisten. Trotzdem … Gewöhnen kann ich mich an das alles nicht und irgendwie will ich das auch nicht. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass Menschen wie ein verängstigter Fischschwarm auseinanderstieben, wenn sie einander auf der Straße oder vor dem Supermarkt kreuzen. Ich will auf die Menschen zu-, nicht weggehen. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass ich meinem Vierjährigen erklären muss, nicht zu nah an den Zaun zu gehen, an dessen gegenüberliegenden Seite der Nachbarsjunge steht – ein Freund aus dem Kindergarten, den er seit Wochen nicht gesehen hat. Ich kann mich nicht an das Video-Telefonieren gewöhnen – es bedrückt mich, wenn ich meinen Gesprächspartner nicht „live“ erlebe. Oder daran, dass die Verkäuferin im Geschäft hinter einer Plexiglasscheibe steht und jeden Tag mit der Angst leben muss, infiziert zu werden. Daran, dass sich alles, einfach alles, nur noch um dieses EINE Thema dreht. Ich kann mich nicht an die Angst gewöhnen, dass es vielleicht doch jemanden trifft, den ich mag. Und diese Masken (ja, ich weiß: Sie sind absolut notwendig und sie werden für lange Zeit Realität sein) … Sie verabscheue ich am Allermeisten, denn sie bedecken nicht nur Mund und Nase, sondern auch meine naiv-kindliche Sehnsucht danach, dass alles gut ist. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass alles so surreal ist, im Moment. Denn auch, wenn alle sagen: Es wird schon wieder. Alles wird gut. Im Moment ist es das halt nicht: Da draußen sterben Menschen und unzählige andere kommen an ihre psychischen und körperlichen Grenzen. Wie rette ich meine Seele, in all diesem Tumult, also?

Nun, ich spaziere mit meinem Sohn in die Weinberge und staune dort über Elefantenrüssel- und Konfettibäume, zähle Feuerwanzen und versuche Eidechsen zu fangen, die ich natürlich nie erwischen werde. Wir üben im neu auserkorenen Hof, der eigentlich ein Parkplatz ist, Fußballspielen und schießen unsere überschüssige Energie in den Ball. Wir suchen nach Schätzen und wundersamen, beeindruckenden Details des Hier und Jetzt. Wir machen Lese-Picknicke vor der Haustür und auf dem Sofa und bauen stundenlang Lego, um dann wieder alles ab- und neu zu bauen. Wir vermissen zusammen all „unsere“ Menschen, basteln Kram aus Papprollen, für die wir eigentlich weder Platz noch Verwendung haben und ziehen in einer Salatschüssel eine wachsende Spielzeug-Schildkröte groß. Zwischendurch versuche ich für mich allein eine halbe Stunde rauszuschlagen, zum Lesen oder Malen, aber so ganz ohne Freunde bin ich, die Mama, halt noch wichtiger. Ist ok. Und es ist auch ok, wenn ich abends dann ab und zu mal weine. Zwischen den wie weißes Konfetti vom Baum fallenden Blüten und den erheiternden Terrassen-Nachbarschaftsgesprächen, komme ich abends nämlich tatsächlich mal dazu, über diese unwirkliche Situation nachzudenken.

Ich fragte mich also, als ich letztens im Bett lag: Wenn ich nur lange genug in die Dunkelheit starre, werde ich dann eins mit ihr? Zeichnen sich irgendwann Konturen im Raum ab? Die Frage könnte auch lauten: Wenn ich dem bösen C-Wort nur lange genug ins Gesicht schaue, frisst es mich dann auf? Nein, ich suche nach Schattenrissen. Nach Elefantenrüssel-Bäumen und Eidechsen, die ich nie fangen werde, nach dem blauen Himmel ohne Kondensstreifen, ich tauche Pinsel in Farben, kuschle mich in warme Sonnenstrahlen ein und schreibe nieder, worüber ich eigentlich gar nicht nachdenken möchte.

Und dann, hoffentlich, wird irgendwann tatsächlich wieder alles gut.


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Tief

Ein Text über Hochsensibilität
und ihre Höhen und Tiefen.

Mir kommt es vor, als wäre mein Herz aus Seidenpapier. Ich wünschte, die Welt würde vorsichtiger mit ihm umgehen.

(Richelle E. Goodrich)

In der Bar dröhnt die Musik in ihren Ohren, Matilda hat die Nacht auserkoren, um sich frei zu fühlen, sich gehen zu lassen, allen Alltagstrott, den Alltagsschrott dort stehen zu lassen, wo sie ihn am nächsten Tag wieder abholen kann. Sie trinkt ein paar Gläser Wein und kann sich selbst endlich wieder reinen Wein einschenken, denn angetrunken ist man doch immer am Ehrlichsten. Ihr Herz tanzt zum Beat und wie immer schafft sie es alle anzuspornen, weil ihr Enthusiasmus Wellen schlägt und ihr Lachen auf andere überschwappt und etwas übergeschnappt sein, das brauchen in dieser verrückten Welt doch alle. Es rauscht in ihren Ohren, sie tanzt gedankenverloren, betrunken, ist in der Musik versunken. Leben vom Feinsten, der Moment ist alles. Der Moment ist genug.

Durch Kunst hält sie die Welt in Bildern fest und fester, die Welt – ihr bester Freund und Feind, weil es den einen ohne den anderen nicht gibt und so schließt sie nichts für sich aus, lässt alles auf sich zukommen. Durch ihre Finger strömt das raus, was sie bewegt, was ihr Herz in Teile zerlegt und so fügt sie es immer wieder zusammen und lässt es noch mehr erblühen. Ja, dann kann Matilda überschäumen vor Freude, reißt Bäume aus, schafft es gar, den Sorgen ihrer Freunde den Garaus zu machen, weil sie versteht wie kein anderer und weiß, was man braucht, vom anderen. Und sie wandert durch das Gute und das Schlechte und verliert sich in beiden Ozeanen und lässt sich treiben in ihnen.

Mit Matilda geht es tief. Eine jede Berührung, ein jedes Wort. Ein jeder Gedanke, ein jeder Wunsch, eine jede Sorge. Eine jede Erwartung, eine jede Enttäuschung. Ein jeder Schmerz, eine jede Freude. Ein jeder Kuss, ein jeder Blick, ein jedes Schweigen. Mit Matilda geht es tief. Und tiefer.

Der Raum dreht sich, in dem Matilda sich bewegt, sie lauscht den Worten ihres Freundes, saugt jedes einzelne in sich auf, ist drauf und dran aufzustehen und wegzugehen, weil gehen, das nun mal so einfach ist, für sie. Sie packt es einfach nicht, kriegt das mit den Beziehungen einfach nicht gebacken, so meint sie, weil vermeintlich alles was sie anfasst, zerbricht. Das grelle Licht der Deckenlampe bohrt sich durch ihre Pupille, sie rauft sich durchs Haar mit den Händen, will sich abwenden von seinen Pfeilen, den Worten, wegdrehen vom hellen Licht, sich wegbeamen an fremde Orte, von allem, was gegen ihre Schläfen pocht und gegen die Mitte ihrer Stirn. Sie widersteht der Versuchung die verkrampften Fäuste auf die Küchenplatte zu schlagen, um vom Licht und den schmerzenden Worten ihres Gegenübers abzulenken – und um aufzuhören, über all das nachzudenken. Und er sagt: Weißt du … Du bist viel. Im Guten wie im Schlechten. Du bist oft zu viel.
Ein Zuviel an Gefühl, ja das ist Matilda. Matilda liebt so tief, sie weiß, dass kaum jemand so liebt oder so viel gibt, wie sie es tut und sie ruht nie, sie gibt alles.

Und dann ist sie wie ein Messer, weil alles, was sie fühlt, wie sie sie es fühlt und warum sie es fühlt, tief geht, so tief, dass es sie von innen fast auffrisst und sie fast am Rad dreht und weil es sie auffrisst, will sie, dass es rausgeht, raus aus ihrem tiefsten Ich, ihrem Herzen, ihrer Seele, ihren Gedanken, ihrem Körper – ihrem Mund. Und: Es ist, als ob ihre Worte wilde Purzelbäume über ihre Geschmacksknospen schlagen und sich zwischen Ober- und Unterlippe zwängen, um sich raus zu drängen und diejenigen zu verletzen, die ihr mit ehrlicher Liebe am meisten zusetzen.

Matilda hat die feinsten Sensoren, irgendwer in diesem Universum hat sie auserkoren, dass sie mit dieser Gabe, diesem Fluch geboren wird. Sie weiß nicht, wie man drüber spricht, aber sie weiß, warum das so ist, warum alles tief geht bei ihr, warum es sie auffrisst. Sie schmeckt ihnen, ihren Gefühlen, die sie so sehr aufwühlen, sie schmeckt ihnen so sehr. Mit ihrer rauen Zunge lecken die kleinen Biester an Matildas Innenwänden, immer an der gleichen Stelle, bis sie abgewetzt ist von der Reibung und es unangenehm wird und sie sich innerlich auflöst, an genau jener Stelle und wie sich die Zunge ihrer Gefühle durchbohrt und links und rechts und von allen Seiten beginnt sie auszulutschen, um von ihrem Seelenfutter zu kosten. Egal, in welche Richtung sie rennt, nach Norden oder Südosten. Matilda fühlt, wie sie sich auflöst und alles tiefer geht, weil in ihr drin alles porös wird und alles sickert weiter und tiefer und tiefer und hört nicht auf nach unten zu tropfen. Und so steht sie mal jubelnd am höchsten Gipfel dieser Erde und mal liegt sie am Boden, wie eine Scherbe – zerbrochen.

Mit Matilda geht es tief. Eine jede Berührung, ein jedes Wort. Ein jeder Gedanke, ein jeder Wunsch, eine jede Sorge. Eine jede Erwartung, eine jede Enttäuschung. Ein jeder Schmerz, eine jede Freude. Ein jeder Kuss, ein jeder Blick, ein jedes Schweigen. Mit Matilda geht es tief. Und tiefer.

Als wäre sie ein Riesen-Karussell, sehr langsam oder auch schnell, von dem aus man von ganz oben hinunter blickt und dieser Blick nach unten ist nicht ohne, – Matilda dreht sich schließlich jeden Tag, ob sie mag oder nicht. Aber wenn sie nicht nach unten blickt, sondern ihr Blick von ganz oben in die Ferne rückt, dann erscheint ihr eine ganze Welt, in der alles viel intensiver ist und alles andere erhellt. Dort sind die Farben bunter, wenn Glück in ihr wohnt und grauer, wenn Traurigkeit sie durchzieht. Dort ist das Licht glänzender und das Dunkel schwärzer. Die Musik tönender, der Beat eindringlicher, ihre Tränen nasser. Ihr Lachen echter. Egal wie sich das Karussell dreht, es ist viel Glück, viel Traurigkeit, viel Wut, viel Hoffnung, viel Verzweiflung, viel Mut, viel von alldem, was das Leben ausmacht.

Es ist viel Matilda und es geht so wahnsinnig tief. Und nicht jeder ist schwindelfrei.

Seine Gedanken

„Möchten Sie heute Mohn oder doch lieber ein leeres Croissant?“, fragte die freundliche, junge Dame hinter der Theke und ich wunderte mich sehr darüber, dass sie über meine Take-Away-Frühstücksambitionen dermaßen gut Bescheid wusste. Ich kam erst seit zwei Wochen hierher, aber es stimmte: Die Wahl meines Sieben-Uhr-Croissants traf ich immer zwischen dem einen oder anderen. Meistens – wenn ich später an dem Tag noch ein Meeting hatte – wählte ich das ohne Mohn. Die Gefahr, dass die schwarzen Kügelchen sich irgendwo zwischen meinen Schneidezähnen einnisteten, war zu groß. Nicht, dass mich jemals jemand so genau inspiziert hätte, der mir das erste Mal begegnete. Ich war ein unscheinbarer Durchschnittstyp. Nicht besonders schön oder der Typ Mann, nach dem sich Frauen lüsternd verzehren oder der, zu dem andere Männer aufsahen. Ich war das typische 0-8-15–Strichmännchen, das aussah, wie jedes andere Strichmännchen auf der Welt auch – und so war ich auch nicht der Typ, der in seinem Job als Projektentwickler sonderlich viel Erfolgschancen zugeschrieben bekam.
„Sir? Mohn oder leer?“ Die hübsche Dame durchbrach meinen Gedankengang. Und ich überlegte weiter: Wenn sie in meinen Kopf rein- und meine abstrusen, sich ständig wiederholenden Gedanken anschauen konnte, dann würde sie schnellstens Reißaus nehmen, mit allen Croissants dieser Welt.
„Ein leeres bitte! Und einen …“ „… großen Latte mit extra viel Milchschaum, kommt sofort!“, unterbrach mich die fröhliche Dame fast singend, holte mein Frühstück aus der Vitrine und drehte sich wie eine Primaballerina schwebend zur Kaffeemaschine um. Sie wusste sogar, was ich trank, unglaublich. Wobei – und dann erinnerte ich mich wieder daran, wie seltsam ich manchmal war – ich war wohl der einzige Mann auf der Welt, der extra viel Milchschaum in seinem Kaffee bestellte. Scheißegal. Was zählte war, dass mich tatsächlich jemand registrierte, obwohl mich derjenige – oder in diesem Fall besser diejenige – nicht wirklich kannte. Das tat wirklich gut. Und wie nett sie mich anlächelte! Geil, dieser Dienstag fühlte sich beinah‘ an wie ein Freitagmorgen, an dem man sich aufs anbahnende Wochenende freute, um sich dann endlich daheim verkriechen zu können.

„So bitte. Das macht dann drei Euro zehn“, lächelte die brünette Bedienung, während sie mir mein Croissant in eine Tüte zum Mitnehmen packte. Ich legte ihr einen Fünf-Euro-Schein hin und lächelte zurück: „Der Rest ist natürlich für Sie!“ Wow, so geflirtet habe ich seit gefühlt 100 Jahren nicht mehr. Ich schob mir meine Brille zurück auf die Nase, die mir wie immer viel zu weit nach vorne rutschte und machte mich so selbstsicher unterwegs ins Büro, wie ich es seit Ewigkeiten nicht mehr tat. Im Gehen ließ ich mir mein Frühstück schmecken – und bildete mir ein, dass es heute besonders gut war. Ich kam fünf Minuten vor der heutigen Besprechung mit dem Chef einer großen Immobilien-Agentur in der Arbeit an und hängte gerade meine Jacke an die Garderobe, als mein Kollege Sam Willow an mir vorbeirauschte und mich – gewohnt unverschämt – auf den Puderzucker auf meiner schwarzen, ungebügelten Hose aufmerksam machte. „Sieh zu, dass du deine Hose und den Mund sauber hast, Ronny. Mr. Friedman ist jeden Moment da.“ Ich hasste es, wenn er mich so nannte. Mein Name ist Ronald, du Arschloch, dachte ich, sprach es aber – natürlich – nicht aus. Für Willow und die anderen Wichtigtuer dieser Agentur, war ich mal Ronny, mal Mc Null, oder wenn sie so richtig in Fahrt waren: Ronald Mc Donald.

So schnell, wie mein Selbstbewusstsein eben noch aufgeschäumt war, so abrupt bitter schmeckte nun der letzte Schluck meines Latte. Demoralisiert ging ich zuerst ins Bad, um den Fleck auf meiner Hose mit Wasser und Toilettenpapier so gut es ging zu entfernen und begab mich dann in den Meeting-Raum. Willow setzte sich neben mich und flüsterte mir noch schnell zu, dass „mein Höschen wohl noch etwas feucht sei“ und begrüßte dann super-professionell und heuchlerisch-freundlich Mr. Friedman, einen der mächtigsten Immobilienhaie der Stadt.

Natürlich lief das Meeting für alle gut – mich ausgeschlossen, weil ich meine eigentlich ziemlich genialen Ideen wieder mal nicht vermitteln konnte und unter dem Redeschwall von Samuel und seinen Gefolgen komplett unterging. So brachte ich den restlichen Arbeitstag mehr schlecht als recht über die Bühne, um dann – geknickt und enttäuscht von mir selbst – zu beschließen mir vor dem Nachhause gehen noch zwei Bierchen in der Bar nebenan zu gönnen. Aus den geplanten zwei Bierchen wurden vier – oder waren es fünf? Jedenfalls ging es mir dann besser. Für den Augenblick.

Zuhause angekommen wünschte ich mich sofort wieder zurück in die Bar – meine Zweijährige machte wie jeden Abend Theater, weil sie sich den Pyjama anziehen und ins Bett gehen sollte, und brüllte sich die Seele aus ihrem winzigen, nackten Leib, der gerade unter der Dusche gewaschen wurde. Toni sah mit ihrem verwuschelten Dutt und der verschmierten Wimperntusche fertig aus und hätte selbst eine Dusche vertragen. Ich fragte mich ernsthaft, warum sie es nicht einmal hinbekam, nur ein einziges Mal, die Kleine vor 8 Uhr ins Bett zu kriegen und sich für mich etwas zurecht zu machen. War das wirklich so schwierig? Und ich konnte nicht anders, als an die hübsche Bedienung heute Morgen zu denken, die sich solche Mühe gab, mir mein Croissant mit dem charmantesten Lächeln zu überreichen.
„Hast du Lust, Annie die Zähne zu putzen? Ich muss dringend mal eine rauchen.“ Dazu hatte ich absolut keine Lust und antwortete ihr kühl: „Du weißt, ich mag es nicht, wenn du nach Zigaretten stinkst. Du riechst so schon nicht besonders gut. Am besten, du gehst auch gleich in die Dusche.“ Dann holte ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank, setzte mich aufs Sofa und schaltete den Fernseher an. Nach gefühlten zwei Minuten schlief ich ein. Es war halb 10, als ich wieder aufwachte und hörte, wie Toni die Spülmaschine ausräumte. Ich nahm noch ein Schluck meines Bieres, das ich noch immer in der Hand hielt. Als ich zu Toni in die Küche kam, um sie zu fragen, warum sie um diese Zeit noch Lärm machen musste, sah ich, dass sie weinte. „Meine Güte, echt jetzt? Schon wieder? Gehört das jetzt zum allabendlichen Ritual? Hier rumzuheulen?“ „Ich bin wirklich erledigt, Ronald. Ich brauche etwas Hilfe hier im Haushalt, mit Annie. Weißt du, ich möchte ab und zu einfach mal raus. Luft schnappen. Einen Kaffee trinken mit meinen Freundinnen … Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen.“ „Du hast sie ja nicht alle. Es geht dir gut. Andere Frauen wären froh, wenn sie die Möglichkeit hätten bei ihrer Familie zuhause zu bleiben. Du bist unzufrieden und undankbar! Immerhin bin ich derjenige, der den ganzen Tag auf der Arbeit ist!“ „Undankbar? Wofür soll ich denn dankbar sein? Dass du jeden Tag angetrunken nach Hause kommst und eigentlich DU unzufrieden bist, weil du einfach keinen Erfolg hast?“ Instinktiv ohrfeigte ich sie, damit sie verstummte. Aber heute verstummte sie nicht. „Du bist ein Feigling, der sich um nichts schert, außer sich selbst. Ich kann nicht mehr. Ich WILL nicht mehr. Ich verlasse dich, Ronald. Sieh zu, bei wem du deinen Frust auslassen kannst!“ Toni wollte aus der Küche gehen. Ich erwischte ihre dunkelblonden, ungewaschenen Haare, zog sie nah an mein Gesicht heran und brüllte sie an: „Ich hab gesagt, du sollst duschen gehen. Geh! Duschen!“ Dann warf ich sie zu Boden. Tritt mit meinen Füßen ein paarmal in ihren Bauch und gegen ihre Brüste, bis sie endlich den Mund hielt und zu flennen aufhörte. Die Tassen, Teller und Gläser, die Toni eben aus der Spülmaschine geholt hatte, fegte ich schwungvoll vom Esstisch. Es klirrte und klapperte in allen Ecken. Dann kniete ich mich zu meiner Frau runter. „Tu, was ich dir sage“, flüsterte ich ihr nochmal mit Nachdruck zu, „und hör endlich auf mit diesem Theater.“
„Daddy.“ Annie stand unsicher in der Tür, schaute mich emotionslos an und hielt ihr Mickey Mouse-Plüschtier fest umklammert. „Bring Annie vorher nochmal ins Bett. Sie hat Angst bekommen, weil du so einen unnötigen Lärm veranstaltet hast.“ Toni gehorchte mir, stand zitternd auf, hielt sich ihren Bauch, wischte sich die Tränen von den Wangen und nahm unsere Tochter an die Hand. „Na, komm, Süße, es ist alles ok. Mama ist bloß hingefallen.“
Ich setzte mich wieder aufs Sofa und schaltete den Ton lauter. Es lief eine Reportage über einen alten Kerl, der eine immense Sammlung an Kuckucksuhren besaß. So ein Idiot, lachte ich leise und zappte mich durchs nervtötende TV-Programm. Ein paar Minuten später hörte ich im Hintergrund das Wasser in der Dusche laufen.



Am 25. November war internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen, also vor fast genau einem Monat. Aber: Es sollte nicht nur einen Tag im Jahr geben, an dem darüber gesprochen wird.

Warum diese Geschichte?

Weil wir diejenigen meist nicht erkennen, die betroffen sind und auch die nicht, die Gewalt ausüben.

Weil wir diese Geschichten viel stärker thematisieren und offener darüber reden müssen.

Weil uns diese Frauen und Männer oft sehr viel näher sind, als wir glauben.



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Das menschliche Paradoxon

Wir warten unser Leben lang.
Auf den Bus. Auf den Zug
Auf andere Leute,
darauf, dass das Glück uns in den Schoß fällt.
Wir warten an der Supermarktschlange oder in der Warteschleife am Telefon.
Darauf, dass die Ampel wieder grün wird.
Und auf den Frühling, damit auch endlich der Sommer kommt.
Darauf, dass die große Liebe einfach so an uns vorbeispaziert
und dass das große Wunder geschieht, welches uns wachrüttelt.

Wir warten.
Und warten.
Und warten.

Wir warten unser Leben lang.
Wir warten  darauf, dass wir in der Arztpraxis aufgerufen werden.
Darauf, bis wir endlich an die Reihe kommen und darauf, dass etwas ganz schnell vorbei ist.
Wir warten auf einen langersehnten Anruf oder den viel zu spät kommenden Besucher.
Darauf, dass wir endlich erwachsen werden
und dann auf die Momente, in denen wir endlich wieder Kind sein dürfen.
Wir warten auf den Winter, damit auch endlich der Frühling kommt.
Darauf, dass alles irgendwann besser wird
und dass endlich Gras darüber gewachsen ist.

Wir warten.
Und warten.
Und warten.

Wir warten unser Leben lang.
Darauf, dass das Essen im Restaurant endlich kommt.
Auf unseren Feierabend und auf das Wochenende sowieso.
Das ganze Jahr warten wir auf Weihnachten.
und darauf, dass die Feiertage dann ganz schnell wieder vorbei sind.
Wir warten auf unsere Freunde, unsere Familie, unsere Kollegen,
auf die Sonne, den Mond und einem Wink des Universums.
Wir warten auf den Moment, in dem wir endlich mal wir selbst sein können
und darauf, dass wir endlich keine Außenseiter mehr sind.
Wir warten auf eine Antwort
und auf das Gefühl verstanden zu werden.

Wir warten.
Und warten.
Und warten.

Wir warten im Stau auf der Autobahn
und auf den idealen Lichteinfall beim Fotografieren.
Auf die nächste Folge unserer Lieblingssendung
und der Enthüllung eines gut gehüteten Geheimnisses.
Wir warten auf die passende Gelegenheit
und auf den Erfolg.
Darauf, dass alles von ganz alleine läuft
und dass sich in einer Beziehung alles wieder einpendelt.
Darauf, dass der Stress wieder abflaut
und dass man sich endlich wieder über etwas freuen kann.

Wir warten.
Und warten.
Und warten.


Wir warten auf Inspiration
und darauf, dass uns die Muse küsst.
Wir warten an der Kinokasse
und darauf, dass der Film beginnt.
Wir warten auf die richtigen Worte
und auf den passenden Augenblick.
Darauf, dass uns der andere ein Zeichen gibt, damit wir auch endlich loslegen können.
Mit dem Lieben, dem Träume-Leben, der Zukunft.
Wir warten, dass wir endlich losfahren können
und dann darauf, dass wir unser Ziel irgendwann erreichen.

Wir warten.
Und warten.
Und warten.

Wir warten ab, hoffen auf etwas. Dass es vorangeht, etwas Gutes geschieht.  Dass uns das Leben ein klein wenig mehr umarmt.


Wir warten darauf, dass etwas passiert – und nichts passiert, weil wir zu lange gewartet haben.

Und du?

Worauf wartest du noch?


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